Der Arkonide und der Freihändlerkönig - Teil 1

Dieser Roman ist die direkte Fortsetzung von „Lockruf der Freihändler“ und damit Band 3 der Freihändler-Trilogie über den Weg von Michael Rhodan zu Roi Danton, dem König der Freihändler.

Der Arkonide und der Freihändlerkönig
Atlan jagt den König der Freihändler und eine
Superintelligenz zeigt sich von einer ganz anderen Seite.

Hauptpersonen:
Roi Danton: Der neue König der Freihändler tut, was nötig ist, egal in welcher Situation. 
Fürstin Beatrice Wood: Die Sicherheitschefin der Freihändler hat gegen Revolverkugeln kein geeignetes Mittel.
Lordadmiral Atlan: Der Arkonide hat - wie immer - seine kleinen Geheimnisse.
ES: Die Superintelligenz ist immer präsent und zeigt sich von einer völlig ungewohnten Seite. 
Perry Rhodan: Über Frauen im Kampfeinsatz muss er einiges neu lernen.
Gucky: Der Mausbiber tritt wieder einmal als Retter in letzter Minute auf. 
Oro Masut und Rasto Hims: Sie sorgen sich um ihren König. 
Fürst Thomas Browne: Er versteht es, sich zu tarnen.
Kers von Hayn: Ein Akone, der "fallen gelassen" wird. 


1

Sommer 2433
Terrania-City, Büro des Großadministrators

Perry Rhodan sah unwillig aus dem Fenster auf den strahlenden Sonnenschein, danach auf den Stapel an unbearbeiteten Vorgängen. Leicht ironisch dachte er daran, dass es auch im 25. Jahrhundert nicht ohne ein gewisses Maß an Verwaltungsarbeit ging, sogar für ihn als höchsten Regierungschef. Alles konnten seine Mitarbeiter, allen voran seine fleißige Chefsekretärin und sein Vertreter und Freund, Staatsmarschall Reginald Bull, ihm nicht abnehmen.
Obwohl er viel lieber im Weltraum unterwegs war, musste er auch hin und wieder Zeit für diese ungeliebte Arbeit aufwenden.
Die offizielle Geschäftszeit im Regierungs-Tower hatte gerade erst angefangen – 9.15 Uhr terranischer Zeit – obwohl er selbst schon seit 6.30 Uhr hier hinter dem Schreibtisch saß. Entschlossen griff er zum nächsten Vorgang und beschloss, danach eine kurze Kaffeepause einzulegen.
Er kam nicht mehr dazu, sein Vorhaben zu verwirklichen. Das interne Rufzeichen vom Vorzimmer ertönte und Mrs. Miller, seine Vorzimmerdame, meldete sich. Sie lächelte ihn freundlich vom Bildschirm herunter an: „Bitte entschuldigen Sie, Sir. Sie hatten zwar Anweisung gegeben, nicht gestört zu werden. Aber für diesen Besuch gilt sicherlich eine Ausnahme.“
Perry unterdrückte seinen aufkommenden Unwillen. Da er sich auf Mrs. Miller uneingeschränkt verlassen konnte, musste der Besucher wichtig sein.
„Ihre Tochter ist gerade eben auf dem Raumhafen gelandet und würde Sie gerne besuchen – sofern Sie überhaupt Zeit für sie haben.“
Perry gab dem Stapel einen deutlichen Schubs und klappte den Vorgang, dem sich er sich gerade widmen wollte, zu. Viel zu selten kam seine Tochter Suzan nach Terra, vielleicht alle paar Wochen oder sogar Monate. Seitdem sie mit dem Hyperphysiker Dr. Geoffry Abel Waringer verheiratet war, wurden die Besuche bei ihm immer weniger.
Zudem nutzte er jede Gelegenheit, der Büroarbeit zu entkommen, wie er sich selbst eingestand.
„Natürlich habe ich Zeit für Suzan. Sorgen Sie bitte dafür, dass sie direkt zu mir kommt und ihr die üblichen Kontrollen erspart werden.“
Die Wartezeit bis zur Ankunft von Suzan widmete er sich doch noch halbherzig der Büroarbeit. Dabei überlegte er, ob es richtig gewesen war, sich gegen die Arbeit und für die private Seite entschieden zu haben.
Neben ihm flimmerte die Luft und die piepsige Stimme des Mausbibers Gucky erklang: „Natürlich war das richtig, Chef. Du solltest grundsätzlich mehr an dich und an deine Familie denken.“
Der Ilt stand neben Perrys Schreibtisch und stemmte provozierend die kleinen Fäustchen in die Seiten.
„Kann man denn noch nicht einmal in Ruhe arbeiten?“ Scherzhaft drohte Perry dem nur einen Meter hohen Pelzwesen, einem seiner ältesten Freund, mit erhobenem Zeigefinger.
„Jedenfalls wird jetzt nicht mehr gearbeitet“, verkündete Gucky entschlossen und klappte den Aktenvorgang telekinetisch zusammen. Auch im Zeitalter modernster Computertechnologie konnte man auf Papiervorgänge nicht vollständig verzichten.
Leichter Ärger stieg in Perry Rhodan auf. „Das wollte ich noch abschließen, bevor Suzan hier ist. Sicherlich weißt du schon, dass sie kommt, du kleiner Gedankenspion.“
„Klar, Chef. Und ich glaube, Suzan hat überhaupt keine Lust, ihren Vater hinter uralten Vorgängen versteckt zu finden.“
Die Zwischentür zum Vorzimmer öffnete sich wie durch Geisterhand, der Stapel schwebte durch die Luft zielstrebig hinaus und entschwand den Blicken von Perry. Das freche Grinsen seines pelzigen Freundes ließ ihn nichts Gutes ahnen.
Der empörte Aufschrei von nebenan bestätigte es ihm. Er stand auf und näherte sich vorsichtig dem „Allerheiligsten“ seiner Sekretärin. Gucky hatte den Stapel zumindest sauber übereinander direkt neben ihrem Computer abgelegt und fragte die ältere Dame mit seinem unschuldigsten Lächeln: „Kannst du das für den Boss erledigen, Beste aller Vorzimmerperlen?“
„Nein, Sonderoffizier Guck, das kann ich nicht“, antwortete Mrs. Miller spitz. „Wenn ich es könnte, würden diese Vorgänge nicht beim Herrn Großadministrator liegen.“ Sie fühlte sich sichtbar in ihrer Ehre angegriffen.
Perry bemühte sich um Schadensbegrenzung. Eine ungnädige Sekretärin gehörte zu den „Katastrophen“, die niemand brauchte, ein Großadministrator schon gar nicht. Darin unterschied er sich nicht von anderen Chefs. Trotzdem hielt er genau wie seine alten Weggefährten aus den ersten Tagen der Dritten Macht immer noch an menschlichen Sekretärinnen fest. An die inzwischen weitgehend üblichen Sekretär-Roboter konnten sich alle nicht gewöhnen.
„Bitte, Mrs. Miller, nehmen Sie es dem Kleinen nicht übel. Sie wissen doch, er meint es nicht böse.“
Gucky stand neben ihm und blickte die ältere Dame so unschuldig an, als ob er überhaupt nie etwas anstellen könne – und das Wunder geschah: die sehr auf Formen bedachte Sekretärin zauberte ein angedeutetes Lächeln auf ihr Gesicht. „Selbstverständlich nehme ich es Gucky nicht übel, Sir.“
Der Kleine hat es wie immer faustdick hinter den Ohren, dachte Perry bei sich. Niemand kann ihm lange böse sein.
Ehe noch jemand etwas sagen konnte, ertönte der Summer am Außenschott des Bürotraktes. Mrs. Miller betätigte den Öffner, ohne zuvor die Sprechverbindung zu aktivieren.
Suzan Betty Rhodan-Waringer, die Tochter von Perry Rhodan und Mory Rhodan-Abro,, dem Regierenden Obmann von Plophos, trat mit einem strahlenden Lächeln ein.
Gucky, vorwitzig wie immer, watschelte zu ihr und schmiegte sich ganz eng an sie. Suzan drückte ihn an sich und streichelte sein weiches Nackenfell, was bei dem kleinen Ilt sofort Laute der Begeisterung auslöste.
Mrs. Miller und Perry schauten zu, ohne ein Wort zu sagen. Sogar die Sekretärin lächelte schon wieder.
Perry nutzte die Gelegenheit, dass seine Tochter mit dem Ilt beschäftigt war, um sie aufmerksam zu mustern. Er hatte sie wieder seit einigen Wochen nicht gesehen.
Suzan war hoch gewachsen, hatte halblanges, dunkelblondes Haar und ihr Gesicht strahlte eine herbe Schönheit aus. Sie trug bequeme Freizeitkleidung mit knöchelfreien Jeans, Sandalen und einer locker fallenden Bluse, den hochsommerlichen Temperaturen angepasst. Sie wirkte auf ihn gelöster als zu der Zeit, bevor sie gegen seinen Willen den als Phantast geltenden Hpyerphysiker Dr. Geoffry Abel Waringer geheiratet hatte. Bei ihrem letzten Besuch hatte sie ihm erzählt, wie glücklich sie immer noch mit ihm war.
Inzwischen bereute er es, dass er sie damals von dieser Ehe abhalten wollte. Nachdem sie den Wissenschaftler heimlich auf Plophos geheiratet hatte mit ihrer Mutter und ihrem Zwillingsbruder Michael als Trauzeugen, der für alle anderen spurlos verschwunden war, hatte er ihr, geleitet von seinem schlechten Gewissen, nachträglich hier in Terrania-City eine Traum-Hochzeit ausgerichtet. Niemals zuvor hatte er sie so glücklich gesehen.
Alle geladenen Gäste waren gekommen – nur sein Sohn nicht. Wie immer kam ein Stich in ihm auf, wenn er an Michael dachte. Der junge Mann war im Alter von 24 Jahren nach Beendigung seines Studiums als Kosmonaut und Ingenieur für Hochenergie-Maschinenbau spurlos im Weltraum verschwunden. Er hatte für den Vater lediglich einen Abschiedsbrief zurückgelassen. Niemand hatte ihn bisher finden können, jeder mögliche Hinweis hatte sich als falsch erwiesen. Sein Sohn war und blieb verschwunden.
Da er so in Gedanken versunken war, sah er Guckys verstecktes Grinsen nicht.
Der Mausbiber löste sich endlich von der jungen Frau und Suzan wandte sich ihrem Vater zu. Perry nahm sie einfach in den Arm, drückte sie herzlich an sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Sie lächelte, ihr herbes Gesicht wurde fraulich weich.
„Herzlich willkommen, Kleines“, begrüßte er sie. „Ich freue mich, dass du mich mal wieder besuchst.“
„Ich bin auch sehr froh, dass ich mal wieder auf der Erde sein kann, Dad.“
Die junge Frau begrüßte auch Mrs. Miller mit einem herzlichen Händedruck. „Danke, dass Sie mir die üblichen Kontrollen erspart haben.“
Üblicherweise wurden Besucher, die zum Großadministrator wollten, vorher durch die Abwehr überprüft.
„Leider konnte ich bisher diesen misstrauischen Haufen nicht davon überzeugen, dass nicht jeder, der mich besucht, eine Bombe in der Tasche hat.“ Perrys Laune hatte sich durch den Besuch der Tochter schlagartig verbessert.
„Oh weh“, piepste Gucky respektlos dazwischen. „Der Dicke ist auf dem Weg hierher.“
Suzan lachte. „Oh, Onkel Bully. Dann sehe ich ihn endlich einmal wieder. Bei meinem letzten Besuch war er leider unterwegs.“
Gucky verzog als Antwort missmutig das pfiffige Mausegesicht. „Der verdirbt mir die ganze Show“, maulte er.
„Welche Show?“ Perry wurde sofort aufmerksam.
Die Antwort blieb dem Ilt erspart. Reginald Bull, Staatsminister und gleichzeitig Pressesprecher des Solaren Imperiums, stürmte in Perrys Büro. Die roten Bürstenhaare standen gespreizt von seinem Kopf ab – wie immer, wenn er sich aufregte. Als er sah, dass alle noch im Vorzimmer waren, preschte er ohne Aufenthalt direkt in das Allerheiligste von Mrs. Miller.
Er wedelte er mit einer zusammen gefalteten Zeitung in der Luft herum. Perry erkannte die Terranian-Post, die größte Zeitung des Solaren Systems.
„Das hier ist immer noch das Büro des Großadministrators“, schnappte Mrs. Miller empört. „Seit wann spaziert hier jeder so herein, wie er will?“
Bully erstarrte. Die Zeitung sank herab, sein Mund blieb offen stehen. „Bin ich jeder?“
„Natürlich nicht, Sir. Aber auch für Sie sollten die Anstandsregeln gelten.“
Bully fasste sich wieder und lachte. „Beste Mrs. Miller, Sie kennen mich doch. Verzeihen Sie mir. Ich gelobte Besserung.“ Mit schalkhaftem Grinsen deutete er eine Verbeugung an.
„Wenn ich Sie nicht so genau kennen würde, Sir, könnte ich Ihnen sogar glauben. Mir tut nur meine Kollegin Mrs. Ashton leid, die es in Ihrem Vorzimmer aushalten muss.“
Wer sie nicht kannte, hätte diese Äußerung nicht nur ernst genommen, sondern sogar als Insubordination Vorgesetzten gegenüber auffassen können. Aber alle hier sahen den Schalk in ihren Augen. Sie kannten dieses übliche Spiel nicht nur – sie genossen es in vollen Zügen. Das war ihre Ablenkung vom trüben Arbeitsalltag, die sie brauchten. Deshalb würden sie immer eine menschliche Vorzimmerdame jedem Roboter vorziehen.
Bully machte keine Umstände, umarmte und drückte die ältere Dame an sich. Ehe sie protestieren konnte – natürlich nur pro forma – wandte er sich Suzan zu und nahm sie ebenso zwanglos in den Arm.
„Hallo, Krausnase. Freut mich, dass du mal wieder Zeit für uns gefunden hast. Wie geht‘s dir und deinem Mann?“
„Gut, Onkel Bully“, lachte die junge Frau.
„Lasst uns rüber gehen“, mischte Perry sich ein. „Und dann möchte ich gerne wissen, wieso du meinst, Bully würde dir die Show stehlen – welche Show?“ Natürlich hatte er die Bemerkung seines kleinen Freundes nicht vergessen.
Der verzog nur das Mausegesicht mit dem einzelnen Nagezahn. „Der Dicke hält genau das in der Hand, worüber ich euch gerade berichten wollte.“ Aber dann grinste er doch über das ganze Gesicht. „Ach was, bin ja gar nicht so“, verkündete er gönnerhaft. „Der Dicke kann mir auch die Arbeit abnehmen.“
Perry machte eine einladende Handbewegung. „Ihr seid hier alle nicht fremd. Also dann – ich höre.“
Dem Schreibtisch war er lediglich einen unwilligen Blick zu und und setzte sich auf einen gemütlichen Sessel in der Sitzecke. Gucky machte es sich auf der Couch bequem.
Bully warf die Zeitung mit einem lauten Knall auf den Tisch.
„In diesem Käseblatt ...“ begann er, wurde aber von Perry Rhodan völlig ernsthaft belehrt: „Dieses sog. ‚Käseblatt‘ ist die größte Zeitung des Solaren Systems, das solltest du wissen.“
„Und trotzdem halte ich sie für ein Käseblatt“, bestand Bully auf seiner Meinung. „Was die so manchmal von sich geben, schadet nur meinem Blutdruck. - Aber egal .. heute steht eine Anzeige auf der Titelseite. Stellt euch vor: auf der Titelseite.“
„Na und?“ Perry konnte daran nichts Besonderes finden. „Da hat der Inserent eine Menge Geld für ausgeben müssen. Es scheint ihm sehr wichtig zu sein, dass seine Anzeige auch gelesen wird.“
„Jaaaaa“, meinte Bully gedehnt. „Und was für eine Anzeige! Wollt ihr selbst lesen oder soll ich sie euch vorlesen?“
„Wenn du schon mal so in Schwung bist, dann lies vor. Seit wann interessierst du dich überhaupt für Anzeigen?“
„Seitdem es mein verdammter Job ist, hier den Presseminister zu spielen, Alter! Deshalb!“ Bully stand kurz vor einem seiner sattsam bekannten Wutausbrüche. Gucky hockte nur still vor sich hin grinsend auf der Couch. Perry wurde den Verdacht nicht los, dass noch eine gewaltige Überraschung auf ihn und seine Tochter wartete.
Reginald Bull faltete die Zeitung auseinander und las langsam und jede Silbe betonend vor:
Sonderoffizier Gucky vom Geheimen Mutantenkorps des Solaren Imperiums hat die paar lumpigen Solar eines verrückten Ausreißers auf ein Sperrkonto bei der „Bank of Terra“ eingezahlt auf den Namen MICHAEL RHODAN.
Perrys Herz machte ein paar schnelle Schläge. Er spürte einen Stich, der ihm durch die Brust fuhr, dann hatte er sich schon wieder gefangen. Er blickte sich in der Runde um. Bully blickte erwartungsvoll um sich, wartete auf eine Reaktion. Gucky grinste nur vor sich hin und Suzan blickte so desinteressiert aus dem Fenster, als ob sie die Skyline ihrer Geburtsstadt heute zum ersten Mal bewusst sah.
„Mike“, flüsterte Perry ganz leise vor sich hin.
„Ja“, antwortete Gucky ebenso leise und einfühlsam. „Mike hat mir das Geld, das ich vor unendlich vielen Jahren mal für eine seiner Extratouren bezahlt habe, zurück überwiesen. - Nein, frage gar nicht erst, woher das Geld kam. Ich glaube, das ist so gut getarnt, dass noch nicht einmal unser Finanzgenie es herausbekommen würde.“
„Wirklich sinnlos“, bestätigte Suzan. Perry spürte ihren mitfühlenden Blick fast körperlich. „Ich habe das Geld über eine meiner sechs galaktischen Großbanken überwiesen. Und ich hatte einen sehr guten Lehrmeister in diesen Dingen.“
Sie lächelte. Homer G. Adams, der als unnahbar und schrullig geltende Finanzminister des Solaren Imperiums, war schon seit ihrer Jugend ein väterlicher Freund für Michael und Suzan Rhodan gewesen. Allerdings wussten das die wenigsten Menschen. Perry wunderte sich, dass Michael ihn nicht über seinen Aufenthaltsort ins Vertrauen gezogen hatte, ebenso wenig wie seinen alten Lehrmeister, den Arkoniden Atlan.
„Eine ziemlich ungewöhnliche Art, sich zu Hause zu melden“, überlegte Perry laut. „Habe ich als Vater vielleicht die Chance, zu erfahren, worum es damals eigentlich ging, Herr Mausbiber?“
Er bemühte sich, seinen kleinen Freund streng anzusehen. So ganz gelang es ihm nicht.
Bully grinste. „Jetzt hast du doch noch deinen großen Auftritt, Gartenzwerg. Wir sind alle ganz Ohr.“
Der Ilt hob nur die Schultern. „Von wegen großer Auftritt“, maulte er. „Viel gibt es dazu gar nicht zu sagen. Ich habe Mike damals aus einer Verlegenheit geholfen und er hat mir das Geld jetzt zurück gezahlt. Das ist alles. Ich halte es für viel bedeutsamer, dass er sich endlich mal bei uns gemeldet hat als die Sache an sich.“
„Die ich nun trotzdem gerne erfahren würde.“ Perry ließ nicht locker. Seine Neugierde war geweckt.
Traurig dachte er daran, dass er von dem meisten Eskapaden seines heranwachsenden Sohnes nie etwas erfahren hatte. Wenn überhaupt einmal – dann immer als Letzter. Jetzt, nachdem Michael seit gut drei Jahren spurlos verschwunden war, fragte er sich immer wieder, woran es gelegen haben mochte, dass es zwischen ihm und seinem Sohn immer wieder zu Missverständnissen gekommen war. Vielfach hatten sie sich aussprechen können, aber meistens fehlte ihm einfach die Zeit, um sich entsprechend mit seinen Kindern zu beschäftigen.
Gucky blickte sich unsicher um. „Ich weiß nicht“, murmelte er. „Ich möchte das nur erzählen, wenn Mike damit einverstanden ist. Es war damals wirklich nur ein Kinderstreich, Perry, wirklich.“
„Immerhin scheint dich dieser Kinderstreich einen Haufen Geld gekostet zu haben, wenn ich die Anzeige richtig verstehe. Die ‚paar lumpigen Solar‘ glaube ich dir nicht, Kleiner.“
„Es waren 44.000 Solar.“
Perry schnappte nach Luft. „44.000 Solar sind eine stolze Summe. Was hatte mein Sohn denn angestellt?“
„Wie man es nimmt“, kam Bully dem Ilt, mit dem ihn eine merkwürdige Freundschaft verband, zur Hilfe. „Niemandem von uns tun 44.000 Solar besonders weh.“
Alle Mitglieder der Führungsriege verdienten ihren Positionen angemessene Gehälter. Da sie ausnahmslos nicht am Geldverdienen interessiert waren und ihre Arbeit mehr als Berufung im Auftrag der Menschheit sahen, besaß jeder von ihnen nach einigen hundert Jahren beträchtliche Vermögenswerte.
„Du darfst alles erzählen, wenn du es möchtest“, warf Suzan ein. „Michael, von dem ich euch allen herzliche Grüße ausrichten soll, überlässt die Entscheidung darüber dir.“ Sie streichelte ihn sanft über seinen Nacken.
Gucky wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. „Dieser verrückte Bengel. Wie geht es ihm?“
Suzan lachte. „Gut. Gesundheitlich und finanziell, wie ihr seht.“
Perry musterte seine Tochter aufmerksam. Ihr Gesichtsausdruck gefiel ihm trotz ihres Lachens nicht. „Und sonst? Kommt er zurecht?“
Suzan wurde sehr ernst. Sie hatte den Sinn hinter der Frage ihres Vaters sehr wohl verstanden. „Mike hat recht große Probleme. Er wusste zwar vorher, dass alles nicht einfach wird, das wollte er auch gar nicht, sonst wäre es ja keine Herausforderung gewesen. Dass es aber so schwer würde, hat er noch nicht einmal geahnt.“
Als ob sie schon zu viel gesagt hätte, presste sie die Lippen aufeinander.
Bully, impulsiv wie es seine Art war, fragte gerade heraus: „Können wir ihm helfen?“
Suzan lächelte fein. „Wahrscheinlich könntet ihr es. Seine Probleme könnten sich durch eure Hilfe sehr schnell lösen lassen. Genauso wenn er zugibt, Perry Rhodans Sohn zu sein. Aber ganz genau das will er nicht. Dann könnte er auch einfach zurückkommen und hätte gar nichts erreicht.“ Sie zögerte einen Moment. „Ich kann euch versichern, dass er sein Zuhause sehr vermisst. Eines Tages wird er auch wieder zurückkommen. Dann, wenn er sein Ziel erreicht hat, es aus eigenen Kräften zu etwas gebracht zu haben, ohne die Zauberwirkung des Namens Rhodan.“
„Er soll sich nicht zu viel vornehmen.“ Perry schluckte hart. Immer mehr vermisste er seinen Sohn und immer mehr warf er sich vor, an seiner Entscheidung eine große „Mitschuld“ zu haben. Eben weil er ihn auf der einen Seite nicht genug lobte, auf der anderen Seite ihn aber auch aus den größten Gefahren heraushalten wollte, weil er Angst um seinen Sohn hatte. Dieser Widerspruch in ihm war in der Vergangenheit immer wieder Auslöser für Missverständnisse und Streitgespräche zwischen ihm und Michael gewesen. Der Sohn brannte darauf, sich als er selbst zu bewähren, in vorderster Front in den Einsatz zu gehen, ihm und allen anderen zu zeigen, was er konnte.
Sehr gut konnte er sich noch an den Stich in seinem Herzen erinnern, den er gespürt hatte, als er im Mai 2430 mit der CREST IV von einer langen Reise zurückkehrt war und der Abstellplatz von Michaels moderner Space-Jet aus dem letzten Flottenneubauprogramm leer war. Das Bild auf dem großen Hauptbildschirm in der Zentrale seines Flaggschiffs würde er nie vergessen.
Er selbst hatte ihm die Jet zu seinem mit hervorragenden Noten bestandenen Examen als Kosmonaut und Hochenergie-Ingenieur geschenkt. Gegen seine eigenen inneren Bedenken hatte er sich entschlossen, seinen Sohn auf einen lebensgefährlichen Einsatz mitzunehmen. An seiner Seite sollte er das Unternehmen anführen – aber seine Entscheidung war zu spät gekommen …
Gewaltsam schüttelte Perry die trüben Gedanken ab und kam auf das Thema zurück.
„Darf ich jetzt endlich erfahren, was mein Herr Sohn damals angestellt hat?“, fragte er härter, als er eigentlich wollte.
„Mike war damals gerade fünf Jahre alt“, begann Gucky. „Wir beide haben uns eine Verfolgungsjagd rund um die Erde geliefert. Nur dass ich teleportieren konnte und er die Transmitter nehmen musste. Das ist schon alles.“
„Ach so ...“, Bully hörte sich deutlich enttäuscht an. „Das hört sich nicht sonderlich aufregend an. Passt eigentlich gar nicht zu Mike. Geht es etwas genauer, Gartenzwerg?“
Gucky blickte etwas unbehaglich auf Perry. „Mike war weggelaufen. Das Gartentor von eurem Bungalow stand offen, warum wusste damals wohl niemand. Ein Versehen … Da Mike schon immer neugierig war, nutzte er die günstige Gelegenheit und lief einfach mal so davon und ging auf Entdeckungsreise. Seine Touren beliefen sich hinterher auf insgesamt 44.000 Solar und das habe ich bezahlt, weil ich nicht wollte, dass der kleine Knirps ein Donnerwetter von dir bekommt, Perry. - Das ist schon alles.“
Perry schüttelte den Kopf. „Das ist schon alles … hört sich heute so einfach an. Damals hätte ich ihm wirklich die Ohren langgezogen. - Hat er noch mehr Dinge in dieser Richtung angestellt, von denen ich nichts weiß?“
Plötzlich wich jeder seinem Blick aus. Perry fühlte wieder den so unangenehmen Stich in seiner Herzgegend.
„Okay, Herrschaften. Ihr sagt es mir ja doch nicht.“
„Das ist das Schicksal von uns Vätern, Boss.“ Gucky grinste über seinen gesamten riesigen Nagezahn. Oder glaubst du etwas, dass ich alles erfahre, was mein Sohn anstellt?“
„Sicher nicht“, gab Perry zu.
Der Interkomsummer unterbrach das Gespräch.
„Sir“, meldete Mrs. Miller, „Lordadmiral Atlan und Solarmarschall Mercant bitten um ein Gespräch. Es geht um die neuesten Nachrichten von den Freihändlern.“
Perry fühlte sich, als ob ihn eine kalte Dusche getroffen hätte. „Nicht schon wieder“, stöhnte er. Die bringen mich irgendwann noch mal zum Wahnsinn. Eines Tages reizen die mich so, dass ich den Laden höchstpersönlich komplett auseinandernehme.“
Bully lachte. „Was hast du nur gegen diese charmanten Gauner. Mir sind sie irgendwie sympathisch. Ohne sie wären die Nachrichten in der Presse noch langweiliger. Sie sorgen jedenfalls dafür, dass ich in diesem verdammten Job auch mal lachen kann.“
„Gauner, du sagst es.“ Perry holte tief Luft und versuchte seine Gefühle wieder ins Lot zu bringen. Erst wieder diesen Schmerz über das Verschwinden von Michael – dann als „Kontrastprogramm“ der Ärger über diese Freihändler, die immer unverschämter wurden. Äußerlich wurde sein Gesicht zu der Maske, die seine Freunde sehr gut kannten, wenn es innerlich in ihm brodelte.
„Mrs. Miller, herein mit den Herren.“
Zu seiner Tochter gewandt, fuhr er fort: „Suzan, du kannst gerne hierbleiben. Falls dich die Freihändler nicht zu sehr langweilen oder genau wie mich fürchterlich ärgern.“
Die junge Frau lächelte hintergründig. „Ich werde ein wenig einkaufen gehen, Dad.“
Perry musterte sie aufmerksam. „Welche Gedanken wälzt du hinter deinen schönen Stirn, liebe Tochter? Soll ich schon wieder einmal etwas nicht wissen?“
„Vielleicht, Dad. Lass es gut sein. Du weißt doch, ich habe meine kleinen Geheimnisse.“
Automatisch blickte Perry zu Gucky. Der zuckte nur mit den Schultern.
Suzan lächelte noch geheimnisvoller. „Lass es, Dad. Gucky kann nichts lesen. Dagegen bin ich präpariert. Mike ja auch, wie du weißt.“
Perry konnte das leichte Frösteln nicht unterdrücken. Er mochte gar nicht mehr daran denken, wie sein Sohn ihm nach überstandener Operation ganz ruhig, als ob er gerade von einem Spaziergang im Grünen käme, mitteilte, dass er sich einer Mentalstabilisierung unterzogen hatte. Nicht nur an seine nachträgliche Angst erinnerte er sich so genau – auch, dass der Junge ihn nicht vorher ins Vertrauen gezogen hatte, verletzte ihn immer noch …
Guckys Antwort lenkte ihn von seinen Erinnerungen ab. „Außerdem würde ich in diesem Fall schweigen wie ein Grab. Tut mir leid, Boss. Das ist für mich Ehrensache.“
Ja, das war es für den Kleinen. So sehr er auch spionierte, so vertraulich behandelte er das, was er in den Gedanken las. Deshalb störte es ihn selbst nie, genauso wenig wie es Mike jemals gestört hatte …
„Lasst uns endlich zum Tagesgeschäft kommen.“ Sein Ärger auf die Freihändler half ihm, seine Gedanken wieder auf das Aktuelle zu richten.
Der Arkonide Atlan und Allan D. Mercant, Abwehrchef des Solaren Imperiums, betraten lächelnd das Büro des Großadministrators auf dem offiziellen Weg über das Vorzimmer der Sekretärin. Mrs. Miller hatte beide schon über den Besuch von Perrys Tochter informiert.
Während Mercant Suzan nur sehr herzlich begrüßte und sich dann gleich seinem höchsten Chef zuwandte, musterte Atlan die junge Frau forschend, während er sie an sich zog und umarmte.
„Fertig mit der Musterung?“, zog sie ihn ironisch auf.
Atlan grinste nur.
Aha, der alte Admiral ist immer noch ein guter Psychologe, spottete sein Extrasinn. Er ging nicht darauf ein.
„Sorgen?“, fragte er schlicht. „Du und dein Mann oder Michael?“
„Michael.“ Suzan wurde sehr ernst. „Aber er will keine Hilfe, von niemandem. Auch nicht von dir, Lehrmeister. Ich mache mir Sorgen um ihn.“
„Also ist er wieder einmal dabei, sich die Finger zu verbrennen“, stellte Atlan nüchtern fest. „Machst du mir heute Abend die Freude, mit mir im Galaxa zu essen? Oder wird dein Mann dann eifersüchtig?“
Suzan blickte vorsichtig nach ihrem Vater, der schon im Gespräch mit dem Abwehrchef vertieft war.
„Perry ist heute Abend verhindert.“ Atlan erriet ihre Gedanken, ohne dass sie sie aussprechen musste. „Der Herr Großadministrator und der Herr Staatsmarschall haben eine offizielle gesellschaftliche Verpflichtung, der sie sich nicht entziehen können. Sogar in Paradeuniform, die beide so sehr ‚lieben‘.“ Atlan konnte den Zynismus in seiner Stimme kaum unterdrücken. „Als Chef der USO ist meine Anwesenheit dabei nicht unbedingt erforderlich. Also erspare ich es mir.“
„Dann freue ich mich sehr darauf. Nein, Geoffry wird nicht eifersüchtig. Er weiß ja, dass du nicht versuchst, seine Frau zu verführen.“
Atlan, der sich seiner Wirkung auf Frauen durchaus bewusst war und den entsprechenden Ruf genoss, lächelte milde. „So schön wie du geworden bist, könnte ich auf die Idee kommen. - Aber keine Sorge, Krausnase, als Tochter meines besten Freundes bist du für mich tabu. - Ich hole dich um 20.00 Uhr, einverstanden?“
Suzan nickte und verabschiedete sich schnell von den anderen.
Sie hat es aber eilig, kommentierte der Extrasinn. Als ob sie auf keinen Fall etwas mit dem Thema „Freihändler“ zu tun haben will.
Ist mir auch aufgefallen, gab Atlan in stummem Zwiegespräch zurück.
Gucky schloss sich Perrys Tochter an. „Mir ist das Thema Freihändler auch zu langweilig“, meinte er. „Willst du gleich zum Einkaufen oder hast du Lust, noch auf einen Sprung mit zu mir zu kommen? Iltu freut sich bestimmt darauf, dich wieder einmal zu sehen – und mein Sohn ganz bestimmt.“
„Klar, Gucky. Dann kann ich mich mal wieder unbeschwert an die schöne Kinderzeit von Mike und mir erinnern.“
Der Mausbiber erfasste ihre Hand und beide verschwanden zusammen. Mit einem kleinen „Plopp“ schoss die Luft in das entstehende Vakuum.

**********

Allan D. Mercant sah mit seinem schütteren Haarkranz eher wie ein gutmütiger Pensionär als wie der Chef des zweitmächtigsten Geheimdienstes der Galaxis aus.
„Wollen Sie beginnen, Atlan?“, fragte er den Arkoniden. „Leider muss ich zugeben, dass Ihre Spezialisten mehr zu unserem Informationsstand beitragen konnten als meine Agenten.“
Säuerlich verzog er das Gesicht. Perry und Bully lächelten. Die gutmütige Rivalität zwischen den Diensten war ihnen bekannt. Genauso wussten sie auch, dass beide im Gefahrenfall ohne Einschränkungen Hand in Hand arbeiteten und sich gegenseitig mit den nötigen Informationen versorgten – zum Wohle des Solaren Imperiums.
„Ihr erinnert euch sicherlich, dass kurz nach der gemeinsamen Werbeaktion von Flotte und USO an der Raumakademie auf dem Mars im letzten Jahr eine USO-Kommandantin und ihr kompletter Offiziersstab zu den Freihändlern wechselten. Nicht nur die kosmonautischen Offiziere, sondern auch die technischen Leiter. Vorausgegangen war ein völlig aus dem Ruder gelaufener Einsatz von drei äußerst erfahrenen Spezialisten. Sie sollten diesen Roi Danton, den Befehlshaber der Freihändler, nach Quinto-Center bringen – und das nicht als Gefangenen, sondern als meinen persönlichen Gast. Irgend etwas ist da so schief gelaufen, dass ich es bis heute nicht nachvollziehen kann.
Perry Rhodan verzog missmutig das Gesicht. „Erinnere mich bloß nicht daran. Nicht nur, dass wir keine der neuen Absolventen für uns gewinnen konnten, entkommt nicht nur dieser Danton, sondern die Offiziere des Entführungskommandos laufen ihm gleich hinterher.“
„Als ob diese Gauner zaubern könnten“, warf Bully ein. Sein Gesicht glich schon wieder einer hochroten Tomate.
„Zaubern mit Sicherheit nicht“, meinte Mercant. „Denken Sie an Ihren Blutdruck, Reginald. - Aber ich bin mir immer sicherer, dass gerade dieser Danton über Trümpfe verfügt, die wir bisher nicht kennen. Mir kommt so einiges an ihm und seiner Handlungsweise sehr dubios vor. Es passt nicht zu dem, was wir bisher von den Freihändlern kennen.“ Er blickte provozierend in die Runde. „Und ich möchte darüber Genaueres wissen. Ich kenne unsere Gegner gerne genauer.“
Atlan musterte ihn abwägend. „Wer sagt Ihnen, dass die Freihändler unsere Gegner sind, Allan?“
„Die Tatsache, dass sie sich nicht unter die Gesetze des Imperiums stellen lassen, sondern darauf beharren, eine unabhängige Organisation mit eigenen Statuten zu sein.“
„Das ist nicht verboten.“ Atlan lehnte sich gemütlich zurück. „Außerdem scheint in den letzten Monaten bei den Händlern immer mehr Ruhe einzukehren. Dieser Fürst Danton hält die Zügel recht fest in der Hand, ungewöhnlich bei einem derart jungen Mann. Er scheint kaum älter als 30 Jahre zu sein, eher noch ein wenig jünger. Außerdem ist jene Raumschiffskommandantin, Major Beatrice Wood, inzwischen Befehlshaberin des Sicherheitsdienstes und nur Roi Danton direkt unterstellt und ihm verantwortlich, noch nicht einmal mehr dem Kaiser Boscyk, wie meine Spezialisten ermittelten. - Ihr genaues Alter kennen wir dagegen. Sie ist jetzt 29 Jahre alt. Sie gehörte zu unseren jüngsten Kommandanten. Es zeigt sich immer mehr, dass es richtig war, sie nicht zur Verantwortung zu ziehen, sondern ihr den ehrenvollen Abschied zu erteilen. - Obwohl du sie damals als Deserteurin am liebsten vor ein Kriegsgericht gestellt hättest, Barbar.“
Er musterte seinen Freund eindringlich.
„Ich sehe ein, dass du damals recht hattest“, gab Perry unwillig zu. „Obwohl ich immer noch nicht verstehe, wieso sie zu den Freihändlern wechselte.“
„Sie hatte persönliche Gründe“, meinte Atlan. „Obwohl ich glaube, dass da noch mehr hinter steckt als das, was ich weiß. Aber ich habe ihren Wunsch, diese Gründe auch mir nicht zu nennen, respektiert.“ Seine ganze Haltung drückte aus, dass er nicht bereit war, mehr darüber zu sagen.
„Meine Spezialisten haben ermittelt, dass Fürstin Wood, wie sie nach dem Sprachgebrauch der Freihändler jetzt genannt wird, genau so wenig mit sich spaßen lässt wie Roi Danton. Sie soll schon einige, die glaubten, mit einer Frau leichtes Spiel zu haben, eines Besseren belehrt haben. Die beiden räumen mit eiserner Hand auf, wie deine Vorfahren auf diesem schönen Planeten früher sagten.“
„Und trotzdem laufen immer mehr gute Raumfahrer scharenweise zu den Freihändlern“, brachte Bully es auf den Punkt. „Gerade das verstehe ich nicht. Die wissen, dass sie unter Dantons Kommando Disziplin erwartet, genau wie bei der Flotte – und trotzdem gehen sie.“
„Gerade das interessiert mich auch so.“ Hilflos hob Mercant die Hände. „Deshalb habe ich eine psychologische Auswertung über Fürst Danton erstellen lassen, so weit das unseren besten Kosmopsychologen überhaupt möglich war, ohne sich direkt mit ihm zu unterhalten. Sie sind zu seinem erstaunlichen Ergebnis gekommen. - Demnach hat er nämlich ein Führungscharisma, das für einen so jungen Mann ganz außergewöhnlich ist. Er versteht es, Menschen für ein Ziel zu begeistern.“
Er räusperte sich. „Ein Zusatz hat mir sehr zu denken gegeben, Sir. Die Kosmopsychologen meinen, er müsse sehr viel von diesen Eigenschaften schon von seinen Eltern mitbekommen haben.“
Atlan hatte plötzlich das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben. Aber noch schloss sich der Kontakt in seinem fotografischen Gedächtnis nicht. Der Extrasinn blieb auch noch stumm.
„Ist bekannt, ob er Terraner ist oder Kolonialterraner?“, fragte er tonlos.
Mercant hob hilflos die Schultern. „Nein, leider nicht. Er kann genauso gut reiner Terraner sein wie z.B. Plophoser, oder nur zur Hälfte. Es ist nur klar, dass er kein Umweltangepasster ist.“
„Und was steht noch in dem Zusatz?“ Atlan wurde immer unruhiger. Seine Augen tränten, bei ihm ein Zeichen höchster Erregung. Die anderen registrierten es, sagten aber noch nichts.
Mercant antwortete ganz leise: „Dass sein Führungscharisma es durchaus mit dem von Ihnen, Sir“, er wandte sich Perry und Bully zu, „sowie Ihnen, Atlan, aufnehmen kann. Da er so jung ist und das kaum in seiner Lebenserfahrung begründet sein kann, ist es ihm eindeutig in die Wiege gelegt worden. Da wir aber über seine Herkunft schon nichts herausbekommen konnten, werden wir bei seinen Eltern noch mehr im Dunkeln tappen.“
„Dann können wir nur hoffen, dass die Freihändler nicht eines Tages als Gegner vor unserer Haustür stehen“, stellte Perry sehr logisch fest.
Atlan schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Alle Anzeichen deuten gerade auf das Gegenteil hin. Neuerdings sollen die Freihändler sogar zusätzlich zu ihren Statuten auf die Gesetze des Imperiums vereidigt werden.
Atlan sah sich um. Er genoss die Verblüffung der anderen. Das hatten Mercants Agenten nicht ermittelt!
„Lasst die Freihändler machen“, fuhr der Lordadmiral fort. „Bei meinem letzten Gespräch habe ich Fürstin Wood persönlich versprochen, die Freihändler seitens der USO nicht mehr zu belästigen, sobald ich sehe, dass ihr Chef und sie für Ordnung sorgen. Der Fall dürfte nun wohl gegeben sein. Deshalb habe ich gestern die Anweisung erteilt, alle Einsätze, die mit den Freihändlern zu tun haben, zu beenden. Ich traue beiden.“
„Mich interessiert viel eher, wieso es weder der Abwehr noch der USO bisher gelungen ist, diesen Roi Danton zu fassen“, meinte Bully gedehnt. „Wo hat es das bisher schon einmal gegeben, dass eine Zielperson über Monate und Jahre beiden Diensten immer wieder durch die Lappen gegangen ist? Ich kann mich bisher nicht daran erinnern – und wir sind alle schon einige Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt. Mir kommt es vor, als ob er immer schon vorher weiß, wann und wie wir ihn fassen wollen. Aber das ist unmöglich. Hier gibt es keinen Verräter. Also frage ich noch einmal: kann dieser Fürst Danton zaubern?“
Atlan glaubte in diesem Augenblick, in ein riesiges schwarzes Loch zu fallen. In dem gleichen Moment, in dem er die Tragweite von Bullys Äußerung begriff, meldete sich sein Extrasinn mit seiner unbestechlichen Logik: Doch, es gibt einen Verräter unter euch. Der sitzt dir gegenüber: dein bester Freund Perry Rhodan! Er redet mit seiner Frau über eure Pläne, die sagt es ihrer Tochter – und die hat Kontakt zu ihrem Bruder. Roi Danton ist Michael Rhodan! Hast du noch irgendeinen Zweifel daran, du Narr?
Nein, Atlan hatte keinen Zweifel mehr daran. Wieso war er nicht schon länger darauf gekommen? Jetzt, wo die Wahrheit so glasklar vor ihm lag? Da rühmte er sich eines unbestechlichen Extrasinns und eines fotografischen Gedächtnisses und eines so überaus guten Einfühlungsvermögens – außerdem kannte er den verschwundenen jungen Mann viel besser als jeder andere hier am Tisch – sogar als sein eigener Vater! Wieso hatte er ihn nicht erkannt? Und wieso hatte der Extrasinn nicht schon früher den richtigen Schluss gezogen? Wieso
Ganz einfach, Admiral. Weil du selbst Michael so viel beigebracht hast, dass er auch sehr viel von deiner eigenen Lebenseinstellung übernommen hat. Und genau damit konnte er euch alle austricksen. So einfach ist das …
So einfach ist das … Atlan fasste sich schnell wieder. Ein kurzer Seitenblick auf den Abwehrchef zeigte ihm dessen leichenblasses Gesicht. Aber auch er hatte sich sofort wieder in der Gewalt. Atlan war klar, dass Mercant auch genau in diesem Augenblick erkannt hatte, wer der Befehlshaber der Freihändler war. Aber Atlan wusste genau, dass der Abwehrchef Michael ebenso wenig an seinen Vater verraten würde wie er selbst. Sie verstanden den jungen Mann beide, sehr gut sogar.
Sein Blick auf Perry und Bully beruhigte ihn. Sie hatten anscheinend den richtigen Gedanken nicht … noch nicht …
Mercant verständigte sich mit einem kurzen Blick mit Atlan.
„Ich empfehle, dem Beispiel der USO zu folgen“, lenkte er das Gespräch auf eine andere, weniger emotionale Schiene. „Der Personalaufwand würde finanziell in keiner Relation zum Ergebnis stehen. Obwohl die Wirtschaftsmacht des Imperiums ihresgleichen sucht, müssen auch wir wirtschaftlich handeln und ich bin mit meinem Etat gegenüber unserem Finanzminister verantwortlich.“
Atlan atmete auf, als Perry und Bully sich mit der Finanzfrage ablenken ließen. Er und Mercant verständigten sich mit keiner weiteren Geste. Sie wussten, was sie voneinander zu halten hatten.
Atlans tränende Augen beruhigten sich wieder. Er hatte seine Emotionen wieder so im Griff, wie man es von dem alten Arkonidenadmiral erwarten konnte.
Perry seufzte. „Also gut. Ihr habt mich überzeugt. Ich kann es auch nicht verantworten, Millionen Solar aus dem Fenster zu werfen. Also dann. Aber wehe, dieser Danton ...“
Er sprach nicht aus, was er dachte. Atlan sagte seelenruhig in die Stille: „Dann mögen ihm alle Sternengötter gnädig sein. Dann werde ich mich persönlich mit ihm befassen – und das wird er im Extremfall nicht überleben.“
Mit Wehmut erinnerte er sich immer noch an die einzige der beiden Frauen, die er in seinem langen Leben wirklich geliebt hatte: Mirona Thetin, Faktor I der Meister der Insel. Er hatte sie töten müssen, weil sie das Solare Imperium vernichten wollte.
Michael Rhodan wird nie gegen das Solare Imperium kämpfen, sagte er sich.
Sonst hättest du ihn nicht so gut ausgebildet, bestätigte der Extrasinn ohne Zögern.
Die anderen blickten betreten zu Boden. Diese Drohung von Atlan – jeder wusste, was sie bedeuten konnte. Und gerade damit entfernten sich ihre Gedanken noch weiter von Michael Rhodan. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass Atlan gegen ihn kämpfen müsste …
Mercant lächelte fein vor sich und machte keine Anstalten, seine Plastikfolien zusammenzuraffen.
„Was ist denn noch, Allan?“, fragte Perry ahnungsvoll.
„Ich habe es auch nicht geglaubt, als meine Agenten es mir berichteten, Sir. In knapp zwei Wochen gibt es auf Olymp, der Zentralwelt der Freihändler, die wir leider immer noch nicht kennen, ein großes historisches Fest.
„Na, und?“ Perry zuckte nur die Schultern. „Da diese Gauner in historischen Kostümen herumlaufen, ist daran wohl nichts Besonderes, oder?“
„Im Prinzip nicht. Aber diesmal doch. Fürst Danton wird in einer feierlichen Zeremonie zum ‚König‘ der Freihändler gekrönt. Kaiser Boscyk will sich ins Privatleben zurückziehen und übergibt ihm damit die Organisation der Freihändler. Damit er auch offiziell der alleinige Befehlshaber der Organisation, was er de facto schon länger zu sein scheint. Er wird also zukünftig so einiges auf der galaktischen Bühne mitzureden haben..“
„Oh, je!“ Bully öffnete den Mund und stieß laut die Luft aus. Es hörte sich wie ein explodierender Dampfkochtopf aus alten Zeiten an. „Das glaube ich jetzt nicht wirklich.“
„Können Sie aber“, gab Mercant ein wenig pikiert zurück. Er fühlte sich in seiner Ehre angegriffen. „Ich würde meinen Agenten nicht raten, mir erfundene Geschichten zu erzählen. Die Meldung habe ich aus verschiedenen Teilen der Galaxis erhalten, sogar von Arkon.“
„Meine Spezialisten genauso“, warf Atlan trocken ein.
So ein Auftritt passt zu deinem Schüler, meinte der Extrasinn spöttisch.
„Und nun?“ Perry war sichtbar ratlos.
„Gar nichts und nun“, meinte Atlan nur. „Wir können nur abwarten. Dass wir nicht zu den Krönungsfeierlichkeiten eingeladen werden, sollte uns wohl klar sein. Dafür aber viele Journalisten von allen möglichen Nachrichtensendern.“
„Ist das nicht eine gute Gelegenheit, die Position von Boscyks Stern in Erfahrung zu bringen?“
„Unmöglich“, konterte Atlan. „Die Berichterstatter werden auf bestimmten Planeten, die als Sammelpunkte dafür gelten, von Schiffen des Sicherheitsdienstes der Freihändler aufgenommen und haben keinen Zutritt zur Kommandozentrale. Die Burschen können schließlich auch denken.“
Und Michael wäre nicht mehr der, den ich kenne, wenn er da nicht vorsorgt, dachte er bei sich.
„Bestechung?“, fragte Perry. „Ein paar Agenten, als Reporter getarnt einschleusen und mit Bestechungsgeldern locken? Ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder andere Freihandelskapitän nicht abgeneigt ist.“
Atlan schüttelte milde lächelnd den Kopf. „Ein Freihandelskapitän, der die Position des Zentralplaneten preisgibt, verstößt gegen seine Ehre – und die wird bei denen ganz großgeschrieben. Ich habe mich etwas näher mit ihren Gebräuchen beschäftigt. Aussichtslos.“
Perry wandte sich an den Abwehrchef. „Auch, wenn unser Beuteterraner so sicher ist, machen Sie trotzdem einen Versuch. Schleusen Sie ein paar Ihrer Leute beim größten Nachrichtensender ein.“
Mercant nickte zögernd. Atlan schüttelte den Kopf. „Dann verbrennt euch doch die Finger. Terranische Höhlenwilde lernen es wohl nie. Worum wollen wir wetten, dass eure Agenten enttarnt werden?“
Vorsicht, meldete sich der Logiksektor mit einem scharfen Impuls. Übertreibe nicht. Ihr habt ihn gerade erst abgelenkt. Mach ihn nicht wieder aufmerksam!
Nein, keine Sorge, gab Atlan zurück. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass alles, was wir im Moment besprechen, heute Abend schon bei Michael landet … Man könnte wirklich nur noch lachen …
Gelassen lehnte Atlan sich in seinem Stuhl zurück. „Sobald dieser Danton König der Freihändler ist, werde ich mich persönlich seiner annehmen. Er wird mir nicht mehr ausweichen können, das verspreche ich euch.“
Bully wurde schon wieder hochrot, Mercant versuchte Atlan einen missbilligenden Blick zuzuwerfen, den dieser geflissentlich ignorierte – und Perry meinte gedehnt: „Wenn ich nicht wüsste, dass du immer loyal zur Menschheit gestanden hast … Sein Euer Erhabenheit wieder einmal so sehr von sich eingenommen oder haben Seine Erhabenheit einen Trumpf im Ärmel, den er uns kleinen Emporkömmlingen nicht verrät?“
„Beides“, antwortete Atlan plötzlich sehr gut gelaunt.“
Atlan und Suzan Betty Rhodan-Waringer lehnten sich nach dem exzellenten Abendessen bequem auf ihren Stühlen zurück und musterten die beleuchtete Skyline von Terrania-City. Aus dem 35. Stock des Regierungstowers immer wieder ein phantastischer Anblick.
Der Arkonide hatte die junge Frau wie versprochen mit seinem Gleiter zu Hause vom Bungalow ihrer Eltern am Goshun-See abgeholt. Suzan hatte sich mit Sorgfalt chic und modisch zurechtgemacht. Atlan trug einen eleganten hellgrauen Seidenanzug, mit dem sein schulterlanges silberweißes Arkonidenhaar gut harmonierte.
Als sie das Galaxa betraten, registrierten beide die bewundernden Blicke, die die anderen Gäste ihnen zuwarfen. Ein Mann, der sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst war und eine junge, chice Frau mit herber Schönheit zogen natürlich die Blicke an.
Der Kellner führte sie zu dem von Atlan vorbestellten Tisch direkt am Fenster. Das Restaurant selbst gab es, seitdem der Tower in den ersten Tagen der Dritten Macht Ende des 20. Jahrhunderts fertig gestellt worden war. Seitdem immer im Besitz der Gründungsfamilie geblieben, die schon damals den Visionen von Perry Rhodan gefolgt war, wurde es von Mitgliedern der Regierung genauso wie von hochrangigen Militärs und Wirtschaftsbossen gleichermaßen wegen der hervorragenden Speisen und Getränke wie der Diskretion geschätzt.
Atlan wählte bei seinen Besuchen, egal in welcher Begleitung er war, immer diesen Tisch am Fenster. Er liebte den fantastischen Ausblick auf die Stadt herunter.
Während des köstlichen Essens beobachtete Atlan die Tochter seines besten Freundes genau. Sie wirkte auf der einen Seite unendlich glücklich, auf der anderen konnte sie nur schwer ihre Sorgen verbergen. Da Atlan ihren Zwillingsbruder sehr genau kannte, konnte er sich gut vorstellen, dass Michael wieder einmal in ein Wespennest gestochen hatte – wie so oft schon in seiner Jugend, wenn er sich in Dinge eingemischt hatte, bei denen ein Junge seines Alters nun wirklich noch nichts zu suchen hatte.
„Ich gehe davon aus, dass du mit deinem Mann sehr glücklich bist“, eröffnete Atlan vorsichtig das Gespräch, nachdem der Kellner die Teller abgeräumt und das köstliche Dessert aufgetragen hatte.
Suzan lächelte versunken. „Ja, Geoffry und ich lieben uns wir am ersten Tag.“
Atlan lächelte warm. „Das freut mich für euch. Ich hatte es nicht anders erwartet. Forscht er immer noch an Dingen, die seine Kollegen für unmöglich halten?“
Suzan lachte glockenhell. „Das hört sich von dir ja richtig freundlich an. Dad hält ihn immer noch für einen Phantasten.“
„In diesem Punkt unterscheiden sich die Meinungen deines Vaters und meine vollständig.“
Suzan wurde schlagartig ernst. „Geoffry hat schon so einige Erfindungen gemacht, die bahnbrechend sind. - Am meisten profitiert Mike von seinen Arbeiten.“
Atlan nickte nur, ging aber nicht auf das Thema ein.
„Aber zum Thema, Krausnase. Welche Sorgen hat Mike?“
Suzan zuckte etwas zusammen, als Altan so plötzlich und direkt auf das eigentliche Thema ihres Treffens zu sprechen kam.
Obwohl niemand sie hören konnte, weil jeder Tisch mit einer energetischen Schallschutzmauer abgeschirmt war, der nur die leichte Unterhaltungsmusik von außen durchließ, senkte sie die Stimme: „Mike werden bei seinen Plänen riesige Steine in den Weg gelegt. Es hat sogar schon einige Mordanschläge auf ihn gegeben.“
Atlan zuckte zusammen. Damit hatte noch nicht einmal er gerechnet. Er wartete, bis Suzan fortfuhr, ignorierte die Aussage seines Extrasinns: Dann hat Michael sich wohl schon wieder die Finger verbrannt.
„Ich habe meinem kleinen Bruder immer wieder gesagt, er soll sich zumindest dir anvertrauen und dich um Hilfe bitten. Er kann darauf vertrauen, dass du ihn nicht an Dad verrätst.“
Der Arkonide schüttelte den Kopf. „Verschwende deine Energie nicht weiter darauf, ihn überzeugen zu wollen. Er ist stur, gerade in diesen Dingen. Du und ich wissen das am besten. - Und du meinst, er schafft es nicht ohne Hilfe?“
„Ja. Seine Gegner kämpfen mit unfairen Mitteln. Leider ist es ihm bisher nicht gelungen, die Drahtzieher ausfindig zu machen. Es handelte sich immer um gedungene Mörder, die sich nach den zum Glück immer misslungenen Attentaten selbst umbrachten – mit klassischem Zyankali! Die Überprüfung der Attentäter durch den plophosischen Sicherheitsdienst blieb bis jetzt erfolglos. Alles unbescholtene Männer und eine Frau, die ihr Leben bisher in irgendwelchen Büros verbrachten. Keiner von ihnen hatte ein Motiv.“
„Und nun hast du das Gefühl, dass die Sache Mike über den Kopf wächst“, brachte Atlan es mit ausdruckslosem Gesicht auf den Punkt.
Suzan begann zu weinen. Das gab Atlan sehr zu denken. Er kannte die junge Frau fast genauso gut wie Michael. Beide waren nicht die Typen, bei jeder Kleinigkeit aufzugeben oder in Tränen auszubrechen – im Gegenteil! Sie hatten eine militärische Ausbildung hinter sich, waren Leutnant der Reserve, Michael bei der USO, Suzan in der Plophosischen Flotte. Auch ein Nahkampf- und Überlebenstraining hatten sie absolviert, Suzan ohne besondere Ereignisse auf Plophos, Michael als wahren Höllentripp auf Quinto-Center.
Stumm reichte er ihr ein Taschentuch. Sie nahm es dankbar an und flüsterte mit einer müden Geste ihrer Hände: „Mike meint, wenn er sich von dir helfen lassen würde, dann versagt er vor sich selbst.“
Atlan lächelte. „Sieh an. Darin unterscheidet er sich nicht von seinem Vater. Aber sogar dieser kleine Barbar, der die Ehre hat, mein Freund zu sein, musste hin und wieder einsehen, dass es nicht ganz ohne die Hilfe von Freunden geht. Auch dein Bruder wird das früher oder später einsehen müssen. Da ich aber nicht bereit bin, so lange zu warten, bis er durch seine Sturheit umkommt, wird ein alter arkonidischer Admiral etwas unternehmen.“
„Wie ...“, begann Suzan, um entsetzt abzubrechen. Atlan lächelte milde, als er ihre weit aufgerissenen Augen sah.
„Lassen wir das Versteckspiel, Suzan. Ich weiß, dass dein Bruder sich jetzt Roi Danton nennt und in einigen Tagen zum König der Freihändler gekrönt wird. Leider habe ich es erst viel zu spät gemerkt. Das kann der Bursche als Kompliment für sein Vorgehen auffassen.“
„Aber ...“ Suzan wurde von Atlan schon im Ansatz unterbrochen.
„Nun hör einmal gut zu, kleine Höhlenwilde. Um dich zu beruhigen: du hast deinen Bruder nicht verraten, auch nicht unbewusst. Ich weiß, dass Mike dir absolut vertraut. Also mach dir keine Sorgen.“
Suzan nickte mühsam beherrscht. „Wie soll ich meinem Bruder beibringen, dass du ihn erkannt hast?“
„Gar nicht. Du wirst doch sicherlich bei Mikes Triumph nicht fehlen wollen?“
„Natürlich nicht.“ Sie lächelte warm, als sie an das bevorstehende Fest dachte. „Ich fliege mit Mutter und Geoffry zusammen von Plophos nach Olymp. Wir haben uns schon eine schöne Maske ausgedacht. Mam tritt als ihre eigene Sekretärin auf, Geoffry als Wissenschaftlicher Offizier und ich als Informationsoffizier.“
Atlan konnte das leise Lachen nicht unterdrücken, wurde aber sofort wieder ernst. „Bitte seid vorsichtig, dass man eure Masken nicht durchschaut. Der Obmann von Plophos ist so bekannt wie ein bunter Hund, wenn du mir diesen altterranischen Ausspruch gestattest.“ Er nahm die Hand der jungen Frau in seine und blickte sie intensiv an. „Bis dahin wird Michael wissen, dass ich ihn enttarnt habe. Ich habe so meine Möglichkeiten, um ihm das mitzuteilen. Dann kannst du ihm ganz entspannt von unserem Gespräch hier berichten. Einverstanden?“
Suzan nickte stumm. Die Tränen trockneten langsam auf ihrem Gesicht.
„Was ist mit Beatrice Wood, der Sicherheitschefin der Freihändler?“, fuhr Atlan sachlich fort. „Sie ist die rechte Hand von Michael bei der Reorganisation der Freihändler. Seit wann weiß sie, wer Roi Danton ist?“
Suzan schüttelte leicht den Kopf. „Das soll sie dir selbst sagen, Atlan. Sie ist meine Freundin und vertraut mir genauso wie Mike.“
Atlan winkte leicht ab. „Geschenkt. Ich ahne etwas. Wenn meine Vermutung richtig ist, wird sie eine verdammt gute Erklärung brauchen.“
Die solltest du dir gegenüber auch brauchen, du Narr, meldete der Extrasinn sich wieder zu Wort. Wenn du früher auf die richtige Idee gekommen wärst, hättest du dem Solaren Imperium einige Peinlichkeiten damals ersparen können.
Atlan antwortete nicht. Er wusste genau, dass der Logiksektor recht hatte. Eigentlich musste er selbst sich den größten Vorwurf machen, dass er Michael nicht schon früher erkannt hatte. Er selbst hatte diese Peinlichkeiten damals nach der misslungenen Werbeaktion an der Marsianischen Raumakademie zu verantworten.
Wütend auf sich selbst schüttelte er die Gedanken ab.
„Wer außer ihr bei den Freihändlern weiß noch, wer Roi ist?“, fragte er weiter.
„Kaiser Boscyk und zwei Fürsten, die ihm den Kontakt zu ihrer Organisation überhaupt erst ermöglicht haben. Er kennt sie schon von gewissen Abenteuern damals als Jugendlicher.“
„Von seinem Wahnsinnsflug zusammen mit dem Reeder Imman Coledo, der selbst auch Freihändler ist.“
Atlan lächelte zufrieden über Suzans erstauntes Gesicht. „Ihr solltet die USO und mich nicht unterschätzen. Natürlich weiß ich schon länger, dass Coledo bei den Freihändlern als Edelmann geführt wird.“
„Vater und die Abwehr?“, fragte Suzan vorsichtig.
„Krausnase, dein Vater und die Abwehr müssen nicht alles wissen, was ich weiß.“
Erstmals entspannte sich Suzans Gesicht wieder. Der Großreeder Imman Coledo, der auch Schiffe für die Solare Flotte baute, gehörte zum privaten Bekanntenkreis der Familie Rhodan. Nicht auszudenken, wenn Perry Rhodan wüsste, dass ein Freihändler in seinem Haus verkehrte …
Atlans rotgoldende Augen schienen Ähnlichkeit mit klirrendem Eis zu haben, als er seine nächste Frage stellte: „Jetzt will ich genau wissen, welche Probleme Michael hat!“
Suzan holte tief Luft und und berichtete dem Arkoniden in kurzen, knappen Worten, welche Probleme ihr Bruder mit den Beiräten der Freihändler-Organisation hatte. Diese hatten das Recht, jede seiner Entscheidungen durch Mehrheitsbeschluss mit ihrem Veto zu blockieren. Erst mit der offiziellen Krönung zum König der Freihändler würde dieses Veto-Recht erlöschen. So war es von Kaiser Boscyk festgelegt worden, als er Michael zu seiner rechten Hand und zum Befehlshaber der Händlerorganisation ernannte.
„Dachte ich es mir doch“, sinnierte Atlan leise. „So dumm konnte Lovely Boscyk auch nicht sein, dass er Michael ohne Einschränkungen den Befehl über die Organisation überlässt, auch wenn er der Sohn von Perry Rhodan ist. Er musste ihn erst einmal richtig kennenlernen. Die Krönung und die daraus folgende Änderung der Hierarchien ist sein letzter und absoluter Vertrauensbeweis. Das heißt, Mike hat sich in seinen Augen bewährt.“
Suzan berichtete auf Bitten des Arkoniden weiter über Einzelheiten. Er stellte an bestimmten Stellen Ergänzungsfragen und beleuchtete die ganze Sache damit unter Aspekten, an die auch sie als ausgebildete Mathelogikerin noch nicht gedacht hatte.
„Damit sind die Beiräte als Hintermänner immer wahrscheinlicher, obwohl bis jetzt keine Beweise dafür vorliegen. Sobald der König seine Krone hat, sind die machtlos. Was geschieht, wenn Roi ausfällt? Ist daran gedacht worden, auch das zu regeln?“
„Ja.“ Suzan nickte beherrscht. „Sollte Mike ausfallen, übernimmt so lange die Sicherheitschefin seine Vertretung, mit genau den gleichen Befugnissen wie er. Da hat Mike schon rechtzeitig dran gedacht.“
„Gut. Wie ist es, falls er völlig ausfällt?“
„Du meinst …?“
„Genau das. Da müssen wir auch drüber sprechen, so leid es mir tut. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt.“
„Kaiser Boscyk möchte sich ins Privatleben zurückziehen. Das wird er bei der Krönung offiziell verkünden und das wissen auch die Beiräte. Er hat es immer wieder angekündigt und nun ist es so weit.
Beim Tod des von ihm ernannten Königs übernehmen die Beiräte sofort den Befehl über die Organisation. Über den Grund dieser Regelung können wir nur spekulieren. Wahrscheinlich möchte Kaiser Boscyk nicht, dass die Organisation nach Rois Tod an das Solare Imperium bzw. an seinen Vater persönlich fällt. Boscyk trägt zwar die Loyalität zum Imperium mit, aber er möchte nicht sein Lebenswerk dem Imperium einverleibt sehen. Das müssen wir so akzeptieren.“
„Und Michael hat nie versucht, dass zu ändern, obwohl er die Möglichkeit dazu gehabt hätte und immer noch hat?“ Sein Lächeln wurde sphinxhaft.
Suzan war kurz irritiert, kam aber nicht auf den richtigen Gedanken. „Michael respektiert in allem die Entscheidungen des Kaisers. Er verdankt ihm so viel, da wäre es undankbar, ihn zu anderen Entschlüssen drängen zu wollen.“
Atlan lächelte rätselhaft. „Und jeder Versuch, obwohl er die Möglichkeit dazu hätte, alles noch zu ändern, käme ihm als Verrat an seinem väterlichen Freund vor. Um seinen Prinzipien treu zu bleiben, riskiert er sein Leben.“
Atlan schüttelte leicht den Kopf. „Suzan, ich habe mich in deinem Bruder nicht getäuscht und ihn deshalb so intensiv geschult. Das macht mich sehr froh. Er wird niemals gegen das Imperium kämpfen, es sei denn, er wird durch Mittel dazu gezwungen, denen auch er nicht widerstehen kann.“
Atlan ahnte nicht, wie sich diese düstere Möglichkeit in sehr langer Zeit bewahrheiten würde …
„Alles ...“, wiederholte Suzan das merkwürdig betonte Wort von Atlan …
Atlan lächelte schon wieder. „Mike sollte sehr gut auf seinen Robotkaiser aufpassen.“
Suzan unterdrückte nur mühsam einen Aufschrei.
„Warum bist du so schockiert?“, erkundigte Atlan sich seelenruhig. „Ich weiß schon länger, dass Kaiser Boscyk auf Garwinkel zurückblieb. Mike war schlau genug, das nicht publik zu machen. Damals hatten wir nicht nur einen, sondern zwei USO-Spezialisten im Einsatz. Einen hat Mike enttarnen können und der wechselte die Fronten. Allerdings hatte er nicht viel davon, er wurde getötet, obwohl Michael ihn selbst unter Lebensgefahr zu retten versuchte. Der andere kehrte zurück und berichtete. Allerdings wusste er nicht, wer Roi Danton ist. - Was meinst du, warum ich so interessiert daran war, ein Gespräch mit diesem Danton zu führen? Ich wusste genau, wie mächtig dieser Mann durch den Tod von Boscyk war! - Und wie gefährlich er dem Imperium werden konnte.“
„Deshalb“, sinnierte Suzan, „Atlan macht nichts ohne Grund ...“
„Bestimmt nicht. - Bitte denke jetzt ganz genau nach: Wer weiß, dass Boscyk ein Roboter ist?“
Suzan antwortete kurz und knapp: „Geoffry, der hat den Robot schließlich konstruiert.“ Sie lächelte leicht. „Beatrice natürlich und die Offiziere des Sicherheitsdienstes, die mit ihr zusammen von der USO kamen – sowie Mam und Michaels Leibwächter, der Ertruser Oro Masut.“
„Ist das ganz sicher? - Wer kann den Robot steuern?“
„Nur diese Personen.“
„Geoffry soll zusätzliche Sicherheitsschaltungen einbauen. Richte ihm das bitte von mir aus.“
Nun war sie nur noch die eiskalt denkende Mathologikerin. Sie nickte wortlos. Atlan lächelte innerlich. Die Rhodan-Zwillinge entwickelten sich! Er war auf sein Zusammentreffen mit Michael sehr gespannt!
„Kommst du auch mit zur Krönung?“, fragte Suzan.
Atlan überlegte kurz. „Nein. Ich hatte daran gedacht, aber das würde Michael als zu bedrängend empfinden, zumal wir ihn ohnehin erst noch von der Notwendigkeit meiner Hilfe überzeugen müssen. Das wird noch ein schweres Stück Arbeit werden. Ich werde auch nicht versuchen, Spezialisten zu seinem Schutz einzuschleusen. Beatrice kennt die Verhältnisse vor Ort viel besser und kann in diesem Fall mehr ausrichten als wir. Zumal sie von sich aus alles tun wird, um deinen Bruder zu schützen. Sie liebt ihn.“
Atlan genoss Suzans Erstaunen. „Junge Höhlenwilde machen wohl immer wieder den gleichen Fehler: sie unterschätzen ihren alten Lehrmeister“, meinte er milde. „Dein Bruder wird es auch noch lernen, dass es keine Schande und kein Versagen ist, die Hilfe eines uralten Arkoniden-Admirals anzunehmen, sondern lediglich ein Gebot der Vernunft. Hoffentlich steckt er nicht schon zu tief in dem Wespennest, bevor er es endlich begreift!“

**********

Nachdem Atlan die junge Frau wieder am Bungalow ihrer Eltern abgesetzt hatte, kehrte er nicht in sein eigenes Haus in dieser exklusiven Gegend zurück, in der alle Mitglieder der Solaren Führungsspitze ihre Häuser hatten. Er suchte sein Büro in Imperium-Alpha auf, dem Nervenzentrum des Imperiums. Dort begann er sofort mit seinen Nachforschungen. Ein unbestimmter Verdacht, den bis jetzt auch sein Extrasinn nicht konkretisieren konnte, verdichtete sich immer mehr.
Sorgfältig achtete er darauf, seinen Monoschirm nicht zu vernachlässigen, damit Gucky ihn nicht ausspionieren konnte. Er traute dem Kleinen zwar, dass er sein Wissen nicht an Perry Rhodan weitergeben würde, aber er wollte ihn auch nicht in Gewissensnöte bringen.
Dass er selbst seinen besten Freund nicht informierte, war für ihn wieder mal eine Gratwanderung – wie eigentlich immer, seitdem er sich entschlossen hatte, so großen Anteil an der Erziehung von Michael Rhodan zu nehmen. Michael hatte viel mehr von seiner eigenen Lebensanschauung übernommen, als andere ahnten. So war Atlan der Einzige, der wirklich wusste, als wie dominant Michael die reine Existenz seines Vaters empfand, ohne dass dieser überhaupt anwesend war. Allein der Name „Rhodan“ wurde immer mehr zur Belastung für den Jugendlichen und später den jungen Mann. Deshalb hatte er auch seine militärische Ausbildung bei ihm in der USO absolviert und nicht, wie von seinem Vater erhofft, in der Solaren Flotte.
Atlan konnte sich noch sehr gut daran erinnern, wie stolz Michael war, nachdem er seine Ernennungsurkunde zum USO-Leutnant der Reserve aus seinen Händen entgegen genommen hatte.
Du hast Angst um den Jungen, meldete sich der Extrasinn.
Natürlich. Wahrscheinlich hat er sich wieder einmal zu weit vorgewagt. Da ist er genau nach seinem Vater geraten.
Oder er hat es von dir übernommen. Du bist in der Beziehung kein Stückchen besser, stolzer Kristallprinz!
Atlan sparte sich die Antwort. Sein fotografischer Erinnerungsteil bewies ihm jetzt, wie viele Anzeichen es für Michaels Pläne gegeben hatte, sich auf eigene Füße zu stellen – und er hatte es nicht zur Kenntnis genommen.
Nicht zur Kenntnis nehmen wollen, Admiral Atlan!
Atlan fühlte die Wut auf sich selbst wieder in sich aufflammen. Er verstand Michael so gut! Der junge Mann hatte diesen Schritt machen müssen, wenn er geistig nicht verkümmern wollte. Er bewunderte ihn sogar für die Entscheidung – aber er hätte es bemerken müssen!
Das zeigt nur, wie gut du ihn ausgebildet hast. Du kannst wirklich stolz auf deinen Schüler sein! Er hat dieses Mal seinen Lehrmeister ausgetrickst. Das kann dein Stolz natürlich nicht ab …
Atlan beruhigte sich langsam wieder. Jetzt erst verstand er einiges, was ihm bisher rätselhaft gewesen war. Warum Michael unbedingt an dem härtesten Spezialtraining hatte teilnehmen wollen, an dem schon viele erfahrene und verdiente Offiziere und Spezialisten der USO körperlich und psychisch zerbrochen waren. Michael hatte es besonders schwer gehabt, weil ein sadistischer und psychopathischer Ausbilder seine kranken Gelüste an seinen Schutzbefohlenen ausgelebt hatte. Michael hatte dafür gesorgt, dass er, Atlan, ihm endlich das Handwerk legen konnte – und wäre dabei fast umgekommen. Atlan fröstelte, als er daran dachte. Gegen das, was Michael und seine Kameraden damals erlebten, war der Begriff „Feuertaufe“ eine dreiste Verniedlichung.
Als Michael ihn damals um die Genehmigung bat, dachte er nur, es könne nichts schaden, wenn der junge Mann seine eigenen Grenzen kennenlernt, aber niemals auch nur geahnt, wozu das diente!
Seine Einwilligung zur anschließenden Mentalstabilisierung gab er Michael gegen dessen Versprechen, sich niemals in seinem Leben gegen die Menschheit zu stellen.
In diesem Gespräch hatte Michael ihm sogar gesagt, dass er die Absicht habe, sich auf eigene Füße zu stellen.
Du kannst ihm also noch nicht einmal vorwerfen, er hätte kein Vertrauen zu dir. Er hat dir nur nicht gesagt, was er genau vorhat – und da hast das damals akzeptiert. Also …
Das hätte er seinem alten Lehrmeister anvertrauen können, begehrte Atlan innerlich auf.
Eben nicht. Dann hättest du ihn mit Sicherheit irgendwo unterstütze. Du kannst nicht über deinen Schatten springen, genauso wenig wie Michael. Oder würdest du an seiner Stelle deine Hilfe annehmen?
Das ist keine Schande!
Aber nicht das, was ein junger Mann, dem vorher alle Steine aus dem Weg geräumt wurden, akzeptieren kann. Denk einmal an deine Abenteuer damals, während deiner Ausbildung auf Iprasa …
Das ist etwas ganz anderes …
Der Extrasinn lachte nur noch. Und je mehr Atlan nachdachte, desto mehr gewann das jetzt naheliegende Problem in ihm die Oberhand: Wie sollte er Michael mitteilen, dass er ihn enttarnt hatte und ihn dazu bringen, seine Hilfe anzunehmen, wie er seinen Trotz brechen konnte …

**********

Bereits am frühen Morgen des nächsten Tages erhielt Atlan die Ergebnisse seiner Nachforschungen. Die Hochleistungspositroniken hatten ohne Pause recherchiert und gerechnet. Wieder einmal erwies es sich, dass die USO jedem anderen Geheimdienst der Galaxis überlegen war. Noch nicht einmal Allan D. Mercant persönlich wäre an diese Informationen herangekommen.
Atlan hatte alle führenden Personen der Freihändler überprüfen lassen. In den letzten Jahren waren die Beiräte der Freihändler immer mächtiger geworden – bis Roi Danton auftauchte. In der Galaxis hielten sich Gerüchte über eine schwere Krankheit von Kaiser Lovely Boscyk hartnäckig. Atlan hütete sich, jemanden die Wahrheit mitzuteilen.
Nach Berichten von USO-Spezialisten genauso wie von Agenten der Solaren Abwehr sollte Roi Danton die Zügel noch fester in der Hand halten als vorher der Kaiser. Zusammen mit seiner Sicherheitschefin, die immer wieder unterschätzt wurde, weil sie eine Frau war, forcierte er den Ausbau der Freihändler zu einer straff und militärisch geführten Organisation.
Als der Arkonide das Strafregister der Beiräte las, wurde ihm, der sehr viel gewöhnt war, regelrecht übel. Jeder von ihnen schleppte ein umfangreiches Vorstrafenregister mit sich herum – und da ging es nicht um Bagatellen, sondern um massive Wirtschaftsverbrechen. Aber niemand von ihnen hatte sich bisher Mord oder Totschlag zuschulden kommen lassen. Da sie alle die verhängten Strafen auf den entsprechenden Strafplaneten des Solaren Imperiums verbüßt hatten, konnte niemand ihnen mehr etwas vorwerfen, zumal sie seit ihrem Eintritt bei den Freihändlern nicht mehr straffällig geworden waren. Atlan glaubte das nicht. Seine Erfahrung sagte ihm, dass sie nun lediglich bessere Möglichkeiten besaßen, ihre Handlungen zu vertuschen. Nach den vorliegenden Psychogrammen der Männer würde allerdings niemand von ihnen bis zum Mordversuch gehen.
Trotzdem geriert Atlans These, die Hintermänner der Anschläge in ihrem Kreis zu suchen, nicht ins Wanken. Er konzentrierte sich im Gegenteil auf Beirat Thomas Browne. Über ihn war auch über die Datenspeicher der USO nichts in Erfahrung zu bringen. Es lag nahe, dass er unter einem angenommenen Namen Freihändler war. Er galt sogar als Unterstützer von Roi Danton, teilweise gegen den Widerstand der anderen Beiräte. - Genau das machte den Arkoniden stutzig.
Es wäre nicht das erste Mal, dass sich der treue Freund als der echte und gefährliche Feind herausstellt.
Genau. Wir haben zwar keine Beweise, aber mein Gefühl sagt mir, dass er unser Gegner ist.
Unser? Also hast du dich endgültig entschlossen, Michael zu helfen.
Natürlich. Mich wundert nur, dass er sich von Thomas Browne hat täuschen lassen. Er hat doch sonst so ein gutes Einfühlungsvermögen.
Dieser Mann hütet noch ein Geheimnis und du solltest das so schnell wie möglich herausfinden, Admiral. Es könnte Michael das Leben retten …
Atlan zuckte zusammen. Plötzlich hatte er das Gefühl, als ob ihm und seinem Schüler die Zeit weglief.
Er entschied sich dazu, über die Sicherheitschefin der Freihändler sofort Kontakt mit Roi Danton aufzunehmen.
Der Anfang des Funkspruchs war im Klartext gehalten und ging an die offizielle Handelsniederlassung der Freihändler am Terrania Space-Port:
An die Sicherheitschefin der Kosmischen Freihändler, Fürstin Beatrice Wood vom Befehlshaber USO, Lordadmiral Atlan, persönliche. Höchste Dringlichkeitsstufe.
Atlan war sicher, dass der Funkspruch ohne Rückfragen unverzüglich an Beatrice weitergeleitet werden würde. Nach den bekannten Änderungen in der Struktur würden die diensthabenden Freihändler keinerlei Fragen stellen, sondern den Spruch direkt über ihre Relaiskette nach Olymp weiterleiten
Den folgenden Teil fasste er im derzeit in dem USO-Code ab, der gegolten hatte, als Beatrice Wood zu den Freihändlern ging. Atlan wollte nicht mit „der Tür ins Haus fallen“, sondern den „Schock“ erst mit dem Lesen der Nachricht bringen. Außerdem hatte er in seinem langen Leben die Erfahrung gemacht, dass alte Codes teilweise einen besseren Schutz boten als die aktuellen, weil sich niemand mehr dafür interessierte.
Fürstin Wood, ich übermittele Ihnen und Ihrem Chef, Roi Danton, die bei der USO gespeicherten Geheimdaten über die Beiräte Ihrer Organisation.
Meine persönliche Einschätzung der Lage erhalten Sie ebenfalls.
Bitte veranlassen Sie alle Ihnen erforderlich erscheinenden Maßnahmen zum Personenschutz für Roi Danton. Lassen Sie sich auch durch seine Proteste nicht davon abbringen. Ich befürchte akute Lebensgefahr.
Ich rate Ihnen, die Feierlichkeiten abzusagen und die Ernennung zum König durchzuführen.
Achten Sie auf eine entsprechende Programmierung Ihres Kaisers.
Persönlich liegt mir sehr viel an dem Wohlergehen von Roi Danton. Bitte richten Sie ihm meine besten Grüße aus und ich erwarte Sie und ihn im Anschluss an seine Ernennung zum König umgehend zu einem vertraulichen Gespräch auf der Erde. Ausflüchte lasse ich nicht gelten. Er soll sich an den Merlin erinnern …
Ich versichere Ihnen ehrenwörtlich, dass alle Informationen unter uns bleiben.
Passen Sie gut auf Roi auf, Beatrice.
Lordadmiral Atlan
Befehlshaber USO
Obwohl Atlan sicher war, dass der Funkspruch direkt bei Michael und Beatrice ankommen würde, ging er nicht das Risiko an, Roi Dantons wahren Namen zu nennen. Mit dem Hinweis auf „den Merlin“ würde auch nur Michael selbst etwas anfangen können. Der Admiral eines alten arkonidischen Einsatzgeschwaders sicherte sich grundsätzlich nach allen Seiten ab.
Traurig dachte Atlan an seine Zeit als Imperator von Arkon zurück. Wie gern hätte er damals seine Inthronisation mit einem rauschenden Fest gefeiert – aber die politische Lage im Großen Imperiums hatte das nicht erlaubt.
Nun gebot Vorsicht und Vernunft es, dass auch sein Schüler auf diesen Triumph verzichtete …
Mach dir keine Sorgen, Admiral. Michael wird die Feier nicht absagen!
Und damit wieder einmal sein Leben riskieren. Obwohl – ich kann ihn so gut verstehen ...

**********

2

Olymp, zweiter Planet von Boscyk‘s Stern,
Trade-City, Büro der Sicherheitschefin

Roi Danton saß in entspannter Haltung in einem gemütlichen Sessel und ging zusammen mit seiner Freundin, der Sicherheitschefin Beatrice Wood, noch einmal die Gästeliste für seine Krönung durch. Sein Leibwächter, der riesenhafte Ertruser Oro Masut, verunstaltet durch die feuerroten Brandnarben in seinem Gesicht, stand reglos neben dem als altmodische Tür verkleideten Schott.
Roi war wie meistens als Stutzer des ausgehenden 18. terranischen Jahrhunderts kostümiert. Allerdings wirkte die Kleidung im Moment ein wenig deplatziert durch seine laxe Haltung. Auch sein Gesicht war im Moment nicht blasiert, sondern verriet seinen starken und auch trotzigen Charakter. Weder Beatrice noch Oro störten sich an den Gegensätzen. Sie kannten sie gut genug.
„Ich glaube, wir sind das oft genug durchgegangen“, meinte Roi. „Durch die Sitzordnung beim Gala-Diner kann sich niemand zurückgesetzt fühlen.“
„Mir gefällt sie trotzdem nicht“, meinte die Sicherheitschefin. „Zu viele Leute in deiner direkten Nähe, denen ich nicht richtig traue.“
Roi musterte sie abschätzend. Wenn er jemandem vertraute, dann ihr. „Bauchgefühl oder konkrete Beweise?“
Bea hob die Schultern. Sie trug wieder die Kleidung eines Musketiers auf der Zeit des französischen Kardinals Mazarin, dem Berater des jungen Sonnenkönigs Ludwig XIV. Roi gestand sich ein, dass sie ihm darin viel besser gefiel als in ihrer USO-Uniform, die sie abgelegt hatte, als sie ihm zu den Freihändlern folgte. Bisher hatte er es noch nie bereut, ihr den Posten des Sicherheitschefs anvertraut zu haben, nachdem ihr Vorgänger wegen einer schweren Krankheit nicht mehr in der Lage war, seinen Pflichten nachzukommen.
„Bauchgefühl. Um konkrete Beweise zu erhalten, müssten wir an die Solare Abwehr – oder besser noch die USO – herantreten. Obwohl ich glaube, dass Lordadmiral Atlan uns die nötigen Informationen geben würde, wären wir in Erklärungsnot und dein Inkognito gefährdet.
„Sir“, warf Oro Masut mit seiner grollenden Stimme ein. „Sie sollten sich dazu durchringen, den Lordadmiral ins Vertrauen zu ziehen.“
Roi verzog unwillig das Gesicht. „Darüber haben wir doch schon mehrfach diskutiert. Die Antwort ist immer noch: nein! Atlan würde mich unterstützen wollen und gerade das möchte ich nicht. Da ich ihn nicht vor den Kopf stoßen möchte, indem ich seine Hilfe ablehne, ist es besser, wenn wir die Sache hier allein lösen.“
„Dazu fehlen uns die Möglichkeiten“, antwortete Bea betont sachlich. „Außerdem: wie lange willst du Atlan noch ausweichen? Irgendwann wird er auf die richtige Idee kommen – falls er das nicht schon ist. Du kennst ihn doch. Wenn er dich enttarnt hat, wird er das für sich behalten. Aber er wird mit dir Kontakt aufnehmen, mit dir reden wollen. Und dann kannst du dich nicht mehr vor ihm verstecken. Das weißt du genauso so gut wie ich. Er war schließlich lange genug mein Chef. Unterschätze ihn bitte nicht.“
„Und mein Lehrmeister.“ Roi seufzte. „Wenn ich jemanden garantiert nicht unterschätze, ist es Atlan. Irgendwann werde ich ihm begegnen müssen. Bis dahin muss der dekadente und verweichlichte Stutzer seine Rolle perfekt beherrschen, so dass er mich nicht erkennt.“
Bea lachte zynisch auf. „Bis dahin hat er dich längst selbst enttarnt. - Übrigens sagt mir eine Ahnung, dass er jetzt schon weiß, wer du bist!“
Roi ignorierte den Schreck, der sein Herz einige Male unregelmäßig schlagen ließ. „Hältst du meine Schauspielkunst für so schlecht, werte Freundin?“
„Nein, einige hast du schon reichlich Nerven gekostet. Mit manchen Flottenoffizieren mochte ich wirklich nicht tauschen, wenn sie zum ersten Mal Roi Danton begegnet sind.“
Roi dachte amüsiert daran, wie er manchen überkorrekten Flottenoffizieren, die nur ihr Flottenhandbuch zu kennen schienen, schier den letzten Nerv geraubt hatte. So sehr er für Disziplin war, man konnte alles übertreiben. Derartige Offiziere waren für ihn sehr gute Übungsobjekte, um seine Schauspielkunst zu trainieren. Auch darauf begründete sich sein legendärer Ruf als Roi Danton.
Bea wurde schlagartig wieder ernst. Roi konnte ein Frösteln nicht unterdrücken. Er wusste, wie kompromisslos und hart sie zuschlagen konnte, wenn es um ihre gemeinsamen Ziele ging – genau wie er selbst.
„Meine Vorahnungsfähigkeit, die sich in der letzten Zeit anscheinend immer mehr ausprägt, sagt mir, dass unsere Gegner während der Feier nicht untätig bleiben werden. Eine solche günstige Gelegenheit können sie sich gar nicht entgehen lassen. Deshalb habe ich einen Plan entwickelt.“
„Und wie sieht der aus? Soll ich etwa in einer Rüstung aus Arkon-Stahl durch Trade-City spazieren?“ Roi wurde langsam wütend und zynisch. Selbstverständlich verschloss er die Augen nicht vor der Gefahr, in der er schwebte. Aber er wollte sich dadurch auch nicht in einen goldenen Käfig stecken lassen. „Ich möchte die Feier genießen. Schließlich werde ich nicht jeden Tag zum König der Freihändler gekrönt.“
„Das sollst du auch“, konterte Bea trocken. „Aber ein toter König ist kein guter König. Deshalb wirst du akzeptieren müssen, dass Oro und ich uns immer in deiner Nähe aufhalten und zusätzlich handverlesene Sicherheitsleute mit Erfahrung im Personenschutz. Übrigens sind die Damen und Herren alle ehemalige USO-Mitglieder. Jedenfalls so lange, bis wir dieses Wespennest, das wir noch nicht einmal kennen, ausgeräuchert haben. Womit wir wieder bei dem Thema Unterstützung durch Atlan wären.“
Roi hob nur die Schultern und antwortete nicht. Bea wurde langsam richtig wütend. Roi, der sie sehr gut kannte, bemerkte es noch besser als sein Leibwächter.
„Verdammt noch mal“, explodierte Bea nun wirklich. „Wann begreifst du Sturkopf endlich, dass es um dein Leben geht?“
„Wer sagt dir denn, dass ich das nicht schon längst begriffen habe?“
Oro grinste nur über das ganze Gesicht, enthielt sich aber einer Äußerung.
Roi fiel vorübergehend in seine Rolle zurück. „Hat Er etwas anzumerken?“ Blasiert musterte er seinen Diener durch sein mit Edelsteinen besetztes Lorgnon.
Oro beugte das Knie und senkte den Kopf, wobei er tunlichst sein Grinsen verbarg.
„Aber nein.“
Bea holte tief Luft und warf Roi den Patentschreiber an den Kopf, den sie gerade in der Hand hielt. Natürlich hatte er ihre Bewegung schon im Ansatz bemerkt, aber mit Absicht nicht vorher reagiert. Er wusste, dass sie ein Ventil brauchte, genau wie er mit seiner Rolle. Jedem von ihnen war klar, dass ihre Nerven zum Zerreißen gespannt waren und sie mit dieser Plänkelei versuchten, sich etwas zu beruhigen.
Niemand – auch Rois engste Freunde nicht – sollten merken, wie angespannt er wirklich war – noch nicht einmal Bea. Natürlich hatte er Angst vor weiteren Anschlägen, die ihn jederzeit das Leben kosten konnten – aber er wollte das um keinen Preis zeigen – noch weniger vor sich selbst zugeben müssen. Er wusste genau, dass er sich selbst belog – aber er konnte nicht anders.
Bea holte tief Luft und fuhr fort: „Dann ist das also klar. Oro bleibt als dein Stallmeister bei dir, ich als dein Page. Das passt auch sehr gut in die historische Zeremonie. Die sechs Epsaler, die sonst deine Sänfte tragen, werden durch Epsaler vom Sicherheitsdienst ausgetauscht. Außerdem ist Edelmann Rasto Hims dabei. Dein Stellvertretender Kommandant ließ es sich nicht nehmen.“
„Dachte ich es mir doch“, grinste Roi.
Bea ließ sich nicht ablenken. „Zusätzlich die berittene Eskorte, wie besprochen. Die wird für die Zuschauer eine echte Überraschung. Damit rechnet sicherlich niemand.“
Roi schüttelte traurig den Kopf. „Dazu bin ich also zu den Freihändlern gegangen, das hatte ich mir anders vorgestellt.“
„Wie jeder von uns. Bea nickte verständnisvoll. „Sobald wird dieses Wespennest ausgeräuchert haben, ist hoffentlich Ruhe.“
„Was ist mit unserem Robot-Kaiser?“, lenkte Roi ab.
„Alles noch einmal überprüft. Er reagiert perfekt, ist sogar gegen eine Röntgenaufnahme präpariert. Im Röntgen wird man ein menschliches Knochengerüst und alle Organe sehen. Dr. Waringer hat sich selbst übertroffen. Im Notfall kann ihn einer von uns über den Codegeber mit einfacher Sprachsteuerung lenken. - Möchtest du ihn noch einmal überprüfen?“
„Unnötig. Wenn du mir sagst, es ist alles in Ordnung, dann ist es das auch. Ich vertraue dir.“
„Ich dir auch.“ Bea legte kurz den Kopf an seine Schulter. Roi bemerkte es mit Freude. Diese kleinen vertraulichen Gesten wurden von ihrer Seite aus immer mehr in der letzten Zeit. Ihr selbst war das anscheinend gar nicht so bewusst. Vielleicht gab es ja doch eines Tages noch eine gemeinsame Chance für sie.
„Und was ist mit den Reportern? Alle gut angekommen? Und was hast du mit den ganz speziellen gemacht?“ Er lenkte mit Absicht auf ein vergleichsweise harmloses Thema um.
Bea lachte glockenhell auf. „Alle echten Reporter sind von meinen SD-Schiffen abgeholt und hierher gebracht worden. Sie haben sich an die abgeschlossenen Verträge gehalten. Drehgenehmigung für die Zusicherung, nicht zu schnüffeln und nur das zu drehen, was wir ihnen genehmigen. Gerade die großen Medienanstalten konnten sich diesen großen Fisch nicht entgehen lassen. Dafür bezähmen sie ihre berufsbedingte Neugier. Entweder – oder ...“
„Was du ihnen entsprechend verdeutlicht haben dürftest. - Und die getarnten Agenten?“
„Oh – mit denen habe ich mir einen besonderen Spaß erlaubt: Ich habe sie einfach nach Terra zurückgeschickt und Solarmarschall Mercant in einem Funkspruch mitgeteilt, dass er mich bitte nicht unterschätzen möge.“
Roi lachte nun auch. Er versuchte sich vorzustellen, wie sein Vater, dem Solarmarschall Mercant diesen Fehlschlag sicherlich melden musste, darauf reagieren würde.
Da er nicht ahnen konnte, dass Mercant seine Tarnung gleichzeitig mit Atlan durchschaut hatte, konnte er sich nicht vorstellen, welche Schwierigkeiten der Solarmarschall gehabt hatte, seinem obersten Chef zu verdeutlichen, dass Freihändler eben nicht zaubern können. Mercant wollte alles vermeiden, um Perry Rhodan auf die richtige Idee zu bringen.
Das Summen des Interkoms riss ihn aus seinen Gedanken. Bea nahm das Gespräch an. Fürst Drave Newton, ihr Stellvertreter, blickte sie vom Bildschirm her mit ernstem Gesicht an. Er war als 1. Offizier unter ihrem Kommando auf dem USO-Schlachtkreuzer HATSCHEPSUT geflogen – bevor sie alle zu den Freihändlern gingen. Zwischen ihnen waren keine großartigen Erklärungen notwendig.
„Sir, wir haben gerade von unserer Niederlassung auf Terra über die Relaiskette einen Funkspruch persönlich für Sie von Lordadmiral Atlan erhalten. Höchste Dringlichkeitsstufe, Adresstext unverschlüsselt, Rest im Codeschlüssel USO-2432-11.“
„Schicken Sie den Spruch mit Kurier hierher, Drave, nicht über Funk. Tut mir leid, aber ich werde immer misstrauischer. Von jetzt an stiller Alarm für den Sicherheitsdienst. Höchste Stufe. Bis auf Widerruf von Roi Danton oder mir persönlich.“
Rois Gesicht war verkniffen. In diesem Augenblick ahnte er nicht, wie sehr er doch seinem Vater glich. Die besorgten Blicke von Bea und Oro übersah er.
„Was mag Atlan von dir wollen, Freundin?“
Bea war leichenblass. „Ich ahne es, Mike. Hoffentlich irre ich mich. Sagte ich nicht vorhin schon, dass wir den alten Arkoniden nicht unterschätzen sollten?
Drave Newton überbrachte den Funkspruch persönlich und verabschiedete sich auch gleich wieder. Er hatte den Hinweis seiner Chefin auf seine Weise interpretiert. Es gab Dinge, die auch ihn nichts angingen. Wenn Roi und Bea ihn informieren wollten, würden sie das zu gegebener Zeit tun.
Roi lächelte anerkennend. Er war froh, mit solchen Eliteoffizieren arbeiten zu dürfen. Sie dachten selbständig und trafen ihre eigenen Entscheidungen, angemessen der jeweiligen Lage. Die Anordnung des stillen Alarms befürwortete er uneingeschränkt. Außerdem redete er Bea in ihren Aufgabenbereich nicht hinein.
Nachdem Roi, Bea und Oro den Text gelesen hatten, blickten sie sich in die plötzlich blutleeren Gesichter.
„Das verändert die Situation in jeder Beziehung“, brach Roi das Schweigen als Erster mit brüchiger Stimme. „Nicht nur, dass Atlan mich erkannt hat, die mitgelieferten Unterlagen scheinen es in sich zu haben. Ansonsten wäre mein alter Lehrmeister nicht so deutlich gewesen. Den Hinweis auf den Merlin konnte nur ich verstehen. Es ist immer noch sehr vorsichtig.“
„Sonst würde er schon lange nicht mehr leben.“ Bea blickte Roi direkt an. „Der Merlin – was heißt das? Oder möchtest du es lieber für dich behalten?“
„Nein, meine liebe Freundin. Atlan weiß, dass du den Spruch zuerst liest. Also darf ich es dir sagen.“
„Mir kommt da so eine Idee“, meinte Bea vorsichtig. „Merlin – war das nicht der Zauberer aus der Artus-Sage? Ich kenne sie auch noch, obwohl ich nicht so einen guten Lehrer hatte wie du.“
Roi lächelte versonnen. „Der Merlin von Britannien – der unsterbliche Zeitenherrscher. Atlan war der Merlin!“
Er riss sich gewaltsam von seinen Erinnerungen los. „Wenn wir das hier hinter uns haben, hören wir uns zusammen eine Aufzeichnung an. Atlan hat meinem Vater und mir die Wahrheit über die Artus-Sage erzählt.“
Bea überlegte schon weiter. „Die Warnung gibt mir zu denken. Atlan scheint sehr großen Wert darauf zu legen, dass du nicht in Gefahr gerätst.“
„Die Gefahr gehört nun einmal dazu, liebste Freundin. Sonst hätte ich gleich als verhätschelter Playboy zu Hause bleiben können. Eine Absage der Feier kommt natürlich nicht in Frage.“
„Was aber vernünftiger wäre. Umsonst rät Atlan nicht dazu. - Mein Lieber, kann es sein, dass dein klares Urteilsvermögen durch deinen Trotz in diesem Moment etwas eingeschränkt ist?“
Herausfordernd blickte sie ihn an.
„Mon Dieu“, fiel Roi in seine Rolle zurück. „Diese furchtbare Unterstellung. Das mir! Mademoiselle, was erdreisten Sie sich?“
„Das, was ich für richtig halte, Mike!“ Bea ging überhaupt nicht auf seinen weinerlichen Ton ein. „Du wirst immer mehr zum Draufgänger und Hasardeur!“
Roi lachte offen. „Ein Draufgänger war ich schon immer. Oder hattest du das bisher übersehen? Wenn du wüsstest, wie ich meinen Vater früher damit zur Weißglut gebracht habe.“
„Ich kann es mir lebhaft vorstellen.“
„Und ich auch“, ergänzte Oro.
Roi musterte ihn abschätzend durch sein Lorgnon. „Du auch, Großer?“, fragte er traurig. „Habt ihr euch alle gegen mich verschworen? Wollt ihr mich in eine Zwangsjacke stecken?“
Er wusste selbst, dass er ungerecht reagierte, aber er fühlte sich bevormundet und konnte seine Wut nicht mehr beherrschen.
„Nein, Sir.“ Der riesige Ertruser schüttelte den Kopf. „Wir möchten unseren Freund und König nur noch ein wenig länger lebend unter uns haben.“
„Und genau deshalb wirst du den Schutz durch uns akzeptieren, sonst erlebst du uns von einer ganz anderen Seite.“ Bea ließ durch ihre Haltung erkennen, dass sie nicht von ihrem Standpunkt abweichen würde. „Als Sicherheitschefin der Freihändler ist es meine Aufgabe, für deine Sicherheit zu sorgen und genau das werde ich tun, nicht mehr und nicht weniger.“
Roi überlegte einen Moment. „Okay, Freundin, du hast mich überzeugt. Ich mag ein Draufgänger sein, das streite ich gar nicht ab. Auch nicht, dass mir das manchmal Spaß macht. Aber keine Sorge, ich bin deshalb noch lange kein Hasardeur – und gedenke es auch nicht zu werden. Immerhin kann ich noch klar denken.“ Seine Stimme klirrte jetzt wie Eis. „Ich bitte euch, das zukünftig zu bedenken, ehe ihr mir gute Ratschläge gebt. Ich bin kein Baby mehr, das man behüten muss.“
Im selben Augenblick, als er das ausgesprochen hatte, tat es ihm schon wieder leid.
Was mache ich hier? Ich verletze meine besten Freunde, die es nur gut mit mir meinen!
Aber nun war es gesagt. Er fuhr sogar noch fort, ohne sich beherrschen zu können: „Aber ich werde nicht zusammen mit dir nach Terra fliegen und mich brav bei Onkel Atlan melden. Ich bin kein kleiner Junge mehr, den er sich zum Rapport bestellen kann. Nein, so funktioniert das nicht mehr, alter Lehrmeister. Das musst auch du akzeptieren. Du hast es jetzt mit dem Befehlshaber der Freihändler zu tun.“
„Du wirst ihm nicht auf Dauer ausweichen können, zumal er jetzt weiß, wer du bist“, versuchte Bea ihn zu besänftigen.
„Das will ich gar nicht. Aber ich möchte den Zeitpunkt selbst bestimmen. Du wirst nach der Krönung allein zur Erde fliegen und mich bei Atlan entschuldigen. Wahrscheinlich wird er dich zum Essen einladen. Nimm die Einladung an. Bisher waren alle Frauen, die der alte Arkonide zum Essen ausgeführt hat, begeistert, auch wenn sie hinterher nicht mit ihm im Bett gelandet sind.“
„Aha“, meinte Bea gefährlich ruhig. „Und wie soll ich ihm erklären, dass du nicht kommst?“
Roi grinste. „Dir wird schon etwas einfallen. Wie ich hörte, sollen Sicherheitschefs in solchen Dingen erfinderisch sein.“
Bea musterte ihn nur noch stumm, setzte sich mit einer ruckartigen Bewegung ihren Musketierhut auf und salutierte übertrieben exakt nach Art der Flottenoffiziere.
„Ich gebe es auf. Die Positronik dürfte ungefähr zwei Stunden brauchen für die Auswertung. Falls Sie bis dahin wieder zur Vernunft gekommen sein sollten, Sir, würde es mich freuen. Ihr Einverständnis vorausgesetzt, werde ich Sie in der Zentrale der FRANCIS DRAKE aufsuchen.“
Ihre Stimme klirrte wie Eis. Sie drehte sich um und die Männer hörten nur noch, wie sie im Hinausgehen fluchte: „Wieso gibt es hier keine echten Türen mehr, die man hinter sich zuwerfen kann?“
„Fürstin Wood scheint ein wenig ungehalten zu sein“, kommentiere Oro Masut ungewöhnlich leise.
Roi antwortete nicht, blickte nur auf das geschlossene Schott, als ob er dort wesentliche Erkenntnisse gewinnen könnte.
Meine Schuld. Ich hätte sie nicht so reizen sollen.
Laut sagte er nur: „Es scheint so, Oro.“
Der Ertruser schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Warum machen Sie es sich und ihr nur so schwer, Sir?“ Als Vertrauter und Freund von Roi konnte er sich diese Frage erlauben.
„Ich weiß es nicht, Oro, wirklich nicht ...“ Er fühlte sich durch Beas Wutausbruch völlig verunsichert.
Roi brauchte keine zwei Stunden, um die USO-Unterlagen zu sichten, die als mehrfach verschlüsselte Dateien zusammen mit dem Funkspruch übermittelt worden waren. Er lächelte versonnen, als sein Stellvertretender Kommandant, der Epsaler Rasto Hims, ihm bei seinem Eintreffen meldete, dass Fürstin Wood die Dateien bereits an die große Bordpositronik der FRANCIS DRAKE übermittelt hatte.
Thomas Browne bereitete ihm auch Sorgen. Nicht die Tatsache, dass er in keinem Datenspeicher des Imperiums auffindbar war. Das konnte genau wie bei ihm selbst rein persönliche Gründe haben. Über einen Roi Danton war auch nirgendwo etwas bekannt. Aber die Einschätzung von Atlan und von Beatrice machte ihm zu schaffen. Der Arkonide täuschte sich äußerst selten und Beas Vorahnungsfähigkeit wurde immer stärker – und zutreffender. Am meisten beunruhigte ihn seine eigene bisherige Einschätzung. Er bildete sich ein, ein gutes Einfühlungs- und Beurteilungsvermögen für andere Intelligenzen zu haben – aber anscheinend hatte das bei Beirat Browne völlig versagt. Auch sein Instinkt für Gefahren hatte nicht angesprochen.
Seltsam. Mit dem Mann muss etwas sein, das wir alle noch nicht ahnen.
Trotzdem wusste er, was er nun zu tun hatte. Thomas Browne durfte keine Informationen mehr von ihm bekommen, aber er durfte ihn auch durch sein Verhalten nicht aufschrecken.
Also noch mehr Theater spielen, dachte er traurig. Ist das nun die Verwirklichung meiner Jugendträume?
Immer wieder schweiften seine Gedanken zwischendurch zu seiner Freundin Bea und behinderten seine Konzentration. Das kannte er sonst nicht von sich. Der Streit tat ihm leid, er hätte nicht sein müssen.
An meiner Sturheit muss ich wohl noch arbeiten, gab er vor sich selbst zu.
Er fluchte leise vor sich hin. Dann fasste er einen Entschluss, übergab das Kommando über die FRANCIS DRAKE wieder an seinen Stellvertreter. Das anzügliche Grinsen der Zentraleoffiziere übersah er geflissentlich.
Als er vor dem Gebäude des Sicherheitsdienstes ankam, verließ Bea gerade das Gebäude. Sie blickten sich an und fielen sich ohne ein weiteres Wort in die Arme.
„Aus dem Sandkastenalter sollten wir schon lange heraus sein“, bemerkte Roi leise, erleichtert über ihre Reaktion.
„Schon sehr lange“, bestätigte sie. „Wollen wir ein Stück zu Fuß gehen?“
Er nickte. Hand in Hand schlenderten sie die Straße entlang, Richtung Raumhafen.
Nach einer Weile des Schweigens, in dem jeder nur die Nähe des anderen und die frische, würzige Luft genoss, fragte Roi vorsichtig: „Deine Vermutung, dass Atlan mich schon enttarnt hat, war das wieder eine deiner Ahnungen – oder wusstest du es innerlich wirklich?“
Bea versteifte sich nur einen kurzen Moment. Dann nickte sie. „Diesmal war es mehr als eine Ahnung. Ich wusste es einfach. Meistens ist es so, dass ich zukünftige Geschehnisse ahne.“
„Und sie meistens auch eintreffen. Siehst du die Ereignisse vor dir?“
„Nein, es nicht eine Art Film, der vor meinem inneren Auge abläuft, falls du das meinst. Nur das Gefühl, etwas könnte so geschehen. - Aber es wird immer stärker.“
Roi nickte. „Meine Instinkte verselbständigen sich auch immer mehr. Ich kann schon nicht mehr abschalten.“
„Sie sind deine Lebensversicherung. Daran solltest du immer denken, Freund.“
Roi lächelte gequält. „Natürlich. Aber manchmal möchte ich sie auch ausschalten, mich einfach gehenlassen.“
Bea nickte verständnisvoll.
Seitdem sie beide mentalstabilisiert waren, begannen Kräfte in ihnen zu wachsen, die sie vorher nicht hatten. Anscheinend waren durch den schrecklichen Gehirneingriff, an den beide nur mit Schaudern zurückdachten, Kräfte in ihnen geweckt worden, die in der Frühzeit der Evolution jeder Mensch hatte, aber die im Laufe der Zivilisation verschüttet wurden. So jedenfalls hatte es die Ärztin aus dem Para-Team von Dr. Geoffry Abel Waringer auf Last Hope beschrieben. Bea hatte sich auf Anraten von Roi von ihr untersuchen lassen, als sie ihre Fähigkeiten bemerkte. Sie hatte die Fähigkeit von Bea als „Vorausschauendes Ahnen“ beschrieben und vermutet, dass sie sich im Laufe der Zeit sogar zu einem „Vorausschauenden Wissen“ entwickeln könnte.
Bei Roi lief es auf einer ganz anderen Ebene ab. Seit dem Eingriff wuchs seine Reaktionsschnelligkeit und ein untrüglicher Instinkt für Gefahren würde immer stärker. Er hatte die Chance, die sich ihm bot, ergriffen und trainierte seine Reaktionsschnelligkeit noch zusätzlich in entsprechenden Trainingseinheiten gegen Roboter.
Als ob Bea seine Gedanken erraten könnte, fragte sie: „Und bei dir?“
Roi hob nur die Schultern. „Es geht auch weiter. Ich trainiere es auch gezielt, wie du weißt. Das ist eine große Chance für mich.“
„Übertreib dabei nicht. Bitte, werde nicht zu hart dir selbst gegenüber. Gönne dir auch selbst einmal etwas.“
Roi lachte. „Mache ich doch. Da halte ich es wie Atlan. Keine Sorge. Hart im Einsatz, aber privat gönne ich mir ein wenig Luxus. - Aber das weißt du doch, Freundin. Warum sagst du das jetzt?“
„Ach, merken der Herr endlich etwas“, scherzte sie. „Ich möchte dich um etwas bitten.“
„Na ...“
„Genieße das Fest, wenn du es schon nicht absagen magst. Dazu musst du aber unseren Schutz voll akzeptieren. Sonst geht das nicht.“
Roi überlegte. Bea meinte es nur gut, das stand außer Frage. Aber …
„Du bist ganz schön raffiniert, kleines Biest. Auf diese Art setzt du deine Schutzmaßnahmen durch, das willst du doch?“
Sie schmunzelte. „Ich würde es anders nennen: zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, um es altterranisch auszudrücken. Du akzeptierst die Schutzmaßnahmen und kannst deine Feier voll und ganz genießen.“
Roi wurde übergangslos sehr ernst. „Du weißt, dass es für mich nur zwei Möglichkeiten gibt, meine Reflexe und diesen Instinkt auszuschalten, quasi zu betäuben? Das scheint der Nachteil zu sein. Ich frage mich immer mehr, ob diese Fähigkeiten ein Segen oder ein Fluch sind.“
„Ein Segen“, konterte Bea bestimmt. „Die kleinen Nachteile müssen wir beide in Kauf nehmen. Dafür bekommen wir aber so unendlich viel. Und die kleinen Nachteile sind eben auch jetzt, dass du gewisse Hilfsmittel benutzen musst, um das auszuschalten – was natürlich gewisse Nebenwirkungen hinterher hat. Du musst entscheiden, ob es dir das wert ist.“
„Natürlich. Die Nebenwirkungen hinterher werde ich auch noch ertragen. Da haben wir beide wohl schon anderes hinter uns gebracht, oder?“
„Bestimmt. Also habe ich die Wahl zwischen stärksten Psychopharmaka und Alkohol. Die Medikamente lassen mich noch für zwei bis drei Tage danach wie eine Art Zombie rumlaufen. Alkohol dürfte mir einen Riesenkater mit dickem Kopf und eventuellem Spucken hinterher einbringen.“ Er seufzte. „Du weißt, wie ich das hasse. Aber es ist die Sache an sich wert. - Was empfiehlst du?“
„Alkohol“, meinte Bea sofort. „Ein König der Freihändler, der wie seine eigene Leiche handelt, ist in Anbetracht der Lage unverantwortlich. Und einen Kater wirst du sicherlich mannhaft hinter dich bringen.“ Sie erhob scherzhaft den Finger.
Er ging auf das Spiel ein. Es entspannte ihre Nerven spürbar. „Natürlich. Was denkst du von mir?“
„Das Richtige“, antwortete sie nur.
„Dann ist das beschlossen. Ich werde mich also – was sehr selten vorkommt – dieses Mal ganz bewusst betrinken. Ich hoffe, du erträgst mich in diesem Zustand?“
„Natürlich. Ich weiß ja, warum. Danke, Mike. Du erfüllst mir damit einen großen Wunsch. Ich kümmere mich danach auch um dich.“
„Dann bin ich ja wie immer in guten Händen.“ Ein warmes Gefühl stieg in ihm auf. Die Aussicht auf eine liebevolle Versorgung durch seine Freundin gefiel ihm.
Wie oft hatte sie schon an seinem Bett gesessen, wenn einer seine Einsätze in einer Klinik endete – viel zu oft. Verletzungen schienen sein Schicksal zu sein. Natürlich war er immer froh gewesen, wenn sie da war – und allein ihre Anwesenheit hatte zusammen mit seiner sehr robusten Konstitution zu seiner schnellen Genesung beigetragen – aber die Aussicht, sich von ihr versorgen zu lassen, ohne dass eine Verletzung vorangegangen war – das war schon etwas ganz anderes. Dafür und dass er seinen Triumph wirklich genießen konnte, nahm er die zu erwartenden Unpässlichkeiten gerne in Kauf.
Wenn sie jetzt Gedanken lesen könnte, würde sie sicherlich sagen: Typisch Mann. Er lachte innerlich. Und wenn schon – natürlich bin ich genug Mann, um das zu genießen!
Bea konnte ihre Erleichterung über seine Zusage nicht verbergen. Roi legte ihr den Arm um die Schultern. So gingen sie weiter.
Kurz vor dem Kontrolltower des Raumhafens meinte Roi wie beiläufig: „Wenn das hier alles geklärt ist, sollten wir beide noch einmal nach Last Hope fliegen. Bei dir und bei mir sollte noch einmal ein Mutantentest gemacht werden. Ich habe da so eine Ahnung.“
„Ich auch“, meinte Bea ganz leise. „Und wenn der positiv ist – was dann?“
Roi streichelte ihr über die Wange: „Gar nichts – was dann! Wir werden damit leben, wie bisher auch.“

**********

Der plophosische Städtekreuzer schwebte auf seinen Antigravfeldern die letzten Meter bis zum Boden. Der aufgebaute Prallschirm sorgte dafür, dass Roi Danton und sein Gefolge sich direkt neben dem Landefeld aufhalten konnten, ohne durch Druckwellen in Gefahr zu geraten.
Roi hatte sich ganz groß in Schale geworfen. Sein blutroter Frack war von weitem als Farbpunkt in der Menge zu sehen. Darunter trug er eine roséfarbene Weste über dem blütenweißen, mit reichen Spitzen verzierten Hemd. Die ebenfalls weißen Kniestrümpfe aus edlem Samt endeten in Strümpfen aus dem gleichen Material. Die Füße steckten in schwarzen Lack-Schnallenschuhen, die mit Rubinen und Diamanten verziert waren. Der Waffengürtel, in dem zwei doppelläufige Perkussionspistolen steckten, war ebenfalls mit kostbaren Steinen verziert. Die Kette, an der das Lorgnon hing, war aus purem Gold. Waffen und Lorgnon waren nur scheinbar antik. In dem Lorgnon war ein Paralysator und in den Pistolen hochwertige Thermostrahler verborgen, die sich ebenfalls auf Paralysewirkung umschalten ließen.
Zusammen mit seiner militärischen Spezialausbildung und seinen immer besser werdenden Reflexen war der zukünftige König der Freihändler für jeden ein äußerst gefährlicher Gegner.
Äußerlich wirkte Rois Gesicht gemäß seiner Rolle affektiert und gelangweilt. So, als ob er nur eine lästige Pflicht zu erfüllen habe, indem er die Gäste, die mit dem Städtekreuzer ankamen, empfangen musste.
Aber seine Freunde kannten ihn besser. Vor ihnen konnte er das erwartungsvolle Funkeln seiner Augen nicht verbergen.
Als die Maschinen des Kreuzers stillgelegt waren, marschierte eine Robot-Musikkapelle auf.
„Widerliches Krachkommando“, nörgelte Oro.
Roi lächelte. „Das gehört zum mal zum Großen Bahnhof dazu. Hat er seine Lektion als Diener nicht ausreichend gelernt? Sollen Wir ihn zum Nachhilfeunterricht schicken?“
„Bloß nicht, Sir!“ Oro streckte die Hände abwehrend aus.
Die Roboter begannen die Hymne des Solaren Imperiums zu spielen. Plophos gehörte seit dem Tod des verbrecherischen Obmanns Iratio Hondro zu den treuesten Kolonien des Solaren Imperiums.
Die Bodenschleuse des Kreuzers öffnete sich. Flimmerndes Leuchten verriet das aktivierte Antigravfeld. In ihm schwebten mehrere Kampfroboter und einige Offiziere in Paradeuniformen zu Boden. Sie bildeten ein Spalier für drei weitere Personen: zwei Frauen und einen Mann. Alle trugen die Uniformen der Plophosischen Flotte. Auf den Schulterstücken der Frauen prangten die Abzeichen von hohen Offizieren des Stabes, bei dem Mann die Zeichen eines Wissenschaftsoffiziers.
Eine der Frauen hatte herrliches rotes Haar, das sie zu einer militärisch zweckmäßigen Frisur hochgesteckt hatte. Die andere trug ihr dunkelblondes Haar offen und schulterlang. Beide glichen sich in ihrer Körperhaltung und Gestik auffallend. Unvoreingenommene Beobachter hätten sie für Schwestern zwischen 20 und 30 Jahren halten können.
Der Wissenschaftler war hoch gewachsen und hager, hielt sich auffallend in der Nähe der dunkelblonden Frau.
Leichtsinn, dachte Roi ärgerlich. Warum hat Mam ihre Haare nicht gefärbt?
Bea legte ihm die Hand auf den Arm. „Bereit für den großen Auftritt, Monsieur?“
„Selbstverständlich, Mademoiselle.“ Roi grinste schelmisch und winkte Oro zu.
Der schritt seinem Herrn vorweg und versprühte penetrante Duftwolken aus seiner riesigen Handspritze. Sogar hier unter freiem Himmel dufteten die Wolken penetrant nach süßlichem Parfüm, das die Halsnerven reizte.
Roi dachte belustigt daran, wie viele Hustenanfälle es ihn selbst gekostet hatte, bis er das Zeug ignorieren konnte. Gerade weil jeder husten musste, provozierte er seine Umwelt ganz bewusst.
Er war glücklich, so glücklich wie noch nie in seinem Leben – trotz der Mordanschläge! Morgen würde sein großer Tag sein, sein Triumph. Er würde zum König der Freihändler gekrönt werden. Die ganze Galaxis würde durch die Berichterstattung in den Nachrichten daran teilnehmen. Jetzt beglückwünschte er sich zu seinem Entschluss, die Sorge für sein Leben völlig in die Hände von Bea, Oro und dem Sicherheitsdienst gelegt zu haben – und dass er das Fest genießen würde. Das alles war den anschließenden Kater, den er unter der Pflege seiner Freundin auskurieren würde, mehr als wert!
Hier bei der Begrüßung von Rois Mutter, Schwester und Schwager als seine persönlichen Ehrengäste waren die Reporter aber noch nicht zugelassen. Roi und Bea war die Gefahr zu groß, dass besonders Mory Rhodan-Abro erkannt wurde. Sie war in der Galaxis viel zu bekannt.
„Platz dem Fürsten“, brüllte Oro, während er seine Duftspritze ausgiebig betätigte.
Ab morgen heißt es „Platz dem König“, dachte Roi glücklich.
Er ging nicht auf die Plophoser zu, sondern er tänzelte mit vollendeter Meisterschaft. Vor den Gästen verbeugte er sich tief und säuselte: „Ich bin hoch entzückt, dass Sie meine Einladung angenommen haben und mir die Ehre erweisen, als meine persönlichen Ehrengäste an meiner Krönung teilzunehmen.“
Sein blasierter Gesichtsausdruck war kaum noch zu überbieten. Dahinter funkelten seine Augen jedoch in unverhüllter Freude über das Wiedersehen.
Mory Rhodan-Abro reichte ihm zuerst die Hand zum Kuss. Sie machte das große Spiel ihres Sohnes voll mit. Ihr aufmerksamer Blick musterte die Sicherheitsmaßnahmen aufmerksam. Lächelnd nickte sie Beatrice Wood zu. Roi merkte, wie Bea sich entspannte, dass ihre Maßnahmen die Zustimmung seiner Mutter fanden.
Mory war, bevor sie seinen Vater kennenlernte, die rechte Hand ihres Vaters Lord Kostich Abro gewesen und hatte mit ihm zusammen den Aufstand der Neutralisten gegen den Obmann angeführt. Damals schon hatte sie sich einen Ruf als Kämpferin und Schützin aufgebaut. Und sie trainierte genau wie er selbst und seine Schwester immer noch regelmäßig.
Traurig versagte Roi es sich, die beiden Frauen in den Arm zu nehmen.
Gleich, in meiner Kabine, dachte er.
„Die Freude ist ganz auf unserer Seite, verehrter Fürst“, entgegnete Mory staatsmännisch routiniert. „Obmann Rhodan-Abro richtet Ihnen durch uns ihre Glückwünsche zu Ihrer Ernennung zum König der Freihändler aus und hofft, dass die erfreulichen Geschäftsbeziehungen zwischen Plophos und den Kosmischen Freihändlern noch weiter ausgebaut werden.“
Roi musste sich beherrschen, um nicht laut zu lachen, wie sicher seine Mutter von sich selbst sprach. Der Kommandant des Schiffes überspielte seine Erheiterung mit einem dezenten Hüsteln. Selbstverständlich wussten er und seine Offiziere, dass sie ihren Obmann an Bord hatten. Warum sie und ihre Begleitung den Freihandelsplaneten inkognito anflogen, hatte ihn nicht zu interessieren. Er hatte auf Anordnung des Obmanns sogar einen Fürsten des Freihändler-Sicherheitsdienstes in seiner Zentrale dulden müssen, damit die Koordinaten von Boscyk‘s Stern weiterhin geheim bleiben konnten.
Roi wandte sich seiner Schwester zu. Auch sie begrüßte er formvollendet mit Handkuss, mehr konnte er sich in der Öffentlichkeit nicht erlauben.
Dr. Geoffry Abel Waringer meinte leise zu seinem Schwager: „Es freut mich für dich, alter Freibeuter.“
Roi schnappte nach Luft. Er schien plötzlich einer Ohnmacht nahe. „Das mir. Hilf Himmel, ich echauffiere mich. Oro!“
Der riesenhafte Ertruser übergab die Duftspritze in aller Ruhe an einen Sicherheitsmann und bot sich seinem Herrn als Stütze an. Roi nahm das Angebot, erleichtert aufseufzend, an. Oro rieb ihm das Gesicht mit einem stark parfümierten Tuch ab, das er aus einer seiner unergründlichen Beintaschen heraus beförderte.
Die plophosischen Raumfahrer konnten sich kaum noch beherrschen. Roi Danton und seine Auftritte waren bekannt. Hier hatten sie endlich einmal die Gelegenheit, einen aus nächster Nähe zu erleben.
„Mein Herr ist im Moment indisponiert“, verkündete der Ertruser ungerührt. „Warten Sie, wie es Emporkömmlingen zukommt.“
Die Soldaten kämpften immer mehr um ihre Beherrschung. Als ein junger Leutnant das Lachen nicht mehr unterdrücken konnte, fielen auch die anderen ein.
Roi musterte sie durch sein Lorgnon, als ob er seltene Tiere oder Pflanzen vor sich hätte.
„Das gemeine Volk hat anscheinend kein Verständnis für die Belastungen, denen ein wahrer Edelmann ausgesetzt ist“, stellte er anzüglich fest. „Oro, vermerke das in dem Buch meiner Verlautbarungen.“
Oro zog dienstbeflissen ein riesiges Notizbuch aus seiner Beintasche. Mit völlig ernster Miene machte er eine Eintragung.
„Erledigt, Herr“, verkündete er anschließend völlig ernst.
Roi übersah den anzüglichen Blick, den seine Schwester Suzan ihm zuwarf. Er wusste, dass sie sein albernes Auftreten verabscheute. Aber sie akzeptierte es, weil sie wusste, dass es zur Aufrechterhaltung seiner Tarnung unvermeidlich war.
„Dein affiges Getue geht mir auf die Nerven“, flüsterte Suzan ihrem Bruder zu.
Roi grinste sie schelmisch an und winkte den wartenden Gleiter heran, der sie zur FRANCIS DRAKE bringen sollte.
Ihm machte die Rolle, die er anfangs mühsam einstudiert hatte, inzwischen richtig Spaß. Er verulkte seine Umgebung liebend gern. Vor sich selbst gab er zu, dass er damit ein großes Stück Freiheit seinem Vater gegenüber gewann – und gerade das gab ihm so viel Auftrieb.

**********

„Ich möchte wissen, was hier los ist und ich lasse keine Ausflüchte gelten!“
Mory Rhodan-Abro stand an dem als Tür verkleideten Schott in der Privatkabine ihres Sohnes. Ihre grünen Augen blitzen.
Außer ihr und Roi waren nur noch Geoffry Waringer, Suzan, Bea und Oro anwesend. So brauchten sie sich nicht vorzusehen, sondern konnten offen sprechen.
Roi wurde es ein wenig unbehaglich unter dem Blick seiner Mutter. Er wusste, dass er ihr nicht ausweichen konnte.
„Atlan hat mich erkannt“, meinte er gepresst.
Mory machte eine wegwerfende Handbewegung. „Erst jetzt? Das wundert mich. Ich habe schon viel früher damit gerechnet.“
Sie schien den Sohn mit ihren Blicken sezieren zu wollen. „Das ist nicht alles. Also noch einmal – zum letzten Mal: Was ist hier los?“
Als Roi immer noch nicht antwortete, sondern mit verkniffenem Gesicht vor sich hin starrte, ergänzte sie sanfter: „Niemand will dir hier Steine aus dem Weg räumen, Mike. Aber es gibt Situationen, wo jeder Hilfe annehmen muss. Vor vier Jahren warst du noch nicht so stur, da hast du die Hilfe deiner Mutter noch angenommen.“
Das gab bei Roi den Ausschlag. „Also gut“, gab er nach. „Es geht um die Attentate, mit denen ich mich herumschlagen muss.“
„Attentate?“, wiederholte die dank des Zellaktivators immer noch jugendlich wirkende Frau. Darüber war auch sie nicht informiert. Roi und Suzan wollten sie nicht beunruhigen.
Ich kann ihr nichts vormachen. Als Mutter merkt sie wohl immer noch alles, egal wie alt ich noch werde.
„Mordanschläge“, präzisierte Bea seine Aussage tonlos.
Mory wandte sich ihr zu, sichtbar erschrocken: „Danke für Ihre Offenheit, Fürstin.“
Roi warf seiner Freundin einen undefinierbaren Blick zu.
„Ich glaube, deine Mutter kann mit der Wahrheit umgehen“, meinte Bea nur.
Niemand sagte ein Wort nach dieser Äußerung. Dann entspannte Roi sich. „Du hast recht. Wenn nicht du und meine Familie, wer dann ...“
„Danke“, meinte Mory nur trocken und wandte sich Tochter und Schwiegersohn zu. „Warum habt ihr ihn nicht zur Vernunft gebracht?“
Die beiden wichen ihren Blicken nicht aus. Suzan erklärte ruhig: „Wir respektieren Mikes Entscheidungen in dieser Sache. Er hat die Entscheidung getroffen, es allein zu schaffen. Also richten wir uns nach seinen Wünschen. Wenn er Hilfe möchte, bekommt er sie, finanziell und technisch – wenn nicht, ist es seine Sache.“
Mory holte tief Luft. „Dann hat eine Mutter da wohl nicht mehr viel zu zu sagen.“ An Roi gewandt: „Diese Sturheit kannst du nur von deinem Vater haben. Er hat mich mit dieser typisch männlichen Unvernunft schon so manches Mal zur Weißglut gebracht.“
Roi lächelte. Das Eis war gebrochen.
„Wieder zurück zum eigentlichen Thema“, erinnerte Mory.
Der zukünftige König der Freihändler machte eine auffordernde Geste zu Bea. „Du bist die Sicherheitschefin. Das ist dein Ressort.“
„Und deine Freundin“, ergänzte Bea sehr ruhig.
Völlig emotionslos, rein sachlich berichtete sie. Niemand unterbrach sie, bis sie ihren Bericht beendet hatte.
„Dann gibt es wohl kein Argument mehr gegen die weitere Hilfe von Atlan, mein Sohn“, stellte Mory nüchtern fest. „Du solltest ihn hierher einladen und ihm und der USO zusammen mit eurem Sicherheitsdienst alles überlassen. Nur er hat – wenn überhaupt – die Chance, herauszufinden, wer dieser Thomas Browne ist. Außerdem teile ich seine Einschätzung, dass da mehr hinter steckt. - Wie sehen Sie die Sache, Fürstin Wood?“
„Ich befürchte genau wie Atlan viel mehr dahinter. Unter Umständen sogar eine Macht, die über die Freihändler versucht, dem Imperium zu schaden. Sollten sich beide Vermutungen bewahrheiten, dass Mr. Browne kein unbeschriebenes Blatt ist und die Freihändler von jemandem benutzt werden, könnten wir es sogar mit Hochverrat am Solaren Imperium zu tun haben. Das ändert die Situation schlagartig. In diesem Fall müssen wir uns nach den Gesetzen des Imperiums richten und Atlan einschalten. Wir alle sind immer noch Offiziere der USO und haben einen Eid auf das Imperium geschworen.“
Roi blickte Bea nur fragend an nach ihren Ausführungen. Sie nickte, hatte die stumme Frage verstanden.
Also wieder ihre Vorahnungen. Bisher traten sie immer ein. Roi schauderte innerlich. Laut sagte er: „Atlan wird versuchen, herauszufinden, wer Thomas Browne ist. Sobald wir das wissen, entscheiden wir weiter. Bis dahin gilt meine Entscheidung. Sollte sich herausstellen, dass wir es tatsächlich mit Hochverrat am Imperium zu tun haben, werde ich sofort gemäß meinem Eid auf das Imperium handeln. Genau das Gleiche gilt, sollten außer mir noch andere Personen gefährdet werden. Dann werde ich meine persönlichen Wünsche sofort an zweite Stelle setzen und mit Atlan reden.“
„Das ist immerhin schon mal etwas“, bemerkte seine Mutter trocken.
Roi zuckte zusammen und blickte sich in der Runde um. „Gibt es noch etwas dazu zu sagen?“
Suzan blickte unsicher um sich. „Da ist noch etwas, was ich dir sagen sollte.“
Roi lächelte seiner Schwester aufmunternd zu. Mit stockender Stimme erzählte sie von dem Abendessen mit Atlan. „Ich habe immer noch das Gefühl, als ob ich dich doch durch irgend eine Äußerung verraten habe“, schloss sie.
Roi dachte einen Moment nach. „Niemals. So wie du es erzählst, wusste der alte Lehrmeister das schon vorher und hat dich bewusst gedrängt, bis du ihm erzählt hast, was hier los ist. Krausnase – ich hätte dich nie darum gebeten, auch wenn ich schon gewusst hätte, dass Atlan es weiß – aber ich kann dich sehr gut verstehen. Es ist für dich nicht leicht, deinen kleinen Bruder in Lebensgefahr zu sehen. - Aber sei sicher: der kann recht gut auf sich aufpassen – und es gibt hier auch noch so einige mehr, die ihn am liebsten in eine Glasglocke setzen würden.“
Mit anzüglichem Blick musterte er Bea und Oro.
„Trotzdem dürfte es dir schwer fallen, solange wir nicht wissen, mit welchen Karten der Gegner spielt.“ Geoffry Waringer äußerte sich zum ersten Mal und brachte das Problem mit seinem nüchternen wissenschaftlichen Verstand auf den Punkt.
„Und genau deshalb wirst du nach dem Fest zusammen mit Bea zur Erde fliegen und mit Atlan sprechen.“ Mory lächelte in ihrer charmantesten Art.
Roi reichte es. Er merkte selbst, wie sein Trotz und seine Wut über seine eigene Hilflosigkeit die Oberhand gewannen. Er stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort seinen eigenen privaten Wohnraum.
Er hörte nur noch, wie seine Mutter ein Wort sagte: „Männer.“
Das heizte seine Wut noch mehr an. Als ob nur Frauen den Überblick hätten …

**********

3

Der König der Freihändler

Der Weg vom großen Verwaltungsgebäude in Trade-City, der Hauptstadt des Planeten Olymp bis zum Landeplatz der FRANCIS DRAKE, dem 850 Meter durchmessenden Flaggschiff der Freihändler, hatte sich in eine Prunkallee verwandelt.
Die große Tribüne mit dem Thron, den Roi nach seiner Krönung zum ersten Mal anstatt von Kaiser Boscyk besteigen würde, war direkt unter den Landestützen der FRANCIS DRAKE aufgebaut worden. Die Ehrentribüne, auf der sich die geladenen Gäste aufhielten, stand direkt daneben, mit dem allerbesten Blick auf die Zeremonie.
Direkt neben dem Flaggschiff stand die QUEEN ELIZABETH I, das Flaggschiffs von Bea Sicherheits-Flotte. An Bord war ein Raumlandekommando in Einsatzbereitschaft.
So hatten sie die Möglichkeit, bei Bedarf nicht nur auf den Sicherheitsdienst, sondern auch auf die Elitemannschaft von Roi direkt zurückgreifen zu können.
Zahlreiche Reporter hatten sich unter die Menschenmenge gemischt. Alle Freihändler, die sich gerade mit ihren Schiffen im Weltraum unterwegs waren, hatten sich aufgemacht, die Krönung ihres neuen Königs direkt zu verfolgen. Die Reporter interviewten zahlreiche Zuschauer. Die meisten Gespräche wurden live gesendet.
Die Berichterstatter durften überall filmen, mit Ausnahme der Tribüne und der Ehrengäste. Die Sendeanstalten hatten sich unter Androhung astronomischer Vertragsstrafen dazu verpflichten müssen, die Anonymität der Ehrengäste zu wahren. Nicht nur Rois Familie, sondern auch viele hochrangige Politiker, Wirtschaftsbosse und Militärs konnten noch nicht zugeben, mit den Freihändlern zu sympathisieren.
Roi war zuversichtlich, dass diese Verschleierung eines Tages nicht mehr nötig sein würde. Er und seine Mitstreiter waren auf dem besten Wege dazu.
Er saß auf seiner Sänfte, die von sechs Epsalern getragen wurde, angeführt von seinem Stellvertreter Edelmann Rasto Hims.
„Auch mal etwas Neues für einen Kosmonauten, zum Packesel zu werden“, hatte er launig verkündet und dabei über sein ganzes breites Gesicht gelacht.
Direkt neben der Sänfte schritt Bea, in der Prunkuniform eines königlichen Musketiers. Für sie und Roi hatte das alte Musketiermotto auch im kosmischen Zeitalter nichts von seiner Aussagekraft eingebüßt: „Einer für alle – alle für einen.“ Im Gegenteil!
Beas Wangen glühten. Die Freude, die sie über den Erfolg ihres Freundes empfand, versetzte auch sie in Hochstimmung. Trotzdem vernachlässigte sie ihre Aufmerksamkeit nicht, genau so wenig wie Oro Masut.
Roi fühlte sich unter ihrem Schutz völlig sicher. Er versuchte sich zu entspannen und die Wirkung einfach in sich aufzunehmen und zu genießen.
Der riesige Ertruser trug die Kleidung eines sarazenischen Offiziers und versprühte aus seiner Spritze farbige Duftwolken.
Bea, Oro und die Epsaler trugen trotz der historischen Prunkkleidung absolut tödliche Thermostrahler offen sichtbar in ihren Gürteln . Allein das sollte schon jeden Attentäter abschrecken.
Vor, eben und hinter der Sänfte ritten Kavalleristen und Indianer aus der Zeit der Indianerkriege des nordamerikanischen Kontinents – alles entsprechend ausstaffierte Angehörige des Sicherheitsdienstes, die erfahrene Reiter waren. Alle hatten gestaunt, wie es Roi gelungen war, die hervorragend ausgebildeten Pferde von Terra zu beschaffen.
Sarkastisch dachte Roi daran, was wohl sein Vater und vor allen Dingen Atlan denken würden, wenn sie zu Hause die Übertragung sahen. Besonders Atlan würde genau hinschauen, schließlich hatte er das Reiten und auch das Kämpfen vom Pferd aus mit historischen Waffen von ihm gelernt.
Roi atmete tief durch. Vorsichtig stand er auf der schwankenden Sänfte auf und winkte einem der Kavalleristen. Der führte ein Pferd ohne Reiter heran, einen prächtigen schwarzen Hengst und warf Roi die Zügel zu. Der sprang direkt von der Sänfte in den Sattel des Hengstes. Das Pferd stieg kurz und wurde von Roi sofort wieder zurückgenommen.
Ein Indianer übergab Bea ein ebenfalls reiterloses Pferd, einen genauso prächtigen Schimmel. Roi hatte die beiden Tiere persönlich auf Terra für seine Freundin und sich ausgewählt. Auf Olymp hatten sie sie auf sich eingeritten. Die Tiere folgten ihnen auf Handbewegung oder Zuruf.
Beide ritten im Schritttempo neben der nun leeren Sänfte her.
„Du kannst es nicht lassen“, stellte Bea lächelnd fest.
„Warum sollte ich auch?“
Roi lachte und trieb sein Pferd an. Er ritt ganz nahe an die Absperrung heran, schüttelte Hände, nahm Blumen entgegen, die er in hohem Schwung wieder in die Menge warf.
Kurz vor ihrem Ziel, dem Thron, vor dem der „Kaiser“ auf sie wartete, sprangen sie von den Pferden und warfen die Zügel einfach der berittenen Truppe zu.
Roi umarmte seine Freundin kurz. Sie lachte. „Aber Majestät, Sie verlieren Ihre Contenance ...“
Laute Hochrufe waren die Antwort auf diese menschliche Geste. Roi und Bea hatten die Herzen der aufrichtigen Freihändler schon lange erobert. Jeder mochte die jungen Menschen und war von ihrem Charisma eingenommen.
Sie zögerte einen Moment, dann gab sie Roi einen zärtlichen Kuss auf die Wange, was noch größeren Jubel auslöste.
Roi erstarrte vor Freude. Der reichlich aufgetragene Puder konnte trotzdem sein Erröten nicht verdecken. Bisher war immer er es gewesen, der sie geküsst hatte – und sie hatte es sich gefallen lassen …
Wie ich diese Frau liebe. Hoffentlich findet unsere Liebe irgendwann wirklich unsere Erfüllung.
Das wird sie, dröhnte plötzlich eine Stimme in seinem Kopf auf. Er zuckte zusammen und blickte sich kurz um. Niemand außer ihm zeigte eine solche Reaktion.
ES?, fragte er vorsichtig. Was willst du von mir?
Dir helfen … und nun genieße deinen Erfolg, junger Freund …
Die Stimme wurde immer leiser. Bea hatte seine kurze geistige Abwesenheit bemerkt und fragte leise: „Alles in Ordnung?“
Er nickte nur, aber sagte nichts weiter. Zu verwirrt war er davon, dass die Superintelligenz, die so lange nichts mehr hatte von sich hören lassen, sich ausgerechnet bei ihm meldete. Er horchte in sich hinein, aber ES meldete sich nicht mehr. Dass er einer Täuschung erlegen war, glaubte er nicht …
Kurz musterte er den Roboter, der in der Gestalt von Lovely Boscyk auf sie wartete. Niemand konnte die Täuschung erkennen, Geoffrys Arbeit war wieder einmal perfekt.
Roi blickte kurz auf die Ehrentribüne. Die Anwesenheit von Mutter und Schwester samt Schwager tat ihm sehr gut. Besonders seine Schwester und er waren ein eingeschworenes Team. Nachdem die erste Kleinkindphase vorüber war, in der Suzan „nur“ seine Schwester war und sein Patenonkel Reginald Bull ihm öfter klarmachen musste, dass auch „Schwestern Menschen sind“, hielten beide in jeder nur denkbaren Situation zusammen wie Pech und Schwefel.
Ich bin glücklich, richtig glücklich!
„Herzlich willkommen, Fürst Danton.“
Die perfekt programmierte Stimme des Roboters mit den Stimmfrequenzen von Boscyk hallte deutlich über den Festplatz, verstärkt von den zahlreichen überall schwebenden Mirkofonen.
Gemeinsam, Seite an Seite, stiegen der Kaiser und Roi Danton die drei Stufen zu dem kleinen Podest empor, blieben vor dem Thron stehen und winkten der Menge. Die Frauen und Männer der Ehrengarde stiegen ebenfalls von ihren Pferden ab, stellten sich neben ihren Tieren in einer Phalanx auf.
Eine Robotkapelle spielte ein altes Freihändlerlied von der unendlichen Weite und den Verlockungen des Weltalls. Bea und Oro blieben vor den Stufen des Podests stehen, Page und Leibdiener ihres Herrn.
Als die Kapelle die letzten Töne spielte, tauchten zwei weitere Roboter auf. Einer trug über seinen Armen einen pelzverbrämten weißen Samtumhang, der andere hielt ein rotes Samtkissen mit der Goldkrone und dem Zepter in den stählernen Händen.
Schlagartig verstummte der Jubel, erwartungsvolle Stille breitete sich aus.
Boscyk stellte sich vor den Thron und nahm den kostbaren Umhang entgegen.
Roi kniete vor dem Kaiser nieder. Feierlich legte der ihm den Samtumhang um die Schultern. Schlagartig spürte er das Gewicht – und mit ihm die Last der Verantwortung, die auf seinen Schultern ruhte – Verantwortung für Hunderttausende von Menschen, die von seinen Entscheidungen abhängig waren.
Mit einer langsamen, zeremoniellen Bewegung nahm er seinen Dreispitz ab. Gemäß der historischen, monarchistischen Traditionen seines Heimatplaneten senkte er den Kopf. Dabei beobachtete er aufmerksam seine Umgebung. Er sah, wie Suzan, die auf der Ehrentribüne ganz vorne stand, ihm zulächelte, genau wie seine Mutter und sein Schwager. Er sah ihnen an, dass sie genauso glücklich waren wie er selbst.
Der Kaiser hob die Krone hoch über seinen Kopf, so dass sie weithin sichtbar war. Seine Stimme dröhnte über den Platz: „Hiermit kröne ich dich, Roi Danton, zum König der Freihändler und übergebe dir mein Erbe. Von nun an bist du nicht nur mein Stellvertreter und der Befehlshaber über die Kosmischen Freihändler, sondern mein Nachfolger mit allen Rechten und Pflichten.“
Damit setzte er Roi langsam die Krone auf den Kopf.
In die Stille hinein erläuterte Boscyk weiter: „Ich ziehe mich ins Privatleben zurück, ich bin alt und müde geworden. Du wirst mir ein guter Nachfolger sein.“
Rois Herzschlag dröhnte in seinen Ohren. Kurz erinnerte er sich an die langen Diskussionen, die er über dieses Thema mit Bea gehabt hatte. Letztendlich hatten sie sich dagegen entschieden, den Robotkaiser einfach an seiner Position zu belassen. Es wäre zwar im Augenblick für Roi ungefährlicher und einfacher gewesen, aber die Gefahr, dass jemand von ihren Gegnern den Kaiser doch einmal festsetze, ihn genauer medizinisch untersuchte und feststellte, dass es nur ein Roboter war, erschien ihnen zu groß. Ein geschickter Staatsanwalt hätte Roi in diesem Falle sogar Betrug unterstellen und ihn vor einem solaren Gericht anklagen können.
Roi musterte unauffällig die Beiräte, die traditionell nicht auf der Ehrentribüne, sondern neben dem Thron standen. Jetzt, wo sein Misstrauen geweckt war, fiel ihm plötzlich auf, wie verschlagen das freundliche Lächeln von Beirat Thomas Browne wirkte.
Der hat mich richtig reingelegt. Aber wieso? Das verstehe ich nicht.
„Erhebe dich und nimm die Huldigungen deiner Freihändler entgegen, König Danton“, unterbrach die Stimme des Kaisers seine Überlegungen.
Roi stand auf und drehte sich zur Menge um. Nach einem Augenblick des Innehaltens brach infernalischer Jubel aus. Alle winkten, schrien, sprangen auf ihren Plätzen herum und fielen sich in die Arme.
Wenn er doch nur wirklich hier wäre. Das Robot-Double machte seine Sache so gut, dass Roi beinahe die Tränen kamen. Das wäre es noch, in aller Öffentlichkeit bei meiner Krönung – König Danton verliert die Contenance – DAS wäre es für die Berichterstatter …
Der Kaiser übergab Roi als letztes das Zepter. Der neue König hob es und winkte damit in die Menge. Boscyk geleitete ihn an der Hand zum Thron und er setzte sich zum ersten Mal darauf als König der Kosmischen Freihändler!
Er hatte es geschafft! Jetzt noch den Rest des Fünf-Jahres-Planes – dann hatte er sein Ziel wirklich erreicht.
Roi glaubte in dem ohrenbetäubenden Lärm zu versinken. Hitze stieg in ihm hoch. Er spürte deutlich, wie ihm das Blut in den Kopf stieg, seine Wangen sich röteten. Er wusste, dass genau jetzt der gefährlichste Moment für ein Attentat war. Sie rechneten zwar alle damit, dass es noch im Laufe des Abends eines geben würde, sorgfältig geplant von ihren Gegner – aber vielleicht verlor einer von ihnen die Nerven und schlug jetzt, unauffällig aus der Menge, zu. Die Erfahrung zeigte, dass diese ungeplanten, gefühlsüberladenen Attentate meist gefährlicher waren als die geplanten, weil sie unschuldige Menschen in großer Zahl gefährdeten. Genau das wollten Roi und Bea unbedingt vermeiden.
„Danke für dein Vertrauen“, wandte Roi sich gemäß dem Zeremoniell an den Kaiser. „Ich weiß es zu schätzen und werde dich niemals enttäuschen.“
Der Kaiser nickte nur, gemäß Programmierung mit traurigem, entrücktem Gesicht.
„Messieurs und Medames“, erscholl Rois Stimme, verstärkt von den Lautsprechern, über das gesamte Gelände. Er sprach ein deutliches Interkosmo mit französischem Akzent, das er sich mühsam angewöhnt hatte.
„Wir, von des Kaisers Gnaden König der Freihändler, danken Ihnen für Ihr Vertrauen. Ohne Ihre Unterstützung, liebe Freihändler, würden Wir heute nicht hier stehen und aus den Händen Seiner Majestät des Kaisers diese große Ehre entgegennehmen können.“
Er machte eine kurze Pause und spürte, wie die Spannung sich noch erhöhte. Er meinte, das Knistern förmlich spüren zu können.
„Wir schwören, uns immer an die Statuten der Kosmischen Freihändler zu halten und den Gesetzen des Solaren Imperiums zu folgen.“
Übergangslos verstummte der Lärm. Jeder musste Rois Worte erst einmal für sich selbst richtig verstehen. Das hatte es noch nie gegeben – ein Freihändler in höchster Position, der sich zum Solaren Imperium bekannte!
Der Freihändlerkönig nutzte die Stille aus: „Die Freihändler sind nicht die Feinde des Solaren Imperiums! Wir sind eine unabhängige Händlerorganisation und ich garantiere Ihnen, dass wir das auch bleiben werden. Sollte aber das Imperium angegriffen werden, ist es unsere Pflicht, an der Seite des Solaren Imperiums zu kämpfen und nicht neutral zu bleiben!“
Die letzten Worte klangen hart – mit Absicht! Der junge Mann wollte von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen lassen, wie er zum Solaren Imperium stand und was er von den Händlern zukünftig erwartete.
Eine kurze Handbewegung von ihm schaltete die Schwebemikrofone in seiner Nähe ab. Die Nachrichtengesellschaften konnten jetzt nur ein tonloses Bild senden.
„Ich schwöre, als Soldat des Solaren Imperiums meine Pflicht zu tun im Falle eines Krieges. - Mögen die She‘Huan mir helfen!“
Das ging die Nachrichtensender und die Öffentlichkeit nichts an. Das war seine Sache! Genau wie Atlan folgte er dem alten Sternenglauben der Arkoniden.
Er schaltete die Mikrofone wieder ein und lächelte den Ehrengästen zu.
Bea trat als Erste vor und wollte demäß dem Zeremoniell vor ihm niederknien, um ihm zu huldigen.
„Nein, Freundin“, sagte er hart. „Das möchte ich nicht, auch nicht aus einem zeremoniellen Anlass. Nicht von Dir!
Sie zuckte zusammen.
„Bitte, mach das nie wieder“, fuhr er leise und sanft fort. Er konnte es nicht ertragen, seine treue Freundin vor sich knien zu sehen, auch nicht als Theaterspiel.
Sie fing sich sofort wieder und neigte nur leicht den Kopf.
„Darf ich als euer Page die erste sein, die euch Treue gelobt, Majestät?“
Roi zog sie an sich. Es war ihm egal, ob das in die Zeremonie passte oder nicht. „Danke, liebe Freundin! Ich weiß das zu schätzen und werde dir immer zugetan sein.“ Sein Gesicht wirkte in diesem Moment gar nicht blasiert, sondern sehr menschlich. Da die Kameras es in Großaufnahme nicht nur live an alle Sender übertrugen, sondern in Form von Holos auch jeder in der Menge sehen konnte, brandete sofort wieder Jubel auf. Mit dieser menschlichen Geste eroberte Roi sich auch die Herzen vieler Zweifler.
Nach Bea gelobte Oro ihm seine Treue. Wie sie es von ihren immer wieder geübten Auftritten kannten, beugte er als Leibdiener das Knie vor seinem Herrn.
Gönnerhaft hob Roi ihn auf und nickte ihm freundschaftlich lächelnd zu.
Die Huldigungen der Ehrengarde, der Kavalleristen und Indianer, nahm er ebenso freundlich entgegen.
Bei den Beiräten, von denen es gerade Thomas Browne sichtlich schwer fiel, sein neutrales Benehmen zu wahren, nickte er nur mit blasiertem Gesichtsausdruck, wie es sich für den König ziemte.
Als Browne ihm als „Loyalster“ in diesem Gremium die Hand gab und ihn anlächelte, zwang er sich ebenfalls zu einem Lächeln. Er wollte ihn nicht aufschrecken, falls er der Drahtzieher war.
Die Ehrengäste grüßte er sehr herzlich. Wieder waren die Kameras verboten. Deshalb konnte er sich leisten, seine Mutter und seine Schwester kurz in den Arm zu nehmen.
„Alles Glück des Universums, kleiner Bruder“, flüsterte Suzan ihm zu.
Ein Admiral der Solaren Flotte warf Mory Rhodan-Abro verschwörerische Blicke zu. Anscheinend hatte er den Obmann von Plophos erkannt. Da aber auch er es sich nicht leisten konnte, dass seine Anwesenheit heute und hier bekannt wurde, würde er schweigen.
Die Indianer warfen Roi und Bea wieder die Zügel ihrer Pferde zu. Roi übergab Krone, Zepter und Samtumhang an Oro. Beide sprangen schwungvoll in den Sattel und galoppierten durch die abgesperrte Gasse an der jubelnden Menge entlang. Überall verteilte Roboter und energetische Abschirmgitter sorgten dafür, dass die begeisterten Menschen nicht in Gefahr gerieten.
Roi dachte amüsiert daran, was wohl sein Vater und sein Onkel Bully sagen würden, wenn sie diese Bilder sahen. Der verweichlichte König der Freihändler zeigte sich als geübter Reiter. Altan würde sicherlich nur still vor sich hin lächeln.
Roi und Bea galoppierten die abgesperrte Gasse zwei Mal hin und zurück. Roi genoss den Ritt und das Bad in der Menge. Er erinnerte sich daran, was er vor vielen Jahren zu Geoffry gesagt hatte: … und du wirst in der Menge stehen und mir zujubeln – mit Roi Danton beginnt ein neues Zeitalter …
Ein dröhnendes Gelächter in seinem Kopf ließ ihn kurz zusammenzucken.
Wie recht du hast, junger Freund.
Es wurde übergangslos ernst. Egal, was in der nächsten Zeit geschieht, es geschieht nicht ohne Grund – und ich stehe an deiner Seite – ich UND dein Lehrmeister, der Arkonide. Denk immer daran!
Damit verabschiedete ES sich, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen.
Für Roi wurde das alles immer dubioser. Er wusste von seinem Vater und von Atlan, dass die Superintelligenz meistens in Rätseln sprach. Er würde Atlan danach fragen, wenn er – sobald er es für richtig hielt – sich mit ihm unterhalten würde! Er schloss aus den geheimnisvollen Andeutungen, dass demnächst etwas geschehen würde, an dem auch Atlan beteiligt sein würde. Sein neu erwachter Instinkt für Gefahren ließ seine Kopfhaut kribbeln.
DAS konnte ja noch etwas werden …

**********

Auf der Erde sahen die Mitglieder der Führungsriege gemeinsam im Büro von Perry Rhodan die Live-Übertragung des größten Nachrichtensenders des Solaren Imperiums.
Während Perry Rhodans Gesicht maskenhaft starr wurde und die blaue Ader auf seiner Stirn anschwoll, sein Zeichen allerhöchster, unterdrückter Wut, amüsierten die anderen sich köstlich. Sogar Allan D. Mercant, dem man seine Gefühle normalerweise nie anmerkte, schmunzelte unterdrückt vor sich hin.
„Ich möchte wirklich wissen, wer dieser Mann ist“, meinte Perry. „Das passt doch alles nicht zusammen. Nach den Berichten soll er bei jeder Gelegenheit bühnenreif in Ohnmacht fallen, dann präsentiert er sich hier wieder als routinierter Reiter. Ich kann mir gut vorstellen, dass er auch Kampferfahrung hat.“
„Wahrscheinlich“, bemerkte Atlan mit einem verhaltenen Lächeln.
Perry musterte ihn nachdenklich. „Wolltest du dich nicht persönlich seiner annehmen?“
„Natürlich, Barbar. Das habe ich schon. Über seine Sicherheitschefin habe ich ihn eingeladen, mich doch zu einem Gespräch zu besuchen.“
Perry lachte. „Wie oft haben wir das schon versucht? Und wie groß war der Erfolg? Wir haben sogar versucht, ihn zu entführen … soll ich dir das Thema in Erinnerung rufen? Anscheinend versagt hier dein fotografisches Gedächtnis, Arkonide!“
„Durchaus nicht, kleiner Barbar. Diesmal wird er die Einladung annehmen, da bin ich mir sicher.“
Perry musterte ihn durchdringend. „Ach, haben Euer Erhabenheit wieder einmal einen Trumpf im Ärmel, von dem wir einfachen Terraner nichts wissen?“
„Wie kommst du darauf, kleiner Barbar?“
„Nur so. Ich kenne dich ja schon länger.“
„Eben. Deshalb solltest du auch wissen, dass ich versuchen werde, diesen sogenannten König aufzuhalten, bis du wieder auf der Erde bist. - Wie lange bleibst du?“
„Ich fliege morgen nach Plophos zum offiziellen Staatsbesuch und danach gleich weiter auf Wahlkampfreise. Es ist wieder einmal so weit. Insgesamt werde ich wohl so drei bis vier Wochen unterwegs sein. Aber jedenfalls sehe ich Mory dann endlich mal wieder. Die verdammten Pflichten lassen uns so wenig Zeit für ein Privatleben.“
„Ja, leider ...“, nickte Atlan.
„Wir könnten den Freihändler unter einem Vorwand inhaftieren, bis sie wieder hier sind“, schlug der Abwehrchef mit einem sphinxhaften Lächeln vor. „Was halten Sie davon, Atlan?“
Der Arkonide wiegte den Kopf, als ob überlegen würde. Perry kam ihm zuvor. „Lasst sein. So wichtig ist das dann doch nicht, um Unruhe heraufzubeschwören. Die Geschichte damals auf dem Mars hat mir gereicht.“
Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm zu und bemerkte nicht die Blicke, die Atlan und Mercant sich zuwarfen.
Hoffentlich ist Michael wirklich glücklich, dachte Atlan still bei sich.
Bestimmt. Schau dir die Bilder doch mal genauer an. Er genießt seinen Erfolg!

**********

4

Das abendliche Festbankett in dem großen, herrlich geschmückten Saal des Regierungsgebäudes verdiente seinen Namen in jeder Beziehung. Roi Danton hatte alle denkbaren Köstlichkeiten der Galaxis auftischen lassen. Die Platten bogen sich regelrecht. Dazu wurden die besten Weine gereicht. Wer mochte, konnte sich zusätzlich noch Bier, Sekt oder diverse Schnäpse reichen lassen.
Bedienungsroboter erfüllten nicht nur jeden Wunsch der Gäste, sondern würden auch Betrunkene unauffällig aus dem Verkehr ziehen.
Roi hatte das gesamte Fest aus seinem Privatvermögen finanziert. Er wollte sich später nicht nachsagen lassen, er hätte eine persönliche Feier von der Organisation bezahlen lassen.
Er saß an einem Kopfende der langen Festtafel. Den unhandlichen Frack hatte er schon abgelegt und über die Lehne seines Stuhles gelegt, trug nur noch das kostbare Spitzenhemd mit der zartrosa Weste darüber. Die Krawatte hatte er auch bereits gelockert.
Der Kaiser und die Ehrengäste saßen links und rechts neben ihm. Roi bewunderte die perfekte Kontruktion des Roboters. Er konnte sogar normal essen und trinken. Die aufgenommenen Speisen und Getränke wurden in einem Behälter gesammelt und später entsorgt.
Bea wollte sich gemäß ihrer Rolle als Page hinter seinen Stuhl stellen, aber er hatte ohne ihr Wissen die Sitzordnung kurzfristig geändert. Mit einem charmanten Lächeln bot er ihr den Platz an seiner Seite an.
„Der dir gebührende Platz, Freundin!“, lud er sie ein. Sie war kurz überrascht und drohte ihm gleich danach mit dem Zeigefinger. Neben ihr saßen Mory, Suzan und Geoffry. Sie trugen die Gala-Uniformen der Plophosischen Flotte. Die beiden Frauen boten darin einen bezaubernden Anblick. Geoffry konnte den Blick kaum von seiner Frau abwenden.
Roi freute sich für die beiden. Er gönnte ihnen ihr Glück von ganzem Herzen.
Rois nachtblaue Augen verrieten für diejenigen, die ihn kannten, deutlich seine Freude, obwohl sein Gesicht nach außen gemäß seiner Rolle höchst blasiert wirkte.
Er gehörte zu den Menschen, die mit den Augen sprechen konnten – aber eben nur für diejenigen, die die Signale zu deuten verstanden.
Roi sprach den verschiedenen Delikatessen reichlich zu. Entgegen seiner Gewohnheit trank er dazu einige Gläser Rotwein. Langsam bemerkte er, wie er sich innerlich ein wenig entspannte. Er tauschte einen kurzen, verständigenden Blick mit Bea und Oro, der hinter seinem Stuhl stand und über ihn wachte.
Dann winkte er einem Bedienungsroboter und ließ sich von ihm ein weiteres Glas Rotwein, diesmal gemischt mit hochprozentigem Rum, reichen.
Er stürzte es in einem Zug herunter und merkte, wie es sich warm in seinem Magen ausbreitete. Die Mischung sagte ihm zu und nach mehreren Gläsern fühlte er die ihn umfangende Leichtigkeit und Losgelöstheit von allen bösen Gedanken. Er konzentrierte sich nur auf das Geschehen direkt in seiner Umgebung.
Dass er am nächsten Morgen einen riesigen Kater haben würde, wusste er, genau so wie, dass Bea ihn schon heute nach dem Fest liebevoll versorgen würde. Und dass er sich auf ihre Fürsorge freute. Er nahm sich vor, ein wenig mehr den „Leidenden“ zu spielen und es zu genießen. Das würde ein ganz besonderes Highlight für ihn sein.
Hoffentlich geht sie auf das Spiel ein, dachte er ein wenig zweifelnd.
Vorsichtig blickte er sie von der Seite an. Es kam ihm vor, als ob sie ihn „einlud“. Ihre blitzenden Augen, obwohl sie keinen Tropfen Alkohol trank, sprachen für ihn und gerade in diesem angenehmen, leicht benebelten Zustand Bände.
Er stand auf und zog sie ein Stück mit sich, legte ihr den Arm um die Schultern. Dann wagte er es, enthemmt durch Wein und Rum.
Vorsichtig hob er ihr Gesicht zu sich empor und küsste sie ganz zart auf ihre leicht geöffneten Lippen.
Im ersten Augenblick versteifte sie sich, blickte ihn irritiert an.
Idiot, schalt er sich. Jetzt habe ich sie verschreckt.
Aber Bea hatte ihren ersten Schreck schon überwunden, erwiderte den Kuss sogar mit einer Liebe, die er nicht für möglich gehalten hätte.
Beide waren so versunken, dass sie die Blicke nicht sahen, die ihnen zugeworfen wurden. Besonders Mory und Suzan nickten sich zufrieden zu.
Endlich lösten sie sich voneinander und waren völlig überwältigt von dem Beifall rundherum.
„Das wurde auch Zeit, kleiner Bruder“, flüsterte Suzan ihm ganz leise zu, so dass niemand außer ihnen es hören konnte.
Das weitere Fest lief so, wie Roi es sich gewünscht hatte. Nichts störte den Frieden, den Beiräten ging er aus dem Weg, so weit es nicht unhöflich wirkte. Außerdem war es ihm mehr und mehr egal, je betrunkener er wurde.
Trotzdem benahm er sich in keiner Weise daneben. Es zeigte sich wieder einmal, dass Betrunkene ihren wahren Charakter zeigten. Bei dem neuen König der Freihändler zeigte sich ganz deutlich, dass er eine sehr gute Erziehung genossen hatte.
Mehr und mehr leerte sich der Saal, die Gäste wurden müde und verabschiedeten sich. Besonders die Ehrengäste, die aus den höchsten Kreisen des Solaren Imperiums kamen, zogen sich zu angemessener Zeit zurück.
Als nur noch einige wenige im Saal waren, unter ihnen aber alle Beiräte, kam ein Edelmann aus der Verwaltung von Trade-City, den Roi nur flüchtig kannte, freundlich lächelnd auf ihn zu.
Er hielt in seinen Händen zwei Gläser Sekt, die er von dem Tablett eines Robotkellners genommen hatte.
Formvollendet beugte der Mann das Knie vor seinem König. „Würden Majestät mir die große Ehre erweisen, mit mir auf eure Ernennung zu trinken?“
Ein Glas hielt er Roi hin, das andere hob er selbst in die Höhe, wartete auf die Entgegnung seines Königs.
Rois Instinkt meldete sich, seine Kopfhaut prickelte wieder, aber der Alkohol überdeckte das Gefühl der Gefahr, hebelte es einfach aus. Die Menge hatte ihn regelrecht außer Gefecht gesetzt.
So hob er das Glas und prostete dem Mann freundlich lächelnd zu. Als er gerade den ersten Schluck getrunken hatte, zersplitterte das Glas in seiner Hand, Scherben verletzten ihn leicht an der Lippe und an der Hand.
Bea, die ihn scheinbar unabsichtlich angerempelt hatte, entschuldigte sich so laut, dass es jeder in der Umgebung hören musste.
„Es tut mir sehr leid, Eurer Majestät. Ich habe das Gleichgewicht verloren. Bitte haben Sie Nachsicht mit mir!“
Sie beugte den Kopf vor dem König und flüsterte ihm zu: „Gift.“
Sein Instinkt hatte ihn also nicht getrogen! Unvermittelt spürte er, wie betrunken er war! Der erwartete Kater setzte direkt ein! Ihm war übel, sein Kopf dröhnte, ihn schwindelte.
Trotzdem funktionierte sein Verstand von einer Sekunde auf die andere trotz des Alkohols wieder glasklar. Der Schock ernüchterte ihn sofort. Panische Angst aufgrund des einen Wortes – Gift – und die Möglichkeit, endlich einen Attentäter lebend fangen zu können, wenn er sich nicht erkannt fühlte, stritten in seinen Gefühlen.
Nachsichtig lächelnd meinte er nur: „Selbstverständlich, liebe Freundin. Du bist sicherlich schon sehr müde zu dieser fortgeschrittenen Stunde.“
Der Edelmann wollte sich zurückziehen. Roi und Bea ließen ihn augenscheinlich unbehelligt, aber auf einen Wink ihrer Chefin näherten sich ihm schon vier Sicherheitsleute. Er würde ihnen nicht entkommen.
Roi und Bea verständigten sich nur mit Stichworten – das reichte ihnen.
„Gesehen oder Vorahnung?“, fragte Roi kurz.
„Vorahnung.“
Ein Stich traf Roi innerlich. Aber er vertraute seiner Freundin, obwohl sie keinen Beweis für ihre Ahnung hatte. Er wusste, was er jetzt zu tun hatte – genauso wie sie.
„Wie lange habe ich, Gefühl?“, fragte er knapp.
Unsicher wiegte sie den Kopf hin und her. „Einige Minuten. Du solltest nicht zu lange warten.“
„Bleib hier“, flüsterte er ihr zu.
Sie nickte beherrscht. Er wusste, dass sie am liebsten mit ihm gegangen wäre, ihm geholfen, aber als Sicherheitschefin war es ihre Pflicht, sich im Saal um die weiteren Maßnahmen zu kümmern.
Der Ertruser wollte ihn begleiten, aber Roi schnitt ihm das Wort ab.
„Bleib bei Bea, Oro. Das ist ein Befehl.“
Sein Leibwächter ergab sich in sein Schicksal.
Roi wandte sich um, warf einen kurzen Blick durch den Saal. Seine Mutter und seine Schwester hatten offensichtlich den Zwischenfall bemerkt. Mory schlenderte wie unauffällig in seine Nähe und suchte seinen Blick.
Der junge Freihändlerkönig hob nur die Schultern und grinste. „Anscheinend war der letzte Wein schlecht“, versuchte er es mit der „Ausrede“ aller, die den geistigen Getränken etwas zu sehr zugesprochen hatten. Sie nickte verständnisvoll und wollte sich ihm anschließen. Er schüttelte bestimmt den Kopf.
„Bitte nicht, Mam“, flüsterte er. „Es wäre mir peinlich.“
Sie zögerte kurz, dann nickte sie verstehend.
Im Rausgehen sah er noch, wie Bea mit Suzan und Geoffry flüsterte, der – dem Anschein nach nervös – an seinem Kragen herumspielte. Roi wusste, dass sich dort eines der Steuergeräte für den Robot-Kaiser verbarg.
Er hatte keine Zeit mehr, sich um die weiteren Vorgänge im Saal zu kümmern. Ihm lief die Zeit sonst weg. Je länger er wartete, desto größer war die Gefahr, in der er schwebte.
Ich verlasse mich absolut auf Beas Ahnungen. Wenn sie falsch liegt, quäle ich mich gleich völlig unnötig – oder ich bin in ein paar Minuten tot.
Merkwürdigerweise kam die Panik des ersten Erkennens jetzt nicht mehr in ihm auf. Er betrachtete die Situation völlig nüchtern, als ob nicht er, sondern ein Fremder betroffen wäre. Er wusste, dass das eine Schutzreaktion eines gesunden Verstandes war – und diese Fähigkeit bildete sich zusammen mit seinem Instinkt für Gefahren in der letzten Zeit immer mehr aus.
Außerdem wurde ihm immer übler, sein Magen rebellierte schon von ganz allein.
Der Weg zu den Hygieneräumen war ihm verwehrt, dort hielten sich trotz der fortgeschrittenen Stunde zu viele Menschen auf – denen es teilweise auch nicht so gut ging, weil sie inzwischen viel zu viel getrunken hatten.
Er wollte auf keinen Fall, dass jemand mitbekam, was mit ihm war. Also steuerte er den kleinen Park an, der direkt hinter dem Festsaal begann.
Er ging direkt in eine schummerige Ecke, in der sich niemand aufhielt. Ein kurzer Rundblick überzeugte ihn davon.
Ohne Zögern nahm er seine kostbare Seidenkrawatte ab, legte Rüschenhemd und Weste ab, damit sie keinen Schaden nahmen.
Der König der Freihändler tut immer, was nötig ist.
Er steckte Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand so weit in den Rachen, wie es nur ging. Gurgelnd übergab er sich, schmeckte noch einmal im Mund den Alkohol. Es schien kein Ende nehmen zu wollen, immer neue Mengen brachen aus ihm hervor.
Als er einmal zwischendurch keuchend nach Luft schnappte, dachte er sarkastisch: Noch ein oder zwei Gläser, dann hätte ich gar nicht mehr nachhelfen müssen.
Nachdem der Schwall versiegte, steckte er nochmal die Finger in den Hals, aber es kam nur noch ein krampfhaftes, trockenes Würgen.
„Du solltest dich nicht so quälen“, hörte er hinter sich die beherrschte Stimme seiner Schwester.
„Krausnase“, keuchte er. „Wieso? Muss das sein? Es ist mir peinlich.“
„Da fangen wir gar nicht erst mit an“, entgegnete sie bestimmt. „Keine Widerrede.“
Sie hatte ein Antigravtablett mitgebracht, auf dem verschiedene Dinge lagen. Roi schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Ihm war immer noch übel, als ob da noch was war – doch das Gift? Wieder kam Panik in ihm hoch. Er wollte noch nicht sterben!
Von seinen Gefühlen getrieben, steckte er wieder die Finger in den Hals. Mühsam würgend erbrach er noch einige Speisereste.
„Hör endlich auf damit“, sagte Suzan sehr ruhig. Sie reichte ihm ein großes Glas Wasser. „Ganz langsam austrinken“, ordnete sie an. „Und nicht dem Brechreiz nachgeben, so lange es irgendwie geht.“
Roi lächelte mühsam. Er erkannte sofort, was seine Schwester vorhatte und deutete auf eine große Flasche Wasser, die er auf dem Weg nach draußen von dem Tablett eines Robotkellners genommen hatte.
Die Geschwister hatten wieder einmal das Gleiche gedacht und gleichartig gehandelt. Beide lächelten sich trotz der Situation erleichtert an. Roi hatte seinen Widerstand aufgegeben. Suzan hatte recht. Es sollte ihm nicht peinlich sein. Außerdem war es im Prinzip unverantwortlich sich selbst gegenüber, dass er ohne Begleitung den Saal verlassen hatte. In diesem Zustand war er eine leichte Beute für jeden, der ihm übel wollte.
So ganz funktioniert mein Verstand wohl doch noch nicht wieder.
Während er mit immer mehr Widerwillen sechs große Becher Wasser trank, sprachen sie kein Wort. Es war zwischen ihnen auch nicht nötig.
Als Roi merkte, wie das Wasser immer mehr nach oben drängte, gab er nach und erbrach zusammen mit dem Wasser noch etliche Speisereste, die sonst im Magen geblieben wären.
Seine Schwester half ihm im Anschluss dabei, sein Gesicht und die Hände zu waschen, sich zu kämmen und die Zähne zu putzen.
Sie hielt ihm seine Kleidung hin und er schlüpfte hinein.
„Der nächste Auftritt von König Danton“, lächelte er anzüglich.
„Fühlst du dich wieder so weit fit?“
„Ich habe das Gefühl, als ob mein Kopf auseinander springt, immer noch, und mir ist schwindlig, aber ich werde es wohl schaffen, ohne dass jemand etwas merkt. Danke, Krausnase.“
Er gab ihr einen brüderlichen Kuss auf die Wange und drehte sich brüsk um, Richtung Festsaal.
Ihr besorgtes Kopfschütteln übersah er absichtlich. Ihm ging es bei weitem nicht so gut, wie er vortäuschte. Aber er biss die Zähne zusammen.
Ich wollte doch selbst, dass es nicht so leicht wird ...

**********

Im großen Festsaal feierten die letzten Unentwegten immer noch. Merkwürdigerweise waren die Beiräte komplett dabei. Der „Kaiser“ unterhielt sich gerade freundlich lächelnd mit ihnen, als Roi wieder den Saal betrat.
Er folgte dem Beispiel und schlenderte anscheinend ziellos durch den Raum, grüßte hier freundlich, ließ dort ein paar Worte fallen.
Da er Bea und Oro sowie einen Teil der Sicherheitsleute und die Offiziere seiner Mannschaft, die nicht an Bord, sondern auf der Feier waren, nicht sah, verließ er den Saal durch das große Hauptschott.
Dort sah er gerade, wie der in Embryonalstellung zusammengekrampfte Körper des Edelmannes, der ihm den Sekt angeboten hatte, von einem Medoroboter angehoben und abtransportiert wurde.
Sein suchender Blick fand Bea. Sie schüttelte nur leicht den Kopf. Sie waren also wieder zu spät gekommen. Anscheinend hatte der Mann sich genau wie seine Vorgänger mit einer Zyankali-Kapsel das Leben genommen.
Roi schluckte. Die mühsam unterdrückte Übelkeit wurde sofort wieder schlimmer. Seine Gefühle drohten ihn zu überwältigen. Die mühsam unterdrückte Angst, doch noch Gift im Körper zu haben und der Frust über den neuerlichen Fehlschlag zusammen forderte seine gesamte Widerstandsfähigkeit.
Mory und seine Schwester kamen heran, gefolgt von Geoffry.
„Du solltest dich zurückziehen, ganz offiziell“, stellte Bea fest. „Wir haben die Scherben von dem Sektglas und die Reste der Flüssigkeit. Alles schon im Labor. Wir können jetzt nur auf die Analysen warten. In der Zeit solltest du schlafen. Du brauchst so schnell wie möglich wieder deinen klaren Kopf. Obwohl“, sie lächelte leicht, „der Kater bleibt dir wohl trotzdem nicht erspart.“
Roi lächelte. Es fiel ihm schwer, aber er musste versuchen, sich trotzdem abzulenken. Er erinnerte sich daran, was er schon während seiner normalen militärischen Ausbildung gelernt hatte: Ablenkung durch Herumflachsen, Scherzen, Blödelei und „gute“ Themen. So lange wie möglich nicht an die Situation denken, in der man sich gerade befand.
„Du hattest mir da etwas versprochen,, Freundin“, erinnerte er sie.
„Natürlich. Ich freue mich darauf, den flügellahmen Roi zu versorgen.“ So ganz gelang ihr die „Ablenkung“ nicht.
„Du hast recht. Ich werde mich kurz verabschieden, dann ist Schluss für heute.“
„Sehr vernünftig“, meinte Mory. Sie ging mit keinem Wort auf den Zustand ihres Sohnes ein. Das half Roi jetzt ungemein.
Bea winkte einem Medorobot. „Lass dir Blut abnehmen. Wenn wir das Gift analysiert haben und wissen, wonach wir suchen müssen, können wir ganz sicher feststellen, dass du nichts davon abbekommen hast. Obwohl mein Gefühl mir sagt, dass es rechtzeitig war.“
Roi nickte und setzte sich auf die im Hohlraum des Robots integrierte Behandlungsliege. Schnell und schmerzlos legte der Roboter einen Venenzugang und entnahm darüber einige Ampullen Blut. Die klitzekleine Wunde versprühte er mit Biomolplast, das die kleine Nachblutung sofort stoppte, ohne dass die Vene wie noch vor einigen Jahrhunderten extra abgedrückt werden musste.
Vorsorglich verabreichte der Medororober ihm noch mit einer Hochdruckspritze ein Breitband-Anti-Toxin. Roi und auch Bea bezweifelten zwar, dass das verwendete Gift davon erfasst wurde, aber sie wollten auch kein Risiko eingehen.
Dann ging Roi in den Saal, an das Kopfende der Tafel, die inzwischen eher wie ein Schlachtfeld aussah und bat um Ruhe. Sofort wandte sich die Aufmerksamkeit ihm zu.
Er bedankte sich für das herrliche Fest, ohne mit einem Wort auf die Geschehnisse einzugehen. Da alle so schnell und unauffällig reagiert hatten, war es noch nicht einmal sicher, dass die Beiräte die Verhaftung und den anschließenden Tod des Attentäters überhaupt registriert hatten.
Oro, der ihn in den Saal begleitete, flüsterte ihm zu, dass der Attentäter ganz normal den Saal verlassen und Bea erst im Flur zugegriffen hatte, um kein Aufsehen zu erregen. In dem Augenblick, als er sich verhaftet sah, zerbiss er die Kapsel.
Roi tippte auf einen extrem starken Hypnoblock, der in dem Augenblick wirksam wurde, wenn die Attentäter ergriffen waren. Es war immer das gleiche Schema. Die Hintermänner gingen nicht das Risiko ein, dass ein Verhör stattfand.
Unter lautem Klatschen verließen Roi und Oro den Saal. Dem jungen Mann wurde immer unwohler.
„Ich muss wirklich ins Bett“, flüsterte er seinem Leibwächter zu. „Bringe mich auf die FRANCIS DRAKE. Das ist jetzt wohl der einzige Ort, der noch sicher ist.
Mory und Suzan umarmten ihn kurz, Geoffry schlug ihm aufmunternd auf die Schulter, dann drehte Roi sich um und ließ sich von seinem Diener stützen.
Er sah nicht mehr die bezeichnenden Blicke, die Mutter und Schwester austauschten.

**********

Bea begleitete Roi ganz selbstverständlich in seine private Kabine auf der FRANCIS DRAKE. Er sagte nichts dazu, nahm es einfach hin. Schon lange brauchte die Übereinstimmung zwischen ihnen keine Worte mehr. Außerdem hatte er ja ihr Versprechen, sich bei seinem Kater um ihn zu kümmern.
Diesmal gestand Roi sich dazu noch ein, dass er Beas Fürsorge sehr gerne in Anspruch nahm. Es ging ihm zwar immer noch schlecht, aber er ließ sich auch ein wenig „gehen“, um ein „Alibi“ dafür zu haben, dass er sich unter der Dusche von ihr mit einem wunderbar flauschigen Waschlappen abreiben und ein wenig massieren ließ.
Bea lächelte nur. Natürlich hatte sie ihn durchschaut. Und er wusste, dass sie ihn durchschaut hatte. Aber es schadete ihrem Vertrauen zueinander nicht. Es war ein kleines Spiel, das beide genossen.
Nach dem Duschen schlüpfte Roi unter seine Bettdecke. In vorsichtigen Schlucken trank er den heißen Tee, den Bea ihm zubereitet hatte. Er fühlte, wie sein Magen sich aufwärmte - und er ihn bei sich behalten konnte.
„Du bist wie immer eine Zauberin“, meinte er müde und zog die Freundin kurz an sich. Sie lehnte sich an seine Schulter. Auch ihre Nerven vibrierten immer noch.
Er lächelte. „Wenn jetzt jemand sehen könnte, dass die harte und eiskalte Sicherheitschefin sogar Gefühle hat.“
„Zum Glück sieht es außer dir niemand“, antwortete sie leise. „Die Sicherheitschefin muss genau wie der König die Contenance wahren.“
„Ja, das müssen wir leider. Wobei du es ein wenig leichter hast als ich. Jeder weiß, wer du bist und woher du kommst. Bei mir darf es niemand merken.“
„Eines Tages wird sich auch das ändern.“
„Dann, wenn ich es endlich geschafft habe, aus dem Schatten meines Vaters zu treten. Aber das wird noch dauern.“
Bea blickte ihm fest in die Augen, in denen sie wie in einem Buch lesen konnte. „Nimm dir nicht zu viel vor, übernimm dich nicht. Niemand verlangt von dir, dass du besser bist als dein Vater. Du bist jetzt schon verdammt gut, also hör endlich auf damit, von dir selbst Unmögliches zu fordern.“
Damit erhob sie sich und streichelte ihm noch einmal sanft über die Wange. „Versuch zu schlafen und hör auf zu grübeln. Morgen ist auch noch ein Tag. Da gibt es genug Arbeit für uns. Mir reicht es so langsam.“
„Nicht nur dir, Bea. Mir genauso.“
Roi seufzte leise auf. Seine Logik sagte ihm, dass es nichts brachte, jetzt noch weiter zu überlegen. Ohne die Auswertungen des Labors kamen sie vorerst nicht weiter.
„Bitte geh auch ins Bett, Bea“, meinte er. „Ich möchte dich nicht krank sehen. Es würde mir weh tun.“
Bea schüttelte leicht verweisend den Kopf. „Mach dir keine Sorgen. Ich bin sehr widerstandsfähig, das weißt du doch.“
„Trotzdem ...“
Bea lächelte noch einmal, dann verließ sie die Kabine und das Schott fiel hinter ihr zu.
Roi blickte ihr noch einen Augenblick hinterher, dann fielen ihm die Augen zu. Er fiel in einen traumlosen, bleischweren Schlaf.

**********

Bea ging natürlich nicht ins Bett, sondern in ihr Büro im Regierungs-Tower. Obwohl die Auswertungen des Labors noch nicht vorliegen konnten, arbeitete sie alles noch einmal durch, angefangen von ihren Aufzeichnungen bis hin zu den Daten, die Atlan ihnen übermittelt hatte. Besonders seine persönliche Einschätzung las sie wieder und wieder durch. Sie wollte nichts übersehen, und wenn es nur der kleinste Hinweis war.
Als es über Trade-City schon wieder dämmerte, meldete die Türpositronik Besuch. Verwundert ließ Bea Mory Rhodan-Abro ein.
Sie bot ihr einen Platz an und Kaffee, den Mory dankend ablehnte. Bea schob ihren eigenen Becher mit der inzwischen eiskalt gewordenen schwarzen Flüssigkeit zur Seite.
„Fürstin Wood“, begann Mory ohne Umschweife. „Darf ich Sie genau wie mein Sohn, meine Tochter und mein Schwiegersohn Beatrice nennen?“
Bea nickte sprachlos. „Sehr gerne, Madam.“
„Nicht Madam, sondern Mory“, korrigierte ihr Gegenüber lächelnd. „Und Sir schon gar nicht.“
„Sehr gerne Ma … Mory.“ Bea fiel es noch sichtlich schwer.
„Sie sind die Freundin meiner Tochter und vor allen Dingen die meines Sohnes. Ich würde mich freuen, wenn auch wir Freundinnen werden könnten“, fuhr Mory bestimmt fort.
Bea konnte es kaum fassen. Das hieß für sie eindeutig, dass die Mutter ihres Freundes sie anerkannte.
Die beiden Frauen fielen sich in die Arme, dann saßen sie sich schweigend einige Minuten gegenüber.
„Schon Ergebnisse?“, brach Mory dann das Schweigen.
Bea schüttelte den Kopf. „Nein. Das wird sicherlich noch dauern. Entweder habe ich Gespenster gesehen und Mike hat sich völlig unnötig gequält – oder er hat großes Glück gehabt.“
„Durch deine Ahnung. Mein Gefühl sagt mir, dass du richtig liegst. Das dürfte etwas sein, mit dem niemand rechnen kann. Sonst hättest du schon längst ein Ergebnis. - Wie geht es meinem Sohn?“
„Schlechter als er zugegeben hat“, antwortete Bea traurig.
Mory seufzte. „Wie immer. Ich habe Angst um ihn, darf ich das ganz offen sagen?“
„Natürlich. Ich auch.“
„Ich habe als Mutter ganz einfach Angst, dass er sich übernimmt, sich überfordert, zu hart sich selbst gegenüber wird.“
Bea lachte humorlos auf. Gerade das hatte sie doch in etwas anderen Worten vorhin zu Roi gesagt, bevor sie ihn verlassen hatte. Seine Mutter schien auf der gleichen Wellenlänge zu denken wie sie.
Mory schien ihre Redaktion nicht zu bemerken. „Du musst wissen, dass Mike schon seit etlichen Jahren immer wieder versucht, sich aus dem Schatten seines Vaters zu befreien. Er meint, er muss genauso gut wie Perry sein und übersieht dabei, dass ihm ganz einfach die Erfahrung von einigen hundert Jahren fehlt.“
Bea spürte, wie schwer Mory diese Erklärungen fielen, auch ihr, der Freundin des Sohnes, die sie gerade anerkannt hatte, gegenüber. Aber sie erkannte auch den Beweis absoluten Vertrauens dahinter.
Sie ergriff Morys Hand und drückte sie ganz fest.
„Dazu kommt noch, dass Perry ihm nicht die Anerkennung zuteil werden lässt, die er mehr als verdient. Kaum mal hat er ein Lob von seinem Vater gehört. Und auf der anderen Seite hat Perry ihn früher viel zu sehr behütet. Mike hatte immer den Eindruck, von ihm gegängelt zu werden. Und wenn dann andere Menschen kamen, die ihn lobten, musste er das doch für Protektion halten.“
Sie blickte traurig nach unten.
„Von diesen angeblichen Bevorzugungen hat Mike mir schon öfter erzählt“, bestätigte Bea leise. „Auch, dass sein Vater ihn fast nie lobte und dass er ihn als regelrecht übermächtige Figur sieht, die ihm seinen Freiraum nimmt. Deshalb ging er von zu Hause weg, nicht weil er seinen Vater verachtet – im Gegenteil, er liebt ihn sehr und würde jederzeit sein Leben für ihn opfern.“
„Das weiß ich“, antwortete Mory ganz leise.
Sie überlegte kurz, dann gab sie sich einen Ruck und stand auf.
„Ich verstehe Mike sehr gut. Deshalb mache ich das ganze Theaterspiel auch nur mit. Es ist mir außerordentlich unangenehm, meinen eigenen Mann täuschen zu müssen. Hoffentlich hat das bald ein Ende.“

**********

5

Als Roi am nächsten Morgen sein Bett verlassen wollte, fiel er mit einem Aufstöhnen wieder zurück. Alles drehte sich um ihn, in seinem Kopf schien ein Hammerwerk einen riesigen Produktionsrückstand aufholen zu wollen. Sein Magen hob sich, saurer Geschmack stieg die Speiseröhre empor.
Nicht schon wieder! Vorsichtig legte er sich wieder zurück und wartete einen Moment. Beim nächsten Versuch ging es besser. Mit der ihm eigenen Selbstbeherrschung ging er in seinen Hygieneraum. Nachdem er ausgiebig geduscht, die Zähne geputzt und sich rasiert hatte, ging es ihm schon wieder besser.
Deutlich spürte er jetzt, dass er riesigen Hunger hatte. Ein kurzer Tastendruck verband ihn mit Oro Masut. Der grinste ihn vom Bildschirm herunter fröhlich an.
„Wieder munter, Sir?“, fragte er einfach.
„Klar, Großer. Was dachtest du denn? Ich habe Hunger! Und weißt du schon, ob Beatrice inzwischen weiter ist?“
Der Leibwächter lächelte noch mehr. „Fürstin Wood hat mir Anweisung erteilt, ein Frühstück in Ihrer privaten Messe vorzubereiten. Sobald Sie es einnehmen möchten, kommt sie an Bord. Es gibt wohl sehr interessante Nachrichten. Ihre Mutter, Ihre Schwester und Ihr Schwager warten übrigens schon in der Messe auf Sie.“
„Das hört sich gut an, Ungeheuer!“
Oro grinste. Inzwischen hatte er die psychischen Folgen seiner schweren Brandverletzungen völlig überwunden. Als Diener, Leibwächter und vor allem Freund von Roi Danton hatte er seine Lebensaufgabe gefunden.
Roi schaltete ab und kleidete sich vollständig an. Da er nur auf Eingeweihte treffen würde, entschied er sich gegen seine Maskerade, sondern wählte eine einfache dunkelgraue Bordkombination.
Er benutzte die kleine Privatmesse sehr selten, nur für besondere Anlässe wie diesen. Im Allgemeinen aß er zusammen mit seinen Edelleuten in der Offiziersmesse, die direkt unter der Zentrale lag. Ihm lag sehr viel daran, den Kontakt zu pflegen, mit der Mannschaft zu leben und über ihnen. In diesem Punkt unterschied er sich überhaupt nicht von seinem Vater.

**********

Die Begrüßung in der kleinen Privatmesse war äußerst herzlich. Roi nahm Bea in den Arm und drückte sie ganz fest an sich. Erfreut spürte er, dass sie sich auch ganz fest an ihn schmiegte.
Mutter und Schwester umarmte er ebenfalls, Geoffry Waringer klopfte er auf die Schulter und nickte nur stumm.
Sie entschieden sich dafür, erst einmal zu frühstücken und sich dann die Nachrichten von Bea anzuhören.
„Mit etwas im Magen lässt sich das garantiert leichter verdauen“, deutete die Sicherheitschefin nur an.
Roi nickte, er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass es äußerst schlechte Nachrichten sein würden.
Nach dem leckeren Frühstück mit frischen Brötchen, Wurst, Schinken, Käse, echter Marmelade und Butter sowie anderen Köstlichkeiten lehnte Roi sich auf seinem Stuhl zurück, das Gesicht angespannt.
„Also dann“, meinte er beherrscht, „berichte mal.“
Nur wer ihn sehr genau kannte, sah, dass es in ihm brodelte. Und die Anwesenden kannten ihn sehr genau!
Bea atmete tief durch: „Erster Punkt: der Attentäter. Die Obduktion hat nichts Bemerkenswertes ergeben. Reiner Terraner, keine latenten Krankheiten. Hat in der Verwaltung gearbeitet, unauffälliger Typ. Privatleben und Finanzen geben keinen Anhaltspunkt für eine Erpressung. Das Gift war wieder einmal Zyankali.
Zweiter Punkt: Ich lag richtig. In dem Sektglas war wirklich Gift. Ein richtiges Teufelszeug – und dazu noch anachronistisch. Wir haben lange gesucht, bis wir es gefunden hatten. Die Zusammensetzung entspricht haargenau einem Gift, das sehr verbreitet war zu der Zeit, als Granada am Südrand der spanischen Halbinsel noch in maurischer Hand war. Die Herstellungsart ist allerdings hochmodern und trägt eindeutig die Handschrift von Galaktischen Medizinern. Es tötet nicht sofort, sondern ganz langsam. Die ersten Symptome treten nach zwei bis drei Tagen auf. Der Vergiftete fühlt sich einfach nur schlapp und krank. Im Laufe der folgenden Tage wird er immer kranker, allerdings lassen sich auch mit modernsten Analysemethoden keine Ursachen feststellen. Nach ungefähr zwei Wochen stirbt der Betroffene an plötzlichem Organversagen. So lange man nicht weiß, wonach man suchen muss, lässt es sich nicht nachweisen. Unsere modernen Antitoxine wirken nicht dagegen. Wenn man die Substanz allerdings kennt, ist der Nachweis im Blut sehr einfach.“
Sie wandte sich Roi zu und lächelte ihn warm an. „Deshalb kann ich dich zum Glück beruhigen. In deinem Blut fand sich nicht die kleinste Spur von dem Zeug. Die Radikalkur war also erfolgreich.“
Roi fühlte unendliche Erleichterung in sich aufsteigen – und Schuldgefühl. Seine Bea hatte ihm wieder einmal mit ihrem schnellen Handeln das Leben gerettet. Er stand so sehr in ihrer Schuld und wusste nicht, wie er das je wieder gutmachen sollte.
Es schien, als ob sie seine Gedanken erraten könne, denn sie schüttelte nur leicht verweisend den Kopf.
„Das war es auch schon“, beendete sie ihren Bericht. „Es gibt jetzt nur noch zwei Möglichkeiten, eine Spur zu finden. Wir müssen herausfinden, wer Thomas Browne wirklich ist – und wer Zugang zu den Geheimdaten hat, in dem solche Dinge wie exakte Formel des Giftes hinterlegt sind. Also ist es Fakt, dass wir ohne die Hilfe von Atlan nicht mehr weiterkommen.“
Sie sagte es völlig emotionslos, ohne Roi dabei anzublicken. Der stand auf und begann eine unruhige Wanderung durch den Raum. Abrupt drehte er sich um: „Informiere Atlan bitte über die Relaisbrücke und dann fliege so schnell wie möglich zur Erde und rede mit ihm. Wenn er Glück hat, liegen schon Ergebnisse vor, bis du auf der Erde bist.“
Bea antwortete nicht. Alle warteten in einem unangenehmen Schweigen auf ihre Reaktion. Sie kam so, wie sie es nicht erwarteten.
„Ich gebe es auf, Michael. Du bist und bleibst ein Sturkopf. Du riskierst für deine Prinzipien dein Leben. Was es so schwer für mich macht, ist, dass ich dich auch sehr gut verstehen kann.“
Roi versetzte diese Aussage einen heftigen Stich. Sie hatte ihn wieder einmal verstanden. Er erkannte wieder einmal, dass er es nicht nur sich selbst schwer machte, sondern auch ihr – und genau das tat ihm weh! Aber er konnte nicht aus seiner Haut!
Ich hätte Atlan mehr Vertrauen entgegen bringen müssen, von Anfang an. Er hätte mich niemals an Vater verraten. Es war ein fataler Fehler von mir. Und jetzt weiß ich einfach nicht, wie ich Atlan das erklären soll. Daher flüchte ich mich in diesen Trotz und in diese Arroganz, obwohl ich das gar nicht möchte. Das werde ich aber niemals zugeben, noch nicht einmal vor Bea. Es ist zum …

**********

Mory Rhodan-Abro konnte nicht länger auf Olymp bleiben. Da sie Regierender Obmann des Eugal-Systems war, wäre eine längere Abwesenheit aufgefallen. Insbesondere Perry Rhodan wäre misstrauisch geworden, hätte man ihm bei einer Nachfrage mitteilen müssen, dass man den Regierenden Obmann – leider – nicht erreichen könne und auch nicht wisse, wo sich dieser aufhalte.
Suzan und Geoffry entschieden sich, ihren Besuch auf Olymp auch nicht auszudehnen. Geoffry wollte so schnell wie möglich nach Last Hope, seinem privaten Forschungszentrum, zurückkehren, und weiter an der Verbesserung des gerade erst neu entwickelten Halbraumspürers arbeiten, der endlich die Verfolgung von Raumschiffen durch den Linearraum ermöglichte. Der erste Prototyp war an Bord der FRANCIS DRAKE bereits von Roi erfolgreich getestet worden.
Niemand sprach Roi noch einmal auf ein Gespräch mit Atlan an. Mutter und Schwester erkannten mit feinfühligem Instinkt, dass zumindest im Moment in der Sache an Sohn und Bruder nicht heranzukommen war. Sie wollten sich nicht im Streit trennen.
Nachdem der Besuch an Bord des plophosischen Städtekreuzers eingestiegen war, entschieden Roi und Bea sich, die Gelegenheit zu nutzen und einen Spaziergang zurück zur FRANCIS DRAKE zu machen. Oro Masut folgte den beiden in respektvollem Abstand, was ihn nicht daran hinderte, die Umgebung immer wieder genau zu mustern. Zusätzlich trug er genau wie Roi und Bea modernste Energiepeiler siganesischer Fertigung. Die Geräte waren unter der Leitung von Geoffry Waringer in dem geheimen Forschungszentrum auf Last Hope entwickelt worden. Ihnen entging nicht die kleinste Energieemession, z.B. eines schussbereiten Strahlers, auf eine Entfernung bis zu einem Kilometer.
Tief sog Roi die klare Luft ein. Die Sonne schien über Trade-City, der leichte Regen vom frühen Morgen hatte die Luft gereinigt. Bei 25° und Sonnenschein ideal für einen Spaziergang. Er fühlte, wie gut die klare Luft ihm nach den Erlebnissen vom Vortag tat. Die Kopfschmerzen ließen endlich nach und seine Instinkte schienen langsam wieder zu erwachen.
Bea lehnte sich kurz an ihn. „Tut gut, nicht wahr? Wir brauchen wohl beide einen klaren Kopf.“
„Du hast doch gar nichts getrunken, also kannst du auch keinen Kater haben“, spöttelte Roi. Mit Absicht vermied er das eigentliche Problem. Er musste sich früh genug wieder damit beschäftigen.
Im gleichen Moment versteifte er sich, gleichzeitig mit Bea. Sie musterte die Umgebung mit zusammengekniffenen Augen, hob dann aber unsicher die Schulter. Die Mikropeiler schlugen nicht an.
Oro, der die Reaktion der beiden sah, griff zu seinem riesigen Strahler, einem Kampfrobotermodell.
Als Roi schon dachte, er wäre einer Täuschung erlegen, spürte er einen harten Schlag an seiner linken Schulter, der ihm fast den Atem raubte, gleichzeitig mit einem typischen Knall. Er fuhr in die Richtung herum, aus der er den Schuss vermutete.
Eine Revolverkugel, durchschoss es ihn. Er hatte mehr als genug zusammen mit Atlan mit alten Waffen geübt, um das Geräusch sofort zu identifizieren. Er erkannte einen Mann, der einen alten Western-Colt wieder zum Schuss hob. Mit der Rechten zog er eine der doppelläufigen Perkussionspistolen, die er am Gürtel trug und stellte den eingebauten Strahler mit einem geübten Griff auf Paralysewirkung. Seine linke Hand gehorchte ihm nicht, war komplett taub. Er visierte den Mann an und schoss, ohne Nachzudenken – und verfehlte den Attentäter! Wut stieg in ihm auf. Unglaublich, dass er bei einem so deutlich sichtbaren Ziel vorbeischoss – und doch war es ihm passiert! Die Folgen der letzten Nacht steckten ihm wohl doch noch in den Knochen!
Gleichzeitig mit ihm schoss Bea – aber mit einer Thermoladung. Sie traf den Mann an den Beinen, er brach sofort zusammen. Gleichzeitig konnte er aber noch eine weitere Kugel abfeuern.
„Ich will ihn lebend“, schrie Roi seinem Leibwächter zu, der mit einem riesigen Sprung in die Richtung hechtete, wo der Attentäter am Boden lag.
Wie in Zeitlupe sah Roi Bea zusammenbrechen, mit einem unglaublich erstaunten Ausdruck im Gesicht. Rois Gedanken rasten, Er schrie auf, nicht sie!
Bea! Nicht DAS! Gewaltsam holte er tief Luft, versuchte einen klaren Kopf zu behalten, seinen Gedanken zur Ordnung zu zwingen. Jetzt das Richtige tun, hämmerten seine Gedanken.
Ein Druck auf sein Armbandtelekom alarmierte gleichzeitig den Sicherheitsdienst und die Zentrale der FRANCIS DRAKE.
Neben Bea sank er auf die Knie. Das Blut, das aus seiner Schulterwunde in Strömen über seine Kombination rann, ignorierte er. Schmerzen spürte er überhaupt nicht, alles in ihm war taub. Sein Herz raste, der Blick verschleierte sich, Schwindel erfasste ihn. Er fragte sich gar nicht, ob durch den Blutverlust oder durch den Schock über Beas Verletzung. Er begriff in diesem Augenblick aber eines, was Atlan ihm immer wieder während seiner Ausbildung gesagt hatte: Es ist etwas völlig anderes, ob irgendjemand von deinen Leuten verletzt oder tot vor dir liegt – oder jemand, der dir selbst sehr viel bedeutet!
Mit Gewalt rief er sich zur Ordnung: Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden. Bea braucht mich!
Den Attentäter konnte er getrost Oro Masut überlassen. Um den brauchte er sich nicht zu kümmern.
Sanft hob er Beas Kopf. Sie war noch bei Bewusstsein, hustete und schaumiges Blut drang aus ihrem Mund, genauso wie aus einer Brustwunde. Roi wusste genau, was das bedeutete: die Lunge war verletzt. Hoffentlich kamen die Medorobots und ein Arzt schnell genug.
„Nicht sprechen, liebste Freundin“, sagt er leise und unendlich sanft zu ihr. „Gleich sind die Robots hier.“
Vorsichtig strich er ihr das Haar aus dem Gesicht. Es hatte sich gelöst und lag wie eine Art wunderschöner Vorhang neben ihr.
Der junge Freihändlerkönig spürte gar nichts mehr. Jegliches Gefühl war abgestorben in ihm. Er wollte Bea so gern helfen, konnte aber nur ihren Oberkörper stützen, damit sie leichter atmen konnte.
Bea versuchte zu nicken, aber es gelang ihr nicht. Plötzlich zuckte Erschrecken über ihr Gesicht, als sie das Blut sah, das aus immer noch aus seiner Wunde rann.
„Mike ...“, brachte sie mühsam hervor, „du blutest, du bist verletzt ...“
Er schüttelte heftig den Kopf, registrierte in dem Moment gar nicht, dass sie Mike zu ihm gesagt hatte, und nicht Roi, wie sonst immer. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass sie immer Roi zu ihm sagte, außer wenn sie wirklich allein waren. Sie wollten beide kein Risiko eingehen, dass doch einmal jemand zuhörte.
„Vergiss es, es ist nicht wichtig. Nur eine Fleischwunde. Du sollst doch nicht sprechen!“
Er nahm die Umgebung gar nicht mehr wahr, blickte nur auf die so schwer verletzte Freundin. So sah er auch nicht, dass Doktor Hamory, sein Chefarzt von der FRANCIS DRAKE und sein Stellvertreter Rasto Hims sich hinter ihm bedeutungsvolle Blicke zuwarfen.
Nur der schwere Marschritt von Kampfrobotern drang zu ihm durch, gleichzeitig mit der energischen Stimme des Arztes.
„Genug geredet, meine Herrschaften. Das gilt für alle beide.“
Gleichzeitig hob ein Medoroboter Bea ganz vorsichtig in seinen Behandlungshohlraum und drückte ihr die Beatmungsmaske auf das Gesicht. Dann aktivierte er das Sichtschutzfeld und das Summen verkündete, dass er an der Arbeit war.
Ein zweiter Medoroboter wollte sich um ihn kümmern, aber er wies ihn zurück. Hamory wollte erst protestieren, aber ein Blick von Hims ließ ihn den Mund wieder schließen.
Wie hergezaubert war Oro zur Stelle, bot Roi eine willkommene Stütze. Sein Kopf schien wieder in Watte gepackt zu sein, wie am Vorabend. Bea, Bea, Bea …
„Sie schafft es, Sir“, flüsterte der Ertruser ihm ganz leise zu – erstaunlich für seine sonstige Lautstärke.
„Sie muss es schaffen“, begehrte Roi auf. „Ich könnte mir nicht vorstellen … verflucht!“
Mit Gewalt konzentrierte er sich auf die nötigen Maßnahmen. Bea war bei Doc Hamory und den Medorobotern in den besten Händen.
Fürst Drave Newton, Beas Stellvertreter, hatte inzwischen mit einer Gruppe des Sicherheitsdienstes und den Kampfrobotern den näheren Umkreis abgesperrt und ein Sicht- und Akustikschutzfeld errichtet. Niemand konnte jetzt mehr etwas sehen oder hören.
Mit beherrschtem Gesicht grüßte der Sicherheitsoffizier.
„Sir, der Attentäter ist tot. - Wieder Zyankali. Fürstin Wood hat auf die Beine geschossen, dadurch konnte er die Kapsel noch zerbeißen, ehe Edelmann Masut ihn fasste.“
„Als ich bei ihm ankam, hatte er schon den typischen Schaum vor dem Mund“, ergänzte Oro.
„Ich vermute, dass Fürstin Wood ihn lebendig haben wollte und ihren Strahler nicht mehr schnell genug auf Paralysewirkung umschalten konnte“, fuhr Newton fort. „Wir können nur noch feststellen, mit wem wir es diesmal zu tun haben. Aber ich befürchte, das wird uns nicht weiterbringen, genau wie die letzten Male. Vielleicht bringt uns der Western-Revoler ja weiter.“
Er zeigte Roi die Waffe, ein ausnehmend schönes und gepflegtes Stück. Ein kleiner Hoffnungsschimmer keimte in dem Freihändlerkönig auf. Es gab nur noch sehr wenige dieser echten Waffen in der ganzen Galaxis – und sie waren registriert. Aber an diese Datenbanken kamen nur die Abwehr und die USO heran – noch nicht einmal die normalen Behörden hatten hier Zugriff.
Er konnte sich kaum noch gegen die Schwäche wehren. Jetzt erst achtete er wieder darauf, dass er immer noch blutete. Zwar wurde es langsam weniger, aber es reichte immer noch aus, um ihm seine Kraft zu nehmen. Er musste sich auch demnächst in ärztliche Behandlung begeben, wenn er nicht verbluten wollte.
Es biss die Zähne zusammen und gab die nötigen Anweisungen.
„Fürst Newton, die Situation dürfte Ihnen klar sein. Ab sofort sind Sie bis zur Wiederherstellung von Fürstin Wood Leider des Sicherheitsdienstes. Die erforderliche Vereidigung betrachte ich hiermit als geschehen. Sind Sie damit einverstanden?“
„Selbstverständlich, Sir. Ich kümmere mich sofort um alles Notwendige.“ Seinem Gesicht war keine Regung anzusehen.
„Gehen Sie davon aus, dass Sie demnächst hier die alleinige Verantwortung übernehmen müssen. Ich habe noch einige Dinge zu regeln, dann starte ich mit der FRANCIS DRAKE zur Erde. Heute wurde mit Fürstin Wood zum ersten Mal ein weiterer Mensch außer mir selbst geschädigt. Das heißt für mich zwangsläufig, dass meine persönlichen Wünsche zurückzustehen haben. Es reicht mir endgültig, meine Herren.“
„Und mir auch, Sir!“ Doc Hamorys Stimme klang im Vergleich zu seinem normalen Tonfall diesmal recht aggressiv. „Sie strapazieren mein ärztliches Gewissen wieder einmal über Gebühr, mein König! Fürstin Wood hat einen Steckschuss in der Lunge. Sie wird in die Klinik der FRANCIS DRAKE gebracht und ich operiere sie so schnell wie möglich. Oder möchten Sie, dass sie in die Klinik von Trade-City gebracht wird?“
„Mon Dieu, non!“ Roi verschanzte sich hinter seiner Rolle, um die Fassung bewahren zu können. Zurzeit vertraute er niemandem außer seiner Mannschaft und dem Sicherheitsdienst, dessen Offiziere ausschließlich ehemalige Flotten- oder USO-Angehörige waren.
Hamory nickte, er hatte nichts anderes erwartet. Weicher fuhr er fort. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Sir. Alles noch rechtzeitig. Fürstin Wood wird es überleben und wieder ganz hergestellt werden.
Roi atmete auf. Grenzenlose Erleichterung überkam ihn. Trotzdem machte er sich riesige Vorwürfe. Wenn er nicht vorbeigeschossen hätte, wenn seine Reaktionsfähigkeit nicht durch den Kater beeinträchtigt gewesen wäre – dann wäre der Attentäter gar nicht mehr zu dem Schuss auf Bea gekommen. Wenn … wenn … wenn …
Das Letzte, was er hörte, ehe Bewusstlosigkeit ihn umfing, war die Stimme seines Chefarztes, die den Medorobot anwies, ihm Schmerz- und Schlafmittel zu injizieren und die Blutung zu stillen.

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