Perry Rhodans Entscheidung



1
Terrania City, 1. Oktober 3460, morgens um 9.15 Uhr

„Du bist und bleibst ein uneinsichtiger Sturkopf! – Sonst könntest du vielleicht verstehen, was in deinem Sohn vorgeht. – Oder willst du ihn einfach nicht verstehen?“
Reginald Bull stand mit hochrotem Gesicht und zu Berge stehenden Bürstenhaaren breit aufgebaut vor Perry Rhodan. Der hob nur hilflos die Schultern.
„Ich glaube, ich kann Mike einfach nicht mehr verstehen, Dicker. Für mich scheint es immer mehr so, als ob wir uns gefühlsmäßig immer weiter voneinander entfernen.“
Bully ließ vom Servorobot, der zwischen ihnen schwebte, zwei weitere Becher Kaffee servieren.
Die beiden Männer saßen in Rhodans Büro im Regierungsgebäude von Terrania-City und besprachen den unmittelbar bevorstehenden Einsatz auf dem Mond, wo die Meuterei einiger hochrangiger Flotten- und Abwehrangehöriger entdeckt worden war; Männer und Frauen, die durch ihr Wissen und ihre Kampferfahrung der ganzen Menschheit extrem gefährlich werden konnten. Nachdem Terra und Luna im Mahlstrom der Sterne gelandet waren und fast in den Schlund gestürzt, war es im letzten Augenblick gelungen, das Sternengespann in eine stabile Umlaufbahn um Medaillon zu bringen. Danach warfen einige hohe Militärs der Führung vor, nicht genug für eine Rückkehr zur heimatlichen Sonne Sol zu unternehmen. Die Situation spitzte sich zu, bis sie zur Meuterei eskalierte – etwas, das es bisher in der Geschichte des Solaren Imperiums noch niemals gegeben hatte.
NATHAN hatte errechnet, dass die Aussichten, lebend von diesem Einsatz zurück zu kommen, nur bei 43 % lagen. Perry Rhodan hatte in seinem Freiwilligenaufruf offen darüber informiert und es meldeten sich trotzdem fünfmal mehr Männer als erforderlich.  Die endgültige Auswahl der Einsatzteilnehmer würde der Kommandoführer treffen, sobald er von ihm ernannt war, getreu der alten Gepflogenheiten in der Solaren Flotte und der USO, dass der Kommandoführer sich seine Gruppe selbst zusammenstellte. Und genau dieser Einsatzleiter war im Moment das Problem der beiden Unsterblichen. Perry Rhodan und Reginald Bull wollten keine Toten, sondern möglichst alle Aufrührer lebend festnehmen. Deshalb brauchten sie einen erfahrenen und psychologisch geschickten Kommandoführer.
„Mike fühlt sich von dir zurückgesetzt“, sagte Bully gerade heraus.
„Wieso das?“
Bully tippte auf die Brust des Freundes – dort, wo unter der Uniformkombination der Zellaktivator um seinen Hals hing. „Deshalb!“
Perrys Gesichtsausdruck wechselte von verständnislos über erschreckt bis hin zu entsetzt. „Kannst du dir vorstellen, wie viele Gedanken ich mir gerade um dieses Thema mache? Auf der einen Seite möchte ich Mike sofort einen der Reserveaktivatoren geben, auf der anderen Seite befürchte ich, dass er ihn ablehnen würde, weil er der Meinung ist, noch nicht genug dafür getan zu haben, ihn auch wirklich zu verdienen. Warum stellt er nur so hohe Anforderungen an sich selbst? Gerade das verstehe ich nicht.“
„Ich dafür sehr gut.“ Glasklar und präzise wählte Bully seine Worte.  „Und wie beurteilst du selbst die Leistungen von Mike?“
„Er ist ein absoluter Profi, sowohl als Kosmonaut und Hochenergietechniker wie auch als Kämpfer, Anführer und als Psychotaktiker. Er hat Führungsqualitäten, von denen andere nur träumen können.“
„Und warum sagst du ihm das dann nicht?“
„Weil er es nicht glauben würde. Er würde es wieder einmal für Schmeichelei halten.“
„Nicht wenn du es ihm sagst – und zwar als Vater, nicht als Befehlshaber. Er sehnt sich nach Anerkennung, und zwar nach deiner Anerkennung als sein Vater.“ Bully holte tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. „Was ist daran so schwer zu verstehen? Wie oft hast du ihn in seiner Jugend oder auch später gelobt, wirklich gelobt?“
Perry hob hilflos die Schultern. „Wahrscheinlich viel zu wenig. Ich dachte immer, lieber weniger, damit der Junge nicht überheblich wird aufgrund seiner Herkunft.“
„Und dafür haben andere, häufig leider diese ‚netten’ Speichellecker, ihn um so mehr gelobt, ihm alle Steine aus dem Weg geräumt. Ist es da ein Wunder, dass er misstrauisch war und ist?“
„Sicherlich nicht.“ Ein bittender Ausdruck erschien auf Perrys Gesicht. „Kannst du es ihm nicht sagen?“
„Abgelehnt. Warum nur bist du als Vater so schwerfällig, Freund? Ihr müsst miteinander reden, und das dringend! Für euch beide! Sonst entfernt Ihr euch immer weiter voneinander. Ich bin dein ältester Freund und nehme mir das Recht, dir das so deutlich zu sagen!“
Er stand auf und wanderte durch das Büro. Abrupt drehte er sich um. „Lass mich raten … Du suchst nach einer Möglichkeit, Mike von der Teilnahme an dem Mond-Einsatz abzuhalten? – Dass er der ideale Einsatzleiter ist, darüber brauchen wir wohl nicht reden. Die Männer würden mit ihm sogar den Teufel aus der Hölle holen.“
„Weiß ich – aber ich habe Angst, dass er nicht zurückkommt. Wie viele Männer musste ich schon in Risikoeinsätze schicken, zum Wohl der Erde, aber jetzt habe ich einfach Angst um meinen Sohn. Ich will ihn nicht verlieren.“
Bully legte dem Freund die Hand auf die Schulter. „Und gerade darum musst du ihn gehen lassen, Alter, egal wie gefährlich der Einsatz wird!“ Sein Blick bohrte sich tief in den von Perry. „Sonst verlierst du ihn als Sohn, nämlich seine Achtung, gerade weil du versuchst, ihn aus der Gefahr heraus zu halten. Das will er nämlich nicht. Er selbst will sich beweisen, obwohl er das zum Teufel wohl nicht mehr braucht … – Auch ich habe Angst um ihn, genau wie du! Aber …“ Er seufzte. „Schade, dass Atlan nicht hier ist. Er würde es uns sicherlich genauer erklären.“
Perry lächelte leicht, als Bully Atlan erwähnte, den alten Lehrmeister seines Sohnes. Auch der liebte Michael wie einen eigenen Sohn – und er hatte ihn teilweise ausgebildet – streng und hart, so wie er es selbst von Arkon her kannte. Manchmal hatte Perry bei sich gedacht, dass sogar damals zu Zeiten der Space-Force sein Chef Lesly Pounder ihn nicht so hart rangenommen hatte wie Atlan seinen Sohn – aber Michael hatte es selbst gewollt, er wollte damals seine absoluten Grenzen erfahren – und er war seinerzeit mit 23 Jahren wahrhaftig alt genug gewesen, das zu entscheiden. Und er – sein Vater – hatte seine Einwilligung gegeben, allerdings musste er vor sich zugeben, dass er selbst es niemals übers Herz gebracht hätte, Michael gegenüber diese Härte und Strenge an den Tag zu legen. – Wahrscheinlich war der  Sohn auch und gerade wegen Atlans harter Schule ein so guter Anführer geworden.
Er schob seinem Freund aus den ersten Tagen der Weltraumfahrt einen Stapel Folien zu. „Das letzte psychologische Gutachten über Mike, gerade erst knapp drei Wochen alt.“ Die Angehörigen von Flotte und Abwehr sowie USO mussten sich in regelmäßigen Abständen einem ausführlichen Gespräch mit Psychologen stellen.
Freudlos lachte er auf. „Den ganzen ersten Teil kannst du dir sparen, sind alles bekannte Tatsachen. Der letzte Punkt ist höchst interessant – und genau der macht mir diese großen Sorgen.“
Bully setzte sich wieder und blätterte die Folien bis zur letzten durch. Als er sie gelesen hatte, pfiff er anerkennend durch die Zähne.
„Schau an, diese Seelenklempner merken ja doch mal was. Hätte ich ihnen gar nicht so zugetraut“, spöttelte er – um danach gleich wieder völlig ernst zu werden.
„Völlig einwandfreier, loyaler Charakter, Einsatzwilligkeit usw. usw. usw.“, Bully macht eine wegwerfende Handbewegung. „Kennen wir wohl schon länger bei Mike – zum Glück! Aber das: In letzter Zeit immer weiter ansteigende Risikobereitschaft im persönlichen Bereich mit ausgeprägter Gefahr der Eigengefährdung besonders bei gefährlichen Einsätzen. Gefährdung anderer Intelligenzen sieht der Herr Professor nicht, im Gegenteil. Mike würde sich eher für andere opfern.“
Bully schaute nachdenklich aus dem Fenster, hatte aber anscheinend keinen richtigen Blick für den großartigen Ausblick von hoch oben über die Stadt, die jetzt von der rötlichen Sonne Medaillon beschienen wurde anstatt von der heimatlichen Sonne Sol.
„Er kämpft immer in vorderster Front. Ein Draufgänger war er ja schon immer – aber ich habe genau wie der Professor den Eindruck, dass das immer stärker wird bei ihm.“ Perry blickte ebenfalls aus dem Fenster, vermied es, seinen Freund anzuschauen.
Bully war kurz vor dem Explodieren, seine roten Bürstenhaare standen senkrecht vom Kopf ab.
„Von wem er das hat, darüber möchtest du doch sicherlich nicht diskutieren, oder?“
Er holte tief Luft und brachte sich wieder zur Ruhe. „So – und nun werde ich dir mal erklären, was mit Mike los ist. Dass du das noch nicht selbst bemerkt hast, ist eigentlich ein Skandal. Dazu brauche ich keinen Seelenklempner mit Professorentitel. Es reicht mir, dass ich Mike kenne und ihn wohl so gut einschätzen kann wie du es als Vater auch solltest.“
Rhodan nahm den Seitenhieb des Freundes äußerlich ausdruckslos zur Kenntnis. Er kannte sein eigenes Dilemma viel zu gut. Aus Angst seinen Sohn zu bevorzugen, versagte Perry ihm wichtige Dinge, die Mike sich einfach wünschte und sich schon mehr als tausendfach verdient hatte.
Er setzte sich wieder zu ihm schaute ihn eindringlich an.
„Auch, wenn er nicht so aussieht, Mike ist biologisch älter als du, sein Vater! – Und genau damit kommt er nicht klar. Er weiß eigentlich genau, dass er aufgrund seiner Leistungen schon längst einen Zellaktivator verdient hätte, aber da du ihm kein Gerät zukommen lässt, denkt er immer wieder, dir wären seine Leistungen nicht genug. Deshalb wirft er sich in vorderste Front, riskiert sein Leben, leistet wirklich Unmögliches usw. Natürlich wird er sein Leben nicht unbedacht riskieren, aber seine Risikobereitschaft steigt. Ich vermute, er will deine Entscheidung in der Sache quasi von dir erzwingen. Wahrscheinlich ist ihm das selbst nicht bewusst. – Aber diesen Punkt hat ja der Herr Seelendoktor nicht überprüfen sollen, daran hat niemand gedacht – und der selbst am Allerwenigsten.“
Perry hob hilflos die Schultern.
„Und warum fragt er mich nicht einfach nach einem Aktivator, wenn er einen möchte und meint, ihn verdient zu haben?“
Jetzt konnte Bully sich nicht mehr beherrschen. „Sag mal, wie genau kennst du deinen Sohn eigentlich“, schrie er Perry an. „Denk doch mal nach, Alter!  Der Junge ist dafür zu stolz – und ich kann ihn sehr gut verstehen. Nachdem du gar nichts tust, würde ich mich an seiner Stelle direkt auch nicht rühren – aber eben mit immer waghalsigeren Einsatzaktionen!“
„Was soll ich denn machen?“ Perry stand innerlich aufs Tiefste erregt auf.
„Endlich eine Entscheidung treffen“, brüllte Bully in beachtlicher Lautstärke. „Gib ihm einen Aktivator. Wenn ihn jemand verdient hat, dann wohl er. Und vorab noch zwei Dinge: lobe ihn endlich mal so, und zwar so, dass sogar er es richtig versteht – und zweitens: gib ihm die Einsatzleitung auf Luna. Sonst“, er unterbrach sich und holte tief Luft, um dann im Gegensatz zur vorherigen Lautstärke nur noch zu flüstern: „verlierst du deinen Sohn endgültig – und zwar nicht dadurch, dass er im Kampf fällt, sondern als deinen Sohn, falls du endlich verstehst, was ich meine – und was übrigens auch die Meinung des Kleinen ist.“
„So schlimm ist es schon“, brachte Perry tonlos hervor. „Und ich habe das nicht bemerkt …“ Er wollte noch etwas sagen, brach dann aber ab.
„Okay“, sagte er stattdessen, wandte sich zu dem großen Monitor um und wählte ein Rufzeichen. Auf dem Schirm wurde das Abbild seiner Sekretärin sichtbar, einer älteren Dame, wie sie zum Ende des 20. Jahrhunderts in Chefetagen weit verbreitet und geschätzt waren. Im Gegensatz zu vielen anderen bevorzugte er immer noch Menschen in solchen Positionen anstatt der allgemein üblichen Sekretär-Roboter.
„Sir?“
„Ist Roi Danton in Terrania?“
„Ja. Er ließ mich wissen, dass er in seinem Büro auf einen Anruf von Ihnen wartet bzgl. des Briefings über den Luna-Einsatz.“
„Bitte verständigen Sie ihn, dass ich ihn so schnell wie möglich hier bei mir sehen möchte.“
„Ja Sir.“ Die Sekretärin schaltete ohne weiteren Kommentar ab. Als gute und erfahrene Chefsekretärin sparte sich sie sich jeglichen Kommentar oder Nachfrage – sie handelte, wie es von ihr ganz einfach erwartet wurde.
„Da siehst du es“, polterte Bully ungehemmt los. „Er erwartet, dass du ihm die Leitung überträgst.“
Fast flehend sah er seinen alten Freund an. „Bitte, mach jetzt keinen Fehler. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ihr Euch noch weiter voneinander entfernt.“
„Nein, Dicker, keine Sorge.“ Perry hatte sich wieder gefangen. „Ich werde ihm die Leitung übertragen, auch wenn ich mir riesige Sorgen um ihn mache dabei … - aber ich sehe ein, dass ihr recht habt. - Vielleicht sollte ich als Vater doch noch dazu lernen …“
Bully klopfte ihm in einer tief-freundschaftlichen Geste auf die Schulter. „Irgendwie scheint das bei Vätern oder Müttern immer mal wieder so zu sein, dass sie einen Anschub brauchen.“
Schweigend verbrachten sie die kurze Zeit, bis Michael Rhodan, der sich immer noch lieber Roi Danton nannte – eben um seine Eigenständigkeit von seinem Vater zu unterstreichen – das Büro betrat.
Michael trug die lindgrüne Uniformkombination, die im normalen Dienst und auf Raumschiffen üblich war. Schlank, groß, sportlich durchtrainiert, mit rotblonden kurz geschnittenen Haaren und nachtblauen Augen, die niemand, der einmal tief in sie hineingesehen hatte, je wieder vergessen würde. In ihnen stand zu lesen, dass er schon sehr viel mehr erlebt und erlitten hatte, als es seinem biologischen Alter von 58 Jahren entsprach. Sein Aussehen entsprach dagegen eher dem eines Enddreißigers – dank der geschätzten Lebenserwartung, die er als Kind von zwei Zellaktivatorträgern mit ca. 300 Terra-Jahren ohnehin schon hatte.
Ein Gedanke durchzuckte Rhodan wie ein Stromschlag: Vielleicht habe ich deshalb einfach gewartet und konnte mich nicht entscheiden mit dem Aktivator. Ein tiefes Schuldgefühl kam in ihm auf, das ihn zu erdrücken drohte. Er nahm sich in dieser Sekunde vor, ihm den Aktivator, den Iwan Goratschin getragen hatte und der seit 28 Jahren in seinem Tresor lag, zu geben, sobald er aus dem Einsatz wieder zurückkam. Jetzt vorher traute er sich nicht, weil er befürchtete, dass Mike – obwohl er sich sehnlichst einen wünschte – ihn aus Stolz ablehnen würde. Nachdem ihm nun vieles klargeworden war – einfach durch ein Gespräch mit seinem ältesten Freund – konnte er nur hoffen, dass alles gut ging und der Sohn unverletzt und erfolgreich wieder zurückkommen würde – das würde der Aufhänger sein letztendlich …
Er hat sich gut erholt, dachte er bei sich, als Michael den Raum betragt und dankte der modernen Medizintechnik des 35. Jahrhunderts, die dem Sohn zusammen mit seinem starken Willen, der seinem eigenen in nichts nachstand und seiner robusten Konstitution nach dem letzten Einsatz das Leben gerettet hatte.
Michael begrüßte zuerst Bully, obwohl das seinem Vater gegenüber eine Unhöflichkeit war, dies schien ihn aber nicht zu stören. Deutlicher hätte er sein im Moment sehr distanziertes Verhältnis zum Vater nicht ausdrücken können.
So weit ist es schon, dachte Rhodan traurig.
„Hallo, Onkel Bully! Es freut mich, dich hier zu sehen“, sagte Michael herzlich zu seinem Patenonkel.
Danach wandte er sich etwas zurückhaltender seinem Vater zu. „Hallo, Dad.“
Der gab sich einen Ruck.
„Mike, ich habe mich entschlossen, dich mit der Einsatzleitung auf Luna zu beauftragen.“
Ein Leuchten ging über Michaels Gesicht. „Danke“, antwortete er aber nur, so als ob er mit nichts Anderem gerechnet hatte.
Rhodan fügte wohl überlegt hinzu: „Ich habe mich dazu entschlossen, weil ich weiß, dass du der Beste bist, den wir zur Verfügung haben. Du bist ein hervorragender Anführer für diese heikle Angelegenheit.“
Michael musterte ihn unsicher, sagte aber nichts. Sein Gesichtsausdruck änderte sich von unsicher über erstaunt bis hin zu ungläubig – und dann echte Freude, die es dem Vater warm ums Herz werden ließ.
„Danke“, sagte der Sohn nur, dabei leuchteten seine wissenden und tiefen Augen auf.
Rhodan schob ihm einen umfangreichen Stapel Folien zu. „Dann an die Arbeit, Junge. Wir haben nicht mehr viel Zeit, wenn wir wirklich etwas erreichen wollen. Die Zeit arbeitet im Moment eher für die Meuterer. Das sind die Akten der Freiwilligen, die sich gemeldet haben. Bitte suche dir deine Mannschaft aus. Außer dir zwanzig Leute.“
Mike nickte, nahm die Folien an sich und sah die beiden Männer fragend an.
„Wir sehen uns heute Nachmittag um 16.00 Uhr im großen Konferenzraum zur Einsatzbesprechung“, ergänzte Rhodan. „Schaffst du die Auswahl bis dahin?“
„Leicht“, Michael machte eine zustimmende Geste.
„Okay.“
Perry hielt ihn noch einmal zurück. „Mike, bitte pass auf Dich auf, das wäre mir sehr wichtig!“
Michael lächelte nur, zuckte nachlässig die Schultern, setzte zu einer Erwiderung an und brach dann aber ab. Dafür salutierte er vorschriftsmäßig vor seinem Befehlshaber. Den Vater nahm er im Moment nicht wahr. „Ja, Sir.“ Bully lächelte er freundlich zu und verließ das Büro.
Bully stieß pfeifend die Luft aus. Es hörte sich an wie ein Dampfkessel, der kurz vor dem Explodieren gestanden hatte.
„Alter, das war knapp“, gab er nur von sich.
Rhodan nickte nachdenklich. Oh ja, diesen Eindruck hatte er jetzt auch … „Sozusagen eine Sekunde vor Mittag“, ergänzte er traurig.

 
2
Drei Wochen später …

Wieder saß Perry Rhodan in seinem Büro hoch oben über Terrania City. Der Kaffee in dem Becher vor ihm war inzwischen kalt geworden. Fünf Tage Nachdenken, Grübeln, Zweifel, Selbstvorwürfe und schlaflose Nächte lagen hinter ihm.
Er hatte das Gefühl, dass sein Kopf in einem dichten Nebel gefangen war, der das Denken immer schwerer machte. Seine Gedanken drehten sich immer wieder im Kreis, immer wieder um das gleiche Thema: seinen Sohn Michael, seitdem er vor fünf Tagen schwer verletzt in akuter Lebensgefahr von dem Einsatz auf Luna zurückgebracht worden war, seitdem lag er im Koma auf der Intensivstation in Imperium-Alpha.
Michael hatte das Kunststück fertiggebracht, seine Einsatzteilnehmer lebend nach Hause zu bringen, unterschiedlich schwer verwundet, total erschöpft, aber niemand außer ihm so schwer verletzt, dass er in Lebensgefahr schwebte. Er hatte als Letzter den Rückzug seiner Leute gedeckt, schon mit schwersten Verletzungen. Nur sein unbändiger Wille hatte ihm noch das Handeln ermöglicht. Dann war er durch den Fluchttransmitter gegangen – und diesen Transmittersprung hatte sein Körper nicht mehr verkraftet – er lag bereits in tiefster Bewusstlosigkeit, als er aus dem Rematerialisierungsfeld gezogen wurde.
Sein Kampfanzug hatte ihn vor Verbrennungen geschützt, aber er hatte zahlreiche innere Verletzungen. Lunge, Nieren und Leber standen kurz vor dem Versagen, trotz der Anwendung modernster medizinischer Möglichkeiten.
Eben hatte der Chefarzt der Klinik von Imperium-Alpha Perrys Büro verlassen, nachdem er ihm so einfühlsam wie es ihm möglich war, mitgeteilt hatte, dass er gemäß seinem ärztlichen Eid weitere lebensverlängernde Maßnahmen nicht mehr verantworten könne. Falls es im Laufe der Nacht kein Anzeichen für ein Erwachen Michaels gäbe, beabsichtige er, die Maschinen, die im Moment sämtliche Körperfunktionen ersetzten, am nächsten Morgen abzuschalten und den Patienten in Ruhe und Frieden einschlafen zu lassen.
Rhodan hatte seine Entscheidung getroffen. Mit leicht bebenden Fingern nahm er den Zellaktivator, den der Mutant Iwan Iwanowitsch Goratschin getragen hatte, aus dem Tresor und umklammerte das goldene Ei mit der rechten Hand. Schon so spürte er den belebenden Strom des Aktivators – die wirklich allerletzte Chance des Sohnes. Auf seine dementsprechende Frage hatte der Arzt geantwortet, er wisse nicht, ob die belebenden Impulse Mike noch retten konnten, aber er wäre dafür, während dieser entscheidenden Nacht einen entsprechenden Versuch zu wagen.
Fest biss Perry Rhodan die Zähne zusammen und fragte sich zum wohl tausendsten Mal, ob es seine Schuld war, dass Mike jetzt um sein Leben ringen musste, dass er zu lange gewartet hatte, ihm einen Aktivator auszuhändigen, dass er vielleicht mit dem Gerät nicht so viel riskiert hätte, weil er dann nichts mehr hätte vor sich beweisen müssen – wobei er wieder an das psychologische Gutachten dachte.
Ein Luftzug ließ ihn zusammenzucken.
„Nein – und nochmals nein“, hörte er eine piepsige Stimme, die im Gegensatz zu sonst nicht frech und fröhlich klang, sondern leise und von Tränen erstickt. Gucky war direkt neben ihm materialisiert und schlang seine Ärmchen um ihn. Der kleine, nur ein Meter große pelzige Kerl drückte sich fest an ihn. „Diesmal war es keine Draufgängeraktion von Mike, das weißt du selbst ganz genau! Es war ganz einfach eine Verkettung von unglücklichen Umständen. Er hat genau wie du es ebenfalls machst, alles riskiert, um seine Leute heil nach Hause zu bringen.“
Rhodan versuchte ihn vorwurfsvoll anzuschauen – so recht gelang es ihm nicht. „Du hast wieder mal gelauscht“, kritisierte er schwach.
„Richtig“, gab der Mausbiber ohne Zögern zu. „Sonst wird man hier ja auch über nichts informiert.“ Tränen flossen über die bepelzten Wangen und liefen bis zu den Lippen, hinter denen der Nagezahn verborgen war, der sonst bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu sehen war.
„Du weißt, dass der Arzt hier war.“ Rhodan konnte seine Tränen mehr zurückhalten. Er schämte sich ihrer nicht vor seinem kleinen Freund, der ihn schon seit anderthalb Jahrtausenden begleitete – und der auch einer der besten Freunde seines Sohnes aus Kindertagen war – bis heute.
„Deine Entscheidung ist richtig“, verkündete der Ilt und fasste Perrys Hand. „Also los, ich bringe dich zu Mike, jetzt dürfen wir keine Zeit mehr verlieren. Sobald Mike das Ding hat, informiere ich den Dicken und hole ihn.“
Der Mausbiber handelte schnell und konsequent. Im nächsten Augenblick hörte Perry das unwillige Fluchen des Chefarztes, der am Bett des Sohnes stand. Gucky war direkt auf seinen Füßen materialisiert, seine Konzentration litt reichlich unter der Situation. Eine Entschuldigung hielt der Ilt aufgrund der Situation für überflüssig. Er setzte sich auf die Bettkante und schaute traurig auf Michael herab.
Der lag bewegungslos auf dem Rücken im Bett, den Tubus der künstlichen Beatmung in Mund und Rachen, in der Nase den Schlauch der Magensonde, die die Flüssigkeit aus dem Magen ableitete, da Mikes Körper nicht mehr in der Lage war, irgendetwas zu verarbeiten. Am Hals hingen die dünnen Schläuche mit den Mehrweghähnen des Zentralvenenkatheters, über den er künstlich ernährt wurde und man ihm Unmengen von Medikamenten verabreichte – in der Hoffnung, dass etwas davon anschlug – im Moment sah es nicht danach aus.
Rhodan zögerte auch nicht mehr länger. Er legte den Aktivator auf die nackte Brust des Sohnes. Da er wegen der Schläuche die Kette nicht über seinen Hals ziehen konnte, sah er sich nach Klebematerial um. Der Arzt reichte ihm Klebestreifen aus Biomolplast. Die Erleichterung, endlich das getan zu haben, was schon so lange überfällig war, machte sich bei Rhodan umgehend in bleierner Müdigkeit bemerkbar. Es war noch lange nicht sicher, ob Mike es nun mit dem Aktivator schaffen würde.
Gucky lag halb auf Michael und weinte nur noch. Seine Händchen hielten eine Hand des Freundes. Dann seufzte er, stand auf und meinte zu Perry: „Ich hole jetzt den Dicken.“ Damit verschwand er ohne ein weiteres Wort.
Zwanzig Minuten später kehrte er mit Reginald Bull zurück. Dessen Gesicht war versteinert, er versuchte die Tränen zu unterdrücken, was ihm nicht gelang. Er setzte sich mit Gucky zusammen auf die andere Seite von Mikes Bett. Alle schwiegen. Der Arzt hatte taktvoll das Zimmer verlassen, der Patient wurde über den Monitor überwacht, der sofort Alarm geben würde, wenn sich etwas veränderte. Außerdem stand ein Medoroboter still hinter Michaels Bett.
Obwohl Rhodan eigentlich eine wichtige Sitzung hätte leiten sollen, blieb er diesmal bei seinem Sohn – nun wollte er dabei sein, wenn es für Michael um die entscheidenden Stunden oder Minuten ging. Er hatte sich noch nicht einmal entschuldigt, alle Konferenzteilnehmer wussten um den Zustand des Sohnes und würden diesmal ohne ihn auskommen müssen. Er empfand Befriedigung darüber, dass er – endlich einmal! – die Gefühle für seinen Sohn über die Pflicht stellte, was er sonst meistens nicht getan hatte. Er schwor sich hier am Bett des Schwerverletzten, das zukünftig zu ändern, sofern Mike es überhaupt noch zulassen würde, dass sein Vater ihm so nahe kam. – Aber soweit waren sie noch nicht, davor stand erst einmal diese Nacht. Sie würde zeigen, ob der Zellaktivator ihn noch retten konnte.
Einige Stunden saßen sie still so zusammen, Gucky lag halb über Mikes Bett, als ob er ihm ganz nah sein wollte und ihm so viel von seiner kuscheligen Pelzwärme abgeben wie irgend möglich. Rhodan hielt wortlos die eine Hand des Sohnes, Bully die andere.
Dann erhob sich Gucky, tippte Bully an und meinte leise: „Wir gehen. Wir sollten Vater und Sohn jetzt allein lassen.“ Fragend schaute er seinen ältesten Freund an. Der wusste, was Gucky ausdrücken wollte. Er und Bully hatten Abschied genommen. Sie würden ihn entweder am kommenden Morgen „neu geboren“ wiedersehen, wenn der Aktivator es geschafft hatte – oder …
Rhodan nickte. Er wusste, dass beide ihm Gelegenheit geben wollten, allein mit seinem Sohn zu bleiben.
„Ich espere weiter“, piepste der Ilt noch, dann verschwanden er und Bully so plötzlich wie sie gekommen waren.
Rhodan wandte sich seinem immer noch regungslos daliegenden Sohn zu und schaute ihn aus brennenden Augen an. Das einzige Geräusch kam von der Beatmungsmaschine.
Die Krankenschwester, die alle Stunde nach ihrem Patienten sah und auch Blutproben zur Untersuchung entnahm, nickte Rhodan jedes Mal zu und fragte ihn, ob er etwas zu essen oder zu trinken haben wolle. Immer lehnte er ab. Er bekam einfach nichts runter, was ihm dann einen milden Verweis der Schwester einbrachte. „Sir, Sie schaden sich selbst. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Sie das Gefühl haben, nichts herunter zu bekommen. Wenn Sie nichts essen wollen, ist das nicht ganz so schlimm, aber Sie sollten auf jeden Fall etwas trinken. Mit einem Zusammenbruch Ihrerseits ist Ihrem Sohn ganz bestimmt nicht gedient.“
Damit drückte sie ihm einen Becher dampfenden Kaffees in die Hand, den Rhodan folgsam Schluck für Schluck trank, obwohl er sich dazu zwingen musste. Er sah es ein, dass sie recht hatte.
Irgendwann in den frühen Morgenstunden – er war inzwischen am Bett des Sohnes in recht unbequemer Haltung auf seinem Stuhl eingeschlafen – gab der Überwachungsmonitor Alarm.
Drei Ärzte einschließlich des Chefarztes und zwei Krankenschwestern stürmten in das Zimmer, schoben ihn einfach zur Seite. Sie riefen sich gegenseitig Anweisungen und Erklärungen zu.
Einige Minuten später verließen alle bis auf den Chefarzt das Zimmer wieder. Rhodans Herz schlug bis in den Hals. Er meinte, keine Luft mehr zu bekommen. War das das Ende des Sohnes, war er mit dem Aktivator zu spät gekommen?
Der Arzt wandte sich ihm zu, das Gesicht nur noch ein einziges Staunen. „Es scheint wirklich ein Wunder zu geschehen, Sir.“ Er atmete tief durch. „Natürlich ist es noch viel zu früh, eine endgültige Prognose abzugeben, aber der Aktivator scheint seine Wirkung zu haben. Die Vitalzeichen deuten darauf hin, dass Ihr Sohn innerhalb der nächsten Stunde wach wird – und laut der letzten Blutuntersuchungen scheinen die Leber- und Nierenwerte sich rapide zu stabilisieren.“
Rhodan konnte es kaum glauben. Mit weit aufgerissenen, ungläubigen Augen schaute er den Arzt an. Der nickte beruhigend. „Ich lasse Sie jetzt mit Ihrem Sohn allein, Sir. – Wenn Sie etwas besorgt macht oder Sie etwas benötigen, klingeln Sie bitte. Außerdem läuft die Medoüberwachung lückenlos.“
Rhodan war klar, dass der Arzt sich aus Taktgründen zurückzog. Er wollte, sofern jetzt alles gut ging, diesen einzigartigen Moment nicht durch seine Anwesenheit stören.
Dankbar und schweigend saß er an Mikes Bett. Nach fast einer Stunde begannen dessen Augenlider zu flattern und die Hand, die er immer noch hielt, zuckte leicht.
Rhodan konnte es kaum glauben. War er diesmal rechtzeitig gekommen, nicht zu spät wie so oft wenn es wichtig für Mike gewesen war?
Langsam und mühsam öffneten sich Michaels Augen. Die nachtblauen Augen, in denen so viel Leid und großes Wissen lagen, schauten sich suchend um. Scheinbar musste er erst langsam versuchen zu realisieren, was ihm passiert war, seine letzten Eindrücke vom Einsatz zusammenketten mit diesem nüchternen Krankenzimmer. Das zumindest war dem jungen Mann nicht unbekannt. Er war sehr oft nach einem Einsatz mit Verletzungen in eine Klinik eingeliefert worden, inzwischen mehr, als dass er unverletzt geblieben wäre.
Die Augen wanderten und suchten. Da er immer noch durch die Unterstützung der Maschine atmete, brauchte er für den Atemvorgang keine Kraft aufzuwenden, sondern konnte sich voll darauf konzentrieren, was sich ihm zu sehen bot.
Dann – nach scheinbar endloser Zeit – schien Michael zu bemerken, dass seine Hand gehalten wurde. Ein fragender Ausdruck erschien in den Augen. Nur mit ihnen konnte er im Moment seine Gefühle ausdrücken, er konnte weder Kopf noch sonst ein Körperteil auch nur leicht bewegen.
Rhodan erhob sich und bewegte sich ganz vorsichtig in das Gesichtsfeld hinein. Er wollte sich schon wieder zurückziehen, da er neben Erstaunen auch ein leichtes Erschrecken in dem Blick des Sohnes wahrzunehmen glaubte. Dann wandelte sich der Blick schlagartig. Das Erschrecken schlug in – wie Rhodan meinte – ungläubiges Staunen um – als ob Michael gar nicht fassen konnte, wen er da an seinem Bett sah.
Vorsichtig und leise fragte Rhodan „Mike, kannst Du mich verstehen?“
Ganz langsam und vorsichtig bewegte Michael nickend den Kopf.
„Du bist in der Klinik, zu Hause auf Terra. Der Einsatz ist gelungen dank dir. Du hast alle Männer wieder lebend nach Hause gebracht. Danke, Junge! Ich bin wirklich stolz auf dich. Ich glaube, ein anderer hätte das nicht geschafft.“
Rhodan fragte sich, ob sein Sohn ihm das wirklich glauben konnte, weil er so ein Lob vom eigenen Vater viel zu selten gehört hatte bisher. Auch schien sein Verstand erst langsam wieder Stück für Stück zu sich zu kommen.
Die Augenlider flatterten wieder. Deutliche Erschöpfung übermannte ihn, die Augen fielen ihm zu.
Keine fünf Minuten später regte er sich erneut. Ungläubig riss er die Augen auf. Sein Blick suchte den des Vaters.
Rhodan hätte es nie für möglich gehalten, so eine Ungläubigkeit … und gleichzeitig Dankbarkeit in den Augen des Sohnes zu sehen. Er hatte wohl gerade eben zum ersten Mal die belebenden Ströme des Zellaktivators auf seiner Brust gespürt und realisiert, welches Geschenk der Vater ihm hatte zukommen lassen.
Ich bin wirklich ein schlechter Vater, warf sich Rhodan innerlich vor. Warum habe ich ihn so lange warten lassen und damit gequält? Allein dieser Blick sagt doch alles. Die Freude in den Augen des Sohnes war für ihn ein unschätzbares Geschenk.
„Darüber reden wir später“, piepste es neben ihm. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Gucky zusammen mit Bully per Teleportation im Krankenzimmer aufgetaucht war. Natürlich hatte der Ilt wieder mal seine Gedanken gelesen. Sonst wäre er erstens nicht so zeitgenau erschienen, nachdem Vater und Sohn die ersten Momente des Erwachens gemeinsam und allein erleben konnten – und hätte zweitens nicht so zielgerichtet seine Gedanken ansprechen können.
Nun war wieder der gewohnte Nagezahn zu sehen – und Bully sah aus, als ob ihm Zentner vom Herzen gefallen wären.
Gucky drängelte sich vorwitzig zum Bett und nahm Michaels Hände in seine kleinen Pfötchen. Mikes Augen zeigen sofort Erkennen – und auch eine tiefe Freude, seinen kleinen Freund aus Kindertagen jetzt bei sich zu haben.
Bully verließ nach einem kurzen Rundumblick das Zimmer und erschien kurz danach in Begleitung des Chefarztes wieder. Der zeigte sich hocherfreut mit dem Zustand von Michael.
„Sir, jetzt haben wir wieder Hoffnung“, flüsterte er Rhodan erleichtert zu und machte sich an die Kontrolle der Monitorwerte und der zahlreichen Schläuche, die in Mikes Körper steckten.
Alle Anwesenden hatten den Eindruck, dass er damit eigentlich nur Zeit gewinnen wollte und etwas vorbereitete. Nachdem er seine Kontrollen abgeschlossen hatte, wandte er sich an Michael. „Ich bin sehr zufrieden, Sir. Ich gehe Ihnen jetzt ein leichtes Beruhigungsmittel, damit Sie sich entspannen können.“
Den protestierenden Augenausdruck seines Patienten ignorierte er und spritzte den Inhalt einer großen Spritze in eine der Zuleitungen des ZVK. Übergangslos schlossen sich Michaels Augen und er schien sofort einzuschlafen.
Danach wandte sich der Arzt dem Vater zu. „Als Arzt ist es meine Pflicht, Sie darauf hinzuweisen, dass auch Sie sich Ruhe gönnen sollten, Sir. Sie haben über Nächte nicht geschlafen. Das ist trotz Ihres Zellaktivators Raubbau an Ihren Kräften. Ich schlage Ihnen eine Tiefschlafinjektion vor. Sie wissen, dass wir diese bei Bedarf sofort mit dem Gegenmittel wieder aufheben können. Also brauchen Sie sich keine Sorgen um Ihren Sohn zu machen.“
Rhodan wollte protestieren, wurde aber von Bully schon im Ansatz unterbrochen. „Du wirst dem Arzt gehorchen, oder ich kündige dir die Freundschaft auf.“
Rhodan setzte wieder an, wurde aber diesmal von dem Mausbiber unterbrochen.
„Doktorchen“, wandte sich der Mausbiber an den Arzt. „Es ist doch sicher möglich, hier noch ein zweites Bett hereinzustellen?“
Der Arzt nickte. Er ahnte wohl, worauf Gucky hinauswollte.
„Selbstverständlich.“ An Rhodan gewandt: „Ich glaube, ich weiß, welche Idee Gucky hat, Sir. Ich lasse Ihnen ein Bett hier hereinstellen, dann können Sie bei Ihrem Sohn sein.“
Perry resignierte. „Wenn Ihr euch alle gegen mich verschworen habt, habe ich wohl keine Chance mehr.“ Er merkte auch selbst, wie müde er war und dass er kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Sein Kopf schien in einer dicken Wattepackung zu stecken.
Das angeforderte Bett wurde von einem Medoroboter auf einem Antigravpolster hereingeschoben. Rhodan zuckte die Schultern und legte sich auf das Bett. Sofort, als er sich zurücklegte, merkte er, wie leer und ausgebrannt er war. Fast schlagartig drehte sich das Krankenzimmer um seinen Kopf. Er konnte keinen Punkt mehr klar fixieren, im Innern des Kopfes fing es an zu hämmern und leichte Übelkeit stieg in ihm hoch.
Das ist jetzt wohl dieses komische „Entspannungssyndrom“, von dem die Psychologen immer sprechen nach einer intensiven Belastung, wenn der Druck nachlässt, dachte er in einem Anflug von Sarkasmus.
„Machen Sie sich keine Sorgen, Sir“, vernahm er die beruhigende Stimme des Arztes. „Gleich werden Sie nichts mehr spüren.“
Telekinetisch schob Gucky sein Bett direkt neben das des Sohnes – wieder fluchte der Arzt, weil er auch jetzt „im Weg“ stand und zur Seite gehen musste. Gucky hob genauso telekinetisch Rhodans Hand, als der Abstand gering genug war und legte sie auf die schlaffe und abgemagerte Hand seines Sohnes.
„So, meinte er befriedigt“, das ist für euch beide wichtig.“
Gucky kuschelte sein pelziges Gesicht an seines und seufzte leicht.
Er vernahm noch das Zischen einer Hochdruckspritze, dann Gucky: „Der Dicke und ich passen auf euch beide auf.“
Er schaffte noch einen kurzen Blick auf Michael, der im Bett neben ihm schlief und nahm das zufriedene Gefühl mit sich, dass er diesmal das Richtige als Vater getan hatte. Der Sohn würde wieder gesundwerden, da war er sich ganz sicher. Und diesmal schliefen sein Sohn und eer gleichzeitig nebeneinander in einem Krankenzimmer unter der Obhut von Ärzten, Schwestern und Medorobotern.
Dieses überaus angenehme Gefühl nahm er mit in seinen tiefen und traumlosen Schlaf.

Keine Kommentare: