Sonderkommando Traitanks - Leseprobe



Erinnerungen ...

„Dualer Kapitän Dantyren, wir warten auf deinen Befehl!“
Mühsam wandte der Dual aus dem Terraner Roi Danton und dem Mor‘Daer Yrendir sich von dem beeindruckenden Bild im großen Hologlobus ab. Es zeigte einen wunderschönen blauen Planeten – den 3. Planeten des Solaren Systems: die Erde, Terra!
Der Danton-Kopf stöhnte verhalten, während Yrendir ungeduldig zischelte.
Von Anfang an war klar gewesen, wer diesen Dual lenkte: der Terraner mit seinem überaus starken Willen. Obwohl beide Wesen sich abgrundtief hassten, waren sie zu einer Zweckübereinkunft gekommen. Yrendir, der junge, erfolgreiche Kalbaron hatte sich unterordnen müssen, wenn er überleben wollte. Eine neuerliche Operation hätte er nicht überstanden. Sein Kreislauf hing von dem Dantons ab. Die Kolonnen-Anatomen hatten ihm seine ausweglose Situation deutlich erklärt.
So war Yrendirs Rolle auf Ratschläge beschränkt, die Dantons Entscheidungen in letzter Konsequenz nicht beeinflussen konnten.
Das komplette Chaos-Geschwader stand verteilt im Solaren System, das Flaggschiff direkt über Terrania-City in einem geostationären Orbit.
Die Schlacht um das System war schnell entschieden gewesen, nachdem die Traitanks den Terranova-Schirm endlich überwunden hatten.
Dantyren selbst hatte dem Progresswahrer empfohlen, das Solare System mitsamt seinen Bewohnern nicht mehr als Ressource zu betrachten. Es sollte ausgelöscht werden, um den Widerstand der Menschheit endgültig zu brechen.
Warum zögerte er dann noch, den letzten Befehl zu geben?
„Dein Vater ist nicht auf der Erde“, zischelte Yrendir. „Das haben die Dunklen Ermittler eindeutig festgestellt. Wir können ihn also gar nicht töten – falls das der Grund für dein Zögern ist, Danton.“
Danton sagte nichts dazu. Wie gut der Mor‘Daer ihn doch inzwischen kannte! Terra, seine Heimat! Und er, Roi Danton, der genauso Dantyren war, gab den Befehl, diesen einzigartigen Planeten zu vernichten!
Er blickte dem Kommandanten seines Flaggschiffs, ebenfalls einem Kalbaron der Mor‘Daer, direkt in die Augen.
Danton blickte noch einmal auf das Bild im Hologlobus – er nahm für sich selbst Abschied und gab den alles entscheidenden Befehl: „Vernichtet Terra und das gesamte Solare System, Kalbaron!“
Abrupt, so schnell wie es ihm sein schwerer, unbeweglicher Körper erlaubte, drehte er sich um. Er wollte nicht mehr auf diesen Hologlobus sehen, nicht die Vernichtung seiner Heimat mit ansehen.
Er schaffte es nicht mehr rechtzeitig, den Ausgang der Zentrale zu erreichen. Der Hologlobus schien zu explodieren. Der blaue Planet zerbarst in unendlich viele Teile. Das alles mit der für Weltraumgefechte üblichen, beklemmenden Lautlosigkeit, die er so genau kannte. Das Gefühl eines nicht wieder gutzumachenden Verbrechens durchzuckte ihn.
Meine Heimat – ich habe meine Heimat vernichtet, hallte es in seinem Kopf. Er stöhnte gequält auf. Die Mor‘Daer der Zentralebesatzung wagten ihn nicht anzusehen. Seltsam ruhig und einfühlsam hörte er neben sich das gewohnte Zischeln, das er so sehr hasste: „Es war unsere Pflicht, nichts anderes. Du brauchst die keine Vorwürfe zu machen!“
Danton hob die linke Hand und wollte nach dem Schlangenkopf schlagen, so wie er es auch direkt nach der Operation getan hatte. Damals, als er aufwachte und erkannte, was die Kolonnen-Anatomen aus ihm gemacht hatten. Doch er ließ die Hand wieder sinken. Aussichtslos. Welche Chancen hatte er denn noch? Er war nur noch ein Monster, das nichts Menschliches mehr hatte ...
Seine einzige Chance war, seine Pflicht zu erfüllen, seine Pflicht für TRAITOR!
Er wollte nur noch weg, aus dieser Zentrale heraus, alles vergessen, an nichts mehr denken müssen!
Schwankend ging er weiter zum Ausgangsschott. Er hörte einen schrillen Alarmton, spürte seinen schweren Körper zu Boden stürzen.
Kurz verlor er das Bewusstsein. In völliger Ruhe wachte er wieder auf. Nichts mehr von der lauten Betriebsamkeit der Zentrale eines Raumschiffes. Die Umgebung hatte sich genauso verändert.
Er lag auf dem Boden, aber nicht auf dem kalten Stahlboden einer Raumschiffszentrale, sondern auf einem mit Teppich belegten Boden.
Auf einmal fühlte er sich so leicht, als ob sein monströser Körper mit diesen fürchterlichen Schmerzen, die ihn unablässig quälten, nicht mehr da sei.
Wo bin ich?, fragte er sich mit aufkommender Angst.
Neben sich sah er ein Bett und dann wurde er auch schon hochgehoben und auf das Bett gelegt.
Ein Medoroboter tand neben ihm, ein kegelförmiger Roboter, ein terranisches Modell. Wie kam der an Bord eines Traitanks? Die Modelle der Kolonnen-Anatomen sahen ganz anders aus.
„Beruhige dich, Roi“, sprach der Roboter ihn an. Wieso sprach er Interkosmo und kein TraiKom? Wieso nannte er ihn Roi und nicht Dualer Kapitän oder Herr, wie es sein sollte.
Roi begriff immer noch nicht.
„Ich muss wieder zurück“, schrie er den Roboter in TraiKom an. „Wir sind mitten in einer Schlacht.“
Unbeirrt antwortete die Maschine wieder in Interkosmo: „Es ist gleich vorbei, Roi. Ich spritze dir ein Beruhigungsmittel. Du hast wieder geträumt.“
„Ich träume nicht!“ Rois Stimme überschlug sich. „Ein Dualer Kapitän träumt nicht!“
Er wollte sich von dem Bett aufrichten, aber ein starkes Fesselfeld hielt ihn.
Warum äußerte Yrendir sich nicht? Wo war er überhaupt? Er spürte ihn nicht neben sich.
Roi spürte, wie er unendlich müde wurde. Sein Zellaktivator pochte in der linken Schulter.
Wieso das?, durchzuckte ihn ein letzter Gedanke, bevor er einschlief. Den Zellaktivator hatte er seit seiner Zwangsvereinigung mit dem Mor‘Daer nicht mehr gespürt ...

*

Die Vernichtung des gesamten Solaren Systems lief mit tödlicher Präzision ab. Die letzten Einheiten der LFT-Flotte, die sich zum verzweifelten Kampf stellten, hatten nicht die Spur einer Chance.
Dantyren verfolgte alles nach außen hin unbeteiligt. Es ging ihn streng genommen auch nichts mehr an. Nachdem er die entsprechenden Befehle gegeben hatte, war die Ausführung Sache der Traitank-Kommandanten.
Im Inneren des Duals tobten fürchterliche Kämpfe. Danton machte sich immer wieder Vorwürfe, seine Heimatwelt vernichtet zu haben und Yrendir besänftigte ihn immer wieder, dass sie doch nur ihre Pflicht getan hätten und früher oder später eine Auszeichnung vom Progresswahrer persönlich auf sie wartete.
Als dann die Nachricht eintraf, dass sich Perry Rhodan möglicherweise doch auf Terra aufgehalten hatte, drohte er zu verzweifeln.

*

„Herr, ein terranisches Schiff funkt uns an.“ Der Kalbaron stand mit gesenktem Kopf vor dem Dual und wartete auf die Antwort.
„Und?“, knurrte Danton? „Warum belästigst du mich damit?“
Der Kalbaron duckte sich noch tiefer. „Herr, der Arkonide Atlan befindet sich an Bord und bittet um eine persönliche Unterredung mit dir.“
Danton zuckte zusammen. Yrendir legte die rechte Hand auf seinen linken Arm. Der Terraner ließ es widerwillig zu.
„Was will er?“, knurrte Danton unwillig. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.
„Er sagte, dass es nicht um die Kapitulationsbedingungen geht. Die nimmt er ohne weitere Verhandlungen an.“
Danton holte tief Luft, Yrendir zischelte überrascht.
„Er soll an Bord kommen. Ich will ihn sehen“, sagte Danton.

*

Kurz darauf stand Atlan vor ihm, sein alter Lehrmeister! So viele Erinnerungen kamen plötzlich wieder in Danton hoch und drohten ihm die Fassung zu rauben.
Aber wenn er erwartet hatte, dass Atlan als geschlagener Verlierer vor ihm stehen würde, hatte er sich getäuscht. Im Prinzip hatte er das auch nicht erwartet, dazu kannte er den alten Arkoniden-Admiral viel zu gut.
Atlan stand hoch aufgerichtet in der Zentrale des Traitanks und sah im direkt in die Augen. Über einer einfachen Uniform trug er den Schulterumhang des Imperators von Arkon. Danton wusste, dass Atlan ihn nur noch zu sehr seltenen Anlässen anlegte. Seine stolze Haltung repräsentierte in jeder noch so kleinen Geste den Imperator eines mächtigen Sternenreichs.
Danton zwang Yrendir in den Singulären Intellekt, so dass beide Bewusstseine gleichgeschaltet waren.
Ehe Dantyren überhaupt etwas sagen konnte, begann Atlan das Gespräch. Für die wachsamen Mor‘Daer hatte er nur einen verächtlichen Blick. Seine Stimme klirrte wie Eis. Obwohl Danton ihn schon sehr lange kannte, hatte er diese Stimme so noch nie gehört. In ihr schwang nicht nur Traurigkeit und Enttäuschung mit, sondern grenzenlose Verachtung für ihn, seinen ehemaligen Schüler!
„Ich wollte diese Unterhaltung nur aus einem einzigen Grund, Michael Reginald Rhodan. Weil ich dir ins Gesicht sagen will, dass du nicht nur deine und meine Heimat vernichtet hast, sondern gleichzeitig deinen Vater, meinen besten Freund getötet hast. Er befand sich in Terrania-City.“
„NEIN“ schrie Dantyren auf. Die Ganschkaren und Mor‘Daer der Zentralebesatzung fuhren zusammen. Sie duckten sich unwillkürlich vor diesem Gefühlsausbruch, den sie nicht verstehen konnten!
Atlan fuhr ungerührt fort: „Ich gebe dir einen guten Rat, Michael: Kreuze nie wieder meinen Weg – denn dieser Tag wird dein Todestag sein! Ich werde dich erbarmungslos töten, genauso erbarmungslos, wie ich dich vor so vielen Jahren ausgebildet habe. Weil ich dachte, du seist ein ganz besonderer terranischer Barbar, für den sich jede Mühe lohnt. Wie konnte ich mich nur so täuschen.“
Wieder schrie Dantyren auf, sein Körper fiel – und fiel – und fiel – in ein unendlich tiefes Loch ... dann wurde es dunkel ...

*

Roi Danton spürte sein Herz rasen. Er keuchte, Schweiß rann ihm über den ganzen Körper. Er hustete, würgte, in einem riesigen Schwall brach es aus ihm hervor. Er schmeckte bittere Galle. Sein Magen stülpte sich in fürchterlichen Krämpfen um. Er bekam keine Luft mehr!
Panik überflutete ihn, er glaubte zu ersticken.
Er hatte seinen eigenen Vater getötet! Und seinen alten Lehrmeister enttäuscht und ihn sich zum Todfeind gemacht. Damit war er selbst schon so gut wie tot. Gegen Atlan hatte er nicht die geringste Chance, egal wie viel Kampferfahrung er im Laufe seines Lebens gesammelt hatte.
Sanft schob sich ein dünner Schlauch zwischen seine Lippen. Sofort hörte das Würgen auf, er bekam wieder Luft.
Eine Sauerstoffmaske senkte sich auf sein Gesicht, beruhigte seinen keuchenden Atem.
Er hörte eine Hochdruckspritze zwischen. Langsam beruhigte sich auch sein Herz wieder.
Ein Blick gegen die Decke zeigte ihm, wo er war: in seiner Unterkunft in der Solaren Residenz, die er seit seiner Rückkehr von TRAITOR bewohnte.
Aber wieso konnte er überhaupt hier sein? Terra war doch vernichtet! Er selbst hatte den Befehl dazu gegeben.
„Du hast wieder geträumt“, sagte der Medoroboter leise. „Ich habe dir ein Schlafmittel injiziert.“
So schlimm wie dieses Mal war es noch nie, dachte Roi erschüttert.
Die Augen fielen ihm einfach zu, jetzt schlief er tief und traumlos.

*

Beim Aufwachen fühlte Roi Danton sich zerschlagen und innerlich ausgebrannt, trotz der verabreichten Medikamente.
Immer noch lag er in seinem Bett in der Solaren Residenz.
Mit seinen klaren Gedanken kam auch die Verzweiflung wieder. Er setzte sich auf, barg das Gesicht in den Händen. Ein fürchterlicher Weinkrampf schüttelte ihn. Der Medoroboter ließ ihn gewähren, bis die Tränen versiegten.
„Möchtest du ein Beruhigungsmittel?“, fragte er dann.
Roi überlegte, dann lehnte er ab. Auf Dauer konnte er sich nicht mit Medikamenten vollpumpen. Obwohl er durch den Zellaktivator nicht abhängig werden konnte, war das keine Lösung. Nein, er musste anders mit seinen psychischen Traumata fertig werden.
Der Terraner stand auf und ging in den Hygieneraum. Aus dem Spiegel sah ihm sein leichenblasses Gesicht entgegen. Resignierend stellte er sich unter die Dusche und ließ sich ausgiebig von dem warmen Wasser berieseln. Danach fühlte er sich nicht mehr ganz so zerschlagen. Der Zellaktivator in seiner linken Schulter pulsierte heftig – wie so oft in der letzten Zeit. Er wusste, woran das lag. Auch, dass er als Zellaktivatorträger eigentlich gar kein Unwohlsein empfinden durfte. Seine Psyche machte immer mehr „dicht“. Am liebsten würde er nur noch seine Qual hinausschreien, so lange bis nichts mehr ging ...
Bei LAOTSE, dem Zentralrechner der Solaren Residenz, forderte er einen Gleiter für sich an und flog dorthin, wo sein Weg ihn immer dann hinführte, wenn die Erinnerungen wieder übermächtig wurden – und nicht nur die an TRAITOR!

*

Aus den Geheimarchiven der Neuen USO – 1349 NGZ

Der Einfall der Terminalen Kolonne TRAITOR in die Milchstraße stürzte fast alle Bewohner der Galaxis in unendliches Leid. Zerstörte und verwüstete Planeten, Milliarden getöteter Intelligenzen säumten die Spur TRAITORs.
Die Kolonne war unbesiegbar, bis es einem Sondereinsatzkommando der Neuen USO und des Terranischen Liga-Dienstes unter dem Kommando von Roi Danton gelang, die Dienstburg CRULT zu zerstören und den Progresswahrer zu töten.
Perry Rhodan selbst konnte die negative Superintelligenz KOLTOROC, den Befehlshaber der Kolonne, töten und Atlan gelang die Verhinderung der geplanten Negasphäre in der Nachbargalaxis Hangay.
Daraufhin zog die Kolonne ihre Einheiten aus der Milchstraße ab. Der Rückzug verlief in hektischer Eile völlig ungeordnet, so dass viele Einheiten übersehen wurden und in der Galaxis verblieben.
Die Bewohner der Milchstraße begannen vorsichtig, wieder zur Normalität zurückzukehren. Viele mussten mühsam ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiten.
Einer derjenigen, der unendliche Leiden durch die Kolonne hatte ertragen müssen, war Roi Danton. In Gefangenschaft geraten, wurde er mit einem Mor‘Daer zusammen zu einem Dualen Kapitän gemacht.
Sogar seine Mentalstabilisierung war den Methoden der Kolonnen-Anatomen nicht gewachsen. Ehe er zum Reden gezwungen wurde, versuchte Roi mehrfach Selbstmord zu begehen. Alle Versuche misslangen und er unterlag der mentalen Beeinflussung, die ihn zum Verräter an seiner Heimat und seinen Freunden machte. Mit der ihm eigenen Härte und Durchsetzungsfähigkeit kämpfte er als Dual Dantyren in den Reihen des Feines.
Atlan gelang es, im Zweikampf den Dual Dantyren zu töten. In dem vollen Bewusstsein, den Sohn seines besten Freundes töten zu müssen, weckte Atlan durch einen Psychofeldzug den letzten Rest von Roi Danton in dem Dual. Die Erinnerungen an die Jugendzeit von Michael Reginald Rhodan und an die ganz besondere Beziehung zu seinem Lehrmeister Atlan brachten Dantyren den Tod.
Erst bei der Obduktion fanden die Mediker heraus, dass Dantyren aus absolut identischen genetischen Kopien von Roi Danton und Yrendir bestand.
Roi Danton selbst lag in einem Biostasis-Tresor im Tiefschlaf – dachten die Mediker der Kolonne. Sie unterschätzten die Wirkung des Zellaktivators. Durch ihn dämmerte Roi nur vor sich hin und war dazu verurteilt, alles, was seiner Kopie widerfuhr, mitzuerleben, ohne selbst handeln zu können.
Lediglich seine psychische Grundstabilität rettete ihn vor dem Wahnsinn oder dem gleichzeitigen Tod durch die Rückkopplung.
Mit der Unterstützung von fast zweitausend Mikro-Bestien, „Mini-Halutern“ von nur zwanzig Zentimetern Körpergröße, die von den Kolonnen-Anatomen als Assassinen genetisch gezüchtet wurden, gelang ihm die Flucht.
Viele dieser kleinen Kämpfer gehörten anschließend zu dem Sondereinsatzkommando, dem der erfolgreiche Schlag gegen CRULT gelang.
Roi selbst, getrieben von seinem Hass auf TRAITOR und seinem Pflichtgefühl der Menschheit gegenüber, nahm bei diesem Hoch-Risikounternehmen unmenschliche Qualen auf sich. In einer Kokon-Maske sickerte er als er selbst, der Duale Kapitän Dantyren, in die Reihen der Kolonne ein.
Nach dem Abzug von TRAITOR war Roi Danton körperlich und psychisch ausgebrannt. Verzweifelt suchte er nach neuen Herausforderungen.
Die körperlichen Verletzungen hatten die terranischen Mediker heilen können. Die Summe der psychischen Traumata, die Roi nicht nur durch die Terminale Kolonne, sondern während seines gesamten Lebens erlitten hatte, drohte ihn zu zerbrechen.

***

1

Terrania-City, Gobi-Park, STARDUST-Memorial
1347 NGZ

Altan lenkte seine Schritte zielsicher zu dem großen, hageren Mann, der in der einfachen Uniform der LFT vor der für die Ewigkeit konservierten primitiven Rakete stand und sie versunken anblickte: die STARDUST. Mit diesem winzigen Raumschiff war genau dieser Mann als erster Mensch zum Mond geflogen und hatte dort den havarierten Forschungskreuzer der Arkoniden gefunden, seines eigenen Volkes.
Damit hatte Perry Rhodan nicht nur die drohende Selbstvernichtung der Menschheit verhindert, sondern ihr gleichzeitig den Weg zu den Sternen geöffnet.
Der Arkonide blickte sich forschend um. Im Moment war nicht viel Betrieb hier. Sein Freund Rhodan stand mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor seinem ersten Raumschiff.
Menschen, die den Terranischen Residenten erkannten, machten einen weiten Bogen um ihn. Jedermann schien zu spüren, dass er jetzt Ruhe für sich selbst haben wollte. Die Bedrohung durch die Kolonne hatte in vielen Menschen eine Sensibilität geweckt, die sie vorher nicht besaßen.
Vorsichtig näherte Atlan sich seinem Freund. Er ahnte, was ihn hierher geführt hatte.
Er macht sich genau wie du große Sorgen um seinen Sohn, gab der Extrasinn durch.
Atlan reagierte nicht auf den Hinweis.
Perry Rhodan drehte sich um, als er die Annäherung seines Freundes bemerkte. Er nickte nur, dann deutete er auf die Rakete.
„Solange die STARDUST überdauert, wird auch die Menschheit existieren“, zitierte Rhodan mit brüchiger Stimme eine uralte Sage. „Die Menschheit hat es wieder einmal geschafft – wie schon so oft vorher in der Geschichte.“
„Zum Glück“, bestätigte Atlan leise. Er drängte den Freund nicht, wartete ab.
„Wird Michael es auch schaffen können? Wird er das, was er erleben musste, verkraften können? - Ich meine, psychisch verkraften können?“
Atlan sah die tiefen Sorgenfalten, die sich in Rhodan Gesicht eingegraben hatten.
„Michael wird es schaffen, weil er es schaffen muss, mein Freund! Er hat bisher alles in seinem Leben überstanden. Es wird auch dieses Mal so sein.“
Rhodan wiegte überlegend den Kopf. „Können wir uns überhaupt vorstellen, wie sehr er gelitten hat? Wenn ich nur daran denke, wie es mir ging, als der Kurier mir damals die Nachricht brachte, dass Mike zu einem Dual geworden war – nachdem es über Monate immer wieder hieß: im Einsatz vermisst! Das kann ich niemals mehr vergessen!“
„Genau wie ich niemals vergessen kann, dass ich den Dual töten musste und dabei wusste, dass ich deinen Sohn töten musste, um die Menschheit zu retten!“
Beide versanken einige Minuten in Schweigen. Ihre Blicke waren auf die STARDUST gerichtet, deren schlanke Spitze trotzig Richtung Himmel deutete – heute noch genauso wie damals bei ihrem ersten Start!
Langsam sagte Atlan: „Das, was wir beide fühlen, dürfte nichts gegen das sein, was Mike selbst fühlt! Das kann wohl niemand von uns nachempfinden. Und das wird Michael uns auch niemals sagen. Du kennst deinen Sohn doch. Der vergräbt das ganz tief in sich.“
Rhodan stöhnte gequält auf. „Kommst du auch nicht mehr an ihn heran?“
„Nur noch teilweise“, gab Atlan zögernd zu. „Es ist schon lange nicht mehr so, wie es früher war. Jeder weitere Versuch würde ihn nur noch verschlossener machen!“
Beide Männer hoben die Köpfe, als dicht über ihnen ein Gleiter vorbeizog, den sie sehr genau kannten: ein Mini-Gleiter aus siganesischer Fertigung.
„Senego Trainz“, murmelte Rhodan. Er beobachtete die Flugrichtung des Gleiters.
Richtung Zentralfriedhof, meldete Atlans Logiksektor.
Schon wieder, gab der Arkonide traurig zurück. Es wird allerhöchste Zeit, dass etwas geschieht.
Laut sagte er: „Der Anführer der Mikro-Bestien. Vielleicht ist er im Moment der einzige, der an Mike herankommt.“
Immerhin haben sie zusammen die Flucht geschafft und die Einsätze gegen die Kolonne überlebt. Wenn nicht er, wer sollte dann überhaupt noch an Mike herankommen?
Atlan hoffte, dass sein Freund die Flugrichtung des Gleiters nicht erwähnen würde, aber: „Senego fliegt zum Zentralfriedhof. Ich könnte mir vorstellen, dass Mike wieder dort ist. Am Grab von Mory und Suzan.“
Er wischte sich mit der rechten Hand über die Augen. Atlan ging auf die kleine Träne nicht ein. Die Erinnerung an seine schon so lange tote Frau und Tochter ging Rhodan immer noch sehr nahe.
„Er kann es nicht verstehen“, meinte Atlan. „Die Unruhen damals hat er nicht miterlebt.“
Rhodan nickte. „Deine – zugegeben etwas ungewöhnliche – Aktion hat ihm nach seinem Tausendjahressprung über das Schlimmste hinweggeholfen“, sinnierte Rhodan. Er straffte sich, versuchte zu scherzen: „Also dann, haben Euer Erhabenheit wieder so eine extravagante Idee?“
Atlan lächelte. Sie kannten sich eben schon sehr lange. Natürlich hatte Rhodan davon ausgehen können, dass er in den letzten Wochen nicht untätig gewesen war.
„Du weißt, dass einige hundert Kolonneneinheiten immer noch in der Milchstraße stehen, einfach vergessen worden sind?“
„Natürlich. Aber was hat das mit Michael zu tun?“
„Einiges, kleiner Barbar. „Hör zu ...“
Rhodan unterbrach den Freund nicht. Lediglich sein Gesicht wurde immer fassungsloser.
„So etwas kann wirklich nur einem alten Flottenadmiral einfallen.“
„Genau“, grinste Atlan. „Ihr Steinzeitwilden seid zwar recht erfinderisch, aber für solche Pläne scheint den Barbarengehirnen nun doch die nötige Kreativität zu fehlen.“
Rhodan schmunzelte: „Wozu haben wir Seine Erhabenheit, wenn nicht für solche Ideen? Hoffentlich können wir Michael damit helfen.“ Er gab sich einen Ruck: „Weißt du, wie grausam es für mich ist, ihn so leiden zu sehen und ihm nicht helfen zu können? - Verdammt, Mike ist mein Sohn!“
„Ich weiß, Freund. Jedenfalls ist das für Michael eine maßgeschneiderte Aufgabe. Wenn ihm das nicht hilft ...“
Er ließ den Rest des Satzes unausgesprochen und blickte auf seinen Armbandchronometer. „Du solltest die Systemüberwachung darauf vorbereiten, dass demnächst ein Traitank das Sol-System anfliegt, der USO-Kennungen sendet. Damit nicht ein übereifriger Kommandant auf die Idee kommt, ihn anzugreifen.“
„Die Nerven unserer Leute liegen immer noch blank ...“, begann Rhodan, wurde aber aber von einem schrillen Anrufton aus seinem Armbandkom unterbrochen. Über seinem Arm erschien das Hologramm eines Admirals der Terranova-Flotte. Der Mann wirkte angespannt, hielt sich nicht mit Begrüßungsfloskeln auf: „Resident, ein Traitank steht vor dem Schirm. Er sendet die gültige USO-Kennung und bittet darum, eine Strukturlücke für ihn zu öffnen. Lordadmiral Monkey ist persönlich an Bord und wünscht ein Gespräch mit dir und Atlan, so schnell es geht. - Ich bin über die Ankunft bisher nicht informiert und ...“
Rhodan nickte lächelnd. „Alles in Ordnung, Admiral. Ich habe den Traitank erwartet. Es ist keine Falle. Er ist mit Spezialisten der Neuen USO bemannt. Bitte sorge dafür, dass er sofort in die unterirdischen Hangars von Terrania-Space-Port eingewiesen wird. Atlan ist bei mir. Wir kommen sofort. Richte das bitte Lordadmiral Monkey mit unseren besten Grüßen aus.“
„Und nun, Herr Flottenadmiral?“, wandte Rhodan sich an den Freund. „Was wäre geschehen, wenn ich es nicht gerade erfahren hätte?“
Atlan hob nur die Schultern. „Gar nichts. Schließlich kenne ich dich. Du hättest mich angerufen und gefragt. Anscheinend hat Monkey es schneller geschafft, als ich dachte. Ich hatte frühestens morgen mit ihm gerechnet.“
„Oh, Euer Erhabenheit? Haben deine geliebten Steinzeitwilden dich wieder einmal überrascht? Ich bitte in aller Form um Entschuldigung.“
Sein Grinsen gelang ihm nicht so recht.
Er versucht, sich hinter der Ausdrucksweise zu verschanzen, bemerkte der Logiksektor. Innerlich geht es ihm sehr schlecht. Er hat fürchterliche Angst um seinen Sohn.
Nicht nur er, gab Atlan zurück.
„Nehmen wir den Gleiter oder reisen wir per Teleporter?“, fragte er laut.
„Per Teleporter natürlich“, piepste es neben ihnen aus einer flimmernden Leuchterscheinung heraus. „Ich habe mir erlaubt, mitzuhören. Der Arkonidenhäuptling war so freundlich, seinen Monoschirm für mich zu öffnen.“
Er fasste die beiden Männer an den Händen. „Dann mal auf zur Rettungsaktion für diesen verrückten Ausreißer. Deine Idee ist phänomenal, Atlan.“

*

Terrania-City, Zentralfriedhof

Mory Rhodan-Abro
* 10. Juni 2304 New Taylor/Plophos
+ 19. Februar 2931 New Taylor/Plophos
Suzan Betty Rhodan-Waringer
* 16. August 2405 Terrania-City/Terra
+ 19. Februar 2931 New Taylor/Plophos

Roi Danton stand bewegungslos vor den beiden Gräbern und blickte mit brennenden Augen auf die Gedenkplatten. Immer wieder las er die Buchstaben, bis sie vor seinen Augen verschwammen. Obwohl er sehr genau wusste, was auf ihnen stand.
Sein halblanges rotblondes Haar flatterte leicht im Wind. Das Gesicht war hart, die einzigartig ausdrucksvollen nachtblauen Augen vermittelten im Augenblick das Gefühl von klirrendem Eis. Seine ganze Haltung drückte aus, was er empfand: Lasst mich alle in Ruhe! Ich mag mit niemandem reden!
Der Sohn von Perry Rhodan fühlte sich immer noch ausgebrannt und erschöpft. Der gerade erst überstandene Alptraum war der bisher Schlimmste einer langen Reihe gewesen. Immer noch stand er unter dem fürchterlichen Eindruck, dass er seinen eigenen Vater getötet hatte.
Er kannte Alpträume in jeder Form sehr gut – aus den zwölf Jahren, die er nach seiner Zeit als Torric um sein eigenes Menschsein gekämpft hatte. Seinerzeit hatte er den Kampf gewonnen – er wollte auch jetzt diesen Kampf gewinnen! Er war schon nach Torric viel härter gegen sich selbst geworden – und jetzt nach TRAITOR noch ein Stückchen mehr. Sein Kampf, sein Mitgefühl galten anderen, er selbst gönnte sich selbst viel zu wenig, wie ihm die Psychologen immer wieder gesagt hatten.
Roi hatte trotzdem – oder gerade deswegen – alle psychologischen Gespräche abgebrochen. Er musste allein damit klarkommen. Ironisch dachte er an seine Gedanken vor einem ihrer letzten Einsätze gegen TRAITOR, als er sich bei seinem Stellvertreter erkundigt hatte: „Haben die Psychologen Einzelgespräche geführt? Ich möchte niemandem dabei haben, der mit den Belastungen unserer Mission nicht zurechtkommt.“
Und er selbst? ... Was war mit ihm? Was war heute mit ihm?
Er versagte sich sogar das, was ihm früher immer geholfen hatte: eine Geliebte, mit der er über seine Sorgen und Nöte sprechen konnte. Er fühlte sich nicht in der Lage, eine Partnerschaft einzugehen, auch wenn sie von vornherein nur für eine begrenzte Zeit war.
Immer hatte er sich Frauen besser anvertrauen können als Männern, ausgenommen seinem Lehrmeister Atlan und auch seinem Patenonkel Bully und dem Mausbiber Gucky, einem der besten Freunde aus seinen Kindertagen. Seit damals, seitdem er zusammen mit seiner Zwillingsschwester Suzan erst sehr kleine, dann sehr große Geheimnisse gehabt hatte. Sie war seine erste und beste Vertraute gewesen, außer der einen Freundin ... er versagte sich den Gedanken an sie, seine allerbeste Freundin ...
Immer, wenn es ihm sehr schlecht ging, kam er hierher, suchte Zwiesprache mit seiner Schwester und seiner Mutter zu halten. Er wusste, dass beide in ES aufgegangen waren. Vielleicht bekam er ja noch einmal die Gelegenheit, sie zu sehen, sich von ihnen zu verabschieden ... oder vielleicht wurde er selbst eines Tages von ES aufgenommen und wäre dann wieder mit ihnen vereinigt ... wer konnte das jetzt wissen ...
Roi war kein Mann, der in der Vergangenheit lebte – ganz im Gegenteil! Aber seinen Zeitsprung von fast tausend Jahren hatte er nie verwinden können.
Er war realistisch genug, das vor sich selbst zuzugeben. Gerade daraus hatten sich viele seiner Probleme erst ergeben. Ob seine Freunde das auch nur ahnten? Atlan wusste es – ohne ihn wäre er direkt nach dem Zeitsprung sicherlich ganz heftig „abgestürzt“ - Onkel Bully ahnte es wohl, genau wie Gucky – aber sein Vater? Er befürchtete, die Antwort auf diese Frage war bei Perry Rhodan ein glattes NEIN.
Roi wusste sehr genau, dass neben diesen beiden Gräbern ein drittes gewesen war, fast tausend Jahre lang, in dem allerdings keine sterblichen Überreste lagen: sein Grab! Auf der Tafel hatte gestanden:

Michael Reginald Rhodan
* 16 August 2405 Terrania City/Terra
+ 7. Oktober 2437 Uleb I/Enemy-System

Sein Körper hatte nach dem höchst gefährlichen Einsatz nicht geborgen werden können. Deshalb hatte niemand bemerkt, dass er nicht tot, sondern nur paralysiert war, als er in den Bombentrichter fiel. Deshalb hatte er fast tausend Jahre als tot gegolten. Deshalb war ein Grab für ihn angelegt worden – und Mutter und Schwester waren auf Wunsch seines Vaters und seines Schwagers Professor Dr. Geoffry Abel Waringer direkt neben ihm bestattet worden.
Er schauderte, als er daran dachte. Plötzlich fror er. Sein Vater hatte nach seiner Rückkehr sein Grab ganz schnell auflösen lassen – aber nicht schnell genug für ihn. Er hatte es doch noch gesehen, als er Mutter und Schwester zum ersten Mal auf dem Friedhof besuchte!
Roi wusste, dass Perry Rhodan nicht für den Tod seiner Frau und seiner Tochter beim Panither-Aufstand auf Plophos verantwortlich war. Niemand hatte das Chaos bewältigen können, zumal durch die Second-Genesis-Krise das Mutantenkorps stark dezimiert war. Gucky allein hatte nicht Millionen Aufständische in Schach halten können! Der kleine Mausbiber hatte schon zusammen mit ihm hier an den Gräbern gestanden und bittere Tränen vergossen.
Trotzdem hatte er, Roi, seinem Vater indirekt vorgeworfen, dass Mutter und Schwester tot waren, während Perry Rhodan immer noch Großadministrator war. Roi wusste, dass dieser Gedanke rein logisch ungerecht und unfair war, aber er kam nicht dagegen an, auch nicht, nachdem er in der Aufzeichnung der Beisetzung gesehen hatte, wie sein Vater gelitten hatte!
Er verachtete sich selbst dafür, aber wahrscheinlich lag der Grund wieder einmal in ihren Missverständnissen, die weit über das normale Maß von Vater-Sohn-Konflikten hinausgegangen waren. Sie liebten sich, aber sie hatten es sich nie gegenseitig vermitteln können. Perry Rhodan wollte seinen Sohn auf der einen Seite nicht vor anderen bevorzugen und sparte deshalb immer wieder mit berechtigtem Lob. Das interpretiere Roi so, dass er den Ansprüchen des Vaters nicht gerecht wurde. Auf der anderen Seite wollte der Vater ihn von hochriskanten Unternehmungen fernhalten, weil er Angst um ihn hatte. Das wiederum interpretierte Roi als Verhätschelung.
Mühsam schüttelte der einsame Mann die trüben Gedanken ab. Sie kamen immer dann hoch, wenn es ihm psychisch und in der Folge auch körperlich schlecht ging.
Heute war es ganz besonders schlimm. Er konnte den Alptraum einfach nicht vergessen. Das Gefühl, seinen eigenen Vater getötet zu haben und dann dieser Blick von Atlan! Den würde er nie vergessen, auch wenn es „nur“ im Traum gewesen war.
Es kam ihm so vor, als ob er in einem schweren Bleimantel steckte, der jede Bewegung unendlich schwer machte. Das war ihm von seinen Horrorjahren nach Torric sehr gut bekannt! Es wurde allerhöchste Zeit für eine sinnvolle Aufgabe.
Er war Oberst der Neuen USO, der Stellvertreter von Lordadmiral Monkey, der zweite Mann der USO. Da die Neue USO genau wie ihre Vorgängerorganisation eine Elite darstellte, konnte er auf diese Position sehr stolz sein.
Derzeit war Roi von dem Oxtorner als Verbindungsoffizier nach Terra abkommandiert. Monkey und auch Atlan hatten es für erforderlich gehalten, dass die Neue USO durch einen kommandierenden Offizier mit Hochrang-Befugnisssen auf der Erde vertreten war. In diesen hektischen Zeiten des Wiederaufbaus ersparte das viele zeitraubende Rückfragen.
Roi hatte das Argument eingesehen, aber trotzdem war er mit dem Gefühl von Quinto-Center abgeflogen, dass sein Chef und Atlan etwas planten, das man ihm nicht mitteilte – oder noch nicht mitteilen wollte. Er fand sich damit ab. In den Kämpfen gegen TRAITOR waren Geheimnisse zu einem extrem wertvollen Gut geworden. Sein Instinkt, der sich seit seiner Mentalstabilisierung vor so vielen Jahren immer weiter entwickelt hatte, sagte ihm, dass dieses Geheimnis ihn betraf. Also würde er es schon erfahren, sobald Monkey und Atlan es für richtig hielten.
Nur wenige Menschen kamen in den von Agenten der LFT bewachten kleinen Teil des Zentralfriedhofs. Deshalb schreckte er auf, als ein winziger Gleiter direkt neben ihm auf dem Weg landete. Ein kurzer Blick verriet ihm, wer ihn hier störte.
„Senego“, sprach er den Kommandeur seiner Mikro-Bestien an, als dieser sein Fluggerät verließ und mit seinem Antigrav zu ihm schwebte. „Was führt dich hierher?“
„Du, mein Freund“, antwortete der Mini-Haluter mit grollender Stimme. Senego schwebte direkt bis vor sein Gesicht. Roi sah genau die weiße Haut, die immer nässenden Geschwüre am Kopf des Freundes.
„Warum vergräbst du dich wieder hier? Deine traurigen Gedanken führen dazu, dass es dir noch schlechter geht – und du weißt das auch. Also? Was ist dieses Mal los?“
Der Freund brachte es schonungslos auf den Punkt. Roi wollte erst aufbrausen, dann entspannte er sich.
„Ich hatte wieder einen Alptraum. Dieses Mal viel schlimmer als jemals vorher. Ich habe geträumt, dass ich ...“ Er stockte, so ungeheuerlich war es, davon zu erzählen. Senego blickte ihn nur aufmunternd an, sagte kein Wort.
„... dass ich meinen eigenen Vater getötet habe, als Dantyren – und dass ich die Erde und das ganze Sol-System vernichtet habe.“
Er hockte sich auf eine Bank neben den Gräbern und barg das Gesicht in den Händen. So gerne hätte er geweint, sich ein wenig Luft verschafft, aber es ging nicht, seine Augen waren trocken, brannten fürchterlich.
Ganz sanft landete Senego auf seiner Schulter. Trotzdem zuckte Roi unter dem plötzlichen Gewicht von 14 kg zusammen.  Der kleine Kämpfer legte die Pranken seiner Handlungsarme auf seinen Kopf, streichelte ihn ganz sanft, sagte aber immer noch nichts.
„Ich werde bald wahnsinnig“, fuhr Roi tonlos fort, „wenn ich nicht endlich etwas Sinnvolles zu tun bekomme, Senego. Wo gibt es etwas Nützliches für mich zu tun?“
„Überall.“ Senego machte eine weite Geste mit einem der kürzeren Laufarme. „Das weißt du selbst sehr gut, Roi. Oder ist dir das alles nicht gefährlich genug? Brauchst du den Nervenkitzel, die Gefahr, musst du unbedingt schon wieder dein Leben riskieren, mein Freund? Ist es sonst für dich keine Aufgabe?“
Roi schnappte nach Luft. „Ich habe immer in vorderster Front gestanden ...“
„... und es so einige Mal nur durch deinen Zellaktivator oder fast unverschämtes Glück überlebt. Ist es nicht so, Roi Danton?“
Roi fühlte sich ertappt. Ja, eine echte Aufgabe und eine echte Herausforderung für ihn war es nur, wenn er ganz vorne stand, das erste und größte Risiko von allen trug. Zurückhaltung und Kampf in zweiter Ebene war nie sein Ding gewesen.
Roi Danton beim Einsammeln von Kontrollsonden, dachte er ironisch. NEIN, das wäre nicht ich, das wäre niemals Roi Danton!
Er brauchte den Nervenkitzel wirklich. Heldenhafter Kampf für die Menschheit, für Freiheit und für seine Ideale, für die es sich zu kämpfen lohnte. Immer noch hoffte er, eines Tages in so einem Kampf zu fallen und in ES einzugehen!
Ein Signalton aus seinem Multikom-Armband enthob ihn der Antwort. Sein Vater – nein, im Moment wollte er nicht mit ihm reden. Er schaltete ab. Wieder kam die Erinnerung an diesen grausamen Traum in ihm hoch. Wie sollte er ihm unbefangen gegenübertreten? Später vielleicht, aber noch nicht.
Senego Trainz schüttelte den Kopf. Er entblößte seine kegelförmigen Raubtierzähne und fuhr sein mittleres Stielauge aus. „Wer war das?“
„Mein Vater.“
„Vielleicht ist es wichtig.“
„Dann wird er sich später schon wieder melden.“
„Du musst wissen, was du tust.“
„Genauso ist es.“
Jetzt kam der gleiche Signalton aus dem Armband von Senego. Der zögerte kurz, nahm den Ruf aber an. Ein Hologramm von Lordadmiral Monkey entstand über seinem erhobenen Arm. Der oxtornische Kommandeur wirkte durch seine seelenlosen Kameraaugen wie immer gefühllos und kalt. Da die Mikro-Bestien inzwischen alle Mitglieder der Neuen USO waren, unterstanden auch sie Monkeys Oberbefehl.
„Major Trainz“, ertönte Monkeys kalte Stimme. „Es gibt einen neuen Auftrag für Sie und Ihre Kompanien. Finden Sie sich bitte so schnell wie möglich im Terrania Space-Port-Tower im 30. Stock ein. Sie werden dort schon erwartet. - Und falls Oberst Danton sich in Ihrer Nähe befinden sollte, wäre ich ihm sehr verbunden, wenn er sich ebenfalls hierher bemüht.“
Mehr nicht. Monkey schaltete ohne Gruß ab.
„Puh“, machte Roi. „Der ist ja wieder mal typisch drauf. Aber sicher ist: Monkey belästigt niemanden mit Kleinigkeiten. Also ...“
Sein Instinkt meldete sich wieder, sagte ihm, dass es auch für ihn endlich zur Sache gehen könnte.
Schlagartig fiel das Bleigefühl von ihm ab. Allein die Aussicht aktivierte ihn. Überlegend sah er sich um. Direkt auf dem Weg stand nur der siganesische Gleiter seines Freundes. Sein eigener Gleiter stand ein Stück weg auf dem Gleiterparkplatz.
„Deinen Gleiter lassen wir später holen. Du fliegst mit mir.“ Er deutete auf den Weg zum Ausgang.
Ein Luftzug ließ ihn herumfahren.
„Wichtige Leute reisen heutzutage per Teleporter“, piepste Gucky fröhlich. „Perry und den Arkonidenhäuptling habe ich schon befördert.“
Er fasste Roi und Senego an den Händen. Roi fühlte den Friedhof um sich herum verschwimmen und fand sich übergangslos in einem schmucklosen Büro des Space-Port-Towers wieder.

***

2

Der oxtornische Kommandeur der Neuen USO, Lordadmiral Monkey stand hoch aufgerichtet neben dem Hologramm, das einen Traitank der Terminalen Kolonne zeigte.
Roi und Senego Trainz hatten nach einer kurzen Begrüßung neben dem Terranischen Residenten Perry Rhodan, Atlan, dem Minister für Liga-Verteidigung Reginald Bull, dem Finanzminister Homer G. Adams und Gucky Platz genommen.
Außerdem waren noch zwei Posbi-Roboter anwesend. Monkey stellte sie als die Kommandanten von zwei Fragmentraumern vor, denen eine wichtige Rolle bei dem geplanten Unternehmen zukam.
Roi hatte schwer geschluckt, als er seinen Vater sah. Immer noch hielt der Alptraum ihn im Bann.
„Verdammt“, fluchte er unterdrückt. Den fragenden Blick seines Vaters ignorierte er. Wie sollte er ihm auch erklären, dass er ihn vor ein paar Stunden gerade erst getötet hatte – wenn auch „nur“ im Traum. Kurz erwiderte er den Blick aus den rotgoldenen Arkonidenaugen. Atlan beugte sich zu ihm herüber und flüsterte: „Wieder Alpträume?“
Roi nickte nur.
„Warte ab“, flüsterte Atlan bedeutsam.
Roi wandte seine Aufmerksamkeit Monkey zu. Senego hatte sich direkt vor Roi auf den Konferenztisch gesetzt, weil ihn sonst niemand gesehen hätte.
Völlig emotionslos begann Monkey seinen Vortrag: „Die von der Kolonne vergessenen Traitanks entwickeln sich allmählich zu einem ernsten Problem. Mit den Überfällen dieser Besatzungen auf bewohnte Planeten werden wir fertig. In der Regel sind es Beutezüge, um sich mit Frischgemüse und Frischfleisch zu versorgen.
Schlimmer sind die Galaktiker, die Jagd auf alles machen, was einmal Kolonne war. Es haben sich Gruppen gebildet, die regelrechte Lynchjustiz betreiben.“
Monkey ging mit keinem Wort auf die Beweggründe dieser Jäger ein. Roi ließ sich dadurch nicht irritieren. Er kannte seinen Chef besser als jeder andere. Mit dieser Frage hatten sich andere zu beschäftigen, nicht der Chef der Neuen USO.
Er beobachtete, wie sich das Gesicht seines Vaters verhärtete.
Monkey fuhr fort, ohne auf eine Reaktion aus seinem Publikum zu warten: „Das können wir nicht dulden. Wir haben dafür zu sorgen, dass die bestehenden Gesetze eingehalten werden. Sonst versinkt die gesamte Galaxis wieder im Chaos, nur dieses Mal von der anderen Seite. - Deshalb hatte Atlan eine Idee“, er nickte dem Arkoniden kurz zu. „Wir haben das Sonderkommando Traitanks ins Leben gerufen, dessen Aufgabe es sein wird, genau diese selbst ernannten Jäger zu verfolgen und sie der Justiz zuzuführen. Außerdem besteht die Aufgabe darin, die versteckten Traitanks zu finden und die Besatzungen in Sicherheit zu bringen.
Wir sind dabei, für sie Siedlungsplaneten vorzubereiten. Dort können sie sich niederlassen, wenn sie bereit sind, sich von der Kolonne loszusagen. Andernfalls haben sie sofort unsere Galaxis zu verlassen.
Auf den Planeten werden wir sie – zumindest vorübergehend – mit allem versorgen, was sie zum Leben benötigen. Die Planeten liegen in einem verkehrsarmen Gebiet der Galaxis. Die Position werde ich Ihnen noch bekannt geben. Sie unterliegen selbstverständlich strengster Geheimhaltung.“
Er wandte sich direkt an die beiden Posbis. „Ich freue mich, dass das Zentralplasma der Hundertsonnenwelt sich bereit erklärt hat, uns zu unterstützen. Sie werden mit Ihren Raumschiffen die Ganschkaren, Mor‘Daer und andere Kolonnen-Angehörige auf diese Planeten bringen. Deren Traitanks werden stillgelegt oder von uns übernommen.“
Perry Rhodan hob die Hand. „Sie wollen also den Siedlern – ich nenne sie vorerst so, weil ich den Begriff Deportierte nicht gebrauchen möchte – die Möglichkeit der Raumfahrt nehmen, Lordadmiral Monkey?“
Die kalten Kameraaugen des Oxtorners richteten sich auf den Terranischen Residenten. „Bei allem Respekt, Resident, aber wir können nicht riskieren, dass sie uns in den Rücken fallen. Das ist nicht der Sinn unserer Aktion. Wir wollen Frieden damit erreichen. Sicherlich ist das auch in Ihrem Sinne.“
Roi konnte trotz seiner angespannten Gefühlslage ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Sein Vater mit seiner teilweise übergroßen Humanität – und dagegen Monkeys eiskalte Logik.
Atlan meinte nur anzüglich: „Wir sollten es vorerst Schutzhaft nennen. Dann etwas anderes ist es nicht.“
Monkey nickte und deutete auf das Hologramm des Traitanks.
„Diesen Traitank haben wir fast unversehrt übernehmen können. Fünf ganschkarische Techniker erklärten sich nach dem Abzug der Kolonne bereit, uns zu unterstützen.
Das Schiff wurde für unsere Bedürfnisse umgerüstet. Unsere Wissenschaftler haben mit Hilfe der Ganschkaren umfangreiche Hypnoschulungen entwickelt. Jeder, der auf dem Traitank einsteigt, probiert nicht mehr herum, sondern beherrscht die Kolonnentechnik, als ob er mit ihr aufgewachsen wäre.“
Die Anwesenden waren sprachlos. Lediglich Monkey verzog keine Miene und Atlan lächelte triumphierend vor sich hin.
„Ihr gestattet vielleicht einem alten Arkoniden-Admiral ein paar verwegene Ideen. Wenn dann noch dieses ganz besondere Exemplar eines terranischen Höhlenwilden mit von der Partie ist ...“ Er schenkte Monkey einen bezeichnenden Blick.
„Ich bin zufällig ein Kolonialterraner, Sir.“
Atlan winkte ab. „Müßig, darüber zu diskutieren. Mensch bleibt Mensch. Hatte ich das schon einmal erwähnt?“
„Tausendfach“, meinte Rhodan trocken.
Monkey fuhr ungerührt fort, als ob es die scherzhafte Bemerkung nicht gegeben hätte.
„Das Sondereinsatzkommando ist bereits an Bord. Es handelt sich um die Überlebenden des Kommandos, mit dem Oberst Danton die Dienstburg CRULT zerstört und den Progresswahrer getötet hat. Alle haben sich wieder freiwillig gemeldet. Sie haben ihre Schulungen bereits erhalten und sind einsatzbereit.“
Roi konnte den Blick nicht von Monkey wenden.
Jetzt kommt mein Part, dachte er. Seine Kopfhaut prickelte – wie immer, wenn sich sein Jagd- oder Gefahreninstinkt meldete.
„Oberst Danton.“ Der Oxtorner musterte ihn ausdruckslos. „Wie mir die Mediker mitteilten, sind Ihre im Einsatz erlittenen Verletzungen inzwischen verheilt. Fühlen Sie sich in der Lage, wieder das Kommando über diese Sondereinheit zu übernehmen?“
Mit keinem Wort erwähnte Monkey, worauf er anspielte. Jeder der Anwesenden wusste es auch so.
Roi zögerte keinen Moment mit der Antwort. „Ich nehme an, Sir.“
„Ich hatte nichts anderes von Ihnen erwartet“, bestätigte Monkey. Kein Wort des Dankes, dass Roi zusammen mit dem Kommando eventuell wieder sein Leben riskierte.
„Major Trainz“, wandte Monkey sich an die Mikro-Bestie. „Sind Ihre Mikro-Bestien einsatzbereit? Ich gehe davon aus, dass Sie Oberst Danton wieder begleiten wollen?“
„Wir sind einsatzbereit, Sir.“ Der kleine Kämpfer nahm auf dem Tisch Haltung an und grüßte nach terranischer Sitte mit seinem rechten Handlungsarm.
„Dann kann ich ja froh sein, dass ich auch für Sie das Richtige gefunden habe. Es wird höchste Zeit, dass Ihre Mikro-Bestien wieder in den Einsatz gehen. So langsam werden sogar mir die Beschwerden meiner Offiziere zu viel.“
Senego fuhr alle drei Stielaugen in Richtung des Oxtorners aus. „Was haben sie angerichtet, Sir?“
„Das Übliche.“
„Ich kümmere mich darum, Sir.“ Jeder wusste, dass die Mikro-Bestien auch jetzt noch, nachdem sie so viel von den Terranern gelernt hatten, ihre Rauflust nur mühsam im Zaum halten konnten. Das lag in den ihnen von den Kolonnen-Anatomen angezüchteten Eigenheiten. Sie länger untätig an einem Ort zu haben, wurde immer wieder zum Problem.
„Sehr gut, Major Trainz. Ich habe mir erlaubt, Ihre Kompanien schon mitzubringen.“
Er löschte mit einer Handbewegung das Holo des Traitanks. „Das Sondereinsatzkommando Traitanks untersteht ausschließlich der Neuen USO. Als Befehlshaber dieser Organisation erteile ich Oberst Danton unbegrenzte Vollmachten. Sie brauchen also in keinem Fall bei mir rückfragen.“
Ehe Roi etwas erwidern konnte, ergänzte sein Vater: „Von der LFT erhältst du ebenfalls unbegrenzte Vollmachten. Du kannst nach eigenem Dafürhalten entscheiden.“
Roi konnte seine Freude kaum beherrschen. Das war ein Auftrag wirklich nach seinem Herzen. Endlich wieder unabhängig!
Er und auch alle anderen konnten noch nicht ahnen, dass gerade diese unbegrenzten Vollmachten Jahre später zu einem schweren Konflikt zwischen seinem Vater und ihm führen würden.
„Danke, Sir“, sagte er schlicht. Er stand auf und salutierte kurz und exakt. Dann legte er die rechte Handfläche auf sein Herz und verneigte sich kurz in die Runde. Atlan lächelte wissend. Der Ehrenkodex der alten arkonidischen Flotte des Großen Imperiums, den Atlan genauso wie er, sein Schüler, immer noch beachtete. Damals, als Atlan ihn darin unterwiesen hatte, war er noch ein sehr junger Mann gewesen.
Roi nahm freudig die Glückwünsche der Anwesenden entgegen.
Gucky kuschelte sich an ihn und flüsterte: „Viel Glück, du verrückter Ausreißer.“ Für den Mausbiber war er immer noch der „verrückte Ausreißer“, der vor so vielen Jahrhunderten seinem Elternhaus den Rücken gekehrt und sein Leben selbst in die Hand genommen hatte – als König der Kosmischen Freihändler.
„Ich werde nicht mitkommen. Das ist dein Unternehmen, Roi. Obwohl ich vielleicht doch lieber auf dich aufpassen sollte“, überlegte er. Sein Nagezahn verschwand ganz kurz.
„Ich bin schon ganz groß“, scherzte Roi.
„Hoffentlich“, kommentierte der Mausbiber und machte den Platz für Homer G. Adams frei.
„Viel Erfolg, alter Freibeuter. Prinzipiell würde ich auch gerne mit dir fliegen.“
Roi lachte. „Lass es, Homer. Fronteinsätze sind nicht dein Ding. Wir brauchen dich hier.“
„Obwohl ich mit dir zusammen ...“ Homer schüttelte den Kopf und überließ Bully das Feld.
„Komm heil wieder, Junge. Wie lange willst du bei deinem ersten Flug unterwegs sein?“
„Länger ...“, antwortete Roi nur vage.
Bully verstand ihn sofort. „Versuche, Abstand zu gewinnen.“
Atlan fasste Roi ungeniert bei den Schultern, ohne etwas zu sagen. Er blickte ihn nur an.
„Danke, Lehrmeister“, sagte Roi einfach. Sie verstanden sich auch ohne Worte.
Perry Rhodan trat als Letzter auf seinen Sohn zu. Roi nahm allen Mut zusammen und blickte direkt in seine eisgrauen Augen.
„Viel Glück, Mike“, sagte Rhodan mit belegter Stimme. „Es ist eine Aufgabe nach deinem Herzen.“
„Auf jeden Fall, Vater. Ich freue mich darauf.“
Monkey machte mit der ihm eigenen Gefühllosigkeit wieder auf sich aufmerksam.
„Am 8. Juni findet hier in Terrania-City eine große Feier statt, zu der Vertreter aller galaktischen Völker geladen sind. Wir, die Neue USO und der Terranische Liga-Dienst sind zusammen für die Sicherheit der hochrangigen Gäste verantwortlich. Ich bitte den Terranischen Residenten darum, im Rahmen dieser Feier den Traitank zu taufen. Den Namen können Sie, Oberst Danton, sich bis dahin überlegen. Wann Sie danach starten, liegt in Ihrem Ermessen.“
In Rois Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. 8. Juni – der 3.000. Geburtstag seines Vaters. Natürlich war für diesen Tag eine große Feier geplant. Prominenz aus allen Teilen der Galaxis und auch aus anderen Galaxien, z.B. Andromeda, wurde auf Terra erwartet.
Im Rahmen dieser Feier eine offizielle Schiffstaufe. Selten genug wurde sie noch durchgeführt. Aber wenn, in einem großen Zeremoniell. Der 3.000. Geburtstag seines Vaters würde diesem Ritus einen ganz besonderen Glanz verleihen.
Rhodan musterte seinen Sohn abschätzend. „Es ist mir eine Freude und eine ganz besondere Ehre, dein Schiff taufen zu dürfen, Michael. Aber ich möchte auch meinen Freund Atlan darum bitten, daran mitzuwirken. Denn die Idee zu diesem Kommando ist schließlich von ihm. Ich habe darin keine Aktien, wie man früher auf Terra sagte.“
Roi fühlte sein Herz ein paar Extraschläge machen. Sein Vater UND Atlan würden SEIN Schiff taufen. Ein besseres Omen für einen Erfolg konnte es doch gar nicht geben!
Er hob den Kopf und blickte dem Vater direkt in die Augen. Es ging wieder! Erleichtert atmete er auf!
„Welchen Namen wirst du deinem Schiff geben?“, fragte sein Vater.
Roi überlegte nicht.
„EXCALIBUR“, antwortete er fest.
Natürlich wussten außer Monkey, Senego Trainz und den Posbis alle in diesem Raum, was Excalibur war. Das sagenhafte Schwert des legendären britannischen Königs Artus. Nach dessen Tod war es verschwunden, angeblich im „See der Feen“ versunken, dem See um die ebenso sagenhafte Insel Avalon. Jahrhunderte später war es noch einmal aus dem Dunkel der terranischen Frühgeschichte aufgetaucht: als der englische König Richard Löwenherz es sein eigen nannte – danach hörte niemand wieder etwas von ihm.
Außer ihm selbst, seinem Vater und natürlich Atlan wusste niemand, auch Homer und Bully nicht, wo dieses Schwert jetzt war. Offiziell war es verschwunden, aber es hatte Jahrtausende überdauert – das terranische Schwert aus Arkon-Stahl!
Atlan schien sehr genau zu wissen, warum er, sein Schüler, gerade diesen Namen für sein neues Schiff gewählt hatte! - Genau wie er die Geschichte dieses sagenhaften Schwertes so genau kannte! Bisher war er nicht bereit gewesen, dieses Rätsel der terranischen Frühgeschichte offiziell aufzuklären!

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