Der Arkonide und der Freihändlerkönig - Teil 3



Von nun an lief alles mit der bei Terranern üblichen Routine ab.
Das von den Freihändlern und den Mutanten eroberte Schiff der Akonen wurde von der Solaren Flotte übernommen. Die immer noch betäubten Besatzungsmitglieder wurden von einem Roboterkommando in den Gemeinschaftsräumen eingesperrt und unter scharfer Bewachung gehalten.
Die DRORAH XIII. wurde von einer abkommandierten Prisenbesatzung zur Erde gebracht, um dort von Spezialisten der Abwehr gründlich untersucht zu werden.
Die CREST IV und die FRANCIS DRAKE starteten ebenfalls gemeinsam zur Erde.
Atlan, der nur zum Schein mit in die Bordklinik der DRAKE gegangen war, um Rois Widerstand zu brechen, informierte sowohl Perry als auch die Ärzte über alles, was sich seit ihrer Entführung zugetragen hatte.
Perry machte sich große Sorgen, zumal ES mit im Spiel war und niemand bisher wusste, wohin das alles führen würde. Aus seiner bisherigen Erfahrung mit der Superintelligenz wusste er, dass immer, wenn sie beteiligt war, große Ereignisse zumindest vorbereitet wurden.
Beatrice und Dr. Waringer berieten, ob sie das Gespräch mit dem Großadministrator suchen und ihn darüber informieren sollten, wer der geheimnisvolle Chefwissenschaftler der Freihändler war. Sie entschieden sich dagegen, weil sie Perry Rhodan nicht noch zusätzlich reizen wollte. Atlan billigte dieses Vorgehen. Nachdem Perry wusste, wer König Danton war, würde er sich selbst denken können, dass Dr. Waringer Roi ausrüstete. Ein Gespräch würde eher alles noch mehr aufwühlen und verkomplizieren, da Perry seine Abneigung gegen den genialen Wissenschaftler immer noch nicht überwunden hatte.
Roi Danton wurde von den Ärzten vorübergehend in ein künstliches Koma versetzt, damit seine Nerven sich vollständig beruhigen konnte. Wie er danach mit dem psychischen Trauma umging – darüber wollten weder Doc Hamory noch Doc Arthur, der inzwischen natürlich auch erkannt hatte, wer ihr Patient war, sich äußern.
Das Mutantenverhör von Kers von Hayn und Thomas Browne auf der Erde offenbarte das ganze Ausmaß der Verschwörung. Die Mutanten bestätigten, dass Browne nicht nur ein starker Hypnomutant, sondern auch noch ein Telepath war, wovon niemand bisher etwas geahnt hatte. Seine Verbrechen seit seiner Jugend hatte er durch seine Paragaben planen und durchführen können, ohne jemals gefasst zu werden.
Das Lovely Boscyk durch einen Unfall in seiner Jugend parapsychisch taub war, hatte Browne seine Gedanken nie lesen und ihn auch nicht beeinflussen können. So bemerkte er glücklicherweise auch nicht den Austausch des Kaisers gegen das Robot-Double. Dies blieb auch den Mutanten beim Verhör verborgen, weil niemand außer dem engsten Kreis um Roi davon wusste – und diese Personen waren allesamt mentalstabilisiert.
Für Browne war es leicht gewesen, die Beiräte in seinem Sinne zu beeinflussen. Sein Ziel war die allmähliche Machtübernahme bei den Freihändlern gewesen. Er sah sich schon als neuen Kaiser und alleinigen Herrscher.
Nachdem Roi Danton aus dem Nichts auftauchte und er sofort feststellte, dass der junge Kosmonaut mentalstabilisiert war, erwachte sein Misstrauen. Je mehr Rois gute Beziehungen zum Solaren Imperium und seine immensen Finanzierungsmöglichkeiten offenbar wurden, desto mehr sah er seine Pläne gefährdet. Er zettelte mehrere Intrigen gegen Roi an und gab sich selbst den Anschein, treu auf der Seite des neuen Befehlshabers zu stehen. Er ließ sogar einen anderen Beirat aus ihrem Kreis eine Intrige gegen Roi anzetteln, um die Aufmerksamkeit von sich selbst abzulenken und Roi von seinen lauteren Absichten zu überzeugen. Sein Kollege war für ihn nur ein Bauernopfer, da er vorher wusste, dass eine Beeinflussung Rois durch Psychostrahler fehlschlagen musste.
Obwohl Roi selbst parapsychisch nicht beeinflusst werden konnte, konnte er sich der gefährlichen persönlichen Ausstrahlung des starken Mutanten nicht ganz entziehen.
Als Rois Stellung sich trotzdem immer mehr festigte, beschloss Browne, ihn doch aus dem Weg zu räumen. Mehrere Mordanschläge durch von ihm beeinflusste, bisher unbescholtene Freihändler misslangen.
Deshalb nahm Browne durch seine alten Kontakte Verbindung zur Condos Vasac auf. Die an der Verbrecherorganisation beteiligten Akonen erkannten sofort die Chance, die sich ihnen bot. Kers von Hayn, ein hoher Offizier des Akonischen Energiekommandos, bot Thomas Browne einen für ihn lukrativen Deal an. Er würde ihm helfen, Roi Danton zu beseitigen und dafür wäre er der alleinige Befehlshaber der Freihändler. Als Gegenleistung sollte Browne eine Intrige gegen das Solare Imperium anzetteln . Auch ohne Transformkanonen und HÜ-Schirme waren die Freihändler ein äußerst gefährlicher Gegner für das Imperium, weil ihre Schiffe ausschließlich von Menschen bemannt wurden.
Browne bemerkte in seinem Machtrausch nicht, dass die Akonen ihn nur für ihre Zwecke benutzten und eine neue Chance sahen, das ihnen verhasste Solare Imperium von innen heraus zu schwächen.
Durch die Verwendung des antiken Giftstoffes, den Aras für die Condos Vasac aufgrund der historischen Aufzeichnungen entwickelten, hofften Browne und die Akonen ihre Aktionen verschleiern zu können. Die Daten waren durch ein Zeitfeld direkt von NATHAN gestohlen worden.
Dem gleichen Ziel diente auch die Verwendung des uralten Western-Revolvers, der aber gerade Atlan erst auf die richtige Spur brachte.
Nachdem alle Attentate auf Roi scheiterten und zuletzt die Sicherheitschefin fast zum Opfer wurde, änderten die Akonen und Browne ihre Pläne, als bekannt wurde, dass Roi zur Erde flog. Bei der Verabschiedung musste Roi den Anschein wahren und dem Beirat die Hand geben. Dadurch infizierte er sich mit speziell dafür programmierten mikroskopisch kleinen Nanorobotern, die den Akonen durch einen speziell programmierten Empfänger jederzeit seinen Aufenthaltsort verrieten.
Sie planten die Entführung von Roi, um ihm – zur Not unter der Folter – abzupressen, wer er war und welche Beziehungen er zum Solaren Imperium unterhielt. Sie vermuteten immer mehr, dass Roi ein USO-Spezialist war, der den Auftrag hatte, die Freihändler dem Imperium anzugliedern.
Rois Vier-Augen-Gespräch mit Atlan im „Galaxa“ erhärtete ihren Verdacht, dass Roi im allerhöchsten Auftrag des Lordadmirals handelte.
Dass sie Atlan zusammen mit Roi entführen konnten, war für die Akonen ein zusätzlicher Glücksfall. Die Entführung der beiden Männer erfolgte durch den großen Haupttransmitter des Regierungstowers im Schutz eines Zeitfeldes.
Die Akonische Regierung nahm die Proteste der Solaren Regierung gelassen zur Kenntnis und behauptete, einen Kers von Hayn nicht zu kennen. Damit ereilte diesen das Schicksal aller Offiziere des Energiekommandos, die vom Feind gefasst wurden. Wenn eine Befreiung aussichtslos war, ließ man sie einfach fallen.
Da alle zudem Mitglieder der Condos Vasac waren, erhob der Generalstaatsanwalt des Solaren Imperiums Anklage gegen sie. Die Verhandlung würde unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, sobald Roi Danton sich so weit erholt hatte, dass er als Hauptbelastungszeuge aussagen konnte.
Perry Rhodan ging von seinen sonstigen Prinzipien ab, seine Stellung als Großadministrator nicht zum persönlichen Vorteil zu verwenden und bat sowohl den Generalstaatsanwalt als auch den Obersten Richter des Imperiums, Roi Danton zu gestatten, aufgrund besonderer Umstände unter seinem Pseudonym als König der Freihändler auszusagen.
Atlan, Bully und Gucky, die ihn nicht zu dieser Entscheidung gedrängt hatten, reagierten sehr zufrieden, in der Hochachtung von Beatrice stieg er damit um einige Stufen.
Mit Genehmigung der Sicherheitschefin und momentaner Befehlshaberin der Freihändler lösten die Solaren Mutanten die Hypnoblöcke der Beiräte, die sich immer noch in der von den Freihändlern angemieteten Etage des Luxushotels in Terrania-City befanden.
Bea informierte die acht Männer über die Gegebenheiten, auch anhand von Filmaufnahmen, da die Erinnerungen durch die Hypnoblöcke unvollständig waren.
Alle erklärten anschließend, dass sie zwar nicht immer der gleichen Meinung wie ihr König seien, aber niemals solche widerwärtigen Methoden angewandt hätten, um sich Vorteile zu verschaffen.
Bea beließ sie nach einem längeren Gespräch in ihren Ämtern. Sie wollte nicht mit einer „großen Säuberungsaktion“ weitere Unruhen in die Reihen der Händler bringen.
Atlan unterstützte sie in ihrer Ansicht. Gemeinsam überlegten sie schon, wie sie jetzt das Problem lösen sollten, dass viel zu viele Personen über Rois wahre Identität informiert waren, vor allen Dingen sein Vater.
Mutter und Schwester wurden von Perry selbst über den Zustand von Roi informiert. Sie kamen nach Terra und in die Bordklinik der FRANCIS DRAKE, in der Roi immer noch im Koma lag. Da sie hier nichts ausrichten konnten und Sohn und Bruder in der Obhut hervorragender Ärzte und seiner Freundin wussten, reisten sie erst einmal wieder ab. Mory Rhodan-Abro musste ihren Regierungspflichten auf Plophos nachkommen und Dr. Waringer riefen wichtige Forschungsarbeiten nach Last Hope. Einige von ihm neu entwickelte Geräte standen kurz vor der ersten Erprobung. Suzan begleitete ihren Mann – mit sorgenvollem Herzen wegen ihres Bruders. Bea versprach ihr und Mory, sie sofort zu informieren, wenn sich der Zustand von Roi – hoffentlich zum Besseren – veränderte.

**********

Perry Rhodan hatte er in den vergangenen Tagen mehrfach seinen Sohn besucht, obwohl er seit seiner Jugend einen ausgeprägten Widerwillen gegen Krankenhäuser aller Art hatte. Allein der Geruch machte ihn krank.
Jede freie Minute, seitdem sein Sohn künstlich beatmet in der Bordklinik lag, quälte er sich mit Gedanken an seine eigene Mitschuld an Michaels Zustand. Gerade weil er so sehr eine Leistung vollbringen wollte, die ihn aus seinem Schatten hervorhob, hatte ihn so lange zögern lassen, Atlans Hilfe zu erbitten. Lange Gespräche mit seinem arkonidischen Freund hatten ihm die Augen geöffnet. Hätte Mike sich nicht so sehr unter Druck gesetzt, wären wohl viele Dinge anders abgelaufen …
In diesem Augenblick dröhnte die bekannte Stimme in seinem Kopf auf: Anders ja – aber nicht besser für deinen Sohn, meinen jungen Freund. Ich erkläre es euch genau – bald … du hast keine Schuld daran, wie es Michael jetzt geht …Er wird damit fertig werden – er MUSS damit fertig werden, daran hängt in sehr vielen Jahren das Schicksal der gesamten Menschheit ...
Er wusste von den Ärzten, dass die körperlichen Schäden komplett beseitigt waren. Wie sein Sohn das psychische Trauma verarbeiten würde, darüber wagten die Ärzte immer noch keine Aussage.
Durch den Bericht Atlans wusste er inzwischen, was Michael ausgehalten hatte, wie grausam er gefoltert worden war – und dass er nichts verraten hatte von seinem Wissen. Er hätte eher unter der Folter Selbstmord begangen. Einmal sollte er sehr kurz davor gewesen sein, bis dann ES ihn psychisch stärkte – und Gucky im letzten Moment zusammen mit Beatrice Wood auftauchte.
Nachträglich zitterte er um seinen Sohn, war aber im gleichen Augenblick unendlich stolz auf ihn.
Atlan hatte ihm nicht verhehlt, dass seiner Meinung nach nur eine den jungen Mann vor dem Wahnsinn retten konnte – seine Freundin Beatrice, wenn sie über ihren eigenen Schatten sprang – zu seinem Wohl.
Atlan hatte ihm anvertraut, dass Beatrice selbst sich nie wieder einem Mann hingeben konnte, allerdings nicht aus welchem Grund. Das fiel für den Arkoniden unter das Siegel des Vertrauens.
Aber genau das war die einzige Chance für seinen Sohn. Perry wollte mit Bea sprechen, sie darum bitten, aber Atlan riet ihm wiederum ab.
„Sie weiß, was sie tun muss oder sollte – wenn sie es kann, wenn sie es für Mike schafft, wird sie von sich aus das Richtige tun. Wir beide können da gar nichts mehr zu tun.
Beatrice hat schon einmal eine Entscheidung für deinen Sohn getroffen. Damals, als sie ihm zu den Freihändlern folgte. Sie wird sich auch dieses Mal richtig entscheiden … Vielleicht befreit sie sich damit auch selbst von einem riesigen Druck. Ich gönne es ihr und ich gönne den beiden eine gemeinsame Zukunft. Sie haben es so sehr verdient.“
Perry konnte nur nicken. Innerlich betete er für einen guten Ausgang für seinen Sohn …

**********

Bea hatte ihre Entscheidung getroffen – für ihren Freund Michael oder Roi, wie sie ihn jetzt immer nannte, damit sie sich nicht einmal durch einen Zufall verrieten.
Sie würde versuchen, ihre eigene Sperre in sich selbst zu sprengen, ihrem Freund helfen.
Du wirst es schaffen – für Michael und für dich – vergiss das dabei nicht, dröhnte die Stimme von ES in ihr auf. Sei zuversichtlich – und gehe jetzt zu ihm. Warte nicht mehr länger. Ich beobachte alles – und ich greife ein, wenn es nicht mehr geht, obwohl ich damit gegen die Anweisungen der Hohen Mächte handele … aber Michael ist eine DER Schlüsselfiguren in ferner Zukunft …
Das heißt – er wird unsterblich werden?, fragte Bea.
Ihr beide werdet einen sehr ungewöhnlichen Weg gehen – ihr werdet euch über lange Zeiten trennen und dann wird das kosmische Geschehen euch wieder zusammenführen – und das nicht nur ein Mal …
Wieso? Bea konnte im Moment nichts mit den dubiosen Aussagen der Superintelligenz anfangen.
Ich habe schon zu viel gesagt, wurde sie abgewiesen, ehe die Stimme verklang.
Sie schüttelte den Kopf, aber fühlte sich innerlich seltsam gestärkt. Die Worte von ES hatten ihr die nötige Kraft gegeben, ihre Entscheidung durchzuführen.
Sie rief ohne Zögern Schwester Jane in der Bordklinik an, die auch sie nach ihrer schweren Verletzung so gut und einfühlsam versorgt hatte.

**********

Als sie in der Bordklinik ankam, empfing sie Schwester Jane zusammen mit den beiden Ärzten lächelnd. Roi war bereits von der künstlichen Beatmung befreit und lag nicht mehr in einem Krankenbett, sondern in einem breiten Bett in einem gemütlich eingerichteten Zimmer, das eher an ein Luxushotel erinnert. Er lag nicht mehr im künstlichen Koma, sondern in einem Tiefschlaf, aus dem die Ärzte ihn sofort aufwecken konnten. Alle medizinischen Geräte waren entfernt worden, um ihm ihren Anblick beim Aufwachen zu ersparen. Ein Medorobot, der seine Körperfunktionen kontrollierte, stand unsichtbar hinter einem Hologramm, über das eine Pferdeherde mit herrlichen Tieren über eine endlose Steppe galoppierte. Atlan hatte den Ärzten mitgeteilt, dass Michael Pferde liebte.
Schwester Jane hatte seinen Körper und seine schulterlangen schwarzen Haare gewaschen, ihn in ein eigenes T-Shirt und eine bequeme Unterhose gekleidet.
Bea nickte ihr dankbar zu.
Sie selbst trug eine bequeme Freizeitkombination aus dunkelgrüner Seide.
Sanft streichelte sie über Rois Gesicht und spürte die glatte, warme Haut. Schwester Jane hatte ihn natürlich auch rasiert. Die Hitze des vernichtenden Fiebers war gewichen.
Sie nickte den Ärzten entschieden zu.
Doc Arthur setzte eine Hochdruckspritze im Nacken von Roi an.
„Er schläft ziemlich tief. Es wird ungefähr zehn Minuten dauern, bis er aufwacht. - Wenn Sie uns brauchen, wir sind jederzeit für Sie zu erreichen.“
Er deutete auf den verdeckten Alarmknopf an der Kopfseite des Bettes, lächelte ihr noch einmal aufmunternd zu und drehte sich um.
„Viel Glück, Fürstin“, meinte Hamory flüsternd. „Sie können es gebrauchen.“
Damit drehte auch er sich um. Das Schott fiel hinter den beiden Ärzten und Schwester Jane zu.

**********

Langsam kehrte Rois Bewusstsein zurück. Zuerst war nur eine große Leere da, er konnte seine Gedanken nicht sortieren, sich an nichts erinnern, was direkt vor seiner Bewusstlosigkeit geschehen war.
Er ließ sich treiben, versuchte nicht, sich zu erinnern. Diese Mauer war so schön, sie bewahrte ihn vor allem Bösen – bis sie ganz plötzlich zusammenbrach – und die Erinnerung wie ein tonnenschweres Gewicht auf ihn herabstürzte, ihn zu zermalmen drohte.
Ohne dass er es verhindern konnte, schrie er, schrie sich seine Qual heraus, ein langer, nicht enden wollender Schrei. Er versuchte ihn zu unterdrücken – kein Erfolg.
Warum musste er so schreien? - Warum konnte er das nicht verhindern? Er schämte sich so sehr, für sein Versagen vor sich selbst auf dem Folterbrett, das er jetzt so deutlich empfand, als ob er immer noch auf ihm lag.
Dann sah er Bea über sich, seine Bea. Er wollte sich in ihre Arme kuscheln, die sie um ihn schlang, dann versteifte er sich und wehrte sie sogar ab. Nein, er konnte ihr nicht nachgeben, er durfte es nicht, so wie er versagt hatte.
Mit dem letzten Rest seines klaren Verstandes spürte er, dass sein Verstand sich umnebelte, auf eine Grenze zudriftete, die endgültig für ihn war – endgültig für alles, was ihm etwas bedeutete, alles, was sein Leben ausmachte.
Immer wieder wich er Bea aus, wenn sie ihn streichelte – aber immer wieder blieb sie bei ihm, redete leise und behutsam auf ihn ein. Er glaubte, in der beginnenden Umnachtung ihre Stimme zu hören, die immer wieder sagte: „Es ist vorbei, Mike. Du hast es überstanden. Wir haben die Verbrecher gefasst. Wir haben gewonnen – Du hast gewonnen! Entspanne dich, dir passiert nichts Böses mehr.“
Er wollte den Verlockungen ihrer Stimme so gern nachgeben. Wieso verachtete sie ihn nicht für sein Versagen?
Aber er konnte den Horror des Vergangenen noch nicht abschütteln – bis Bea ihn an etwas genauso Grausames erinnerte: „Du hast auch die Mentalstabilisierung geschafft – genau wie ich. Erinnere dich! Damals hast du gewonnen – jetzt gewinnst du den Kampf auch!“
Er wollte aufbegehren, sie wegstoßen, weil sie ihn an diesen unglaublichen Horror damals erinnerte, an den er sich nie wieder erinnern wollte – aber genau in diesem Moment geschah das Wunder! Ja, er erinnerte sich wieder an seine Gedanken damals, seinen Kampf gegen den Irrsinn – aber gerade diese Erinnerung überdeckte die Erinnerung an den frischen Horror auf dem Folterbrett.
Roi spürte, wie er sich entspannte, wie seine Scham sich verflüchtigte … er ließ sich fallen, gab sich Bea hin, lag in ihren Armen und weinte wie ein kleines Kind – weinte sich alle Scham, alle Grausamkeiten von der Seele.
Bea sagte nichts, wiegte ihn in ihren Armen wie ein kleines Kind, streichelte seinen Kopf und barg sein Gesicht in ihrer Halsbeuge. Plötzlich nahm er auch wieder ihren Geruch wahr, den ihres Parfums, das er so gerne mochte.
Fast eine Stunde lang weinte er, zitterte in den Armen seiner Freundin, aber er genierte sich nicht mehr, seine Qual ihrer mitzuteilen.
Langsam erkannte er, dass die Schatten des Irrsinns sich auflösten, endgültig auflösten, als er zufrieden dachte: Wie gut, dass Bea wieder bei mir ist. Ohne sie würde ich es nicht schaffen. Bei ihr darf ich mich gehen lassen, muss mich nicht beherrschen, muss nicht so stark sein.
Die Tränen versiegten, seine Augen trockneten. Sie strich ihm die Haare aus dem Gesicht und küsste ihn ganz sanft auf den Mund, genauso wie bei dem Krönungsfest. Das schien ihm schon so unendlich lange her zu sein – eine Ewigkeit. Bei dem Fest war er fürchterlich betrunken gewesen – diesmal schmeckte er ihre Lippen erst so richtig.
Er sah Beas Augen ganz dicht vor seinen. „Ich entbinde dich von deinem Versprechen, wenn du es noch magst“, lud sie ihn unendlich sanft ein.
Roi glaubte, in ein Loch zu fallen, aber in ein angenehmes Loch, das ihn sanft umfing.
„Aber ...“ Mehr brachte er nicht hervor.
Sie nahm ihm ganz vorsichtig die Decke weg, die er immer noch umklammert hielt, zog ihm das T-Shirt aus. Er ließ es widerstandslos geschehen. Als sie ihm auch die Unterhose ausziehen wollte, schüttelte er den Kopf, tat es selbst, um sie dann auch zu entkleiden. Nackt lagen sie nebeneinander.
Er zögerte noch einen Moment, dann nahm er dieses für ihn so unendlich wertvolle Geschenk dankbar an, machte sie nun wirklich zu seiner Partnerin.
Mit seiner Erfahrung aus zahlreichen Liebschaften während seiner Studienzeit führte er sie einfühlsam über ihren letzten inneren Widerstand hinweg.
Den Gedanken, wie es danach mit ihrer Freundschaft weitergehen würde, schob er weit von sich. Später … Jetzt war nur der Augenblick wichtig – für sie beide, wie er instinktiv spürte.
Später, als sie erschöpft nebeneinander lagen und sich sanft streichelten, seufzte Roi leise.
„Die Gespenster des Irrsinns sind weg, liebste Freundin. Durch dich. Du hast mich wieder einmal gerettet.“
Sie schüttelte den Kopf. „Wir beide haben uns gerettet.“
Diese Worte waren das Letzte, was er bewusst wahrnahm, ehe er einschlief – ohne sie zu verstehen.

**********

Roi erwachte gestärkt und voller Tatendrang. Er fühlte sich wieder topfit. Mit einem Schlag kamen die Erinnerungen – nicht an die grausamen Stunden und Tage, die hinter ihm lagen, sondern an das, was direkt vor seinem Einschlafen geschehen war.
Er tastete nach Bea neben sich – das Bett war leer. Hatte er sie für immer verloren, war sie weg, hatte sie ihn nach der Liebesnacht verlassen?
Erschreckt sprang er hoch.
„Langsam, langsam“, hörte er ihre belustigte Stimme. „Nicht übertreiben, du Langschläfer.“
Sie war schon voll angezogen und lachte ihn fröhlich an, drückte ihm einen liebevollen Kuss auf den Mund.
„Du fragst dich jetzt wohl, wie es zwischen uns weiter gehen soll?“
Er nickte vorsichtig.
„Wie wohl, Mike?“, fragte sie locker. „Auf die einzige Art, die uns möglich ist, wenn wir uns nicht trennen wollen. Und genau das habe zumindest ich nicht vor. Also sind wir jetzt ein Paar, oder?“
Er fasste es nicht. „Aber …?“
„Was aber? Wir haben es zusammen endlich geschafft. Was dagegen?“
Endlich fand Roi seine Fassung wieder.
„Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil.“ Er zog sie an sich.
Dann wurde er wieder sehr ernst. „Danke noch einmal, Liebste. Das war wieder einmal knapp. Die Gespenster des Irrsinns waren diesmal sehr, sehr nahe. Ohne die Erinnerung an die Mentalstabilisierung hätte ich es nicht geschafft. Das hat mir das Leben gerettet.“
„Deinen Verstand“, korrigierte sie ebenfalls sehr ernst. „Aber lassen wir das. Es ist zum Glück vorbei. Steh auf und mach dich bitte fertig. Wir haben noch sehr viel zu tun, und nicht nur Angenehmes.“
„Leider.“
„Atlan wartet in deiner persönlichen Messe auf dich. Er möchte mit uns zusammen frühstücken. Oder hast du etwas dagegen?“
„Absolut nicht. Im Gegenteil.“
Roi sprang mit einem Satz aus dem Bett und registrierte erfreut, dass kein Schwindelgefühl folgte.
Er ging in den Hygieneraum und ließ sich genussvoll von der heißen Dusche berieseln, dann von kalt-warmen Wechselschauern, ehe er sich von dem Ganzkörperfön trocknen ließ.
„Nur Atlan?“, erkundigte er sich.
Bea nickte. „Wo dein Vater ist, weiß ich nicht. Eine Sicherheitschefin der Freihändler erfährt eben nicht, was der Herr Großadministrator treibt, auch wenn sie zufällig Major der USO ist“, scherzte sie.
Roi erinnerte sich daran, dass ihm die Aussprache mit seinem Vater noch bevorstand. Er würde das nicht auf die lange Bank schieben. Aber vorher brauchte er noch ein kräftiges Frühstück. Sein Magen machte mit lautem Knurren auf sich aufmerksam.
Während er sich anzog, setzte Bea ihn über alles in Kenntnis, was während seines Aufenthaltes seines Krankenhausaufenthaltes geschehen war.
Die Abschlussuntersuchung durch die beiden Ärzte, die der Medoroboter ihm auferlegen wollte, lehnte er ab. Er rief aber Doc Hamory und Doc Arthur, der ebenfalls noch an Bord war, an und bedankte sich für die hervorragende Behandlung. Das war ihm ein Bedürfnis.

**********

In seiner privaten Kommandantenmesse, in der er sonst seine bevorzugten Gäste empfing, warteten alle Schiffsoffiziere schon auf ihn. Sie standen gerade aufgereiht, vor ihnen sein Stellvertreter, Edelmann Rasto Hims. Atlan hielt sich im Hintergrund und nickte Roi und Bea bei ihrem Eintritt nur warm lächelnd zu.
Der Epsaler hatte Tränen in den Augen. Peinlich berührt wischte er mit dem Ärmel über sein Gesicht.
„Sir, darf ich Ihnen im Namen der gesamten Mannschaft unseren herzlichen Glückwunsch zu Ihrer völligen Genesung aussprechen? Wir alle haben uns große Sorgen um Sie gemacht.“
Roi versuchte, den Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken. Es gelang ihm nicht. Deshalb sagte er nichts, sondern schritt nur die Reihe ab und gab jedem die Hand.
Als Roi beim letzten angekommen war, erhob der Arkonide sich und stellte sich vor die Offiziere.
„Meine Damen und Herren. Ich möchte Ihnen allen ebenfalls meinen Dank aussprechen für Ihren vorbildlichen Einsatz, nicht nur für Ihren König und Ihre Organisation, sondern auch für das Solare Imperium. Ohne Ihren Erfolg hätten sich schwere politische und militärische Folgen für das Imperium ergeben können.“
„Ich danke Ihnen im Namen der gesamten Besatzung der FRANCIS DRAKE“, erwiderte Roi ergriffen. Er blickte seinem alten Lehrmeister voll in die Augen. Seine Erleichterung, dass sich alles zum Guten gewendet hatte, war ihm deutlich anzusehen. Geflissentlich übersah er das leichte Lächeln seines alten Lehrmeisters.
„Edelmann Hims“, wandte er sich an seinen Stellvertreter. „Ich glaube, ein Urlaub auf Terra für einige Tage würde den Mitgliedern des Einsatzkommandos gut tun. So weit ich weiß, haben einige von ihnen sogar Angehörige hier auf der Erde.“
Roi war grundsätzlich sehr gut über die Frauen und Männer informiert, die unter seinem Kommando standen.
„Haben Sie schon etwas in der Richtung in die Wege geleitet?“
Hims schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Damit wollte ich warten, bis Sie wieder das Kommando über die FRANCIS DRAKE führen. Ich glaube auch, dass alle den Urlaub abgelehnt hätten, so lange Sie noch verletzt waren. - Sir, die FRANCIS DRAKE gehört wieder Ihnen.“
Er salutierte übertrieben exakt. Roi lachte und erwiderte den Gruß sehr locker.
„Danke, ich übernehme das Kommando wieder. Sorgen Sie bitte als 1. Offizier dafür, dass alle Urlaub erhalten, die es möchten. Wann wir wieder nach Olymp starten, hängt von dem Termin der Verhandlung vor dem Obersten Solaren Gericht ab.“
Er blickte fragend zu Atlan.
„Sie können den Start in einer Woche planen, Majestät. Bis dahin sollte hier alles erledigt sein. Verhandlungen wegen Hochverrat am Imperium werden immer bevorzugt erledigt.“
Roi fiel kurz in seine Rolle als überspannter Stutzer zurück. „Mon Dieu, ich bin gerade erst wieder genesen – was mutet man mir schon wieder zu. Nehmen Sie doch Rücksicht auf meine angegriffenen Nerven.“
Er blickte sich kurz um, sah seinen Leibwächter mit riesigen Schritten heran eilen und täuschte gekonnt eine Ohnmacht vor. Oro fing ihn auf und hielt ihm sein Riechfläschchen unter die Nase. Unwillkürlich musste er bei dem scharfen Geruch husten.
„Aber Monsieur“, kritisierte Atlan. „Schon wieder entwöhnt? Sollten Sie sich wieder wie ein normaler Mensch benehmen wollen? Es würde mich freuen.“
Roi richtete sich auf, nachdem alle nur lachten.
„Damit scheint alles wieder in Ordnung zu sein“, stellte Atlan fest und wischte sich eine Lachträne aus den Augen.
Übergangslos wurde er wieder ernst. „Roi, sind Sie wirklich wieder ganz in Ordnung?“
Roi horchte in sich hinein. Die Erinnerung an die Folter waren noch da, würden wohl auch noch lange Zeit da sein – aber sie konnten seinem Geist nichts mehr anhaben. Er war noch einmal von der Schippe gesprungen – wieder durch die Hilfe von Bea!
„Alles in Ordnung, Sir“, antwortete er leise.
Danach entließ er die Offiziere und auch Oro Masut. Er wusste, dass Atlan mit ihm und Bea allein sprechen wollte.
In einer Ecke der Messe war der Tisch festlich für drei Personen gedeckt. Der Geruch von frischen Brötchen und echtem Kaffee ließ seinen Magen wieder knurren.
„Das hat Oro für uns vorbereitet“, flüsterte Bea.
Rührung und Dankbarkeit kam in Roi auf.
Schweigend frühstückten sie, dann schob Atlan seinen Teller zurück und musterte Roi so intensiv, dass dieser dachte, sein Innerstes würde nach außen gekehrt.
„Und?“, fragte der uralte Arkonide nur und wechselte seinen Blick zwischen ihm und Bea.
Roi nahm Beas Hand in seine. „Alles in Ordnung, Atlan. Eine Freundin hatte ich schon, jetzt habe ich endlich auch eine Partnerin.“
Atlans hartes Gesicht entspannte sich. „Endlich“, sagte er erleichtert. Er nahm ihre Hände und legte sie aufeinander.
„Mögen die She‘Huan euch immer gnädig sein“, sagte er ganz leise. „Wer weiß, was sie und die Hohen Kosmischen Mächte mit euch vorhaben.“
„Nichts Gutes“, flüsterte Roi tonlos. „Was siehst du?“, fragte er Bea.
Sie hob erst die Schultern, dann antwortete sie doch. „Ich sehe ganz nebelhaft sehr viele Schmerzen und unendliches Leid für dich, Liebster. Aber es ist so weit weg, ich kann es nicht fassen.“
„Dann sollten Sie es jetzt auch gar nicht erst versuchen“, erklärte Atlan hart. „Wir sollten uns um die jetzige Realität kümmern. Damit haben wir wohl genug zu tun.“
Roi verzog gequält das Gesicht. „Ja – wie lösen wir das Problem, dass viel zu viele Menschen jetzt wissen, wer Roi Danton ist, besonders mein Vater?“
DAS werde ich lösen, dröhnte wieder die altbekannte Stimme auf, diesmal endlich wieder begleitet von dem dröhnenden Lachen.
„Lauschst du immer?“, fragte Atlan unwillig.
Immer, wenn ich es für nötig halte.
„Danke, ES“, meinte Roi nur, ehe Atlan noch etwas dazu sagen konnte. „Du hast mir sehr geholfen, als ich ...“
Genug! Roi hielt sich den Kopf. Er dachte, sein Schädel würde bersten. Die anderen reagierten ähnlich. Ich will nicht, dass du noch daran denkst. ICH werde dafür sorgen, dass sich demnächst niemand mehr erinnert, mach dir keine Sorgen, junger Freund. Aber vorher musst du noch etwas erledigen, du weißt, was?
Roi war unsicher. ES ließ ihm keine Zeit zu langen Überlegungen.
Du hast deinem Vater nur einen Abschiedsbrief zurückgelassen, als du gegangen bist. Gib ihm die Gelegenheit, mit dir zu reden, erläutere ihm deine Gründe in einem persönlichen Gespräch. Mein alter Freund hat dieses Recht und ich verlange von dir, dass du es ihm einräumst.
„ES hat recht“, stimmte Atlan der Superintelligenz zu. „Perry hat ein Anrecht auf dieses Gespräch.“
Roi winkte ab. „Natürlich. In Anbetracht der Situation ist es unumgänglich. Aber ich werde ihm nichts schenken, ich bestehe auf meinem Standpunkt.“
„Es spricht nichts dagegen.“ Das feine Lächeln des Arkoniden hätte Roi warnen sollen.
„In welcher Stimmung ist mein Vater im Moment?“, fragte Roi sofort.
„Nicht in der besten für ein solches Gespräch, glaub es mir. Im Moment sollte man ihm am besten aus dem Weg gehen.“
Roi lachte und erhob sich. „Dann ist er in genau der richtigen Stimmung für das Gespräch.
Ehe er fortfahren konnte, spürte er einen Luftzug. Aus dem Flimmern entstand Gucky. Der Ilt fing sofort an zu schimpfen. Sein Nagezahn war nicht zu sehen.
„Vielleicht denken die Herrschaften einmal daran, dass man auch informiert sein möchte“, schrillte er. „Das gilt besonders für den Arkonidenhäuptling, der hin und wieder seinen Monoschirm öffnen sollte. Bei den beiden anderen kann ich leider gar nichts mehr hören.“
Roi unterbrach den Redefluss seines kleinen Freundes und drückte ihn an sich. „Danke, Kleiner“, meinte er ganz leise. „Du hast mir das Leben gerettet.“
„Papperlapapp. Dazu ist der Retter des Universums doch verpflichtet, oder?“ Er blickte von einem zum anderen. „Bleibst du nun wieder bei uns, Mike?“
Roi schüttelte den Kopf. „Nein, Kleiner. Es geht nicht.“
In diesem Augenblick meldete ES sich wieder. Es geht wirklich nicht, kleiner Freund. Wenn Michael bei euch bliebe, würden einige zukünftige Ereignisse nicht so eintreten, wie sie eintreten müssen. Es würde zu viel verändert, was nötig sein wird.
„Kannst du einmal in weniger Rätseln sprechen, ES?“, fragte Atlan unwillig. „Willst du deshalb unsere Erinnerungen löschen?“
Auch deine muss ich in kurzer Zeit blockieren, antwortete ES.
Jetzt wurde auch Roi unwillig. „Deshalb also unterstützt du meine Ziele. Ich bin für dich nur Mittel zum Zweck – genau wie alle deine Schachfiguren – und wenn ich keine Schachfigur von dir sein möchte?“
DAS ist deine Entscheidung, Michael. Du hast wirklich eine Wahl …
Roi schüttelte sich unbehaglich. „Also dann“, wandte er sich an Gucky. „Bringst du mich zu Dad? - Euch beide möchte ich nicht dabei haben“, wandte er sich an Bea und Atlan.
„Lass es, Mike“, warnte Gucky. „Perry hat gerade wieder einen seiner Wutanfälle. Im Moment ärgert er sich darüber, dass Geoffry der Chefwissenschaftler der Freihändler ist und nicht für das Imperium arbeitet.“
„Das hat er selbst verschuldet“, antwortete Roi heftig. „Wie Geoffrys Kollegen ihn an der Universität behandelt haben, dafür kann er nichts. Aber durch sein Verhalten wäre Krausnase beinahe unglücklich geworden. Also ist er jetzt gerade in der richtigen Stimmung – wie auch ich.“
Er streckte die Hand nach Gucky aus. „Aber bitte vor die Tür, sonst verdirbst du mir den Auftritt.“
Gucky sagte nichts, sondern teleportierte. Roi hörte noch, wie Atlan zu Bea sagte: „Begleiten Sie mich, Beatrice? Dann können Sie mir helfen, die Trümmer einzusammeln.“
Oh ja, er würde seinem Vater nichts schenken!

**********

15

Vor Rois Augen tauchte das als Tür verkleidete Schott vom Vorzimmer seines Vaters auf. Gucky grinste ihm verschwörerisch zu. Roi verstand. Einen besseren Test konnte er sich nicht wünschen, ob er in seiner Rolle auch ohne die auffallende Kostümierung überzeugte. Mrs. Miller kannte ihn als kleinen Jungen, hatte ihn aufwachsen sehen. Wenn sie ihn nicht erkannte, war er gut genug. So eine Probe vor dem Gespräch mit seinem Vater, vor dem ihm doch ein wenig bange war, gefiel ihm ausnehmend gut.
„Dann los, Majestät. Das wird ein Spaß“, grinste Gucky über seinen ganzen Nagezahn.
Telekinetisch schob er das Schott auf, ohne sich über den Interkom vorher anzumelden. Er blieb im Gegenteil sogar auf dem Gang stehen, so dass die Sekretärin ihn noch nicht sehen konnte.
Roi schritt hoch aufgerichtet hindurch und bleib mit blasiertem Gesicht vor dem Schreibtisch der älteren, sehr konservativ gestylten Dame stehen.
Mrs. Miller sparte sich einen Aufschrei. Da sie schon seit einigen Jahrzehnten im Vorzimmer des Großadminstrators arbeitete, war sie an außergewöhnliche Ereignisse gewöhnt.
Sie stand lediglich auf, musterte den jungen Mann mit dem langen, schwarzen Lockenhaar, der sie um Kopfhöhe überragte, als ob sie ihn sezieren wollte.
„Ganz davon abgesehen, dass ich einen gewissen Verdacht habe, wie Sie hier ohne Anmeldung hereinkommen – darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie sich im Vorzimmer des Herrn Großadministrators befinden und nicht einfach jeder hier hereinspazieren kann, wie es ihm gefällt? Haben Sie keine Erziehung genossen?“
Roi verbeugte sich wie ein Kavalier der alten Schule. „Das sehe ich genauso, Mrs. Miller“, antwortete er ernst. „Sie sprechen mir aus der Seele. Immer mehr hergelaufene Subjekte erdreisten sich, uns Hochwohlgeborene einfach so zu belästigen, auch wenn wir sie gar nicht gerufen haben.“
Mrs. Miller verzog indigniert das Gesicht und musterte ihren Besucher noch genauer. Roi wurde abwechselnd heiß und kalt, als eine steile Falte auf ihrem nachdenklichen Gesicht erschien. Aber er hielt ihrem Blick stand. Das war der kritischste Moment: würde sie ihn an den Augen erkennen?
„Sie erinnern mich an jemanden“, überlegte die Sekretärin laut. „An einen jungen Mann, der genauso unverschämt war wie Sie, bevor er sich aus dem Staub machte und seinem Vater nur einen Brief hinterließ.“
Roi wollte antworten, aber sie winkte ab. „Das geht Sie nichts an. Das war ein anderer junger Mann“, entschied sie für sich. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“
„Sie dürfen, meine Beste. Sie haben die Ehre mit Roi Danton, dem alleinigen Befehlshaber der Kosmischen Freihändler von Boscyks Stern.“
Mrs. Miller seufzte. „Und ich dachte, der Freihändlerkönig läuft in Wadenhosen, Frack und mit Perücke und Dreispitz herum. Sie aber sehen ganz normal aus.“
„Bestimmte Situationen erfordern auch von uns Hochwohlgeborenen die Anpassung an eine andere Kleiderordnung. Aber die Änderung ist nur von kurzer Dauer, keine Sorge.“
„Dann bin ich ja beruhigt.“ Die alte Dame gab sich unberührt. „Aber auch wenn Sie der Kaiser dieser Galaxis wären, kann ich Sie nicht zum Herrn Großadministrator vorlassen. Den nächsten Termin könnte ich Ihnen in zwei Monaten anbieten. Können Sie sich vorstellen, dass auch Perry Rhodan zu arbeiten hat?“
„Sehr gut, meine Teure.“ Roi verbeugte sich wieder, ergriff ihre Hand, ehe sie sich wehren konnte und hauchte einen vorsichtigen Handkuss darauf.
Erst sah er Abscheu in ihrem Gesicht, dann so etwas wie Rührung.
Klappt doch, dachte er amüsiert. Anscheinend hat mein Charme in den letzten Jahren nicht gelitten. Immerhin etwas.
Gucky watschelte jetzt auch in das Zimmer. „Bitte, bitte, liebste Vorzimmerperle. Lass uns zum Boss. Ich habe übrigens Roi hierhergebracht und die Tür aufgemacht.“
„Das dachte ich mir schon. Schließlich ertrage ich Ihre Späße schon etwas länger, Sonderoffizier Guck.“
„Pfui Teufel, Sonderoffizier …!“
„Ich kann Mr. Danton nicht vorlassen. Der Chef würde mir zu Recht eine Rüge erteilen. Schließlich sitze ich auch hier, um ihm den Rücken freizuhalten. Dich kann ich natürlich nicht aufhalten – wie immer ...“
„Wie geht es dem Boss?“, fragte Gucky, beantwortete sich die Frage aber gleich selbst. „Oh, oh … ich ahne Böses – wir sollten wieder gehen, Roi.“
„Auf keinen Fall, Gucky!“ Roi steuerte direkt auf die als Tür verkleidete Schott zum Arbeitszimmer seines Vaters zu.
Mrs. Miller wurde die weitere Entscheidung abgenommen. Perry Rhodan, der durch die Stimmen in seinem Vorzimmer aufmerksam geworden war, betrat den Raum. Sein Gesicht zeigte im Schnelldurchgang die widersprüchlichsten Empfindungen.
Erst Erleichterung und sogar Freude in seinen eisgrauen Augen, ohne dass sein Minenspiel daran beteiligt war, dann Abwehr und schließlich deutlicher Ärger.
„König Danton, was veranlasst Sie dazu, hier einfach so einzudringen? Ich nehme an, dass Atlan Sie über den für morgen anberaumten Prozess unterrichtet hat. Der Generalstaatsanwalt erwartet Ihre Aussage. Danach möchte ich mich mit Ihnen gerne unter vier Augen unterhalten.“
Roi nickte kurz. Er verzichtete auf seine Rolle. Damit würde er im Moment gar nichts erreichen, sondern eher das Gegenteil bewirken.
„Das entspricht auch meinen Wünschen, Sir. Allerdings möchte ich jetzt vor dem Prozess mit Ihnen sprechen. Ich halte das für sehr wichtig.“
Perry musterte ihn durchdringend. Die Roi so vertraute blaue Ader auf seiner Stirn schwoll an. „Ich ebenso, junger Mann. Aber meinen Sie nicht auch, Sie sollten mir die Wahl des Gesprächszeitpunktes überlassen?“
Roi war schon versucht, sich wegschicken zu lassen, so sehr drang die autoritätsgewohnte Stimme seines Vaters in sein Inneres. Das gehörte auch zu dem ganz besonderen Charisma, das die Führungspersönlichkeit seines Vaters ausmachte.
Wie lange werde ich brauchen, um das auch zu beherrschen? Dabei war ihm gar nicht klar, dass er einen Großteil seiner jetzigen Autorität, die ihn schon in diesen jungen Jahren auszeichnete, dem Erbteil seines Vaters verdankte.
Ich bin kein kleines Kind mehr und lasse mich nicht einfach wegschicken, machte er sich selbst Mut. Das hier ist ein Kampf Mann gegen Mann!
„Sir, ich muss darauf bestehen, das Gespräch jetzt zu führen!“
Perry hob nur die Augenbrauen. „Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, Mr. Danton. Sie und Ihre Freihändler haben sehr viel für das Imperium getan und Sie selbst haben dafür unendliche Qualen ausgehalten. Deshalb gebe ich Ihrem Wunsch statt.“
Er deutete auf sein Büro und ließ Roi vorgehen. „Mrs. Miller, ich möchte jetzt wirklich nicht gestört werden. Oder haben wir noch weitere Besucher zu erwarten?“
„Nein, Sir.“
Roi atmete auf. Er hatte den sehr wichtigen Test gegenüber Mrs. Miller bestanden und er hatte sich seinem Vater gegenüber durchgesetzt – das gab ihm Auftrieb für das Gespräch.

**********

Roi Danton und Perry Rhodan standen sich einige Minuten mitten im Raum gegenüber, ohne ein Wort zu sagen. Beide mussten mit sich kämpfen, den Anfang zu machen. Sie liebten sich, ohne es vor sich selbst zugeben zu können.
Roi liebte seinen Vater und würde jederzeit sein Leben für ihn opfern – und er wusste, dass auch sein Vater ihn liebte – aber trotzdem war sein ganzes Leben, seitdem er ein kleines Kind war, immer nur von Missverständnissen zwischen seinem Vater und ihm geprägt gewesen. Atlan hatte öfter versucht, ihm den Grund zu erklären. Er und sein Vater hatten zu viele Gemeinsamkeiten anstatt zu wenige – und dadurch gab es immer wieder Reibereien. Es gab eine Zeit, in der jedes ausgeräumte Missverständnis ein neues nach sich zog.
Dabei lag es nicht daran, dass sie sich ihre gegenseitigen Ansichten nicht darlegen konnten – im Gegenteil! Nur konnte der jeweils andere sie nicht akzeptieren bzw. verstand sie gar nicht erst.
Den größten Reibungspunkt hatte immer wieder Michaels Wunsch hervorgerufen, seinen eigenen Weg zu gehen. Sein Studium der Kosmonautik und des Hochenergie-Maschinenbaus hatte Perry gutgeheißen, er hatte sich sogar darüber gefreut, dass sein Sohn ihm nacheiferte, denn er selbst war auch Kosmonaut und Ingenieur. Trotzdem hätte er es gerne gesehen, wenn sein Sohn gleichzeitig die Offizierslaufbahn innerhalb der Solaren Flotte eingeschlagen hätte. Durch die enge Verzahnung zwischen der zivilen Universität von Terrania, an der Michael studierte, und der militärischen Terrania Space Academy wäre dies ohne Probleme möglich gewesen. Michael hatte selbst die Notwendigkeit einer militärischen Ausbildung für sich gesehen, sie aber in den Reihen der USO absolviert und war seitdem USO-Leutnant der Reserve.
Als Michael nach dem hervorragenden Bestehen seiner Abschlussprüfungen nur einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte, war er sehr verletzt gewesen. - Roi wusste dies alles von seiner Schwester, mit der sein Vater offen über seine Gefühle gesprochen hatte. Es hatte ihn damals sehr berührt. Nun dachte er daran, was ES ihm gesagt hatte – sein Vater hatte ein Recht auf ein persönliches Gespräch. Es war sein Fehler, dem ausgewichen zu sein.
Perry räusperte sich als erster und deutete auf die gemütliche Sitzecke.
„Zuerst einmal lass mich sagen, dass ich mich sehr freue, dass du alles überstanden hast, Mike“, sprach er den Sohn leise an. „Du glaubst gar nicht, welche Sorgen ich mir um dich gemacht habe die ganze Zeit, die du in der Klinik der FRANCIS DRAKE gelegen hast. Vor allen Dingen, als mir durch den Bericht von Atlan erst klar wurde, was du alles auf dich genommen hast, um das Imperium nicht zu verraten und mich nicht erpressbar zu machen. - Danke, mein Sohn!“
Roi schluckte. „Was hat Atlan dir erzählt?“
„Alles“, meinte Perry sehr ruhig.
Roi schüttelte peinlich berührt den Kopf. „Das sollte er nicht. Ich wollte nicht, dass du es erfährst.“
„Warum nicht? Glaubst du etwa, in meinem langen Leben wäre ich nicht schon öfter von Feinden gequält und gefoltert worden? - Glaube es mir, ich weiß, wie ein Mensch, der sich vorher so stark vorkommt, dabei fühlt.“
Roi schüttelte den Kopf. Er mochte nicht darauf eingehen, obwohl er genau erkannte, dass sein Vater ihm einen großen Schritt entgegenkam.
„Das Verdienst gebührt meinem Einsatzkommando und Gucky. Sie haben das Schlimmste verhindert, nicht ich.“
Perry sah ihn an. „Darf ich dich etwas sehr Persönliches fragen?“ Roi nickte kurz. „Was ist mit dir und Major Wood?“
„Fürstin Wood“, korrigierte Roi lächelnd. „Und falls du meine Partnerin meinst – Beatrice oder Bea. Ja, wir haben es endlich geschafft und sind ein Paar.“
Perry bot ihm die Hand, Roi schlug erfreut ein. „Alles Glück des Universums wünsche ich euch beiden. Vielleicht wird Beatrice eines Tages deine Frau und meine Schwiegertochter. Ich würde mich sehr darüber freuen. Sie ist eine ganz besondere Frau.“
„Obwohl du sie vor gar nicht so langer Zeit am liebsten vor einem Kriegsgericht gesehen hättest?“ Roi freute sich zwar, dass sein Vater die Verbindung zu Bea so positiv sah, aber das war jetzt und hier absolut nicht das Thema.
„Das ist vorbei. Sie hat deutlich gezeigt, dass sie im Sinne des Imperiums handelt.“
„Genau wie mein Schwager und dein Schwiegersohn“, lenkte Roi das Thema auf sein eigentliches Anliegen. Der kurze vertraute Moment mit seinem Vater war vorbei, er spürte es ganz deutlich.
„Dr. Geoffry Abel Waringer.“ Perrys Gesicht verdüsterte sich schlagartig. „Was hat Suzan bloß dazu veranlasst, ihn zu heiraten? Gegen meinen Willen!“
Gegen deinen Willen! Genau das ist der Punkt, Dad. Musste es wirklich so weit kommen? Weißt du eigentlich, dass du Krausnase beinahe unglücklich gemacht hast? Warum kannst du ihn nicht einfach so akzeptieren, wie er ist? Er ist einer der genialsten Wissenschaftler, die es jemals gab und ein sehr warmherziger und gefühlvoller Mensch. Meine Schwester ist mit ihm sehr glücklich. Warum kannst oder willst du das nicht verstehen?“
Roi merkte, wie die Wut immer mehr von ihm Besitz ergriff. Er erinnerte sich an das, was er von Atlan gelernt hatte: Wut ist kein guter Ratgeber. Bewahre in Verhandlungen immer deinen kühlen Kopf!
„Ich kann einfach nicht verstehen, wieso ein Wissenschaftler mit seinen Fähigkeiten nicht für, sondern gegen das Imperium arbeitet!“
Roi schüttelte traurig den Kopf und zwang sich gewaltsam zur Ruhe. „Erstens scheinst du Ursache und Wirkung zu verwechseln. Geoffry wäre niemals der Chefwissenschaftler der Freihändler geworden, wenn du ihn nicht so mies behandelt hättest. Bei uns wird er wertschätzend behandelt, wie es sich gehört. Und zweitens arbeiten wir Freihändler nicht gegen das Solare Imperium. Ich stehe persönlich dafür. Oder willst du mir nun auch noch unterstellen, dass ich gegen die Menschheit arbeite?“
So sehr er sich auch bemühte, er konnte sich nicht mehr beherrschen, die Gefühle steuerten seine Wortwahl, nicht mehr sein logisches Denken.
Er wusste, dass er gerade einen großen Fehler beging – er konnte es nicht verhindern und ärgerte sich über sich selbst.
„Ich habe mit den Freihändlern noch gewisse eigene Pläne – zum Wohle des Imperiums“, ergänzte er trotzig.
Es war wieder einmal soweit – er und sein Vater redeten aneinander vorbei – sie verstanden sich wieder nicht. Für seinen Vater ging das Wohlergehen seiner Menschheit immer vor – und ihm, Roi, der auch alles für die Menschheit tun würde, lag auch das Wohl seiner Familie und seiner Freunde am Herzen – vielleicht mehr, als sein Vater es nachvollziehen konnte …
„Wie viele Freihändler fliegen mit Transformkanonen und HÜ-Schirmen durchs All?“, fragte sein Vater mit harter Stimme, ohne noch weiter auf das Thema „Schwiegersohn“ einzugehen.
„Hast du Transformkanonen oder HÜ-Projektoren auf der FRANCIS DRAKE gesehen?“, antwortete Roi mit einer Gegenfrage in äußerst zynischem Ton. Er wusste, dass er seinen Vater damit noch mehr reizte …
„Weich mir nicht aus, Mike. Wir alle haben den HÜ-Schirm um dein Flaggschiff herum gesehen. Also liegt es nahe, dass du auch Transformkanonen hast.“
„Selbstverständlich habe ich Transformkanonen an Bord, Herr Flottenbefehlshaber. Ist das ein Problem für dich? Ist dein Sohn damit plötzlich ein Verbrecher?“
Er steuerte auf den Punkt zu, wo ein Wort das andere geben würde – er kannte es schon, wie ein solcher Streit mit seinem Vater ausgehen würde!
„Wer hat sie außer dir noch an Bord?“
Roi entschloss sich, mit offenen Karten zu spielen. Ausweichen machte keinen Sinn.
„Die beiden Schiffe des Sicherheitsdienstes, die von den ehemaligen Offizieren der HATSCHEPSUT kommandiert werden.“
Perry stand auf und blickte einen Augenblick auf den phänomenalen Anblick von Terrania-City herunter – der Stadt, die er selbst in den ersten Tagen der Dritten Macht gegründet hatte. Er drehte seinem Sohn den Rücken zu, bis er sich plötzlich mit einer kantigen Bewegung umdrehte: „Ich verlange, dass die Waffen auf den Schiffen der Freihändler so schnell wie möglich demontiert werden und die Konstruktionspläne sowie auch die Pläne für den Halbraumspürer ausgeliefert. Ich werde ein wissenschaftliches Spezialkommando der Flotte damit beauftragen.“
Roi glaube, sich verhört zu haben! Sein Vater verlangte von ihm, die Waffen abzugeben! Ehe er antworten konnte, fuhr sein Vater schon fort: „Freihändler mit den geheimsten Waffen der Menschheit wird es zukünftig nicht mehr geben!“
Roi ballte die Fäuste, öffnete sie wieder, ein-, zwei, drei Mal, versuchte sich zur Ruhe zu zwingen.
„Ich habe dich wohl nicht richtig verstanden, Vater.“ Mühsam beherrschte er seine kalte Wut und sprach ganz leise und extrem betont. „Abgesehen davon, dass ich kein kleines Kind mehr bin, dem Papa das Spielzeug wegnehmen kann, bin ich der Befehlshaber einer Handelsgesellschaft, die loyal zum Imperium steht. Du wirst dich damit abfinden müssen, dass wir Transformkanonen haben. Ich gebe dir mein Wort, dass ich sehr genau darauf achte, wen ich damit ausrüste. Nur Fürsten, denen ich absolut vertraue, erhalten sie.“
„Das ist mir nicht genug. Bitte verstehe mich doch, Mike. Es nicht dein Fehler, was bei euch passiert ist. Niemand konnte ahnen, dass Thomas Browne ein Mutant ist, der sich auch dir gegenüber tarnen konnte. Aber so etwas kann immer wieder vorkommen – und das möchte ich gerne verhindern.“
„Das kann auch bei der Flotte vorkommen“, konterte Roi eiskalt. Er war nicht gewillt, auch nur ein Stück von seinem Standpunkt abzurücken. Er erkannte natürlich den Zwiespalt, in dem sein Vater sich befand. Aber für ihn war es nicht nur ein „Nichtverstehen“ seitens seines Vaters, sondern der Beweis dafür, dass er niemandem vertraute, der für eine andere Organisation als für seine Menschheit arbeitete, sogar wenn es sein eigener Sohn war.
Bitterkeit stieg in Roi auf, die ihm die Tränen in die Augen treiben wollte. Es wurde Zeit für ihn, zu gehen. Dass er seine Gefühle nicht beherrschen konnte, das jetzt vor seinem Vater zuzugeben, war für ihn unvorstellbar.
Er stand auf, nahm Haltung an und grüßte kurz und exakt nach Art der Flottenoffiziere vor dem Oberbefehlshaber.
„Sir, ich bitte darum, mich zurückziehen zu dürfen. Wir sehen uns morgen bei der Gerichtsverhandlung. Lassen Sie mich noch anmerken, dass Fürstin Wood und ich mit unserem Leben dafür einstehen, dass die Freihändler loyal zum Imperium stehen. Vielleicht kommen Sie einmal in eine Situation, in der Sie erneut die Hilfe der Kosmischen Freihändler benötigen und froh sind, auf die militärisch organisierten Freihändler zurückgreifen zu können.“
Er drehte sich um und wandte sich in steifer Haltung dem Schott zu.
Perry hielt ihn noch einmal zurück. Leise sagte er: „Entschuldige, Mike. Ich bin wohl zu weit gegangen. Es tut mir leid. Aber … was wirst du zukünftig machen?“
Roi zögerte einen Moment, dann drehte er sich noch einmal um. Sein Gesicht war hart, blass und auch unendlich traurig. „Das, was ich schon begonnen habe. Die Reorganisation der Freihändler weiter voranbringen. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du die wahre Identität von König Danton für ich behalten könntest. Ich lege keinen Wert darauf, dass es in der ganzen Galaxis bekannt wird, dass der König der Freihändler Perry Rhodans Sohn ist.“
Damit drehte er sich endgültig um und ging.
Im Eingang wäre er beinahe mit Atlan und Bea zusammengeprallt. Gucky war noch nicht wieder aufgetaucht.
„Hoffentlich vergisst du nicht, dass die Hilfe eines alten Arkonidenadmirals und Lehrmeisters von allem ausgenommen ist“, meinte Atlan sehr gelassen. Er hatte die letzten Worte gehört.
Roi suchte den Blick der rotgoldenen Arkonidenaugen. „Keine Sorge, Lehrmeister. Dein Schüler hat seine Lektion jetzt endgültig gelernt.“
Bea wollte ihm folgen, wurde aber von Atlan zurückgehalten. „Sagte ich es nicht, dass wir zusammen die Trümmer wegräumen können? Bleiben Sie hier, Beatrice. Es ist besser so.“

**********

Roi überlegte nach dem aufwühlenden Gespräch mit seinem Vater, wo er wieder einen klaren Kopf bekommen konnte. Er war sehr froh, dass weder Atlan noch Bea ihm gefolgt waren. Er brauchte jetzt einfach erst einmal seine Ruhe für sich allein.
Nach kurzem Zögern forderte er von der FRANCIS DRAKE einen Gleiter an und flog damit an das Ufer des Goshun-Sees, an eine Stelle in der Nähe des Bungalows seiner Eltern. Von dort aus konnte er sogar das alte Baumhaus von seiner Schwester und ihm sehen. Hierher hatten sich die Zwillinge immer zurückgezogen, wenn ein kindlicher Kummer ihr Herz bedrückte – oder später, wenn der heranwachsende Michael wieder einmal einen Streit mit seinem Vater hatte. Wie oft hatten seine Schwester Krausnase, Atlan, Bully oder Gucky ihn hier gefunden – und erst den kleinen Jungen getröstet, später lange mit dem heranwachsenden Jugendlichen oder dem jungen Mann, dessen starker Wille immer deutlicher wurde, diskutiert.
Er setzte sich ans Ufer auf einen Steg und winkte einem herannahenden Polizeiroboter zu. Die Maschine peilte ihn an und verglich seine Individualschwingungen mit den eingelagerten Daten.
Natürlich, dachte er zynisch. Die Daten von Michael Rhodan sind immer noch verfügbar.
„Sie sind berechtigt, sich hier aufzuhalten, Sir“, schnarrte die Maschine auch gleich. „Bitte wenden Sie sich bei Fragen oder Problemen an uns.“
Damit salutierte sie und verschwand.
Roi überlegte. Es ärgerte ihn, dass durch die Ereignisse so viele Menschen nun wussten, wer Roi Danton wirklich war. Wie sollte er weiter vorgehen? Wie sehr behinderte ihn das in seinen Absichten? Er konnte sie nur um ihr Stillschweigen anderen gegenüber bitten.
Obwohl … er erinnerte sich an den Hinweis von ES, den sie bekommen hatten – ES würde sich darum kümmern …
Seufzend erhob er sich nach einer Weile, in der er merklich ruhiger geworden war, und kehrte zur FRANCIS DRAKE zurück.

**********

Atlan und Beatrice unterhielten sich kurz mit Perry Rhodan. Dann verabschiedete Bea sich. Sie hatte das Gefühl, bei dem Männergespräch zwischen den beiden höchsten Vertretern des Solaren Imperiums nur zu stören.
Sie nutzte die Zeit, um ihrerseits ein ausführliches Gespräch mit Solarmarschall Allan D. Mercant zu führen und mit ihrem „Kollegen“ gewisse Absprachen zu treffen, die beiden Seiten Vorteile brachten.
Perry Rhodan machte sich selbst schwere Vorwürfe, dass das Gespräch durch seine Schuld so entgleist war. Er, der erfahrene Taktiker, dem man ein außergewöhnliches Verhandlungsgenie nachsagte, versagte bei seinem eigenen Sohn.
„Gefühlssache“, kommentierte Atlan das nur trocken. „Dein Sohn hat zu viel von dir geerbt. Jetzt treffen eure beiden typisch terranischen Dickschädel aufeinander. Wenn ihr Höhlenwilden euch gegenseitig die Schädel einschlagt, kann auch ein alter Arkonidenadmiral nicht mehr helfen.“
Perry überlegte kurz, dann bat er seinen besten Freund: „Atlan, bitte versuche auf den Jungen aufzupassen. Ich habe Angst, dass er sich irgendwann einmal die Finger verbrennt und sich zu viel abverlangt.“
„Ach nein, kleiner Barbar. Von wem hat er das wohl?“ Er holte tief Luft. „Soweit es mir möglich ist, werde ich auf ihn aufpassen. Aber ich habe so das Gefühl, dass uns allen das demnächst nicht mehr möglich sein wird. Er wird seinen Weg allein gehen müssen.“
Richtig! Die dröhnende Stimme war ihnen allen sehr gut bekannt …

**********

Der Prozess gegen die Akonen und Thomas Browne brachte keine großen Überraschungen mehr. Der Große Rat der Akonen leugnete auch bei der zweiten Anfrage der Solaren Regierung, die Männer überhaupt zu kennen.
Kers von Hayn wurde zu einer Gedächtnislöschung und lebenslanger Verbannung auf einem Strafplaneten des Solaren Imperiums verurteilt.
Die anderen Akonen, die nur Befehlsempfänger gewesen waren, wurden ebenfalls zu einer Gedächtnislöschung verurteilt. Aber man brachte sie zu einem entlegenen Siedlungsplaneten ihrer eigenen Heimat und überließ ihnen selbst die Gestaltung ihres weiteren Lebens.
Dagegen traf Thomas Browne die volle Härte der Solaren Gesetze.
Roi Danton freute sich sehr über die Fürsprache seines Vaters, die es ihm ermöglichte, seine Aussage als König der Freihändler zu machen, ohne seine Identität aufdecken zu müssen. Jeder im Saal merkte dem jungen Mann immer noch an, welche Qualen er hatte überstehen müssen. Nachdem Atlan die Teile präzisiert hatte, die er selbst nicht mehr bewusst erlebt hatte, herrschte im Gerichtssaal beklommenes Schweigen. Jedem war klar geworden, dass hier ein Mann seine eigenen sadistischen Neigungen ausgelebt hatte.
Nach dem Gutachten einiger namhafter Psychiater wurde Thomas Browne als krank eingestuft.
Das ersparte ihm die Todesstrafe. Das Solare Imperium kannte für „normale“ Verbrechen, sogar für Mord keine Todesstrafe mehr. Einzige Ausnahme war der Hochverrat am Imperium. Perry Rhodan, Reginald Bull und die damalige Führungsriege der ersten Stunde hatten lange mit sich gerungen, ehe die entsprechenden Gesetze im Solaren Parlament eingebracht und mit fast einstimmiger Mehrheit verabschiedet wurden.
Browne wurde zu einer Gedächtnis- und Intelligenzlöschung sowie Auslöschung seiner Parafähigkeiten verurteilt. Die anschließende lebenslange Sicherheitsverwahrung auf einem speziellen Strafplaneten mit psychiatrischer Betreuung würde ihm in gewissen Grenzen sogar ein fast normales Leben ermöglichen.
Atlan beobachtete Roi während der Urteilsverkündung scharf, genau wie Perry Rhodan.
Als die Verurteilten von Männern der Solaren Abwehr abgeführt wurden, um direkt von der Erde deportiert zu werden, wandte sich Roi Danton dem Obersten Richter zu und salutierte ohne ein Wort exakt vor ihm. Dann wandte er sich seinem Vater zu und sagte nur kurz: „Danke für deine Fürsprache, Dad.“
Ohne ein Wort verließ er den Saal. Beatrice Wood und seine Schiffsoffiziere, die teilweise auch als Zeugen ausgesagt hatten, folgten ihm schweigend.
Atlan blickte ihm nachdenklich hinterher und hielt seinen Freund zurück, als er ihm folgen wollte.
„Lass ihn, Perry. Er muss jetzt für sich allein sein. Das kann er nur mit sich selbst abmachen, Freund.“
Und ich werde ihm dabei helfen, dröhnte wieder die Stimme von ES auf. Mach dir keine Sorgen um deinen Sohn, alter Freund. Es ist sehr tapfer!

**********

16

Die nächsten Tage bis zum geplanten Start der FRANCIS DRAKE nach Olymp gingen Roi und sein Vater sich aus dem Weg. Eigentlich hatte Roi sofort nach der Gerichtsverhandlung starten wollen, aber er entschied sich doch dazu, seinen Leuten noch ein paar Tage Urlaub auf Terra zu genehmigen, nicht nur den Mitgliedern des Einsatzkommandos, die für ihn ihr Leben riskiert hatten. Es war so wenig, was er ihnen als Dankeschön geben konnte.
Er selbst flog mit einem Gleiter zusammen mit Bea rund um Terra. Da auch sie auf der Erde geboren worden war, kannte sie den Planeten, aber nicht die Stellen, die der junge Michael Rhodan geliebt hatte. Für Roi war es eine Reise in die eigene Vergangenheit. Bea lernte ihn dabei noch ein ganzes Stück besser kennen.
In der Nacht vor der geplanten Rückkehr nach Olymp hatte Roi kurz das Gefühl, aufzuwachen und nicht zu wissen, wo er war – um sich gleich darauf im bekannten Arbeitszimmer seines Vater wiederzufinden, zusammen mit Bea, Perry Rhodan und Atlan. Ein alter Mann saß gemütlich in einem der Sessel und wartete auf sie.
Perry Rhodan lächelte und sprach ihn zuerst an: „Ich freue mich, dich zu sehen, ES!“
Roi musterte den Alten genau. Aus den Erzählungen seines Vaters, von Bully und Atlan wusste er, dass dieser alte Mann einer der beiden bevorzugten Erscheinungsformen von ES war, wenn die Superintelligenz sich den Menschen überhaupt einmal zeigen wollte.
Sie setzten sich alle und warteten darauf, dass ES das Gespräch beginnen würde.
Der „alte Mann“ beugte sich vor und musterte Roi sehr intensiv. Dem jungen Mann wurde mehr und mehr unbehaglich. Da lächelte der Mann nachsichtig.
Die Ungeduld der Jugend, meinte er. Ich hatte euch allen eine Erklärung versprochen. Nun ist die Zeit dafür gekommen.
Es wäre nett, ES, antwortete Roi auf dem gleichen Weg wie bisher. Da ertönte eine voll klingende, sympathische Stimme: „Wenn du willst, dass alle dich hören, dann antworte laut, junger Freund. - Wenn nicht, ich höre in deinen Gedanken.“
„Es können alle hören, was ich zu sagen habe“, antwortete Roi. Er spürte immer mehr, dass er auf einen Wendepunkt in seinem Leben zusteuerte.
„Dein Vater und auch Atlan kennen mich sehr gut, Michael. Allein die Prüfungen, die ich deinem Vater auferlegen musste, um sicher zu sein, dass er auch wirklich derjenige ist, der die Unsterblichkeit verdient, haben mich sehr gut unterhalten.“ Er lachte leise.
„Und mich an den Rand der Verzweiflung gebracht“, warf Perry Rhodan mit einem schiefen Grinsen ein.
„Es musste sein, alter Freund. Auch ich bin an die Kosmischen Gesetze gebunden. Eine Superintelligenz kann in der Unendlichkeit des Kosmos nicht machen, was sie will, glaubt es mir.“
Der alte Mann wandte sich Atlan zu. „Auch du, Arkonide, hast schon sehr viel mehr mit mir zu tun gehabt, als du auch nur ahnst. Genau wie du habe ich mehr in die Geschichte des Planeten Terra und seiner Bewohner eingegriffen – eingreifen müssen! - als ihr alle glaubt. Aber das ist eine andere Sache. Die Zeit dafür, euch darüber zu informieren, ist noch nicht gekommen.“
„Hast du mir zehntausend Jahre die Heimkehr nach Arkon unmöglich gemacht, weil dir die Menschen wichtiger waren als die Arkoniden, ES?“
Roi hielt den Atem an. Er konnte sich vorstellen, wie wichtig eine Antwort auf diese Frage für seinen Lehrmeister war.
Der alte Mann stand auf und ging auf Atlan zu, blieb so dicht vor ihm stehen, dass er ihm direkt in die Augen blicken konnte. „Diese Frage darf ich dir nicht beantworten, Atlan. Jetzt nicht und niemals in der Zukunft. Ich nehme an, du hast dir bereits deine Gedanken dazu gemacht. Lass es dabei bewenden. Aber eines kann ich dir sagen: die Menschen waren mir nie wichtiger als die Arkoniden, sie waren mir immer sehr wichtig! Denke dir dein Teil dazu. - Aber darum geht es jetzt gar nicht. Es geht um dich, Michael – und auch im dich, Beatrice.“
Er wandte sich Roi und Bea zu, die dicht nebeneinandersaßen und sich an den Händen hielten.
Roi fühlte es eiskalt in sich hochsteigen. Er erinnerte sich plötzlich an einen bestimmten Tag … als Atlan ihm eine Nachricht von ES für ihn übermittelte, aus der ganz eindeutig hervorging, dass er künftig ebenfalls zu den Schachfiguren von ES gehören würde!
„Ich sehe, du erinnerst dich. Sehr gut.“ Der alte Mann setzte sich wieder. „Damals durfte ich nur Andeutungen machen. Heute darf ich nicht nur deutlicher werden, ich muss es sogar. Weil Du selbst jetzt noch die Wahl hast – später nicht mehr!“
Roi verstand im Moment nicht mehr, sondern eher immer weniger. Sein Vater kam vor ihm auf die richtige Idee.
„Nein, ES“, sagte er laut und deutlich. „Nicht mein Sohn!“
Anscheinend hatte er parallel mit ES auf der geistigen Ebene kommuniziert.
Bea wurde sehr blass und fragte ganz klar: „ES, gibt es irgend etwas, das ich für Michael übernehmen kann?“
Der alte Mann wandte sich ihr zu. „Dein Angebot ist sehr lieb gemeint, Beatrice. Aber die Antwort ist: nein. Es ist das Schicksal von Michael, dem er nur auf eine einzige Art und Weise ausweichen kann, indem er jetzt und hier ablehnt, sich ihm zu stellen.“
„Was geschieht dann mit ihm?“
Ehe ES antwortete, verhärtete sich ihr Gesicht. Der alte Mann nickte dazu. „Ich sehe, deine Fähigkeiten sagen es dir.“
Bea schossen die Tränen aus den Augen. „Nein“, hauchte sie nur.
Roi nahm sie in den Arm. Ihm wurde immer kälter. Mühsam nahm er sich zusammen und fragte sehr beherrscht: „Was ist mein Schicksal, ES? Sage mir alles, was du sagen darfst!“
„Du bist sehr, sehr tapfer, junger Mann. Aber auch Tapferkeit hat ihre Grenzen. Das wirst auch du noch lernen müssen.“
Er machte eine kurze Pause, dann fuhr der „alte Mann“ fort: „Michael, dein Vater und auch Atlan wissen bereits, dass ich nicht immer eingreifen darf, sondern nur beobachten. Wenn die Superintelligenzen sich nicht an die Gesetze der Hohen Mächte halten würden, käme es zu einem Ungleichgewicht im Kosmos, das die Vernichtung allen Lebens zur Folge hätte. Leider gibt es auch unter den Superintelligenzen nicht nur positive, sondern auch negative. - Auch das werdet ihr noch spüren.“
„Wer sind diese dubiosen Hohen Mächte“, fragte Perry Rhodan interessiert.
„Das darf ich euch noch nicht sagen. Ihr werdet sie treffen – eines fernen Tages ...“
„Was soll mein Schicksal sein“, unterbrach Roi. Er wollte endlich wissen, woran er war – und über sein Schicksal entscheiden, so weit er es konnte. Ihm behagte es nicht, dass jemand anderes – auch wenn es die sogenannten „Hohen Mächte“ oder diese Superintelligenz waren, über ihn entscheiden sollte. Es war sein Leben, es gehörte ihm!
„Das, was du in den letzten Monaten und ganz besonders seit deiner Entführung durch die Akonen erlitten hast, war eine Prüfung, die die Hohen Mächte angeordnet hatten.“
Niemand sagte etwas, zu ungeheuerlich war diese Vorstellung für alle, sogar für Perry Rhodan und für Atlan.
„Was?“, schrie Roi dann laut. „Eine Prüfung? Wer – zum Teufel – kann so grausam und ohne jedes Gefühl sein? Weißt Du eigentlich, wie ich mich gefühlt habe? Wissen das deine Hohen Mächte, ES? - Ihr seid grausam, mir fehlen die Worte.“
Er schrie, bis sich seine Stimme überschlug. Sein Vater wollte ihn beschwichtigen, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte. Er schüttelte sie erregt ab, sprang auf und ballte die Fäuste, als ob er einen Gegner suchte, über den er herfallen konnte.
ES hatte seinen Gefühlsausbruch als alter Mann unbewegt beobachtet.
„Ich kann dich sehr gut verstehen, mein junger Freund. - Nein, protestiere bitte nicht gegen den Begriff. Es erscheint dir und euch allen grausam und gefühllos. Aber das, was dir noch bevorstehen wird – das wird noch grausamer werden, noch gefühlloser und noch unvorstellbarer. Du wirst noch mehr leiden müssen, als du es dir jetzt vorstellen kannst.“
Bea horchte in sich hinein. Ihre Fähigkeiten schienen ihr ein Bild zu vermitteln, bis sie zusammenzuckte.
„Nein, Beatrice, junge Freundin. Du sollst es auch noch nicht sehen. Ich blockiere jetzt deine Fähigkeiten. Aber ich kann dir eines sagen: dein Schicksal ist mit dem von Michael ganz eng verbunden. Ihr werdet euch immer wieder trennen müssen – und euch immer wieder begegnen – dann, wenn Michael einen letzten Rettungsanker braucht, wir ihr immer sagt, dann wirst du für ihn da sein. Bist du bereit, das für deinen Freund zu tun?“
Bea zögerte keinen Moment. „Ja, natürlich, ES. Ich weiß zwar nicht, was du damit jetzt genau meinst, aber ich bin immer für Mike da, wenn er mich braucht.“
Der alte Mann stand auf und streichelte Bea über die Wange. „Es fühlt sich ganz normal an“, meinte sie nur überrascht.
„Warum denn nicht?“, lachte ES. „Im Moment bin ich körperlich.“
Er wandte sich wieder Roi zu. „Eines Tages, Michael, wird von dir, von deinen Entscheidungen, nicht nur das Schicksal der Menschheit abhängen, sondern das Schicksal der gesamten Milchstraße. Du wirst dann allein entscheiden und handeln müssen, niemand wird dir zur Seite stehen können. Aber du wirst leiden müssen, unendlich leiden. Das dürfen auch die Hohen Kosmischen Mächte dir nicht ersparen, obwohl es ihnen so leid tut. Das soll ich dir ausrichten. Deshalb wurdest du dieser Prüfung unterzogen. Sie mussten wissen, ob du das ertragen kannst, was auf dich wartet. - Nun weißt du alles, jetzt musst du dich entscheiden. Wenn du annimmst, wird dein Leben aus immerwährendem Kampf und auch unendlichen Leiden bestehen, aber du wirst der Menschheit das Überleben überhaupt erst ermöglichen – wenn du ablehnst, wird dein Leben ganz normal ablaufen und enden, ohne große Ereignisse – schon mehr langweilig.“
Roi schüttelte leicht den Kopf. Er entschied sich sofort. Langweilig – das war nichts für ihn. Verantwortung – allein entscheiden – ohne seinen Vater – etwas bewirken. ES bot ihm genau das, was er immer gewollt hatte! Dass er dafür alles geben musste – das nahm er gerne in Kauf. Das unendliche Leiden – er würde es auf sich zukommen lassen – und sich ihm stellen!
Perry Rhodan durchschaute das Spiel der Superintelligenz zuerst.
„Du erpresst meinen Sohn“, stellte er nüchtern fest. „So, wie du es formulierst, kann er gar nicht anders, als anzunehmen. Du spielst mit seinen Gefühlen.“
Atlans Gesicht zeigte keine Regung. Er hielt sich zurück.
ES wich nicht aus. „Ja, ich erpresse deinen Sohn, wie du es nennst, alter Freund. Aber es ist nur zum Wohle der Menschen, deiner Menschen, mein alter Freund.“
„Was geschieht mit den Menschen, wenn Michael nicht bereit ist, sich dem zu stellen?“
Der alte Mann war sehr ernst. „Das weiß niemand, das können auch die Hohen Mächte nicht vorhersehen.“
„Warum?“, Perrys Gesicht wirkte grau und eingefallen, trotz seines Zellaktivators.
„Weil wir erst wieder eine Frau oder einen Mann suchen müssten, der in der Lage ist, sich der Macht, die die Existenz der Milchstraße gefährdet, zu stellen.“
Das war eine der wenigen ganz klaren Antworten der Superintelligenz, die sonst immer in Rätseln sprach.
Roi glaubte, vor ihm würde sich im Boden ein riesiges Loch auftun, an dessen Rand er stand. Er schüttelte diese Empfindung tapfer ab und sagte ganz einfach: „Ich nehme an, ES. Ich werde den Kampf aufnehmen, egal um welche Macht es sich handelt. Die Menschheit bedeutet mir genau wie meinem Vater mehr als mein Leben.“
Damit war es gesagt. Perry reichte seinem Sohn die Hand, Roi schlug ein. Sie sahen sich wortlos in die Augen, bis Perry nur nickte.
„Ich freue mich, dass du so tapfer und mutig bist, Michael“, verkündete ES. „Nun muss ich euch aber allen die Erinnerung nehmen.“
„Warum?“, fragte jetzt Atlan.
Der alte Mann wandte sich ihm zu. „Ihr alle werdet weiterhin für die Menschheit kämpfen, die auch ich liebe. Aber das Wissen um die Ereignisse, die gerade hinter euch liegen, würde euch anders handeln lassen, auch wenn ihr es bewusst nicht wollt. Euer Unterbewusstsein würde euch bestimmten Dingen ausweichen lassen oder ihr würdet versuchen, sie zu beschleunigen. Das darf ich nicht zulassen. Eine Änderung dessen, was in der nahen Zukunft geschehen wird, wäre fatal, glaubt es mir.“
„Dann ...“ Roi erkannte in dem Moment, welches Geschenk ES ihm mit dieser Entscheidung machte. Er würde seine Pläne genau wie er es geplant hatte, weiterverfolgen können.
Die Gedächtnislöschung wäre nicht so nötig, wie ich es gerade sagte, meldete ES sich nur in seinen Gedanken. Es ist wirklich MEIN Geschenk an dich, tapferer junger Freund! Ein kleines DANKE für das, was du auf dich nimmst.
Laut sagte der alte Mann: „Ich werde eure Erinnerungen und die Erinnerung aller löschen, die daran beteiligt waren. Übrigbleiben wird nur, dass ihr“, er wandte sich Roi und Bea zu, „endlich einen über Jahre gesuchten Schwerverbrecher gefasst und dem Solaren Imperium überstellt habt – mehr nicht. Und ...“ er lächelte Bea und Roi an: „Dass ihr beide euch endlich nach so langer Zeit wirklich gefunden habt und ein Paar seid. Ihr müsst das nicht annehmen ...“
„Wir nehmen an“, versicherten Roi und Bea wie aus einem Mund. Perry Rhodan und Atlan lächelten wissend.
„Beatrice“, meinte der alte Mann ganz sanft. „Ich kann auch deine Erinnerungen an etwas sehr Schlimmes löschen, was dich schon so lange belastet. Möchtest du das?“
Roi konnte es kaum fassen. ES machte ihnen noch ein weiteres Geschenk!
Es ist wenig genug für das, was auf dich, aber auch auf Beatrice noch zukommt.
An Beas Reaktion merkte er, dass sie die Stimme ebenfalls mental gehört hatte. Sie nickte dem alten Mann nur zu, konnte die Freudentränen nicht aufhalten, die ihre Wangen herunterliefen.
Roi fühlte trotzdem unendliche Angst vor dem Kommenden in sich – was mochte da noch auf ihn und auch auf Bea – und vor allen Dingen auf die Menschheit zukommen – und wann …?

**********

17

Wie versprochen, beseitigte ES alle Spuren dieser „Prüfung“ der Hohen Kosmischen Mächte, egal wo.
Bei Atlan konnte er die Erinnerungen durch den arkonidischen Extrasinn nicht löschen, sondern lediglich blockieren. Deshalb hatte Atlan gleich bei der ersten offiziellen Begegnung mit dem König der Freihändler im August 2435 das Gefühl, den jungen Mann schon länger zu kennen. Er war dann auch der erste, der Michael Rhodan selbst enttarnte.
Wieder legte er seinem ehemaligen Schüler die Loyalität gegenüber an den Tag wie früher. Er verriet ihn nicht an Perry Rhodan. Dem gegenüber verstärkte sich das Misstrauen und die Wut gegenüber dem jungen Freihändler bei Perry Rhodan immer mehr. Perry spürte anscheinend auch unterbewusst, dass er seinen Sohn vor sich hatte, ohne bewusst überhaupt eine Überlegung in dieser Richtung anzustellen. Die Situation drohte zu eskalieren, als der Großadministrator den König der Freihändler als Hochverräter am Solaren Imperium verhaften wollte. Atlan sorgte für Michaels Enttarnung.
Michael und Beatrice blieben weiterhin ein Paar, stellten aber genau wie Perry Rhodan und seine Frau Mory ihr privates Glück hinter ihrer Arbeit für die Freihändler und letztendlich auch für die Fortentwicklung der Menschheit zurück.
Auf Rois vorsichtiges Drängen unterzogen sich beide noch einmal auf Last Hope einem gründlichen Mutantentest.
Bei Roi wurden die vorherigen Untersuchungsergebnisse bestätigt. Er war kein Mutant. Allerdings waren durch die Mentalstabilisierung in ihm latent schlummernde Fähigkeiten geweckt worden. Seine Reflexe verselbständigten sich immer mehr, zumal er sie bewusst und gezielt trainierte. Sie wurden für ihn immer mehr zur Lebensversicherung.
Bea dagegen war eindeutig eine positive Mutantin, eine starke Empathin und ihre Fähigkeit des „Vorausschauenden Ahnens“ entwickelte sich auch immer mehr. Auch bei ihr war dieser Prozess erst durch die Mentalstabilsierung ausgelöst worden – im Gegensatz zu Roi sogar mit einer gewissen Verzögerung. Deshalb hatten die ersten Tests auf Anraten von Roi auf Last Hope noch nichts ergeben.
Beide – Roi und Bea – nahmen ihre Fähigkeiten inzwischen als Tatsache. Roi half Bea, damit zu leben, indem er ihre Fähigkeiten als ganz normal betrachtete – zumal sie ihm bei dem Giftanschlag bei seiner Krönung dadurch sein Leben gerettet hatte …
Durch ihre Arbeit sahen Roi und Bea sich nur selten, besonders, nachdem Roi sich entschloss, in der Nähe seines Vaters zu bleiben und dadurch zusammen mit ihm in die Galaxis M 87 verschlagen wurde. In dieser Zeit führte Bea die Organisation der Freihändler mit fester Hand, unterstützt vom Sicherheitsdienst sowie Dr. Waringer und seiner Frau.
Später lehnten Perry Rhodan und Atlan Rois Angebot ab, die Freihändler zur Verstärkung der Solaren Flotte einzusetzen. So blieb die Freihändlerflotte an der Schlacht um Terra gegen die Dolans unbeteiligt.
Dadurch standen dem Solaren Imperium nach dem Ende der Kämpfe 7.500 hochmoderne Einheiten mit militärisch geschulten Spezialisten zur Verfügung. Olymp wurde von den Dolans nie gefunden und blieb dadurch unversehrt.
Roi Danton galt nach dem Risikoeinsatz im Enemy-System als tot, weil sein Körper nicht geborgen werden konnte.
Beatrice Wood handelte gemäß ihren Anweisungen, die sie von Roi für den Fall seines Todes erhalten hatte und übergab sein Vermächtnis seinem Vater.
Danach traf sie eine folgenschwere Entscheidung. Durch ihre Fähigkeit des „Vorausschauenden Ahnens“ vermutete sie, dass ihr Freund nicht wirklich tot war und sie ihn wiedersehen würde.
Sie legte den Befehl über den Sicherheitsdienst der Freihändler nieder und verschwand mit einer Korvette spurlos zwischen den Sternen. Nur einer war über ihr Vorhaben informiert: Atlan …

ENDE

Das Copyright für die PERRY RHODAN-Serie liegt
beim Pabel-Moewig Verlag, Rastatt.
Mit freundlicher Genehmigung.


Diese Serie wird zu gegebener Zeit mit einem Roman über die weiteren Erlebnisse von Beatrice Wood fortgesetzt.

Keine Kommentare: