Das Geheimnis von EXCALIBUR

Büro des Großadministrators, 
Regierungs-Tower in Terrania-City, Januar 2430
Bericht Perry Rhodan



„Ich möchte dich einladen zur Verleihung eines Dagor-Schwertes auf Quinto-Center, Freund! Und aus diesem Anlass möchte ich dir und deinem missratenen Sohn die Geschichte eines ganz bestimmten Schwertes erzählen! Eines, das die Sagen und Mythen der Erde schon seit Jahrhunderten beherrscht. Und eines, das die Prinzipien des Dagor in einzigartiger Weise repräsentiert.“
Mein bester Freund, der Arkonide Atlan, der zehntausend Jahre über die Erde gewacht hatte, bevor wir uns im Jahr 2040 zuerst gegenseitig umbringen wollten, um dann Freundschaft zu schließen, lächelte mich vom Bildschirm herunter freundlich an.
„Oh“, brachte ich nur hervor, so verblüfft war ich.
Das war nun schon die zweite Überraschung dieses Tages. Wusste Atlan, dass Michael mich gerade vor einer knappen Stunde angerufen und mit seinem Ansinnen fast aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht hätte? Natürlich hatte ich seinem Wunsch entsprochen und alle Termine abgesagt. Dieses Mal würde ich mich auch nicht aufhalten lassen, da ich wusste, wie wichtig gerade das für meinen Sohn war.
Ich entschloss mich zu seinem kleinen Versteckspiel mit dem Freund. Schließlich machte er genau das oft genug mit mir und vielen unserer Freunde.
Außerdem ahnte ich etwas – ein sagenhaftes Schwert, das auf Terra schon lange von Legenden und Sagen umwoben war – das konnte nur …
„Soweit ich weiß“, begann ich ganz harmlos, „steht mein Sohn vor seiner Prüfung zum Dagor-Meister.“
Atlan nickte, plötzlich wurde er sehr ernst. Dagor war etwas, das er mit Lebenseinstellung gleichsetzte. Schon seit seiner frühesten Jugend hatte er Michael ausgebildet, genau wie mich in der Nahkampftechnik an sich. Gut konnte ich mich noch an unzählige Trainingseinheiten zusammen erinnern. Sie hatten uns immer viel Freude gemacht.
Michael hatte sich dazu entschlossen, nicht nur in der Kampftechnik, sondern auch in der eigentlichen Dagor-Philosophie unterwiesen zu werden. Bei diesen Unterrichtsstunden war ich ausgeschlossen gewesen, das ging nur die Dagoristas etwas an.
Und nun stand der er vor seiner letzten Prüfung, dem Kampf mit seinem eigenen zukünftigen Dagor-Schwert gegen seinen Meister.
Zu gut wusste ich, dass es bei diesen Prüfungskämpfen öfter Schwerverletzte oder sogar Tote gab. Man kämpfte unter realen Bedingungen mit tödlichen Waffen. Niemals fanden diese Kämpfe auf Terra statt, da sie dort dem terranischen Recht unterstanden hätten, das solche Kämpfe nicht duldete.
Daher beruhigte es mich, dass Atlan Michaels Gegner sein würde. Gegen ihn würde mein Sohn den Kampf niemals gewinnen können, aber ich konnte sicher sein, dass Michael den Kampf höchstens mit leichteren Verletzungen beenden würde. Schonen würde mein Freund ihn trotzdem nicht, darüber gab es keinen Zweifel.
„Ja, mein Freund. Und ich möchte dich gerne einladen, einer der Ehrengäste bei der anschließenden offiziellen Verleihung des Schwertes und Michaels Aufnahme in den Orden zu sein. Ich gehe davon aus, dass er sich über dein Kommen freuen wird.“
„Sicherlich.“ Ich dehnte das Spiel genüsslich noch etwas aus. Mich wunderte, dass Atlans unfehlbarer Extrasinn ihn noch nicht auf die richtige Idee gebracht hatte.
Wahrscheinlich hatte Michael seinen Entschluss spontan gefasst und sofort umgesetzt, sogar ohne seinen Lehrmeister zu informieren, was seine Bitte noch wertvoller für mich machte.
„Und da es bei allem um ein Schwert geht, nimmst du das zum Anlass, uns zu erzählen …“
Mit Absicht beendete ich den Satz nicht, sondern ließ es Atlan aussprechen, obwohl ich es schon der Erwähnung des Schwertes aus Mythen und Legenden geahnt hatte.
„Was es wirklich mit Excalibur auf sich hat, König Artus und den Rittern der Tafelrunde.“
Atlans rotgoldene Arkonidenaugen musterten mich aufmerksam – um einen leicht enttäuschten Ausdruck anzunehmen.
„Ist das keine Überraschung für dich?“
„Ich kann auch ein wenig denken, Arkonide. Und ich habe im Geschichtsunterricht vor langer Zeit sogar aufgepasst. Es gibt in Terras Geschichte nur ein sagenhaftes Schwert mit zahlreichen Legenden drum herum.“
„Oh … kann es sein, dass ich euch Terraner immer noch unterschätze?“
„Eigentlich kaum nachvollziehbar. So lange, wie du schon bei uns bist.“
Das Gespräch ging wieder in die altbekannte Richtung, was ich jetzt nicht wollte. Mich interessierte eine ganz andere Frage in diesem Zusammenhang.
„Sag mal, Arkonide, warum brichst du ausgerechnet jetzt dein Schweigen? Wo du es über Jahrhunderte nicht getan hast? Fängst du endlich an, die Rätsel der Geschichte offenzulegen?“
Atlans Gesicht wurde so hart und abweisend, dass ich erschrak. Diese Wendung hatte ich nicht erwartet.
„Nein. Ich bleibe weiterhin bei meiner Entscheidung. Die Herrschaften Historiker sollen sich ruhig weiterhin in ihren abenteuerlichen Spekulationen gegenseitig überbieten. Nach meiner Erzählung werden du und dein Sohn die einzigen Menschen sein, die wissen, ob König Artus und seine Tafelrunde tatsächlich existierten und wo Excalibur geblieben ist. – Und das soll auch so bleiben. Die terranische Wissenschaft wird Excalibur nicht in die Hände bekommen, so sicher ist es verwahrt, in einem Versteck, das sie niemals finden werden.“
Sein Gesicht entspannte sich wieder etwas. Ich atmete innerlich auf. Aber sein Lächeln hätte mir zu denken geben müssen, schon jetzt …
„Barbar, ich habe meine Gründe dafür. Glaube es mir. Manches sollte man im Dunkel der Zeit ruhen lassen. Es ist besser. Aber ich denke, Michael ist nun alt genug, Einiges davon zu erfahren. Und da du mein bester Freund bist …“
Wir sagten beide nichts mehr, verstanden uns auch ohne Worte.
„Du kommst?“, fragte er noch einmal. „Leider kann ich dir nicht erlauben, bei der Prüfung dabei zu sein. Du bist kein Dagorista und auch kein Ehrendiener. Bin mal gespannt, wen Michael darum gebeten hat.“
„Mich“, sagte ich nur und lächelte den Freund an.
Atlan war sichtlich überrascht. Er fing sich aber schnell wieder. Leicht legte er den Kopf schief. Diese Geste kannte ich sehr gut. Wahrscheinlich machte ihn sein Extrasinn gerade darauf aufmerksam, dass er sich das – eigentlich – schon selbst hätte denken können.
„Das freut mich sehr, kleiner Barbar.“ Sein Gesicht drückte die Freude unverhohlen aus. „Dann weiß ich dich an meiner Seite, falls ich schon während des Kampfes unter den Erzählzwang gerate. Du weißt, was zu tun ist. – Aber er ist unwahrscheinlich, hoffe ich …“
Seine letzten Worte hörten sich nicht ganz überzeugt an. Wieder stellte ich die richtige Verbindung nicht her.

*

Atlan hatte alles bis ins Detail vorbreitet. Anders hätte es mich auch gewundert.
Ich wollte von Anfang an den privaten Charakter der Reise betonen, besonders für mich selbst und meinen Sohn. Deshalb flog ich nicht mit dem Flottenflaggschiff CREST IV nach Quinto-Center, sondern mit meiner Privatjacht.
Was nichts daran änderte, dass auch sie über HÜ-Schirme und zwei Transformkanonen verfügte.
In dem unterirdischen Hangar des ausgehöhlten Mondes wurde ich von einem Major der USO empfangen, der leger grüßte.
Also wollte auch Atlan das Private betonen, indem er auf einen Empfang nach Salutordnung verzichtete.
Der Major führte mich in ein luxuriöses Gastquartier.
„Wenn es Ihnen recht ist, Sir, könnten Sie die vorbereitete Hypnoschulung gleich absolvieren. Danach wartet Lordadmiral Atlan auf Sie.“
„Hypnoschulung?“, fragte ich etwas verblüfft.
Der Major grinste. Da er ein Umweltangepasster von Newton war, verlieh das seinem grünen Gesicht mit den hervorquellenden Augen den Eindruck eines Frosches. Ich ließ ihn meinen Eindruck nicht spüren. Newtoner waren in der Beziehung teilweise sehr empfindlich.
„Ja, Sir. Soweit ich weiß, sollen Sie über die Abläufe einer Dagor-Prüfung im Allgemeinen und die Aufgaben eines Ehrendieners im Besonderen unterrichtet werden.“
„Ah … so. Sagen Sie mal“, ich musterte den Kolonialterraner prüfend, „weiß schon ganz Quinto-Center, was hier morgen stattfindet?“
Der Mann grinste. „Natürlich, Sir. Leider darf niemand von uns bei der Prüfung direkt dabei sein, aber die anschließende Zeremonie zur Aufnahme Ihres Sohnes in den Orden und die Überreichung seines Schwertes wird in alle Räume übertragen. Obwohl ich gerne persönlich dabei wäre.“ Er zog das Gesicht in traurige Falten. „Aber das dürfen nur die ganz hohen Offiziere …“
„Machen Sie sich nichts draus, Major. Im Festsaal wird es recht voll werden. Da haben Sie von der Übertragung viel mehr.“
„Meinen Sie, Sir?“
„Natürlich.“
Der Mann lächelte wieder.
„Was ich noch sagen wollte, Sir“, er räusperte sich, „wir alle freuen uns, dass es Ihr Sohn sein wird.“
Innerlich stöhnte ich auf. Da war er wieder, dieser Personenkult, den ich überhaupt nicht mochte, den ich sogar verabscheute. Und Michael noch viel mehr. Gerade darin lagen viele der Probleme, die er hatte. Leider hatte er noch nicht gelernt, mit der Last des Namens „Rhodan“ zu leben.
„Major, sehen Sie es doch bitte nicht auf die Person an sich bezogen. Natürlich bin ich stolz auf meinen Sohn, sehr stolz sogar. Aber Sie und Ihre Kameraden sollten viel mehr daran denken, welcher Erfolg das für die Menschen ist. Denn, wenn ich richtig informiert bin, ist mit meinem Sohn zum ersten Mal überhaupt ein Mensch so tief in die Mystik und die Philosophie des Dagor eingetaucht, dass er sich der Prüfung zum Meister stellt. Daran sollten sie nur denken!“
Für mich kam immer und zuallererst der Erfolg für die Menschheit an sich. Und ein terranischer Dagor-Meister, ein Laktrote! So dekadent die Arkoniden in der Masse auch sein mochten, es gab immer noch einige Aktive, die das Dagor als Lebenseinstellung aufrechthielten. Sie waren eine Elite, in deren Kreise nur sehr selten ein Nicht-Arkonide aufgenommen wurde.
Ich mochte nicht daran denken, was Michael bei seiner harten Ausbildung durch Atlan, einen der Großmeister des Dagor, erlebt und auch erlitten hatte. Sie sprachen gemäß dem Ehrenkodex der Dagoristas nicht darüber und ich fragte genauso wenig danach. Aber ich konnte mir so dies und das gut vorstellen.
Jedenfalls schien Michael damit zufrieden zu sein – und nur das zählte für mich.
„Wie lange wird die Hypnoschulung dauern, Major?“
„Ungefähr eine halbe Stunde, Sir.“
„Dann unterziehe ich mir ihr sofort. Danach hätte ich gerne einen Becher Kaffee.“
Der Major grinste. „Ich soll Ihnen vom Lordadmiral ausrichten, er wartet anschließend mit echtem terranischen Kaffee und Gebäck auf Sie, Sir.“
Er senkte die Stimme und fügte fast verschwörerisch hinzu: „Gebacken von seiner Sekretärin höchstpersönlich. Und den Kaffee kocht sie auch frisch, brüht ihn sogar noch mit der Hand auf.“
„Na dann.“
Ich freute mich schon jetzt darauf. Atlan hatte sich genau wie unsere anderen Freunde und ich, die schon am Ende des 20. Jahrhunderts gelebt hatten, nicht dazu entschließen können, sein Vorzimmer mit einem der allgemein üblichen Sekretärroboter zu besetzen. Wir bevorzugten altmütterliche Damen nach dem Klischeebild der tüchtigen Chefsekretärin aus dieser lange vergangenen Zeit – mit den entsprechenden Qualitäten!

*

Nach Abschluss der Hypnoschulung wusste ich alles über die Riten des Dagor. Wahrscheinlich wusste außer meinem Sohn, der vor seiner wichtigsten Prüfung stand und mir kaum ein Terraner von diesen Dingen. Die Nahkampftechnik an sich gehörte zum Standard in der Ausbildung der Abwehr und der USO – aber das, was ich nun wusste, war ganz anders. Vieles davon hatte Ähnlichkeit mit der Philosophie des irdischen Zen-Buddhismus. Ob das auf den Einfluss von Atlan zurückging? Ich würde ihn nicht fragen. Immer noch war mir seine Reaktion bei unserem Funkgespräch in Erinnerung.
Atlan empfing mich in seinem Chefbüro. Bei ihm war mein Sohn.
Beide verhielten sich freudig und ungezwungen. Michael strahlte über das ganze Gesicht. Ich nutzte die Gelegenheit, ihn genauer anzuschauen.
Heute wirkte er nicht ganz so jungenhaft und fröhlich, wie sonst meistens. Ein Schimmer von Nachdenklichkeit ging von ihm aus. Sein Gesicht war blass, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.
Jetzt wurde mir klar, warum Atlan mir die Hypnoschulung vorher „verordnet“ hatte. Sonst hätte ich unweigerlich danach gefragt und wäre meinem Sohn damit vielleicht zu nahe getreten. Michael war es immer peinlich, wenn es ihm mal nicht gut ging – was äußerst selten vorkam bei seiner stabilen Gesundheit und seiner robusten Konstitution, die er wohl von mir geerbt hatte – und man sprach ihn auf diesen Zustand an. Für ihn war es wichtig, niemandem wissen zu lassen, wie es in und mit ihm aussah und Stärke zu zeigen.
So aber wusste ich, dass er seit zwei Tagen streng am Fasten war, also nichts gegessen und auch nichts getrunken hatte. Vorher hatte er noch eine intensive Magen- und Darmreinigung über sich ergehen lassen müssen. Der zukünftige Dagor-Meister sollte frei von allem mit völlig gereinigtem Körper zu seinem wichtigsten Kampf antreten. Er sollte und musste alle körperlichen Bedürfnisse ausschließen.
Morgen, bei der Prüfung, würde er sich kaum noch auf den Beinen halten können – und musste in diesem Zustand kämpfen! Eine Willensprüfung, der nur wenige standhielten.
Michael warf nur einen kurzen Blick auf den Kaffee, den auch er so liebte. Mein erster Impuls war, ebenfalls darauf zu verzichten, genau wie auf das Gebäck. Im letzten Moment hielt ich mich zurück. Auch das gehörte schon zu Michaels Prüfung, sich beherrschen können, wenn andere tranken und aßen, während sein Magen rebellierte und der Durst immer schlimmer wurde.
Es war Atlan zu verdanken, dass eine zwanglose Unterhaltung in Gang kam. Ich selbst hätte es nicht geschafft, zu sehr litt ich mit meinem Sohn.
Das war einer der fatalen Punkte in unserer Beziehung zueinander. Jeder litt mit dem anderen, stand für ihn ein, aber trotzdem fanden wir keinen richtigen Weg zueinander, schafften es nicht, über unsere Gefühle zu sprechen. Dadurch entfernten wir uns immer weiter voneinander.
Ich schüttelte die Gedanken ab und konzentrierte mich auf Atlan. Er sprach traditionsgemäß nicht von der bevorstehenden Prüfung, sondern von dem, was danach geplant war. Scheinbar hegte er nicht den geringsten Zweifel daran, dass Michael es schaffte. Ich übrigens auch nicht.
„Ich hoffe wirklich, dass ich nicht schon während des Kampfes in den Erzählzwang gerate. Aber das glaube ich nicht.  Die Gefahr besteht viel eher danach beim offiziellen Festakt.“
„Wieso, Laktrote?“, fragte Michael und senkte leicht den Kopf, als er Atlan ansprach. Seitdem mit der Reinigung seine Prüfung begonnen hatte, musste er Atlan als seinem Meister entgegentreten – und nicht als eine Art Vater und Freund.
Ich verspürte einen leichten Stich, verdrängte das Gefühl aber sofort wieder.
„Um Excalibur, von dem du uns erzählen willst, geht es dabei doch noch gar nicht. Mein Dagor-Schwert und dieses geheimnisvolle Schwert der Geschichte – dazwischen sind doch Welten!“
In diesem Augenblick, in dem Michael das aussprach, worüber ich seit dem Funkgespräch mit Atlan nachdachte, verstärkte sich meine Ahnung.
„Bestehe erst einmal deine Prüfung, junger Höhlenwilder“, grollte Atlan gegen den jungen Mann. Aber seine Augen sprachen eine andere Sprache.
Michael grinste ihn an. In diesem Moment wirkt er wieder wie ein großer Junge.
Mich ließ ein – eigentlich wahnwitziger! – Gedanke nicht wieder los.
Konnte es tatsächlich sein, dass ...
Nein, der Gedanke war einfach zu fantastisch, sogar im Zusammenhang mit Atlan!

*

Atlan und ich verbrachten den Abend mit einigen Gläschen Wein ganz gemütlich in seinem großen Quartier.
Michael hatte sich in seine Unterkunft zurückgezogen und meditierte gemäß den Dagor-Regeln. Er durfte gar nichts mehr essen, nur noch eine ganz bestimmte, sehr knapp bemessene Menge Wasser zu sich nehmen. Es war sein zweiter Tag. Am dritten Tag würde er durch Wasser- und Nahrungsmangel reichlich entkräftet seinem Meister, also Atlan, im Kampf gegenüberstehen, vor den Augen einer strengen Prüfungs-Kommission, die aus vier Dagor-Meistern bestand, allesamt Arkoniden, die in hohen Offiziersrängen Dienst in der USO taten, weil sie sich für den Kampf für Freiheit und Frieden entschieden hatten.
Seit der Hypno-Schulung wusste ich, dass die Prüfung in einem simulierten Urwald-Klima stattfinden würde, in diesem Zustand eine zusätzliche schwere Kreislauf-Belastung für den Prüfling.
„Meinst du nicht, ihr seid zu streng mit euren Prüflingen?“, frage ich Atlan.
Der Arkonide musterte mich abschätzend.
„Dir tut dein Sohn jetzt schon leid, Freund?“
„Ja.“
Atlan schwieg einen Moment, dann sagte er einfach: „Die Prüfung morgen ist nicht nur eine Prüfung für Michael, sondern auch eine für dich – und für mich selbst, obwohl du das jetzt noch nicht verstehst.“
Der aberwitzige Gedanke tauchte wieder in meinen Gedanken auf.
Atlan lächelte mich an.
„Mein Extrasinn äußert gerade eine Vermutung, woran du denken könntest, kleiner Barbar. Warte es ab, morgen wirst du alles wissen – und du wirst wirklich überrascht sein.“
Er nahm einen Schluck Rotwein, schon seit Jahrhunderten eines seiner Lieblingsgetränke.
„Aber um auf deine Frage zurückzukommen. Ja, wir sind sehr streng zu unseren Prüflingen. Mit Absicht. Ein Dagor-Meister muss sich überall behaupten können.“
Wieder machte er eine Pause, dachte nach, dann sah er mir voll in die Augen.
„Das, was ich morgen von Michael verlange, wird hart werden, sehr hart, genauso für dich und mich wie für ihn – nein, keine Fragen, ich sagte schon, du wirst alles verstehen, wenn es soweit ist.“
Er begleitete seine Worte mit einer abwehrenden Handbewegung.
„Du hast als Ehrendiener die Pflicht, den Kampf abzubrechen, sobald du das Gefühl hast, Michael wäre ernstlich gesundheitlich gefährdet. Ich kann dir versichern, die Todesfälle bei Dagor-Prüfungen sind von niemandem beabsichtigt. Es waren tragische Unglücksfälle. Gerade deshalb ist die Aufgabe des Ehrendieners wo wichtig, weil der Prüfling selbst das in der Euphorie, in die er sich zwangsläuft steigert, gar nicht mehr überblicken kann.“
„Ich weiß.“
Die Verantwortung für meinen Sohn lastete jetzt schon schwer auf mir, einige Stunden vorher.
Atlan lächelte.
„Keine Sorge. Ich weiß, was ich tue. Ich werde Michael bis zum Allerletzten fordern. Bitte greife nicht ein, egal was du siehst. Michael muss da durch, auch wenn es dir als Vater das Herz auseinanderreißt. Er will es auch selbst.“
„Ich weiß“, konnte ich wieder nur leise antworten. Es würde ein schwerer Tag für mich werden, vielleicht einer der schwersten meines Lebens.
Atlans rotgoldene Augen schienen ganz weit in eine Ferne zu blicken, die ich nicht sehen konnte.
„Damals“, murmelte er zögernd, „in der Zeit, von der ich euch erzählen werde, stand ich auch in einem Kampf meinem eigenen Schüler gegenüber, der mit seinem ganz persönlichen Schwert gegen mich kämpfte …“
Er schüttelte sich, sein Blick wurde wieder klar, sein Gesicht so hart, wie ich es selten bei ihm gesehen hatte. Fast bekam ich selbst Angst. Jetzt hätte ich ihm nicht als Gegner gegenüberstehen mögen. Was mochte sein damaliger Schüler getan haben, dass die Erinnerung eine solche Reaktion ihn ihm auslöste?
Die Antwort gab ich mir selbst: ihn enttäuscht oder sogar verraten!
„Ich hoffe, dass ich den Kampf morgen durchstehe. Du weißt, was du zu tun hast?“, erinnerte er noch einmal daran, sehr ungewöhnlich für ihn.
Ja, ich wusste es. Zu oft war ich bereits dabei gewesen, wenn den Arkoniden der Erinnerungszwang übermannte. Dann übernahm sein fotografischer Gedächtnisteil die Herrschaft über ihn, er war kaum noch selbst handlungsfähig. Normalerweise verhinderte der Extrasinn eine Zwangserinnerung in gefährlichen Kampfsituationen.
Es gab aber Ausnahmen. Dann, wenn die Erlebnisse für Atlan so aufwühlend gewesen waren, dass sie auch heute noch den Stellenwert eines Traumas hatten.
Was mochte damals, in der Zeit, als dieses magische Schwert mit dem Namen Excalibur einem König gehört haben sollte, wirklich geschehen sein?
Und warum unterzog Atlan sich der Qual genau dieser für ihn offensichtlich schon jetzt belastenden Erinnerung?
Meine Ahnungen nahmen immer konkretere Formen an …

*

Michael trat mir gefasst und mit unbewegtem Gesicht gegenüber. Wir trafen uns in dem kleinen Vorbereitungsraum. Außer uns war niemand anwesend. Es war die letzte Gelegenheit für Absprachen zwischen dem Hertaso und seinem Ehrendiener vor der Prüfung. Danach hatten wir uns nach dem vorgeschriebenen Zeremoniell zu richten.
Er sah noch schlechter aus als am Vortag. Seine Lippen waren ausgetrocknet und aufgeplatzt.
Obwohl sowohl er als auch ich wussten, dass Atlan ihm nichts Ernsthaftes antun würde, war so ein Kampf mit archaischen, aber trotzdem nicht minder tödlichen Waffen immer noch zu einem großen Stück unkalkulierbar. Dass ihm das vollkommen bewusst war, zeigten seine Worte.
„Dad, ich vertraue dir und weiß, dass du das Richtige tun wirst. Aber, bitte, brich den Kampf nicht ab, bevor er wirklich zu Ende ist. Ich kann gegen Atlan nicht gewinnen, aber ich will ihn bis zuletzt durchstehen.“
„Du wirst deine Prüfung bestehen“, versuchte ich ihm Mut zu machen.
Heftig winkte er ab. „Darum geht es nicht nur. Ob ich sie bestehe, das werden Atlan und die Kommission entscheiden. Du hast deine Hypnoschulung gehabt, also weißt du genauso gut wie ich, dass der Kampf an sich nicht das entscheidende Element ist. Außerdem“, er lachte ein wenig gezwungen, „habe ich noch nie gehört, dass ein Hertaso diesen Kampf gegen seinen Laktrote gewonnen hätte.“
„Ich auch nicht“, lächelte ich zurück. „Aber ich habe dich verstanden, Mike. Bis zum bitteren Ende.“
Wir besiegelten die Vereinbarung mit einem festen Händedruck.
„Danke“, sagte Michael, noch während wir unsere Hände umschlossen hielten. „Ich weiß, dass ich mit einigen Blessuren da rauskommen werde. Atlan wird mich nicht schonen. Ich habe gehört, der Medorobot wartet schon. Hoffentlich hat er was schön Kaltes zu trinken dabei. Da freue ich mich jetzt schon drauf. – Also, bringen wir es hinter uns. Und …“
Er sah mich mit seinen so außergewöhnlichen nachtblauen Augen direkt an: „Danke, dass du die Zeit dafür gefunden hast.“
Brüsk wandte er sich ab und betätigte die Rufanlage. Ich bedauerte es, unsere kurze private Zeit war vorbei.
Mir war eines klar, viel zu klar: Michael hatte trotz allem Angst, aber er wusste sie zu beherrschen und auch zu verbergen.
Ein kühner Gedanke kam mir: hatte damals dieser Schüler von Atlan, gegen den er gekämpft hatte, auch Angst gehabt – und wie berechtigt war dessen Angst gewesen? Michael brauchte sich „nur“ vor den mehr oder weniger schweren Verletzungen zu fürchten, die aber die moderne Medizin problemlos in kürzester Zeit würde heilen könne. Aber damals … ich wurde immer neugieriger!

*

Zwei weitere Ehrendiener betraten jetzt den Raum. Sie verneigten sich wortlos vor uns, sagten aber kein Wort.
Ich glaubte, einen von ihnen zu erkennen. Er gehörte zur Zentralebesatzung von Atlans IMPERATOR III.
Der Mann lächelte mir kurz zu. Mehr nicht. Das Ritual verbot ein Gespräch.
Michael und ich legten unsere Uniformen ab, er trug die schwarze der USO, ich meine normale Bordkombination der Solaren Flotte.
Die beiden Männer reichten uns die traditionelle Kleidung der Dagoristas, die bei allen rituellen Kämpfen getragen wurde: weite Leinenhosen und ebenso weite Blusen, die in der Taille nur mit einer Kordel zusammengehalten wurden. Dazu schlüpften wir in leichte Leinenschuhe.
Verstohlen mustere ich Michael, wie er sich auszog, sah kurz seine durchtrainierten Muskeln unter der glatten Haut spielen. Der Junge hatte einen Trainingszustand, auf den sogar ich neidisch werden konnte. Im Extremfall würde mir der Zellaktivator helfen, die nötige Energie aufzuwenden, aber ohne sähe ich gegen meinen eigenen Sohn schlecht aus, gab ich vor mir selbst zu.
Seine Körperbewegungen waren ruhig und beherrscht. Trotzdem bemerkte ich, wie viel Kraft es ihn jetzt schon kostete, sich so zu bewegen. Sicherlich litt er schon unter starken Kopfschmerzen, Schwindelattacken und vielleicht sogar schon Übelkeit.
Der Kampf gegen den eigenen Körper, die Fähigkeit, allein mit der Kraft des eigenen Willens einen Körper, der nichts Anderes mehr wollte, als endlich Ruhe zu bekommen, noch über die subjektiv empfundenen Grenzen hinaus zu beherrschen – das war die eigentliche Prüfung, die ihm bevorstand.
Bereits oft genug hatte auch ich mich ihr stellen müssen, teilweise in höchst gefährlichen Situationen. Deshalb konnte ich mir sehr gut vorstellen, wie er sich fühlte.
Und gleich wartete der nächste Schock.

*

Sogar für mich waren die plötzlich mörderischen Klimabedingungen wie ein Schock.
Michael und ich gingen durch einen schmalen Gang vom Vorbereitungsraum direkt in den Prüfungsraum. Es war einer der mir sehr gut bekannten Trainingsräume, in denen man nahezu alle möglichen Umweltbedingungen simulieren konnte. Das umfasste nicht nur das Klima, sondern auch die Flora und Fauna.
Atlan hatte sich für einen kleinen Raum entschieden, in dem tropische Bedingungen herrschten. Eine Kontrollskala gleich am Eingang zeigte es in eindeutigen Zahlen an: 45°C, Luftfeuchtigkeit 97%, mörderischer konnte es kaum sein. Atlan ging wirklich voll zur Sache.
Unmut regte sich in mir. Musste das wirklich sein? Ich empfand es als unnötige Quälerei. Aber ich würde darüber mit ihm auch nicht diskutieren. Seine und meine Einstellung in gewissen Bereichen unterschieden sich doch erheblich, was unserer Freundschaft keinen Abbruch tat.
Immerhin hatte der alte Arkonide auf einen „Dschungel“ oder so etwas verzichtet. Der Bodenbelag bestand aus federndem Kunststoff, wie mir ein paar prüfende Schritte bestätigten.
An der linken Seite des Raumes standen die vier Prüfer. Ich kannte sie alle persönlich, aber in den Uniformen der USO. Jetzt trugen auch sie archaische Dagor-Kleidung. Sie nickten uns höflich-distanziert zu, mehr erlaubte das Ritual ihnen zu diesem Zeitpunkt ebenfalls nicht.
Einer der Eckpfeiler der Dagor-Philosophie war das Zusammengehörigkeits- und Kameradschaftselement. Demzufolge hatten die Mitglieder der Kommission sich nicht hinter einem Energieschirm vor den mörderischen Bedingungen „in Sicherheit gebracht“, sondern waren ihnen genauso wie Michael, Atlan und ich ausgesetzt.
Vorsichtig beobachtete ich meinen Sohn gleich beim Eintritt. Obwohl er auf alles vorbereitet gewesen sein musste, schwankte er leicht. Auf seiner Stirn erschien Schweiß, obwohl sein Körper schon ziemlich ausgetrocknet sein musste. Das Schwitzen würde ihm noch die letzten Flüssigkeitsreserven entziehen.
Ich sah, wie er trotzig die Zähne zusammenbiss und die Augen sich zu Schlitzen verengten.
Atlan nickte uns zu und machte eine auffordernde Geste zu Michael hin.
Der verstand sofort und entledigte sich seiner weiten Bluse und seiner Schuhe. Erneut sah ich die Muskeln und Sehnen unter seiner Haut spielen. Ich hatte kaum mal einen Mann gesehen, der besser trainiert war.
Nach den Regeln musste er mit bloßem Oberkörper kämpfen, da man seine körperlichen Reaktionen ganz genau beobachten wollte.
Atlan legte ebenfalls die Bluse ab, obwohl er das als Meister nicht gebraucht hätte. Er lächelte zurückhaltend, nur ein ganz klein wenig.
Damit gab er Michael schon zu Anfang ein gutes Gefühl, indem er sich mit ihm gleichstellte. Ich beachtete die fürchterlichen Narben über seiner Bauchdecke überhaupt nicht, dazu kannte ich sie zu gut.
Michael schenkte ihnen ebenso wenig Aufmerksamkeit.
Atlan machte eine weitere, diesmal einladende, Handbewegung.
Mein Sohn trat näher an ihn heran, neigte kurz den Kopf und legte die rechte, offene Handfläche auf sein Herz, der traditionelle Gruß.
„Hertaso“, sprach Atlan ihn an, auf arkonidisch, wie das Ritual es erforderte, „bist du bereit, dich deiner letzten Prüfung zu stellen? Einer Prüfung, die dir alles abfordern wird, die dich auch mit den Abgründen deines Selbst konfrontieren wird?“
Michael wich Atlans Blick nicht aus, schwankte auch nicht, stand kerzengerade, ließ sich nichts anmerken, Beherrschung in höchster Vollendung.
„Ja, Laktrote, ich bin dazu bereit und werde mich allem stellen, was du für erforderlich hältst.“
„Und du vertraust deinem Ehrendiener absolut, dass er für dich Entscheidungen trifft, wenn du nicht mehr dazu in der Lage sein solltest?“
Der junge Mann drehte sich zu mir um. Unsere Blicke trafen sich wieder. Wie so oft, wenn ich ihm in die Augen sah, hatte ich das Gefühl, in diesen nachtblauen Tiefen zu versinken.
Genau das Gleiche behaupteten viele, wenn sie mir in die Augen blickten. Das lag dann wohl etwas in der Familie.
Sofort schüttelte ich den Gedanken wieder ab.
„Ja, ich vertraue meinem Ehrendiener, meinem Vater!“
Diesen Zusatz hätte er nicht machen brauchen. Dass er es machte, erfüllte mich mit noch größerem Stolz als bisher schon.
Atlan nickte.
„So sei es denn“, sprach er die vorgeschriebenen Worte.
Einer der Prüfer trat vor und reichte ihm einen Gegenstand, der noch mit einem prächtigen Samttuch verhüllt war.
Das Dagor-Schwert, das Michael aus den Händen seines Ausbilders und Meisters entgegennehmen und damit seinen allerersten Kampf gerade gegen diesen Meister ausfechten würde.
Die Hypno-Schulung hatte mir zwar die Hintergründe dieser rituellen Handlung erklärt, aber so ganz war ich mir trotzdem über den Sinn bisher nicht klar. Wahrscheinlich würde ich sie erst in vollem Umfang verstehen, wenn ich dem Kampf bis zum Ende beigewohnt hatte.
Atlan nahm das noch verhüllte Schwert in Empfang. Auch unter seiner Haut spielten die Muskeln und Sehnen, nur war sie im Gegensatz zu der meines Sohnes, der noch jung war, von Narben übersät, nicht nur über dem Magen. Bis heute verstand ich nicht, wieso mein Freund diese Narben mit sich herumtrug. Schon während seiner Verbannungszeit auf der Erde wären die medizinischen Roboter seiner Tiefseekuppel problemlos in der Lage gewesen, sie zu beseitigen.
Wahrscheinlich hing es damit zusammen, dass die Erinnerung an seine bewegte und gefährliche Vergangenheit ihn nicht mehr losließ.
Man hätte eine Stecknadel im Raum fallen hören können, als Atlan das Tuch zur Seite zog und ein prächtiges Schwert zum Vorschein kam.
Meine Kenntnisse auf dem Gebiet der Stilepochen und der Kunst waren nicht sehr ausgeprägt, aber ich erkannte sofort, dass dieses Schwert vom Stil her eher in die terranische Ritterzeit gepasst hätte als hierher. Auch wenn die Dagoristas Schwerter im archaischen Stil – allerdings mit modernster Technik – verwendeten, niemals wäre das eines im terranischen Stil gewesen.
Die Klinge schimmerte bläulich. So, wie Atlan das Schwert hochhielt und präsentierte, war es viel leichter, als die Optik es vermuten ließ.
Neben mir hörte ich Michael schwer atmen. Sein Blick richtete sich auf die reich verzierte Klinge, genau wie meiner. Deutlich sah ich die arkonidischen Schriftzeichen, die Zeichen für Freiheit, Freundschaft, Loyalität, Vertrauen, Selbstbestimmung und auch für Stärke, Durchsetzungsvermögen, Kampfgeist, Mut und Tapferkeit.
Die klassischen Tugenden eines irdischen Ritters nach dem vielbeschworenen Ideal des Mittelalters – auf einem Schwert, das eindeutig aus Arkonstahl war.
Die vier Prüfer musterten es aufmerksam und genauso fasziniert wie Michael und ich. Für sie war es „nur“ ein Schwert aus Arkonstahl in einer archaischen Aufmachung, in einem Stil, der ihnen allerdings nicht bekannt war.
Ich sah, wie einer der hohen Offiziere etwas sagen wollte, aber es ließ. Der Laktrote und Ausbilder des Schülers leitete die Prüfung. Sein Kampf gegen seinen Schüler, der auch sein letzter gegen ihn sein sollte, gehörte zum Ritual.
„Nein“, hörte ich Michael fast entsetzt flüstern – in dem gleichen Augenblick, in dem mir klar wurde, dass das, was ich die ganzen letzten Stunden schon vermutet hatte, Wirklichkeit war!
„Excalibur!“ Stockend sprach Michael es aus. Sein Gesicht wurde noch blasser, die Augen weit aufgerissen. Er schwankte kurz, fing sich aber gleich wieder.
Seine Hände zitterten, als er das Schwert aus Atlans Händen in Empfang nahm.
Der Arkonide sah ihn unerbittlich an. Keine Spur von Freundlichkeit war mehr an ihm, nur eiserne Härte, seine Stimme klirrte wie Eis.
„Ja“, sagte er einfach. „Es freut mich, dass du auch nach diesen drei Tagen noch klar denken kannst. Das gibt mir Hoffnung, dass dieses Schwert nun in die richtigen Hände kommt, wenn du dich seiner würdig erweist. Das musst du mir gleich beweisen.“
Die Worte wichen von dem althergebrachten Ritual ab. Also machte Atlan von dem Recht des Prüfungsleiters Gebrauch, in gewissem Rahmen den Ablauf zu ändern.
Die vier Offiziere, die die Regeln des Dagor, trotz meiner Hypnoschulung, weitaus besser kannten als ich, nickten nur bestätigend.

*

Selten hatte ich einen so harten, aber auch andererseits so fairen Kampf gesehen. Atlan schenkte Michael nichts. Immer wieder taumelte mein Sohn, brach in die Knie – und immer wieder ließ Atlan ihm eine gewisse Zeit zur Erholung, bis er wieder aufstehen konnte und der Kampf weiterging.
Deutlich sah ich, wie Michael einige Male kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch war, wie er sich nur mit äußerster Gewalt, schon zusammengekrümmt auf den Knien oder sogar lang ausgestreckt nur mit letzter Kraft gegen die nahende Ohnmacht wehren konnte.
Einige Male war ich trotz meines Versprechens versucht, meiner Pflicht als Ehrendiener nachzukommen und den Kampf abzubrechen.
Um mein Gewissen zu beruhigen, rief ich mir ins Gedächtnis, dass Michael von einem Medoroboter überwacht wurde. Sobald sein Kreislauf so instabil wurde, dass Lebensgefahr bestand, würde der Kampf von dieser Seite aus abgebrochen werden.
Trotz allem – ich war sein Vater! Mir tat es weh, wie er leiden musste. Immer wieder sagte ich mir, dass es seine eigene Entscheidung gewesen war. Er wollte das, wollte diese Bewährungsprobe für sich selbst. Ob er darin so eine Art archaischen Mannbarkeitsritus sah, oder ob es „nur“ sein Selbstbewusstsein war, das diese Herausforderung meistern musste, auch um sich aus meinem Bannkreis, den er seit frühester Jugend als „übermächtig“ empfand, abzusetzen – ich konnte es nicht sagen.
Mir waren die Hände gebunden, ich war zum Zuschauer verdammt. So versuchte ich mich ein wenig abzulenken, indem ich die geschichtlichen Fakten überdachte, die ich – bevor ich überhaupt daran gedacht hatte, einen Arkoniden namens Atlan zu treffen – über Excalibur, die dazugehörige Artus-Sage und andere Legenden wusste.
Der Sage nach, die ich als Kind und Jugendlicher kannte, war König Artus ein strahlender Ritter, der für die Gerechtigkeit und die Freiheit kämpfte, ein leuchtendes Idealbild. Und das sagenhafte Schwert Excalibur zog er als junger Mann aus einem Steinklotz, nachdem viele andere es vor ihm ergebnislos versucht hatten. Er einte mit Hilfe dieses magischen Schwertes die Stämme Britanniens, die sich seit dem Abzug der Römer Anfang des 5. Jahrhunderts gegenseitig befehdeten und zerfleischten. Der Sage nach machte das Schwert ihn unverwundbar.
Dafür gab es jetzt, nachdem ich wusste, wer für Excalibur „verantwortlich“ war, eine ganz einfache Erklärung: Das Schwert musste auch einen Schutzschirmprojektor enthalten.
Diese Version der Artus-Sage war zwar die populärste, aber es gab daneben viele andere.
Eines aber war allen gemeinsam: Artus verlor sein wunderbares Schwert und es „versank im See der Feen“. Wobei keine Version der Sage eine klare Aussage traf, was es mit diesem „See der Feen“ wirklich auf sich hatte.
Historiker, die sich intensiver mit der Artus-Sage beschäftigten, vermuteten in dem See, über dem grundsätzlich dichter Nebel herrschte, eine geheimnisvolle Insel. Immer wieder tauchte in Legenden der Name „Avalon“ auf. Sie sollte hinter der christlichen Abtei Glastonbury liegen und der Weg dorthin nur „Eingeweihten“ bekannt sein. Sie galt als Sitz von Priesterinnen des sogenannten „Alten Glaubens“ und von Druiden, die nicht bereit waren, sich zu dem immer stärker vordringenden Christentum zu bekennen.
Zum Schluss sollten nur noch eine Handvoll Priesterinnen und Druiden übrig gewesen sein, unter ihnen die „Herrin vom See“, die Hohepriesterin, und Merlin, der Oberste der Druiden.
Ihr Schicksal versank ebenfalls im Dunkel der Geschichte.
Wobei auch in der Artus-Sage ein Zauberer namens Merlin auftauchte, ein weiser Mann, dessen Herkunft unbekannt war, und der König Artus seit seiner Wahl zum König, nachdem er das Schwert aus dem Stein gezogen hatte, beraten hatte. Nach dem Tod des Königs und der Auflösung der Tafelrunde verschwand er spurlos.
Nachdenklich betrachtete ich die Kämpfer. Michael blutete inzwischen aus einigen Wunden, die allesamt leichter Natur, aber wahrscheinlich sehr schmerzhaft waren. Atlan verlange ihm wirklich alles ab.
Zorn regte sich wieder in mir. Musste das wirklich sein?
Zumal ich inzwischen auch Schwierigkeiten mit dem höllischen Klima bekam. Schon einige Zeit war ich schweißgebadet, obwohl ich nichts anderes zu tun hatte, als neben der markierten Kampffläche zu stehen und zu beobachten.
Wie musste es erst Michael gehen?
Den Arkoniden der Prüfungskommission wirkten dagegen recht unbeeindruckt. Kein Wunder, sie waren schon von ihrer Heimat her hohe Temperaturen gewöhnt, wenn auch nicht so schwüle. Auf den drei Arkon-Planeten herrschte trockene Hitze.
Mein Sohn hielt sich weiterhin tapfer, obwohl sein Gesicht immer verkrampfter wurde.
Ich sah genauer zu Atlan hin. Wirkte auch er angeschlagen? Natürlich, die Hitze, die Schwüle, die Belastung des Kampfes, obwohl er gesättigt und ausgeruht war – trotzdem, sein Gesicht verkrampfte sich auch immer mehr.
Schwankte er leicht? Ich kniff die Augen zusammen, wischte mir mit dem Ärmel der lockeren Bluse über die Stirn, um den in die Augen tropfenden Schweiß aufzuhalten und meine Sicht zu klären.
Tatsächlich! Atlan bekam auch Probleme! Sollte seine Befürchtung eintreten? Dann war es der eindeutige Beweis dafür, dass damals Dinge geschehen waren, die auch für ihn äußerst belastend waren – heute noch!
Noch war es nicht ganz so weit, noch hielten beide durch. Aber das Ende des Kampfes stand kurz bevor. Sicherlich würde Atlan, sobald er sein fotografisches Gedächtnis nicht mehr beherrschen konnte, den Kampf sehr schnell beenden, solange er noch handlungsfähig und damit Michael vollständig überlegen war.
Er würde sich nicht die Blöße geben, als erster Laktrote beim rituellen Prüfungskampf von seinem Schüler besiegt worden zu sein! Nicht Atlan!
Atlan … Merlin?
Ich erschrak selbst bei diesem Gedanken. Die Artus-Sage beschrieb Merlin als „alten Mann mit langen, weißen Haaren“. Weiße Haare galten damals als das entscheidendes Merkmal für alte Menschen, unabhängig von ihrem Körper, der ohnehin bis zum Hals verhüllt zu sein hatte.
Noch intensiver betrachtete ich meinen arkonidischen Freund, der deutlich härter vorging, er bereitete das Ende des Kampfes vor. Kurz hob er den Blick, sah mich an und schüttelte leicht den Kopf. Also hatte er die Situation noch vollständig unter Kontrolle.
Merlin … es konnte sein … möglich war es … und es passte sehr gut zu ihm! Ein geheimnisvoller Weiser … ich überlegte … in der Sage wurde zu Merlins Religion nichts gesagt … weder dass er wie Artus Christ war, noch dass er dem Alten Glauben folgte …
Noch einmal schweiften meine Gedanken zurück. Eine bekannte Fantasy-Autorin hatte zum Thema Avalon einen Beststeller geschrieben und in ihm einige Thesen von Historikern aufgenommen, die alternativ an die Legenden herangingen, schon fast „ketzerisch“.
Atlan konnte sie nicht inspiriert haben, da der Arkonide in dieser Zeit im Tiefschlaf in seiner Kuppel lag.
Ende des 20. Jahrhunderts, nachdem wir Menschen die arkonidische Technik übernommen und immer mehr auch in nichtmilitärische Bereiche integriert hatten, wurde die Gegend nochmal mit modernster Technik überprüft und katalogisiert.
Das Ergebnis blieb das Gleiche: es gab keine Insel Avalon – jedenfalls nicht nach strengen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Für viele Historiker, die sich gerade diesem Thema verschrieben hatten, brach eine Welt zusammen. Forschungsteams, die zurückkehrten, waren fest davon überzeugt, dass dort absolut nichts ist.
Erschwerend kam hinzu, dass im 5./6. Jahrhundert in Britannien nach dem Abzug der Römer, die noch schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen hatten, die sogenannten „Dunklen Zeitalter“ begannen, für deren Analyse die Historiker sich fast ausschließlich auf Ausgrabungsergebnisse stützen mussten.
Später tauchte Excalibur noch einmal in der terranischen Frühgeschichte auf. Der englische König Richard I. aus der Familie der Plantagenet, besser bekannt als Richard Löwenherz, behauptete, sein Schwert wäre Excalibur.
Im Gegensatz zur „dunklen Zeit“ der britischen Insel gab es hierzu überlieferte gut erhaltene schriftliche Dokumente.
Die Quellen an sich hatte ich nie angezweifelt, die Aussage selbst schon. Ich hielt sie immer für politische Propaganda, auf die dieser König sich bestens verstanden haben sollte.
Aber nun musste ich auch das vielleicht in einem ganz anderen Licht sehen!
Wie wir Menschen eben sind – einige Wissenschaftler wollten sich damit nicht zufriedengeben und traten an Atlan heran, nachdem der sich uns angeschlossen hatte und offiziell bekannt wurde, dass er seit zehntausend Jahren auf der Erde weilte.
Atlan lehnte alle Bitten um Aufklärung ab, nicht nur im Zusammenhang mit Artus, Excalibur und Avalon.
Seine häufigste Antwort: „Terranische Höhenwilde müssen nicht alles wissen.“
Ich merkte, dass ich fast mit offenen Augen geträumt hatte, als Michael aufschrie.
Ein heftiger Schlag von Atlan riss ihm das Schwert aus der Hand. Er selbst stürzte und konnte sich nicht mehr aufrappeln. Verkrümmt lag er auf dem Boden. 
Atlan warf sein eigenes Schwert weg und griff nach Excalibur. Blitzschnell drehte er Michael mit dem Fuß auf den Rücken und setzte ihm die Spitze des legendären Schwertes an die Kehle.
Schlagartig hatte ich das Gefühl, in einem Film zu sein, der in Zeitlupe lief. Überdeutlich nahm ich alles wahr, was vor mir geschah.
Ich sah Michaels entsetzt aufgerissene Augen, die Atlan anstarrten. Er wusste, dass Atlan ihn niemals töten würde!
Trotzdem musste er jetzt, in dieser Situation, die kreatürliche Angst des Individuums vor dem Tod empfinden. Ich hörte seinen heftigen Atem überdeutlich – und empfand Mitleid mit ihm, meinen Sohn, obwohl ich wusste, worum es ging. Zum Glück seit meiner Hypnoschulung, sonst hätte ich spätestens jetzt eingegriffen und es nicht weiter zugelassen!
Das war der bedeutungsvollste Teil der Prüfung! Der unterlegene Hertaso sollte spüren, wie es ist, ohne Aussicht auf Rettung von einer tödlichen Waffe bedroht zu werden. Natürlich würde kein Meister seinen Schüler töten, aber das Unterbewusstsein jedes intelligenten Lebewesens sandte die vom Verstand nicht kontrollierbaren kreatürlichen Impulse aus.
Genau diese Signale sollte der Prüfling erfahren, sich ihnen stellen und sie ertragen! Ein Dagor-Meister, der als Unterlegener um Gnade bat, galt als Schande für den gesamten Orden.
Die Gesichter der vier Arkoniden zeigten keine Regung. Sie warteten. Es war Atlans Sache, wie lange er diese Prüfung in Selbstbeherrschung ausdehnen wollte.
Michaels Hände begannen zu beben. Er krampfte sie zusammen, versuchte seine Instinkte zu beherrschen.
Atlan drückte mit der Spitze des rasiermesserscharfen Schwertes noch weiter zu. Michael keuchte, röchelte, würgte.
Atlan, hör auf!, dachte ich entsetzt. Auch meine kreatürlichen Gefühle gewannen zunehmend die Oberhand. Ich litt gemeinsam mit meinem Sohn!
Ein kleiner Bluttropfen erschien an der Kehle von Michael und dieser lag plötzlich ganz still. Seine Augen, immer noch weit aufgerissen, starrten an die Decke. Sein Keuchen und Würgen verstummte. Er entspannte sich sogar ein wenig, unterwarf sich dem übermächtigen Gegner mit aller Würde eines Dagoristas.
Als ob ich mit den Gefühlen meines Sohnes direkt verbunden war in diesem Moment, fühlte ich die Zufriedenheit, die auch ihn durchdringen musste, seine inneren Triebe besiegt zu haben.
Atlan zog sofort das Schwert zurück und half Michael beim Aufstehen. Das war der letzte Teil! Der Hertaso musste mit Hilfe des Meisters noch die Kraft aufbringen, sich diesem gegenüberzustellen.
Taumelnd kam der junge Mann hoch. Er blutete immer noch aus den Schnittwunden. Sie waren alle oberflächlich, ungefährlich. In einer halben Stunde würden sie für ihn bei unserer modernen Medizin Vergangenheit sein.
Atlan umfasste Michael an den Handgelenken, Michael umfasste seine.
„Du hast deine Prüfung bestanden, Hertaso“, sagte Atlan feierlich.
Ein schwerer Atemzug zwang ihn zu einer Pause, seine Augen verschleierten sich, der Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht – die Anzeigen waren eindeutig! Er geriet immer mehr unter Erinnerungszwang.
Die vier Arkoniden traten heran. Sie sahen die Probleme ihres Vorgesetzten ebenfalls, zumal sie ebenfalls über aktivierte Extrasinne verfügten.
Atlan winkte sie zurück.
„Ein anderer Schüler lag vor sehr langer Zeit genauso vor mir, mit genau diesem Schwert an der Kehle.“
Trotz seiner Beeinträchtigung klirrte seine Stimme wie Eis, ich hatte das Gefühl, neben ihm zum Eisblock zu erstarren. So sprach mein Freund immer dann, wenn es bei ihm absolut keine Gnade mehr gab.
Michel kannte ihn ebenfalls gut genug. Sein erschöpftes Gesicht verkrampfte sich zu einer Maske.
„Er hatte mich und die Botschaft dieses Schwertes verraten. Ich machte einen Fehler, den ich heute noch bereue. Ich schonte ihn.“
Er atmete immer schwerer. Es kostete ihn sichtliche Mühe, aufrecht stehen zu bleiben.
„Michael Rhodan, Laktrote des Dagor-Ordens, ich warne dich! Solltest du die Botschaft dieses Schwertes eines Tages verraten und dich gegen die Menschen stellen, für die ich nach wie vor einstehe, dann bete zu allen Sternengöttern, dass ich dich niemals finde.“
Michael presste die Zähne zusammen, so fest, dass ich das Knirschen hörte.
Respektvoll neigte er den Kopf, legte die Handfläche im rituellen Gruß auf sein Herz und antwortete mit stockender, krächzender Stimme. Dabei hielt er sich mit fast übermenschlicher Kraft noch aufrecht, obwohl sein Oberkörper noch schwankte.
„Altan, ich werde die Botschaft dieses Schwertes niemals verraten und gegen die Menschheit kämpfen. Das gelobe ich in diesem Augenblick und im Angesicht aller She’Huan.“
Obwohl ich schon lange wusste, dass Michael den alten Glauben an die arkonidischen Sternengötter angenommen hatte, versetzte es mir doch einen kleinen Stich. Versuchte ich doch, an meinem christlichen Glauben festzuhalten und die Wunder des Kosmos als von unserem Schöpfer erschaffen zu sehen.
Damit war das Ritual des Dagor erfüllt und die Prüfung für Michael erfolgreich abgeschlossen.
Nun hatte die Realität wieder Vorrang.
Ich konnte meinen Sohn gerade noch auffangen, als dieser endlich haltlos zusammenbrach und in eine tiefe Ohnmacht sank.
Atlan schien auch nicht mehr lange durchhalten zu können.
„Sir?“, wandte sich einer der Arkoniden an uns.
Ich sah kurz zu Atlan hin, der nickte. Für mich das Zeichen, dass er kaum noch handlungs- und entscheidungsfähig war und dass ich das Sagen hatte.
Aus den Augenwinkeln sah ich schon zwei Medoroboter herangleiten. Die kegelförmigen Maschinen waren bereits von einem der Offiziere alarmiert worden.
„Bitte teilen Sie allgemein mit, dass die Feier zur Aufnahme in den Orden um einen Tag verschoben wird. Die Leute werden sich noch ein wenig gedulden müssen.“
Der Mann nickte verständnisvoll, bei einem Arkoniden schon ein großes emotionales Zugeständnis.
„Ihr fotografisches Gedächtnis, Sir.“ Er stellte es fest als Tatsache, zu Atlan gewandt. Und zu mir: „Selbstverständlich, Sir. Wir kümmern uns um alles Nötige. Wollen Sie den Lordadmiral und Ihren Sohn in die Krankenstation begleiten?“
„Ja.“
Mehr war nicht nötig. Niemand stellte eine Frage. Natürlich wussten die Arkoniden, dass Atlan sich an ein Erlebnis erinnerte, dass für ihn auch heute noch traumatisch war, sonst hätte der Extrasinn den Flashback verhindern können. Genauso hatten sie mitbekommen, dass es etwas mit diesem Schwert zu tun hatte.
Aber sie wussten genauso, dass Atlan ihnen niemals Auskunft erteilen würde. Also schwiegen sie.
Ohnehin unterlag alles, was in diesem Raum geschehen und gesagt worden war, dem strengen Ehrenkodex der Dagoristas, würde also niemals nach außen dringen.
Hätte Michael mich nicht als einen Ehrendiener benannt, hätte auch ich nichts von dem erfahren, was ich miterleben durfte.
So langsam ahnte ich, warum Atlan Michael und mir die Wahrheit über diese Zeit erzählen wollte. Es schien um einen Verrat mit weitreichenden Folgen zu gehen.
Warum er aber gerade Michael dieses Schwert gab und es nicht weiterhin versteckt hielt … vielleicht würde diese Frage im Verlauf seines Berichtes beantwortet werden.
Scheinbar sah er in seinem damaligen Schüler, der nur Artus gewesen sein konnte, und Michael gewisse Parallelen.
Ich jedenfalls würde nicht als Gegner vor meinem arkonidischen Freund stehen mögen nach der Warnung, die er eben ausgesprochen hatte!

*

Die Situation hätte für eine Erzählung aus Terras Frühzeit kaum grotesker sein können.
Hier modernste medizinische Technik – dort die Aussicht auf eine Erzählung aus den Anfängen der Ritterzeit.
Atlan versicherte mir, dass er noch etwas durchhalten konnte, bevor der Erzählzwang ihn so übermannte, dass er berichten musste, egal wo er war und was er gerade tat. Er musste jetzt schon fürchterliche Kopfschmerzen haben, die mit keinem Medikament zu unterdrücken waren.
Deshalb verzichtete der Medoroboter auch darauf, ihn mit Schmerzmitteln vollzupumpen, sondern injizierte ihm lediglich über Hochdruckspritzen Elektrolyte, die ihm helfen würden und versorgte die leichten Schnittwunden, die auch er davongetragen hatte. Mein Sohn hatte sich schon „so teuer wie möglich verkauft“. Ein Übriges tat der Zellaktivator.
Bei Michael war es etwas anders. Der Roboter legte zuerst einen Venenzugang auf seinem Handrücken und schloss eine Infusion an, begleitet von dem mürrischen Gemurmel eines USO-Arztes. Da der Mann Terraner war und von der Sorte Ärzte, die weder Humor noch Einfühlungsvermögen zu kennen schienen, brachte er nicht das geringste Verständnis für Dagor, die dazugehörigen Riten und besonders diese Prüfung auf.
Ungeachtet dessen musste er eine medizinische Kapazität sein, sonst würde er nicht in der USO und dazu noch im Hauptquartier Quinto-Center arbeiten.
Atlan und ich hörten uns die Kritik geduldig an, bis er einmal eine Pause machte.
Der Arkonide fragte mit einem gequälten Lächeln: „Sind Sie nun fertig, Doc?“
Der Mann schnappte nur nach Luft. Sein Mund blieb offen stehen, ein lustiger Anblick, der mich ein wenig entspannte.
„Gut“, stellte Atlan ungerührt fest. „Dann haben Sie sicherlich die Güte, uns jetzt allein zu lassen? Ich habe dem Herrn Großadministrator und seinem Sohn etwas zu erzählen, das nicht für dritte Ohren bestimmt ist.“
„Sir“, empörte sich der Arzt. „Ich habe Schweigepflicht. Außerdem benötigt dieser junge Mann“, er deutete auf Michael, der immer noch ohnmächtig war, „noch weitere medizinische Überwachung.“
„Richtig. Deshalb werden wir auch hierbleiben. Lassen Sie uns bitte noch kalte Getränke und etwas zu essen bringen. Ja, ich weiß, der junge Mann muss noch vorsichtig sein. Ich kann Ihnen versichern, dass dies nicht das erste Mal ist, dass er sich in einer solchen Lage befindet. Er weiß, wie er sich zu verhalten hat. – Und, was Ihre Schweigepflicht betrifft“, er sah den Arzt sehr ernst an, „daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, sonst wären Sie nicht hier. Aber es gibt Dinge in der Geschichte der Erde, die terranische Höhlenwilde nicht wissen müssen. Ich breche mein Schweigen den beiden Herren gegenüber nur aus ganz bestimmten Gründen.“
Der Arzt wurde auch sehr ernst. Er nickte, sagte nichts mehr.
„Ich verstehe, Sir. Ich lasse Ihnen alles Gewünschte bringen. Falls Sie mich benötigen …“
„… rufen wir Sie“, ergänzte Atlan freundlich.
Der Mediziner grüßte und zog sich dann zurück.
Ich warf einen kurzen Blick auf den Medoroboter, der sich um Michael kümmerte. Die grundsätzliche medizinische Behandlung schien beendet zu sein, denn der Roboter wusch ihm gerade den Schweiß vom Körper.
Ich fragte mich, wie ähnlich König Artus meinem Sohn gewesen war oder umgekehrt. Atlan schien ganz bestimmte Parallelen zu ziehen.
„Wie lange noch, bis er aufwacht?“, frage ich den Roboter.
„Ich kann ihn jederzeit aufwecken. Er ist nicht mehr bewusstlos, sondern im künstlichen Schlaf. Es geht ihm gut, die Kreislauffunktionen sind wieder stabil, der Elektrolyt- und Mineralstoffhaushalt wird wieder aufgefüllt.“
Der Beutel mit der Infusionslösung war schon fast vollständig durchgelaufen. Ein zweiter lag schon bereit.
„Und du?“, fragte ich Atlan.
„Ja, lass uns vorher noch duschen“, bestätigte mein Freund, als ob er meine Gedanken gelesen hätte. „Je wohler wir uns gleich fühlen, desto besser könnt ihr die Erzählung ertragen.“
„Ertragen?“ Meine schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bestätigen.
„Gleich“, meinte Atlan. „Michael soll es auch hören. Denn um ihn geht es hauptsächlich dabei.“
„Aha“, versuchte ich zu scherzen. „Dann bin ich nur so eine Art Beiwerk.“
Atlan musterte mich nachdenklich. „Nein, kein Beiwerk. Du gehörst dazu. Es geht dich genauso an wie Michael. Vielleicht musst du als Vater ihm sogar erklären, warum ich vorhin so hart reagiert habe. Ich selbst kann es ihm nicht verständlich machen.“
Mir wurde immer unheimlicher und beklommener zumute.
Ich ließ Atlan zuerst unter die Dusche gehen. Er setzte sich auf den Duschhocker, der in allen Hygieneräumen von Krankenzimmern zur Standardausrüstung gehörte, erklärte missmutig, er werde wohl alt.
Danach stellte ich mich unter das angenehm warme Wasser und ließ mich anschließend von der Heißluft trocknen.
Als ich in das Zimmer zurückkam, hatte sich schon Einiges verändert. Michael lag in einem Krankenbett, die zweite Infusion lief inzwischen. Vor dem Bett hatten Roboter für Atlan und mich bequeme Sessel und einen kleinen Tisch aufgestellt.
Ein Servoroboter hielt sich bereit, um das Essen und Getränke zu servieren, die in seinem Hohlraum vorbereitet waren.
Insgesamt hatte man versucht, eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen. Der Arzt hatte also Wort gehalten.
Atlan saß schon in einem Sessel und leerte gerade ein großes Wasserglas. Flüssigkeitshaushalt wieder auffüllen – das Wichtigste nach solchen Aktionen, wichtiger als Essen.
„Können wir?“, frage er leise. „Ich muss anfangen.“
Ich nickte und gab dem Medoroboter die Anweisung, Michael aufzuwecken.
Da er nicht mehr ohnmächtig war, sondern in künstlichem Heilschlaf, wurde er nach der Injektion übergangslos wach.
Genau wie ich war es sofort wach und voll orientiert, auch so eine Familieneigenschaft.
Sein erster Blick und seine erste Frage galten Atlan – verständlich!
„Ich habe es also geschafft? Warst du zufrieden?“
Atlan lächelte so milde, wie ich es selten bei ihm gesehen hatte. Wieder versetzte es mir einen Stich, aber über das Thema hatten der Arkonide und ich uns schon vor vielen Jahren ausgesprochen, als Michael noch ein Kind war. Er fühlte wie ein Vater für meinen Sohn.
Inzwischen war ich froh darüber. Einen besseren Lehrmeister hätte mein Sohn nicht haben können – womit meine Gedanken wieder zu der bevorstehenden Erzählung gingen.
Ich reichte Michael ein Glas kühles Wasser. Er nahm es dankbar und trank vorsichtig in kleinen Schlucken.
Der Arzt brauchte wirklich keine Befürchtungen zu haben. Michael hatte seine Lektion diesbezüglich schon sehr lange gelernt und würde sich entsprechend vernünftig verhalten.
Der Roboter servierte frisches Brot, Braten, Butter, Käse und frische Bananen und Äpfel, alles dünn geschnitten und in kleinen Häppchen, genau richtig für Michael, der noch vorsichtig sein musste nach dem dreitägigen Fasten und der anschließenden Belastung.
Er grinste uns an, schon wieder jungenhaft, als ob nichts gewesen wäre. Typisch mein Sohn!
„Ich würde gerne aufstehen“, erklärte er. „Mir geht es schon wieder gut.“
„Und das glauben wir dir natürlich“, grollte Atlan. „Du bleibst liegen oder meinetwegen auch im Bett sitzen. Und nun lasst uns endlich anfangen. Läuft das Aufzeichnungsgerät?“´
„Schon vorbereitet.“ Ich wusste, dass der Arkonide grundsätzlich für sich selbst eine Aufzeichnung von seinen Berichten anfertigte.
Atlan lehnte sich bequem zurück und versuchte sich zu entspannen.
„Vorab möchte ich euch etwas erklären. Ihr habt es sicherlich schon vermutet, aber ich habe einen ganz bestimmten Grund, euch das Geheimnis von Avalon anzuvertrauen und auch gerade jetzt. Und ich habe einen genauso guten Grund, Excalibur wieder zu verschenken. Ich hoffe, zum letzten Mal!“
Wieder sah er meinen Sohn so unbarmherzig an.
Aber ein anderes Wort alarmierte mich viel mehr: Avalon!
Sollte es wahr sein, nicht nur eine Legende? Aber warum hatten dann alle modernen Ortungstechniken versagt?
Mein Freund lächelte mich an. „Nicht so neugierig, kleiner Barbar. Ich kann förmlich sehen, wie sich deine Gedanken überschlagen.“
Wieder musterte er Michael mit diesem Blick. Obwohl ich wirklich keinen Grund zum Frieren hatte, überzog mich wieder diese fürchterliche, gefühlte Kälte.
Atlans Blick schien schon in weite Fernen zu schweifen. Ich kannte das sehr gut von unzähligen Berichten.
„Vor dir, junger terranischer Höhlenwilder“, wandte er sich wieder an Michael, „habe ich nur ein einziges Mal in den gesamten zehntausend Jahren auf der Erde einen jungen Mann so intensiv ausgebildet, viele Emotionen und noch mehr Hoffnungen in diesen Mann investiert. – Und genau deshalb habe ich lange gezögert, bevor ich dich nicht nur genauso hart, sondern sogar noch härter ausgebildet habe.“
Noch einmal unterbrach er sich, dann fuhr er fort. „Es war damals eine schlimme Zeit. Nicht umsonst nannte man sie später die Dunklen Zeitalter Britanniens, nicht nur wegen der fehlenden schriftlichen Aufzeichnungen, für die ich übrigens nicht verantwortlich bin. Es gab wirklich keine, weil kaum noch jemand schreiben konnte auf dieser verfluchten Insel, nachdem die Römer abzogen.“
Er schauderte selbst zusammen, so heftig waren schon die Bilder, die vor seinem inneren Auge ablaufen musste. Altan hatte mir einmal erklärt, dass es bei seinen Erinnerungen das Gefühl hatte, eine Art Film zu sehen mit sich selbst als Hauptperson und alle Gefühle, von Freude und Hoffnung bis zu bitterster Enttäuschung, noch einmal durchlebte.
„Ich hatte schon viel Schlimmes auf der Erde gesehen und selbst erlebt, wenn meine geliebten Barbaren wieder einmal bei ihrer Lieblingsbeschäftigung waren, sich gegenseitig umzubringen, was ich ihnen trotz größter Bemühungen nie abgewöhnen konnte.“
Sein Blick verschleierte sich immer mehr. Traurigkeit und Enttäuschung sprachen aus seinen Augen.
„Ich ritt an der Seite von Alexander, den man später den Großen nannte, weil ich in ihm einen Hoffnungsträger sah. Ich wollte die Menschen einen, ein Weltreich errichten, um den Weg zu den Sternen voranzutreiben – ich scheiterte – auch er war mein Schüler und entglitt mir – im Rom Kaiser Neros erlebte ich den wohl größten Alptraum meines Lebens – und ich versuchte Attila zu stoppen, der seinen Namen als Geißel der Menschheit völlig zu Recht hatte. Ja, ich war einer der hunnischen Reiter aus seinem näheren Umfeld. Nur so konnte ich überhaupt an ihn herankommen. Und nein – diese Frage beantworte ich nicht, jedenfalls nicht jetzt.“
Inzwischen hatte er sich von dem Servoroboter Rotwein geben lassen, sein Lieblingsgetränk. Dank des Zellaktivators konnte er davon nicht betrunken werden und genoss ihn entsprechend.
„Und dann, einige Jahrzehnte, nachdem die Menschen und auch ich uns gerade von Attila erholt hatten, entdeckte ich in Britannien einen Jungen, auf den ich wieder größte Hoffnungen setzte. Dieser war noch viel jünger als Alexander – und ich versuchte es noch einmal.“
„Warst du“, nutzte ich eine kurze Pause, in der er wieder einen Schluck Wein nahm, „sein Berater, der geheimnisvolle Merlin, der Mann mit dem langen, weißen Haar?“
Atlan blickte mich sinnend an. Mich? Er schien durch mich hindurchzusehen.
Michael hörte gebannt zu. Ein Stück von dem lecker belegten Brot hielt er in der Hand, ohne davon abzubeißen, so gebannt war er schon jetzt.
„Nein“, sagte Atlan ganz langsam, und ich war schon enttäuscht, weil meine Vermutung nicht richtig war, „ich war nicht Merlin, der Berater des Königs, ich war der Merlin von Britannien! Das ist ein großer Unterschied!“
Er holte Luft und fuhr fort: „Der Merlin von Britannien, der zusammen mit der letzten Herrin vom See, der Hohepriesterin, versuchte, zu retten, was noch zu retten war. Und wieder einmal nicht einsehen wollte, dass es eigentlich gar nichts mehr zu retten gab.
Und – es war schlimmer als Alexander, Rom oder Attila.
Es begann schon hundert Jahre vorher, an dem Tag, an dem die letzte römische Galeere den Hafen verließ und zum Kontinent zurückkehrte, Artus noch nicht geboren war und ich auch noch nichts von Attila wusste …“

*

Der Alarm schreckte die drei Männer mitten in der von Atlan begonnenen Erzählung auf.
Wieder einmal forderten Ereignisse von höchster Brisanz die Anwesenheit des Großadministrators.
Atlans fotografisches Gedächtnis ließ es nicht zu, seine begonnene Erzählung zu unterbrechen. Er musste es einfach hinter sich bringen.
Michael Rhodan, der noch geschwächt von seiner Prüfung war, blieb bei ihm.
Nur Perry Rhodan musste – wieder einmal – seine Pflichten vor seine Gefühle als Vater stellen.
Ob er und wir Leser die Bandaufzeichnung von Atlans Bericht jemals hören werden?



Das Copyright für die PERRY RHODAN-Serie liegt
beim Pabel-Moewig Verlag, Rastatt.

Mit freundlicher Genehmigung.



Keine Kommentare: