Avalon-Fantasien - Der Anfang des Romans



Avalons Schwert
Die Legende um König Artus und seine Tafelrunde

Prolog 1
Bericht: Michael Rhodan

USTRAC, Ausbildungsplanet der USO
15. Januar 2430

Locker und entspannt saß ich auf dem Rasen, den Rücken an die Felswand gelehnt. Die Temperatur war mit 25° sehr angenehm, es wehte ein leichter Wind. Die Sonne kam immer wieder hinter den schnell durchziehenden Wolken heraus.
Ideale Bedingungen, um körperlich zu entspannen und sich geistig auf das Kommende einzustimmen. Auf Anordnung meines verehrten Lehrmeisters Atlan war ich hier. Es sollte meine letzte große Prüfung sein, bevor ich – Erfolg vorausgesetzt – den Titel eines Dagor-Meisters erhielt. Er hatte mich streng nach den alten arkonidischen Prinzipien ausgebildet. Sie beinhalteten nicht nur wie bei den USO-Spezialisten die Nahkampftechnik Dagor an sich, sondern auch die Philosophie, die dahinter stand. Meditation zur Entspannung und zur Einstimmung auf große Kämpfe gehörte genauso dazu wie Fastenübungen, um den Geist von den körperlichen Fesseln zu befreien.
Vor der letzten großen Prüfung meditierte und fastete der Schüler einen ganzen Tag und eine Nacht lang, ehe er zum Prüfungskampf antrat. Den Gegner bestimmte sein Meister. Ein Meister, der seinen Schüler besonders auszeichnen wollte, stellte sich selbst diesem bedeutsamen Kampf. Allerdings gehörte das eher zu den Ausnahmen.
Als Atlan mir sagte, dass er mein Gegner in dem Prüfungskampf sein wollte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Den Arkoniden und mich verband schon seit meiner frühesten Jugend ein besonderes Verhältnis.
Den Kampf morgen gegen Atlan würde ich verlieren, da machte ich mir überhaupt keine Illusionen. Geschwächt von 24 Stunden Nahrungs- und Flüssigkeitsentzug, zusätzlich noch eventuell aufgewühlt durch die eigenen Gedanken – einen solchen Kampf konnte ich niemals gewinnen! Zumal ich gegen Atlan ohnehin keine Chance hatte, zu bestehen.
Allerdings ging es bei diesem rituellen Kampf auch gar nicht um Sieg oder Niederlage. Es war eine Prüfung meiner Widerstandsfähigkeit und meiner Beherrschung. Ich musste als Dagor-Meister in der Lage sein, die Bedürfnisse des Körpers total auszuschalten und einen entkräfteten und angeschlagenen Körper allein mit der Kraft des Geistes zu steuern.
Es gab zahlreiche Legenden, wie Dagoristas, eingeweihte Mitglieder des Dagor-Ordens und besonders die Meister, arkonidisch Laktrote genannt, Kämpfe gewonnen und auch die ihnen Anvertrauten gerettet hatten, obwohl sie so schwer verletzt waren, dass das eigentlich unmöglich erschien. Wahre Wunderdinge wurden darüber erzählt.
Viel davon war nichts mehr als reine Legende. Das hatte mir Atlan in den Jahren der Ausbildung ganz klar vermittelt. Für jeden Körper gab es Grenzen des Machbaren.
Dass Atlan diese Grenzen bei mir sehr hoch ansetzte, wusste ich. Gerade deshalb schätzte ich die Ausbildung durch ihn so sehr. Ich wollte nicht geschont werden, im Gegenteil! 
Diese ausgedehnte Meditation vor dem rituellen Prüfungskampf betonte das philosophische und psychologische Element des Dagor. Hierin wurden nur diejenigen unterwiesen, die auch wirklich bereit waren, die Dagor-Prinzipien in ihr Leben zu integrieren, die nicht nur eine Kampftechnik erlernten. Ohne die begleitenden Elemente konnte niemand den Titel eines Meisters im Dagor erreichen.
Bei dieser langen Meditation mit dem zugehörigen totalen Verzicht auf Nahrung und sogar auf jegliche Flüssigkeit sollte ein Anwärter auf den Meister-Titel hauptsächlich mit sich selbst ins Reine kommen und sich selbst besiegen.
Beunruhigt bemerkte ich, dass ich mich einem Gedanken-Chaos näherte. Mit Gewalt versuchte ich alles zu sortieren, was mir im Kopf herumging.
Obwohl immer wieder Gedanken an meine Kindheit und Jugend in mir hochkamen, mochte ich jetzt nicht darüber nachdenken. Es war eine unendliche Geschichte von meiner Meinung nach zu umfangreicher Fürsorge durch meine Eltern, besonders meinem Vater und auf der anderen Seite das Gefühl, dass ich ihm nie etwas recht machen konnte. Fast nie bekam ich ein Lob von ihm, dafür von anderen, die mich protegierten, weil ich der Sohn des Großadministrators war, umso mehr. Je älter ich wurde, desto mehr begehrte ich gegen meinen Vater auf und versuchte auszubrechen. Immer wieder kam es zu Spannungen zwischen uns. Im Laufe der Jahre merkte ich deutlich, dass ich mit meinem arkonidischen Lehrmeister Atlan und meinem Patenonkel Bully besser klarkam als mit meinem eigenen Vater. Merkwürdigerweise tat das meiner Liebe zu meinem Vater keinen Abbruch. Obwohl es immer wieder zu Spannungen und Auseinandersetzungen kam, liebte ich ihn und würde – wenn es die Situation erforderte – sofort mein Leben für ihn einsetzen. – Unser Verhältnis war also insgesamt als kompliziert zu betrachten.
Mit Gewalt verdrängte ich diese Gedanken und konzentrierte mich auf meine Pläne für die nächste Zeit. Nur noch die Prüfungen an der Raumakademie von Terrania-City. Wenn ich meine Diplome als Kosmonaut und Ingenieur für Hochenergie-Maschinenbau in der Tasche hatte, würde ich Terra, meinen Eltern und allen Freunden und Bekannten den Rücken kehren. Ich wollte ganz neu anfangen, ohne die „Protektion“ des Namens Rhodan im Hintergrund. Meine Zwillingsschwester Suzan würde mir die benötigten Finanzmittel zur Verfügung stellen und mein zukünftiger Schwager Dr. Geoffry Abel Waringer die erforderliche Technik. Mein Ziel waren die Kosmischen Freihändler, die meinem Vater und den meisten anderen Verantwortlichen des Solaren Imperiums von Anfang an suspekt gewesen waren. Niemand traute ihnen. Ich wollte in ihrer Hierarchie aufsteigen, ihr Befehlshaber werden, sie von Grund auf neu strukturieren und aus ihnen eine paramilitärische Organisation machen, die loyal zum Imperium stand. Die entsprechenden Kontakte waren bereits geknüpft. Ende Mai würde ich Terra verlassen, ohne mich zu verabschieden. Das war alles schon in meinem Kopf vorgeplant.
Daran, dass ich mein ganzes Leben und alle meine Freunde hinter mir lassen musste, mochte ich gar nicht denken. Es war aber unerlässlich, wollte ich wirklich ich selbst sein und mir und vor allen Dingen meinem Vater beweisen, dass auch ich meinen Mann stehen und Erfolg haben konnte. Das war der Preis, den ich dafür zahlen musste. Ich hatte mich schon längst damit abgefunden.
In den letzten Jahren hatte ich mich gut auf mein Ziel vorbereitet. Bei der USO hatte ich parallel zu meinem Studium in den Ferien und an den Wochenenden immer wieder Ausbildungslehrgänge absolviert. Meine militärische Ausbildung stand in nichts der von Offizieren der Flotte nach. Auf meinen Rang als Leutnant der Reserve der USO war ich sehr stolz. Und noch stolzer war ich darauf, dass ich den berüchtigten Speziallehrgang dieser Organisation erfolgreich überstanden hatte. Ein Jahr war ich zusammen mit meinen Kameraden buchstäblich durch die Hölle gegangen.
Daran anschließend hatte ich mich einer Mentalstabilisierung unterzogen, einem Gehirneingriff, zu dem nur ungefähr 10 % aller USO-Spezialisten überhaupt die Genehmigung bekamen und der dann auch nur bei ca. 1 % erfolgreich war. Die anderen Operierten verfielen unheilbar dem Wahnsinn.
Deshalb hatte ich auch schon im Vorfeld so kämpfen müssen, um von Atlan, dem Regierenden Lordadmiral der USO überhaupt die Genehmigung zu bekommen, obwohl die Ärzte und Psychiater mich als „geeignet“ beurteilt hatten. Zu viel Angst hatte Atlan gehabt, dass auch ich zu den Opfern gehören würde. Wenn ich bis dahin überhaupt noch einen Zweifel daran gehabt hätte, wie der Arkonide mich schätzte – in diesem Augenblick wären sie spätestens beseitigt gewesen.
Ich hatte auch das überstanden. Mit Schaudern dachte ich an den Eingriff und die Zeit danach zurück. Die Schrecken saßen so tief, dass ich sie immer noch nicht vergessen konnte. Ob das überhaupt jemals der Fall sein würde, konnte ich jetzt noch nicht beurteilen, zu kurz war die vergangene Zeit. Immer wieder dachte ich nur an den Erfolg. Seitdem war ich nicht mehr hypnotisch oder suggestiv zu beeinflussen, weder durch Mutanten noch auf mechanischem Weg. Auch Medikamente, die jedes Intelligenzwesen dazu brachten, alles was es wusste zu verraten, blieben bei mir wirkungslos.
Telepathen hatten bei mir keinen Erfolg mehr. Ich war für sie „tot“. Sie nahmen gar nichts mehr wahr. Für meinen kleinen, treuen Freund, den Mausbiber Gucky, tat es mir leid. Während andere seine Gedankenspionage zumindest als unangenehm empfanden, hatte sie mich bei ihm nie gestört – im Unterschied zu den menschlichen Telepathen. Obwohl sie ganz klare Dienstanweisungen hatten, wann sie ihre Fähigkeiten überhaupt anwenden durften, blieb ein ungutes Gefühl. Aber so brauchte ich meine Gedanken nicht immer abzuschirmen. Schließlich wollte ich meine großen Pläne nicht vorher verraten.
Zwar war ich sicher, dass Gucky mich nie verraten hätte, wenn er in meinen Gedanken die Wahrheit gelesen hätte, aber ich wollte den Kleinen nicht in Gewissensnöte bringen. Schließlich war mein Vater sein ältester und bester Freund.
Unabhängig davon konnte ich es nicht riskieren, wenn ich bei den Freihändlern Fuß gefasst hatte, dass ich von der Flotte oder der USO oder anderen Interessengruppen mal gefasst wurde und auf hypnomechanischem Weg oder durch eine Droge verhört wurde. Damit wäre mein großes Spiel beendet gewesen.
Das Knurren meines Magens holte mich in die Realität zurück. Es ging also los. Aus zahlreichen Meditations- und Fastenübungen während meiner Dagor-Ausbildung wusste ich, dass das erst der Anfang war. Es würde sich im Laufe der nächsten Stunden noch deutlich verstärken, bis ich morgen in einem Schwertkampf gegen Atlan antreten würde, entkräftet und geschwächt.
Ich habe eine gute Kondition und einen sehr stabilen Kreislauf, sagte ich mir ganz fest. So schlimm kann es gar nicht werden. Was sind denn schon 24 Stunden Durst und Hunger. Da habe ich doch schon andere Sachen mitgemacht, versuchte ich mir Zuversicht einzureden. Im Prinzip stimmte das.
Aber ein ungutes Gefühl sagte mir, dass bei der Prüfung noch eine weitere Überraschung auf mich wartete. Atlan wusste sehr gut, was er mir zumuten konnte. Und jede Prüfung wurde individuell auf den Meister-Anwärter abgestimmt und sollte bis an dessen individuelle Grenzen gehen, wie Atlan mir noch einmal versichert hatte, als er mir mitteilte, dass er die Zeit für gekommen halte, mich in den Rang eines Laktroten zu erheben.
Es gab nicht mehr viele Meister, die das Dagor wirklich in dieser ursprünglichen Form beherrschten. Atlan war einer von ihnen. Viele der sogenannten Dagoristas, der Ritter des Dagor, waren während des großen Krieges gegen die Maahks gefallen. Das Große Imperium der Arkoniden hatte sich von diesem Verlust nie wieder erholt. Einige Wissenschaftler sahen in dem Fehlen der Dagoristas und damit ihrer Lebensphilosophie, die auch auf ihre Umwelt abfärbte, den Beginn der arkonidischen Degeneration.
Vom Morgen dieses Meditationstages bis zur Prüfung am nächsten Tag, also über 24 Stunden durfte ich nichts zu mir nehmen, auch kein Wasser trinken.
Meine Gedanken wandten sich Atlan zu, meinen Lehrmeister. Seit meiner frühesten Jugend hatte er mich ausgebildet. Nicht nach terranischen Leitlinien, sondern so wie er selbst vor unendlich langer Zeit geschult worden war. Hart bis zur Unerbittlichkeit, aber niemals ungerecht oder durch Schikanen. Wie er mir erzählte, als ich alt genug war es zu verstehen, hatte er meinen Vater nur schwer von dieser Notwendigkeit mir gegenüber überzeugen können. Dieser wollte mir die Härte ersparen. Heute war ich froh darüber, dass Atlan sich durchgesetzt hatte. Mein Gefühl sagte mir, dass ich das, was ich von ihm gelernt hatte, demnächst sehr gut gebrauchen konnte.
Schon früh hatte ich gemerkt, dass ich zu Atlan eine intensivere Beziehung aufbaute als zu meinem Vater, genau wie zu meinem Patenonkel Reginald Bull, genannt Bully, dem ältesten Freund meines Vaters, der schon mit ihm zum Mond geflogen war.
Zuerst hatte ich erschreckt darauf reagiert, später dann war es für mich schon normal. Gleichzeitig merkte ich immer mehr, dass auch Atlan mir entsprechende Gefühle entgegenbrachte. Inzwischen sah ich in ihm mehr die Vaterfigur als in meinem leiblichen Vater. Der war immer eine Art Über-Vater geblieben, dem ich es nie recht machen konnte. Hoffentlich würde sich das in einigen Jahren ändern, wenn ich ihm und mir selbst bewiesen hatte, dass ich mich mit ihm messen konnte.
An diesem Punkt schreckte ich auf. War ich nicht zu überheblich? Natürlich würde ich nie mit meinem Vater gleichziehen können, dazu fehlten mir ungefähr 500 Jahre Lebenserfahrung. Aber ich wollte beweisen, dass ich die gleichen Anlagen wie er hatte und sie zu nutzen verstand!
Nein, ich war nicht zu überheblich, entschied ich für mich. Aber selbstbewusst – und das würde ich auch bleiben, egal was ich erlebte!
Ich wandte mich in meinem Gedanken wieder meinem Lehrmeister zu. Auf ihn musste ich mich morgen konzentrieren, auf ihn einstimmen, damit ich mich so gut wie möglich im Kampf präsentieren konnte. Leicht amüsiert dachte ich daran, dass er sich gedanklich vielleicht auch auf mich einstimmte. Sicherlich wäre es interessant gewesen, zu lauschen, was er über mich dachte.
Der Arkonide besaß für mich eine natürliche unantastbare Autorität. Die Kämpfe und Meinungsverschiedenheiten bis hin zu größeren Missverständnissen, die es zwischen meinem Vater und mir immer wieder gegeben hatte und sicherlich auch weiterhin geben würde, hatte es zwischen Atlan und mir niemals gegeben. Bisher hatte ich seine Anweisungen immer so hingenommen, ohne dagegen aufzubegehren. Wahrscheinlich lag es an seinem völlig anderen Wesen.
Ich war sehr stolz darauf, von Atlan ausgebildet zu werden – und auch sehr dankbar! Das war etwas ganz Besonderes, eine Auszeichnung, die nur ausgewählten Menschen zuteil wurde. Schon während seiner zehntausendjährigen Verbannung auf der Erde hatte er sich die Menschen, die er schulte, genau ausgesucht. Nur die Besten wurden von ihm gefördert. Zuerst nicht uneigennützig, denn er hatte einfach nur nach Hause gewollt, zurück nach Arkon, nachdem er ohne überlichtschnelles Raumschiff auf der Erde festsaß.
Später, als er einsehen musste, dass er unwiderruflich auf der Erde festsaß, hatte er sich die Menschen, die er schulte, noch sorgfältiger ausgesucht. Immer waren es Individuen gewesen, die ihren Zeitgenossen schon vor Atlans Schulung in vielfältiger Sicht voraus waren. Alles Wissen, das Atlan den Menschen vermittelte, diente einem Ziel: die Menschen sollten ihren eigenen Weg zu den Sternen finden und dabei niemals das vergessen, was Atlan unter dem Begriff „Menschlichkeit“ verstand.
An dieser Stelle stockten meine Gedanken. Menschlichkeit – es sollte sich merkwürdig anhören im Zusammenhang mit einem Arkoniden. Aber Atlan war in diesen zehntausend Jahren auf der Erde mehr Mensch geworden als mancher, der diesen Titel als Geburtsrecht für sich in Anspruch nahm.
Dabei hatte er nicht vergessen, wer er war und woher er kam. Seine typische arkonidische Überheblichkeit, die er aus seiner hochadligen Herkunft ableitete, hatte sich völlig gelegt, wie mein Vater mir einmal schmunzelnd erzählte. Aber er war trotzdem immer noch das geblieben, was er im großen Krieg gegen die nichthumanoiden Maahks gewesen war: der harte und kompromisslose Flottenadmiral, der im Gegensatz zu meinem Vater öfter härtere Vorgehensweisen bevorzugte. Dabei zeichnete ihn ein ganz besonderes Charisma aus, so dass niemand, der unter seinem Kommando stand, das Gefühl hatte, von ihm zu hart behandelt zu werden.
Beide, Atlan und mein Vater, hatten das, was man Führungsfähigkeit nannte. Die Frauen und Männer unter ihrem Kommando würden ihnen überfall hin folgen, auch wenn es sehr wahrscheinlich war, dass sie von einem Einsatz nicht mehr zurückkehren würden.
Nur eines unterschied meinen Vater und meinen Lehrmeister voneinander: ihre Einstellung zur Humanität. Mein Vater war so human, dass er immer wieder von Atlan Vorwürfe zu hören bekam, dass seine übertriebene Humanität schon gefährlich wurde, indem er öfter mit nötigen Maßnahmen zu lange wartete.
Atlan sah das anders. Für ihn war es wichtig, schon im Vorfeld eines möglichen Konfliktes hart durchzugreifen, um spätere Schäden zu vermeiden, die dann noch umfangreicher ausfallen konnten.
Ich kannte die endlosen Diskussionen, die beide immer wieder – auch noch nach Jahrhunderten ihrer Freundschaft – führten.
Was mich betraf, so hoffte ich, verstanden zu haben, was Atlan meinte: Im Vorfeld hart durchgreifen, um gewisse Dinge klarzustellen. Dabei aber nicht so hart und ungerecht handeln, dass man als unfair galt oder im Extremfall sogar Hassgefühle auslöste. Dann die Zügel wieder lockerer lassen.
Dieses Prinzip ließ sich sowohl auf die Führung von Mannschaften als auch auf staatsmännische Entscheidungen anwenden.
Ob ich es schaffte und die nötigen Führungsqualitäten hatte, würde ich bei den Freihändlern sehr schnell merken. Atlan und auch mein Vater hatten mir nach dem Lehrgang im letzten Jahr auf Quinto-Center versichert, dass sie mich für einen sehr guten und talentierten Anführer hielten. Gerade von meinem Vater hatte mich dieses Lob sehr gefreut. Aus seinem Mund war es umso mehr wert.
Mein Vater … würde er es schaffen, bei meiner feierlichen Ernennung zum Dagor-Meister und der Überreichung meines persönlichen Dagor-Schwertes durch meinen Meister dabei zu sein? Der rituelle Prüfungskampf würde morgen hinter verschlossenen Türen stattfinden. Mein Vater hatte nicht die Berechtigung, dabei zu sein, weil er kein Dagorista war. Aber die offizielle Aufnahme als Dagor-Meister in die Gemeinschaft würde eine feierliche Angelegenheit in Anwesenheit von speziellen geladenen Gästen am Tag danach sein.
Ich gestand mir ein, dass seine Anwesenheit für mich genauso wichtig war wie das Bestehen der Prüfung an sich. Dass ich sie bestehen würde, hoffte ich nach der jahrelangen Unterweisung durch Atlan. Mir jetzt sicher zu sein, dass ich es schaffen würde, erschien mir tatsächlich als überheblich. Ich hatte sehr gute Aussichten, das wusste ich genau. Aber schon jetzt an ein Bestehen zu denken, versagte ich mir.
An diesem Punkt stockten meine Überlegungen. Wenn Vater es nun wieder nicht schaffen würde, wie damals an meinem 15. Geburtstag, als er es mir auch versprochen hatte, genauso wie für den übernächsten Tag? Damals hatte ich aus Wut, Trotz und Enttäuschung den Reeder Imman Coledo, einen Freund unserer Familie dazu überredet, mit mir eine Extratour zu machen, die meinen Vater von einer Angst in die andere getrieben hatte. Was würde ich übermorgen machen, wenn Vater nicht kam?
Oder wenn ich die Prüfung gar nicht erst bestand? Wenn ich versagte? Würde ich meinem Vater dann überhaupt in die Augen schauen können? Und was würde er dazu sagen? Wie enttäuscht wäre er?
Ehe ich mich noch weiter in meinem Befürchtungen verlieren konnte, schreckte ich auf, als Atlan mich leicht an der Schulter berührte. Er hatte sich mir genähert, ohne dass ich es bemerkt hatte, so sehr war ich in meine Gedanken versunken gewesen.
„Es ist Zeit“, sprach er mich an. „Der Tag ist um. Komm mit.“
Damit drehte er sich um und ging mir voraus. Mehr zu sprechen, hätte dem Ritual widersprochen, da es mich übermäßig aus meiner Meditation herausgerissen hätte.
Deshalb nickte ich nur mit dem Kopf, als ich aufstand. Außer meinem knurrenden Magen und Durst fühlte ich noch keine körperlichen Beschwerden.
Wortlos folgte ich Atlan in meine Unterkunft für diese Nacht. Keine angenehme Wohnsuite, wie ich sie während aller Ausbildungslehrgänge bei der USO bewohnen konnte, sondern mehr eine Zelle, spartanisch eingerichtet nur mit einem einfachen Bett und einem Stuhl. Nichts anderes, keine Kommunikationseinrichtungen, lediglich ein Chronometer war mir zugestanden worden.
Nachdem Atlan sich mit einem kurzen Kopfnicken verabschiedet hatte, suchte ich erst einmal die Hygienezelle auf. Natürlich war sie hochmodern eingerichtet, so wie es im 25. Jahrhundert üblich war. Der Gegensatz entlockte mir ein leichtes Lächeln.
Ich schlüpfte aus der Kleidung und stellte mich erst einmal unter die Dusche. Wie man sich fühlte, hing viel mit davon ab, dass man sauber und gepflegt war. Jedenfalls hatte ich diese Erfahrung immer wieder gemacht.
Danach legte ich mich auf das einfache Lager und versetzte mich in eine leichte Trance. Auch das hatte ich von Atlan gelernt. Es brachte mir absolut nichts, die ganze Nacht zu überlegen und mich quasi „verrückt“ zu machen. Dass es mir morgen früh schlechter gehen würde, wusste ich aus Erfahrung. Dabei war gar nicht mal der Hunger das Ausschlaggebende, sondern der Durst und der Flüssigkeitsmangel.
Obwohl ich jetzt durch die Hygienezelle Wasser genug zur Verfügung hatte, dachte ich mit keinem Gedanken daran, davon Gebrauch zu machen. Es wäre für mich nicht nur ein Betrug den Prüfern und der Prüfung gegenüber gewesen, sondern hauptsächlich mir selbst. Schon früh hatte ich gelernt, was Ehre und Aufrichtigkeit bedeuteten, erst durch meine Eltern, dann besonders durch Atlan. Er hatte mir vermittelt, was es mit dem hohen Ehrenkodex der alten Arkon-Flotte auf sich hatte und ich es in meine eigenen Lebensregeln integriert.
Mich hatte dieser hohe Kodex von Anfang an fasziniert, genau wie die Sternengötter der Arkoniden. Genau wie Atlan teils Arkonide, teils Mensch war – so war ich vielleicht teils Mensch, teils Arkonide. Wichtig war uns beiden die Unantastbarkeit des Lebens an sich, dabei war es nicht wichtig, was man war – wir waren denkende Intelligenzwesen, die die Verantwortung für ihre Handlungen trugen, in jeder Beziehung!
Mit diesen Gedanken sank ich in eine Art Dämmerschlaf, aus dem ich erst kurz vor dem Morgen erwachte. Ein Blick auf das Chronometer zeigte mir, dass ich noch etwas Zeit hatte, bevor einer der Prüfer mich holte.
Obwohl ich mich langsam aufrichtete, hatte ich das Gefühl, dass das Zimmer vor meinen Augen verschwamm. Der Flüssigkeitsmangel machte sich bemerkbar. Meine Kehle war ausgetrocknet, der Magen machte mit starkem Übelkeitsgefühl aufgrund des Hungers auf sich aufmerksam.
Dann also los, sagte ich mir. Das wird noch hart, jetzt kämpfen zu müssen.
Tief holte ich Luft, versuchte Schwindel und Übelkeit niederzukämpfen. Kurz überlegte ich, ob ich noch einmal unter die Dusche gehen sollte. Ich entschied mich dafür, ganz einfach, damit ich mich ein wenig besser fühlte.
Nachdem ich mich ausgiebig abgewaschen und anschließend mit viel heißem Wasser nachgespült hatte, fühlte ich mich zumindest frischer. Dann spülte ich mir den Mund aus. Bewusst spuckte ich das Wasser wieder aus, obwohl ich innerlich hart kämpfen musste. Nein, ich wollte nicht schummeln, das hier war meine Prüfung, mein Erfolg, wenn ich sie bestand.
Sorgsam legte ich die rituelle Kleidung an, eine weite Hose, darüber eine leichte Bluse und einfache, dünne Schuhe.
Als der Türmelder ertönte, war ich fertig. Erstaunt sah ich, dass Atlan selbst hier war, um mich zu holen.
Sein Gesicht war hart und angespannt. Entgegen der Regeln lächelte er mir kurz zu und fragte: „Wie geht es dir, Mike?“
„Ich bin vorbereitet“, antwortete ich.
Atlan schüttelte den Kopf. „Das weiß ich. Aber ich möchte gerne wissen, wie es dir gefühlsmäßig geht.“
Ausflüchte hatten keinen Sinn, da kannte ich meinen Lehrmeister gut genug. Deshalb antwortete ich offen: „Ich habe alles durchdacht, was mir wichtig war, falls es das ist, was du wissen möchtest. Körperlich ist mir schwindlig und schlecht. Aber ich fühle mich in der Lage, den Kampf zu bestehen.“
Der Arkonide nickte bestätigend. „Davon bin ich überzeugt, Mike. Du wirst es schaffen, keine Frage.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er zögernd fort: „Rechne mit allem und sei durch nichts überrascht.“
Ein feiner Stich durchzog mich. War das eine deutliche Warnung? Eine Warnung, die er mir eigentlich gar nicht geben durfte? Was erwartete mich?
Einen kleinen weiteren Hinweis gab mein Lehrmeister noch: „Dagor besteht auch aus der Beherrschung des Körpers durch den Geist, egal wie schwach der Körper ist und wie belastend die Umweltbedingungen sind.“
Damit deutete er brüsk zur Tür. Der kurze Moment der Vertrautheit war vorbei. Atlan war in allem wieder der strenge Lehrmeister.
Ich schluckte, was mir bei meiner ausgetrockneten Kehle schwer fiel und sagte mir fest: Also los. Ich habe das so gewollt, deshalb muss ich es auch schaffen. Alles andere wäre eine Blamage vor mir selbst.
Wortlos folgte ich Atlan, der entspannt neben mir herging, durch einen kurzen Gang zu einem Schott. Als wir es durchschritten, sah ich das leichte Flimmern. Also waren in dem Raum dahinter andere Umweltbedingungen hergestellt worden. Der Energieschirm trennte die Bereiche.
Obwohl ich vorbereitet war, traf es mich wie ein Schlag. In dem großen Saal herrschten bestimmt 40° oder noch ein wenig mehr bei einer mörderischen Schwüle. Bedingungen, wie man sie auf Urweltplaneten antraf, die erst dabei waren, intelligentes Leben auszubilden.
Mir blieb die Luft weg und mein Herz schlug heftig in der Brust. Der Kreislauf versuchte sich anzupassen. Das verstärkte Schwindelgefühl drohte mich von den Beinen zu reißen. Atlan beobachtete mich aufmerksam. Ihm schienen die Bedingungen nichts auszumachen. Klar, er hatte vorher gewusst, was auf uns zukam. Seine Warnung rechnete ich ihm sehr hoch an, da sie gegen das Reglement verstieß, aber ein Meister hatte immer das Recht, die Vorschriften für einen speziellen Fall abzuändern. Das war einzig seine Entscheidung.
Ich zwang mich innerlich zur Ruhe und erkannte, dass das hier die wirkliche Prüfung sein würde, nicht der Kampf mit Holzschwertern anstatt mit scharfen Dagor-Schwertern, damit wir uns nicht verletzen konnten.
Nun war mir alles ganz klar! Die Grundregel des Dagor: Beherrschung des Körpers durch den Geist! Nur wer das vermag, verdient den Titel eines Meisters!
An der Seite von Atlan durchquerte ich mit langsamen und beherrschten Schritten den großen Raum, der keinerlei Einrichtung enthielt. Auf der anderen Seite saßen wiederum hinter einer Energiebarriere die Prüfer an einem langen Tisch, dem Anschein nach zwei Terraner und drei Arkoniden, darunter eine Frau mit wunderschönem langem silberweißem Haar. So langsam gab es auch unter den Arkoniden wieder einzelne Dagoristas. Sie gehörten zu denjenigen aus Atlans Volk, die es inzwischen mehr und mehr schafften, aus dem allgemeinen Taumel der Dekadenz zu entkommen.
Alle blickten mich mit ernsten Blicken an. Als ich vor dem Tisch stand und respektvoll den Kopf neigte, erhob sich der Mittlere, ein hochgewachsener Arkonide mittleren Alters mit strengen Gesichtszügen. Er blickte mich prüfend an.
„Hertaso“, sprach er mich mit der arkonidischen Bezeichnung für „Schüler“ an. „Du bist heute hier, um deine Prüfung zum Meister des Dagor abzulegen. Hast du dich entsprechend vorbereitet, gefastet und deine Gedanken zur Ruhe gebracht?“
„Ja, Laktrote“, antwortete ich und nickte mit dem Kopf.
„Fühlst du dich geistig und körperlich in der Lage, dich der Prüfung zu stellen?“, fragte er mit harter Stimme. Kein Fünkchen Wärme lag darin.
„Ja, Laktrote“, antworte ich laut und so deutlich ich konnte. Meine Stimme wollte mir nicht mehr gehorchen, ich konnte kaum noch schlucken, die Zunge lag wie ein riesiger ausgetrockneter Klumpen im Mund.
Er nickte ohne ein Lächeln. „Dann wirst du jetzt gegen deinen Lehrmeister, den Laktroten Atlan da Gonozal, zu einem Schwertkampf antreten. Wir wünschen dir, dass du den Kampf ehrenvoll überstehst.“
Damit neigte er den Kopf und legte die rechte Hand auf sein Herz, ehe er sich wieder setzte.
Atlan forderte mich mit einer kurzen Handbewegung auf, die weite Bluse abzulegen. Ich musste mit freiem Oberkörper kämpfen, damit die Prüfer meine körperlichen Reaktionen besser beobachten konnten. Mir brach der Schweiß aus allen Poren und lief an meiner Brust und Rücken herunter. Ich konnte es bei den mörderischen Luftbedingungen nicht verhindern.
Später wusste ich nicht mehr, wie der Kampf überhaupt gelaufen war. Nur noch, dass ich mehr gegen meinen eigenen Körper als gegen Atlan kämpfte. Immer wieder drohten mich Schwindel und Übelkeit zu übermannen. Einige Male brach ich in die Knie, aber ich rappelte mich immer wieder hoch.
Die Luft kam mir wie glühendes Feuer vor. Auf der einen Seite musste ich atmen, auf der anderen  Seite traute ich mich fast nicht, sie zu inhalieren, da es bei jedem Atemzug brannte wie Feuer. Dazu kam die mörderische Übelkeit, die mit jeder Bewegung stärker wurde.
Atlan schien davon unbeeindruckt zu sein. Auch er schwitzte stark, seine Bluse klebte an der Haut, aber im Gegensatz zu mir schien ihn das alles nicht zu beeindrucken. Welche Beherrschung brachte dieser Arkonide auf! Natürlich half ihm sein Zellaktivator, aber auch der war kein Allheilmittel! Das also waren die Fähigkeiten der Beherrschung eines Dagoristas, der schon seit Jahrtausenden dessen Regeln für sich verinnerlicht hatte!
Wann würde ich einmal so weit sein, das auch zu können? Ich würde dazu noch Jahre brauchen, wenn ich es denn überhaupt jemals schaffen würde.
In diesem Moment kam mir Atlan wie eine Art Überwesen vor, das ich nur noch bewundern konnte.
Als ich wieder einen gequälten, keuchenden Atemzug tat, verschluckte ich mich. Schwindel erfasste mich, ließ mich wieder in die Knie brechen. Würgende Übelkeit erfasste mich. Ich fühlte schon, wie bittere Galle bis in meinen Mund stieg. Im letzten Augenblick konnte ich schlucken, die Galle rutschte wieder etwas herunter, ehe ich mich hier vor den Prüfern und vor meinem Lehrmeister übergab. Das wäre es für mich gewesen! Sich nicht zu erbrechen in so einer Situation – auch das gehörte zur absoluten Beherrschung!
Trotzdem fühlte ich den sauren Geschmack immer noch im Rachen. Das verstärkte das Brennen der quälenden Atemzüge, so dass ich es kaum noch ertragen konnte.
Wieder brach ich in die Knie. Jetzt war Atlans Gesicht ganz nahe vor mir. Er musterte mich mit hartem, erbarmungslosem Blick. Jedenfalls kam es mir so vor.
„Denke an dich, an dein Ziel“, sprach er mich eiskalt an und schlug mir auf die Schulter. „Also hoch jetzt, Schwäche gibt es nicht bei einem Dagorista.“
Das gab den Ausschlag. Ich taumelte wieder auf die Füße und hob erneut das Holzschwert. Mit der Schneide landete ich einen Schlag gegen Atlans Arm, den dieser ohne Reaktion an sich abprallen ließ.
Das war die letzte Kraftanstrengung gewesen, zu der ich in der Lage gewesen war. Mein Körper war durch die mörderischen Luftbedingungen am Ende, ausgelaugt durch den Flüssigkeitsmangel und den Mangel an Nähr- und Mineralstoffen. Wieder brach ich zusammen, diesmal blieb ich liegen. Ich konnte nicht mehr! Ich war absolut am Ende meiner Kraft und meiner Beherrschung. Am liebsten hätte ich dem Drängen meines Körpers nachgegeben, mich in den Schwindel fallen lassen und es war mir sogar egal, ob mein Magen sich jetzt doch noch umdrehte.
Das war es also, das war die Niederlage für mich und vor mir selbst. Das konnte nicht gereicht haben, es kam mir unmöglich vor.
Da spürte ich, wie sich die Luft ganz langsam abkühlte. Lindernde Kühlung umfing mich.
Sie brechen ab, weil ich keine Chance mehr habe und sie mich nicht länger quälen wollen, durchschoss mich ein Gedanke. Ich hatte versagt, vor mir selber, vor meinem Lehrmeister, vor den Prüfern – und vor meinem Vater, der das sofort erfahren würde. Bestimmt würde er nachher Atlan anrufen und sich erkundigen. Ob er sich jetzt noch die Zeit nehmen würde, nach USTRAC zu kommen? Und wollte ich das überhaupt noch?
Ehe ich ganz von meinen enttäuschten Gedanken überwältigt wurde, spürte ich kräftige Hände, die mich auf die Füße stellten. Durch einen Schleier sah ich die wunderschöne Arkonidin und Atlan. Beide lächelten mir freundlich zu und führten mich zu einer bequemen Liege, die sichtbar wurde, nachdem eine weitere Energiebarriere fiel. Sie drückten mich mit sanfter Gewalt darauf nieder.
Atlan nickte mir mit einem warmen Lächeln zu. Sein Gesicht war jetzt erleichtert und entspannt. „Herzlich willkommen in unserer Gemeinschaft, Laktrote. Wir sind sehr zufrieden mit dir.“
In dem Augenblick dachte ich, ich fiele in ein tiefes, bodenloses Loch. Laktrote! Der Titel für einen Dagor-Meister! Hatte ich es doch geschafft?
Atlan fuhr etwas weniger formell fort: „Meinen Glückwunsch, Mike. Ich freue mich für dich. Lass dich versorgen, das gehört auch zum Ritual dazu.“
Ich war nur noch überrascht. Bestanden? Hatte ich es doch geschafft? Versorgen? Wieso?
Die Arkonidin sagte: „Es gehört zum Prüfungsritual, dass ein neuer Laktrote, der in unsere Gemeinschaft aufgenommen wird, nach der Beherrschungsprüfung von uns, seiner Prüfungskommission, nach den alten Riten versorgt wird. Dadurch sollst du von Anfang an das Zusammengehörigkeitsgefühl, das für uns sehr wichtig ist, spüren. Lass alles mit dir geschehen und genieße es nur.“
Damit griff sie nach einem Becher mit kühlem, klarem Wasser. Vorsichtig setzte sie ihn mir an die Lippen. Langsam trank ich in kleinen Schlucken. Die Versuchung, so viel wie möglich davon zu trinken, wurde übermächtig, obwohl ich die Folgen kannte, wenn ein Halbverdursteter plötzlich große Mengen Flüssigkeit zu sich nahm. Sie ließ das gar nicht erst zu, indem sie mir immer wieder den Becher wegzog. Ich glaubte, etwas unendlich Köstliches zu trinken, nicht simples Wasser.
Natürlich war die Flüssigkeit mit Vitaminen, Mineralstoffen und Elektrolyten angereichert. Die Dagoristas lebten zwar nach alten Traditionen, aber in der modernen Welt. Ihnen konnte man alles nachsagen, nur nicht, dass sie weltfremd waren.
Dann zogen sie mir die schweißnasse Hose und auch die Unterhose aus, so dass ich nackt vor ihnen lag. Ehe ich etwas sagen konnte, schüttelte die wunderschöne Frau verweisend den Kopf. Sie begann mich mit weichen Lappen und duftendem Wasser abzuwaschen, meine Haut von Schweiß und Schmutz zu reinigen. Dabei berührte ihr langes Haar hin und wieder meine Haut. Obwohl ich genau wie Atlan Frauen gegenüber nun wirklich nicht abgeneigt war, sprang kein Funke über. Dabei war sie wunderschön. Es war wohl ihr Einfühlungsvermögen, welches dies verhinderte, ebenso wie sie ein Schamgefühl gar nicht erst aufkommen ließ. Wir waren beide Dagoristas, Laktroten, Kameraden – nicht mehr und nicht weniger.
Jetzt erst verstand ich, was sie damit gemeint hatte: Geschehen lassen und genießen. Ich entspannte mich und legte mich ganz zurück auf der Liege, schloss sogar die Augen.
Langsam setzte sich die Erkenntnis in mir durch: Ich hatte es geschafft, diese schwierigste Dagor-Prüfung gemeistert. Ich hatte mich selbst besiegt! Den wichtigsten Sieg, den ein denkendes Individuum erringen konnte.
Als die Reinigung beendet war, kleideten sie mich an: wunderbar weiche Unterwäsche und eine weite Hose und eine Bluse, die locker über die Hose fiel. Ich fühlte mich um einiges wohler, zumal die Arkonidin mir auch wieder den Becher mit dem Wasser reichte. Lächelnd kämmte sie mein Haar gründlich durch.
Danach richteten sie mich vorsichtig auf. Das leichte Schwindelgefühl, das immer noch aufkam, konnte ich gut unterdrücken. Nach diesem Tag, der Nacht und dem anschließenden Kampf unter mörderischen Umweltbedingungen durfte ich nicht erwarten, sofort wieder fit zu sein. Das würde auch bei meiner Kondition, auf die ich einiges hielt, noch ein paar Stunden dauern. Mich wunderte schon, dass ich nicht beim Waschen vor Erschöpfung eingeschlafen war.
Der Prüfungsleiter persönlich führte mich zu dem Tisch, an dem die Kommission gesessen hatte. Die Energiebarriere war gefallen, also herrschte jetzt in allen Teilen des Raumes das gleiche Klima.
Der Tisch war inzwischen von Robotern gedeckt worden. Einfache polierte Holzbretter und Becher aus dem gleichen Material standen bereit. Daneben lagen genauso einfache Messer mit Holzgriffen. Damit sollte das Einfache, Ursprüngliche des Dagor betont werden. Prunkvolles Geschirr hätte den Prinzipien widersprochen.
Auf der großen Platte in der Mitte sah ich die Nahrungsmittel, mit denen traditionell das Fastenritual gebrochen wurde: eine Banane, knuspriges Brot und Frischkäse. Alles sah so lecker aus, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief. Nun spürte ich auch, dass mein Magen mit lautstarkem Knurren nach Nahrung verlangte. Bisher war dies von der Übelkeit, die nun endlich verflogen war, überlagert worden.
Atlan nahm neben mir Platz. In seinem Blick sah ich alle Gefühle, die auch mich beherrschten: Stolz und Erleichterung!
Der Leiter der Prüfungskommission schälte mit feierlichen Bewegungen die Banane und teilte sie in zwei Hälften. Eine legte er auf mein Brett, die andere auf Atlans.
„Gemäß der alten Tradition begrüßen wir dich in unserer Gemeinschaft, Laktrote. Bitte brich dein Fasten und teile diese Frucht, die in natürlicher Erde gewachsen ist, mit deinem Lehrmeister, mit dem du immer besonders verbunden sein sollst.“
„Der Meister teilt diese Frucht mit seinem ehemaligen Schüler.“ Mit diesen Worten machte Atlan eine auffordernde Geste, die Bananenhälfte zu essen.
Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es gab wohl doch so einige Dagortraditionen, die man erst als Meister erfuhr.
Ein überaus feierliches Gefühl durchdrang mich, als ich vorsichtig von der Bananenhälfte abbiss. Merkwürdig – kein Übelkeitsgefühl, wie ich es nach dieser körperlichen Überforderung erwartet hatte – im Gegenteil: die Banane linderte die restlichen Beschwerden, als ob mein Magen auf sie „gewartet“ hätte. Stück für Stück, ganz langsam, genoss ich die Frucht. Nicht nur mein Magen beruhigte sich schlagartig, auch meine Gefühle. Ich hatte den Eindruck, auf einer Wolke zu schweben und mich einfach fallenlassen zu können, fühlte mich aufgenommen, freudig erwartet, einfach glücklich! So gut hatte ich mich schon sehr lange nicht mehr gefühlt!
Atlan verspeiste seine Hälfte genauso langsam und bedächtig.
Danach schnitt die Arkonidin das Brot in genau sieben gleich große Scheiben und bestrich sie mit Frischkäse. Je eine Scheibe verteilte sie auf den Brettern.
Als wir sie alle gleichzeitig verzehrten und mit diesem einfachen, gemeinsamen Mahl meine Aufnahme unter die Dagor-Meister gefeiert wurde, war ich der glücklichste Mann der Galaxis – jedenfalls hatte ich das Gefühl. Obwohl niemand ein Wort sprach, verständigten wir uns stumm – wir waren eine Gemeinschaft, wir gehörten zusammen. Wir alle gelobten damit, uns für die Würde und die Freiheit des Lebens einzusetzen, egal in welcher Form es uns begegnete. Es tat mir gut, dazuzugehören!
**********
Atlan geleitete mich nach dem feierlichen Mahl zu meinem neuen Quartier. Innerlich lächelte ich, als er die Tür öffnete. Nun erwartete mich eine normale Gastkabine, wie sie überall in USO-Stützpunkten üblich war.
Atlan schubste mich auf das Bett. „Denk nicht so viel nach, Mike. Ruh dich einfach erstmal aus und schlafe. Trink immer mal wieder was. Der Servo ist darauf programmiert, dass du hochkonzentrierte Energy-Drinks bekommst.“
Die Fürsorge meines Lehrmeisters tat mir sehr gut. Entspannt legte ich mich zurück. Immer noch trug ich die herrlich weiche und anschmiegsame Kleidung, in der ich mich so wohl fühlte.
„Genieße noch ein wenig dieses schöne Erfolgsgefühl für dich ganz allein. Du hast es verdient.“
Zögernd fragte ich ihn: „War ich gut genug beim Kampf?“
Atlan lachte. „Auf den Kampf kam es gar nicht an. Das hast du sicherlich schon bemerkt. Die Prüfung bestand darin, dass du durchhältst, dich beherrschen kannst, mit deinem Geist den total erschöpften Körper zwingst, weiterzumachen. Und das hast du sehr gut gemeistert.“
„Obwohl ich umgekippt bin? Ich dachte schon, das wäre es, ich hätte die Prüfung nicht bestanden.“
Atlan lachte. „Da hattest du die Prüfungsanforderungen schon lange erfüllt, Junge. Die Prüfer und ich waren uns allerdings schon vorher darüber einig, dass wir dich so lange weiterkämpfen lassen, wie du es durchhältst. Wir wollten sehen, was du aushalten kannst. Und ich sage dir: das war sehr gut!“
Ich konnte es nicht fassen. Das war wieder einmal typisch Atlan! Erleichtert merkte ich, wie die Anspannung mich langsam verließ. Atlan setzte sich neben mich auf die Bettkante und legte mir die Hand auf die Schulter. Ernst sah er mich an.
„Mike, das war sogar so gut, dass ich dich jetzt warnen möchte und muss. Denke immer daran, dass du nicht zu hart zu dir selbst bist und dir nicht zu viel abverlangst. Es gibt überall Grenzen. Bitte vergiss das nie.“
Im Moment konnte ich darauf nichts erwidern. Aber ich wusste, dass Atlan Recht hatte. Natürlich war ich immer wieder versucht, mich vorwärts zu treiben, wenn ich ein Ziel hatte. Ich erkannte auch mein Grundproblem dabei: der riesige Schatten meines Vaters. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass er mich erdrückte. Er brauchte noch nicht einmal etwas tun, seine Anwesenheit reichte. Ich wollte als ich selbst wahrgenommen werden, nicht als Sohn von Perry Rhodan.
Atlan schüttelte verweisend den Kopf. Anscheinend erkannte er genau, woran ich dachte. „Nicht jetzt, Mike. Dazu ist später Zeit. Genieße einfach das Erfolgsgefühl. Du hast es verdient, junger Höhlenwilder!“
Ich lachte. Dass Atlan mit einer dieser von ihm so geliebten Formulierungen ankam, zeigte, dass auch er sich über meinen Erfolg freute.
Eine Frage brannte mir noch auf der Seele. „Mein Vater? Wird er morgen wirklich da sein oder es wieder nicht schaffen wegen seiner Arbeit?“
Nun musste ich trotz der Glücksgefühle, die sich stückchenweise in mir durchsetzten, doch noch daran denken, was wäre wenn er nicht käme? Sicherlich, ich war kein Jugendlicher von gerade 15 Jahren wie damals. So wie bei meinem Abenteuer mit Imman Coledo würde ich mit Sicherheit nicht reagieren, aber ich würde sehr enttäuscht sein, das wusste ich schon jetzt. Und wohl auch eine andere Möglichkeit finden, meinem Vater das zu vermitteln.
Atlan zuckte die Schultern. „Bis jetzt habe ich keine Nachricht, dass Perry es nicht schafft. Die CREST IV ist für heute spätabends angekündigt. Außerdem – es gibt Dinge, wo auch ein Großadministrator sich nicht mit einem alten Arkonidenadmiral anlegt.“
Damit drehte er sich abrupt um und verschwand.
Gemäß Atlans Rat ließ ich mir von dem Servo einen großen Becher eines Elektrolyt-Getränkes mixen, angereichert mit Vitaminen und flüssigen Nährstoffen. Langsam, vorsichtig, in kleinen Schlucken trank ich es. Der Drink schmeckte gar nicht übel.
Mit der Gewissheit, einen riesigen Erfolg errungen zu haben und einem unendlich glücklichen Gefühl schlief ich ein. Die Erschöpfung, erst durch Fasten, dann der Kampf unter mörderischen Umweltbedingungen, danach das langsame Erkennen, dass ich es geschafft hatte – alles forderte zusammen entsprechenden Tribut.
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Ein heftiges Rütteln an meiner Schulter riss mich aus dem Schlaf. Entsprechend meiner Gewohnheit war ich sofort hellwach.
Atlan stand neben meinem Bett und lachte mich offen an.
„Na, wie geht’s dir, Mike?“
Kurz horchte ich in mich hinein. Außer dem knurrenden Magen und Durst fühlte ich nichts Negatives. Anscheinend hatte ich mich während der Schlafphase wieder voll erholt.
„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte ich, während ich mich aufrichtete. Immer noch trug ich die weiche, lockere Kleidung, die man mir nach der Prüfung angezogen hatte. Allerdings war sie durchgeschwitzt. Anscheinend hatte mein Unterbewusstsein auch während des Schlafes gearbeitet. Aber ich fühlte keinen Schwindel mehr und auch keine Übelkeit. Etwas schwach noch, aber das war auch kein Wunder. So langsam sollte ich mal wieder etwas Vernünftiges essen.
„Den ganzen Nachmittag gestern und die Nacht durch. Es ist Frühstückszeit“, lachte Atlan.
„Oh weia“, sagte ich nur.
„Dein Körper hat das gebraucht. Das ist normal nach so einer Quälerei“, antwortete mein Lehrmeister. Und nach einer kurzen Pause: „Nun raus aus dem Bett, du Langschläfer“, scherzte Atlan. „Mach dich fertig. Ich erwarte dich in meiner Privatsuite. Wir frühstücken zusammen. Danach geht es zur Zeremonie.“
„Kleidung?“, fragte ich nur kurz.
„USO-Paradeuniform ist angemessen.“ Er drehte sich um und wollte gehen.
„Mein Vater?“, rief ich ihm hinterher.
Er verzog ein wenig unwillig das Gesicht. „Die CREST IV befindet sich im Anflug auf USTRAC, natürlich viel später als geplant. Eigentlich sollte sie bereits seit ungefähr acht Stunden hier sein. Wir frühstücken jetzt in Ruhe und bis die Zeremonie beginnt, wird sie gelandet sein, falls nicht wieder was dazwischenkommt.“
Ich ahnte etwas: „Hast du nachgeholfen?“, fragte ich frei heraus.
Atlan überlegte. „Ja“, sagte er dann nur.
Also doch – ich hatte es geahnt! Mein Vater hatte wieder einmal so wichtige Staatsgeschäfte gehabt, dass er die Zeit für seine Familie, speziell für mich als seinem Sohn nicht erübrigen konnte. Dass Atlan nachgeholfen hatte und ihn wohl mehr oder weniger zum Kommen „gezwungen“ hatte, störte mich in diesem speziellen Fall nicht so sehr wie sonst. Zu wichtig war es mir, dass mein Vater gerade an dieser Zeremonie, wenn ich in die Gemeinschaft der Dagoristas aufgenommen wurde und mein Schwert erhielt, teilnahm. Er selbst hatte niemals die Zeit gefunden für eine solche Dagor-Ausbildung. Natürlich beherrschte er durch Atlans Unterweisung die Nahkampftechnik an sich, aber eben nicht mehr. Gerade darum war es für mich so besonders, auch ihm gegenüber. Ich hatte bewiesen, dass ich etwas erreichen konnte, mehr als er selbst in diesem Punkt!
**********
Das Frühstück mit Atlan war eine Wohltat allerersten Ranges. Er hatte erlesene terranische Spezialitäten besorgen lassen, angefangen von echtem Schinken über Wurst und Käse sowie frischen, knusprigen Brötchen, die ich schon beim Eintreten in die Kabinensuite roch. Das alles begleitet von echtem terranischen Kaffee.
„Vorsichtig“, warnte er mich, „Dein Magen muss sich erst wieder daran gewöhnen. Genieße alles mit Bedacht!“
Oh ja! Dieser Warnung hätte es nicht bedurft. Ich wusste sehr wohl, dass ich meinem Magen heute noch nicht so viel von diesen Köstlichkeiten zumuten durfte. Schließlich wollte ich den Genuss nicht gleich danach wieder bereuen.
Trotzdem grinste ich ihn verschwörerisch an. Wir verstanden uns, sehr gut sogar! Wenn doch nur Atlan mein Vater wäre!
Umgehend rief ich mich zur Ordnung. Was waren das für Gedanken? Unabhängig davon, dass Atlan mich liebte, als ob ich wirklich sein Sohn wäre und ich umgekehrt ihn auch, er war es nun mal nicht! Und es war unrecht von mir, diese Gedanken zu hegen! Mein Vater liebte mich auch, genauso wie ich ihn – aber – wenn da nur nicht immer diese Unstimmigkeiten zwischen uns wären, diese Missverständnisse, die sich immer mehr häuften, je älter ich wurde. Als ob wir uns in bestimmten Dingen einfach nicht arrangieren könnten.
Langsam und genussvoll probierte ich von den Köstlichkeiten, von jeder nur ein kleines Stück. Dazu trank ich den echten terranischen Bohnenkaffee, den ich genauso wie Atlan schätzte.
Als ob er meine Gedanken erraten hatte, meinte er beiläufig: „Den Genuss von Kaffee gönne ich mir, seitdem die Barbaren ihn erfunden haben.“
„In der maurischen Kultur, wenn ich mich recht entsinne“, antwortete ich. „Du hast sie mehr geschätzt als das Abendland?“
Der Arkonide schüttelte den Kopf. „Das kann man so nicht sagen. Sicherlich habe ich sie in manchen Zeiten bevorzugt, aber das war in Jahrhunderten, als im Abendland nur Schmutz und Elend waren. Die Menschen lebten dort in Verhältnissen, an die ich mich gar nicht gerne erinnere. Das terranische Mittelalter, das sogenannte ‚Dunkle Zeitalter’ war in vielen Dingen wirklich dunkel. So dunkel, dass ich hin und wieder meinte, der Himmel würde sich real verdunkeln.“
Das Summen des Interkoms unterbrach ihn. Der Hafenkommandant meldete sich.
„Sir, die CREST IV ist gerade gelandet. Der Großadministrator ist an Bord. Empfang nach Salutordnung?“
Atlan schüttelte den Kopf. „Keinesfalls. Der Großadministrator ist aus privaten Gründen hier. Empfangen Sie ihn respektvoll, aber leger. Machen Sie bitte keinen großen Bahnhof daraus. Es könnte sogar sein, dass er Zivilkleidung trägt, bitte wundern Sie sich nicht darüber.“
Der Major salutierte kurz vor dem Bildschirm. Mehr brauchte Atlan ihm nicht zu sagen.
„Ja, Sir.“
„Danke, Major“, verabschiedete Atlan den Hafenkommandanten.
Atlan und ich unterhielten uns über private Dinge. So wollte er wissen, ob meine Zwillingsschwester Suzan an ihrer Absicht festhalten wolle, ihren Verlobten, den auf Terra und vielen anderen Welten als Phantast geltenden Hyperphysiker Dr. Geoffry Abel Waringer, zu heiraten.
Aber hier biss Atlan bei mir auf Granit. Suzan, Geoffry und ich hatten absolutes Stillschweigen über ihre weiteren Pläne vereinbart, die zu einem großen Teil mit meinen im Zusammenhang standen.
Zum Schluss grinste Atlan mich an: „Naja, ich gebe es auf. Anscheinend gibt es gewisse Dinge, die du auch deinem Lehrmeister nicht verrätst.“
„Genau, Atlan. Nimm es mir nicht übel, aber Suzan und ich haben eine ‚Nachrichtensperre’ vereinbart.“
„Das muss ich dann wohl so akzeptieren. Genauso wie du mir deine genauen Pläne nach dem Studienabschluss nicht verrätst.“
„Das ist wohl so.“ Mehr wollte ich nicht dazu sagen. Zu leicht konnte ich mich vor Atlan doch noch verraten. Er kannte mich viel zu gut. Das würde auch später problematisch werden. Für eine Lösung dieses Problems hatte ich überhaupt noch keine Idee. Aber ein Schritt nach dem anderen, so weit war ich noch nicht.
„Mike“, Atlan blickte mich sehr ernst an. Der Blick seiner rotgoldenen Augen bohrte sich in meine. Ich konnte und wollte ihm nicht ausweichen. „Wenn du einmal meine Hilfe brauchst, egal wo du dann auch bist, wende dich an mich. Ich werde dir immer helfen, solange du nicht zum Feind der Menschheit wirst.“
Sein Gesicht war plötzlich sehr hart. Ich fühlte eine Eiseskälte in mir hochsteigen. Niemand sollte auf die Idee kommen, sich mit Atlan anzulegen, indem er gegen die Menschheit kämpfte, deren Beschützer und Mentor Atlan immer gewesen war und noch war. Es wäre sein Untergang, dessen war ich mir sicher! Und in diesem Punkt würde Atlan auch vor mir nicht haltmachen, den er selbst ausgebildet hatte.
„Niemals“, versicherte ich ihm aus vollem Herzen. Mir erschien allein die Vorstellung, gegen die Menschheit zu kämpfen, ungeheuerlich. Im Gegenteil: ich beabsichtigte, die Freihändler-Organisation als zusätzlichen Stützpfeiler des Solaren Imperiums auszubauen!
„Außerdem habe ich dir vor einiger Zeit ein heiliges Versprechen gegeben, wie du weißt! Erst danach durfte ich mir mit deinem Einverständnis im Gehirn herumschneiden lassen.“
Wieder dachte ich mit Schaudern an meine Mentalstabilisierung zurück. Atlan legte seine Hand auf meinen Arm. Wie gut kannte er mich eigentlich?
Beruhigend drückte er meinen Arm. „Das wird auch vorbeigehen, Mike. Du wirst eines Tages in der Lage sein, daran zurückzudenken, ohne immer gleich wieder die Schrecken zu erleben. Bei einigen meiner Spezialisten hat es Jahre gedauert, aber die Zeit wird kommen.“
Ich nickte aufgewühlt. „War es bei der Aktivierung deines Extrasinns genauso schlimm?“, fragte ich. Das hatte ich ihn schon lange einmal fragen wollen, aber nie hatte sich die passende Gelegenheit ergeben – bis jetzt.
„Nein. Das war etwas ganz anderes. Sicherlich gab und gibt es den einen oder anderen Arkoniden, die danach einige Tage mit Schwindelgefühlen oder Sichtfeldeinengungen zu kämpfen haben. Aber das sind leichte Nebenwirkungen, die von selbst wieder vergehen. Das ist etwas ganz anderes als eine Mentalstabilisierung. Die ARK SUMMIA ist etwas Schönes, ganz Besonderes – eine Mentalstabilisierung ist und bleibt ein Schreckenserlebnis.“
Damit schaute er auf sein Armbandchronometer. „Leider müssen wir unser Frühstück jetzt beenden. Mir hat es sehr gut geschmeckt, dir auch?“
„Klar“, grinste ich ihn an. „Bei der Gesellschaft und den Delikatessen …“
Er ging auf meinen Ton ein. „Also dann. Ein Roboter wird dich in den Vorraum des Festsaales bringen, dort wirst du schon erwartet. Ich darf nicht mit dir zusammen den Saal betreten. Die ganze Zeremonie wird nach festgelegtem Protokoll durchgeführt. Keine Sorge, es ist keine verborgene Prüfung mehr dabei. Du bist ein Laktrote und wirst gleich feierlich in die Gemeinschaft aufgenommen. Ich muss auch noch dein Schwert holen.“
Er stand auf und auch ich erhob mich. Das Frühstück war wunderbar gewesen und hatte in mir den letzten Rest Schwäche vertrieben. Ich fühlte mich wie immer, fit und unternehmungslustig. Ich war entschlossen, mich über gar nichts mehr zu wundern an diesem Tag.
Diese feste Absicht erschütterte Atlan jetzt schon, indem er beiläufig meinte: „Ich finde, es ist an der Zeit, dass du und dein Vater über einige Dinge der Erdgeschichte informiert werden, die von Sagen und Legenden in ein ganz falsches Licht gerückt wurden. Um deiner Frage zuvorzukommen: ja, ich habe sogar sehr oft mehr in die Erdgeschichte eingegriffen, als ich wollte. Aber mir blieb keine andere Wahl, um Schlimmeres zu verhüten.“
„Also wird es eine Erzählung von dir geben demnächst?“
„Nicht demnächst, sondern im Anschluss an die Zeremonie. Nur du und dein Vater, niemand anders.“
Ich konnte es kaum fassen. Atlan würde uns eine weitere Episode aus seinem langen Leben erzählen. Natürlich hatte ich schon viel an historischen Fakten von ihm erfahren, genau wie mein Vater, und auch vielen längeren Erzählungen gelauscht – immer wieder von Atlan fesselnd vorgetragen. Dies schien aber etwas ganz Besonderes zu werden nach seiner Ankündigung. Aber warum nur mein Vater und ich?
Gerade wollte ich zu einer entsprechenden Frage ansetzen, als er mich mit sanfter Gewalt aus der Kabine schob. Vor der Tür erwartete mich einer der im Solaren Imperium und bei der USO überall üblichen Informationsroboter.
„Ich bringe Sie zum Vorraum des großen Festsaals, Sir“, schnarrte die Maschine mit angenehm modulierter Stimme.
**********
In dem kleinen, gemütlich eingerichteten Vorraum, der auch der Vorbereitung bei diversen Anlässen diente, wartete die nächste Überraschung auf mich.
Mein Vater!
Lächelnd stand er aus einer gemütlichen Sitzecke auf, als ich den Raum betrat. So wie Atlan vermutet hatte, trug er Zivilkleidung, nicht die sonst übliche Uniform. Perry Rhodan in einem eleganten, dunklen Anzug war auch für mich als Sohn ein ungewöhnlicher Anblick, so sehr war ich entweder an seine übliche lindgrüne Flottenuniform oder saloppe Jeans mit T-Shirt oder Pullover und Turnschuhe gewöhnt.
„Hallo, Mike“, begrüßte er mich. „Ich bin heute als Vater hier, wie du siehst, nicht als Flottenchef oder Staatsmann.“
„Das sehe ich. Danke, dass du kommen konntest, Dad“, begrüßte ich ihn ebenfalls. Dann lagen wir uns in den Armen, ohne dass ich es wollte. Es ergab sich einfach so.
„Wie geht es dir?“, fragte er.
„Gut“, antwortete ich nur. Er nickte und schien nach Worten zu suchen. Wieder merkte ich, wie wenig wir im Grunde von uns wussten.
Mit keinem Wort fragte er nach der Prüfung oder meinen Empfindungen. Er schien zu spüren, dass ich nicht nur nichts sagen durfte, sondern es auch nicht von mir aus wollte. Das rechnete ich ihm hoch an.
„Mein Sohn als Meister des arkonidischen Dagor“, er schüttelte leicht verwundert den Kopf. „Wer hätte das gedacht.“
„Niemand“, antwortete ich leichthin. „Aber lag es nicht auf der Hand, nachdem ich auch die terranischen Kampfsportarten beherrsche?“
„Irgendwie ja“, meinte er nur. „Ich hätte es mir denken können, dass du nicht nur wie ich die Nahkampftechnik lernen wolltest, sondern auch die Philosophie, die dahinter steht. – Und – bringt sie dir persönlich etwas?“
Forschend sah er mich an.
„Ja“, antwortete ich frei heraus. „Es sind Regeln und Prinzipien, hinter denen ich voll und ganz stehe.“
„Genau wie Atlan“, fuhr er fort. „Was hältst du von der Theorie einiger terranischer Wissenschaftler, dass die Arkoniden niemals so sehr in die Dekadenz abgerutscht wären, wenn die Elite der Dagoristas nicht im Methankrieg vor 10.000 Jahren gefallen wäre?“
Ich lächelte vorsichtig. Genau daran hatte ich doch noch vor zwei Tagen gedacht, als ich an einen Baum gelehnt auf der Oberfläche von USTRAC meditiert hatte.
„Sehr viel, Dad. Diesen Verlust hat das Große Imperium nie mehr aufholen können. Die Werte und der Einfluss des Dagor fehlten.“
Ehe mein Vater antworten konnte, kam eine automatische Durchsage aus dem Lautsprecher: „Die Zeremonie beginnt gleich. Die Ehrengäste werden gebeten, den Festsaal aufzusuchen und ihre Plätze einzunehmen. Leutnant Rhodan, bitte halten Sie sich bereit. Ihre Ehreneskorte wird Sie gleich abholen.“
„Na dann“, lächelte mein Vater und verließ ohne ein weitres Wort den Raum.
Ich atmete einmal tief durch und wappnete mich für das Kommende. Einmal hatte ich bisher die Ehre gehabt, an der Seite von Atlan der Aufnahme eines neuen Laktroten unter die Dagoristas und der Überreichung seines Schwertes anwesend zu sein. Ich erinnerte mich daran, dass es schon als Zuschauer ein erhebendes Gefühl war.
Jeder hatte es dem damaligen neuen Laktroten angesehen, wie er mit seinen Gefühlen kämpfte.
**********
Obwohl ich mich innerlich gewappnet hatte, fiel es mir schwer, meine Beherrschung zu wahren. Zu viel stürmte auf mich ein.
Der Gang durch den Raum, flankiert von zwei hochrangigen Offizieren, war schon eine ganz besondere Sache. An der Stirnseite des Raumes erwartete mich die fünfköpfige Prüfungskommission. Alle trugen sie jetzt USO-Uniformen mit hohen Rangabzeichen. Etwas anderes hatte ich nicht erwartet. Ich wusste seit meinen Kindertagen, dass in der USO nicht nur Menschen und menschliche Kolonisten Dienst taten, sondern auch nichtmenschliche Intelligenzen. Für Atlan zählten nur Können und Charaktereigenschaften. Ihm war es egal, wo seine hochqualifizierten Soldaten und Spezialisten herkamen.
Die Arkonidin, die mich nach der Prüfung zusammen mit Atlan versorgt hatte, trug die Abzeichen einer Ärztin neben den Rangabzeichen eines Oberstleutnants. Sie lächelte mich freundlich an. Ihr Blick hatte etwas Mütterliches. Jetzt fiel es mir schwer, mir vorzustellen, wie hart, eiskalt und beherrscht sie mich vor der Prüfung gemustert hatte.
Kurz ließ ich meinen Blick über den Raum schweifen, ehe ich mich wieder auf die Gruppe um Atlan konzentrierte, die mich erwartete. Mein Vater stand im Kreise hochrangiger USO-Offiziere. Er im eleganten dunklen Anzug wirkte auf mich immer noch merkwürdig, besonders jetzt im Kreis der Offiziere. Von denen schien niemand darin etwas Ungewöhnliches zu sehen, obwohl sie ihn bisher wohl kaum mal so gesehen hatten. Immer wenn er auftrat, egal ob als Flottenchef oder als Staatsmann vor dem Parlament – immer trug er seine Flottenuniform mit seinen Rangabzeichen.
Vor der Gruppe der Dagor-Meister blieb ich stehen, legte die rechte Hand offen auf mein Herz und neigte respektvoll den Kopf, die Begrüßung nach alter arkonidischer Tradition.
Atlan stand einen Schritt vor den Übrigen. Er erwiderte meinen Gruß mit der gleichen Geste. Einen Moment musterte er mich ernst, dann sagte er mit lauter Stimme:
„Michael Rhodan, bist du bereit, dein zukünftiges Leben gemäß den alten, traditionellen Dagor-Regeln zu leben und jedem Leben, egal in welcher Form es dir begegnet, respektvoll und wertschätzend zu begegnen?“
„Ja, Laktrote“, antwortete ich ebenso laut und deutlich. Mein Herz schlug hart in der Brust. Ich fühlte die Schläge bis in den Hals. Die Erregung erfasste meinen gesamten Körper, ohne dass ich es verhindern konnte.
Nun lächelte Atlan. Ich legte meine Hände zusammen und er umfasste sie mit seinen. Fest schauten wir uns in die Augen. In seinen rotgoldenen Augen stand ganz deutlich ein anerkennender und stolzer Ausdruck.
Er drückte meine Hände zusammen, ich spürte die Wärme seiner Haut, als er die alt-überlieferten Worte sprach: „Ich nehme dich nach der bestandenen Prüfung in die Reihen der Dagoristas auf und verleihe dir den Titel eines Laktroten. Du hast bewiesen, dass du sowohl kämpfen als auch dich selbst beherrschen und die Bedürfnisse des Körpers dem Geist unterordnen kannst. – Du wirst deinen Weg machen, Michael!“
Das war es also! Jetzt war ich ein Dagorista, mehr noch: ein Laktrote, ein Meister! Meine Anspannung löste sich in einem befreiten Lächeln. Ich hatte es geschafft, auch dieses Ziel hatte ich erreicht! Stolz stieg in mir hoch. Ich spürte, wie sich mein Gesicht rötete. Sicherlich sahen das auch die Meister und die Ehrengäste. Gerade wollte ich die Augen senken, nach unten schauen, um meine Erregung zu verbergen, da sah ich noch, wie Atlan ganz leicht den Kopf schüttelte.
„Du darfst in diesem Augenblick deinen Gefühlen Raum geben. Dieser Stolz ist berechtigt. Unterdrücke ihn nicht, das erwartet niemand von dir, Mike“, flüsterte Atlan mir zu, so dass niemand außer uns beiden es hören konnte.
Ein kurzer Blick von ihm ging zu meinem Vater hinüber. Ich folgte ihm. Vater lächelte mir zu, auch in seinem Blick Anerkennung, Stolz und … Freude! Er verbarg seine Gefühle ebenfalls nicht.
Warum, zum Teufel, kann er mir das dann nicht sagen?, durchzuckte mich ein kurzer, unwilliger Gedanke. Sofort rief ich mich zur Ordnung. Immerhin konnte ich schon mal froh sein, dass er es überhaupt geschafft hatte, zu diesem für mich so wichtigen Tag zu kommen, wenn auch wieder mal mit Verspätung. Vor mir selbst gab ich zu, wie sehr ich mich darüber freute.
Die arkonidische Ärztin trat einen Schritt vor und hielt Atlan etwas hin, das noch mit einem wunderschönen Samttuch verdeckt war. Mein Lehrmeister hob das Tuch und gab es weiter an den hinter ihm stehenden Dagorista.
Dann hielt er mir ein Schwert hin – aber was für ein Schwert! Reich verziert, offensichtlich aus Arkonstahl, mit arkonidischen Schriftzeichen am Griff. Ich blickte es genauer an und sah die Zeichen für Ehre, Ehrlichkeit, Freiheit, Mut, Tapferkeit, Beherrschung. Das größte Symbol drückte den Respekt für alles Leben aus – die Prinzipien des Dagor. Dem Stil nach schien es in das irdische Mittelalter zu gehören, aber ich ging davon aus, dass so einige technische Raffinessen eingebaut waren.
Im Stil des irdischen Mittelalters? Meine Gedanken überschlugen sich. Sicher, die Dagoristas trugen Schwerter, die im Stil eher als historisch anzusehen waren, natürlich mit den in unserem Zeitalter üblichen technischen „Spielereien“. Aber gerade irdisches Mittelalter? Durch Atlans Unterricht war ich über die terranische „Frühgeschichte“ sehr gut informiert. Seit dem kosmischen Zeitalter, das mit dem Mondflug meines Vaters begonnen hatte, bezeichneten Historiker die Zeit davor gerne in ihrer Gesamtheit als „Terranische Frühgeschichte“ und die bis dahin übliche Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit als Unterepochen.
 Aus Atlans Gesichtsausdruck las ich heraus, dass noch eine gewaltige Überraschung auf mich zukommen würde. Er ließ mich auch nicht länger warten.
„Meine Damen und Herren“, sprach er die gesamte Versammlung an. „Sie werden gleich etwas hören, das den Meisten von Ihnen nicht viel sagen wird. Aber für diejenigen, die sich ein wenig in der terranischen Frühgeschichte auskennen, wird der Schleier über einem ganz bestimmten Mythos des irdischen Mittelalters ein ganz kleines Stück angehoben.“
Das Lächeln verschwand aus Atlans Gesicht, als er weiter sprach: „Sie können sich dann Ihre eigenen Gedanken über eine gewisse Sage machen, Fragen werde ich nicht beantworten.“
Das Gesicht meines Vaters wurde zur ausdruckslosen Maske, die ich sehr gut kannte. Immer, wenn er sehr angespannt und aufmerksam war, reagierte er so. Er und ich wussten, dass Atlan keinen Wert darauf legte, gewisse Sagen und Legenden der irdischen Geschichte aufzuklären, noch nicht einmal seinem besten Freund gegenüber. Wir vermuteten, dass Atlan viel mehr in die Abläufe der Geschichte eingegriffen hatte, als wir bisher wussten – und gerade das hatte er mir gerade eben selbst bestätigt! Ich persönlich war der Meinung, dass er zu manchen Zeiten hatte eingreifen müssen, weil sonst ganze Völker keine Chance auf ein Überleben gehabt hätten, vielleicht sogar die ganze Erde nicht.
Atlan reichte mir das Schwert. In meinem Hals stieg ein dicker Kloß auf, als ich es berührte. Arkonstahl – wie vermutet!
Atlans Blick hielt meinen fest. Ich konnte nicht anders, ich musste ihm fest in die Augen sehen.
„Michael“, hörte ich seine Stimme ganz nahe, ganz deutlich und sehr ernst. Es schwang eine gewisse Härte darin mit. „Dieses Schwert ist fast zweitausend Jahre alt. Die Maschinen meiner Kuppel fertigten es. Es war von Anfang an ein Schwert der Magie für die Menschen und es ranken sich bis heute zahlreiche Legenden darum. Zweimal schenkte ich es einem irdischen König. Beide Male kam es nach dessen Tod zu mir zurück. Seitdem ist es bei mir geblieben und im Dunkel der terranischen Frühgeschichte verschwunden.“
Vorsichtig strich ich über das Schwert.
Langsam und deutlich betont fuhr Atlan fort: „Ich gebe es dir jetzt, weil ich sicher bin, dass du die Botschaft dieses Schwertes verstehst und sie immer befolgst, egal was mit dir geschieht.“
Er machte eine Pause und blickte mich auffordernd an. Ich wusste, was er erwartete.
„Das verspreche ich dir bei allen Sternengöttern“, schwor ich den Eid, der mich für alle Zeiten nach dem alten Ehrenkodex band. Das leichte Zittern meiner Stimme konnte ich nicht verhindern. Ich hatte einen bestimmten Verdacht über das Schwert – aber nein, das konnte nicht sein, denn Atlan erwähnte zwei Könige, nicht einen, nach dessen Tod dieses Schwert im See der Feen versank, jedenfalls in der Legende, die ich kannte.
„Möge dieses Schwert dir nur Glück bringen und auf ewig bei dir bleiben“, bestätigte er.
Damit wandte er sich von mir ab und auch allen anderen zu. „Dieses Schwert trägt in der terranischen Geschichte den Namen Excalibur!“
Ein riesiges Loch tat sich in mir auf. Excalibur! Also doch! Meine Gedanken wirbelten. Dass Atlan damals der Merlin von Britannien war, wusste ich, das hatte er mir vor gar nicht langer Zeit verraten. Aber mehr nicht! Noch nicht einmal, ob König Artus damals wirklich gelebt hatte und die Tafelrunde Wahrheit oder Legende war.
Auf jeden Fall wurde mir in diesem Augenblick erst wirklich klar, wie sehr Atlan mich schätzte, dass er mir dieses Schwert überreichte. Ich schwor mir, ihn nie zu enttäuschen! An mehr konnte ich in diesem Augenblick gar nicht denken.
Vorsichtig blickte ich zu meinem Vater. Der schien ebenfalls fassungslos zu sein. Es war, wenn ich mich recht erinnerte, das erste Mal in meinem Leben, dass ich ihn so sah. Seine ausdruckslose Maske war einem offenen Erstaunen gewichen.
Von den anderen Anwesenden schien niemand die ganze Tragweite von Atlans Erklärung nachvollziehen zu können. Es war heute auch eher selten, dass jemand so gute Kenntnisse dieser terranischen Zeit hatte. Für die meisten begann die Geschichte der Menschheit erst richtig mit dem Mondflug meines Vaters. Alles andere davor war für sie eher unbedeutend. Sogar in den terranischen Schulen wurden diese Jahrtausende im Unterricht nur gestreift. Da blieb keine Zeit für ungeklärte Sagen und Legenden …
Atlan lächelte jetzt wieder freundlich und flüsterte mir zu: „Noch heute werde ich deinem Vater und dir die Wahrheit über die Legende von König Artus und der Tafelrunde erzählen.“
Mein Erstaunen wuchs noch mehr. Ich konnte kaum noch einen geordneten Gedanken fassen.
„Hole einmal tief Luft und beruhige dich“, flüsterte Atlan. „So etwas sollte dich doch nicht von den Füßen holen, Laktrote.“ Er schüttelte leicht verweisend den Kopf. In seinen Augen tauchte ein leicht ironischer Ausdruck auf.
**********

Prolog 2:
Bericht: Perry Rhodan

Dabei hatte ich nun geglaubt, als „Sofortumschalter“ mit dieser Situation genau wie mit sehr vielen anderen sofort zurechtzukommen!
Weit gefehlt! Ich war fassungslos und konnte dies nicht mehr unterdrücken. Das war nun also meine so sprichwörtliche Selbstbeherrschung, die meine Freunde immer wieder lobten – und worunter ich selbst manchmal litt, weil es mir nicht die Möglichkeit gab, einmal aus mir selbst herauszukommen. Immer, wenn ich es versuchte, scheiterte es an diesem oder jenem. Manchmal machte mich das innerlich richtig wütend, aber ich konnte nicht aus meiner Haut heraus, so gern ich es auch wollte.
Gerade jetzt wäre ich so gerne zu meinem Sohn hingegangen, hätte ihn, allem Protokoll zum Trotz, einfach in den Arm genommen und ihm versichert, wie stolz ich auf ihn war und dieses Gefühl, was es bedeutete, von Atlan das sagenhafte Schwert Excalibur geschenkt zu bekommen, gemeinsam genossen.
Ich schaffte es wieder nicht! Irgendetwas hielt mich davon ab, sowohl in mir selbst als auch vermeinte ich eine gewisse Distanz und Ablehnung in der Körperhaltung von Mike wahrzunehmen. Dabei sah ich genau, wie er ebenfalls mit seiner Fassung kämpfte. Schwankte er nicht sogar ein wenig?
Um mich abzulenken, wandte ich meine Aufmerksamkeit dem sagenhaften Schwert zu. Blitzschnell sortierte ich in meinen Gedanken, was ich über Excalibur wusste und was ich von Atlans Wirken in dieser Epoche meines Heimatplaneten wusste.
Mit der Sage vom ruhmreichen Königs Artus oder Arthur war ich genau wie Gleichaltrige in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgewachsen. Wer von uns hatte nicht fasziniert die Abenteuer des heldenhaften Königs, der Britannien geeint und befriedet hatte, verfolgt. Da gab es die beliebten Hefte mit den Comiczeichnungen genauso wie die ersten Filme dazu. Wir hielten die Sage vom König Artus, seiner Tafelrunde und Camelot damals für Tatsache, zumal es nur diese eine Version davon für uns gab. Eine andere wurde uns – auch im Schulunterricht – nicht vermittelt.
Erst viel später, als ich schon Risikopilot war, erfuhr ich, dass es noch weitere Fassungen der Artus-Sage gab und dass sich die Historiker noch nicht einmal darüber einig waren, zu welcher Zeit genau Artus gelebt hatte und ob es ihn überhaupt gab bzw. ob er nur eine legendäre Gestalt war.
Immer aber spielte dieses sagenhafte Schwert eine Rolle: Excalibur, das Schwert, das König Arthur zu seinem Ruhm verhalf, ihn nach der Sage unverwundbar machte, bis er es verlor, es im „See der Feen“ verschwand und Artus starb, seine Tafelrunde sich auflöste und Camelot zerstört wurde.
Über Jahrhunderte war dieses Schwert im Dunkel der Geschichte verschwunden, bis dann der ebenfalls legendäre englische König Richard Löwenherz behauptete, sein Schwert wäre Excalibur. Obwohl diese Aussage nach alten Dokumenten von Historikern eindeutig belegt werden konnte, hielten viele es für politische Propaganda von Richard Löwenherz, da niemand sich vorstellen konnte, wie das Schwert denn in seinen Besitz gelangt sein mochte.
Heute und hier, wo Atlan gerade eben dieses legendäre Schwert präsentierte, indem er es meinem Sohn als sein persönliches Dagor-Schwert schenkte, bekamen diese alten Legenden für mich plötzlich einen ganz anderen Stellenwert.
Meine Gedanken verloren sich in Spekulationen. Ich rief mich zur Ordnung. Es mochten sich faszinierende Möglichkeiten ergeben, aber bis jetzt konnte ich nur sicher sein, dass es Excalibur wirklich gab und dass Atlan dieses Schwert vor meinem Sohn zwei irdischen Königen geschenkt hatte.
Natürlich wusste ich, dass Atlan zur fraglichen Zeit der Tafelrunde als Merlin in Britannien gewirkt hatte. Genau erinnerte ich mich noch daran, wie er gelächelt hatte, als er mich korrigierte, er wäre nicht Merlin aus der Artus-Sage, sondern der Merlin von Britannien gewesen, nicht ein alter Weiser eines Königs, sondern der Führer der Druiden, der sich mit all seiner Kraft für die Einigung der zahlreichen britischen Stämme eingesetzt hatte. Bis heute hatte Atlan sich nicht dazu geäußert, ob Artus wirklich gelebt hat.
Insofern – wenn Atlan das Schwert tatsächlich Artus geschenkt hatte, dann konnte die Sache mit Richard Löwenherz der Wahrheit entsprechen. Dann war es nicht im „See der Feen“ versunken, sondern Atlan hatte es wieder an sich genommen.
Als ich sah, wie Atlan plötzlich zusammenzuckte, obwohl dafür kein offensichtlicher Grund vorlag, brach ich meine Überlegungen abrupt ab.
Sofort war mir klar, dass sein fotografisches Gedächtnis angesprochen hatte. Anscheinend war die Erinnerung an seine damaligen Erlebnisse so übermächtig, dass sie ihn zu überwältigen begann. Ich kannte das bei Atlan schon seit Jahrhunderten. Erlebnisse, die entweder eine direkte Verbindung zu gegenwärtigen Ereignissen aufwiesen oder Erlebnisse, die ihn damals sehr stark psychisch beansprucht hatten, lösten bei ihm einen Erinnerungsschub aus, dem er sich nicht entziehen konnte. Nach einer gewissen Zeit, in der er sich noch wehren konnte, übernahm sein aktivierter Extrasinn die Steuerung über seinen Geist und seinen Körper. Er musste sich dann regelrecht die Erlebnisse von der Seele reden, um danach wieder klar denken und handeln zu können.
Jemand, der Atlan nicht so gut kannte wie Mike oder ich oder andere gute Freunde, erkannte die ersten Anzeichen gar nicht, sondern wurde erst aufmerksam, wenn Atlan dem Erzählzwang nicht mehr widerstehen konnte.
Da hier außer dem Schwert kein Schlüsselreiz vorhanden war, mussten seine Erlebnisse damals ihn stark bewegt haben.
Ein Blick auf Mike zeigte mir, dass er die ersten Anzeichen genau wie ich erkannt hatte. Sein Körper spannte sich kaum merklich an.
Also gut, dachte ich, dann müssen mein Sohn und ich zusammen Atlan hier herausbringen. Einmal brauchte Atlan keine Zuschauer, wenn er unter dem Zwang seines Extrasinns berichtete, eben weil er dabei völlig handlungsunfähig war, so sehr, dass er sich im Falle eines Angriffs nicht einmal selbst verteidigen konnte. Andere mussten in diesen Stunden für ihn einstehen. Zum anderen konnte ich mir sehr gut vorstellen, dass mein bester Freund keinen Wert darauf legte, die Wahrheit über die Sage von Camelot und der Tafelrunde einem größeren Kreis von Zuhörern mitzuteilen. Wenn er bis jetzt geschwiegen hatte, auch seinen engsten Freunden gegenüber, hatte er dafür sehr gute Gründe gehabt.
Ein schneller Rundblick überzeugte mich davon, dass niemand von den Gästen bisher Atlans Probleme bemerkt hatte. Damit traf ich die Entscheidung, meine übliche Zeitnot bewusst als Grund anzuführen, die Feier abzubrechen. Eigentlich war noch ein Galadiner vorgesehen, mit dem Mikes Ernennung zum Dagor-Meister gefeiert werden sollte. Aber diese Zeit würde Atlan nie schaffen, ohne dem Erzählzwang zu unterliegen. Mir tat es leid für Mike, der damit wieder einmal auf etwas verzichten musste, worauf er sich sicherlich schon freute. Aber vielleicht würde eine Erzählung von Atlan aus seiner Verbannungszeit auf der Erde ihn mehr als reichlich für jedes Galadiner entschädigen. Er war genau wie ich immer wieder fasziniert von den Einblicken in die wahre Geschichte unseres Heimatplaneten, die Atlan uns vermittelte.
Freundlich lächelnd nickte ich den hohen USO-Offizieren zu, in deren Kreis ich stand. Mit schnellen Schritten ging ich auf Atlan und meinen Sohn zu. Ein kurzer Blick auf Mike bestätigte mir, dass er genau erfasst hatte, worum es jetzt ging. Stolz stieg in mir auf. Er reagierte so, wie ich es mir immer von ihm erhoffte.
Ich wandte mich an ihn und nickte Atlan kurz zu. Das Gesicht meines Freundes wirkte angespannt, die Augen leicht verschleiert. Also schien der Extrasinn diesmal schnell und mit voller Gewalt zuzupacken, ein weiteres Indiz dafür, dass ihn die damaligen Ereignisse emotionell sehr mitgenommen hatten.
„Darf ich der Erste sein, der dir zu deinem Erfolg, der Aufnahme unter die Dagoristas und deiner Ernennung zum Dagor-Meister gratuliert, Mike?“
Ich bot Michael die Hand und er schlug sofort ein. „Danke, Dad“, antwortete er nur mit rauer Stimme. Er stand noch voll unter dem Bann der Situation. In seinen Augen leuchteten Stolz und unverhüllte Freude auf – Stolz auf seine Leistung und Freude über dieses Lob. Sofort dachte ich wieder an die wiederholten Hinweise von Atlan, wie sehr sich mein Sohn gerade über Lob von mir freuen würde. Lob von anderen war ihm nicht so wichtig, für ihn zählte vor allem die Anerkennung durch mich, seinen Vater! Ich schalt mich selbst einen Narren, dass ich es nicht schaffte, über meinen Schatten zu springen! Nicht nur, dass ich Michael so viel versagte, auch mir selbst! Wie schön wäre es, zusammen mit meinem Sohn, auf den ich im Innersten so stolz war, diese Gefühle teilen zu können.
Einen Moment war ich versucht, mit meinen schwachen telepathischen Gaben nach Mike zu greifen. Nicht, um ihn zu „auszuhorchen“, sondern einfach nur, weil ich eben diese Gefühle mit ihm teilen wollte. Im letzten Augenblick konnte ich mich zurückhalten. Nicht nur, dass ich an seiner Mentalstabilisierung gescheitert wäre, er hätte gerade durch die Mentalstabilisierung meinen Versuch als leichtes Ziehen im Kopf bemerkt. Damit hätte ich mir jedes Vertrauen seitens meines Sohnes selbst zunichte gemacht.
Zu Atlan flüsterte ich: „Mike und ich bringen dich hier heraus, alter Freund.“
Der Arkonide lächelte matt. „Schön, wenn man sich so auf Freunde verlassen kann. Diesmal spricht der fotografische Gedächtnisteil sehr schnell an.“
„Dann waren damals deine Erlebnisse sehr aufwühlend“, ergänzte Mike genauso leise. Der Junge wusste, worauf es jetzt ankam. Das bewies er auch mit seiner Frage an mich: „Auf die CREST IV?“
„Das ist wohl das Beste, da sind wir ungestört“, antwortete ich ihm.
Ich drehte mich um und wandte mich sowohl an die Gruppe der Dagor-Meister als auch an die anderen Versammelten.
„Meine Damen und Herren, ich möchte Sie bitten, meinem Sohn nun auch Ihre Glückwünsche auszusprechen. Leider erlaubt es meine Zeit nicht mehr, an dem geplanten Galadiner teilzunehmen. Bitte haben Sie dafür Verständnis. Überhaupt mein Besuch hat meinen Terminplan durcheinander gebracht. Aber ich wollte unbedingt dabei sein und meinem Sohn zu diesem für ihn so wichtigen Erfolg persönlich gratulieren. Nun werde ich an Bord der CREST IV erwartet. Es tut mir sehr leid, besonders für dich, Mike.“
Der winkte nur ab und ging voll auf das Spiel ein. „Ich freue mich, dass du überhaupt kommen konntest, Dad. Ich nehme an, du fliegst von hier aus wieder zur Erde. Bist du einverstanden, dass ich mitkomme? So weit ich weiß, wirst du auch dort erwartet?“, wandte er sich direkt an Atlan.
„Ja, das würde passen“, meinte dieser. Ich merkte genau, wie sehr er sich anstrengen musste, sich nichts anmerken zu lassen. Sein Gesicht wurde merklich blasser. Die arkonidische Ärztin musterte ihn eindringlich.
„Dann fliegen wir doch alle zusammen“, schlug Mike vor.
Der Junge kann denken und organisieren, dachte ich stolz.
Die Ärztin, die als Arkonidin aus einem Adelsgeschlecht ebenfalls die ARK SUMMIA, die Gehirnaktivierung erhalten hatte, fragte Atlan direkt: „Ihr Extrasinn, Sir?“
„Ja, Doc. Ich ziehe mich mit Perry und Mike auf die CREST IV zurück. Da haben wir Ruhe.“
„Gut. Brauchen Sie ein Beruhigungsmittel?“
„Ich glaube nicht. Wenn wir hier schnell herauskommen, wird es ohne gehen.“
Sie nickte nur und nahm Mike kurz in den Arm. „Herzlichen Glückwunsch, Michael. Sie werden Ihren Weg machen, da bin ich mir ganz sicher. Übrigens: Sie haben Ihre Prüfung wirklich gut bestanden, das kann ich Ihnen versichern. Unser verehrter Atlan hat Sie bis zum Äußersten getrieben. Sie können wirklich sehr viel ertragen und sich hervorragend beherrschen. Nutzen Sie diese Gaben klug!“
Mike starrte die Arkonidin verblüfft an.
„Ja“, fiel Atlan ein. „Du kannst wirklich sehr zufrieden sein. Ich habe dir Excalibur nicht ohne Grund gegeben.“
Bei diesen Worten zuckte er zusammen und sein Gesicht verlor noch mehr Farbe. Es wurde Zeit.
Nacheinander kamen die anderen näher und gratulierten Michael der Reihe nach. Aufmerksam beobachte ich meinen Sohn und wurde immer stolzer auf ihn. Seine Freude war ihm anzusehen, auch seine Erleichterung, das Ziel, das er sich selbst gesetzt hatte, erreicht zu haben. Aber er wirkte in keiner Weise überheblich – im Gegenteil! Jeder, der ihn unvoreingenommen jetzt sah, freute sich mit ihm!
Die Offiziere machten es kurz. Mein Hinweis auf meinen direkt bevorstehenden Abflug wirkte wunschgemäß.
Zum Abschluss wünschte Atlan den Damen und Herren noch einmal guten Appetit beim Diner und entschuldigte uns. Ich hatte den Eindruck, als ob außer der Ärztin, die selbst sehr gut wusste, wie dieser fotografische Gedächtnisteil sich auswirken konnte, niemand Atlans Problem bemerkt hatte, zum Glück!
Atlan und Michael verzichteten darauf, ihre persönlichen Sachen von Dienstrobotern holen und zur CREST IV bringen zu lassen. Atlan hatte ohnehin seine feste Kabine auf dem Chefdeck meines Flaggschiffs und Michael würde dort auch das finden, was er benötigte.
Ein robotgesteuerter Gleiter brachte uns zum Raumhafen. Atlan war in sich gekehrt. Anscheinend waren seine Gedanken teilweise hier bei uns und teilweise schon in der Vergangenheit. Über mein Armbandtelekom rief ich meinen Flaggschiffkommandanten, den Epsaler Oberst Merlin Akran an.
„Bitte keinen großen Bahnhof, Oberst. Ich komme mit Atlan und meinem Sohn an Bord. Wir kommen gar nicht erst in die Zentrale, sondern gehen gleich in meine Kabine. Bitte starten Sie so bald wie möglich nach Terra, wenn wir an Bord sind.“
„Ja, Sir“, kam nur zurück. Keine Rückfragen, auf Oberst Akran sowie auf die gesamte Mannschaft des Flaggschiffs konnte ich mich jederzeit verlassen. Es waren Elitesoldaten. Michaels Gesicht wurde nachdenklich. Was mochte er jetzt gerade denken? Er schien aufmerksam zu beobachten.
Das Schleusenwachkommando stand unter der Leitung eines Majors. Er stellte ebenfalls keine Fragen und begrüßte Atlan und mich respektvoll unserem hohen Rang entsprechend.
Michael dagegen salutierte gemäß militärischem Reglement vor dem Major als ranghöherem Offizier. „Guten Tag, Sir.“
Der erwiderte freundlich den Gruß.
Als wir im zentralen Antigravlift nach oben schwebten, meinte Atlan nur anzüglich: „Nicht so hetzen, Barbar. Ich schlage vor, wir ziehen uns erst alle um. So viel Zeit habe ich noch, bevor dieser verdammte Extrasinn mich komplett beherrscht. In Paradeuniform und feinem Anzug ist es so unbequem. Das müssen wir uns nicht antun.“
Oberst Akran hatte schnell gehandelt. Vor meiner Kabine wartete der Quartiermeister des Schiffes, der Michael eine der Gastkabinen für bevorzugte Gäste auf dem Chefeck anwies.
Während er darin verschwand, um sich schnell umzuziehen, begleitete ich Atlan in dessen Kabine. Der Bedienungsroboter half ihm, die Paradeuniform abzulegen und sich stattdessen eine normale schwarze USO-Bordkombination anzuziehen. Atlan war auch hier voll eingerichtet. Es hatte sich als sinnvoll erwiesen, weil er öfter für längere Zeit hier weilte.
Nachdem wir uns mit Michael wieder in meiner Kabine trafen, schob ich Atlan mit sanfter Gewalt auf mein Bett und entledigte mich nebenan endlich dieses schrecklichen Anzuges. Er war für mich mehr als ungewohnt. Kein Wunder, dass Michael mich so erstaunt angesehen hatte vor der Feier. In meiner gewohnten Bordkombination fühlte ich mich wohler.
„Medoroboter?“, fragte ich meinen Freund nur kurz.
Der schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Es geht so.“
Michael drückte ihm ein Glas mit einer hellroten Flüssigkeit in die Hand. „Fruchtsaft mit Energy-Drink gemixt“, lächelte er.
Kompliment, dachte ich bei mir. Der Junge denkt wirklich an alles.
Er ließ sich zwanglos in einem gemütlichen Sessel nieder. Auf seinen Knien lag das sagenhafte Schwert Excalibur. Er trug genau wie Atlan die normale Bordkombination der USO. Die Schiffe von Flotte und USO führten in ihrem Ausrüstungsbestand auch Kleidung der jeweils anderen Organisation mit sich – terranische Gründlichkeit, über die viele andere Völker der Galaxis immer noch lachten – bis sie dann selbst in bestimmten Situationen bemerkten, wie wichtig diese Gründlichkeit war!
„Was möchtest du, Dad?“
„Einen Kaffee“, antwortete ich. Mike lächelte, ließ von dem Servoroboter für mich einen großen Becher servieren und entschied sich selbst für den gleichen Energy-Drink wie Atlan. Anscheinend war er entweder emotionell stark aufgewühlt oder spürte immer noch die Nachwirkungen der Anstrengungen seiner Prüfung. Wenn ich die Ärztin richtig verstanden hatte, war es dabei extrem hart zur Sache gegangen.
Er strich vorsichtig über die Schneide des herrlichen Schwertes. Excalibur – wer hätte gedacht, dass wir einst dieses sagenhafte Schwert wirklich sehen und anfassen würden?
„Darf ich es einmal genauer betrachten?“, fragte ich.
Wortlos reichte er es mir. Prüfend wog ich es in der Hand. Es war leicht, viel leichter, als es nach dem optischen Eindruck hätte sein müssen. Natürlich, es musste der damals üblichen Norm entsprechen – ein wenig anders und auffällig, ja – aber immer noch im Rahmen.
„Die Schneide kann auf Desintegratorwirkung geschaltet werden“, meldete Atlan sich. „Und es enthält sowohl Schutzschirmprojektor als auch Lähmstrahler.“ Seine Stimme klang ein wenig kräftiger. Anscheinend tat ihm das Gebräu gut, das Mike ihm gemixt hatte.
„Wenn ich jetzt vermute, dass König Artus wirklich gelebt hat und du ihn gekannt, ihm dieses Schwert geschenkt hast, dann haben wir darin wohl den Grund für seine Unverwundbarkeit und Unbesiegbarkeit, die in den Legenden immer wieder beschrieben wird“, stellte Michael fest.
„Tüchtig, junger Höhlenwilder“, meinte Atlan anerkennend. „Dann habe ich es ja doch geschafft, dir ein wenig Denken beizubringen.“
Michael grinste nur zur Antwort. Es versetzte mir einerseits einen Stich, wie gut die beiden sich verstanden, auf der anderen Seite freute ich mich auch darüber. Zum Glück hatten Atlan und ich uns gleich zu Beginn, als Michael noch ein Kind war und wir bemerkten, dass er in Atlan einen zweiten Vater sah, gründlich darüber ausgesprochen. Ich möchte nicht an die Komplikationen denken, die sonst sicher aufgetreten wären.
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Atlan stopfte sich mein Kopfkissen in den Rücken und lehnte sich bequem zurück. Es war deutlich zu sehen, wie er dem Zwang seines fotografischen Gedächtnisses nachgab.
„Bitte schalte die Bandaufzeichnung ein“, meinte er zu mir. Wortlos folgte ich seinem Wunsch und machte es mir genau wie Mike in einem Sessel bequem. Wir wussten, dass eine lange Erzählung auf uns zukommen würde. Wenn Atlan einmal begann, konnte er nicht mehr unterbrechen. Er erzählte immer weiter, bis er am Ende war, sich von diesem Teil seiner Erinnerungen befreit hatte.
„Ihr werdet jetzt gleich die Wahrheit über eine Legende erfahren, die inzwischen in zahlreichen Versionen erzählt wird. Terranische Historiker genauso wie Schriftsteller rätseln nach wie vor darüber, wie es damals wirklich war. Bisher habe ich alle Anfragen, hier Aufklärung zu leisten, abgelehnt. Das wisst Ihr. Noch nicht einmal Euch habe ich bisher erzählt, wie es zu dieser Zeit war in Britannien. Über dieses sogenannte „Dunkle Zeitalter“ existieren kaum Aufzeichnungen. Die Römer hatten gerade das Land verlassen und die wilden britannischen Stämme kannten keine Schriftaufzeichnungen. Gerade das macht es den Wissenschaftlern so schwer, hier irgendetwas, egal was zu enträtseln.
Bis vor einigen Tagen habe ich es für richtig gehalten, auch Euch die Wahrheit über die Legende von König Artus zu verschweigen. Es war einer jener Zeitpunkte, an denen ich mehr in die Geschichte eingegriffen habe, als ich es selbst wollte. Ich kann Euch versichern, dass ich an vielen dieser ‚Rätsel der Geschichte’ beteiligt oder sogar für sie verantwortlich bin.“
Er holte tief Luft und nahm einen Schluck Saft. Anscheinend überlegte er, wie er fortfahren sollte. Ich half ihm aus der Verlegenheit.
„Und du denkst, viele Menschen könnten dieses Wissen nicht verkraften, dass ein gestrandeter Arkoniden-Admiral ihren Planeten geschützt und verteidigt hat, dass die Menschheit es letztendlich ihm zu verdanken hat, den Weg zu den Sternen gefunden zu haben.“
Er zuckte die Schultern. Michael brachte es auf den Punkt, klar und präzise: „Und du selbst wolltest dich auch an diese Dinge nicht erinnern, weil es Erlebnisse waren, die dich bis heute noch belasten. – Entschuldigung, ich wollte dir nicht auf die Füße treten“, ergänzte er noch.
Atlans Gesicht war ausdruckslos, während er Michael musterte. Der erwiderte seinen Blick offen. „Du trittst mir nicht auf die Füße, junger Höhlenwilder. Du nennst nur Tatsachen, offen und ehrlich. Das schätze ich sehr, wie du weißt.“
Als er nicht gleich fortfuhr, wurde ich sehr aufmerksam. Ich kannte Atlan sehr gut und hatte das bestimmte Gefühl, dass diesmal etwas anders war als bei seinen sonstigen Berichten. Meine Spannung stieg.
„Nun hatte ich mich schon vor einigen Wochen dazu entschieden, wenn du deine Prüfung zum Dagor-Meister abgelegt hast, dir Excalibur zu schenken. Ich denke, du bist genau der Richtige für dieses Schwert. Du verstehst seine Botschaft und wirst sie auch immer beherzigen.“
„Ja. Ich kann die arkonidischen Schriftzeichen sehr gut entziffern und ihren Sinn deuten. Keine Sorge, Lehrmeister. Diese Zeichen symbolisieren genau das, was ich zusammengefasst unter dem Begriff ‚Leben’ verstehe.“
Michaels Gesicht wurde hart, so hart wie ich ihn bisher nur einmal gesehen hatte, nach diesem wahnsinnigen Lehrgang, der ihn und seine Kameraden beinahe das Leben gekostet hätte.
„Genau wie dir habe ich versucht, zwei Königen diese Botschaft zu vermitteln. Ihr vermutet sicherlich richtig, dass diese Könige Artus und Richard Löwenherz waren. Zweimal kam das Schwert zu mir zurück nach dem Tod der Könige. Beide starben unter tragischen Umständen, einer war mein Schüler, der andere mein Freund. Danach habe ich Excalibur behalten, weil ich vor dir nie wieder eine Frau oder einen Mann in der irdischen Geschichte fand, die dieses Schwert verdient hätten.“
Michaels Gesicht wurde rot, glühte regelrecht. „Danke noch mal für das Vertrauen, Lehrmeister“, brachte er nur stockend hervor. Atlan winkte ab.
„Darüber brauchen wir nicht noch einmal zu sprechen. Nun wollte ich aber trotzdem, obwohl ich dir Excalibur zugedacht hatte, nicht über meine Erlebnisse damals sprechen – aus genau den Gründen, die du eben selbst erwähnt hast. Allerdings war ein anderes Wesen, das dein Vater und ich sehr gut kennen, anderer Meinung.“
Ich schnappte unwillkürlich nach Luft. Das konnte nur eines bedeuten …
„ES“, fuhr Atlan auch schon fort, direkt an Michael gewandt. „Das Geistwesen von Wanderer, dem dein Vater und ich unsere potenzielle Unsterblichkeit verdanken, hat sich bei mir gemeldet. Natürlich wieder in seiner üblichen Art.“
Er hob nur resignierend die Schultern. „Wenn ES jemanden zu sprechen wünscht, dann gibt es kein ‚nein’. Also hat ES mich in seiner üblichen Art daran erinnert, dass ich die Erde damals in seinem Auftrag gegen die Druuf verteidigt habe, weil er die Erde schon sehr lange schätzt und über dieses kleine System am Rande der Milchstraße wacht. ES wachte die ganzen zehn Jahrtausende, die für ihn nur den Bruchteil dieser Zeit bedeuten und schon lange vorher über die Menschen.“
„Ich habe es geahnt“, sagte ich gedehnt. Ein Gedanke kam mir, den ich nicht auszusprechen wagte. Atlan wandte den Blick nicht von Michael ab, als er antwortete.
„Ich weiß, was du jetzt denkst, kleiner Barbar. Genau das habe ich ES auch gefragt. Er gab mir keine Antwort. Also muss ich – wir alle – weiterhin darüber spekulieren, ob ES auch dabei seine nichtkörperliche Hand im Spiel hatte, dass ich niemals die Möglichkeit hatte, wieder zurück nach Arkon zu kommen.“
Mir fiel sofort auf, dass mein Freund nicht „nach Hause“ gesagt hatte. Arkon war schon lange nicht mehr seine Heimat, sondern die Erde. Er hatte sich schon damals, als er als Imperator von Arkon abdankte, endgültig für die Erde und die Menschen entschieden.
„Vor diesem Hintergrund denke ich, dass ES deine Heimkehr bewusst verhinderte“, sagte Michael mit belegter Stimme. Anscheinend mochte er seine Gedanken nicht aussprechen, um Atlan nicht zu verletzen. „Du warst hier verbannt, unter Barbaren, weil ES deine Hilfe brauchte, um die Erde zu verteidigen, gegen wen auch immer. Vielleicht verrät er es uns ja eines Tages mal. Es war deine Aufgabe, uns, den Menschen, den Weg zu den Sternen zu zeigen.“
Dazu gab es nichts weiter zu sagen. Deshalb schwieg ich.
Atlan holte tief Luft. „Nun ist ES auch der Meinung, dass es an der Zeit ist, mein Schweigen über gewisse Dinge Euch beiden gegenüber zu brechen. ‚Mein und sein bester Freund und seinem Sohn’ nannte er das. ES schätzt dich sehr, Perry. Er versicherte mir, dass er manchmal sehr gerne direkt eingreifen würde, aber auch er muss sich an die Regeln der Kosmischen Mächte halten, die ihm gerade das verbieten.“
Ich überlegte kurz. „Hat ES dir nun endlich gesagt, wer diese mysteriösen ‚Kosmischen Mächte’ sind? Es würde mich wirklich interessieren.“
Atlan lachte kurz auf. „Nicht nur dich. Mich genauso. Aber - wieder mal – habe ich auf diese Frage keine Antwort bekommen. ES meinte nur, unterstrichen von seinem üblichen Gelächter, dass wir dieses Geheimnis lüften würden, wenn es Zeit dafür wäre. Seine üblichen rätselhaften Äußerungen also. ES sagte:
Ihr werdet in der nächsten Zeit sehr viel kämpfen müssen für die Menschheit. Du, dein bester Freund Perry Rhodan und sein Sohn Michael, den ich weiterhin genau beobachten werde. Der Junge gefällt mir sehr gut, genau wie sein Vater. Besonders er wird viel auf sich nehmen müssen, viel für ihn heute noch Unvorstellbares erleben – für Euer großes Ziel. Deshalb statte ich ihn genau wie dich mit einem hohen Überlebenspotenzial aus und mit noch mehr Mut, als er ihn ohnehin schon hat. Sage du ihm als sein Lehrmeister, dass er das aber nicht mit Draufgängertum verwechseln soll, sonst bringt er sich selbst unnötig in Gefahr.
Damit Ihr die Zukunft bewältigen könnt, müsst Ihr wissen, was in der Vergangenheit wirklich geschah. Die Rätsel der Geschichte, wie Eure Historiker sie nennen, dürfen für Euch keine Rätsel mehr bleiben.
Du, Atlan, musst selbst entscheiden, wem außer meinem alten Freund und Michael du diese Informationen zugänglich machst.
Ich werde weiterhin beobachten. An Euch hängt das Schicksal der Milchstraße.“
Während Atlan sprach, hatte ich keinen Blick von Michael gelassen. Sein Gesicht veränderte sich von ungläubig-staunend über fassungslos bis hin zu Ablehnung und … Angst. Obwohl er sich nach Kräften bemühte, Atlan und mich gerade das nicht merken zu lassen.
ES hatte nicht nur Atlan und mir, sondern auch meinem Sohn, einem jungen Mann von gerade 24 Jahren, der erst am Beginn seines Lebens stand, eine riesige Verantwortung aufgebürdet. Im Moment verfluchte ich die Superintelligenz. Überzog er nicht, war Michael in seinem Alter überhaupt schon fähig, mit diesem Wissen umzugehen und damit zu leben? Ich gestand mir ein, dass ich es nicht wusste, mir die Beurteilung nicht zutraute.
„Dann gehöre ich jetzt wohl auch zu den Schachfiguren von ES“, sagte Mike tonlos und mit leichenblassem Gesicht. „Soll ich mich nun darüber freuen, stolz darauf sein oder davor Angst haben? Wie soll ich dieser Aufgabe, dieser Verantwortung gewachsen sein? Wobei ich im Moment absolut keine Ahnung habe, was das genau bedeuten soll. Es hört sich für mich nach sehr viel Kampf und Leid an, für uns alle und für die Menschheit.“
„Für mich auch“, antwortete Atlan. „Aber du wirst es schaffen. Wenn du nicht das Potenzial dazu hättest, dann hätte ES dich nicht ausgewählt, genauso wenig wie Perry und mich. Du wirst es zusammen mit uns schaffen oder zusammen mit uns und der gesamten Menschheit untergehen.“
Damit hatte er die Sache absolut auf den Punkt gebracht. Mehr war dazu nicht mehr zu sagen.
„Mir schaudert, wenn ich daran denke“, gab Michael zögernd zu. „Auf jeden Fall friere ich, seitdem ich das gehört habe. Und ich frage mich, warum ES mich zusätzlich zu Euch ausgewählt hat.“
„Sicherlich nicht, weil du mein Sohn bist“, warf ich ein, ehe Mike das aussprechen konnte, was ihm sicherlich auf der Zunge lag.
„Das denke ich auch nicht“, unterstützte Atlan mich. „Auch ich habe gefroren, als ich das hörte, besonders bei dem letzten Satz, den ES nach einer kleinen Pause noch sagte, diesmal ohne sein bekanntes Gelächter. Es gibt auch für ihn Dinge, die sehr ernst sind und mit denen dieses unberechenbare Fiktivwesen keine Späße macht.“
Mir wurde plötzlich sehr unwohl. „Sagte ES noch etwas?“
„Ich werde die Kosmischen Mächte darum bitten, über Euch zu wachen und Euch zu beschützen.“
In mir schien alles zu erstarren. Ich holte tief Luft und sah mich um. Atlan und Mike schienen ebenso mit sich zu kämpfen. Es würde sich wohl nie etwas für längere Zeit ändern. Wie lange würden wir noch Frieden haben? Wann würde der nächste Feind auftauchen? Nach den Worten von ES würde er kommen, früher oder später. Ich gab mir einen Ruck. Schließlich hatte ich mich schon vor Jahrhunderten, als ich mich von meiner Heimat, den damaligen Vereinigten Staaten von Amerika, gelöst und mit Hilfe der Arkoniden die Erde geeint hatte, dazu entschieden, für die vereinigte Menschheit alles zu tun, was in meiner Macht stand.
Und Atlan, der uralte Arkonide – wie hatte er gekämpft für die Menschheit, was hatte er alles riskiert, wie oft sein Leben riskiert, wie oft war er mehr tot als lebendig gewesen – und immer wieder aufgestanden und hatte weitergekämpft für die Menschheit.
Nun sollte also auch Michael dabei sein, zusammen mit uns kämpfen. Die Vatergefühle überwältigten mich. Ich wollte nicht, dass er litt, so kämpfen musste, auch wenn es für meine geliebte Menschheit war. Andererseits machte es mich stolz, dass ES ihn für so stark hielt, dass er ihn schon jetzt in so jungen Jahren in unseren Kreis eingereiht hatte.
Ehe dieser innere Kampf mich ganz überwältigte, bot ich Michael meine Hand und sagte wider besseres Wissen zu ihm: „Willkommen im Boot, mein Sohn. Dann kämpfen wir jetzt also gemeinsam. Aber du brauchst nicht mitzumachen. Wenn du es nicht möchtest oder dir das zu schlimm erscheint, dann lehne einfach ab.“
Atlan lachte sarkastisch, sagte aber nichts dazu. Er wusste genauso gut, dass es keine Chance gegen die Mächte des Schicksals gab.
Michael schlug sofort ein. Er grinste schief, er hatte genau erkannt, was Sache war. „Abgesehen davon“, sagte er gedehnt, „dass meiner Meinung nach niemand eine Chance hat, sich gegen das Schicksal aufzulehnen, bin ich dabei, Dad. Ich weiche nicht aus, ich nehme den Kampf auf. Alles andere wäre Feigheit – und davon halte ich genauso wenig wie Ihr beide.“
Oh ja, mein Sohn hatte Mut, sehr großen Mut sogar, er war ein Draufgänger. Dabei hatte ich aber seit diesem Lehrgang in den Reihen der USO den Eindruck, dass er gelernt hatte, das realistischer einzuschätzen und nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand wollte, um sich zu beweisen.
„Außerdem bin ich nicht mehr 15“, fuhr er fort, als ob er meine Gedanken ahnte. Mir wurde nachträglich flau im Magen, wenn ich an seine Extratouren als Jugendlicher dachte.
Atlan legte seine Hände auf unsere. Wortlos blickten wir uns an. Niemand sagte mehr etwas, wir waren uns einig.
„Dann lasst uns endlich beginnen“, meinte Atlan. „Mein verdammter Erinnerungssektor drängelt immer mehr.“
Michael nickte und strich mit den Händen bewundernd über das sagenhafte Schwert Excalibur. Bei mir dachte ich, dass Atlan sich heute sehr gut gehalten hatte. Während der vielen Jahre unserer Freundschaft hatte ich schon andere Situationen erlebt, wenn sein fotografisches Gedächtnis ansprach. Teilweise war er überhaupt nicht mehr handlungsfähig gewesen.
Hatte ES hier auch die Hand im Spiel? Wir wussten es nicht und würden es auch nicht ergründen können …
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„Wie ich schon sagte“, fuhr Atlan fort und lehnte sich bequem zurück. „Es gab Zeiten, da musste ich viel mehr in die irdische Geschichte eingreifen, als Ihr bisher wisst. Ich hatte damals sehr gute Gründe dafür, das könnt Ihr mir glauben.“
„Das kann ich mir gut vorstellen“, meinte Michael „Ich vermute, dass unsere Vorfahren wieder einmal dabei waren, sich gegenseitig umzubringen und je mehr sie sich entwickelten, das immer katastrophalere Folgen für ganze Völker hätte haben können, bis sie irgendwann einmal dabei waren, den ganzen Planeten zu vernichten.“
„Genau“, nickte Atlan. „Nur, so weit waren sie noch lange nicht im 6. Jahrhundert nach der Zeitenwende. Und auch ich hatte nicht immer Erfolg mit dem, was ich plante.“
Bitter verzog er das Gesicht. Die Erinnerung übermannte ihn schon wieder. „Auf diesem Planeten namens Erde oder Terra habe ich sehr viel Freude erlebt, viele Freunde gefunden, aber auch sehr viel Leid gesehen und selbst erlebt. Eine dieser Episoden erlebte ich um den Wechsel des fünften zum sechsten Jahrhundert in Britannien.
Eigentlich mochte ich Britannien nicht, weil ich die Römer und ihr Imperium nicht mochte. Dort hatte ich das größte Leid während meiner langen Verbannung auf der Erde gesehen und erlebt, sowie an mir selbst erfahren müssen, zu welchen Gemeinheiten und Grausamkeiten die Barbaren fähig waren. Zudem waren die Stämme, die von allen Seiten versuchten, nach Britannien einzudringen, im Gegensatz zu den Einheimischen und den Völkern, die auf dem europäischen Festland lebten, erschreckend primitiv.
Aber es gab in Britannien ganz besondere Menschen, späte Nachkommen von Flüchtlingen von Atlantis. Nach der großen Katastrophe waren die meisten Atlanter, im Gegensatz zu allen anderen Völkern auf der Erde wahrhaft intelligent, zusammen mit dem Kontinent im Meer versunken. Aber einige wenige hatten die Flucht geschafft und an anderen Orten der Erde neu angefangen, als Keimzelle für erste Hochkulturen. Unter anderem war die ägyptische Kultur auf einem solchen Fundament aus Atlantis entstanden.
Mein treuer Roboter Rico hatte damals nicht alle Flüchtlinge mit seinen Sonden verfolgen können. Einige hatten die Flucht auch nicht überlebt. Aber diejenigen, die wir orten konnten und die es schafften, neu anzufangen, beobachteten wir auch weiterhin.
Eine kleine Gruppe dieser Flüchtlinge hatte es bis nach Britannien geschafft. Dort hatte sich aus ihren Nachkommen eine interessante Kultur und Glauben entwickelt, die auch die römische Besatzungszeit überlebte. Ihre Führer waren die Druiden und Priesterinnen des Alten Glaubens. Sie sorgten dafür, dass ein klein wenig von Atlantis erhalten blieb. Ihr Glaube veränderte sich über die Jahrtausende kaum, schon fast ein Wunder. Es war, als ob sie immer noch auf Atlantis wären.
Nur deshalb entschloss ich mich zum Eingreifen in Britannien.“
Atlan machte eine kleine Pause. Ich stand schon jetzt im Bann seiner Stimme, bereitete mich auf das Kommende vor: eine packende, lebendige Schilderung aus der Vergangenheit meines Heimatplaneten, die sonst niemand außer meinem Sohn und mir erfahren würde, noch nicht einmal meine anderen Freunde.
„Ja – ich war damals der Merlin von Britannien! Nicht Merlin aus der Artus-Sage, den jedes terranische Kind damals bis zum Ende des 20. Jahrhunderts kannte, sondern der Merlin von Britannien! Im Gegensatz zu meinen sonstigen Gewohnheiten, dass ich mich in späteren Zeiten als Nachkomme eines Mannes ausgab, der schon einmal an dem betreffenden Ort war, entschied ich mich hier dazu, bewusst die Legende von dem unsterblichen Zeitenherrscher aufzubauen.“
„Oh! Du musst dafür sehr gewichtige Gründe gehabt haben“, meinte Michael ernst.
Atlan nickte. „Ja. Sonst wäre ich nie von meinen Prinzipien abgegangen. Ich werde Euch jetzt die Wahrheit über König Artus, seine Tafelrunde und die Einigung der britannischen Stämme erzählen. Sie sieht ganz anders aus als alle Versionen der Sage, die Ihr kennt.
Als die Römer Anfang des 5. Jahrhunderts nach der Zeitenwende abzogen, begann für Britannien das ‚Dunkle Zeitalter’. Auch später wurde es von den Historikern so genannt, weil es kaum Dokumente aus dieser Zeit gab, die tatsächlichen Ereignisse im Dunkel der Geschichte verborgen blieben. Auch ich weiß nicht alles, was damals auf diesem Kontinent geschah. Trotzdem weiß ich genug und habe selbst genug davon miterlebt, um das alles bis heute als eine der Mythen der irdischen Frühgeschichte ruhen zu lassen. – Ich hielt es für besser.“
Atlan entführte Michael und mich allein mit seiner Stimme in eine andere Zeit. Ich glaubte teilweise, direkt neben ihm zu reiten und zu kämpfen, erlebte mit, was er damals dachte und fühlte, freute mich mit ihm und litt mit ihm …
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Der historische Anfang des Romans ist hier:  Leseprobe

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