Lockruf der Freihändler - Teil 1

Der Roman „Lockruf der Freihändler“ ist der zweite Band meiner Freihändler-Trilogie über den Weg Michaels Rhodans zu Roi Danton, dem König der Freihändler.
Der erste Band ist unter dem Titel „Weg der Bewährung“ als Printausgabe in der Reihe „FanEdition“ (Nr. 16) der Perry Rhodan-Fanzentrale erschienen.
Im ersten Band unterzieht Michael sich einem mörderischen Spezialtraining in den Reihen der USO, um seine eigenen Grenzen auszutesten. Die anschließend folgende Mentalstabilisierung bringt ihn an den Rand des Wahnsinns.


Lockruf der Freihändler

Eine Raumschiffskommandantin findet Heimat und Schicksal.

Hauptpersonen:
Michael Rhodan/Roi Danton: Der Sohn des Großadministrators lässt sich auf dem Weg zu seinem Ziel nicht aufhalten.
Major Beatrice Wood: Die USO-Kommandantin und Freundin von Roi muss eine schwere Entscheidung treffen.
Lordadmiral Atlan: Der Arkonide wird mit seinen eigenen Waffen geschlagen.
Oro Masut: Der ertrusische Edelmann wird Leibdiener und Leibwächter eines Fürsten.
Rasto Hims und Tusin Randta: Der Stellvertretende Kommandant und der 3. Offizier der FRANCIS DRAKE gehen für ihren Kommandanten durchs Feuer.
Captain Newton und Captain Masters: Der 1. und der 2. Offizier des USO-Schlachtkreuzers HATSCHEPSUT vertrauen ihrer Kommandantin
Spezialist Hagen, Winsow und Hart: Die USO-Spezialisten lernen, dass gerade „einfache“ Aufträge sehr schwierig sein können.
Suzan Betty Rhodan: Ihr Traum erfüllt sich.
Mory Rhodan-Abro: Die Frau von Perry Rhodan versteht ihre Kinder besser als ihr Mann.
Dr. Geoffry Abel Waringer: Der geniale Wissenschaftler ist in seinem Element.
Kaiser Lovely Boscyk: Er möchte sich zur Ruhe setzen.
Imman Coledo: Der Reeder macht das Geschäft seines Lebens.
Perry Rhodan: Als Vater hat er immer noch große Defizite.
Allan D. Mercant: Der Abwehrchef ist ratlos.


In der Enzyklopädie Terrania finden sich für die Jahre 2430 bis 2435 zahlreiche Berichte über die Kosmischen Freihändler. In diesen Jahren erlebte die Händlerorganisation, die nur aus Terranern bzw. von Terranern abstammenden Menschen bestand, ihren größten Aufschwung.
Ursprünglich war die Organisation von Lovely Boscyk gegründet worden, der sich in der Hierarchie der Freihändler als „Kaiser“ bezeichnete. Die Kapitäne der Handelsschiffe wurden „Fürsten“ genannt, die Offiziere „Edelleute“, die einfachen Besatzungsmitglieder „Bauern“.
Im Jahre 2415 kam es im Urbtriden-Sektor zu einer Raumschlacht zwischen den Freihändlern und den von den Arkoniden abstammenden Galaktischen Händlern, den Springern. Obwohl die Solare Flotte nicht eingriff, endete die Schlacht mit einer schweren Niederlage für die Springer. Dabei stellte sich heraus, dass die Raumschiffsbesatzungen der Freihandelsschiffe größtenteils aus hochqualifizierten Fachleuten bestanden, die den Vergleich mit ihren Kollegen bei der Solaren Flotte und der USO nicht zu fürchten brauchten.
Kaiser Boscyk interessierten die Gründe nicht, warum viele Freihändler ihre Fähigkeiten lieber in seinen Dienst als in den von Flotte oder USO stellten, solange sie sich an die Regeln seiner Organisation hielten.
Im Solaren Imperium galten sie als „suspekt“, weil sie sich bei vielen Geschäften gerade eben an der Grenze der Legalität bewegten. Es war ihnen aber nie konkret etwas nachzuweisen. Immer wieder schlüpften die „charmanten Gauner“ mit einem Lächeln durch die Maschen des Gesetzes.
Da Freihändler grundsätzlich Individualisten waren, ließen sie sich nur schwer führen. Ein Mensch, den alle als Befehlshaber akzeptierten, musste zwangsläufig über herausragende Führungsqualitäten verfügen.
Anfang 2430 wollte Kaiser Boscyk diese schwere Aufgabe in die Hände eines anderen legen und suchte einen geeigneten Partner.
Im gleichen Jahr stieß ein junger Mann zu den Freihändlern, der für Boscyk genau der Richtige war.
Der junge Mann, der sich offiziell Roi Danton nannte, gewann auf Anhieb das Vertrauen des Freihändlerbefehlshabers. Obwohl Roi seine komplette Umwelt mit schockierendem und unverschämten Benehmen verunsicherte, erkannten Boscyk und viele andere sofort, dass der unbekannte junge Mann nicht nur ein außergewöhnlich fähiger Kosmonaut und Hochenergie-Techniker war, sondern auch ein mitreißender Führer und ein geschickter Psychologe.
Nur sehr wenige wussten, wer Roi Danton wirklich war und woher er stammte. Lovely Boscyk gehörte zu diesen Wenigen. Niemand in der Führungsspitze des Solaren Imperiums kam auf die richtige Idee, obwohl es nur eines einzigen Gedankensprunges dazu bedurft hätte – man hätte einfach das Ende der Spur eines verschollenen jungen Mannes mit dem Anfang der Spur des jungen Roi Danton verknüpfen müssen!
Später schrieb man das dem Ehrgeiz und auch dem Trotz eines jungen Mannes zu, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität war und sich aus dem Schatten seines übermächtigen Vaters lösen wollte …


Mai 2430
Lieber Vater,
wenn du diese Zeilen liest, dann bin ich schon viele Parsek von Terra fort und werde es auch für einige Zeit bleiben. Glaube mir, es schmerzt mich, auf diese unpersönliche und distanzierte Art und Weise von dir, meiner Familie und meinen Freunden Abschied zu nehmen. Aber ich habe Gründe dafür, Gründe, die du vielleicht verstehst, wenn ich sie dir erkläre. Bevor ich sie aufzähle, muss ich jedoch gestehen, dass ich Angst hatte, dir entgegenzutreten und dir meine Absichten zu erklären. Deshalb hauptsächlich entschloss ich mich, diesen Brief an dich zu schreiben. Ich zweifle keineswegs an der Notwendigkeit meines Vorhabens, ich traue mir auch zu, dir meine Gründe in einem Gespräch von Mann zu Mann plausibel darzulegen. Wenn ich dennoch davon Abstand nahm, dann deshalb, weil ich mich vor deinen Gegenargumenten fürchtete und mir vor deiner Überredungskunst bange war. Da mein Entschluss, deiner Obhut ein für allemal zu entsagen, schon seit geraumer Zeit feststeht, wollte ich das Risiko vermeiden, doch noch umgestimmt zu werden. Sicherlich verstehst du das, Dad.
Bestimmt verstehst du auch, warum ich von Zuhause fortgehe und irgendwo in der Galaxis untertauche. Ich muss mich endlich behaupten, ich muss lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Du wirst nun sagen, dass es mir nie an persönlicher Freiheit gefehlt hatte, dass du und Ma mir nie Autoritätspersonen wart, sondern treusorgende Eltern – und zwar im positiven Sinne. Dennoch fühlte ich mich eingeengt und konnte meine Persönlichkeit nicht entfalten. Das lag keineswegs an dir und Ma, sondern an dem Umstand, dass ich eben der Sohn des Großadministrators war. Vielleicht wäre alles gut gegangen, wenn man Vergleiche mit dem Großadministrator und mir als deinem Sohn gezogen hätte. Wenn man an mir kritisiert hätte und so eine Art Widerstand entstanden wäre. Aber ich wurde nicht angefeuert, mein Ehrgeiz wurde nie angestachelt. Ganz im Gegenteil, mein Ehrgeiz wurde eher unterdrückt, indem man mich mit Lob überhäufte, selbst wenn Kritik statthaft gewesen wäre. Auf mir lastete immer der Fluch, der Sohn des berühmtesten Mannes der Milchstraße zu sein. Bisher habe ich mich damit ganz gut abgefunden, glaube ich, aber jetzt kommt die Zeit, da ich mich entscheiden muss. Ich stehe an einem Scheideweg, entweder entschließe ich mich, einen gesicherten Posten innerhalb des Solaren Imperiums anzunehmen und in deinem Schatten zu stehen, oder aber, meinen eigenen Weg zu gehen und zu versuchen, es aus eigener Kraft zu etwas zu bringen. Ich habe den zweiten Weg gewählt.
Dieser Weg wird beschwerlich sein, ich werde viele Hürden nehmen müssen – und vielleicht kann ich sie nicht bewältigen. Das ist mir alles klar, denn ich habe lange über alles nachgedacht und ständig mit mir gerungen. Ich tat dies schon von dem Zeitpunkt an, da ich selbständig zu denken lernte. Schon damals wusste ich, dass ich etwas Entscheidendes tun musste, wenn ich nicht verkümmern wollte. Du siehst also, ein Entschluss, meinem früheren Leben den Rücken zu kehren, kommt nicht von ungefähr. Er ist nicht spontan in mir entstanden, sondern reiflich überlegt. Ich werde mich in die Anonymität zurückziehen und unter einem anderen Namen meinen Weg nach oben zu machen versuchen. Wenn ich nur einen Teil deiner Fähigkeiten geerbt habe, dann brauche ich mir um meine Zukunft keine Sorgen zu machen. Und das solltest du auch nicht tun.
Abschließend bitte ich dich, meine Handlungsweise zu verstehen. Ich weiß noch nicht genau, wie es weitergehen soll und was ich tun werde, aber eines ist sicher – ich werde dem Namen Rhodan keine Schande machen. Das verspreche ich.
Herzliche Grüße
Mike


1

Terrania-City, Büro des Großadministrators,
Regelmäßige Führungsbesprechung
15. Oktober 2430, 10.00 Uhr

„Ich vermute, es gibt schlechte Nachrichten.“
Perry Rhodan blickte sich im Kreis seiner Getreuen um, die sich um den großen Besprechungstisch in seinem Büro versammelt hatten. Die ernsten Gesichter rundherum verrieten ihm schon genug. Sein Gesicht war nach außen hin beherrscht, aber jeder der ihn kannte, merkte wie es in ihm brodelte – und diese Getreuen kannten ihn sehr genau, schon seit Jahrhunderten!
Reginald Bull, der Staatsmarschall des Solaren Imperiums, sein Stellvertreter, genannt Bully – mit hochroten Gesicht, die roten Haare standen in Form einer Bürste von seinem Kopf ab, ein sicheres Zeichen seiner Erregung; Solarmarschall Allan D. Mercant, der Chef der Solaren Abwehr – ein kleiner, unscheinbarer Mann mit schütterem Haarkranz, dessen Gesicht nichts von seinen Gefühlen verriet; Solarmarschall Homer G. Adams, der Finanzminister des Solaren Imperiums, klein, schmächtig, ein Finanzexperte, wie er seit Jahrhunderten nicht noch einmal geboren worden war mit ebenso ausdruckslosem Gesicht – sowie der Arkonide Atlan, Regierender Lordadmiral der USO, eines galaxisumspannenden Geheimdienstes, von dem sogar Solarmarschall Mercant zugab, im Vergleich schlechter abzuschneiden – er schaute Perry abwägend an, ohne sich zu äußern.
„Keine Spur von Michael?“ fragte der weiter.
Kopfschütteln von allen Anwesenden antwortete ihm.
Mercant räusperte sich. „Ich beginne von vorne, Sir, damit wir alle noch einmal einen Gesamtüberblick bekommen. Die Spur Ihres Sohnes verliert sich im Prinzip schon hier auf dem Raumhafen. Michael ist am 19. Mai abends mit seiner eigenen Space-Jet vom Raumhafen Terrania-City gestartet. Er hat sich vorschriftsmäßig bei der Raumhafenkontrolle abgemeldet und als Ziel seines Fluges Ferrol im Wega-System angegeben. Nur ist er dort niemals angekommen. Es ist lediglich bekannt, dass er direkt nach Überfliegen der Terra-Luna-Sicherheitszone in den Linearraum ging und die Jet nirgends wieder auftauchte.“
Perry winkte ab. „Eine solche Jet kann doch nicht einfach verschwinden. Es ist das modernste Modell aus der aktuellen Flottenfertigung. Die fällt auf, wenn sie irgendwo landet.“
Er hatte seinem Sohn Michael diese Space-Jet persönlich geschenkt zu seinem mit hervorragenden Noten bestandenen Abschluss als Kosmonaut und Ingenieur für Hochenergie-Maschinenbau.
„Wenn sie irgendwo auf einem Raumhafen aufgetaucht wäre, Sir, ja.“ Mercant hob hilflos die Hände. „Wir müssen davon ausgehen, dass Michael sich im freien Raum mit einem größeren Schiff getroffen hat und dieses die Jet aufgenommen.“
Er schaute resignierend in die Runde. „Ich gebe es sehr ungern zu, aber ich bin mit meinen Möglichkeiten am Ende. Was die Vermutung nahelegt, dass Michael sein ‚Verschwinden‘ von langer Hand geplant hatte.“
Es hörte sich endgültig an. Jeder erkannte, dass Allan D. Mercant nur auf Drängen des Großadministrators überhaupt eine Suche nach Michael Rhodan eingeleitet hatte, dass seine eigene Meinung wahrscheinlich etwas anders aussah.
„Wir hätten dann wohl nur noch die Möglichkeit einer galaxisweiten Fahndung“, flüsterte Perry. „Das werde ich meinem Sohn niemals antun, öffentlich gesucht zu werden wie ein Verbrecher.“
„Oh, schau an“, meldete Atlan sich zu Wort. „Das erste vernünftige Wort, das ich in dieser Angelegenheit höre.“
Perry warf ihm einen bitterbösen Blick zu.
Als nächster ergriff Reginald Bull das Wort.
„Alle entsprechenden Suchmeldungen in der Presse blieben ebenfalls erfolglos. Einige vage Hinweise haben sich als nicht zutreffend erwiesen. Da waren wohl einige auf die ausgesetzte Belohnung scharf.“
Über Monate nach seinem Verschwinden hatte Perry Rhodan versucht, den Sohn über Suchmeldungen in allen Medien zu finden. Das Bild von Michael war immer wieder in den Nachrichtensendungen aufgetaucht.
„Die Bankgeschäfte von Michael aus den letzten Wochen und Monaten vor seinem Verschwinden haben auch keine Spur ergeben“, ergänzte Homer G. Adams.
Perrys Gesichtsausdruck wurden immer trauriger. Wenn ein Finanzexperte wie Adams sagte, er hätte keine Spuren finden können, dann musste er davon ausgehen, dass es auch keine gab.
Jeder wusste, wie Perry unter dem Verlust seines Sohnes litt. Er war der Meinung, dass Michael jede Freiheit gehabt hatte und auch weiterhin hätte haben können. Nur schwer konnte er verstehen, dass er selbst und sein Name es waren, was Michael immer bedrückte, seit frühester Kindheit kämpfte er gegen die Macht des Namens „Rhodan“, wie er sich selbst ausdrückte. Dabei wollte er nur er selbst sein, sich beweisen, dass er auch ohne den Vorteil dieses berühmten Namens etwas erreichen konnte.
„Dann ist es an der Zeit, dass ich meine Karten auf den Tisch lege“, sagte Atlan leise und eindringlich. Alle Blicke wendeten sich ihm zu. Jeder wusste, dass Atlan eine Suche nach Michael durch Agenten seiner USO schlichtweg abgelehnt hatte.
„Zuerst einmal möchte ich betonen, dass ich selbstverständlich auch nicht weiß, wo Michael ist, wie er sich jetzt nennt und was er macht.“
Perry unterbrach den Freund nicht. Er lauschte nur.
„Allerdings habe ich mehr als alle hier Anwesenden geahnt.“ – Gespannte Aufmerksamkeit in allen Gesichtern, aber niemand sagte ein Wort.
„Michael musste sich für die Mentalstabilisierung meine Genehmigung einholen – ohne sie wird niemand operiert. Er hat mir bei dem Gespräch ganz offen gesagt, dass er die Absicht habe, nach dem Ende seines Studiums von zu Hause wegzugehen und zu versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen. Natürlich habe ich versucht, ihn umzustimmen und ihn daran erinnert, dass innerhalb des Imperiums große Aufgaben auf ihn warten – aber er hatte seine Entscheidung schon getroffen und war nicht davon abzubringen.“
Man hätte in dem Raum eine Stecknadel fallen hören können, so still war es plötzlich. Niemand traute sich, Perry anzublicken, der den Arkoniden mit großen Augen musterte.
„Du hast“, brachte er mühsam hervor, „gewusst, dass Mike sich absetzen will – und mir nichts davon gesagt?“ Anscheinend konnte er nicht glauben, was er gerade hörte.
„Ja und?“, konterte Atlan. Was hättest du machen wollen, wenn ich es dir gesagt hätte? Du hättest ihn nicht aufhalten können. Außerdem wusste ich nur, dass er gehen wollte, aber nicht wann. Hättest du ihn einsperren wollen, Freund?“
„Natürlich nicht. Aber ich hätte gerne noch einmal mit ihm geredet, versucht, ihn davon abzubringen.“
„Genau das hat auch Michael befürchtet. Deshalb ist er einfach so gegangen und hat dir nur den Brief hinterlassen. Er hat darin doch geschrieben, dass er sich davor fürchtete, dass du ihn mit deiner Überredungskunst von seinen Plänen abbringen könntest.
Was wäre aus Mike geworden, wenn dir das gelungen wäre? Mit Sicherheit wäre er unglücklich geworden. Und möchtest du einen unglücklichen Sohn?“
Perry schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Aber er hätte doch zumindest noch einmal mit mir reden können.“
Genau das wollte er nicht, kleiner Barbar. Kannst du nicht mehr lesen? Wir alle verstehen dich und deine Gefühle. Aber wir sollten auch Michael verstehen. Ich habe ihm klar zu verstehen gegeben, dass ich seine Entscheidung nicht gutheiße, aber dass ich sie akzeptiere. Genauso sollten wir alle es halten. Und deshalb habe ich eine Beteiligung der USO an der Suchaktion abgelehnt.“
Der Arkonide blickte in die Runde. Die anderen Männer nickten bestätigend. Sogar der sonst so temperamentvolle Bully sparte sich den Kommentar.
„Michael musste mir ein Versprechen geben“, fuhr Atlan fort. „Er musste mir bei allem, was ihm heilig ist schwören, niemals gegen die Menschheit zu arbeiten. Dieser Schwur reicht mir aus, auch heute noch.“
Atlan verschränkte die Hände vor der Brust und deutete damit an, dass er nichts weiter zu sagen hatte.
Mercant ergriff noch einmal das Wort. „Bitte, Sir, lassen Sie es ebenfalls dabei bewenden. Ich habe ein gutes Gefühl. Michael wird seinen Weg machen und wenn er wiederauftaucht, können Sie mit Sicherheit stolz auf ihn sein. Wir alle kennen den Jungen seit frühester Kindheit und wissen, wozu er fähig ist.“
Perry überlegte einen Moment, dann sagte er mit leiser Stimme: „Jedenfalls dürfte jetzt klar sein, warum er den Ausbildungslehrgang bei der USO vor zwei Jahren unbedingt machen wollte und auf der Mentalstabilisierung bestanden hat. Das gehörte alles zu seinen Vorbereitungen. Wann mag er sich zu diesem Schritt entschieden haben?“
„Vermutlich schon vor einigen Jahren“, gab Atlan zu. „Wenn ich es jetzt überdenke, gab es genug Anzeichen, aber niemand von uns hat sie zur Kenntnis genommen. Das ist unser Fehler, wir haben deinen Sohn ganz gewaltig unterschätzt – sogar ich, obwohl ich sehr viel mit ihm zu tun hatte.“
Niemand sagte mehr etwas dazu. Eine Weile breitete sich Stille aus. Bis Perry Rhodan sich räusperte und meinte: „Also wenden wir uns dem aktuellen Tagesgeschäft zu.“ Jeder merkte, wie schwer ihm das fiel.
Allan D. Mercant sortierte einige Folien, die er vor sich liegen hatte.
„Da wäre das Thema der Freihändler“, begann er.
Perry verzog missbilligend das Gesicht. Die Freihändler waren ihm schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Er, der immer nur das Wohl für „seine“ Menschheit im Auge hatte, befürchtete, dass die Freihändler vielleicht eines Tages zu einer Gefahr für diese Menschheit werden könnten, weil sie sich nicht in das Imperium eingliedern ließen. Mit Sorge sah er die Qualifikation ihrer Raumfahrer. Deshalb ließ er sie von der Abwehr „vorsichtig“ überwachen.
Lordadmiral Atlan sah das zwar nicht ganz so hart – er hatte im Prinzip nichts gegen eine vom Imperium unabhängige Händlerorganisation. Trotzdem war er vorsichtig und hatte genau wie die Abwehr zahlreiche USO-Spezialisten im Einsatz. Die Aktivitäten zwischen Abwehr und USO verliefen genau koordiniert. Sie hatten ihre Agenten auch in großen Firmen, die mit den Freihändlern sympathisierten, wie z.B. in der Großwerft des Reeders Imman Coledo. Der gehörte sogar zum privaten Bekanntenkreis der Familie Rhodan. Da er sich als Hobbypsychologe betätigte und ein sehr gutes Einfühlungsvermögen für Menschen besaß, hatte er bei so einigen Alleingängen von Michael Rhodan während dessen Jugendzeit positiv auf ihn einwirken können. Dafür war insbesondere Perry ihm sehr dankbar.
Obwohl er die Freihändler belieferte, bekam er auch Aufträge der Solaren Flotte. Coledo war dafür bekannt, dass er absolut loyal zum Solaren Imperium stand und Diskretion jedem Kunden gegenüber für ihn selbstverständlich war.
„Berichten Sie bitte, Allan“, forderte Perry seinen Abwehrchef auf.
„Imman Coledo hat im Moment große Sorgen mit einem Auftrag der Freihändler.“
Der Abwehrchef schien die Gedanken des Großadministrators geahnt zu haben.
In der Runde herrschte ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Freihändler waren in den letzten Monaten – eigentlich seit dem Sommer des Jahres – immer wieder ein Thema in ihren regelmäßigen Besprechungen.
„Zum Glück weiß Coledo nichts davon, dass wir einige Agenten bei ihm haben.“ Mercant tauschte ein verschwörerisches Grinsen mit Atlan aus, der nur anzüglich lächelte. „Unter anderem sind sein Chefingenieur und seine persönliche Sekretärin Agenten von mir. Hin und wieder braucht auch ein Mann wie Mr. Coledo einen Menschen zum Reden. Er schätzt seine Sekretärin und vertraut ihr uneingeschränkt. - Jedenfalls hat er im Moment einen Großauftrag von den Freihändlern, 500 Schiffe der 200- und 500-Meter-Klasse, alles Standardanfertigungen.“
Niemand unterbrach den Abwehrchef bei seinem Bericht.
„Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Umfang des Auftrages. Das würde mit den uns bekannten Zahlen die Flotte der Freihändler auf einen Schlag auf ca. 1.500 Schiffe erhöhen. Zahlungsschwierigkeiten sind nicht zu erwarten, die Schiffe sind schon zur Hälfte bezahlt worden. Die normalen Konditionen von Coledo für private Handelsgesellschaften: die Hälfte bei Auftragserteilung, die andere Hälfte bei Übernahme der Schiffe. Das Geschäft ist wie üblich über die bekannten Konten der Freihändler abgewickelt worden.“
An dieser Stelle hakte Homer G. Adams ein, mit einem Gesicht, als ob er auf eine Zitrone gebissen habe. „Leider muss ich diesmal einen Misserfolg gestehen, Sir.“ Er schluckte hart, weil ihn das persönlich in seiner Ehre traf. „Ein Teil der Gelder stammt aus den bekannten Rücklagen der Freihändler und aus den an die Organisation abgeführten Gewinnprozenten der Kapitäne. Der restliche Teil stammt anscheinend aus großzügigen Sponsorengeldern unbekannter Herkunft. Es ist nicht zurückzuverfolgen. Hier waren absolute Profis am Werk. Das lässt aus meiner Sicht nur den Schluss zu, dass die Freihändler Unterstützung von einflussreicher Seite erhalten haben. – Es tut mir sehr leid, Sir.“
Bullys Gesicht wurde noch roter, Perry riss die Augen weit auf und Atlans rotgoldene Arkonidenaugen begannen zu tränen, bei ihm ein Zeichen hochgradiger Erregung.
„Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen, Homer“, beruhigte Perry den Finanzchef. „Wir müssen uns wohl mit dem Gedanken befassen, dass es inzwischen einflussreiche Menschen gibt, die die Freihändler unterstützen – oder sogar andere Völker.“
Atlan schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Wenn die Freihändler mit anderen Völkern sympathisieren würden, wären diese auch an Bord ihrer Schiffe vertreten. Dort gibt es aber nur Terraner und terranische Kolonisten. Das konnten wir inzwischen eindeutig feststellen.“
Mercant fuhr ungerührt fort: „Ablieferungstermin für die Schiffe ist im Februar nächsten Jahres – bis auf eines. Das bereitet Coledo so große Sorgen, er soll es nämlich schon in drei Wochen fertig haben – eine Sonderanfertigung. Kugelzelle von 850 Metern Durchmesser mit einigen zusätzlichen Beibooten, alles im erlaubten Rahmen. Die Konstruktionspläne wurden mit der Auftragserteilung geliefert. Nach Ansicht des Chefingenieurs sind das exakt ausgearbeitete Pläne, wie sie von unseren Ingenieuren nicht besser entwickelt werden könnten.
Mit der Auftragserteilung wurde Coledo von Kaiser Boscyk davon unterrichtet, dass zukünftig nicht mehr er selbst sein Ansprechpartner bei den Freihändlern wäre, sondern sein neuer Stellvertreter, ein gewisser Fürst Roi Danton. Er selbst würde sich in Zukunft mehr repräsentativen Aufgaben zuwenden, was immer das auch heißen mag.
Für Fürst Danton persönlich ist auch das Schiff mit der 850-Meter-Zelle. Er holt es mit einer kleinen Überführungsmannschaft ab. Coledo hat den Termin unbedingt zu halten, weil Danton das Schiff braucht. Erforderliche Überstunden würden von Danton mit den tariflichen Zuschlägen vergütet.
Der Reeder kennt diesen neuen Fürsten bisher auch nicht. Daher war er natürlich neugierig und hat Boscyk nach ihm ausgefragt. Demnach soll Roi Danton Mitte zwanzig sein, nach Meinung von Boscyk außergewöhnlich talentiert. Sonst hätte er ihn nicht zu seinem Stellvertreter gemacht, obwohl er erst seit ein paar Monaten bei den Freihändlern ist. Zusätzlich hat er Coledo noch gewarnt. Der soll sich nicht schockieren lassen von Danton, weil dieser Fürst ein geradezu unmögliches und sogar unverschämtes Benehmen an den Tag legen soll.“
Mercant beendete seinen Vortrag und blickte sich in dem kleinen Kreis um. Atlan ergriff zuerst das Wort. Ihm, der die Geschichte Terras kannte wie kein zweiter, war sofort etwas aufgefallen.
„Dieser Fürst Danton scheint eine ganz besondere Beziehung zur terranischen Frühgeschichte zu haben.“
Perry lächelte. Er hatte eine Idee, worauf sein Freund hinaus wollte.
„Sein Vorname“, fuhr Atlan fort“, „heißt aus dem Französischen übersetzt nichts anderes als ‚König’ und sein Name Danton ist der Name eines französischen Revolutionärs, der später selbst ein Opfer der eigenen Revolution wurde. Man sagte damals: ‚Die Revolution frisst ihre Kinder.’ Ich habe es dank meiner technischen Möglichkeiten in diesen Jahren geschafft, viele Adlige vor dem Terror zu retten und außer Landes zu bringen.“ Er lächelte versonnen vor sich hin.
„Könnte es sein, dass Danton von Anfang an vorhatte, in die Führungsspitze der Freihändler einzudringen?“, fragte Bully. „Wenn man sich gleich mit dem Namen ‚König’ einführt, liegt das doch nahe.“
Mercant nickte. „Ich halte es durchaus für möglich. Bisher wissen wir über Fürst Danton allerdings gar nichts, wir haben noch nicht einmal einen Ansatzpunkt. Deshalb schlage ich vor, dass wir den Besuch von Danton bei Coledo abwarten. Danach wissen wir mehr, um die nötigen Entscheidungen treffen zu können.“
„Wir werden uns auf jeden Fall noch näher mit Danton zu befassen haben“, ergänzte Atlan. „Allem Anschein nach ist er aus dem Nichts aufgetaucht mit ein paar beachtlichen Trümpfen im Ärmel. Ich vermute, dass die so plötzlich aus dem Nichts aufgetauchten Sponsorengelder mit ihm zu tun haben. Die Freihändler werden augenblicklich von einflussreichen Leuten unterstützt, und ich wüsste gerne von wem.“
Dazu gab es nichts mehr zu ergänzen und kurze Zeit später lief die gewaltige Maschinerie von Abwehr und USO an und verschlang beachtliche Kosten. Das alles wäre unnötig gewesen, wenn nur einer der führenden Männer auf eine einzige Idee gekommen wäre …

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Zur gleichen Zeit:
Der Zentralplanet der Freihändler war von seinem Entdecker Lovely Boscyk Olymp genannt worden und umlief als zweiter Planet die blass rote Zwergsonne Boscyks Stern. Die Entfernung zur Erde betrug 6.300 Lichtjahre.
Trade-City war die einzige Stadt, die die Freihändler auf dem Planeten errichtet hatten. Ansonsten war der Planet in seinem Urzustand mit ausgedehnter Dschungelvegetation belassen worden.
In einem kleinen Büro im Verwaltungsgebäude des Raumhafens saßen sich zwei Männer gegenüber und schauten aus dem Fenster zu, wie gerade ein 500-Meter-Raumer der Freihändlerflotte landete.
„Da sind sie“, meinte der ältere der beiden, ein ca. 50-jähriger Mann. „Meine CHRISTOPH KOLUMBUS. Das war ihr letzter Flug in meinem Auftrag. Ein schönes Schiff mit einer zuverlässigen Mannschaft.“
Kaiser Lovely Boscyk, der Gründer und Befehlshaber der Freihändler war ein großer, kräftiger Mann mit ausdrucksvollem Gesicht. Gekleidet war er nach der Tradition der Freihändler in ein historisches Kostüm. Er sah aus, als ob er der wilden Seefahrerepoche der englischen Königin Elizabeth I. entsprungen war. „Es reicht jetzt für mich. Ich habe den Raum genug durchstreift auf der Jagd nach Geschäften. Nun möchte ich mich nur noch den repräsentativen Aufgaben widmen und ansonsten meinen Liebhabereien leben. Seitdem meine Frau Doora nicht mehr lebt, macht mir das Händlerleben nicht mehr die Freude wie früher. Es wird Zeit, dass du die Zügel übernimmst, Mike.“
Sein Gegenüber, ein junger Mann mit schulterlangem schwarzem Lockenhaar, nickte. Er heute nicht sein Kostüm, das ihn innerhalb von ein paar Monaten als Roi Danton bekannt und auch berüchtigt gemacht hatte.
Unter seiner einfachen dunkelblauen Kombination zeichnete sich eine durchtrainierte Muskulatur ab, die Körperhaltung war straff und kontrolliert. Sein Gesicht wirkte offen und ehrlich und war auf männliche Art und Weise hübsch, am auffälligsten waren die ausdrucksvollen nachtblauen Augen.
„Pass auf dich auf, Lovely. Er hat noch niemandem gut getan, sich völlig zurückzuziehen und nichts mehr zu tun. Ich möchte nicht erleben, dass du krank wirst.“
Boscyk lächelte. „Danke, deine Sorge tut mir gut, aber sei sicher, ich weiß, was ich tue. Mein Leben wird nicht leer sein, es gibt genug repräsentative Aufgaben für mich. Ich möchte lediglich die Verantwortung auf die Schultern eines Jüngeren legen. Und mit dir habe ich den Richtigen dafür gefunden.“
Jetzt lächelte auch der junge Mann. „Danke für dein Vertrauen und dafür, dass du immer versucht hast, mir den Vater zu ersetzen, ohne dich aufzudrängen.“
Boscyk musterte sein Gegenüber mit warmen Blicken. Er schätzte den jungen Mann und er war ihm lieb geworden wie ein eigener Sohn, den er nicht hatte.
„Ich habe nur versucht, mich in deinen Vater hineinzuversetzen, wie er sich fühlen muss, weil ihm der einzige Sohn davongelaufen ist.“
„Das versuche ich auch – aber ich darf meine Ziele nicht aus den Augen verlieren, sonst hätte ich gleich zu Hause bleiben können.“
Bei diesen Worten verhärtete sich das Gesicht des Mannes.
„Ja“, Boscyck seufzte. „Willst du es dir nicht doch noch einmal überlegen und zumindest den Beiräten gegenüber deine wahre Identität offenbaren? Du hättest es dann sehr viel leichter.“
„Nein“, kam es eiskalt zurück. Die Beiräte waren von Anfang an ein Problem für ihn gewesen. Sie hatten bisher unter der Regie von Kaiser Boscyk die Freihändler geführt – bis er im Mai „aus dem Nichts“ aufgetaucht war und dem Kaiser einen Fünfjahres-Plan zur Reorganisation der Freihändler vorgelegt hatte, der diese nach dem Solaren Imperium zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht der Galaxis machen sollte. Boscyk hatte ihn sofort angenommen hatte, weil er keine Fragen offen ließ. Die Beiräte sahen mit diesem Plan ihren Einfluss schwinden und misstrauten dem jungen Mann, von dem niemand wusste, wer er wirklich war.
„Sicherlich könnte ich es dann leichter haben, aber dann würde ich schon zu Anfang gleich gegen meine Prinzipien verstoßen, es allein ohne die Zauberwirkung des Namens Rhodan zu schaffen. Außerdem möchte ich nicht das geringste Risiko eingehen. Nicht, dass ich glaube, die Beiräte würden mich bewusst verraten, aber wie leicht kommt es zu Versprechern oder ähnlichem. Je weniger davon wissen, dass ich der Sohn Perry Rhodans bin, desto besser.“
Boscyk nickte versonnen. „Mir hast du dich gleich anvertraut …“
Michael Rhodan lachte ihn offen an. „Vertrauen gegen Vertrauen. Du hast mir auch gleich vertraut und den Plan angenommen.“
Ein leicht wehmütiges Gefühl beschlich ihn. Freifahrerromantik - charmante Gauner – ein freies, abenteuerliches Leben – die ersten Illusionen aus seiner Jugend hatte er schon begraben müssen. Die Führung der Freihändler, die Beiräte – das waren knallharte Wirtschaftsbosse, die teilweise skrupellos handelten. Genau das wollte Michael ändern. Geschäfte unter der Prämisse „Glasperlen für Howalgonium“ würde es bei ihm nicht mehr geben. Er würde darauf achten, dass auch auf Primitivplaneten die Einwohner nicht mehr von den Freihändlern übervorteilt und mit Würde und Respekt behandelt wurden.
„Du willst mir also tatsächlich deine Mannschaft und dein Schiff anvertrauen?“
Boscyk zuckte nur die Schultern. „Befehlen kann ich es ihnen natürlich nicht. Aber sie müssten sich sonst entweder zur Ruhe setzen oder mit anderen Fürsten fliegen. Ich werde ihnen vorschlagen, zukünftig mit dir zu fliegen und denke, dass alle annehmen werden, schon weil sie dann zusammenbleiben können. Du bist für sie der Garant für Gewinne und Abenteuer – genau das, was sie wollen. Mit den 300 Besatzungsmitgliedern hast du den Kern für eine hervorragende Mannschaft. Den Rest wirst du dir selbst besorgen müssen. Wie wirst du jetzt weiter vorgehen?“
„Zuerst einmal wie vorgesehen zusammen mit dir das Gespräch mit den Edelmännern deiner Mannschaft führen. Dann werden wir ja sehen, wie viele mir folgen.“
„Alle.“
„Warten wir es ab.“ Michael war Realist und wollte nicht vorgreifen. „Wenn mir alle oder der größte Teil folgen, werde ich in drei Wochen mit der CHRISTOPH KOLUMBUS zur Erde fliegen, um bei Imman Coledo mein neues Schiff abzuholen.“
„Wenn er es fertig hat.“
„Er hat. Ich kenne Mr. Coledo persönlich. Er wird rund um die Uhr arbeiten lassen. Ich brauche das Schiff zum Termin, weil auch ich einen Termin einhalten muss. Im freien Raum wird das Schiff von einer Werftbesatzung übernommen und die KOLUMBUS und die Mannschaft kehren nach Olymp zurück. Das neue Schiff wird auf einem bestimmten Planeten mit Transformkanonen, HÜ-Schirmen und anderen netten Dingen nachgerüstet.
Ich fliege von dort nach Plophos und komme nach der Hochzeit meiner Schwester hierher.
Das neue Schiff wird Anfang des nächsten Jahres fertig aufgerüstet sein. Solange soll die KOLUMBUS das Flaggschiff der Freihändlerflotte sein.“
Boscyk wusste, dass Michael auch vor ihm gewisse Geheimnisse für sich behielt. Deshalb fragte er nicht näher nach den Transformkanonen und den Umständen der Nachrüstung.
„Riskierst du nicht, dabei auf deinen Vater oder Atlan zu treffen?“
„Nein.“ Michaels Stimme war die Bitterkeit deutlich anzuhören. „Mein Vater verweigert weiterhin die Einwilligung zur Ehe meiner Schwester mit Dr. Geoffry Abel Waringer. Er mag ihn nicht und hält ihn für einen Phantasten. In meinen Augen ist er ein hyperphysikalisches Genie.“
„Der dein Schiff nachrüstet“, kombinierte Boscyk. Michael schaute angelegentlich zur Decke und ging nicht auf die Bemerkung ein. Boscyk grinste. Schließlich konnte er denken und die Kombination lag nahe.
„Das Risiko muss ich eingehen“, fuhr Michael fort, als ob er den Einwurf nicht gehört hätte. Auf jeden Fall werde ich Plophos nicht als Michael Rhodan anfliegen sondern als Freihändler Roi Danton. Da Vater die Einwilligung verweigert, heiratet sie in aller Stille. Nur Mutter weiß davon, sie wird es Vater mit Sicherheit nicht verraten.“
„Eine schwere Situation für deine Mutter. So weit ich weiß, liebt sie deinen Vater abgöttisch und muss nun einen Drahtseilakt zwischen ihm und ihren Kindern vollbringen.“
„Seine Schuld“, wehrte Michael ungewöhnlich hart ab. „Ohne seine verdammte Sturheit wäre alles sehr viel einfacher. Er ist es, der Mutter weh tut, nicht wir.“
Boscyk stand auf und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wenn du mich brauchst, bin ich immer für dich da Mike. Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du einen Rat brauchst.“
„Das weiß ich zu schätzen, Lovely.“
Er straffte sich und stand auf. „Aber nun lass uns nicht wehmütig werden, wir haben anderes zu tun“, schüttelte er den Anflug der Traurigkeit ab. „Wann werden wir an Bord der KOLUMBUS erwartet?“
„Sobald wir wollen. Ich habe den Stellvertretenden Kommandanten Rasto Hims wissen lassen, dass die Mannschaft an Bord bleiben und die Edelmänner sich gleich nach der Landung in der Zentrale einfinden sollen, weil ich sie mit meinem Stellvertreter aufsuchen werde. Bisher wissen sie noch nichts davon, dass das der letzte Flug der KOLUMBUS für mich war.“
„Dann sollten wir es nicht länger hinausschieben.
Boscyk musterte Michael eingehend. Er befürwortete seine Entscheidung, den Männern beim ersten Kennenlernen nicht im Kostüm des Stutzers Roi Danton gegenüberzutreten, sondern so wie er war. Die Männer mussten eine Chance haben, ihn richtig einzuschätzen. Umso leichter würden sie später mitziehen, wenn er im Kostüm und mit seinem unmöglichen Benehmen, auf dem der Großteil seiner Tarnung beruhte, offiziell anderen gegenüber auftrat.
„Hast du schon einen Namen für dein neues Schiff?“
„Ja, FRANCIS DRAKE, nach dem Piraten einer großartigen terranischen Königin des vorkosmischen Zeitalters.“

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Michael Rhodan alias Roi Danton war genauso fasziniert wie schockiert, als er an der Seite von Kaiser Boscyk die CHRISTOPH KOLUMBUS betrat. Fasziniert war er von der Herzlichkeit, mit der die Freihändler ihren Kaiser begrüßten. Es war sofort zu merken, dass sie alle gerne für ihn flogen. Schockiert war er dagegen über die Disziplinlosigkeit, die überall herrschte.
Dass die Freihändler es mit der Disziplin nicht so streng nahmen wie es in der Flotte und der USO üblich war, wusste er schon länger. Das hatte ihn in früheren Jahren so sehr fasziniert. Inzwischen war er älter, hatte eine sehr gute und sehr harte militärische Ausbildung durchlaufen und sah gewisse Dinge anders als ein romantischer und abenteuerlustiger Jugendlicher. Abenteuerlustig, draufgängerisch und mit sehr großem persönlichem Mut ausgestattet war er immer noch. Er beabsichtigte nicht, die strenge Disziplin der Flotte auf den Schiffen der Freihändler einzuführen. Aber es gab auch für ihn Grenzen, auf deren Einhaltung er bestehen musste, wenn er Erfolg haben wollte. Dazu gehörte, dass gefährliche Nachlässigkeiten wie das Herumstehen von aktivierten Arbeitsrobotern im Weg genauso unterblieben wie ein Herumlungern auf den Gängen des Schiffes, dafür gab es die vorgesehenen Freizeitbereiche.
Was habe ich erwartet?, fragte er sich selbst. Die Freihändler sind ein undisziplinierter Haufen. Sie sind nur mit sehr viel Fingerspitzengefühl zu führen. Also dann …
In der Zentrale wurden sie von den Edelmännern des Schiffes erwartet. Einer sah wilder aus als der andere, und niemand schien es für erforderlich zu halten, bei ihrem Eintritt aufzustehen. Roi dachte amüsiert daran, wie wohl manche Kommandanten der Flotte auf ein derartiges Benehmen reagieren würden.
Er sah sich kurz in der Zentrale um. Sie hatte die auf Handelsschiffen übliche Aufteilung und die entsprechenden Instrumente. Das würde sich in Zukunft ändern. Die neuen Schiffe, die auf der Coledo-Werft gebaut wurden, bekamen kriegsschiffsmäßige Ortungs- und Funkanlagen, allerdings keine Transformkanonen und HÜ-Projektoren. Die sah sein Plan nur für sein eigenes Schiff vor. Er war kein Verräter am Solaren Imperium, wollte ebenso die Freihändler nicht gefährden. Transformkanonen und HÜ-Schirme waren für alle Raumschiffe außerhalb von Flotte und USO streng verboten. Ein Kapitän, der damit angetroffen wurde, riskierte eine mehrjährige Haftstrafe. Das Solare Imperium verstand keinen Spaß, wenn Privatleute mit seinen mächtigsten Waffen durchs All flogen.
Der Stellvertretende Kommandant der KOLUMBUS, ein umweltangepasster Epsaler, nur 1,60 Meter hoch, aber ebenso breit gebaut, grinste seinen Kommandanten und Kaiser breit an und bot mit einer einladenden Geste Plätze für ihn und Roi an.
Während Hims dem Kaiser Bericht erstattete über ihren Flug, blickte Roi sich unauffällig um. Niemandem fielen seine prüfenden Blicke auf. Alle waren mit Boscyk beschäftigt. Blitzschnell hatte Roi sich seine Taktik für das kommende Gespräch zurechtgelegt. Ihm fiel sofort auf, dass der Bericht von Hims sachlich fundiert und ohne Ausschweifungen vorgetragen wurde. Der Mann schien seine Sache zu verstehen.
Den angebotenen Kaffee nahm Roi gerne an, den dazu gereichten Rum lehnte er mit einem Stirnrunzeln ab. Erstens machte er sich nicht viel aus Alkohol, zweitens war Alkohol im Dienst für ihn nicht tolerabel.
Nachdem Hims seinen Bericht beendet hatte, tauschte Boscyk einen kurzen Blick mit Roi.
„Danke für den Bericht, Edelmann Hims. Ich habe eine wichtige Neuigkeit für Sie. Wie Sie bereits wissen, trage ich mich schon länger mit dem Gedanken, mich ins Privatleben zurückzuziehen, sobald ich einen geeigneten Nachfolger gefunden habe. Diesen Nachfolger sehen Sie hier neben mir, Roi Danton.“
Die Edelmänner, die bisher auf ihren Sitzen lümmelten, setzten sich gerade hin. Sie kannten Roi Danton bereits vom Sehen. Näheres wussten sie aber nicht über ihn - nur, dass seine Herkunft im Dunkeln lag und er es geschafft hatte, das schon sprichwörtliche Misstrauen ihres Kaisers auf Anhieb auszuräumen. Bisher hatten sie allerdings nichts mit ihm zu tun gehabt. Das schien nun vorbei zu sein.
Boscyk entging die Reaktion seiner Männer nicht.
„Für Sie heißt das, dass die CHRISTOPH KOLUMBUS an Roi Danton übergeht, mit allen Rechten und Pflichten. Ob Sie unter Fürst Danton weiterfliegen, sich bei anderen Fürsten verdingen oder zur Ruhe setzen, bleibt Ihnen überlassen. Auf jeden Fall danke ich Ihnen für die schönen Jahre, die wir zusammen im Weltraum verbracht haben.“
Seiner Eröffnung folgte totale Stille. Niemand sagte etwas, dann stand Hims auf, ging zu Boscyk und gab ihm schweigend die Hand. Roi meinte, in seinen Augenwinkeln den Anflug von Tränen zu erkennen.
Einer nach dem anderen folgte dem Stellvertretenden Kommandanten. Kein Wort fiel dabei, aber Roi spürte die sondierenden Blicke der Männer wie Nadelstiche. Von ihrem ungehörigen Benehmen ließ er sich nicht täuschen. Sein Urteil stand fest. Er hatte es hier mit Fachmännern ersten Ranges zu tun, die bisher auf den Kaiser eingeschworen waren. Wenn er sie für sich gewinnen konnte, hatte er den Stamm einer Elitemannschaft. Misslang ihm das, würden sie ihm das Leben höllisch schwer machen. Er musste gleich von Anfang an für Tatsachen sorgen und diejenigen aussortieren, die nicht hundertprozentig zu ihm standen.
Boscyk war die Rührung ebenso anzumerken wie seinen Männern. Roi störte sie nicht, sondern beobachtete nur interessiert. Ihm entging keine Kleinigkeit.
Als alle wieder saßen, begann Roi. Er stand auf, damit ihn alle besser sehen konnten. Dabei bemerkte er, dass besonders Rasto Hims ihn abschätzend musterte. Der Stellvertretende Kommandant schien seine Stellung nicht nur dem Namen nach zu haben, die anderen Männer hielten sich zurück und überließen ihm den Vortritt.
„Sie haben den Kaiser gehört. Dem schließe ich mich an. Sie alle und jeder Bauer sollen frei entscheiden, ob Sie mit mir fliegen wollen oder nicht. Da ich von Kaiser Boscyk vernommen habe, dass Sie eine aufeinander eingespielte Mannschaft sind, würde ich Sie gerne alle unter meinem Kommando sehen – aber es ist Ihre eigene Entscheidung.“
Er machte eine wohlüberlegte Pause und wartete die Reaktion der Edelmänner ab.
„Was bieten Sie uns, Kommandant, und vor allen Dingen, was erwarten Sie von uns?“ Rasto Hims brachte die wichtigen Fragen direkt auf den Punkt. Sein Blick hielt dem der nachtblauen Augen Rois stand. Der hatte bewusst darauf verzichtet, seine auffälligen Augen durch farbige Kontaktlinsen zu verstecken, sondern nur seine von Natur aus rotblonden Haare schwarz gefärbt und sie bis auf die Schultern wachsen lassen. Er war sich bewusst, dass seine Augen ihn verraten konnten, aber nur an diejenigen, die ihn sehr genau kannten und ihm nahe gekommen waren. Und diese Gefahr bestand bei den Freihändlern nicht. Er wollte den direkten Augenkontakt zu seinem Gegenüber, nicht getrübt durch farbige Linsen.
Wenn er, wie er hoffte, den ersten Kontakt zu seinem Vater, Atlan oder anderen führenden Männern des Solaren Imperiums noch ein paar Jahre hinauszögern konnte, hatte seine Position sich bis dahin gefestigt und er hatte sich seinen eigenen Ruf aufgebaut. Dadurch würde die Gefahr eines Querdenkens von Roi Danton auf Michael Rhodan automatisch abnehmen.
„Das ist schnell gesagt: abwechslungsreiche Reisen, abenteuerliches Freihändlerleben und gute Gewinnbeteiligungen. Dazu einen Kommandanten, der immer hinter ihnen steht. Genauso erwarte ich, dass Sie hinter mir stehen, egal ob wir auf Handelsreisen gehen oder in einen Kampfeinsatz fliegen.
Dazu werftneues Kriegsschiff, das die stärksten Schiffe der Solaren Flotte in den Schatten stellen wird.“
Die Männer merkten auf. Besonders Hims und ein Edelmann namens Tusin Randta, der Roi als 3. Kosmonautischer Offizier vorgestellt worden war, musterten ihn sehr aufmerksam. Roi Verdacht verstärkte sich immer mehr, dass zumindest diese beiden Männer bei der Flotte oder der USO waren, bevor sie sich den Freihändlern anschlossen.
„Das hört sich gut an“, antwortete Hims vorsichtig. „Und Ihre Bedingungen?“
Rois Gesicht wurde hart, seine Augen glitzerten. Jedem Anwesenden war klar, dass er auf seinen Forderungen bestehen würde.
„Disziplin. Nachlässigkeiten oder Alkohol während der Dienstzeiten, wozu auch Restalkohol zählt, dulde ich nicht. Ich verlange absolute Loyalität Ihrem Kommandanten, also mir gegenüber, egal in welcher Situation.“
Es wurde in der Zentrale so still, dass man eine Stecknadel hätten fallen hören können. Lovely Boscyk äußerte sich auch nicht, er beobachtete nur, genauso wie Roi.
Hims brach als Erster die Stille. „Flottendisziplin?“, fragte er gedehnt.
Roi überlegte blitzschnell. Ihm kam eine Idee und er entschloss sich, sie sofort zu testen.
„Eine vernünftige Disziplin, wie ich sie für erforderlich halte. Ein Kriegsschiff, so wie es im Moment gebaut wird, lässt sich nicht ohne klare militärische Befehlsstrukturen beherrschen. Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass ich überhaupt nichts von überzogenen Disziplinforderungen halte, die von gewissen Offizieren der Flotte verlangt werden und den Untergebenen absolut keinen Raum für eigene Initiative mehr erlauben. Dadurch sind schon genug Schiffe verloren gegangen und die Besatzungen zu Tode gekommen. Ich erwarte von Ihnen sogar, dass Sie mitdenken!“
Hims und Randta schauten sich vielsagend an. Dann meinte der 3. Offizier langsam: „Edelmann Hims und ich sind unter dieser Sorte Offiziere bei der Solaren Flotte geflogen und haben genau deshalb den Dienst quittiert und sind Freihändler geworden. Wir möchten nicht wieder unter einem derartigen Kommandanten fliegen.“
Roi nickte vorsichtig. Seine Vermutung war also richtig. Deshalb auch die auffälligen Nachlässigkeiten, die er beim Weg in die Zentrale gesehen hatte. Es war ein bekanntes psychologisches Phänomen, dass Menschen, die unter überzogenen Disziplinarforderungen gelitten hatten und sich daraus befreit, erst einmal zum absoluten Gegenteil tendierten, d.h. ihrem persönlichen Schlendrian nachgingen.
„Überlegen Sie sich Ihre Entscheidung gut. Wer mit mir fliegt, entscheidet sich für eine zukünftig eindeutig para-militärische Organisation, aber auch für das Abenteuer und für gute Gewinne.“
Er tauschte einen Blick mit Boscyk, der ihm zunickte, sich erhob, zur Rundrufanlage ging und sich in einer ergreifenden Rundsendung von seiner Mannschaft verabschiedete. Gleichzeitig stellte er Roi als neuen Kommandanten der CHRISTOPH KOLUMBUS vor.
Anschließend tauschte Roi den Platz mit ihm, stellte sich selbst vor und gab der Mannschaft fünf Tage Zeit, sich untereinander zu besprechen und sich zu entscheiden. Innerhalb dieser Frist bot er ihnen einen kurzen Probeflug „zum gegenseitigen Kennenlernen“ an. Wer ihn mitmachen wollte, sollte sich in zwei Tagen morgens um 9.00 Uhr Ortszeit auf seiner Manöverstation einfinden. Alle anderen hätten das Schiff in dieser Zeit zu verlassen. Er wollte keinen untätigen Zuschauer an Bord.
„Ich erwarte, dass jeder der mitfliegen möchte, voll dienstfähig ist.“
Jeder wusste, was er damit meinte.
Roi beendete er die Verbindung, nickte den Edelmännern noch einmal zu und verließ die Zentrale. Kaiser Boscyk blieb noch zurück. Roi respektierte es, dass er sich zum Abschied allein mit seinen Edelmännern unterhalten wollte.

*****

Der Testflug war für Roi Danton ein Erfolg auf ganzer Linie. Die Besatzung nahm vollständig daran teil, alle wollten den neuen Kommandanten kennen lernen.
Sie starteten, machten einige Linearetappen, Flugmanöver und Kampfübungen. Roi flog die CHRISTOPH KOLUMBUS entweder allein manuell oder zusammen mit dem Stellvertretenden Kommandanten Rasto Hims, weil er diesen besonders testen wollte. Sein erster Eindruck bestätigte sich. Rasto Hims war auch daran gemessen, dass Epsaler kosmonautische Naturtalente waren, herausragend.
Roi stellte fest, dass sämtliche Mannschaftsmitglieder der KOLUMBUS hervorragende Raumfahrer waren und reibungslos aufeinander eingespielt. Die Mannschaft gefiel ihm und er hoffte, dass sie sich komplett für ihn entschieden.
Er verstand jetzt immer besser, wieso sein Vater so schlecht auf die Freihändler zu sprechen war. Diese Spezialisten konnte auch die Flotte sehr gut gebrauchen – und so lange es die Freihändler gab, fehlten sie dort. Wenn seine weiteren Pläne Erfolg hatten, dann würden Flotte und USO zukünftig noch mehr ausgebildete Spezialisten fehlen.
Allein das sah er als eine Art friedlichen Konkurrenzkampf mit seinem Vater, den er auf jeden Fall für sich entscheiden wollte. Dabei würde er auf keinen Fall Raumfahrer abwerben, sondern nur für eine Verpflichtung bei den Freihändlern werben wie jede andere private Handelsgesellschaft.
Die bewundernden Blicke der Edelmänner in der Zentrale versuchte er zu ignorieren. Besonders Hims blickte ihn öfter anerkennend und überlegend an, als ob er etwas sagen wollte.
Als die KOLUMBUS wieder auf dem Raumhafen von Trade-City gelandet war und die Maschinen ausliefen, erhoben sich die Edelmänner in der Hauptzentrale und allen über Rundruf zugeschalteten Nebenzentralen und klatschten laut Beifall.
Roi freute sich zwar, weil er sicher sein konnte, dass dies keine Bevorzugung war, denn hier wusste niemand, wer er wirklich war, aber trotzdem berührte es ihn peinlich.
Ich muss wohl noch eine Menge lernen, dachte er sarkastisch bei sich, unter anderem auch ehrlich gemeinte Anerkennung genießen zu können.
„Seitdem ich den Weltraum kenne, habe ich noch nie so einen Piloten erlebt wie Sie, Kommandant“, brachte Hims es auf den Punkt. „Ich glaube, Sie könnten es auch gut mit dem Großadministrator persönlich aufnehmen.“
Ein Stich durchfuhr Roi. War er wirklich so gut? Vielleicht … er erinnerte sich kurz an einen Flug mit Atlans IMPERATOR, als er seinen Vater bei einer Manöverübung etwas in Bedrängnis gebracht hatte.
„Danke, Edelmann Hims“, antwortete er lächelnd. „Sie sind ebenfalls ein sehr guter Kosmonaut. Ich glaube, wir werden sehr gut harmonieren, falls Sie sich dazu entschließen, weiterhin mit mir zu fliegen.“
Hims tauschte kurze Blicke mit den anderen Edelmännern.
„Kommandant, wir würden uns gerne in der großen Mannschaftsmesse mit den übrigen Mitgliedern der Besatzung besprechen und entscheiden. Ich glaube aber schon zu wissen, wie die Entscheidung ausfällt.“
Damit lächelte er Roi offen an. Der gab das Lächeln zurück. Er hatte ein gutes Gefühl.
„Natürlich, Edelmann Hims. Sie finden mich in meinem Privatquartier.“
Damit stand Roi auf und verließ grüßend die Zentrale, um sich in die Kabinenflucht zu begeben, die er sich ausgesucht hatte. Er hatte darauf verzichtet, das alte Quartier von Lovely Boscyk zu bewohnen. Das erschien ihm respektlos.

**********

Eine Stunde später meldete sich Rasto Hims über Interkom bei ihm mit der Nachricht, dass die Mannschaft eine einstimmige Entscheidung getroffen habe. Roi überlegte einen Moment, ob er ihn zu sich bitten sollte, entschied sich dann aber doch dafür, die Zentrale aufzusuchen.
Sämtliche Edelmänner warteten am großen Kartentisch. Der Platz an der Kopfseite des Tisches war für ihn frei. Roi nahm die stumme Einladung ohne Zögern an und setzte sich.
Hims räusperte sich und begann: „Kommandant, die Mannschaft hat einstimmig entschieden, dass wir mit Ihnen fliegen möchten. Bei dem kurzen Probeflug haben wir gemerkt, dass wir zueinander passen, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind Ihre Leute und Sie können sich auf uns verlassen. Mehr haben wir dazu nicht zu sagen.“
Roi nickte ernst. Grenzenlose Erleichterung und auch ein wenig Stolz machten sich in ihm breit. Er hatte es geschafft, ein schon eingespieltes und miteinander verschworenes Team für sich zu gewinnen! Hart schluckte er, um seine aufkommende Rührung zu unterdrücken.
„Ich danke Ihnen und werde alles tun, um mich Ihres Vertrauens würdig zu erweisen. In Zukunft wird gegenseitige Offenheit der wichtigste Stützpfeiler unserer Arbeit werden – und eine Disziplin, die ebenfalls davon getragen wird. Dass ist eine sehr schwere Aufgabe. Trotzdem ich bin sicher, dass wir alle zusammen das meistern werden. Das Flaggschiff der zukünftig sehr viel größeren Freihändlerflotte wird in absehbarer Zeit in der Galaxis einen Ruf haben, der mit Respekt genannt wird. Sie haben die Ehre, die Ersten dieser Mannschaft zu sein!“
Tusin Randta meldete sich zu Wort. „Wollen Sie die Mannschaft vergrößern, Kommandant?“
Roi fixierte ihn aufmerksam. „Ja, ich werde die Mannschaft aufstocken.“
Er warf einen Blick in die Runde. „Sie alle werden bald genaue Instruktionen erhalten. Die Mannschaft erhält Urlaub bis einschließlich 4. November. Am 5. November starten wir zur Erde. Ich erwarte, dass die KOLUMBUS um 8.00 Uhr morgens startbereit ist, jeder uneingeschränkt diensttauglich auf seiner Manöverstation. Ich hoffe, dass ich das zukünftig nicht mehr wiederholen muss.“
Jeder Edelmann wusste, was damit gemeint war, es bedurfte keiner Worte mehr. Alkohol war ab jetzt nur noch in der Freizeit erlaubt. Roi würde Zuwiderhandlungen hart und kompromisslos ahnden.
„Gut. Bitte legen Sie einen direkten Anflugkurs auf das Sol-System fest. Sobald wir unterwegs sind, werde ich Sie über weitere Einzelheiten informieren. Danke.“
Nachdem er die Zentrale verlassen hatte, holte Hims tief Luft. „Zur Erde … Ich glaube, mit Roi wird es garantiert nicht langweilig werden. Mich würde es ungemein interessieren, wer er wirklich ist. Denn der Name ist wohl kaum echt, oder?“
Die Männer lachten. „Mit Sicherheit nicht“, meinte Randta. „Ich könnte mir vorstellen, dass auch er ein Opfer der Flotte ist. Oder habt Ihr eine Idee, wo er sonst diese Ausbildung bekommen hat? Ich jedenfalls habe noch nie einen solchen Kosmonauten erlebt, und dazu noch so jung. Der ist nicht älter als maximal Mitte Zwanzig. Aber dieses Geheimnis wird er uns nie anvertrauen. Im Gegenteil, mir sagt mein Gefühl, dass das eine Sache ist, nach der man ihn lieber nicht fragen sollte.“

**********

Olymp, Raumhafen Trade-City
5. November 2430

Roi Danton lächelte versonnen vor sich hin und überprüfte noch einmal sein Aussehen in dem spiegelnden Schott der Hauptzentrale der CHRISTOPH KOLUMBUS, bevor er den Öffnungsmechanismus betätigte. Dieser Auftritt sollte die Generalprobe vor seiner Mannschaft werden.
Er trug die Kleidung eines französischen Adligen von Terra des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Ein leuchtend-roter Frack, darunter eine pastell-rose-farbene Weste, ein Spitzenhemd mit reichem Rüschenbesatz, weiße Kniehosen aus Samt, dazu ebenfalls weiße Seidenstrümpfe und edelsteinbesetzte Schnallenschuhe. Sein schulterlanges schwarzes Haar war unter einer weiß gepuderten Perücke verborgen, auf dem Kopf trug er einen schwarzen Dreispitz mit Pelzbesatz.
An seinem Gürtel hingen ein Degen und zwei doppelläufige Perkussionspistolen. Um den Hals trug er eine edelsteinbesetzte Kette mit einem Lorgnon. Diese Requisiten machten nur einen primitiven Eindruck. In ihnen eingebaut war eine Mikroausrüstung aus siganesischer Fertigung, um die ihn jeder Agent von SolAb oder USO beneidet hätte.
Darin verhielt er sich entsprechend der Tradition der Freihändler. Die meisten kleideten sich gerne entsprechend der historischen Vergangenheit der Erde. Bei ihm würde zukünftig das Benehmen dazu kommen. Ein unverschämtes, auffälliges Benehmen, von dem er schon so einigen eine Kostprobe gegönnt hatte. Das musste er auch, denn es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich ganz in die Rolle eines verweichlichten Stutzers hineinzuleben, das absolute Gegenteil seiner wahren Persönlichkeit. Das gehörte zusammen mit der Kleidung zu seiner Tarnung – zu leicht war er sonst als Michael Rhodan zu erkennen. Je auffälliger seine Tarnung, desto unauffälliger wurde sie. Er hoffte, dass niemand, vor allen Dingen sein Vater und Atlan nicht, auf die Idee kommen würden, dass er sich hinter einer Maske verbarg. Besonders die irgendwann unvermeidliche Begegnung mit Atlan wollte er so lange wie möglich hinauszögern. Er befürchtete, dass es ihn nicht lange täuschen konnte.
Die Männer sprangen von ihren Sitzen auf, als er leichtfüßig in die Zentrale hinein tänzelte wie ein Balletttänzer.
„Mon Dieu“, stieß er weinerlich aus, „begrüßt man so einen König?“
Die Gesichter der Edelmänner der Zentralebesatzung waren schlichtweg fassungslos. Rasto Hims erlangte zuerst seine Fassung wieder. Anscheinend fragte er sich, ob diese Figur wirklich sein Kommandant war oder irgendjemand anderer – aber wer? Die KOLUMBUS war gemäß der Anweisung von Roi Danton startbereit und es wurde niemand erwartet. Außerdem waren seit der Befehlsübernahme von Danton alle Zugänge zum Schiff von Wachtposten besetzt, es konnte also niemand hereingekommen sein, der dazu keine Berechtigung besaß.
Hims ging auf Danton zu und verbeugte sich tief. Dabei unterdrückte er nur mit Mühe sein Grinsen. Er hatte sofort erfasst, worauf es seinem Kommandanten ankam.
„Wir begrüßen Sie ganz herzlich, Majestät. Ihr Platz steht bereit.“ Damit deutete er auf den Sitz des 1. Piloten.
Roi musterte ihn durch sein Lorgnon wie ein seltenes Tier. „Brav, mein Bester“, äußerte er dann. mit näselnder Stimme.„Will Er dem Pöbel mit gutem Beispiel vorangehen?“
Er zog ein Spitzentaschentuch aus seinem Hemdärmel und betupfte sich damit sein gepudertes Gesicht. „Bringe Er mich schnell zu meinem Sitz, ich fühle eine Umnachtung nahen. Oh, warum muss ich denn immer so leiden? Der Weg hierher hat mich überanstrengt. Ich werde mir eine Sänfte bauen lassen, damit ich mich nicht mehr so verausgaben muss.“
Weiter kam er nicht. Die „charmanten Gauner“ konnten sich nicht mehr beherrschen. Ein dröhnendes Gelächter brandete durch die Zentrale und kam aus den Lautsprechern der Rundrufanlage. Da volle Startbereitschaft bestand, waren alle Stationen über die Rundrufanlage mit der Zentrale verbunden. Die komplette Mannschaft hatte so Rois Auftritt mitverfolgen können.
Roi gab seine Rolle auf und stimmte in das Lachen ein. Er tauschte einen kräftigen Händedruck mit Hims und winkte den anderen Männern zu.
„Startklar?“, fragte er nur. Ein Nicken kam von allen Stationen zurück.
„Also dann“, ergänzte Roi. „Fliegen wir los. Auf zur Erde. Nach der ersten Linearetappe erwarte ich alle Edelmänner zu einer Besprechung am Kartentisch, auch die technischen und wissenschaftlichen Offiziere. Edelmann Hims, melden Sie uns bei der Hafenkontrolle ab.“
Als Hims die Raumhafenkontrolle anrief, meldete sich Kaiser Boscyk persönlich. Er wollte Roi sprechen.
„Viel Glück, Roi“, sagte er nur. Er war sehr ernst. „Ich drücke alle Daumen, dass du deine Pläne verwirklichen kannst.“
„Danke, Lovely“, antwortete Roi genauso ernst. „Alle gemeinsam werden wir es schaffen.“
Die Edelmänner tauschten vielsagende Blicke. Das war neu. Es war durchaus nicht üblich, dass die Fürsten ihre Edelmänner über alle ihre Geschäfte informierten. Und nach dem, was der Kaiser gerade gesagt hatte, schien Roi sehr viel vorzuhaben. Es fing schon damit an, dass sie jetzt die Erde anflogen. Sie waren gespannt, wie weit ihr Kommandant sie einweihen würde …

**********

Roi musterte seine Edelmänner aufmerksam, während er einen Schluck Kaffee aus seinem Becher trank. Einer sah abenteuerlicher aus als der andere. Jeder war so gekleidet, wie er es aus den Geschichtsbüchern kannte bzw. wie er sich selbst die von ihm bevorzugte Epoche vorstellte.
„Ich hatte bei unserem letzten Gespräch bereits angedeutet, dass gegenseitige Offenheit und gegenseitiges Vertrauen für mich die Grundbedingungen einer funktionierenden Zusammenarbeit sind“, begann Roi die Besprechung. „Das heißt, ich sage meinen Leuten, was sie von mir zu erwarten haben und erwarte die gleiche Offenheit von Ihnen.“
Niemand sagte etwas, alle nickten nur zustimmend.
„Viele von uns treten hier unter einem angenommenen Namen auf. Das trifft genauso auf mich zu, was Sie sich sicherlich schon gedacht haben. Wir Freihändler halten es damit so wie vor Jahrhunderten auf Terra die französische Fremdenlegion, wenn Ihnen das etwas sagt. In ihr hatte jeder eine Chance, egal wer er vorher war oder was er getan hatte. Wer in die Legion eintrat, begann ein neues Leben. Genauso ist es hier. Ich habe mich aus sehr persönlichen Gründen den Freihändlern angeschlossen.
Unabhängig davon habe ich sehr gute Beziehungen zum Solaren Imperium. Das sollte Sie nicht verwundern, sondern Sie sollten es einfach akzeptieren ohne Fragen zu stellen. Mein Ziel ist es, die Freihändler zur zweitmächtigsten Wirtschaftsorganisation direkt nach dem Solaren Imperium zu machen. Sie brauchen nicht zu befürchten, dass ich vielleicht für das Imperium arbeite. Allerdings bitte ich Sie, zukünftig zu beachten, dass das Solare Imperium nicht unser Feind ist, obwohl viele innerhalb des Imperiums das leider so sehen. Es wird unter anderem unsere gemeinsame Aufgabe sein, dieses Negativ-Image abzubauen.“
Danton machte eine Pause, um den Edelmännern Zeit zu geben, das Gesagte zu verarbeiten. Dass es in ihren Gehirnen arbeitete, war nicht zu übersehen.
„Das, was Sie eben miterlebt haben, als ich die Zentrale betrat, wird von nun an unser gemeinsames Auftreten nach außen sein. Es gehört mit zu dem großen Spiel. Ich brauche diese Extremität, um meine Tarnung aufrecht zu erhalten. Zu viele Menschen im Solaren Imperium könnten mich sonst erkennen. Sehen Sie es auch als eine Art Spaß an, ein wenig verrückt zu spielen.“
Er lachte offen. Die Männer fielen ein.
„Der Roi Danton, den Sie jetzt hier sehen, das soll der Roi sein, den nur Sie und bestimmte andere Personen kennen. Alle anderen sollen den verweichlichten Stutzer sehen. Natürlich müssen wir das alles noch ein wenig üben, aber wir fangen ja erst an. Unseren ersten Auftritt werden wir auf Terra haben. Dort werden wir erwartet, und zwar auf der Werft von Imman Coledo.“
Roi war ein sehr geschickter Psychologe. Er kombinierte sein angeborenes Naturtalent mit dem, was er von seinem Lehrmeister Atlan vermittelt bekommen hatte. Dadurch, dass er nur seiner Mannschaft gegenüber sein wahres Ich zu zeigen gedachte, vermittelte er ihnen gleichzeitig das Gefühl, ihnen zu vertrauen.
„Imman Coledo?“ Tusin Randta staunte. „Der ist doch der größte Reeder des Solaren Imperiums und gehört zum persönlichen Bekanntenkreis des Großadministrators. Und der baut Schiffe für die Freihändler?“
Roi lächelte fein. „Es sieht wohl so aus. Sie brauchen sich aber keine Sorgen zu machen. Ich kenne Mr. Coledo persönlich. Er ist loyal jedem Geschäftspartner gegenüber, egal ob er zum Imperium gehört oder nicht. Natürlich wird man ihn mit Aufträgen für die Flotte nicht gerade überhäufen, wenn bekannt wird, dass er für uns arbeitet. Aber er wird den Verlust verschmerzen können, denn ich beabsichtige, unsere Flotte innerhalb der nächsten fünf Jahre auf insgesamt 7.500 Schiffe aufzurüsten.“
Die Edelmänner wurden immer fassungsloser. Roi registrierte es mit Genugtuung. Dass Imman Coledo selbst zu den Freihändlern gehörte, behielt er für sich, das gehörte mit zu seinen Geheimnissen. Außerdem fieberte er der Begegnung schon entgegen. Würde seine Maske halten? Imman Coledo kannte ihn von frühester Jugend an, hatte ihn aufwachsen sehen.
Roi fuhr fort, jetzt kam seine bedeutungsvollste Nachricht. „Wir werden die CHRISTOPH KOLUMBUS nicht mehr lange fliegen, wie sie bereits wissen. Sie ist ein schönes, zuverlässiges Schiff, aber genügt meinen Ansprüchen nicht. Wir fliegen zur Erde, weil wir dort bei der Coledo-Werft unser neues Schiff abholen, das zukünftige Flaggschiff der Freihändler-Flotte, ein Kugelraumer mit 850 Metern Durchmesser. Es wird ein Kriegsschiff, das schlagkräftiger sein wird als die stärksten Schiffe der Flotte, sogar als die CREST IV. Ich beabsichtige nicht, mit einem einfachen Handelsschiff durchs All zu fliegen, weil ich damit rechne, dass wir uns zukünftig wohl öfter unserer Haut wehren müssen. Eine Wirtschaftsmacht, die immer stärker wird, ruft ihre Widersacher automatisch auf den Plan, womit ich jetzt nicht das Solare Imperium meine, sondern außerirdische Intelligenzen. Und dann möchte ich, dass wir uns wehren können. Mit so vielen ehemaligen Flotten- und USO-Angehörigen in der Mannschaft sollte uns das nicht schwer fallen.“
Hims grinste offen. Sie verstanden sich. „Kein Problem, Kommandant, Sie werden mit uns zufrieden sein.“
„Und genau deshalb brauchen wir Disziplin. Mit einem ungefährlichen Handelsraumer kann man so durchs All fliegen, aber nicht mit einer Kampfmaschine, wie wir sie bekommen werden.“
„Das liegt auf der Hand“, bestätigte Randta. Roi wurde den Verdacht nicht los, das nicht nur einige, sondern alle Edelmänner von der Flotte oder der USO kamen. Sie waren eine Elitemannschaft, die er noch weiter zusammenschweißen wollte. Der Name des Freihändler-Flaggschiffs sollte überall mit Respekt genannt werden, auch das war ihm ein Anliegen.
„Wir werden das Schiff von der Coledo-Werft zu einem Treffpunkt im freien Raum überführen. Dort wird es von der Werftbesatzung eines bestimmten Geheimplaneten übernommen und mit einigen kleinen technischen Spielereien aufgerüstet. Erstens möchte ich Mr. Coledo nicht in Gewissensnöte bringen, zweitens hat auch er nicht die Möglichkeiten, die auf diesem Planeten zur Verfügung stehen. Wir werden nämlich unter anderem Transformkanonen, einen HÜ-Schirm und ein Ortungsgerät erhalten, das auch eine Verfolgung durch den Linearraum ermöglicht.“
Wenn jetzt eine Bombe auf der oberen Polkuppel der KOLUMBUS eingeschlagen hätte, wäre die Reaktion sicherlich nicht anders ausgefallen. Die Edelmänner sprangen auf, sahen sich in die entsetzten und blass gewordenen Gesichter. Transformkanonen, HÜ-Schirme und einen Linerarorter? Die Geschütze und Schirme waren schon sensationell, aber ein Linearraumorter? Darüber verfügte noch nicht einmal das Imperium! Den fähigsten Wissenschaftlern war es bisher nicht gelungen, ein solches Gerät zu konstruieren.
„Echauffieren Sie sich doch nicht so, meine Herren.“ Roi lächelte fein. „Ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt denken. Aber auch außerhalb des Imperiums gibt es fähige Wissenschaftler – und ich habe den Vorteil, solche Menschen zu kennen. Das ist das ganze Geheimnis.“
Die Äußerung trug nicht dazu bei, die Unruhe einzudämmen, im Gegenteil. Roi wartete einige Minuten, bis endlich wieder Ruhe einkehrte.
„Sie alle wissen, dass es bei Strafe strengstens verboten ist, Transformkanonen und HÜ-Schirme zu besitzen. Wir werden also auf jedem Flug mit einem Bein im Gefängnis stehen.“
„Nach den Gesetzen des Solaren Imperiums, nicht nach unseren“, knurrte Hims.
Roi musterte ihn eindringlich. „Sie sagen es, Edelmann Hims. Nicht nach unseren Gesetzen. Allerdings gelten im Hoheitsbereich des Imperiums auch deren Gesetze, das haben wir zu akzeptieren. Das heißt, Freihändler mit Transformkanonen darf es nicht geben. Wir haben dafür zu sorgen, dass das Geheimnis bei uns bleibt. Im Extremfall, falls unser Schiff von Feinden aufgebracht wird, sind diese Dinge zu vernichten, ehe sie in fremde Hände gelangen. Genauso wie es auf den Flottenschiffen üblich ist. Sie werden dafür einen genauen Plan erhalten, sobald das Schiff fertig ist. Ich verlasse mich auf Sie. Es ist für mich persönlich eine Frage der Ehre, das Geheimnis niemals auszuliefern, sondern eher mein Leben zu opfern.“
Sein Gesicht wurde plötzlich sehr hart. Diese Forderung würde er im extremsten Fall mit äußerster Härte durchsetzen, ohne persönliche Rücksichten.
„Sie können sich auf uns verlassen“, sagte Hims einfach und erhob sich dabei. Die anderen taten es ihm nach. Roi erhob sich ebenfalls. Ein warmes Gefühl überkam ihn, mit solchen Männern fliegen zu dürfen.
„Bitte setzen Sie sich wieder. Wir müssen in diesem Zusammenhang noch etwas anderes besprechen. Für ein derartiges Kriegsschiff wird unsere Besatzung von 300 Mann nicht ausreichen. Deshalb müssen wir sie aufstocken, wie ich es Ihnen bereits angedeutet habe. 900 Besatzungsmitglieder halte ich für optimal. Das wird eine unserer Aufgaben in den kommenden Monaten sein. Sobald wir nach Olymp zurückgekehrt sind, beginnen Sie alle bitte mit der Suche nach geeigneten Fachleuten. Ich möchte ausschließlich entsprechend qualifizierte Spezialisten an Bord nehmen. Unser Flaggschiff soll in jeder Beziehung einzigartig sein. Hören Sie sich um in Trade-City, ich werde auch eine entsprechende Werbemaßnahme starten. Aber bitte werben Sie bei anderen Fürsten niemanden ab. Das würde unnötig böses Blut innerhalb unserer Reihen schüren.“
Nachdem die Männer sich angeschaut hatten, hatte Rasto Hims noch eine Frage.
„Kommandant, werden Sie auch Frauen an Bord nehmen?“
„Haben Sie einen besonderen Grund für diese Frage, Edelmann Hims?“
„Ja, ich finde es nicht gut, dass die Solare Flotte teilweise bewusst auf hervorragende Spezialistinnen verzichtet, nur weil es Frauen sind. Ich sehe da keinen Unterschied.“
Roi durchzuckte ein feiner Stich. Bea – seine Freundin Bea aus einer sehr harten Zeit, warum kam ausgerechnet jetzt wieder die Erinnerung an sie? Beatrice Wood, inzwischen Major bei der USO, Kommandantin des modernen Schlachtkreuzers HATSCHEPSUT, ihr verdankte er so viel, besonders sein Leben! Zusammen hatten sie bei der USO ein Jahr lang an einem Lehrgang teilgenommen, der nichts anderes als eine Hölle für alle gewesen war – und das alles nur, weil der Leiter des Lehrgangs persönliche Rachegelüste nicht nur an ihm als dem Sohn des Großadministrators, sondern auch an allen seinen Kameraden ausgelebt hatte, bis sie ihn gemeinsam besiegen konnten. Beatrice und er hatten sich mehr als gemocht – aber es gab für sie beide keine Zukunft. Sie selbst lehnte jede über eine gute Freundschaft hinausgehende Beziehung zu einem Mann ab, aus Gründen, die er bis heute noch nicht kannte – und er hatte sich seit der damaligen Zeit eine feste Partnerin versagt, weil in dem Leben, das er jetzt führte, kein Platz dafür war. Ob er Bea überhaupt jemals wieder sehen würde?
„Ich stimme Ihnen zu, Edelmann Hims. Ja, wir nehmen auch weibliche Besatzungsmitglieder an Bord, wenn sie die entsprechende Qualifikation aufweisen. Ich wiederhole es noch einmal: keine Dilettanten!“
„Dann sehen Sie das anders als in der Flotte. Dort gibt es kaum Frauen, und wenn, haben sie es unsagbar schwer. Die USO soll da wohl schon weiter sein, wie man hört.“
Wieder musste Roi an Beatrice denken. „Ja, das ist man dort. Den Grund kann ich Ihnen genau sagen: Lordadmiral Atlan hat im Laufe seines sehr langen Lebens immer wieder mit Frauen an seiner Seite gekämpft, mit Frauen, die gekämpft haben wie Männer. Aber der Großadministrator, dessen Werk die Solare Flotte ist, denkt da leider anders. Anscheinend ist er in dieser Beziehung wirklich im 20. Jahrhundert stecken geblieben. Damals war es so gut wie unmöglich, dass Frauen zum Militär gingen.“
In diesem Punkt hatte er mit seinem Vater nie zu einer Übereinstimmung gelangen können.
„Wir werden also die Erde anfliegen“, erläuterte er ohne weiteren Kommentar seine Absichten, da er auch die Erinnerung an Bea verdrängen wollte, „unser neues Schiff übernehmen und es der Werftbesatzung übergeben. Es wird Anfang des neuen Jahres fertig nachgerüstet sein. Wir fliegen vom Treffpunkt aus mit der KOLUMBUS nach Plophos. Dort erwarten mich private Geschäfte. Sie haben währenddessen Gelegenheit, sich dort umzusehen und werden einige Tage Urlaub erhalten bis auf die Wachbesatzung. Wir kehren noch vor Weihnachten wieder nach Olymp zurück. Die KOLUMBUS wird außer Dienst gestellt, sobald wir unser neues Schiff haben. – Das sind meine Planungen für die nächsten Wochen und Monate. Noch weitere Fragen?“
Alle schüttelten den Kopf.
„Gut so. Wir werden die Zeit bis zum Eintreffen auf der Erde nutzen, um noch ein wenig unser Auftreten zu üben. Sehen Sie es als einen Spaß an, den wir uns erlauben. Dann geht alles leichter.“

**********

2

Imman Coledo hatte Sorgen. Obwohl er es sich nicht gern eingestand, er war nervös – nervös wie vor seinem ersten Geschäftsabschluss. Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Seit Jahren war er der größte und erfolgreichste Reeder des Solaren Imperiums, zählte zu den Milliardären und galt als zwar sehr harter Geschäftsmann, aber seine Loyalität zum Solaren Imperium stand außerhalb jeder Frage. Deshalb gehörte er auch zu den gern gesehenen Gästen im privaten Haus des Großadministrators und seiner Familie. Allerdings hatte dies während der letzten Monate etwas nachgelassen. Perry Rhodan und seine Frau Mory Rhodan-Abro hatten sich privat im Gegensatz zu früher mehr zurückgezogen, seitdem ihr einziger Sohn Michael von zu Hause „davongelaufen“ war.
Coledo verstand Michael sehr gut, hütete sich aber, Perry Rhodan gegenüber seine Meinung zu äußern. Er gestand sich sogar ein, dass er an Stelle des jungen Mannes nicht anders gehandelt hätte. Wenn der junge Mann zu sich selbst finden wollte, sich selbst beweisen und nicht im Schatten des Vaters stehen, dann hatte er gehen müssen! Coledo, dessen Steckenpferd die Psychologie war und der einen gewissen Ruf als Hobbypsychologe hatte, sah sogar noch ein Stückchen weiter. Als einer der ganz wenigen hatte er erkannt, dass Michael seinen Vater zwar liebte und für ihn durchs Feuer gehen würde, aber ihn auf der anderen Seite immer mehr als eine Art „Übervater“ wahrnahm. Das hatte in seiner Jugendzeit zu diversen gefährlichen Alleingängen geführt. Dabei hatte sich immer wieder gezeigt, dass Michael über sehr großen persönlichen Mut verfügte, der bis zum Draufgängertum ging.
Eines seiner haarsträubenden Abenteuer hatte er selbst dem Heranwachsenden im Alter von 15 Jahren ermöglicht. Dabei hatte Michael ungewollt erfahren, dass Imman Coledo auch zu den Freihändlern gehörte und bei ihnen den Rang eines Edelmannes bekleidete. Michael, der ihn zu dem gefährlichen Abenteuer überredet hatte, weil er seinen Vater treffen wollte, der ihn an seinem 15. Geburtstag regelrecht versetzt hatte, erwies sich ihm gegenüber als fair. Perry Rhodan und die Führungsspitze des Imperiums wussten bis heute nicht, dass der Reeder Freihändler war.
Genauso fair hatte sich der Mausbiber Gucky verhalten, der in den Gedanken von Michael wie in einem offenen Buch las. Gucky war einer der besten Freunde des Jungen. Alles, was dieser bei seinen diversen Abenteuern erlebte und nicht selbst erzählte, behielt auch er für sich.
Bei besagtem Flug bekam Michael den ersten Kontakt mit den Freihändlern und stellte dabei fest, dass sie bei weitem nicht so schlecht waren wie ihr Ruf. Seitdem sympathisierte Michael mit der Händlerorganisation.
Coledo würde sich nicht wundern, wenn er dem Sohn des Großadministrators eines Tages bei den Freihändlern wieder begegnen würde. Wenn ja, würde er sich ihm gegenüber genauso fair zeigen und ihn nicht verraten.
Imman Coledo seufzte und betrachte mit Wohlgefallen den festlich gedeckten Tisch, den seine Sekretärin vorbereitet hatte. Er ließ sich guten Kunden gegenüber nicht lumpen, außerdem war auch für ihn ein Geschäft über 500 neue Raumschiffe nicht alltäglich. Wenn dazu die Aussicht bestand, mit diesem Kunden weitere gute Geschäfte machen zu können, aber er den neuen Vertreter dieses Großkunden noch nicht persönlich kannte, dann war das auch für einen erfahrenen Geschäftsmann wie ihn ein Grund, nervös zu werden. Seine heutige Stimmung war eindeutig mit dem Namen Roi Danton zu erklären.
Auf dem Tisch waren die erlesensten Delikatessen liebevoll angerichtet, die der Planet Terra zu bieten hatte, angefangen von echtem Räucherlachs über geräucherten Schinken bis hin zu Roastbeef, natürlich auch echt und nicht synthetisch hergestellt. Alles lag auf silbernen Schalen, die auf gestoßenem Eis standen.
Mrs. Lawrence betrat den Raum und blickte ihren Chef fragend an. „Alles zu Ihrer Zufriedenheit, Mr. Coledo?“ Sie war schon etwas älter und gehörte zu den wenigen anscheinend aus vorigen Jahrhunderten „übrig gebliebenen“ Vorzimmerperlen, die immer seltener wurden. Angeblich sollten die Zellaktivatorträger der Regierung genau wie er diese Damen den sonst üblichen Robotern vorziehen.
Coledo, ein kleiner etwas dicklicher Mann lächelte ihr freundlich zu. „Wie immer, Mrs. Lawrence. Wenn ich Sie nicht hätte.“
Mrs. Lawrence lächelte ihm verschwörerisch zu. „Sind Sie auf diesen Fürsten Danton auch so gespannt?“ Sie konnte sich diesen vertraulichen Ton nach den langen Jahren ihrer Zusammenarbeit leisten. Coledo vertraute ihr uneingeschränkt und hatte ihr schon so manches Geheimnis persönlicher oder geschäftlicher Art anvertraut.
Der Reeder nickte. „Kaiser Boscyk hat mir mitgeteilt, dass er sich zurückzieht und nur noch repräsentative Aufgaben wahrnehmen möchte. Alle Geschäfte für die Freihändler wären zukünftig über diesen Fürsten Danton abzuwickeln, er ist der alleinige Ansprechpartner. Eine Rückfrage beim Kaiser wäre in keiner Angelegenheit nötig.“
„Das hört sich für mich nach einer klaren Aussage an. Damit sollten wir doch wissen, woran wir sind.“
Coledo hob hilflos die Schultern. „Dass Kaiser Boscyk sich demnächst aus dem aktiven Geschäft zurückziehen will, wusste ich schon lange, auch dass er seit einiger Zeit einen geeigneten Nachfolger suchte, dem er vertrauen kann. Das beunruhigt mich nicht, weil es nur seinen Ankündigungen entspricht. Was mich beunruhigt, ist die Person dieses Roi Danton. So wie der Kaiser mitteilte, sollten wir alle uns nicht durch sein teilweise regelrecht unverschämtes Benehmen täuschen lassen. Das wäre nun mal seine Art. Was ich davon halten soll, weiß ich wirklich nicht.“
Mrs. Lawrence nickte sinnend vor sich hin. „Hat der Kaiser etwas gesagt, wo er Danton herhat?“
„Das ist es ja gerade, was mich so stutzig macht. Ich kenne Kaiser Boscyk als sehr vorsichtigen Mann mit einer hervorragenden Menschenkenntnis. Danton soll im Frühsommer zu den Freihändlern gestoßen sein. Niemand weiß, wo er herkommt, außer dem Kaiser. Dem gegenüber hat er sofort mit offenen Karten gespielt. Bekannt ist nur, dass er ein hervorragender Kosmonaut sein soll, jemand der zwischen den Sternen zu Hause ist – und zusätzlich noch Hochenergietechniker. Zusammen die ideale Kombination für einen Raumschiffskommandanten.“
Einen Moment schwiegen beide. Dann meinte die Sekretärin: „Ich schlage vor, wir schauen uns diesen Wunderknaben einfach mal an, dann wissen wir mehr. Oder lässt er sich von jemanden vertreten?“
„Nein, das hätte ich auch nicht zugelassen. Obwohl bei uns auch heute noch der Kunde König ist, ziehe ich es vor, meine Geschäftspartner persönlich zu kennen. Ist die CHRISTOPH KOLUMBUS übrigens schon gelandet?“
„Ja, gerade eben, Mr. Danton müsste gleich hier sein, falls er nicht aufgehalten worden ist. Das glaube ich aber nicht, ich habe unser Empfangsteam entsprechend instruiert. Wie mir Dantons 1. Offizier mitteilte, war es recht schwierig, auf der Erde zu landen, weil unsere Bürokraten die Freihändler nicht so gerne mögen.“
Coledo grinste schief. Er kannte die kleinlichen Schikanen, denen Freihändlerschiffe auf Solaren Planeten ausgesetzt waren, weil sie sich dem Imperium nicht eingliedern ließen und auf ihrer Unabhängigkeit bestanden.
Als ob hiermit ein Stichwort gefallen war, erklang von nebenan aus dem Büro der Chefsekretärin Lärm. Mrs. Lawrence verzog unwillig das Gesicht, für diese „trockene“ Dame eine ihrer seltenen Gefühlsregungen. Lärm oder Unregelmäßigkeiten in ihrem Herrschaftsbereich duldete sie nicht. Sogar ihr Chef selbst unterwarf sich dort einer gewissen Zurückhaltung.
Ohne ein Wort ließ sie ihn stehen, um nebenan nach dem Rechten zu sehen. Coledo folgte ein paar Schritte hinter ihr. Auch ihn hatte der Lärm neugierig gemacht. Kunden, die in seinen abgeschirmten Bereich vordringen konnten, benahmen sich in der Regel nicht so auffällig. Und seinen eigenen Angestellten wollte er das nicht geraten haben. Also musste schon ein gewichtiger Grund vorliegen.
Mrs. Lawrence kam gerade zurecht, als ein massig gebauter Epsaler, der mehr nach einem Piraten des terranischen Mittelalters aussah als nach einem Raumfahrer mit dröhnenden Schritten in ihr Büro gestampft kam. Sein Gesicht drückte sein Missfallen aus. Hinter ihm folgte das vierköpfige, sorgfältig auf Dienstleistung geschulten Begleitteams der Coledo-Werft, allesamt mit ratlosen Gesichtern.
„Ich bedaure es sehr, dass diese Damen und Herren nicht in der Lage sind, meinen Herrn ordnungsgemäß anzumelden“, dröhnte die Stimme des Epsalers.
Mrs. Lawrence musterte ihn missbilligend. „Was haben Sie zu bemängeln?“, fragte sie erstaunt.
Die Teamleiterin, eine attraktive dunkelhaarige Dame in mittleren Jahren, hob hilflos die Schultern. „Wir haben Mr. Danton an der unteren Polschleuse seines Schiffes abgeholt und hierher geleitet“, begann sie verwirrt.
Ehe sie fortfahren konnte, tauchte direkt hinter ihr der Grund für ihre Verwirrung auf. Mrs. Lawrence und Imman Coledo rissen die Augen auf und starrten ihren Besucher an. Damit hatte auch Coledo nicht gerechnet, trotz der Warnung von Kaiser Boscyk.
Roi Danton hatte sich für diesen wichtigen Besuch regelrecht herausgeputzt. Zu seinem üblichen blutroten Frack trug er eine edelsteinbesetzte Weste und seine Schnallenschuhe und sein Gürtel, an dem die beiden doppelläufigen Perkussionspistolen und der Degen hingen, waren mit lupenreinen Diamanten besetzt. Sein Gesicht wirkte blasiert und gelangweilt, aber Coledo als Hobbypsychologe suchte sofort den Blick in seine Augen. Erfreut registrierte er, dass der Freihändler seinen Blick offen erwiderte und dass dieser Blick Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verriet. Aber noch etwas anderes registrierte Coledo blitzschnell. Das Alter seines Gegenübers schätzte er auf Mitte 20, so wie Boscyk es ihm schon gesagt hatte. Der Ausdruck der Augen wollte allerdings nicht zu dieser Schätzung passen. Coledo sah in nachtblaue Augen, in deren Tiefe eine Erfahrung und auch Leid standen, die nicht zu diesem jungen Alter passen wollten. Coledo überlegte, wo er solche ungewöhnlichen Augen schon einmal gesehen hatte – aber er kam nicht auf die richtige Idee, obwohl er damit rechnete, Michael Rhodan früher oder später bei den Freihändlern zu begegnen! Zu perfekt was die äußere Tarnung des Mannes!

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Roi hatte dieser Begegnung mit Sorge entgegengefiebert. Für ihn stellte sie nicht nur eine schwierige geschäftliche Verhandlung dar, sondern auch einen Test und einen Fingerzeig, wie er sich weiter verhalten konnte und musste. Coledo kannte Michael Rhodan sehr gut. Viel hing für ihn davon ab, ob der Reeder ihn erkannte oder nicht. Unter anderem deshalb hatte er sich so sorgfältig zurechtgemacht und seinen Auftritt sorgfältig einstudiert.
Roi wandte seinen Blick von Coledo ab und der Sekretärin zu. Das Begleitteam ignorierte er völlig. Natürlich wusste er, dass Mrs. Lawrence Agentin der Solaren Abwehr war und dass ihr Bericht über dieses Treffen kurz nach seiner Abreise schon bei Solarmarschall Mercant und etwas später bei seinem Vater sein würde. Dieser irgendwann später seine Mutter informieren, die wiederum seine Schwester und ihn auf dem Laufenden hielt. Zum Glück ahnte sein Vater nicht, dass Mory Rhodan-Abro sehr wohl über die Identität des neuen Befehlshabers der Freihändler unterrichtet war.
Roi hatte zwischenzeitlich überlegt, ob er Coledo mitteilen sollte, dass er schon lange von der Abwehr überwacht wurde. Er hatte sich dagegen entschieden, weil er nicht riskieren wollte, dass der Reeder sich mit seinem Wissen doch einmal verriet. Außerdem wollte er nicht, dass Coledo sich vom Großadministrator bespitzelt und entsprechend verletzt fühlte. Er nahm es seinem Vater persönlich übel, dass er diese Maßnahme der Abwehr nicht nur tolerierte, sondern sogar anordnete. Seiner Meinung nach war Vorsicht gut, aber sie durfte nicht in Misstrauen Menschen gegenüber ausarten, die loyal zum Imperium standen.
„Haben Wir die Ehre mit Madame Lawrence, der tüchtigsten Perle Unseres Geschäftspartners Monsieur Coledo?“ Sein geschwollener Ton trug zur gesteigerten Verwirrung bei. „Madame, Sie sehen bezaubernd aus. Monsieur Coledo darf sich glücklich schätzen, dass er das Vergnügen hat, eine der seltenen Vorzimmerdamen in Diensten zu haben, die es heute in unserer technisierten Zeit noch gibt. Roboter – pfuii …“ Er schüttelte sich vor Ekel und zog ein Spitzentaschentuch aus seinem linken Jackenärmel. Sofort strömte der penetrante Geruch eines süßlichen Parfüms durch den Raum. Coledo musste unwillkürlich husten, was ihm ein indigniertes „Aber, Monsieur …“, von Roi einbrachte.
Der wurde sich immer sicherer, dass Coledo ihn nicht erkannte und genoss das Spiel in vollen Zügen.
Ehe Mrs. Lawrence protestieren konnte, ergriff Roi ihre Hand und hauchte einen zarten Handkuss darauf. Gleichzeitig beugte er elegant das Knie und verneigte sich vor ihr.
„Ihr gehorsamer Diener, Madame Lawrence. Dass Sie mit solchen Plebejern arbeiten müssen, betrübt Uns außerordentlich.“ Dabei schenkte er dem Begleitteam einen verachtenden Blick.
Die Leiterin des Empfangsteams holte tief Luft und wollte zu einer Erwiderung ansetzen, aber Roi kam ihr zuvor. „Hinweg“, er wedelte mit einer abwehrenden Handbewegung durch den Raum.
Belustigt beobachtete Roi die Wirkung seines Auftrittes auf Mrs. Lawrence. Mit jeder verstreichenden Sekunde taute die Dame sichtlich auf. Zum Schluss lächelte sie ihn sogar freundlich an. Roi hätte am liebsten laut gelacht. Am meisten machte ihm die Verwirrung von Coledo Spaß. Er wusste, dass der Reeder einen gewissen Ruf als „Frauenheld“ hatte, aber anscheinend hatte er es bisher nicht geschafft, seine Sekretärin so um den Finger zu wickeln.
Der Reeder rettete die Situation, indem er laut sagte. „Willkommen, Monsieur Danton. Es freut mich, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Ich freue mich schon auf unser Gespräch.“ Damit deutete er zu dem gedeckten Tisch in seinem Büro.
Das Begleitteam entließ er freundlich: „Ich danke Ihnen. Monsieur Danton und ich werden uns für einige Zeit zurückziehen.“
Die vier Begleiter drehten sich um und verließen fast fluchtartig den Raum. Sie waren sehr froh, dieser ungewöhnlichen Situation entkommen zu können.
Mrs. Lawrence hatte sich wieder gefangen. Fragend blickte sie auf ihren Chef, ob er sie noch benötigte. Coledo nickte ihr zu. „Mrs. Lawrence, würden Sie uns bitte den Kaffee bringen? Sie sind dann weiterhin in Ihrem Büro?“
Mrs. Lawrence nickte, wieder in ihrer unnachahmlichen Manier eines englischen Butlers.
Dantons Lächeln war kein Standpunkt anzusehen. Er wandte sich seinem Begleiter zu. „Wir danken Ihm für die Begleitung, Edelmann Hims. Kehre Er zurück auf die CHRISTOPH KOLUMBUS und halte Unser Schiff in Startbereitschaft. Sorge er auch dafür, dass eine angemessene Überführungsmannschaft für Unser neues Schiff eingeteilt wird. Mit der Leitung betraue Er auf Unseren Wunsch Edelmann Randta.“
Hims nickte und drehte sich nach einem Kratzfuß vor seinem Kommandanten, dem man ansah, dass er noch der Übung bedurfte um und folgte dem Begleitteam.

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Roi und Imman Coledo saßen zwanglos an dem gemütlich gedeckten Tisch und genossen die ausgewählten Spezialitäten. Dazu tranken sie echten terranischen Bohnenkaffee, eine Spezialität, die Roi entsprechend würdigte. Das nutzte Coledo zu einer entsprechenden Frage: „Sind Sie auch auf Terra geboren, Monsieur Danton?“
Roi unterdrückte ein Lächeln. Natürlich wollte der Reeder ihn näher kennen lernen. Nichts anderem diente diese zwanglose Unterhaltung. Niemand von ihnen war bisher auf die Geschäfte zu sprechen gekommen. Roi war sich inzwischen sicher, dass Coledo ihn nicht erkannte. Entsprechend wurde er innerlich immer selbstsicherer. Sein großes Spiel faszinierte ihn selbst.
„Ja, Monsieur Coledo, in Terrania-City.“ Dass er durch seine Mutter zur Hälfte Plophoser war, behielt er lieber für sich.
Roi wagte es sogar, auf die terranische Frühgeschichte zu sprechen zu kommen. Coledo verfügte zwar nicht über sein Wissen, dass er seinem Vater, seinem Patenonkel Bully und hauptsächlich Atlan verdankte, aber er hatte genug historische Kenntnisse, um Roi diesbezüglich einschätzen zu können.
„Sie hatten anscheinend einen sehr guten Lehrer?“
Coledos Blick ließ sein Gegenüber nicht mehr los. Inzwischen interessierte ihn Roi nicht nur als Geschäftspartner, den er gerne besser einschätzten wollte, sondern genauso als Mensch. Der junge Mann faszinierte ihn. Er gab vor sich selber zu, dass er bisher nicht vielen Menschen mit einer derartig charismatischen Ausstrahlung begegnet war.
Roi musterte ihn offen. Jetzt oder nie, dachte er bei sich. Entweder er schluckt das so oder er erkennt mich. Ich muss wissen, wie gut meine Maske wirklich ist.
„Einen sehr guten, Monsieur Coledo. Meiner Meinung nach den besten, den es gibt.“
Coledo schüttelte überlegend den Kopf. „Da muss ich Sie leider korrigieren, Monsieur Danton. Der beste Geschichtslehrer, den es im Solaren Imperium gibt, ist sicherlich Lordadmiral Atlan. Oder meinten Sie vielleicht ihn?“ Sein Blick schien Roi durchbohren zu wollen.
„Nein. An den ehrenwerten Lordadmiral habe ich nicht gedacht. Aber Sie wissen doch, wie das ist, man kommt an solche lebenden Legenden nicht heran.“ Er seufzte bedauernd.
Coledos Gesicht nahm einen lauernden Ausdruck an. Roi erkannte sehr genau, dass er sich auf schwankenden Boden begab – mit voller Absicht. Dass Mrs. Lawrence mithörte, schloss er aus, denn er wusste, dass es in Coledos Büro keine Abhörgeräte gab. So weit ging noch nicht einmal Allan D. Mercant. Ihm reichten bis jetzt noch die Berichte der Sekretärin und des Chefingenieurs. Falls Coledo ihn erkennen sollte, setzte er auf seine Verschwiegenheit, denn schließlich hatte er ihm ein Geschäft anzubieten, das auch für ihn äußerst attraktiv war. Zudem wusste er, dass Coledo durch eine entsprechende Hypnoschulung in der Lage war, seine Gedanken abzuschirmen. Also war noch nicht einmal sein kleiner neugieriger Freund, der Mausbiber Gucky eine diesbezügliche Gefahr.
„Ich könnte vielleicht durch meine Beziehungen zum Großadministrator eine Begegnung mit Lordadmiral Atlan vermitteln“, bot Coledo an.
Roi lehnte mit betrübtem Gesicht ab. „Das ist sehr freundlich von Ihnen, Monsieur Coledo, aber ich möchte die Zeit des Herrn Lordadmiral nicht privat beanspruchen. Wie man hört, ist er sehr beschäftigt. Und leider lassen auch mir meine Geschäfte keine Zeit für ein derartig interessantes Vergnügen. Sehr bedauerlich, leider.“
Coledo erkannte in diesem Moment, dass Roi Danton sehr gute Gründe hatte, einer Begegnung mit dem Arkoniden auszuweichen. Aber auch jetzt kam er nicht auf die richtige Idee. Seine Vermutung zielte eher darauf, dass der Freihändler ein ehemaliger USO-Angehöriger war, der deshalb Atlan nicht wieder unter die Augen treten mochte.
„Schade.“
„Ja.“ Roi seufzte, betupfte sich den Mund mit seiner Serviette aus edelstem Leinen und wechselte das Thema.
„Da wir uns nun ein wenig näher kennen gelernt haben, möchte ich auf unsere Geschäfte zu sprechen kommen.“
Coledo nickte zustimmend. Es wurde Zeit dafür.
„Ihr neues Schiff ist entsprechend Ihren Wünschen fertig“, nahm er den Gesprächsfaden auf. „Sie können es direkt übernehmen. 850 Meter-Zelle und kriegsschiffsmäßige Ortungs- und Funkanlagen, ansonsten die übliche erlaubte Offensiv-Bewaffnung und entsprechende Defensiveinrichtungen für private Raumschiffe.“
„Sehr gut.“
„Monsieur Danton, die Extraanfertigung mit der 850-Meter-Zelle hat einiges an Kosten verschlungen. Haben Sie einen bestimmten Grund dafür? Sie hätten doch genauso gut die Standard-Zelle der Stardust-Klasse nehmen können, das hätte Ihnen viel Geld gespart.“
Roi lächelte. „Sagen wir, es ist die Exzentrizität eines Mannes aus königlichem Geblüt.“
Coledo nickte. „Also nehmen Sie Ihren Vornamen direkt als Zeichen Ihrer Würde?“ Coledo hatte sich als Vorbereitung des Gesprächs per Hypnoschulung Kenntnisse der französischen Sprache angeeignet.
„Wie man es nimmt. Warten wir ab, mein Lieber.“
Roi grinste innerlich. Natürlich konnte er dem Reeder nicht verraten, dass das Schiff von der Erde aus nach Lost Hope fliegen würde, um dort von Dr. Waringer technisch aufgerüstet zu werden. Wenn sich alles, was Geoffry und er sich ausgedacht hatten, umsetzen ließ, würde sein Schiff über eine größere Kampfkraft verfügen als die stärksten Schiffe der Solaren Flotte, das Flaggschiff seines Vaters, die CREST IV eingeschlossen. Und dazu war der größere Kugeldurchmesser erforderlich. Er hätte sich natürlich auch für eine Standardzelle mit 1.500 Metern Durchmesser entscheiden können, aber er persönlich liebte diese riesigen Schiffe nicht.
„Auch die Ortungs- und Funkanlagen wie in einem Kriegsschiff haben mich irritiert“, fuhr Coledo vorsichtig fort. „Ich habe mich gefragt, ob ich Ihnen diesen Wunsch erfüllen soll. Sie wissen, die Gesetze des Solaren Imperiums … Ich stehe absolut loyal zum Imperium und zum Großadministrator.“
Rois Gesicht wurde plötzlich sehr hart. Jetzt musste er seinen Standpunkt mit aller Härte vertreten, sonst wurde er unglaubwürdig. „Das ist nach den Gesetzen nicht verboten, Monsieur. Sollte Ihnen das trotzdem die Seelenruhe stehlen, bin ich gerne bereit, meine folgenden Aufträge an andere solare Werften zu vergeben.“
Coledo winkte sofort ab. Natürlich wollte er diesen guten Kunden nicht verlieren, aber er konnte es sich auch nicht leisten, auf die Aufträge der Solaren Flotte zu verzichten. Schon jetzt war der Umfang der Flottenaufträge gesunken, weil bekannt war, dass er auch die Freihändler belieferte. Andererseits war seine Werft die führende im Solaren Hoheitsgebiet. Das wussten sowohl die Flotte als auch die Freihändler. Seine Qualität und seine Lieferzeiten konnte außer den flotteneigenen Mondwerften niemand anbieten.
„Keine Sorge, Monsieur. Selbstverständlich möchte ich weiterhin mit Ihnen und den Freihändlern gute Geschäfte machen.“
„Das freut mich zu hören, Edelmann Coledo.“ Roi freute sich diebisch über Coledos erstaunten Gesichtsausdruck. „Natürlich hat Kaiser Boscyk mich umfassend über Sie informiert. Sie können allerdings sicher sein, dass Ihr Geheimnis bei mir genauso gut aufgehoben ist wie beim Kaiser – solange sie uns gegenüber dem Imperium nicht benachteiligen.“
Coledos Gesicht zeigte sehr deutlich, dass er begriffen hatte. Roi Danton wusste, dass er Freihändler war!
Coledo antwortete nichts darauf. Roi hatte seinen Standpunkt sehr deutlich gemacht, es gab dazu nichts mehr zu sagen. Beide Männer wussten, was sie voneinander zu halten hatten.
„Gut, da das geklärt ist, möchte ich Ihnen gerne eine weitere Grundbedingung für unsere weitere Geschäftsbeziehung nennen. Ich erwarte, dass Sie weiterhin loyal zum Solaren Imperium stehen wie bisher. Sonst werden die Freihändler keine Geschäfte mehr mit ihnen abschließen.“
Nun war Coledo doch sprachlos. Damit hatte er niemals gerechnet.
„Sehen Sie, Monsieur. Ich will es Ihnen erklären. Dass die Freihändler im Solaren Imperium nicht gerne gesehen sind, wissen Sie ebenso wie ich. Seitdem Kaiser Boscyk mich mit der Wahrung der Interessen der Freihändler beauftragt hat, soll sich das ändern. Mein Ziel ist eine treu zum Solaren Imperium stehende unabhängige Freihändlerorganisation mit politischer Anerkennung durch das Imperium. Die Freihändler sollen innerhalb der nächsten fünf Jahre die zweitstärkste Wirtschaftsmacht unserer Galaxis werden hinter dem Imperium.“
Coledo atmete deutlich hörbar ein. „Sie haben sich sehr viel vorgenommen, Monsieur Danton. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie Ihr Ziel erreichen, weil ich Sie persönlich sympathisch finde. Aber and die politische Anerkennung durch das Imperium glaube ich nicht. Ich kenne den Herrn Großadministrator auch privat. Er wird sich mit allen Mitteln dagegen stemmen. Warum weiß ich nicht, aber er verabscheut die Freihändler regelrecht.“
„Warten wir es ab, Monsieur.“ Roi lächelte fein. „Darf ich auf Ihre uneingeschränkte Hilfe zählen?“
Coledo nickte. „In meinem Rahmen, natürlich. Es wird mit Sicherheit auch mein Schaden nicht sein.“
„Das denke ich auch. Dann kommen wir zu den Details. Bitte schauen Sie doch zuerst einmal auf Ihr Konto. Das 850-Meter-Schiff ist bezahlt, das Geld habe ich bereits auf Ihr Konto transferieren lassen. Dabei bin ich davon ausgegangen, dass Sie wie immer Qualität liefern und es nichts zu beanstanden gibt.“
Coledo winkte ab. „Das brauche ich nicht zu überprüfen. Ihr Wort als Ehrenmann genügt mir.“
„Sehr gut.“ Roi verriet nicht, wie ihn dieses Vertrauen freute. „Die anderen 500 Schiffe sind so wie bestellt zum Termin fertig?“
„Selbstverständlich. Wie immer bei uns.“
„Gut. Dann erstellen Sie mir bitte ein Angebot für weitere 4.000 Schiffe innerhalb der nächsten drei Jahre. Je tausend 800-Meter Schiffe und 500-Meter-Schiffe sowie zweitausend 200-Meter-Schiffe. Alle Schiffe mit kriegsschiffsmäßigen Ortungs- und Funkanlagen. Leider muss ich davon ausgehen, dass wir uns zukünftig immer mal wieder wehren müssen, deshalb möchte ich unsere Besatzungen so gut wie möglich ausrüsten. Ansonsten der übliche Standard für Handelsschiffe.“
Coledo musste um seine Fassung ringen. Ein solcher Auftrag gehörte auch für ihn zu den ganz außergewöhnlichen. So etwas zog man nur einmal im Leben an Land.
„Ich möchte nur der Vollständigkeit halber erwähnen, dass ich auch bei anderen Werften Angebote einholen werde“, fuhr Roi ungerührt fort. „Bitte berücksichtigen Sie das bei Ihrer Kalkulation.“
Coledo lächelte. „Natürlich. Sind Sie damit einverstanden, wenn ich Ihnen dieselben Konditionen wie der Solaren Flotte einräume?“
Roi lächelte fein. Innerlich entspannte er sich. „Ich sehe, wir haben uns verstanden, Mr. Coledo.“
„Woher wollen Sie die Mannschaften, Offiziere und Kapitäne nehmen?“, fragte Coledo schwach. Er musste den Schock erst noch verdauen.
„Das lassen Sie meine Sorge sein, Monsieur.“
Coledo musterte ihn eindringlich. Der junge Mann gefiel ihm außerordentlich gut. Trotz seines Selbstbewusstseins wirkte er nicht arrogant, seitdem er seine Maske abgelegt hatte.
„Darf ich Ihnen einen Rat geben? Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich bin ein paar Jahre älter als Sie.“
Roi nickte lächelnd. „Nur zu. Ich bin immer für gute Ratschläge zu haben.“
„Verbrennen Sie sich nicht die Finger, junger Freund. Mit dem Solaren Imperium und dem Großadministrator ist nicht zu spaßen. Falls Sie anfangen sollten, Raumfahrer von der Flotte oder der USO abzuwerben, sollten Sie auf alles gefasst sein.“
Roi lachte offen. „Das weiß ich. Keine Sorge, ich werbe nicht ab. Aber was kann ich dafür, wenn es so einigen bei uns besser gefällt als bei der Flotte. Da steckt niemand drin.“
Und damit hat der friedliche Wettstreit mit Vater neue Dimensionen angenommen, dachte Roi bei sich. Er spürte in seinem Nacken ein leichtes Kribbeln, er freute sich darauf.
Er stand auf und klopfte Coledo freundlich auf die Schulter. Das fiel ihm nicht schwer, da er im Gegensatz zu dem kleinen etwas dicklichen Reeder groß und hochgewachsen war.
„Dann lassen Sie uns das neue Flaggschiff der Freihändler-Flotte besichtigen. Es wird FRANCIS DRAKE heißen. Sie wissen sicherlich, dass Francis Drake kein alltäglicher Pirat war.“
„Ein guter Name für Ihr Schiff, Monsieur. Und ein bezeichnender.“

**********

Roi Danton verließ die Coledo-Werft in absoluter Hochstimmung. Zum einen hatte der Reeder ihn nicht erkannt, obwohl er ihn von früher her sehr gut kannte und er ihm sogar einige sehr deutliche Hinweise präsentiert hatte – also konnte er sich auf seine Tarnung verlassen. Zum anderen war sein neues Schiff, sein erstes wirklich eigenes Schiff, ein Traum! Perfekt und supermodern. Außerdem war er sich sicher, dass er auch für den kommenden Großauftrag sehr gute Konditionen von Coledo erhalten würde. Roi konnte sich nicht dagegen wehren, aber er schwebte emotional auf Wolken.
Ihm tat es nur leid, dass die Ingenieure und Techniker der Werft einige Arbeit unnötig gemacht hatten. Das hatte ihn auch einiges an Solar zusätzlich gekostet, aber er durfte keinen Verdacht erregen, wenn er ein Schiff mit nur einem Kalup oder zu wenig „Normalwaffen“ erworben hätte. Dann wäre die Abwehr mit Sicherheit sofort präsent gewesen. Eine solche Überprüfung brauchten weder er noch Coledo.
Er traf sich mit der abkommandierten Überführungsbesatzung beim Schiff. Auch seine Edelleute und die Mannschaften waren hellauf begeistert. Zusammen mit der KOLUMBUS starteten sie von Terra. Der Raumhafenkommandant wunderte sich ein wenig, weil Roi als Name des Schiffes nur die Nummernbezeichnung angab, unter der die Produktion in der Werft gelaufen war. Roi erklärte, dass das Schiff in einem großen Festakt auf der Zentralwelt der Freihändler getauft werden würde. Damit gab der Mann sich zufrieden.
Roi flog das neue Schiff selbst zu einem Treffpunkt im freien Raum. Dort wartete eine Korvette auf sie. Eine Werftmannschaft übernahm das Schiff, um es nach Last Hope zu fliegen, wo Rois Schwester Suzan Betty Rhodan zusammen mit ihrem Verlobten Dr. Waringer wohnte. Dort betrieb er mit Billigung ihrer Mutter seine Forschungen. Er würde das neue Flaggschiff der Freihändler-Flotte mit Transformkanonen ausrüsten, die schneller schossen als die auf den terranischen Flottenschiffen üblichen Modelle, neu konstruierten Linearkonvertern, dem sagenhaften Halbraumspürer, der es ermöglichen sollte, Schiffe auch durch den Linearraum zu verfolgen. Darüber verfügten bisher weder Flotte noch USO. Professor Kalup, das wissenschaftliche Genie des Solaren Imperiums, arbeitete bisher erfolglos daran, während Dr. Waringer ein ganz anderes Konzept in die Praxis umgesetzt hatte.
Dazu kamen noch ein neuartiger Anti-Ortungsschirm und einige andere technische Neuentwicklungen. Die Vereinbarung zwischen Roi und Geoffry lautete dahingehend, dass der Wissenschaftler die Neuentwicklungen Roi zum Test auf seinem Schiff überließ. Damit bekam die zukünftige FRANCIS DRAKE auch den Status eines Experimentalschiffes.
Roi fragte sich innerlich, wie viel Atlan schon damals geahnt hatte, als er ihm vor seiner Mentalstabilisierung das heilige Versprechen abnahm, niemals gegen die Interessen der Menschheit zu arbeiten. Mit diesem Schiff könnte er dem Imperium sehr gefährlich werden. Atlan hatte zwar nichts von seinen Plänen gewusst, aber eines seiner Fachgebiete war Galaktopsychologie, außerdem verfügte er über die Erfahrung seines mehr als zehntausendjährigen Lebens und war diese ganze Zeit der Mentor der Menschheit. Alles zusammen mehr als genug Gründe für ihn, Roi das erste Zusammentreffen mit Atlan als Freihändler so lange hinauszuzögern, wie es ihm möglich war.
Geoffry war selbst mitgekommen, um das Schiff zu übernehmen. Roi verabschiedete sich von seinem zukünftigen Schwager mit dem Hinweis, nicht seine eigene Hochzeit zu vergessen und flog mit der KOLUMBUS direkt weiter nach Plophos …

**********

Der Hafenkapitän des Raumhafens von New Taylor, der Hauptstadt des Planeten Plophos, wirkte völlig ratlos, als er Obmann Mory Rhodan-Abro in ihrem Arbeitszimmer im Regierungspalast anrief.
„Obmann, das Freihändlerschiff CHRISTOPH KOLUMBUS ersucht um sofortige Landeerlaubnis. Der Kommandant, ein Fürst Danton behauptet, er hätte einen Termin mit Ihnen im Palast. Ich weiß nicht …“
Mory Rhodan-Abro, immer noch die kühle rothaarige Schönheit mit dem Aussehen einer 25-Jährigen dank ihres Zellaktivators, lächelte nachsichtig.
„Was wissen Sie nicht, Oberst Anders?“
„Es ist doch üblich, ein Freihändlerschiff grundsätzlich nicht bevorzugt abzufertigen. Deshalb wollte ich lieber bei Ihnen nachfragen. Zumal die Behauptung dieses Fürsten mir ein wenig unglaubwürdig erscheint.“
Mory holt tief Luft und unterdrückte ihren aufkommenden Ärger. Sie blieb gleichbleibend freundlich.
„Mit ‚nicht bevorzugt abfertigen‘ meinen Sie sicherlich die kleinlichen Schikanen, denen die Freihändlerschiffe auf Solaren Planeten immer wieder ausgesetzt werden. Ich hoffe, Sie schließen sich dieser Praxis nicht an. Die Freihändler sind nicht unsere Feinde, es sind Menschen wie Sie und ich. Bitte verhalten Sie sich entsprechend und geben Sie das als Anweisung an Ihre Leute weiter. Ich möchte mich nicht über entgegengesetzte Berichte ärgern müssen. Sie verstehen mich?“
„Aber Obmann“, wagte Oberst Anders zu sagen, „auf Terra …“
Weiter kam er nicht, weil Mory ihm nun doch ins Wort fiel, was sie normalerweise ihren Untergebenen gegenüber vermied. „Vielleicht wird sich unsere Mutterwelt diesbezüglich irgendwann nach uns richten.“ Sie schenkte dem Mann ihr bezauberndstes Lächeln. „Außerdem stimmt die Aussage des Fürsten. Ich erwarte ihn wirklich.“
Nähere Auskünfte gab sie nicht. Sie wäre unglaubwürdig geworden, würde sie ihrem Untergebenen gegenüber ihr Vorgehen erläutern.
Sie beendete die Verbindung mit einem maliziösen Lächeln und drehte sich zu ihrer Tochter Suzan um, die vor ihrem Schreibtisch saß. Mutter und Tochter schauten sich an.
„Soll es immer so weitergehen?“, fragte Suzan traurig.
Mory stand auf und nahm ihre Tochter tröstend in die Arme. „Nein, und gerade daran werden wir jetzt arbeiten.“
„Wird der Hafenkapitän nicht an die Erde melden, dass du mit Roi Danton sprechen willst? Was wird Dad dazu sagen?“ Die Angst stand ihr im Gesicht geschrieben. Im Moment war sie auf ihren Vater nicht gut zu sprechen, da er ihre bevorstehende Hochzeit mit Geoffry immer noch ablehnte.
Die Trauung war im engsten Kreis auf Plophos anberaumt worden. Perry Rhodan, Atlan, Bully und die gesamte Führungsspitze des Solaren Imperiums ahnte nichts davon. Sie würden es danach erfahren. Suzan und Mory hatten sich zusammen mit Geoffry und auch Michael zu diesem schweren Schritt entschlossen, um eventuelle Missbefindlichkeiten an dem großen Tag auszuschließen. Suzan sollte ihren großen Tag glücklich genießen können.
Mory winkte ab. „Ich glaube nicht, dass Oberst Anders es wagen wird, etwas an die Erde zu melden. Zum einen hat er meine Anweisung, zum anderen möchte er sich sicherlich nicht der Kritik von dort aussetzen, dass er ein Freihändlerschiff schnell abgefertigt hat. Und wenn, dann wird mir schon etwas einfallen Perry gegenüber.“
„Danke, Mum.“ Suzan wusste sehr genau, welches Risiko ihre Mutter einging. Sie stellte sich im Prinzip gegen ihren Mann, den sie abgöttisch liebte, für ihre Tochter – und auch für ihren Sohn.
„Warum lehnt Dad nur Geoffry so ab? Er hält ihn immer noch für einen Phantasten und lässt sich nicht davon abbringen.“ Suzan konnte sich von dem Problem einfach nicht lösen.
„Eifersucht, dass ihm seine Tochter entführt wird, wie fast alle Väter es empfinden – oder ganz einfach seine alte Angst, dass es gute Wissenschaftler und Soldaten gibt, die nicht für seine Menschheit arbeiten könnten, sein altes Problem“, spekulierte Mory. „Aber das werden wir jetzt nicht klären können und sollten es auch nicht versuchen.“
Suzan lächelte. „Spätestens wenn Mike mit seiner neuen FRANCIS DRAKE unterwegs ist, wird man ihm glauben.“
Mory schüttelte leicht den Kopf. „Das wäre sehr schön, Kind. Aber es wird nicht gehen, das weißt du doch. Freihändler mit Transformkanonen darf es nicht geben.“
Suzan seufzte auf. „Ja, daran hatte ich nicht gedacht. Für mich braucht Geoffry diesen Beweis auch nicht antreten, ich glaube so an ihn!“
„Das weiß ich. Deshalb sollten wir das Thema jetzt auch lassen, sondern uns auf Eure Hochzeit konzentrieren. Jedenfalls hat Mike es geschafft, zu kommen. Das ist doch schon mal was.“
Suzan lachte. „Ich hätte meinem kleinen Bruder auch nichts Anderes geraten, wenn er es sich nicht für immer hätte mit mir verderben wollen. Schließlich sind du und er die Trauzeugen.“
Erfreut darüber, dass Suzans Stimmungstief anscheinend überwunden war, ging ihre Mutter auf den lockeren Ton ein.
„Da könnte dann nicht einmal die Frau Mutter ihn retten“, grinste sie schelmisch.

**********

Es hatte Mory einige Mühe gekostet, die Eskorte loszuwerden, die Roi Danton bis in ihr Büro geleitet hatte. Der kommandierende Offizier berief sich auf eine 1 A-Order des Großadministrators, der zufolge der Obmann des Eugaul-Systems niemals ohne Schutz bleiben dürfe, wenn ein bisher unbekannter Besucher sie aufsuchte. Mory, die diese Anweisung ihres Mannes kannte und wusste, dass er sie ausschließlich aus Sorge um ihr Wohlergehen erlassen hatte nicht zu Kontrollzwecken, konnte den Offizier nur unter Hinweis auf ihre Regierungsgewalt als Obmann besänftigen.
Roi, der sich beim Eintritt selbst übertroffen hatte in seiner Verehrung für die „charmanteste Regierungschefin, der er je begegnet war“, umarmte Mutter und Schwester herzlich, nachdem die Soldaten abgezogen waren und sie sicher sein konnten, unbeobachtet zu sein.
Mory betrachtete ihren Sohn aufmerksam. Ihr entging nicht die geringste Kleinigkeit.
„Glücklich?“, fragte sie ihn leise.
„Ja, auf jeden Fall.“ Michael lachte. Seine Verspannung löste sich etwas. „Es macht Spaß, als ich selbst etwas zu bewirken und nicht als Sohn des Herrn Großadministrators. Ich habe große Ziele und ich möchte sie erreichen. Und dabei lasse ich mich nicht von Vater einschüchtern. Er wird die Freihändler mit Sicherheit immer mehr jagen, je aktiver wir werden. Das erschrickt mich nicht. Die Zeiten, als der kleine Mike Angst vor seinem Vater hatte, sind schon lange vorbei.“
Ein wenig Bitterkeit klang in seiner Stimme mit.
Mory wurde übergangslos sehr ernst. Michael verstand sie sofort und zog sie beschwichtigend an sich. „Keine Sorge, Mum. Ich werde nie gegen das Imperium arbeiten. Das ist ein friedlicher Wettstreit mit Vater. Den muss er akzeptieren, genauso wie er einsehen muss, dass er nicht immer alles diktieren kann. Suzan und ich treffen unsere eigenen Entscheidungen.“
„Das weiß ich, Mike. Und ich halte es auch für richtig, sonst würde ich euch beide nicht unterstützen.“
„Ja, Mum. Hoffentlich können wir irgendwann wieder gut machen, was du für Krausnase und mich tust.“
Suzan nickte zustimmend. Sie liebte ihren „kleinen“ Zwillingsbruder, der acht Minuten nach ihr auf die Welt gekommen war, genauso wie er sie. Mit Vergnügen dachte sie heute an ihre Zeiten als kleine Kinder zurück. Damals hatte Reginald Bully, Onkel Bully, Mike mühsam klarmachen müssen, dass auch eine Schwester ihre Daseinsberechtigung hatte. Für ihn war sie damals ja „nur“ seine Schwester gewesen.
„Ich erwähne es nicht gerne“, rang Mory sich durch. „Aber bitte denkt bei allem, was Ihr tut, besonders du, Mike, immer an das Trauma, das Perry hat. Deshalb wird er jede deiner Handlungen auf die Goldwaage legen. Er weiß genau wie wir, dass er dir vertrauen kann, aber dieses Trauma lässt ihn nicht los.“
Michaels Gesicht verschloss sich. „Ich bin nicht Thomas Cardif, Mutter! Das solltet Ihr alle wissen, auch Vater!“, antwortete er heftig.
Alle wussten, worauf Michael anspielte. Perry Rhodans erster Sohn Thomas Cardif, den er zusammen mit seiner ersten Frau, der Arkonidin Thora gezeugt hatte, war ein Verräter am Solaren Imperium gewesen. Zuerst war er aus der Flotte desertiert, dann hatte er beinahe zwei Imperien, das Solare und das Große Imperium der Arkoniden, dessen Imperator Atlan zu der Zeit war, in den Untergang gestürzt.
Michael erinnerte sich daran, wie Atlan ihm die Wahrheit über Thomas Cardif und auch über sein eigenes Verhältnis zur ersten Frau seines Vaters, der arkonidischen Fürstin Thora, der Schwester des letzten Imperators vor dem Robotregenten anvertraut hatte. Obwohl es noch nicht einmal ein Jahr her war, kam es ihm vor, als sei es schon Jahre her. Das war damals gewesen – in seinem vorigen Leben …
Mit Gewalt schüttelte er den Gedanken ab. „Die Freihändler werden unter meiner Führung eine paramilitärische Organisation werden, die absolut treu zum Imperium steht. Ich werde den jetzigen Meinungen den Boden entziehen.“
Suzan musterte ihn aufmerksam. „Willst du nicht zumindest Atlan informieren, wer Roi Danton wirklich ist? Es könnte für dich leichter werden, wenn er dich im Hintergrund unterstützt. Und er würde Vater niemals etwas sagen. Erinnere dich an deine selbst gebastelte Flüssigkeitsrakete, als du elf Jahre alt warst.“
„Das weiß ich.“ Michael dachte belustigt an seinen gefährlichen Jugendstreich. Er hatte eine Flüssigkeitsrakete gebastelt und wollte sie gerade in seinem Kinderzimmer im Bungalow am Goshun-See ausprobieren, als der Arkonide dazu kam. Er verhinderte die Zündung, erklärte dem kleinen Jungen, der zu dieser Zeit schon sehr frühreif war, in welcher Gefahr er sich befunden hatte und sagte seinem Freund Perry nichts davon.
„Atlan wird nichts sagen. Aber es würde mir alles wieder zu leicht machen. Er wusste auch, dass ich von Zuhause weggehen wollte und hat Vater trotzdem nicht gewarnt. Er ist einfach großartig. Ich musste ihm ein heiliges Versprechen geben, bevor er der Mentalstabilisierung zugestimmt hat. Niemals gegen die Menschheit zu arbeiten. Er ist und bleibt der Mentor der Menschen, vielleicht oder sogar wahrscheinlich sehr viel mehr als Dad.“
Mit Schaudern dachte Michael an seine Gehirnoperation zurück. Auch gemessen an dem, was er vorher mitgemacht und durchlitten hatte, war das Erlebnis das Schrecklichste, das er in seinem bisherigen Leben mitgemacht hatte.
„Lassen wir die unangenehmen Themen jetzt“, wechselte er abrupt das Thema. „Es gibt erfreulichere Dinge zu besprechen. Geoffry hat die zukünftige FRANCIS DRAKE übernommen und ich habe ihn noch einmal daran erinnert, nicht seine eigene Hochzeit zu verpassen. Bei so einem ‚zerstreuten’ Wissenschaftler ist doch alles möglich.“ Michael hatte sein seelisches Gleichgewicht wieder gefunden und scherzte in seiner üblichen Art.
„Was soll die nächsten drei Tage mit der KOLUMBUS geschehen?“, ging Mory sofort darauf ein.
„Im Moment wird die Howalgonium-Ladung gelöscht, die ich mitgebracht habe und die Formalitäten abgewickelt. Edelmann Hims, mein 1. Offizier kümmert sich darum. Anschließend erhält die Mannschaft gruppenweise Urlaub. Darum brauche ich mich auch nicht selbst zu kümmern. So wie es aussieht, habe ich eine hervorragende Mannschaft vom Kaiser übernommen. Zusammen mit den neuen Besatzungsmitgliedern möchte ich eine Elitebesatzung daraus schmieden.“
„Wo willst du die Männer und Frauen herbekommen?“
„Sehr viele gute Raumfahrer sind im Moment ohne Beschäftigung, weil die Freihändler nicht genug Schiffe haben. Sie warten auf Olymp auf eine neue Herausforderung. Ich gehe davon aus, dass ich genug bekommen werde, wenn es bekannt wird, dass ich Besatzungsmitglieder für das neue Flaggschiff suche. Das riecht regelrecht nach einer interessanten und abenteuerlichen Herausforderung - jedenfalls für Vollblut-Kosmonauten und Techniker.“

**********

„Damit erkläre ich Sie für Mann und Frau. – Sie dürfen Ihre Frau jetzt küssen.“
Der Standesbeamte der Plophosischen Regierung lächelte das gerade von ihm getraute Paar freundlich an.
Dr. Geoffry Abel Waringer, der jetzt im Gegensatz zu seinem sonstigen Gebaren außerhalb seiner Wissenschaften gar nicht mehr linkisch wirkte, drückte seine Frau Suzan fest an sich und beide versanken in einem unendlich lange erscheinenden Kuss.
Mory und Michael lächelten beide vor sich hin, als sie die Eheleute beobachteten. Suzan hatte sich mit besonderer Sorgfalt zurechtgemacht. Ein elegantes elfenbeinfarbenes Kostüm brachte ihre Figur vollendet zur Geltung. Geoffry trug einen schlichten dunklen Anzug. Beide machten einen unendlich glücklichen Eindruck.
Mutter und Zwillingsbruder, von jetzt an auch Schwiegermutter und Schwager, konnten sich ihrer Rührung auch nicht erwehren. Sie waren außer dem Paar und dem Standesbeamten die einzigen Anwesenden.
Mory war in einen weißen Hosenanzug aus kostbarer Seide gekleidet, Michael trug genau wie Geoffry einen eleganten dunklen Anzug. Für diesen Anlass hatte er auf seine Roi-Danton-Kostümierung verzichtet.
Erst das vorsichtige Räuspern des Standesbeamten führte dazu, dass Suzan und Geoffry wieder aufsahen. Der Beamte lächelte nachsichtig und schob den Eheleuten die Urkunde hin. Geoffry unterschrieb schwungvoll und gab den Stift danach an seine Frau weiter. Suzan unterschrieb ganz langsam zum ersten Mal als „Suzan Betty Rhodan-Waringer“.
Danach unterzeichneten erst Mory, dann Michael als Trauzeugen die Urkunde.
Michael umarmte seine Schwester und drückte ihr einen kräftigen brüderlichen Kuss auf die Wange. „Alles Glück der Galaxis, Krausnase.“
Sie kuschelte sich kurz an ihn. „Danke, kleiner Bruder. Es ist so lieb, dass du gekommen bist.“
Er lachte. „Ich lasse doch meine große Schwester nicht allein heiraten, was denkst du von mir.“
Anschließend bot er Geoffry beide Hände. Der schlug ohne Zögern ein. „Du wirst meine Schwester glücklich machen, das weiß ich. Wenn nicht …“ Den Rest ließ er offen, aber sein Blick sprach Bände.
„Du kannst dich auf mich verlassen, Schwager.“ Diese Anrede zum ersten Mal fiel Geoffry leicht. Die beiden jungen Männer verstanden sich schon seit dem ersten Kennenlernen.
Bei Mory kamen die Worte dem Wissenschaftler ein wenig schwerer über die Lippen.
„Nun ist aber Schluss mit der Verlegenheit, mein lieber Schwiegersohn“, entgegnete Mory mit ihrem ganzen Charme. „Von jetzt an bin ich für dich genau wie für Suzan und Michael ‚Mum’ oder ‚Mutter’. Etwas Anderes möchte ich nicht mehr hören, sonst werde ich böse.“
Geoffry druckste ein wenig herum, dann nickte er. Michael half ihm. „Du wirst es lernen, Geoffry. Ich sage auch zu dieser so jung und bezaubernd aussehenden Frau ‚Mum’. Im Laufe der Zeit wird es Gewohnheit, angenehme Gewohnheit.“
Damit nahm er seine Mutter ohne viele Umstände in den Arm und küsste sie auf die Wange.
Als er seine Mutter umarmte und Schwester und Schwager so glücklich zusammen sah, musste er wieder an seine ehemalige Lehrgangskameradin Beatrice Wood denken – und wieder überkam ihn das Wehmutsgefühl, weil er auf diese Frau hatte verzichten müssen. Er konnte sich vorstellen, dass Beatrice für ihn eine Frau fürs Leben hätte sein können.

**********

Das Jahr 2430 ging ohne weitere bemerkenswerte Ereignisse zu Ende.
Erst im Januar 2431 erfuhren Perry Rhodan, Atlan, Bully und alle anderen von der Heirat Suzans mit Geoffry auf Plophos. Mit Absicht hatten Mory und Suzan ihn erst nach Weihnachten informiert, weil sie seine Reaktion fürchteten und Wert auf ein friedliches Weihnachtsfest legten.
Entgegen aller Befürchtungen nahm er die Nachricht erstaunlich gefasst auf. Nachdem Atlan ihn vorsichtig darauf hinwies, dass er durch seinen Widerstand seiner Tochter eine glanzvolle Hochzeit, die wohl jede Frau sich wünscht, versagt hatte, gab er endlich seinen Widerstand gegen Geoffry auf und richtete Tochter und Schwiegersohn im Nachhinein ein überaus glanzvolles Hochzeitsfest in Terrania-City aus. Er sprang sogar über seinen Schatten und entschuldigte sich bei Suzan und seinem Schwiegersohn. Besonders Atlan rechnete seinem besten Freund das sehr hoch an.
Es war alles perfekt – bis auf eines: Michael fehlte, weil er hauptsächlich seinem Vater und auch Atlan und den anderen noch nicht wieder begegnen wollte. Er ließ lediglich über seine Schwester Grüße an den Vater übermitteln.
Perry hatte in seinem Innersten sogar gehofft, dass Michael zu einem Kurzbesuch nach Terra kommen würde, egal was er nun machte und wo er sich aufhielt. Er hätte ihm keine Fragen gestellt und ihn wieder ziehen lassen. - Aber Michael tat ihm diesen Gefallen nicht, obwohl Suzan ihm seine Bitte überbrachte.
Besonders Atlan erkannte, dass Perrys Hoffnung trügerisch sein musste. Egal was sein ehemaliger Schüler machte, seine neue Stellung konnte nach der Zeit noch nicht so gefestigt sein, dass er eine Begegnung riskieren würde.
Als Suzan und Geoffry auf der Feier Zeuge wurden, wie Perry und Atlan sich mit Mory über den neuen Befehlshaber der Freihändler, diesen Roi Danton unterhielten, tauschten sie mit einem feinen Lächeln verschwörerische Blicke.
Weiterhin kam niemand aus der gesamten Führungsriege auf den richtigen Gedanken. Auch Gucky war ratlos, da sowohl Mory als auch Suzan und Geoffry über die Fähigkeit verfügten, ihre Gedanken entsprechend abzuschirmen. Außerdem war Gucky fest entschlossen, falls sie einmal ihren Gedankenschirm vernachlässigen sollten, niemand darüber zu informieren, wo Michael war. Der Mausbiber verstand seine Beweggründe genau wie Atlan sehr gut – außerdem konnte man sich auf Gucky als Freund verlassen …

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3

März 2431

„Hör auf, Geoffry, es reicht!“ Michael war überwältigt und versuchte schon seit über einer halben Stunde, den Redefluss Dr. Geoffry Abel Waringers zu stoppen. Zusammen mit Suzan und dem Chefingenieur von Geoffrys Entwicklungsteam besichtigten sie die umgebaute Zentrale seines neuen Schiffes.
Der Chefingenieur, Dr.-Ing. Robert Hawkins lachte und fiel seinem Chef ins Wort. Er wusste, dass Geoffry es ihm nicht übel nahm, dazu arbeiteten sie schon zu lange freundschaftlich zusammen. Außerdem war der Redestrom seines Chefs anders nicht zu stoppen, wenn es sich in seinem Element befand.
„Auf jeden Fall, Michael, haben Sie ein Schiff, das mit ruhigem Gewissen als das kampfstärkste aller Menschen bezeichnet werden kann. Die FRANCIS DRAKE schlägt im Extremfall sogar die CREST IV Ihres Vaters und die IMPERATOR III von Lordadmiral Atlan.“
Michael wurde sehr ernst, obwohl die innere Hochstimmung ihn beflügelte. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben so glücklich gewesen zu sein. „Soweit wollen wir es nie kommen lassen, Robert.“
Der blickte ihn sehr ernst an. Natürlich nicht. Wir alle wissen, dass das nur eine hypothetische Möglichkeit ist.“
„Glücklich, kleiner Bruder?“, warf Suzan ein.
„Sehr, Krausnase. So glücklich wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Schade, dass wir es für uns behalten müssen. Vielleicht kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem wir unsere Geheimnisse offenbaren dürfen oder müssen. Es ist mein großes Ziel, Vater von der Loyalität der Freihändler zum Imperium zu überzeugen und ihn dazu zu bringen, sie anzuerkennen.“
„Übernimm dich nicht, du hast dir damit ein Ziel gesetzt, das ich im Moment noch als unüberwindbar einschätze, auch nach mathelogischen Gesichtspunkten.“ Suzan spielte damit auf ihre Ausbildung als Mathelogikerin an. Sie gehörte ebenfalls nicht zu den „zarten Pflänzchen“ in der Frauenwelt, sondern konnte durchaus ihren „Mann“ stehen, entscheiden und zupacken. Eine militärische Ausbildung hatte sie auf Plophos erhalten und war seitdem Leutnant der Plophosischen Raumflotte der Reserve. Wobei sie nur die übliche Ausbildung absolviert hatte und nicht die extrem harte Kampfausbildung wie ihr Bruder.
„Irgendwann werde ich es schaffen“, prophezeite Michael.
„Das glaube ich dir. Kannst du dich auf deine Mannschaft verlassen?“ Suzan dachte schon an das Nächstliegende.
Michael nickte. „Absolut. Die Mannschaft, die ich vom Kaiser übernommen habe, hat sich vorbehaltlos hinter mich gestellt. Die anderen, die ich zusätzlich angeworben habe, sind hochqualifizierte Spezialisten, von denen die meisten früher bei der Flotte oder der USO waren. Sie sind auf unseren letzten Flügen mit der CHRISTOP KOLUMBUS wirklich zu einer Einheit geworden. Einige Male habe ich ihnen ganz bewusst die Möglichkeit zum ‚Verrat’ gegeben, niemand hat den Köder geschluckt. Es ist alles in Ordnung. Sie werden noch einmal extra auf mich als Kommandanten vereidigt, sobald das Schiff getauft ist. Darum habe ich den Kaiser gebeten. Ich verspreche mir davon eine gewisse Symbolwirkung.“
Suzan lachte herzlich. Ihr herbes Gesicht wurde fraulich weich. Geoffry zog sie liebevoll an sich. Beide tauschten auch in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten aus. Niemand störte sich in diesem Kreis daran, im Gegenteil, alle freuten sich über ihr Glück.
„Zudem gilt es als eine Art Auszeichnung, mit Roi Danton fliegen zu dürfen, wie man hört. Mein Kompliment, Mike, du hast in dem knappen Jahr schon sehr viel erreicht.“
„Ich tue mein Bestes“, wehrte Michael bescheiden ab. Er fühlte sich im Moment als ein großer Junge vor einem ganz großen Abenteuer …
„Ich rekapituliere noch einmal“, meldete sich der Ingenieur zu Wort. „Mein Team und ich fliegen zusammen mit Michael und dem Schiff nach Olymp. Dort beginnen wir mit dem Ausbau des Raumhafens von Trade-City nach den Plänen des Fünf-Jahres-Planes. Wie verhalten sich die Beiräte, Michael, ist mit Schwierigkeiten zu rechnen?“
Michael zuckte die Schultern und verzog das Gesicht, als ob er in eine Zitrone gebissen habe. „Nicht mehr und nicht weniger als sonst.“
Übergangslos fiel er in seine Rolle als Stutzer zurück. „Auf, Messieurs, Wir haben Uns entschieden, dass wir Unser Schiff unverzüglich nach Olymp bringen.“ Und an den Ingenieur gewandt: „Sind Seine Männer bereit zur Abreise?“
Der ging lachend auf das Spiel ein. Mit einem tiefen Kratzfuß antwortete er: „Selbstverständlich, Majestät. Wir warten nur darauf, Euch folgen zu dürfen.“
Roi musterte ihn durch sein Lorgnon wie ein seltenes Tier, mit blasiert verzogenem Gesicht. „Hat Er den Kratzfuß vor dem Spiegel geübt? Der war nahezu perfekt. Unser wohlwollendes Lob sei Ihm gewiss.“
Er wartete die Antwort nicht ab, sondern tänzelte davon. Suzan und Geoffry Arm in Arm und der Ingenieur hinter ihnen folgten, fröhlich lachend.
Zum Glück war nach der Vernichtung der Meister der Insel immer noch Frieden und sie konnten sich mit Hingabe dem friedlichen Wettstreit mit dem Solaren Imperium widmen …

**********

„Hiermit taufe ich dich auf den Namen FRANCIS DRAKE!“
Kaiser Lovely Boscyk schwebte auf einer Antigravplattform in die Höhe bis zum Beginn der Kugelrundung des 850 Meter durchmessenden Raumschiffes und schleuderte die Sektflasche mit Schwung gegen die Terkonitstahlwand. Mit einem lauten Knall zerbarst sie.
Dem Aufatmen unter den angetretenen Freihändlern folgte ein unbeschreiblicher Jubel. Die Schiffstaufe war gelungen. Längst war sie nicht mehr bei allen Schiffen üblich, sondern nur noch ein besonderes Zeremoniell zu wichtigen Anlässen. Wenn sie denn durchgeführt wurde, musste sie gelingen. Eine nicht beim ersten Versuch zerbrochene Sektflasche galt wie zu historischen Seefahrerzeiten immer noch als schlechtes Omen.
Roi Danton, der sich für diesen Anlass besonders herausgeputzt hatte, atmete genauso befreit auf. Sein Schiff, die FRANCIS DRAKE!
Der Kaiser schaute nach unten. Auf einer Seite des Schiffes war die jetzt 900 Mitglieder starke Besatzung angetreten, auf der anderen Gäste und Besucher, die die Taufe des neuen Flaggschiffes der immer größer werdenden Freihändlerflotte miterleben wollten. Stolz erfüllte den alten Mann und die Gewissheit, richtig gehandelt zu haben. Ihm wurde immer klarer, dass in Michaels Kindheit und Jugend viel schief gelaufen sein musste, was ihn dazu bewogen hatte, seinem Elternhaus den Rücken zu kehren.
Lovely besaß genug Erfahrung und Menschenkenntnis, um zu wissen, dass Michael, wenn er etwas älter war und über mehr Erfahrung verfügte, mit seinen überragenden Fähigkeiten in einem friedlichen Wettstreit mit seinem Vater, dem Großadministrator nicht schlecht abschneiden würde. Er konnte sich vorstellen, dass Perry Rhodan in ernsthafte Bedrängnis kommen könnte, besonders wenn es um die kosmonautischen Fähigkeiten ging. Bisher galt der Großadministrator immer noch als bester Kosmonaut des Imperiums. Boscyk war sich sicher, dass sich das ändern konnte - und würde, wenn Michael die Freiheit erhielt, sich entsprechend zu entwickeln.
Lovely schwebte mit seiner Plattform wieder nach unten, blieb in einer Höhe von ca. drei Metern vor der angetretenen Besatzung in der Luft stehen. Stolz musterte er die disziplinierten Freihändler. Roi Danton hatte es geschafft, aus dem verwilderten Haufen eine militärisch strukturierte Elitemannschaft zu machen. Trotzdem fühlten sich alle wohl und in keiner Weise bevormundet oder in ein Schema gepresst wie bei der Flotte.
„Mögest du, Roi und Sie alle, den Ruhm der Freihändler mit dem Flaggschiff FRANCIS DRAKE in die Galaxis hinaustragen!“
Wieder brandete Jubel auf. Lovely fuhr fort, nachdem es wieder still wurde: „Sie alle, Ihr Kommandant, das Schiff, sind etwas ganz Neues, Einmaliges unter den Freihändlern. Jeder von Ihnen trägt an einer großen Verantwortung für sich selbst, die Mannschaft, die Organisation der Freihändler und die gesamte Menschheit. Das hört sich jetzt vielleicht etwas unverständlich an, aber sobald Ihr Kommandant Sie instruiert hat, nachdem Sie die FRANCIS DRAKE bestiegen haben, werden Sie es verstehen. Wir verlassen uns auf Sie. Trotzdem müssen wir auf einem Extra-Eid bestehen, und zwar werde ich Sie noch einmal persönlich auf Ihren Kommandanten vereidigen.
Niemand von Ihnen wird dazu gedrängt. Sie können frei entscheiden, wer von Ihnen das nicht möchte, kann jetzt die Mannschaft verlassen. Ihre Entlohnung wird noch für ein Vierteljahr weitergezahlt, um Ihnen die Überbrückung zu erleichtern.“
Die Freihändler blickten sich ungläubig an. Das entsprach gar nicht mehr den Sitten und Gebräuchen der Organisation. Man wurde einmalig auf die Organisation vereidigt. Jedem war bewusst, dass mit der FRANCIS DRAKE und mit ihrem Kommandanten, den sie inzwischen alle respektieren und schätzen gelernt hatten, etwas völlig Neues in ihr Leben getreten war.
„Sie haben von jetzt an 30 Minuten Zeit, um sich zu entscheiden“, schloss Lovely Boscyk seine Rede und schwebte mit der Plattform zum Boden. Roi trat zu ihm und beobachtete seine Mannschaft. Es bildeten sich kleine Grüppchen, die untereinander diskutierten. Er sah auch, dass diese Diskussionen innerhalb der Dienstgruppen stattfanden und nach und nach die zuständigen Edelleute sich zur Schiffsführung, also zu Edelmann Rasto Hims begaben. Der nahm die Meldungen entgegen und nickte nur bei jedem bestätigend. Keine Hektik, kein unübersichtliches Durcheinander – es hatte sich schon viel geändert.
Lächelnd beobachtete er zusammen mit dem Kaiser die Leute. Der klopfte ihm auf die Schulter. „Hervorragend, Roi.“ In der Öffentlichkeit vermied er es, auch wenn sie leise unter sich sprachen, seinen richtigen Namen zu nennen. Man konnte nie wissen, wer doch mal unbemerkt zuhörte. „Du hast sehr viel erreicht.“
Roi lächelte zufrieden.
Rasto Hims blickte auf seine altmodische Armbanduhr und ging nach exakt 30 Minuten auf Roi und Lovely zu. Er grinste zufrieden über sein ganzes breites Epsalergesicht.
„Ich freue mich, Ihnen melden zu können, dass alle einverstanden sind. Wir freuen uns darauf, weiterhin unter Ihnen zu fliegen, Sir!“
Innerhalb der eigenen Reihen, solange man insbesondere nicht auf Mitglieder der Flotte oder der USO stieß, hatte sich in Rois Mannschaft ein normaler militärischer Ton etabliert. Nach draußen musste man ja seinem Ruf gerecht werden und sich entsprechend benehmen, indem man den „Kollegen der Konkurrenz“ entsprechende lockere und ungezwungene Äußerungen an den Kopf warf, sonst wäre man kein echter Freihändler gewesen. Dazu gehörte natürlich auch, immer wieder zu betonen, wie frei und ungebunden man doch war und wie „arm dran“ die Mitglieder von Flotte und USO waren.
Mit einer exakten Ehrenbezeugung nach Art der Flottenoffiziere zog er sich zurück.
Lovely warf einen Blick über die angetretene Mannschaft. Als er zu sprechen begann, nahmen alle Haltung an und es kehrte Stille ein.
„Ich vereidige Sie auf Ihren Kommandanten, den Fürsten Roi Danton. Sie werden ihm folgen und ihm Gehorsam leisten. Wenn Sie damit einverstanden sind, sprechen Sie mir bitte nach: ‚Ich schwöre meinem Kommandanten Roi Danton Gehorsam und Loyalität in jedem Fall bei allem, was mir heilig ist.’“
Bewusst wurde bei den Freihändlern auf eine religiöse Eidesformel verzichtet und die Formulierung allgemein gehalten, weil sie den unterschiedlichsten Religionen der Galaxis angehörten.
Laut und deutlich war als ein Chor zu hören: „Ich schwöre meinem Kommandanten Roi Danton Gehorsam und Loyalität in jedem Fall bei allem, was mir heilig ist.“
Roi warf einen Blick über die Mannschaft und hob die Hand zur Eidesformel. Dann sprach er auch mit lauter, klarer Stimme: „Ich schwöre, dass ich Ihr Vertrauen niemals missbrauchen werde und nötigenfalls mein Leben für Sie alle einsetzen werde. Mögen alle Sternengötter mir dabei helfen.“
Da er von Atlan entsprechend erzogen worden war, waren diese Eide für ihn heilig und banden ihn ebenso wie z.B. mechanische Fesseln. Er war im hohen Ehrenkodex der alten arkonidischen Flotte unterwiesen worden und befolgte ihn für sich genauso wie Atlan immer noch – nur davon wusste niemand etwas, noch nicht einmal sein Vater!
Ein erstauntes Murmeln ging durch die Reihen der Mannschaft. Damit hatte niemand gerechnet, auch der Kaiser nicht. Bewundernd blickte er seinen Stellvertreter an. Roi hatte die Mannschaft noch mal extra an sich gebunden, es war nun ein Eid auf Gegenseitigkeit! – Und er hatte eines seiner Geheimnisse gerade heraus preisgegeben: seine Religion! Er folgte dem alten Sternenglauben der Arkoniden. Nur sehr wenige Terraner bekannten sich dazu.
Roi räusperte sich, ehe das einsetzende Murmeln noch lauter wurde. „Sie werden jetzt von speziell programmierten Informationsrobotern in Ihre Quartiere und Ihre Arbeitsräume eingewiesen. Ihre persönlichen Dinge aus der CHRISTOPH KOLUMBUS bzw. von Ihrem Zuhause sind schon dort. Wenn Ihnen irgendetwas unklar ist, fragen Sie, die Roboter können Ihnen alle Fragen beantworten. Und bitte wundern Sie sich über gar nichts. Die FRANCIS DRAKE ist ein in der Galaxis einmaliges und sehr ungewöhnliches Schiff. Sie und ich haben die Ehre, damit fliegen zu dürfen. Ich kann Ihnen jetzt schon versichern, dass es uns allen Freude machen wird. –
Edelmann Hims, ich möchte Sie und alle anderen Edelleute in von jetzt an genau fünf Stunden in der großen Offiziersmesse sprechen und bitte sorgen Sie dafür, dass die komplette Mannschaft über Interkom zugeschaltet ist. Ich möchte Sie alle gerne über die Bedeutung der FRANCIS DRAKE informieren.“

**********

Roi Danton lehnte sich bequem in seinem Stuhl zurück und betonte jedes Wort deutlich:
„Die FRANCIS DRAKE ist meines Wissens das stärkste Kriegsschiff, das es in der derzeit bekannten Galaxis gibt. Sobald Sie Ihre entsprechenden Hypnoschulungen erhalten haben, brauchen wir den Vergleich mit den Flaggschiffen CREST IV und IMPERATOR III nicht zu scheuen.“
Jeder der in der Messe versammelten Edelmänner starrte ihn sprachlos an. Ihnen kam diese Behauptung schlicht unmöglich vor, zumal die DRAKE im Gegensatz zu den Flaggschiffen nur einen Durchmesser von 850 Metern hatte.
Roi lächelte fein. „Sie brauchen nicht an meinem Verstand zu zweifeln. In Ihren Schulungen erfahren. Jetzt tritt das ein, worüber wir im letzten Jahr auf dem Flug zur Erde mit unseren alten CHRISTOPH KOLUMBUS sprachen. Wenn Sie ihre Manöver- und Kampfstationen eingenommen haben, werden Sie sehr gut verstehen, warum ich Sie noch einmal extra vereidigen ließ.“
Niemand antwortete darauf. Roi blickte sich sehr ernst um. „Ich verlange von jedem Besatzungsmitglied absolutes Stillschweigen über alles, was an Bord dieses Schiffes vor sich geht. Das betrifft auch Freihändler anderer Schiffe sowie Ihre Familien und Freunde. Freihändler mit Transformkanonen darf es nicht geben. Sie können sich sicherlich vorstellen, welche Hetzjagd die Solare Abwehr und die USO auf uns machen würden, sollte auch nur ein Gerücht in dieser Richtung bekannt werden.“
„Das versteht sich von selbst, Sir. Wir freuen uns über Ihr Vertrauen.“
„Danke, Edelmann Hims. Ihre Hypnoschulungen beginnen umgehend. Sobald das erledigt ist, starten wir zum ersten Erprobungsflug.“
„Von wem die DRAKE so ausgerüstet worden ist, brauche ich Sie wohl nicht fragen, Sir.“ Es war mehr eine rhetorische Frage, denn Edelmann Hims wusste genau, wie weit er gehen konnte, da zwischen den beiden Männern inzwischen ein sehr gutes und vertrautes Verhältnis herrschte. Umso erstaunter war er über Rois Antwort.
„Nein, brauchen Sie nicht. Aber ich verrate Ihnen trotzdem so viel, dass ich das Glück habe, einen sehr begabten Wissenschaftler in der Familie zu haben.“
Damit stand er auf, nickte den Edelmännern noch einmal zu und verließ die Messe.
Tusin Randta stieß die Luft aus. „Wer hätte das gedacht, wir mit einem solchen Schiff. Ich freue mich schon drauf, damit zu loszufliegen.“
„Das Freihändlerleben ist frei und abenteuerlich“, lachte ein anderer Edelmann. „Langweilig wird es mit Roi garantiert nicht.“
„Ob Roi uns irgendwann einmal verraten wird, wer er wirklich ist?“, überlegte Hims laut.
„Das wird er uns mit Sicherheit nicht sagen“, stellte Randta fest. „Mein Gefühl sagt mir, dass wir uns auf Roi verlassen können. Wir sollten ihn nicht drängen. Wenn er sein Geheimnis lüften will, wird er es machen. Jede Frage vorher wird ihn verärgern und das würde doch die gesamte Stimmung trüben. Seht ihr das genauso, Kameraden?“
Alle nickten bestätigend.
„Auf jeden Fall habe ich bisher noch keinen so hervorragenden Kosmonauten erlebt wie ihn“, ergänzte Hims. Und dass er das sagte, hatte entsprechendes Gewicht, denn auch er zählte zu den herausragenden Vertretern dieser Fachrichtung. „Und auch noch nie so einen kaltblütigen Kämpfer.“ – Auch das hatten sie bisher schon auf ihren Flügen und den Kampfsimulationen an Bord feststellen können.
„Er kommt von der Flotte oder der USO“, beharrte Hims.
Alle nickten. Damit war für sie alles gesagt. Sie vertrauten Roi – mehr war für sie nicht nötig.

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Innerhalb des nächsten Jahres wurden Roi Danton und die FRANCIS DRAKE immer bekannter. Er feilte seine Rolle als verweichlichter Stutzer immer weiter aus, so dass sie schon zu seiner zweiten Natur wurde. Er wurde zu einer so bekannten Persönlichkeit in der Galaxis, dass jeder Raumfahrer, egal ob militärisch oder zivil, einer eventuellen Begegnung mit ihm neugierig entgegenfieberte.
Nur seiner Besatzung gegenüber zeigte er seine wahre Persönlichkeit. Nach außen spielten sie zusammen mit ihm ihr großes Spiel und wurden immer perfekter. Roi Danton galt als verweichlicht und zu keinen Gewaltaktionen fähig. Und die FRANCIS DRAKE war „natürlich“ ein harmloses Handelsschiff! Das Vertrauen, das er ihnen entgegenbrachte, schweißte alle zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Es war Rois Prinzip, den Leuten, die unter seinem Befehl standen, offen zu sagen, was sie von ihm zu halten hatten.
Obwohl bekannt war, dass Rois Flaggschiffmannschaft vollzählig war, quittierten immer mehr Angehörige von Flotte und USO ihren Dienst, um zu den Freihändlern zu gehen. Außerdem warben die Freihändler viele hochqualifizierte Absolventen der solaren Raumakademien für sich. Dabei achteten sie sorgfältig darauf, niemanden anzusprechen, der bereits einen Vertrag mit der Flotte oder USO abgeschlossen hatte.
Da immer noch Frieden war, wirkte sich das noch nicht zu einem bedrohlichen Personalmangel aus. Trotzdem sahen Abwehr und USO sowie besonders Perry Rhodan und Atlan die Entwicklung mit Sorge.
Mehrere Versuche von Abwehr oder USO, Roi Danton gefangen zu nehmen und ihn zur Aufdeckung seiner wahren Identität zu zwingen, scheiterten kläglich. Es schien, als ob der Freihändlerbefehlshaber mit einem untrüglichen Gespür jede Falle erkannte und ihr aus dem Weg ging. Das wiederum trug noch mehr zu seinem schon legendären Ruf bei.
Natürlich konnte Perry Rhodan nicht ahnen, dass letztendlich er selbst ihn warnte, da er natürlich seiner Frau von den geplanten Einsätzen erzählte.
Mit Sorge sahen die Verantwortlichen des Solaren Imperiums die anwachsende Freihändlerflotte. Ihnen war bekannt, dass die Schiffe auf der Coledo-Werft gebaut wurden. Mehrfache Überprüfungen der Abwehr ergaben, dass Coledo sich hundertprozentig an die Vorschriften hielt. Er gehörte nun, nachdem Perry Rhodan den Schock über das Fortgehen seines Sohnes überwunden hatte, wieder zum gern gesehenen Bekanntenkreis des Großadministrators und seiner Frau.
Der Abwehr fiel lediglich auf, dass alle Schiffe mit kriegsschiffsmäßigen Ortungs- und Funkanlagen ausgerüstet wurden. Warum konnte Imman Coledo ihnen nicht sagen, es war der Wunsch seines Auftraggebers. Dies war nach den Gesetzen des Imperiums nicht verboten, also ließ man den Reeder unbehelligt.

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