Der Wert echter Freundschaft



Februar 2428
Regierungs-Tower, Terrania-City,
Büro des Großadministrators

„Mordverdacht?“, wiederholte Perry Rhodan fassungslos. „Mit Verlaub, Herr Oberstaatsanwalt, sind Sie betrunken?“
Norman Rider, Oberstaatsanwalt von Terrania-City, ein schon ergrauter, seriös wirkender Herr, der fast lebensgroß hinter seinem Schreibtisch auf dem Bildschirm zu sehen war, schüttelte den Kopf.
„Ich wünschte, ich wäre es, Sir. Dann bräuchte ich mich nämlich nicht mit diesem Fall zu befassen.“ Er machte eine kurze Pause. „Sir, ich bin ebenfalls Vater, deshalb ... Darf ich Ihnen versichern, dass ich persönlich nicht glaube, dass Ihr Sohn einen Mord begangen haben soll – aber die Indizien sind im Moment erdrückend.“
Perry hatte das Gefühl, in ein unendlich tiefes Loch zu fallen. Michael, sein Sohn, unter Mordverdacht verhaftet.
Das kann doch nicht sein, das ist unmöglich, hämmerten seine Gedanken.
Rider fuhr fort: „So sehr mir mein Gefühl auch sagt, dass hier etwas nicht stimmt, so muss ich mich trotzdem an meine Vorschriften halten, Sir.“
„Das erwarte ich auch von Ihnen, Mr. Rider. Alles andere lehne ich ab. Behandeln Sie meinen Sohn genauso wie jeden anderen Verdächtigen. Haben Sie schon Anklage erhoben?“
„Nein, Sir. Dazu bleiben mir noch ...“, er blickte auf seine Uhr, „genau vier Stunden und 15 Minuten. Länger kann ich Ihren Sohn und die anderen Verhafteten nicht in Gewahrsam behalten, sondern muss sie entweder freilassen oder Anklage erheben.“
„Ich weiß“, sagte Perry tonlos. Er, der sonst als Sofortumschalter gerühmt wurde, war wie betäubt, sah die ganze Welt wie durch dicke Watte.
„Ich komme persönlich zu Ihnen, Mr. Rider. Sie können mir dort berichten.“
Der Staatsanwalt nickte zögernd.
„Was ist noch?“
„Sir, leider hat die Presse davon Wind bekommen. Im Moment können sowohl die Polizei als auch ich uns nicht erklären, wieso, aber vor einigen Minuten erhielten wir eine Interviewanfrage vom größten terranischen Nachrichtensender. Deshalb muss ich Ihnen empfehlen, nicht persönlich zu intervenieren. Die Tatsache an sich ist schon schlimm genug, aber wenn Sie zugunsten Ihres Sohnes eingreifen, was ich voll verstehen könnte ...“
Perry unterbrach ihn brüsk. „Da Sie selbst auch Vater sind, natürlich.“
Er merkte sofort, dass er dem Mann unrecht tat. Der Staatsanwalt tat nur seine Pflicht – und sogar noch mehr. Er warnte ihn aus ehrlicher Überzeugung. Natürlich würden seine politischen Gegner die Sache ausschlachten – und sie würden Kenntnis davon erlangen, wenn schon die Presse etwas gewittert hatte!
„Wozu hast du deine Freunde?“, piepste es hinter ihm. Er fuhr bei dem Luftzug herum. Der Mausbiber Gucky war direkt hinter ihm per Teleportation aufgetaucht.
Er winkte Norman Rider auf dem Bildschirm zu. „Ich bringe den Chef zu dir, Norman. Du bist in Ordnung, Perry meinte es nicht so. Aber wir haben keine Minute zu verschenken.“
Rider atmete sichtbar auf. „Bis gleich, Sir.“ Er unterbrach die Verbindung.
Gucky schüttelte sinnend den Kopf. „Der Staatsanwalt ist okay. Er glaubt an eine getürkte Geschichte, gerade weil die Beweise gegen Mike so erdrückend sind – und weil er dein Sohn ist. Der Sohn des Großadministrators ein Mörder – das passt absolut nicht in seine Vorstellungswelt.“
„In meine auch nicht“, konterte Perry. „Offensichtlich braucht Mike jetzt dringend Hilfe. Aber ob er sie annehmen wird?“
Traurig dachte er an die zahlreichen Auseinandersetzungen und Missverständnisse mit seinem Sohn. Schon lange hatte er erkannt, dass er in der Vaterrolle große Defizite hatte. Wahrscheinlich wollte er das, was er selbst in seiner Jugend entbehrt hatte, seinen Kindern nun überreichlich geben – und besonders Michael, der seinen eigenen Weg gehen wollte, engte er damit ein, ohne es zu wollen. Im Gegenteil war er sehr stolz auf seinen Sohn, der sich zu einem jungen Mann mit einer Weltanschauung entwickelt hatte, die der seinen fast identisch war. Nur die Methoden, mit denen man sie erreichen konnte oder sollte – da ging Michael mehr den harten Weg seines Freundes Atlan.
Guckys Antwort riss ihn aus den Gedanken. „Er wird sie annehmen müssen. Es bleibt ihm gar keine andere Wahl. Genau wie du die Hilfe deiner Freunde annehmen wirst, ohne darüber zu diskutieren. Das ist eine Sache für den Dicken, den Arkonidenhäuptling und für mich – du wirst dich völlig raushalten.“
Bei diesen Worten hatte er schon seine Hand gepackt und die Umgebung verschwamm vor Perrys Augen.
Übergangslos, als er wieder etwas sehen konnte, standen sie im Dienstzimmer des Oberstaatsanwaltes.
Da er sie per Teleportation erwartet hatte, erschrak er nicht, sondern atmete erleichtert auf.
„Ich hole die beiden. Keine Sorge, ich höre mit“, sagte Gucky nur und verschwand schon wieder.
Perry wusste, dass sein kleiner Freund ihn telepathisch überwachte und sich so informierte.
Rider deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. Perry setzte sich wie erschlagen.
Also sitze ich auch einmal als „Bittsteller“ vor dem Schreibtisch eines zuständigen Beamten.
Dankbar nahm er das Glas Wasser, dass ihm der Servoroboter auf Riders Wink reichte.
Das Schott öffnete sich und einer der üblichen Sekretärroboter kam herein.
„Sir, der Reporter der Solar News bittet dringend um eine Stellungnahme von Ihnen. Der Sender möchte gerne live berichten.“
„Schicke den windigen Herren weg“, explodierte Rider. „Er bekommt kein Interview, weder live oder sonstwie. Am besten verschwindet er mitsamt seinem Übertragungsteam und lässt uns in Ruhe unsere Arbeit machen. Und wenn wir tausendmal Michael Rhodan festnehmen mussten, auch die Familie des Großadministrators hat ein Recht auf ihre Privatsphäre. Du kannst ihm mitteilen, dass bisher noch keine Anklage erhoben worden ist, weil dafür kein Grund vorliegt.“
Der Roboter verschwand und Perry sagte ganz leise: „Danke, Mr. Rider. Ich weiß, wie weit Sie sich mit dieser Mitteilung aus dem Fenster lehnen.“
Der Staatsanwalt überlegte einen Moment, dann lächelte er. „Eine Redensart aus Ihrer Jugend, Sir?“
Perry nickte, dann verhärtete sich sein Gesicht. Die Muskeln in seinem Körper verkrampften sich, ganz deutlich spürte er es. „Bitte berichten Sie.“
Norman Rider machte es kurz. „Gestern Nacht um 0.11 Uhr Terrania-Standard, wurde die Polizei wegen einer Schlägerei in die „Sunlight-Bar“ gerufen. Möbel zertrümmert, einige Verletzte, ein Toter – der Inhaber der Bar. Einige Zeugen sagten aus, es wäre plötzlich losgegangen, einige Männer hätten sich gestritten und dann ging die Schlägerei auch schon los. Wer den Inhaber erstochen hat, können sie nicht sagen. Es war alles zu unübersichtlich. Ihr Sohn wurde mit dem Messer in der Hand und dem Blut des Opfers an seiner Kleidung gefunden, in völlig orientierungslosem Zustand. Andere Zeugen sagen aus, dass Mr. Rhodan den Streit begann und die Anderen mit hineingezogen wurden.
Außer Ihrem Sohn haben wir alle Zeugen schon in den Verhör-Detektor gesteckt. Einwandfreies Ergebnis, passt genau zu ihren Aussagen.
Ihr Sohn selbst versicherte, dass er sich an nichts mehr erinnern kann. Er wäre mit einem Mädchen, mit dem er auch einige Nächte vorher verbracht habe, in die Bar gegangen, um noch etwas zu trinken. Dann setzt seine Erinnerung plötzlich aus.
Das Mädchen ist übrigens eine der Belastungszeuginnen. Sie behauptet, ihn erst in der Bar kennengelernt zu haben.“
Perry stieß die Luft heftig aus. „Und warum haben Sie Michael noch nicht in den Detektor gesteckt? Soweit ich weiß, ist das Verfahren völlig schmerz- und risikolos.“
Der Staatsanwalt verzog säuerlich das Gesicht. „Ja, sofern der Betroffene nicht eine Menge an Drogen im Blut hat. Ihr Sohn war derart vollgepumpt mit allem möglichen Dreckzeug, dass er wirklich einen Blackout hat. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung sind eindeutig. Wenn man einen Menschen mit diesem Giftzeugs im Leib in den Detektor steckt, könnte es für ihn ... nun ... etwas unangenehm werden.“
„Dann wird er das eben in Kauf nehmen müssen“, erklang die kalte Stimme von Atlan neben ihnen. „Schließlich ist er kein kleiner Junge mehr, sondern USO-Offizier und mein Hertaso. – Und ich schätze es überhaupt nicht, mich für meine Schüler schämen zu müssen.“ Zusammen mit Reginald Bull, Perry Rhodans ältestem Freund und Gucky erschien er gerade aus der Leuchterscheinung der Teleportation.
Perry fühlte Erleichterung in sich aufsteigen. Atlan! Sein Freund – und der Lehrmeister seines Sohnes! Der Hinweis auf den „Hertaso“ war eindeutig. Gemäß der alten arkonidischen Tradition des Dagor stand der Meister für seinen Schüler ein von dem Moment an, wo er ihn als Schüler angenommen hatte. Der Arkonide liebte Michael wie einen eigenen Sohn, das wusste er – und trotzdem tolerierte er es – eben weil er ihm nicht der Vater sein konnte, der er so gerne wäre.
Verdammt, wenn Michael mich doch verstehen könnte!
Perry wollte aufstehen, aber Bully drückte ihn mit festem Griff in seinen Sessel zurück.
„Du bleibst hier sitzen, Alter. Wir sind von Gucky informiert. Schön, wenn man einen neugierigen Telepathen als Freund hat.“
Sein Grinsen verunglückte zu einer Grimasse.
„Genau“, fuhr Atlan ungerührt fort. „Bitte überlasse uns die Sache. Ich weiß, was du am liebsten tun würdest – und ich würde es an deiner Stelle genauso tun. Aber das hier ist eine Sache für deine Freunde. Wir wollen ja nicht, dass unsere politischen Gegner behaupten, du hättest zugunsten deines Sohnes deine Vollmachten missbraucht, oder? Hast du schon einmal daran gedacht, dass in einem halben Jahr die Wahlen zum Großadministrator anstehen?“
Der Staatsanwalt wurde leichenblass. „Sehen Sie einen Zusammenhang, Sir?“
„Und ob“, knurrte Atlan böse.
Perry fühlte sich, als ob er keine Luft mehr holen könnte. Plötzlich musste er wieder an seine Jugendzeit denken – zum zweiten Mal in kurzer Zeit!
Daran, dass auch er selbst als junger Mann das Ziel von ungerechtfertigten Verdächtigungen und sogar von feindlichen Agenten gewesen war.
Soll Mike das Gleiche durchmachen wie ich?, fragte er sich verzweifelt.
Atlan blickte genau wie der Staatsanwalt kurz vorher auf seine Uhr, die ein Teil seines Multifunktionsarmbandes war.
„Gucky?“, fragte er nur.
„Mike weiß tatsächlich nicht, was los war. Er sitzt in seiner Zelle und ist am Boden zerstört. Dass er einen Menschen umgebracht haben soll, ist für ihn der Tiefschlag!
„Aber Sir“, protestierte Rider. „Sie wissen doch ...“
„Ich weiß, Herr Oberstaatsanwalt“, Atlan verzog das Gesicht, „dass Mutantenverhöre nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zulässig sind auf offiziellen Antrag. Dazu müssen vorher alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft worden sein. - Keine Sorge, wir bieten denjenigen, die hinter dieser Schweinerei stecken, keine Handhabe. Wir gehen streng nach Vorschrift vor. Außerdem fällt das nicht mehr in Ihre Verantwortung. - Michael Rhodan ist USO-Leutnant der Reserve. Als solcher studiert er an der Universität von Terrania-City. Ich habe mir erlaubt, ihn mit Wirkung von gestern 8.00 Uhr als meinen persönlichen Adjutanten wieder in den aktiven Dienst zu reaktivieren. Damit untersteht er direkt meiner Befehlsgewalt und die USO macht hiermit von ihrem Recht Gebrauch, sich zuständigkeitshalber in die laufenden Ermittlungen einzuschalten.“
Dem Oberstaatsanwalt war seine Erleichterung deutlich anzusehen
„Ihre Anweisungen, Sir?“
„Ist dieser Reporter noch da?“
„Wahrscheinlich“, vermutete Rider und rief seinen Sekretärroboter herein. Der bestätigte ihm, dass der Reporter sich nicht hatte abwimmeln lassen.
„Sage ihm, er möge sich noch ein wenig gedulden“, wies Atlan den Roboter an. „Er wird in kurzer Zeit sein Interview bekommen – und zwar mit mir.“
Der Roboter drehte sich kommentarlos um und Perry dachte daran, wie viel angenehmer in einer solchen Situation eine „altbackene“ menschliche Chefsekretärin doch war. Er wunderte sich selbst über diese kurze Abschweifung.
Du WILLST dich den Tatsachen nicht stellen! Du nimmst jede Gelegenheit wahr, um auszuweichen!
„Gut“, meinte Atlan emotionslos. „Ich werde euch jetzt einmal zeigen, wie ein alter Arkonidenadmiral die Sache löst. Denn dass Michael unschuldig ist und man versucht, ihn in etwas zu verwickeln, das letztendlich dazu dienen soll, den Herrn Großadministrator zu Fall zu bringen, dürfte klar sein. Oder ist einer der Herren anderer Meinung?“
Er wartete die Antwort gar nicht, sondern fuhr fort. „Also schön. Das hatte ich auch nicht anders erwartet. - Herr Oberstaatsanwalt, fordern Sie einen Medoroboter an und stecken Sie Michael Rhodan in den Detektor – und zwar schnell, wenn ich bitten darf. Ich denke, Terraner sind so aktiv, also bewegen Sie sich gefälligst.“
Perry war nur noch übel und schwindlig. Er begehrte nicht gegen Atlans Aktivität auf. Im Gegenteil – er war froh, dass sein arkonidischer Freund die Initiative ergriffen hatte.
Wie von ganz weit her hörte er die Worte des Arkoniden.
„Es tut mir leid, Perry, aber es muss sein.“
Perry antwortete fast automatisch. „Ich weiß. Aber ich komme mit.“
„Alter“, mischte Bully sich ein. „Lass es sein.“
Perry schüttelte den Kopf. Er wollte bei seinem Sohn sein, es mit ihm teilen. So eng verbunden wie jetzt hatte er sich mit seinem Sohn ganz selten gefühlt.

*

In dem kargen Verhörraum saß Michael Reginald Rhodan schon auf dem Spezialstuhl, war aber noch nicht festgeschnallt. An seiner Seite standen zwei Polizisten, denen die ganze Angelegenheit offensichtlich sehr unangenehm war. Sie wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten, traten von einem Bein auf das andere, ihre Hände fummelten unruhig an ihren Uniformen herum.
Als ihr oberster Vorgesetzter zusammen mit Perry Rhodan, Altan, Reginald Bull und Gucky den Raum betrat, nahmen sie sofort Haltung an.
„Lordadmiral Atlan hat sich in die Ermittlungen eingeschaltet, da Mr. Rhodan wieder in den aktiven Dienst übernommen wurde. Von daher ist er mir in diesem Fall übergeordnet“, erklärte Rider.
„Danke“, sagte Atlan nur und wandte sich direkt an Michael.
Perry musterte seinen Sohn mitleidig. Der junge Mann, gerade 22 Jahre alt, schlank, genauso hochgewachsen wie er, halblanges rotblondes Haar, das ihm im Moment wirr und schweißverklebt ins Gesicht hing, mit leichenblassem Gesicht, unendlich tiefen nachtblauen Augen, in denen der Vater nur abgrundtiefes Nichtverstehen und Verzweiflung las – und die Hände vor dem Oberkörper gefesselt mit deutlich sichtbaren Energiebändern.
„Dad“, brachte er mühsam hervor. „Ich habe damit nichts zu tun. Bitte ...“
Atlan unterbrach ihn mit einer brüsken Handbewegung.
„Leutnant Rhodan, wieso haben Sie sich nicht nach ihrem Reaktivierungsbefehl direkt in Imperium-Alpha gemeldet? Sie wissen, dass das eine Disziplinarstrafe nach sich ziehen wird?“
Michael schaltete sofort, obwohl er sich hundeelend fühlen müsste! Perry sah es mit Stolz.
Er scheint genau wie ich ein Sofortumschalter zu sein.
Er stand auf und nahm Haltung an. Durch die gefesselten Hände konnte er nicht salutieren.
„Ja, Sir. Dessen bin ich mir bewusst. Ich werde mich der von Ihnen angeordneten Strafe unterziehen.“
Atlan nickte. Ein flüchtiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Das kommt später, Leutnant Rhodan. - Jetzt geht es um die letzte Nacht. Bitte schildern Sie kurz die Geschehnisse aus Ihrer Sicht.“
Kurz und knapp berichtete Michael. Es war wirklich nicht viel.
„Auf Bitten von Miss Jane Augstin habe ich mit ihr zusammen die Bar besucht. In der Bar war ich noch nie zuvor gewesen, aber ich sah trotzdem keinen Grund, ihr den Wunsch abzuschlagen.“
 „Wie lange kennen Sie Miss Augstin schon?“, fragte Atlan nach.
„Seit knapp zwei Wochen, Sir. Miss Augstin und ich haben schon einige Abende und Nächte zusammen verbracht.“
„Und gestern wollte sie zum ersten Mal genau in diese Bar?“, hakte Atlan nach.
„Ja.“ Michael hob unsicher die Schultern. „Den Grund dafür hat sie mir nicht gesagt. Wir haben in einer Nische gesessen, uns unterhalten und etwas getrunken, wollten danach wieder zu mir in meine Wohnung – und den Rest der Nacht wieder zusammen verbringen. Danach ...“
„Was tranken Sie?“, fragte Atlan.
„Fruchtsaft.“
„Keinen Alkohol?“
„Nein, Sir. Ich trinke keinen Alkohol.“
„Das weiß ich.“ Atlan lächelte leicht. Perry sah den warmen Ausdruck seiner rotgoldenen Augen.
Michael holte tief Luft und fuhr sichtlich mitgenommen fort: „Danach weiß ich gar nichts mehr. Es ist alles weg, ich kann mich an nichts erinnern. Das Letzte war das Gespräch mit Miss Augstin, dann bin ich weggetreten. Als ich wieder aufwachte, war ich schon auf der Polizeiwache mit gefesselten Händen. Man hielt mir vor, ich hätte einen Menschen getötet!“
Er verstummte, presste die Lippen fest aufeinander. Perry bemerkte, wie er sich zusammenriss. Schon seit einigen Jahren zeigte Michael seine Empfindungen kaum noch, er verbarg sie hinter einer Art persönlichem Schutzschirm. Kaum jemand kam an ihn heran, wenn er es nicht wollte. Und er als Vater ...
Er mochte den Gedanken nicht weiterdenken!
„Danke für Ihre Aussage,  Mr. Rhodan.“ Atlan verhielt sich streng förmlich. Genau nach Vorschrift, wie er es angekündigt hatte.
Michael sah seinen Vater an. Seine Augen schienen regelrecht zu flehen.
„Vater“, sagte er ganz leise. „Bitte glaube mir. Ich weiß wirklich nicht, was los ist.“
„Dafür haben wir eine ganz bestimmte Vermutung.“ Atlans Stimme war schon wieder eiskalt. Er sagte kein Wort zu viel, dass später ein gerissener Anwalt als „Verfahrensfehler“ hinstellen konnte, aber wiederum genug, dass jeder seiner Freunde ihn auch so verstand.
Der Oberstaatsanwalt hielt sich zurück. Nachdem er die Befehlsgewalt offiziell an Atlan übergeben hatte, war es nur noch seine Pflicht, als Zeuge bei der Vernehmung anwesend zu sein.
„Leutnant Rhodan“, Atlans rotgoldene Augen brannten, „ich muss Sie darüber informieren, dass die Zeugen entweder nichts gesehen haben oder Sie belasten. Außerdem wurde Blut des Opfers an Ihrer Kleidung gefunden und in Ihrem Blut eine Droge, die nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen ist.“
„Und Miss Augstin?“, fragte Michael stockend.
„Miss Augstin ist die Hauptbelastungszeugin gegen Sie. Sie sagt aus, dass Sie die Droge selbst mitbrachten und das Pulver in Ihrem Fruchtsaft auflösten. Sie hätte sie davon abbringen wollen, aber keinen Erfolg gehabt. Es kam zum Streit mit dem Wirt und Sie haben ihn mit dem Messer, das Sie bei sich hatten, ein beidseitig geschliffenes Stilett, erstochen. - Wollen Sie Ihre Aussage nicht doch noch einmal korrigieren?“
Atlan führte ein perfektes Schauspiel auf und Michael spielte ebenso hervorragend mit.
Perry bewunderte beide, besonders seinen Sohn, der seinem Empfinden nach kurz vor einer Ohnmacht war.
„Oberstaatsanwalt Rider, bitte informieren Sie Leutnant Rhodan über die erforderlichen Maßnahmen und seine Rechte.“
Atlan stellte sich an Perrys Seite. „Du solltest rausgehen“, raunte er ihm zu.
„Nein.“ Perry hatte sich schon längst die Zunge blutig gebissen im Mund. Er schmeckte den Stahlgeschmack seines Blutes schon kaum mehr.
Mike braucht mich. Ich MUSS bei ihm bleiben!, hämmerte es in seinen Gedanken. Wenn nicht jetzt, wann dann? Vielleicht gibt meine Nähe ihm Kraft!
Er fühlte sich so fürchterlich ausgebrannt, was so froh, dass seine Freunde ihm jede Entscheidung abnahmen. So sehr es ihn auch sonst ärgerte, wenn er zum Zuschauer degradiert war, jetzt in dieser Minute war er überglücklich darüber!
Bullys Hand umspannte seinen Arm wie einen Schraubstock.
„Verdammt, warum bist du so stur? Damit hilfst du Mike nicht!“
Gucky hielt sich, für ihn völlig ungewohnt, ruhig. Er schien mit seinen telepathischen Sinnen zu lauschen. Traurig schüttelte er den Kopf. Leise flüsterte er: „Da ist nichts zu machen. Wie ich schon sagte. Auch wenn ich tiefer gehe, es ist nur ein wirres Durcheinander. Keine einzige vernünftige Erinnerung. Das Zeug hat anscheinend auch die Erinnerungen total weggeblasen.“
„Deshalb ist die Droge auch illegal. Bei mehrfachem Gebrauch wird das Erinnerungszentrum eines Menschen dauerhaft geschädigt. Und der Bengel soll tatsächlich so blöd sein, das zu nehmen?“ Bully beherrschte sich nur mühsam und flüsterte. Trotzdem warfen die beiden Polizisten, die im Moment ebenfalls nur Statisten waren, ihnen einen unsicheren Blick zu.
„Also, ich glaube das nicht.“
„Ich auch nicht, Dicker“, antwortete Perry müde.
„Leutnant Rhodan“, der Staatsanwalt begann mit der vorgeschriebenen Belehrung, „da die Beweislage gegen Sie eindeutig ist, muss die Staatsanwaltschaft gemeinsam mit Ihrem Dienstherrn, der USO, Mordanklage gegen Sie erheben nach Ablauf einer Frist von jetzt noch ...“, er sah auf seine Uhr, „knapp drei Stunden. Sie haben aber die Möglichkeit, einem hypnosuggestiven Verhör zuzustimmen. Sollte sich dabei eindeutig Ihre Unschuld erweisen, sind Sie wieder ein freier Mann.
Ich muss Sie aber darauf hinweisen, dass dieses Verhör durch Ihren Drogenkonsum zwar nicht lebensgefährlich, aber äußerst unangenehm werden kann. Sie haben mit Nebenwirkungen wie starken Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen bis hin zum Kreislaufzusammenbruch zu rechnen. Ein Medoroboter wird Sie während des Verhörs überwachen.“
Als wäre dies das Stichwort gewesen, glitt das Schott auf und ein kegelförmiger Medoroboter glitt herein.
Michael war plötzlich betont gleichmütig. Er hob nur die Schultern und meine ein wenig abfällig: „Fangen Sie schon an. Bringen wir es hinter uns.“
Perry wusste, dass sein Sohn Angst hatte. Das betont laxe Verhalten war seine Methode, diese Angst zu bezwingen.
Genau wie ich damals bei meinen ersten Flügen meine Methoden hatte. Auch ich hatte solche Angst ...
Unwillig schüttelte er sich. Wieso denke ich, seitdem ich diese Horrornachricht erhalten habe, immer wieder an diese Zeit VOR meinen Mondflug?
Einer der Polizisten löste die Energiefesseln. Michael setzte sich bequem in dem großen Kontursessel zurück und ließ sich die Haube überstülpen, die entfernt einer Hypnoschulungshaube ähnelte.
Ein Blick aus seinen nachtblauen Augen traf Perry. Er las darin immer noch Verzweiflung, Unverständnis, Hilflosigkeit – und eben die Angst!
Schnell schloss Michael die Augen, als er sah, dass sein Vater ihn so genau betrachtete.
Er will es mir nicht zeigen! Aber das ist doch Quatsch! Ich bin sein Vater!
Die Polizisten fesselten ihn mit mehreren Energiebändern an den Sessel. Zum Schluss konnte er sich überhaupt nicht mehr bewegen.
„Bringen wir es hinter uns“, ordnete Atlan völlig emotionslos an.
Der Überwachungsbildschirm des Detektors flammte auf. Solange das Verhör nicht begann, zeigte er nur wirre Linien an. Sobald er aktiviert war, würden auf jede gestellte Frage die Erinnerungen des Verhörten wie ein Film zu sehen sein.
„Anordnung eines hypnosuggestiven Detektorverhörs durch Lordadmiral Atlan“, diktierte der Oberstaatsanwalt in die Aufnahmepositronik. „Einwilligung des Verdächtigen, USO-Leutnant Michael Rhodan, liegt vor. Zeugen neben dem Lordadmiral: Polizeisergeant Heester, Polizeisergeant Newton, Oberstaatsanwalt Rider, Groß ...“
Weiter kam er nicht. Bully verständigte sich mit einem kurzen Blick mit dem Mausbiber und ergänzte: „Sowie Sonderoffizier Guck vom Geheimen Mutantenkorps des Solaren Imperiums, sonst keiner.“
Er zog Perry mit harten Griff mit sich zum Schott hinaus.
Perry wollte sich wehren, brachte aber nicht die nötige Kraft auf. Als ob er total gelähmt war und sein Körper ihm nicht mehr gehorchte. Der Vater in ihm hatte den Befehl über seinen Körper übernommen. Von dem harten Flottenbefehlshaber war nichts mehr übrig.
„Du musst dir das nicht antun und Mike fällt es leichter, wenn du es nicht siehst“, erklärte sein ältester Freund sehr ruhig.
Bully zog ihn zu einer Sitzecke am Ende des Flurs.
Hier warten wohl die Leute, die bei einem Verhör nicht dabei sein dürfen oder wollen.
„Oder hättest du es toll gefunden, wenn dein Vater dich gesehen hätte, wie du vor Schmerzen jammerst oder deinen Magen auskehrst?“
„Natürlich nicht.“ Perry verstand den Sohn ja so gut, aber ...
„Wenn meine Eltern denn mal da waren. Meistens bin ich ja nur bei anderen Menschen aufgewachsen, bevor ich zu Onkel Karl kam.“ Bitterkeit stieg in ihm auf, als er an seine schwere Jugend dachte.
Bully blickte ihn mit einem undefinierbaren Blick aus seinen wasserblauen Augen an: „Vielleicht ist es jetzt an der Zeit ... denke darüber nach ... so eine günstige Gelegenheit hattest du noch nie – und sie kommt auch wahrscheinlich nie wieder ...“
Perry wusste sofort, was der Freund meinte. „Du meinst, Mike zu erklären, warum ich so hohe Moralansprüche habe und warum ich so autoritär bin?“
Bully grinste. Sein Gesicht war puterrot, ein sicheres Zeichen seiner Aufregung.
„Autoritär würde ich dazu noch nicht einmal sagen, sondern eher befehlsgewohnt. - Ja, das meine ich. Du solltest deinem Sohn endlich gewisse Dinge aus der Zeit vor unserem Mondflug erzählen. Es wird allerhöchste Zeit.“
Perry überlegte und das half ihm, sich ein wenig abzulenken von dem, was sein Sohn gerade hinter diesem Schott durchmachte.
„Du hast recht“, entschied Perry sich. „Bringen wir das hier hinter uns und dann werden wir uns mit Mike zusammensetzen.“
Allein der Gedanke an diese Aussicht, seinem Sohn endlich das erklären zu können, was er bisher gar nicht verstehen konnte, gab ihm wieder innerliche Kraft.
Warum habe ich damit eigentlich so lange gewartet? Brauchte ich erst diesen Schock, um mich meinem eigenen Sohn zu „öffnen“? Hoffentlich kann er mich verstehen!

*

Als Perry zusammen mit Gucky wieder in den Verhörraum zurückkehrte, wurde Michael gerade von dem Medoroboter behandelt. Allein der Anblick versetzte Perry einen scharfen Stich in der Brust. Sein Sohn sah noch schlechter aus als vorhin. Wenn überhaupt möglich, war sein Gesicht noch blasser und kantiger, die Augen wirken wie erloschen, besaßen keinen Glanz mehr.
„Nun, mein Junge“, quetschte Perry mühsam zwischen den Zähnen hervor, „wie ich sehe, hast du es hinter dir. War es sehr schlimm?“
Michael winkte müde ab. „Reden wir nicht darüber, Dad. Leider hat uns das nicht viel weitergebracht. Ich hatte es geahnt. Und nun?“
„Doch“, meldete sich Atlan zu Wort. Auch sein Gesicht war blass und hart. In seinen Arkonidenaugen lag der Schimmer von mitgefühltem Leid. Also musste es doch recht schlimm gewesen sein.
„Da das hypnosuggestive Verhör nicht auswertbar ist, habe ich nun das Recht, beim Solaren Imperium ein Mutantenverhör zu beantragen. - Was ich hiermit tue ... Herr Staatsmarschall?“
Immer noch drückte Atlan sich offiziell aus, da die positronische Aufzeichnung mitlief.
„Das Mutantenverhör ist per sofort genehmigt“, antwortete Bully ebenso formell. „Welche Mutanten brauchen Sie, Lordadmiral Atlan?“
„Einen Telepathen und abhängig von dem telepathischen Verhör eventuell noch Sonderoffiziere mit ergänzenden Fähigkeiten.“
„Genehmigt. Sonderoffizier Guck erhält hiermit den Auftrag zu einem telepathischen Verhör aller Festgenommenen. Da Sonderoffizier Guck hier anwesend ist, ordne ich an, dass das Verhör von Michael Rhodan sofort stattfindet.“
Perry war wieder zum Statisten verurteilt.
Verdammte Bürokratie, dachte er wütend. Wir führen  hier ein Theater mit vorgeschriebenen Dialogen auf, damit uns kein Windeladvokat die ganze Sache kippt.
„Bleib ruhig sitzen“, ordnete Gucky an, als Michael aufstehen wollte. Sein Nagezahn war nicht zu sehen.
Einen Moment versank er in Konzentration, dann schüttelte er den Kopf. „Nichts. Ich kann in den Gedanken von Michael Rhodan absolut nichts Verwertbares herauslesen. Der Drogennebel verdeckt alles.“
„Danke, Sonderoffizier Guck“, sagte Atlan. „Bitte führen Sie noch die entsprechenden Verhöre der anderen Festgenommenen durch.“
Gucky nickte und winkte dem Oberstaatsanwalt zu.
„Wir teleportieren“, sagte er kurz und verschwand mit ihm und Atlan, der als derzeitiger Ermittlungsleiter auch dabei zu sein hatte.
Perry musterte seinen Sohn. Der richtete sich endgültig auf.
„Sie müssen noch ein paar Stunden mit starken Kopfschmerzen und Unwohlsein rechnen“, meldete der Medorobot. „Ich habe Ihnen alle erforderlichen Medikamente verabreicht und empfehle eine mehrstündige Schlafperiode zur Erholung.“
„Witzbold“, unkte Michael. „Als ob mich ein paar Kopfschmerzen umhauen.“
„Na, na“, bremste Perry ihn.
Er ist genau wie ich damals – und wohl auch heute noch. Nicht unterkriegen lassen, immer so tun, als ob gar nichts wäre.
Der junge Mann wollte etwas sagen, aber Perry schnitt ihm mit einer kurzen Handbewegung in Gegenwart der immer noch anwesenden Polizisten das Wort ab.
Michael nickte. Er hatte seinen Vater sofort verstanden und sagte nichts mehr. Seinem Gesicht sah Perry an, dass er angestrengt nachdachte, ihm einige ihn belastende Gedanken durch den Kopf gingen.
Ja, ich WERDE ihm alles erzählen! Es wird allerhöchste Zeit. Ich muss zumindest VERSUCHEN, es ihm zu erklären!
Er suchte Bullys Blick und nickte ihm zu. Der grinste erleichtert.
Michael sah ihren kurzen Austausch. Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Perry schüttelte leicht den Kopf und lächelte seinen Sohn an. Er versuchte, alle Wärme, die er im Moment empfand, mit in diesen Blick zu legen. Anscheinend gelang es ihm, denn in Michaels trübe, nachtblaue Augen kam wieder etwas Glanz.

*

Atlan und Gucky wuchsen über sich hinaus. Immer mit der Uhr im Nacken, sondierte Gucky nur Jane Augstin und einen weiteren Festgenommenen, der schon heftig gegen die Untersuchungshaft protestierte, weil er der Meinung war, man hätte den Mörder, nämlich Michael Rhodan, doch ebenfalls im Gewahrsam.
Der Oberstaatsanwalt hatte schon vorher sehr genau recherchiert und wusste von daher, dass außer Miss Augstin alle Festgenommenen polizeilich bekannte Straftäter waren, gegen die nur im Moment nichts vorlag. Die Vorwürfe prallten an ihm ab. Seine Arbeit brachte das mit sich und er war im Laufe seiner vielen Amtsjahre dagegen abgehärtet.
Nach dem telepathischen Verhör des zweiten angeblichen Zeugen stellte Gucky einfach fest: „Wir verschwenden unsere Zeit, wenn ich mir die Anderen auch noch vornehme. Beide haben einen starken Hypnoblock, der ihnen eine falsche Erinnerung gibt. Das ist genau das, was ihr beim Detektorverhör gesehen habt.
Wir brauchen André Noir hier, so schnell wie möglich. Er muss den Block lösen. Viel Zeit haben wir nicht mehr.“
„Dann hole ihn“, ordnete Atlan an und der Ilt verschwand ohne ein weiteres Wort.
André Noir war der Hypno des Mutantenkorps. Wenn überhaupt, konnte nur er hier noch einen Erfolg haben.
Inzwischen hatten sie nur noch knapp über eine Stunde Zeit, nicht viel, um einen Hpynoblock zu lösen.
Gucky tauchte mit André Noir wieder auf.
„Gucky hat mich bereits informiert. Wen soll ich nehmen? Zwei Blöcke zu lösen, schaffe ich in der kurzen Zeit nicht. Bei wem ist damit zu rechnen, dass er mehr weiß?“
„Die Frau“, entschied Staatsanwalt Norman Rider sofort.
„Okay, wir brauchen absolute Ruhe“, piepste Gucky erregt. „Ihr verschwindet alle, auch der Arkonidenhäuptling.“
„Selbstverständlich“, grinste Atlan. Er kannte den Mausbiber lange genug, um sich nicht mehr an seiner Ausdrucksweise zu stören.
Jane Augstin wurde in einen Verhörraum gebracht und mit dem Mausbiber und dem Hypnomutanten allein gelassen.
Oberstaatsanwalt Rider lud Atlan, Perry Rhodan und Reginald Bull in sein Büro zu einem Kaffee ein. Michael wurde vorerst wieder in seine Arrestzelle zurückgebracht.

*

Wie von Oberstaatsanwalt Rider vermutet, war Jane Augsten „die Trumpfkarte“. André Noir schaffte es knapp zehn Minuten vor dem Ablauf der Frist zur Anklage, ihren Hypnoblock, der mit mechanischen Geräten angelegt worden war, zu lösen. Das anschließende telepathische Verhör durch Gucky brachte die volle Wahrheit ans Tageslicht.
Es war tatsächlich eine politische Attacke gegen Perry Rhodan und seine Wiederwahl als Großadministrator. Man hatte über seinen Sohn versucht, ihn zu treffen. Die Drahtzieher hatten gehofft, er würde seine Sondervollmachten dazu missbrauchen, die Anklage gegen seinen Sohn ohne weitere Ermittlungen abzubiegen oder „nur“ den vorgeschriebenen Ablauf zu seinen Gunsten zu ändern.
Der Inhaber der Bar war nicht von Michael, sondern von demjenigen Festgenommenen getötet worden, der am lautesten gegen seine Untersuchungshaft protestiert hatte.
Norman Rider erhob sofort Anklage, zwei Minuten vor Ablauf der Frist. Es wurde alles ordnungsgemäß protokolliert und Michael Rhodan wieder aus der Untersuchungshaft entlassen.
Michael sah seinen Vater nachdenklich an. „Danke, Dad“, meinte er zögernd und hielt ihm die Hand hin.
Perry Rhodan schlug ein, spürte den festen Druck, schüttelte trotzdem den Kopf. „Nein, mein Sohn. Danke nicht mir, sondern unseren drei Freunden. Wären sie nicht gewesen …“
Er ließ den Rest des Satzes offen und bedankte sich mit festem Händedruck bei den drei Freunden.
Freundschaft ist etwas unschätzbar Wertvolles!
Das Gefühl in ihm wärmte seinen ganzen Körper, rötete sein Gesicht.
„Zum Glück sind wir Freunde“, stellte Atlan ruhig fest und musterte Michael intensiv. „Es tut mir leid, junger Höhlenwilder. Ich konnte dir das Verhör nicht ersparen.“
Michael schüttelte den Kopf. „Es braucht dir nicht leid zu tun. Wer weiß, was ich später noch alles mitmachen muss, wenn ich genau wie ihr in vorderster Front für die Menschheit kämpfe.“
Perry spürte den Stolz auf die selbstverständliche Feststellung des Sohnes.
„Wir sollten uns in Ruhe zusammensetzen. Ich habe dir so einiges zu erzählen in dem Zusammenhang, aus meiner eigenen Jugendzeit. Da gab es so eine Geschichte mit einem Schulglobus.“
Michaels Augen nahmen einen forschenden Ausdruck an.
„Gerne, Dad“, sagte er ganz einfach.

*

Wie meistens – es kam nicht zu dem geplanten Gespräch. Eine dringende Angelegenheit ließ dem Großadministrator des Solaren Imperiums wieder einmal nicht die Zeit, Vater zu sein …


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