Ein ganz besonderer Moment



20. April 2437, Bordklinik Flottenflaggschiff CREST V,
Standort Kleine Magellansche Wolke

„Ich möchte gerne persönlich mit Monsieur Danton sprechen, Dr. Arthur.“
Perry Rhodan stand vor dem kahlköpfigen Chefarzt seines Flaggschiffs. Das Gesicht war maskenhaft starr, kein Muskel bewegte sich in ihm, die stahlgrauen Augen glichen Eiskristallen.
So sah der Großadministrator des Solaren Imperiums immer aus, wenn er sich eisern beherrschte. Seine Freunde, die ihn lange genug kannten, wussten, dass in diesen Augenblicken ein innerer Aufruhr in ihm brodelte, den er unter allen Umständen vor anderen verstecken wollte.
Perry Rhodan dachte an das, was vor einigen Tagen geschehen war. Nachdem sie in die Kleine Magellansche Wolke eingedrungen waren, hatten sie die letzten Überlebenden der FRANCIS DRAKE gefunden. Unter ihnen seinen Sohn Michael, der seine Tarnung als Roi Danton trotz eines sehr gefühlvollen Augenblicks hatte aufrecht erhalten können, obwohl sie sich in aller Öffentlichkeit geduzt hatten.
Die Männer wurden von Symboflexpartnern beherrscht und sollten von der Ersten Schwingungsmacht gegen das Imperium eingesetzt werden. Nur eine Handvoll Männer, die ihr Blut gegen den symbiotischen Extrakt einer Fettpflanze ausgetauscht hatten, waren immun gewesen, unter ihnen Michael.
Bis Perry bereit gewesen war, das zu glauben, hatte er vor der Entscheidung gestanden, die Männer zusammen mit seinem Sohn zu töten, um die ungeheure Gefahr vom Imperium abzuwenden.
Dieser Augenblick hatte sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingegraben.
Michael war gerettet worden – vorerst. Doch nun stand ihm nach allem, was er schon durchgemacht hatte, eine höchst gefährliche Operation bevor. Er und sein Leibwächter Oro Masut sollten von ihren Peinigern, den Symboflexpartnern, befreit werden. Da die ihre Nervenfäden tief in das Rückenmark der Betroffenen senkten, war der Ausgang ungewiss. Auch wenn die Operation an sich gelang, hieß das noch lange nicht, dass Roi und Oro danach wieder gesund wurden.
Dr. Arthur hatte in seinem letzten wissenschaftlichen Vortrag anlässlich der Offiziersbesprechung keinen Hehl daraus gemacht. Sowohl Roi als auch Oro hatten ihn von seiner Schweigepflicht entbunden.
Für beide Männer bestand genauso die Gefahr, auf dem Operationstisch zu sterben wie auch, ihr weiteres Leben als Behinderte mit irreparablen Schäden verbringen zu müssen, trotz der Möglichkeiten der terranischen Medizin und der der Aras.
Perry konnte sich sehr gut vorstellen, was das gerade für Michael bedeuten würde, der immer aktiv an vorderster Front gekämpft hatte.
Besonders beunruhigte ihn, dass Doc Arthur für Roi im Gegensatz zu dem umweltangepassten Ertruser eine viel größere Gefahr prognostizierte.
Und das Schlimmste war etwas ganz Anderes: er, der Vater, hatte es wieder einmal nicht geschafft, den Sohn während der äußerst unangenehmen Vorbereitungsuntersuchungen in der Bordklinik zu besuchen!
Michael hatte direkt nach seiner Rettung in der Zentrale der CREST V einen ausführlichen Bericht im Beisein aller führenden Offiziere gegeben und danach waren er und Oro in die Klinik eingeliefert worden.
Seitdem hatte er ihn nicht mehr gesehen! Noch nicht einmal Zeit gehabt, über den Interkom mit ihm zu sprechen! Die Lage hatte es nicht erlaubt! Er war der Flottenbefehlshaber und musste sich um seine Aufgaben kümmern!
Die Vorhaltungen seines Freundes Atlan hatte er über sich ergehen lassen. Der Arkonide und der Mausbiber Gucky hatten im Gegensatz zu ihm die Zeit gefunden, Michael zu besuchen und sich mit ihm zu unterhalten.
Von Atlan wusste Perry genau, wie schlecht es Michael ging, weniger körperlich als psychisch.
Das machte es für ihn als Vater noch viel schlimmer, als es ohnehin schon war. Er machte sich Vorwürfe! Wieder einmal war er nicht so für seinen Sohn da, wie er es wünschte.
Noch etwas kam dazu: Er fragte sich sogar, ob er nicht „ganz froh“ darüber war, dass er keine Zeit hatte. Denn er wusste nicht, wie er sich Michael gegenüber verhalten sollte, wie er ihm sein Mitgefühl ausdrücken sollte, ohne ihn zu verletzen. Der Sohn war in diesen Dingen äußerst empfindlich, da er nicht „verhätschelt“ werden wollte.
Atlans Worte dröhnten ihm noch in den Ohren: „Wenn Michael wieder gesund wird, wofür ich alle Sternengötter um Beistand bitte, dann musst du ihn auf einen Hochrisikoeinsatz schicken, Freund. Egal, Sonst wird sich zwischen euch ein unüberbrückbarer Spalt auftun.“
Perry hatte versucht, abzuwehren. „Und wenn es keinen derartigen Einsatz auf diesem Unternehmen gibt?“
Die Augen von Atlan sagten alles: „Das glaubst du doch wohl selbst nicht, oder?“
Perry Rhodan schüttelte sich leicht. Da hatte er doch tatsächlich vor seinem Chefarzt gestanden und geträumt! Hoffentlich war es Doc Arthur nicht aufgefallen!
Der Chefarzt räusperte sich und meinte abwehrend: „Sir, bei allem Respekt. Aber Monsieur Danton hat gerade die Vorbereitungsmedikamente für die Operation bekommen. Er dürfte kaum noch in der Lage sein, sich mit Ihnen zu unterhalten. Warum kommen Sie erst jetzt im letzten Moment?“
Perry glaubte, einen versteckten Vorwurf aus den Worten des Arztes herauszuhören – einen Vorwurf, den er sich selbst machte!
Dann – plötzlich – entspannte sich das Gesicht seines Chefarztes. Doc Arthur lächelte! Perry durchfuhr ein eiskalter Schauer, er fühlte seine panische Angst, schluckte hart, versuchte sie zu unterdrücken!
Er gehörte zu denjenigen, die den Chefarzt sehr gut kannten. Doc Arthur war als ausgemachter Grobian bekannt. Nur sehr wenige wussten, wie einfühlsam er war. Aber diese wenigen konnten in der Regel nichts mehr darüber berichten, weil sie tot waren! Der Arzt zeigte diese Seite seines Wesens nur Patienten, die nicht mehr zu retten waren.
„Sir“, sagte Doc Arthur ganz leise. „Gehen Sie zu Ihrem Sohn. Vielleicht spürt er trotz der Medikamente noch, dass Sie bei ihm sind. Das wird ihm helfen, auch mit seiner Angst fertigzuwerden.“
Perry schnappte nach Luft!
Das gibt es nicht! Unmöglich! Er kann Mike nicht erkannt haben! Und Mike wird sein Inkognito nicht gelüftet haben – oder doch?
Der Chefarzt schüttelte leicht den Kopf. „Sir, ich bin nicht blind. Den Verdacht hatte ich schon länger. Als ich es Michael auf den Kopf zusagte, stritt er es nicht einmal ab.“
Mike muss es wirklich sehr schlecht gehen, sonst hätte er bis zuletzt versucht, den Verdacht abzuwehren!
„Dann muss ich wohl akzeptieren, dass es noch einen weiteren Eingeweihten gibt.“
„Offiziell weiß ich von gar nichts, Sir. Denn ich habe Schweigepflicht, wie Sie wissen.“
Perry war erleichtert. „Natürlich, Doc. Wie konnte ich das nur vergessen.“
Der Arzt winkte ab. „Kein Wunder bei der psychischen Belastung, unter der auch Sie stehen, Sir.“
Doc Arthur drehte sich um und ging Perry voraus zu einem Schott. Er drückte auf den Kopf und es öffnete sich zischend.
Perry wollte noch etwas zu dem Arzt sagen, aber der hatte sich schon umgedreht und ihn einfach stehen gelassen.
Perry betrat das Krankenzimmer und erhielt den nächsten Schock.
Michael lag mit halb geschlossenen Augen im Bett und an diesem Bett saßen … Atlan und Gucky!
In Atlans rotgoldenen Arkonidenaugen las Perry Zufriedenheit, während Gucky ihn böse anblickte. Der Nagezahn war nicht zu sehen.
„Das wurde auch Zeit“, schimpfte der Mausbiber. „Wenn du jetzt nicht gekommen wärst, hätte ich dir die Freundschaft aufgekündigt.“
Perry erkannte, wie böse sein kleiner Freund war. Kein Wunder, er war einer der besten Freunde Michaels aus dessen Jugendzeit. Der Vater ging davon aus, dass er noch längst nicht alles wusste, was der kleine Mausbiber von Michaels Streichen vor ihm verheimlicht hatte.
Er trat an das Bett heran und sah auf seinen Sohn. Obwohl er schon unter der Einwirkung der betäubenden Medikamente stand, war Michaels Gesicht immer noch hart und verriet jedem aufmerksamen Betrachter das Leid, das er gerade hinter sich hatte.
Perry setzte sich auf die Bettkante und ergriff die linke Hand des Sohnes.
Obwohl niemand damit rechnete, hoben sich die Lider des jungen Mannes. Deutlich war zu sehen, wie er sich gegen die einschläfernde Wirkung der Medikamente wehrte.
Ein überraschter Ausdruck tauchte in den nachtblauen Augen Michaels auf, dann hatte er den Vater erkannt.
„Dad“, flüsterte er mühsam mit rauer Stimme. „Du hast doch noch Zeit gefunden?“
Perry spannte alle Muskeln an. Er schämte sich unsäglich. Auch damit, dass er doch „nur“ seine Pflicht für die Menschheit erfüllte und deshalb in den letzten Tagen keine Zeit für den Sohn hatte, konnte er sein Versäumnis nicht vor sich selbst rechtfertigen.
„Ja, Mike.“ Seine Stimme war genauso brüchig wie die des Sohnes. Er freute sich schon darüber, dass Mike ihm nicht seine Hand entzog.
„Ich wünsche dir alles Gute und ich drücke die Daumen“, sagte Perry langsam und sehr betont.
Michael bekam ein Lächeln und ein leichtes Kopfnicken zustande.
Perry hätte am liebsten weggeschaut. Der Anblick des Sohnes in dem Operationshemd, das im Prinzip genauso aussah wie die Ausführungen zu seiner eigenen Jugendzeit, machte ihm zu schaffen. Dazu kam, dass er Krankenhäuser nicht vertrug, schon seit seiner eigenen Kindheit war das so.
Er spürte, wie ihm immer schlechter wurde. Allein der Geruch setzte ihm schon zu. Wenn das noch länger so weiterging, konnte er damit rechnen, dass sein Magen rebellierte und er spucken musste, trotz Zellaktivator. Es war kein körperliches, sondern ein rein psychisches Problem.
Ehe es so weit kam, betrat eine Krankenschwester das Zimmer. An ihrer Seite schwebte ein Medoroboter.
„Es geht los, Monsieur Danton“, erklärte sie resolut.
Perry musterte sie kurz. Im späten 20. Jahrhundert hätte sie zur Sorte „Drachen“ gehört. Etwas älter und sehr autoritär. Er wusste, dass diese Art Krankenschwester zu den besten ihres Berufs gehörten und ihr Mitgefühl hinter der resoluten Maske versteckten.
Michael bekam die Augen noch einmal ganz auf und Perry glaubte, in den unendlichen nachtblauen Tiefen zu versinken.
„Danke, Dad“, sagte der Sohn klar. „Schlimmer als bei meiner Mentalstabilisierung kann es nicht werden. Und das habe ich auch überstanden vor Jahren.“
Damals war ich nicht dabei, dachte Perry traurig. Ich wusste es noch nicht einmal. Was ist nun besser?
Die Schwester ließ ihm keine Zeit mehr für eine Antwort. Der Medorobot hob das Bett mit dem Patienten auf seinem Antigravpolster an und schwebte aus dem Zimmer.
Perry, Atlan und Gucky blieben zurück.

*

Die Operation dauerte fast sieben Stunden. Dr. Arthur, der sie mit einem Team aus weiteren fünf Ärzten und drei Medorobotern durchführte, kam danach völlig erschöpft aus dem Operationssaal.
Über Interkom informierte er Perry Rhodan, der sich schon wieder in der Zentrale befand, dass „Monsieur Danton“ die Operation erstaunlich gut überstanden habe und er im Tiefschlaf lag, damit er die nötige Ruhe bekam.
Perry war erleichtert. Als er sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte, war Gucky an seiner Seite.
Der Kleine stieß seine Mausenase an seine Wange und flüsterte: „Mike wird das schaffen, ich weiß es.“
„Hoffentlich, Kleiner. Ich habe solche Angst.“
„Ich auch.“
„Könnten wir jetzt weitermachen?“, erinnerte Atlan mit harter Stimme.
Perry wollte aufbrausen, aber dann sah er die Besorgnis in den Augen des Freundes. Da nickte er zustimmend.
Es brachte nichts, sich jetzt zu zermürben. Michael war von dem Symboflexpartner befreit und nun mussten sie abwarten, wie er mit den Folgen fertig wurde. Die Ärzte hatten alles getan, was möglich war.

*

Drei Wochen später in der Zentrale

Perry schreckte auf, als der Interkom sich meldete und er das Anrufzeichen der Bordklinik erkannte.
Seit drei Wochen lag sein Sohn nun schon im Tiefschlaf und war noch nicht wieder zu sich gekommen.
Gestern endlich war der Ertruser Oro Masut wieder wach geworden. Deshalb hoffte Perry, dass es bei Michael nicht mehr lange dauern konnte. Er kannte die Widerstandsfähigkeit des jungen Mannes. Sie stand seiner eigenen in nichts nach.
Doc Arthur strahlte über das ganze Gesicht.
„Sir. Monsieur Danton ist gerade wach geworden. Wenn Sie möchten, dürfen Sie zu ihm.“
Mehr nicht. Aber diese wenigen Worte drückten alles aus, was Perry Rhodan in diesem Moment empfand.
„Danke, Doc. Ich komme sofort.“
„Worum ich bitten möchte“, ergänzte Atlan. „Ich komme später nach. Der erste Besuch ist deine Sache.“
„Ich bringe dich bis vor die Tür“, meinte Gucky und ergriff seine Hand.
Perry fühlte die Umgebung um sich herum verschwimmen, als er mit dem Mausbiber teleportierte.

***

Das Copyright für die PERRY RHODAN-Serie liegt
beim Pabel-Moewig Verlag, Rastatt.
Mit freundlicher Genehmigung.

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