Der Herrscher der Zeiten - Leseprobe


Band 1: Das Schwert des Zeitenherrschers


Terra, Britannien, Südküste, 410 n.Chr


1

„Du willst also wirklich nicht mit uns zurück nach Rom?“
Marcus Vespanius schüttelte bestimmt den Kopf. „Nein, Legat. Mein Entschluss steht fest. Ich bleibe zusammen mit dem Merlin hier in diesem Land.“
Wir standen zusammen vor der Brücke, an der die letzte römische Galeere lag und auf den Befehlshaber der römischen Streitkräfte wartete.
Wir hatten alle drei zusammen, der Legat; mein Freund, der Militärtribun Marcus Vespanius und ich, Atlan, der Merlin von Britannien, höchster Führer der Druiden des Landes versucht, den Abzug der regulären römischen Truppen aus Britannien zu verhindern.
Sicher, ich liebte Rom als Institution nicht, ich hasste es sogar, seitdem ich so viele Grausamkeiten im Rom unter Kaiser Nero erlebt und erlitten hatte und seitdem ich feststellen musste, wozu diese kleinen Barbaren von Larsaf III auch im negativen Sinne fähig waren – aber trotzdem wusste ich, dass Rom der Garant für ein stabiles Britannien war. Ohne die Präsenz der überall verteilten schlagkräftigen römischen Truppen würde das Land Freiwild für jeden Eroberer werden. Schon jetzt konnten die Grenztruppen im Norden am Hadrianswall kaum den anstürmenden Pikten standhalten. Über See fielen Sachsen und Angeln in das Land ein. Mir wurde ganz flau, wenn ich daran dachte, was ohne diese disziplinierten und gut ausgebildeten Truppen schon in kurzer Zeit auf dieser Insel geschehen würde.
Zum Glück waren der Legat der letzten römischen Legion und der Gouverneur von Britannien so umsichtig gewesen, die Grenztruppen, die im Land blieben vom ohnehin nicht mehr zu haltenden Hadrianswall ein großes Stück nach Süden zu verlegen. Sie mussten in diesen Tagen in ihren neuen Standorten eintreffen. Sie würden im Land bleiben, viel zu wenig – aber immerhin ein kleiner Lichtblick.
Mit ihnen blieben ein Teil der Offiziere, die mit ihren Familien hier ihre Heimat sahen, teilweise sogar schon hier geboren waren. Für sie war Rom nichts weiter als eine Erzählung, eine Legende. Der Legat, der das auch als Desertieren hätte sehen können, hatte ihnen sogar die Entscheidung freigestellt. In ihm hatte ich einen klardenkenden, weitsichtigen Mann kennen gelernt. „Rom ist weit weg“, pflegte er nur zu sagen, wenn er seine eigenen Entscheidungen traf. Wir respektierten uns gegenseitig.
In seinem Militärtribunen Marcus Vespanius hatte ich sogar einen treuen Freund gefunden. Schnell erkannten wir unsere gegenseitige Sympathie füreinander. Marcus gehörte zu den Menschen, die ihrer Zeit weit voraus waren und die ich deshalb schon in den vielen vorangegangenen Jahrtausenden entsprechend geschult hatte. Unter ihnen war Marcus sogar einer der wenigen, die ich so umfangreich geschult hatte, dass sie wussten, was die Sterne waren, dass es ein großes Sternenreich gab, das sich Großes Imperium nannte, dass die Erde, Larsaf III eine Kolonie dieses Reiches war. – Und er wusste, was Arkon war, meine Heimat, die Heimat eines gestrandeten Flotten-Admirals und des Thronfolgers des Großen Imperiums.
Ich musste mich beherrschen, um nicht wieder wehmütig zu werden. Nach Hause … so langsam gab ich diese Hoffnung ganz auf. Wenn es die ganzen Jahrtausende nicht geklappt hatte … mir blieb nur die Möglichkeit, die Barbaren auf ihrem Weg zu den Sternen voran zu bringen, sie Stück für Stück zu fördern – um endlich, nach so vielen Jahrtausenden auf diesem einsamen Planeten am Ende der Galaxis, nach Hause zu fliegen – ob man mich dort überhaupt noch kannte? Ob man noch wusste, wer Atlan aus dem Herrschergeschlecht der Gonozal war?
Gewaltsam schüttelte ich die aufkommende Resignation ab. Hier und jetzt musste ich handeln, und das so, dass die spätere Geschichtsschreibung möglichst wenig von meinem Wirken ergründen konnte. Mir lag nichts daran, wenn die kleinen Barbaren, sobald sie ihren Weg zu den Sternen gefunden hatten, erfuhren, dass ein gestrandeter Arkonide sie beschützt und geleitet hatte.
Der Legat schüttelte traurig den Kopf. „Ich hatte es befürchtet, Tribun. Ich wünsche dir alles Gute. Es betrübt mich, dass wir uns hier trennen müssen.“
Marcus ergriff seine Hände. „Mich genauso, Legat. Aber meine Aufgabe ist hier, bei den vielen Völkern Britanniens. Jeder Mann, der nicht mit zurück nach Rom geht, ist äußerst wertvoll.“
„Ich weiß. Deshalb habe ich auch den Männern die Entscheidung überlassen. Außerdem bin ich nicht so grausam, Familien auseinander zu reißen.“
Erstmals schaltete ich mich in das Gespräch ein. „Wie du immer betonst, Legat: Rom ist weit.“
Er wandte sich mir voll zu. „Ja, Merlin. Ich beneide euch alle nicht um eure selbst gewählte Aufgabe. Was werdet ihr jetzt tun?“
Ich verzog das Gesicht. „Das, was nötig ist. Die vom Hadrianswall zurückgezogenen Truppen reorganisieren und die Verteidigung der römischen Städte verbessern. Versuchen, die eingeborenen Stämme zu einigen, damit sie sich gegen die anrennenden Barbaren behaupten können.“
„Eine große Aufgabe, Merlin. Wenn überhaupt, wirst nur du sie bewältigen können.“
„Ich weiß es nicht, Legat“, antwortete ich vorsichtig.
Er blickte mich nachdenklich an. „Du hast mehr Machtmittel, als du uns bisher gezeigt hast. Inzwischen bin ich mir sicher. Warum setzt du sie nicht ein?“
Leider hatte es einige Situationen gegeben, in denen der Legat mitbekam, wie ich Lähmstrahler und Deflektorschirm einsetzten musste. Nach seinem ersten Schrecken sah er in mir wohl eine Art Zauberer, dem alles möglich war.
„Wenn ich das täte, würde ich damit tausende von Menschen zum Tod verurteilen. Ja, ich habe diese Machtmittel – aber sie bedeuten den vielfachen Tod. Gerade das will ich nicht.“
Natürlich hätte ich die zahlreichen Invasionsversuche mit einigen arkonidischen Kampfrobotern, die in meiner Kuppel auf dem Meeresboden eingelagert waren, ohne Probleme zurückschlagen können. Die Folgen wären der Tod dieser Menschen und ein ungelöstes Rätsel in der Geschichtsschreibung gewesen.
Der Legat nickte nur. Es war damit alles gesagt. Er ergriff meine Hände, ich erwiderte seinen festen Händedruck. „Mir bleibt nur, euch viel Glück und Erfolg zu wünschen. Ich werde an euch denken. Es war eine schöne Zeit hier in Britannien. Ich werde immer wieder gerne daran zurückdenken.“
„Passt auch auf dich auf, Legat. Rom ist eine Schlangengrube.“
Er verzog das Gesicht. „Leider ja. Am liebsten wäre auch ich hiergeblieben. Einerseits hasse ich Rom, aber meine Familie wartet dort auf mich. Meine kleine Tochter habe ich noch nicht einmal gesehen. Ich freue mich auf sie. Meine Frau schrieb mir, dass sie sich prächtig entwickelt.“
Damit drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging mit festen Schritten über den Steg auf die Galeere. Der Kapitän grüßte ihn respektvoll, dann löste das Schiff sich langsam vom Kai.
Marcus und ich sahen dem römischen Schiff schweigend nach, bis es am Horizont immer kleiner wurde, wir es nur noch als Punkt sehen konnten.
„Das war es also“, brach Marcus endlich das Schweigen. „Was nun, Freund Atlan? Hast du schon einen Plan?“
„Mehrere“, antwortete ich und musterte meinen Freund prüfend. Er trug immer noch seine leichte römische Rüstung, natürlich nicht aus Originalmaterial, sondern aus Arkonstahl, genau wie seine und meine Waffen hergestellt von meinen Kuppelmaschinen. Sein tiefschwarzes Haar war nach römischer Sitte kurz geschnitten, während mein weißblondes Haar lang bis auf die Schultern hing. Als Merlin von Britannien konnte ich es mir leisten, so aufzutreten, wie ich es wollte – natürlich im Rahmen der vorherrschenden Kultur. So trug auch ich einen leichten Panzer, hervorragende Waffen aus der Herstellung der Kuppelmaschinen und darüber einen kurzen Umhang mit den Symbolen des Merlins von Britannien, einigen Sternen, dem Mond und dem stark stilisierten Symbol von drei Planeten in der Form eines gleichschenkligen Dreiecks – das Symbol der Flotte der Großen Imperiums. Im Prinzip war es lächerlich, aber es tat mir gut, es zu tragen. Es war etwas, an dem ich mich festhalten konnte.
Wir gingen ein paar Schritte zu dem Unterstand, wo wir unsere Pferde unter der Obhut eines Centurios zurückgelassen hatten.
„Es ist geschehen, Centurio“, sagte ich zu dem älteren Mann, dessen Narben zeigten, dass er schon sehr viele Schlachten erlebt und überlebt hatte.
 „Wir treffen uns in genau zehn Tagen im Hauptlager der alten Garnison“, fuhr ich fort. „Dann werden wir besprechen, wie es weitergeht. Solange kehrt ihr alle zu euren Familien zurück. Wenn ihr etwas Beunruhigendes bemerkt, schickt ihr einen Boten nach Avalon.“
Der Mann zuckte ein wenig zusammen, nicht vor Furcht, sondern wohl wegen dem Mythos, der jetzt schon die Insel Avalon umgab, die Heilige Insel der Priesterinnen und Druiden von Britannien. Für die Verbreitung der entsprechenden Nachrichten zusammen mit dem Mythos um mich hatte ich schon mit Hilfe von Ricos Sonden gesorgt.
Wir banden unsere Pferde los, junge, starke Tiere, die uns mit freudigem Schnauben begrüßten. Sie schienen zu wissen, dass es nun auf einen weiten Ritt ging, sie sich wieder einmal richtig austoben konnte, ihre Kräfte erproben. Ich hatte beide selbst eingeritten. Sie folgten uns aufs Wort.
Nachdem der Centurio gegangen war, fragte Marcus mich leise: „Wirklich nach Avalon? Direkt?“
„Ja, direkt. Wir müssen zuerst mit der Hohepriesterin sprechen. Sie und ihre Priesterinnen müssen einen großen Teil der Arbeit leisten.“
„Dann also los.“ Er schwang sich in den Sattel, tätschelte seinem Pferd den Hals, das sich daraufhin spielerisch aufbäumte, dann preschte er los. Ich folgte ihm. Meine Gedanken waren schwer. Während der Wind meine Haare zersauste, dachte ich an das, was uns die nächste Zeit wohl bringen würde. Ich hatte nicht die Absicht, noch einige Jahre hier in diesem Land mit dem furchtbaren Klima zu bleiben. Im Moment schien gerade mal die Sonne, aber meistens war es hier nebelverhangen und feucht. Die eingeborenen Menschen waren es gewohnt, sie kannten es nicht anders. Aber für mich und auch die Römer, die die südliche Sonne gewohnt waren, war es mörderisch.
Mein Plan sah vor, die Verteidigung des Landes zu organisieren, die Insel Avalon zu einer Art Festung zu machen und dann in meine Kuppel zurückzukehren. Marcus hatte ich angeboten, mich zu begleiten. Er hatte keine Familie hier und auch keine Frau oder Freundin unter den Eingeborenen. Bisher hatte er sich noch nicht entschieden.
Wir würden nach spätestens einhundert Jahren wieder hierherkommen. Das hatte ich mir fest vorgenommen, schon weil die fernen Vorfahren der Priesterinnen und Druiden des Alten Glaubens Flüchtlinge von Atlantis waren. Dies hatten Rico und ich anhand der Aufzeichnungen der Sonden, die mein Chefroboter damals direkt nach der großen Katastrophe ausgeschickt hatte, festgestellt. Ich fühlte mich moralisch verpflichtet, ihnen zu helfen, wie auch allen anderen Kulturen, die aus Atlantis-Flüchtlingen hervorgegangen waren.

**********
Ein halbes Jahr später

Das war nun der endgültige Abschied von Britannien – erst einmal. Marcus und ich hatten in diesen Monaten das Land bereist, mit vielen Leuten gesprochen, die Einfluss und Macht hatten. Wir hatten uns mit Römern unterhalten, mit den Anführern der verschiedenen britannischen Stämme, mit An­hängern des Alten genauso wie mit denen des Neuen Glaubens, den sogenannten Christen.
Sogar in den Norden waren wir gereist, um zu versuchen, ein Abkommen mit den nach Süden drängenden Pikten zu schließen. Hier hatten wir einsehen müssen, dass es aussichtslos war. Diese Stämme waren so primitiv, dass nichts von unseren Impulsen auf fruchtbaren Boden fiel. Ich fragte mich immer wieder, wieso ein Teil der Barbaren so erschreckend rückständig war. Sie waren auf einer viel früheren Entwicklungsstufe geblieben, als die ersten steinzeitlichen Jäger, die ich damals, kurz nach der Katastrophe von Atlantis, auf dem Erdball verteilt hatte. Das war immerhin schon gut 8.000 Jahre her. Die positronische Auswertung durch das große Gehirn meiner Kuppel hatte ebenfalls keine Erklärung liefern können.
Nun konnten wir hier nichts mehr tun als warten. Das konnten wir genauso gut in meiner Kuppel im Tiefschlaf. Meinen Geist würde es vor der tiefen Resignation bewahren, die sonst hier auf mich wartete, Marcus würde es seine Jugend und seine Gesundheit erhalten, ihm sein Überleben sichern – erstmal. Nachdem er sich entschlossen hatte, mich zu begleiten, plante ich eine Tiefschlafphase von einhundert Jahren. Falls sich hier in Britannien oder irgendwo anders auf der Erde etwas Bedeutendes ereignete, würde mein treuer Roboter Rico uns oder zumindest mich früher aufwecken.
Wieder – wie vor einem halben Jahr – standen wir an einem Ufer. Diesmal am Ufer einer Insel. Der Insel Avalon, der Heiligen Insel der Priesterinnen und Druiden des Alten Glaubens. Wir – Marcus und ich – sowie die Priesterinnen und Druiden – hatten bei ihren zahlreichen Reisen den Mythos der Heiligen Insel genährt – genauso wie den Mythos des unsterblichen Herrschers der Zeiten, des Merlins von Britannien, der eines Tages zurückkehren würde. Mir war nicht wohl dabei. Es verstieß grundsätzlich gegen meine Prinzipien, meine Unsterblichkeit in die Waagschale zu werfen. Im Gegenteil hatte ich immer darauf geachtet, sie zu verbergen. Wenn ich viele Jahre später an einen Ort zurückkehrte, gab ich mich meistens als ein Enkel oder sonstiger Nachkomme von mir selbst aus. In Britannien hatte ich zum ersten Mal entgegengesetzt handeln müssen. Anders wären meine zivilisatorischen und kulturellen Impulse nicht angenommen worden.
„Celia“, wandte ich mich an die Hohepriesterin, die im Kreis einiger Priesterinnen neben Marcus und mir stand, „es werden harte Zeiten auf euch zukommen. Ihr werdet für unsere Sache immer wieder kämpfen müssen.“
Sie lachte leicht. „Keine Sorge, Merlin. Wir sind bereit, wir werden alles tun, was uns möglich ist. Die Menschen brauchen uns. Ob wir Erfolg haben – das wissen nur die Götter. Besonders die Große Mutter wird uns beschützen.“
Celia strahlte ein gesundes Selbstbewusstsein aus, ohne eine Spur von Arroganz. Sie war eine Frau, die wusste, was sie tat. Sie hatte ich genau wie ihre Priesterinnen in arkonidischen Hypnoschulern unterwiesen. Die Geräte standen immer noch auf der Insel, aber in einer getarnten Höhle, die außer mir niemand öffnen konnte. Lange hatte ich überlegt, ob es sinnvoll war, zusammen mit Rico, der zwischendurch in der Maske eines sehr guten Freundes von mir auch auf der Insel war, Roboter hier zu lassen und die Menschen auch nach unserem Verschwinden weiter zu schulen. Letztendlich hatten wir uns dagegen entschieden, weil die Gefahr zu hoch war, dass Legenden entstanden, die sich verselbständigten. Die Legende des unsterblichen Zeitenherrschers war schon mehr als genug.
So konnte ich nur hoffen, dass das Wissen, welches ich diesen Menschen vermittelt hatte, über die Generationen erhalten blieb. Mir war klar, dass es immer weniger werden würde, aber ich hoffte, dass nach diesen hundert Jahren noch so viel übrig war, dass wir nicht wieder von vorne anfangen mussten.
Die Insel selbst war in einen Energieschirm gehüllt, den ich so eingestellt hatte, dass er milchig-weiß aussah, genau wie dieser grausame einheimische Nebel. In der Bevölkerung, die immer noch sehr stark dem Aberglauben anhing, wurde von einer geheimnisvollen Insel berichtet, die im Nebel verborgen lag und dass nur die Priesterinnen und Druiden des Alten Glaubens den Weg dorthin kannten. Alle anderen Menschen würden ihn nie finden. Wenn sie versuchten, die Insel zu erreichen, endete die Welt für sie bei der Abtei von Glastonbury, einem Kloster der neuen Religion, die von Jesus von Nazareth in Palästina begründet worden war.
„Ihr alle kennt den Zugang durch den Nebel“, nahm ich das Gespräch wieder auf. „Hütet das Geheimnis gut. Es könnte einmal eure Lebensrettung sein. Niemand außer euch darf diese Insel jemals finden. Wenn ein anderer hierher gelangt, könnte es der Untergang für euch alle sein.“
„Ich weiß“, antwortete sie ernst. „Erst wenn eine Frau alle Prüfungen bestanden hat und ihre Weihe zur Priesterin erhält, wird ihr das geheime Losungswort mitgeteilt. Genauso handhaben es die Druiden.“
„Mehr könnt Ihr nicht tun“, bestätigte ich. Es gab nur einen einzigen Weg auf die Insel. Die Priesterinnen und Druiden ließen sich von den Fischern übersetzen, die in dem kleinen Dorf am Ufer des Sees lebten. Aber auch sie wussten nicht, wie man die Nebel teilte. Die Priesterinnen oder Druiden standen im Bug des Bootes und teilten die „Nebel“ mit einer großartigen Geste, wobei sie den Satz aussprachen, der von dem kleinen Robotgehirn, dass den Energieschirm schaltete, empfangen wurde: „Im Namen der She’Huhan!“ She’Huhan, die arkonidischen Sternengötter! Niemand außer ihnen kannte das Wort, das nicht von diesem Planeten stammte! Außerdem war diese Geste eine genaue festgelegte Bewegungsabfolge, bei der sie ihr heiliges Amulett hoch erhoben, auf dem ebenfalls der blaue Halbmond, das heilige Zeichen, abgebildet war.
Nur wenn alle drei Faktoren stimmten, schaltete das Gehirn eine genau berechnete Strukturlücke, durch die das Boot passte. Für die Menschen wirkte es, als ob sich eine neue Welt auftat. Das Boot wurde auch sofort wieder zurückgeschickt, niemand durfte die Insel betreten.
Die Fischer betrachteten es als eine Ehre, diesen Dienst tun zu dürfen. Deshalb waren auch alle Bekehrungsversuche der Vertreter der neuen Religion bei ihnen gescheitert. Man hatte sich inzwischen dazu entschlossen, sie einfach in Ruhe zu lassen.
Celia wandte sich Marcus zu, der bisher noch kein einziges Wort gesprochen hatte. Jeder sah, dass die beiden sich sehr gut verstanden, eigentlich schon mehr. Aber trotzdem war es zu keiner Annäherung zwischen ihnen gekommen. Warum konnten sich beide nicht erklären. Vielleicht strahlte Marcus eine Art unsichtbarer Distanz aus, nachdem er sich dazu entschlossen hatte, mich in die Kuppel zu begleiten.
Marcus lächelte die Frau an. Dann nahm er sie ohne weitere Umstände in die Arme, drückte sie an sich und küsste sie. Celia schnappte nach Luft, damit hatte sie nicht gerechnet. Ihre Priesterinnen lächelten leicht und verstehend.
Ich lachte laut. „Endlich“, meinte ich und nahm beide, so umschlungen, wie sie waren, noch einmal in die Arme. Einen Moment verharrten wir so.
Dann lösten wir uns voneinander. Celia brachte mit hochrotem Gesicht ihre Kleidung in Ordnung, das Kleid und den traditionellen dunkelblauen Umhang, den alle Priesterinnen trugen. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin, von der sie mir erzählt hatte, trug sie keine besonderen Zeichen ihres hohen Ranges, sondern war so wie alle Priesterinnen gekleidet. Jemand, der sie nicht kannte, wusste nicht, dass er die Hohepriesterin der Alten Religion vor sich hatte. Ich befürwortete ihre Einstellung ohne Einschränkungen.
„Marcus und ich gehen jetzt, Celia. Du wirst dann schon im Reich der Großen Mutter sein, aber deine Nachkommen werden sich hoffentlich noch erinnern.“
„Ich hoffe, dass ich eine Tochter haben werde, die nach mir die Hohepriesterin wird“, meinte Celia nachdenklich.
„Suche dir einen guten Mann“, riet Marcus. „Ich wünsche es für dich.“
„Es kommt nur ein Druide in Frage“, meinte Celia bestimmt. „Er garantiert, dass unser Wissen, das Wissen des Merlins, nicht verloren geht.“
Bewundernd musterte ich die Frau. Für ihr Amt als Hohepriesterin war sie noch sehr jung. Als Kind war sie bei einem Überfall auf ihr Dorf zur Waise geworden. Die Priesterinnen hatten die Überlebenden in Sicherheit gebracht. Bei Celia hatten sie gleich ihre Begabung und ihre wache Intelligenz bemerkt. Die damalige Hohepriesterin hatte sie gezielt zu ihrer Nachfolgerin ausgebildet. Als sie einer Krankheit zum Opfer fiel, die die Priesterinnen nicht heilen konnten, wurde Celia auf Beschluss des höchsten Druiden trotz ihres jungen Alters zur Hohepriesterin geweiht.
Sie würde alles tun, um das Wissen, das ich ihr vermittelt hatte, zu retten und weiterzugeben.
Wir wandten uns um. Das Fischerboot hatte schon angelegt. Die Männer darin verbeugten sich tief, als wir an Bord gingen. Die Priesterin, die an Bord war und die „Nebel geteilt“ hatte, verneigte sich vor ihrer Hohepriesterin und vor mir. Sie verließ das Boot und reihte sich in die Gruppe ihrer Gefährtinnen ein.
Ich bestieg das Boot und drehte mich noch einmal kurz um. Ein wehmütiges Gefühl stieg in mir auf. Klar erkannte ich, wie sehr ich diese Menschen liebte.
Du kommst nach spätestens einhundert Jahren zurück, Arkonide, meinte mein Extrasinn. Ja, ich würde wiederkommen, wahrscheinlich sogar schon viel früher, überlegte ich. Das konnte hier nicht lange gut gehen. Mir machten die so erschreckend primitiven Pikten große Sorgen. Auch die eindringenden Angeln und Sachsen waren nicht zu unterschätzen. Die größte Gefahr ging aber von innen aus, von den vielen Stämmen, die sich nicht untereinander einigen konnten.
Du kannst nichts anderes tun, als abwarten, mahnte der Logiksektor.
Ja, gab ich zurück. Genau das werde ich jetzt in der Kuppel tun.
Oder irgendwo anders auf diesem Planeten eingreifen müssen, fügte der Extrasinn noch hinzu.
Die Priesterinnen am Ufer verneigten sich respektvoll, aber nicht unterwürfig. Das hatte ich ihnen sehr schnell abgewöhnt. Sie winkten uns zu, so lange sie das Boot sehen konnten.
Wir alle sprachen nicht, bis die Fischer die Ruder aus dem Wasser hoben und warteten. Celia blickte mich fragend an. Ich verstand. Sie wollte, dass ich, der Merlin bei diesem letzten Mal die rituellen Worte sprach.
Ich stand auf, hob die Arme weit auseinander, verweilte einen kurzen Augenblick in dieser Stellung, dann sprach ich die Worte: „Im Namen der She’Huhan!“ Gleichzeitig mit dem Senken meiner Arme fiel der Nebel an einer schmalen Stelle zusammen. Viel war bei diesem Ritual auch Optik für die Menschen – aus gutem Grund.
Die Fischer nahmen die Ruder wieder auf und brachten uns zum Ufer. Niemand sprach während der Fahrt. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
Das Boot legte sanft an. Die Fischer verstanden ihr Handwerk. Ich stieg zuerst aus, mir folgten Marcus und dann Celia.
Ich erkannte Celias Absicht und verhinderte, dass sie sich verneigte. Im Gegenteil hob ich ihren Kopf zu mir empor – und küsste sie auch. Sie errötete diesmal so stark, dass sogar der eintätowierte blaue Halbmond zwischen ihren Augenbrauen, das heilige Zeichen der Priesterinnen und Druiden eine dunklere Färbung annahm.
„Viel Glück für euch alle. Möget ihr Erfolg haben, Celia. Ich vertraue dir.“
Sie nickte nur. Sprechen konnte sie nicht, ihre Erregung verhinderte es.
Marcus nahm sie auch noch einmal in den Arm und drückte sie ganz fest. „Du wirst es schaffen, Celia.“
Sie fasste sich. „Ich wünsche euch auch viel Glück. Kommt irgendwann heil und gesund wieder in dieses Land. Atlan, passe auf dich auf. Sei bitte immer vorsichtig, auch wenn es dir manchmal schwerfällt.“
Ich lachte. „Keine Sorge, Hohepriesterin. Ich passe auf mich auf.“
Hoffentlich, konnte mein Extrasinn sich den Kommentar nicht verkneifen. Sie scheint dich gut einschätzen zu können. Ich ging nicht darauf ein.
Damit stieg Celia wieder in das Boot. Die Fischer legten ab. Marcus und ich sahen ihr nach, bis das Boot unserem Blick entschwand. Hinter uns warteten zwei Fischer mit Pferden für uns. Es waren nicht unsere gut eingerittenen und erprobten Tiere, die hatten wir auf der Insel gelassen und den Priesterinnen geschenkt. Es waren Pferde, die den Fischern gehörten.
Wir beschrieben ihnen die Stelle, an der sie sie wiederfinden konnten. Kurz dahinter lag mein Gleiter versteckt. Wir würden diese letzte Strecke zu Fuß zurücklegen, damit niemand unseren Abflug verfolgen konnte. Noch eine Legende wollte ich unter keinen Umständen.

**********

2

„Die Zeit ist um, Gebieter“, vernahm ich die Stimme meines Roboters Rico, der schon mehr ein Freund als ein seelenloser Roboter für mich war. Der Bildschirm, auf dem ich diese Ereignisse verfolgt hatte, verdunkelte sich. Ich brauchte gleich nach dem Aufwachen diese optischen Eindrücke, wenn mein Verstand nicht wahnsinnig werden sollte.
„Ich musste dich und auch deinen Freund Marcus wecken. Die Ereignisse in Britannien erfordern euer Eingreifen.“
Ich nickte schwach. Noch konnte ich meinen Körper kaum bewegen. Zu gut kannte ich das, der Geist war schon lange vorher handlungsfähig. Diese Zeit würde Rico nutzen, um mich über alles zu informieren, was ich wissen musste. Auf ihn konnte ich mich verlassen. Ich würde einen perfekten, detaillierten Überblick bekommen.
„Wie lange?“, brachte ich mühsam hervor. Die Stimmbänder gehorchten mir noch nicht wieder richtig.
„80 Jahre“, antwortete der Roboter. „Nach der Zeitrechnung des Christentums, die sich in diesem Teil des Planeten durchgesetzt hat, schreiben die Menschen das Jahr 490 nach der Zeitenwende.“
Also war meine Befürchtung damals richtig gewesen. Die Situation in Britannien hatte sich so zugespitzt, dass Rico einen Grund zum Eingreifen sah. Also musste es sehr schlimm sein, der Roboter hätte uns nicht ohne triftigen Grund geweckt.

Fortsetzung folgt …
 



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