Der Rebell



Terrania-City, Januar 2427
Regierungsgebäude
Büro des Großadministrators


„Ich werde noch wahnsinnig, Atlan! Der Junge lässt sich einfach nicht mehr bändigen!“
Perry Rhodan saß seinem Freund Atlan gegenüber, der ihn mit ausdruckslosem Gesicht musterte.
„Falls du zufällig von deinem Herrn Sohn sprichst, darf ich dich gütigst daran erinnern, dass er kein Junge mehr ist, sondern ein erwachsener junger Mann?“
Perry stöhnte auf. „Ja, ja, ja! Das ändert aber nichts daran, dass er mich zur Weißglut treibt!“
„Oh, was hat er denn diesmal angestellt?“
Nur mildes Interesse zeichnete sich im Gesicht des Arkoniden ab.
„Ich weiß überhaupt nicht, wie ich es dir erklären soll. Es ist einfach – mir fehlen die Worte dazu.“
Jetzt war Atlans Interesse voll geweckt. Dass sein Freund sprachlos war, hatte er in den Hunderten von Jahren ihrer Freundschaft äußerst selten erlebt. Wobei er zugeben musste, dass er genau das immer mehr erlebte, seitdem Perry Vater von Zwillingen war.
Suzan Betty Rhodan und Michael Reginald Rhodan, jetzt 21 Jahre alt. Während Suzan zwar auch ihre Kinder- und Jugendprobleme hatte, war die Entwicklung bei Michael deutlich problematischer verlaufen. Er brauchte seinen Vater viel mehr als die Schwester – aber sein Vater hatte nie genug Zeit für ihn. Wenn er dann doch mal für seine Kinder, besonders seinen Sohn, da war, wurde die Mauer zwischen ihnen immer höher anstatt niedriger. Sie liebten sich beide, das war keine Frage, aber sie fanden nie die richtigen Worte, sich das zu sagen oder überhaupt nur zu vermitteln.
Deshalb hatte er, Atlan die Ausbildung des Jungen übernommen. Inzwischen konnte er zufrieden sagen, dass er Michael eine strenge arkonidische Ausbildung hatte angedeihen lassen und ihn dabei zu einem mutigen und charakterlich vorbildlichen jungen Mann erzogen hatte, der innerlich seinen Lebensjahren weit voraus war.
Derzeit studierte Michael an der Raumakademie von Terrania-City Kosmonautik und Hochenergie-Maschinenbau. Nebenbei hatte er in den Ferien diverse Ausbildungslehrgänge bei der USO absolviert und würde im Anschluss an den nächsten in den kommenden Semesterferien, wenn alles plangemäß verlief, sein Examen als Leutnant der USO ablegen und den Rang eines Leutnants der Reserve erhalten, da er nicht vorhatte, in den aktiven Dienst einzutreten.
Eine diesbezügliche Ausbildung im Rahmen der Solaren Flotte hatte er immer abgelehnt, zur Enttäuschung seines Vaters.
Seitdem Atlan sich intensiv um den jungen Mann kümmerte, hatten auch die teilweise haarsträubenden Alleingänge aus dessen Jugendzeit aufgehört, mit denen er seinen Protest gegen die Situation zum Ausdruck brachte. Sie hatten ihn in teilweise lebensgefährliche Situationen gebracht, in denen ein Jugendlicher seines Alters wahrhaftig noch nichts zu suchen hatte.
Dabei hatte der Arkonide schnell gespürt, dass er Michael wie einen eigenen Sohn liebte. Offen hatte er mit seinem Freund Perry darüber gesprochen, der damit zum Glück kein Problem hatte, sondern sich im Gegenteil darüber freute, dass der Junge in so guten Händen war.
Aus diesem Gefühl heraus unterwies er Michael extrem hart und unnachgiebig, obwohl dies einem Terraner völlig unverständlich vorkam. Er kannte es nicht anders von dem Arkon seiner Jugendzeit. Je höher der Rang, desto härter die Schulung. Man wollte damals keine Schwächlinge oder Versager an der Spitze des Imperiums haben.
„Versuch es einfach“, nahm Atlan den Faden wieder auf, nachdem Perry immer noch keine Worte fand.
Das muss etwas ganz Besonderes sein, merkte sein Logiksektor an. So sprachlos war er schon lange nicht mehr in Bezug auf seinen Sohn.
Atlan reagierte nicht auf den Kommentar, während Perry tief Luft holte. „Michael hielt es für erforderlich, sich mit einigen Lehrern der Akademie anzulegen, besonders mit dem Leiter Professor John Townsend. Und zwar war er mit der Benotung für seine letzten Semesterarbeiten nicht zufrieden.“
Atlan lachte. „Da ist er wohl nicht alleine. Soweit ich informiert bin, ist Professor Townsend ein sehr strenger Lehrer, dessen Benotungsskala sich nur innerhalb der Noten 3 bis 6 bewegt. Eine Benotung mit 1 oder 2 ist so gut wie ausgeschlossen. Wenn er sie doch einmal vergibt, dann muss der Kandidat überragende Leistungen vorweisen.“
Perry machte eine vage Geste mit der Hand. „Dafür ist die Akademie von Terrania die beste Raumfahrtakademie im gesamten Imperium.“
Er stand auf und begann eine unruhige Wanderung durch sein Büro. „Da Michael ja nun mal keine militärische Laufbahn einschlagen will, war ich sehr froh, dass er sich für Terrania entschied.“
„Logisch“, kommentierte Atlan. „Und nun hat es ihn genau wie so viele andere auch mal erwischt und der Herr Professor hat seine Arbeiten zu schlecht benotet, wie er meint. Was ist daran so bemerkenswert, kleiner Barbar? Warst du während deiner Ausbildung damals bei der Space Force immer mit deiner Benotung zufrieden?“
„Natürlich nicht.“ Perry schüttelte heftig den Kopf. „Das wäre ganz normal gewesen, da hätte ich mir keine Gedanken gemacht. Im Gegenteil. Das hätte mir nämlich gezeigt, dass Michael wirklich nicht bevorzugt wird. Aber ich musste überhaupt erst einmal begreifen, worum es hier tatsächlich geht. Michael war nämlich der Meinung, Professor Townsend hat ihn zu gut benotet. Er hat das Gefühl, er hätte seine Note nur aufgrund seines Namens bekommen und nicht aufgrund seiner eigenen Leistung. Das hat er dem würdigen alten Herrn wohl in einer Art an den Kopf geworfen, die diesen richtig auf die Palme brachte.“
Atlan lachte lauthals. „Da wäre ich gerne dabei gewesen.“
Perry war nur noch fassungslos. „Du kannst darüber noch lachen?“
Atlan hob nur die Schultern. „Was sonst, Freund? Dass ein Schüler seinem Lehrer sagt: ‚Hallo, du hast mich zu gut beurteilt’ – das habe ich bisher in meinem ganzen langen Leben noch nicht erlebt. dein Sohn ist immer wieder für eine Überraschung gut. Ich kann mir auch vorstellen, was er dem ehrwürdigen Herrn an den Kopf geworfen hat. Nett war das ganz bestimmt nicht – und da Humor für den Herrn Professor ein Fremdwort ist …“
Er konnte seine Heiterkeit kaum noch beherrschen.
„Mehr sagst du dazu nicht?“
„Was sollte ich denn dazu mehr sagen? dein Sohn ist ein ganz typischer terranischer Höhlenwilder. Und da er anscheinend deine Fähigkeiten geerbt hat, werden wir noch so einige Überraschungen mit ihm erleben. Also hat er wohl eine der ganz wenigen oder sogar die einzige 3 in der Gruppe erhalten.“
„Nein“, Perry schrie jetzt fast. „Professor Townsend hielt es für richtig, seine Arbeit mit einer 1 zu bewerten!“
Atlan wurde übergangslos sehr ernst. „Das lässt die Sache allerdings in einem ganz anderen Licht erscheinen. Hat überhaupt schon mal ein Student das bei ihm geschafft? Soweit ich weiß, nicht.“
„Eben, Arkonide, eben …“
Atlan dachte kurz nach. Ihm wurde schlagartig die Tragweite des Problems bewusst. Er konnte nun auch sehr gut verstehen, wieso Michael sich protegiert vorkam, vorkommen musste.
„Woher weißt du das alles? Ich glaube nicht, dass Michael es dir erzählt hat.“
„Natürlich nicht. Professor Townsend bat mich um eine persönliche Unterredung. Anscheinend war Michael wirklich nicht sehr höflich zu ihm.“
„Kann ich mir vorstellen“, knurrte Atlan. „Er muss auch sehr wütend und genauso überzeugt von seiner Meinung sein, sonst hätte er sich sicherlich beherrscht. Ich gehe davon aus, dass Michael sich zutiefst verletzt fühlt. Da dürfte das Grundproblem liegen. Traust du es Professor Townsend zu, dass er ihn bevorzugt hat?“
„Der? Niemals. Wir kennen ihn doch beide noch von der Zeit her, in der er Flottenadmiral war. Townsend würde ihm eher eine 6 geben und mir hinterher erklären, warum er sich dazu genötigt sah. Er hat nie jemanden bevorzugt, aber dafür in der Regel seine Leute von Risikoeinsätzen im Andromeda-Nebel auch wieder zurückgebracht.“
Atlan nickte. „Also müssen wir davon ausgehen, dass die Arbeit von Michael wirklich hervorragend ist. Und das glaubt Michael nicht, kann er vor sich selbst gar nicht glauben. – Hast du einen Vorschlag, was wir jetzt machen, oder soll der alte arkonidische Lehrmeister wieder mal die Kastanien aus dem Feuer holen?“
Perry lächelte, wie immer wenn Atlan altterranische Aussprüche verwendete, die ihm nach den ganzen Jahrtausenden seiner Verbannung auf der Erde zur zweiten Natur geworden waren.
„Nein, einen Vorschlag habe ich noch nicht. Aber ich habe dich hierher gebeten, weil ich möchte, dass du bei dem Gespräch mit Professor Townsend dabei bist.“
Er blickte auf sein Armbandchronometer. „So korrekt und pünktlich wie er ist, müsste er inzwischen bei Mrs. Miller im Vorzimmer warten.“
„Dann sollten wir ihn nicht länger warten lassen“, meinte Atlan mit feinem Lächeln.
Perry musterte ihn aufmerksam. „Könnte es sein, dass du schon eine Idee dazu hast?“
„Vielleicht“, meinte Atlan vage. „Aber ich möchte mich erst festlegen, nachdem wir den Professor gehört haben.“

**********

Professor John Townsend kam den beiden Freunden kaum verändert vor seit den letzten Jahren des Andromeda-Krieges, aus denen sie ihn kannten. Obwohl er jetzt Zivilkleidung trug, war sein Auftreten immer noch militärisch korrekt. Im letzten Gefecht in Andromeda war er schwer verletzt worden und danach für den Flottendienst nicht mehr tauglich gewesen. Da er in seinen jungen Jahren erst nach wissenschaftlichem Studium der Kosmonautik und Astrophysik zur Flotte gegangen war, hatte die Leitung der Raumakademie von Terrania-City ihm nach seiner Verwundung angeboten, als Dozent an die Hochschule zu kommen. Townsend hatte sofort angenommen. Der Großteil seiner Studenten verfluchte ihn. Er galt als äußerst streng in seinen Anforderungen, an Studieninhalte genauso wie an die charakterlichen Qualitäten. Studenten, die dies nicht erfüllen konnten, lernten nur sein äußeres Wesen kennen, während die anderen, die seine Ansprüche erfüllen konnten, einen kleinen Einblick in sein Wesen erlangten. Diese kleine Elite liebte und fürchtete ihn gleichzeitig. Verwundert lernten sie einen einfühlsamen und warmherzigen Mann kennen, der für ihre Sorgen und Nöte ein offenes Ohr hatte. Er vermittelte ihnen, was Raumfahrt bedeutete: Faszination und tödliche Gefahr gleichzeitig.
Perry und Atlan gehörten zu den ganz wenigen, die seinen inneren Kern kannten. Auch Michael gehörte inzwischen dazu. Der Professor hatte von Anfang an klar erkannt, dass Michael nicht nur ein kosmonautisches Naturtalent war, sondern genau wie sein Vater eine unbezähmbare Liebe für das unendliche Weltall in sich trug.
„Bitte, nehmen Sie Platz“, forderte Perry Townsend auf, nachdem der ihn und Atlan mit einer militärisch korrekten Ehrenbezeugung begrüßt hatte, die in seiner Zivilkleidung etwas deplatziert wirkte. „Kaffee?“
Townsend überlegte. Perry lächelte fein. „Natürlich echten, von Mrs. Miller gekochten. Atlan und ich werden auf diesen Genuss wohl freiwillig niemals verzichten.“
„Dann gerne, Sir.“ Townsend lächelte auch. Atlan beobachtete ihn scharf, während Mrs. Miller auf Anforderung von Perry drei Kaffeegedecke und eine altertümliche Kaffeekanne auf den Tisch stellte. Natürlich fehlte auch das obligatorische Gebäck dazu nicht. Der Professor wirkte, obwohl er sie beide schon lange kannte, innerlich gehemmt und sogar etwas ratlos.
Nachdem Mrs. Miller den Raum verlassen hatte, eröffnete Perry das Gespräch. „Da Lordadmiral Atlan meinen Sohn über Jahre ausgebildet hat, habe ich ihn zu unserem Gespräch dazu gebeten. Ich hoffe, es stört Sie nicht.“
„Keinesfalls, Sir. Ich freue mich sogar darüber.“ Er räusperte sich. „Ich möchte vorausschicken, Sir, dass ich Ihren Sohn keinesfalls bevorzugt habe.“
„Davon bin ich nie ausgegangen, Professor“, antwortete Perry. „Sie werden allerdings verstehen, dass ich sehr erstaunt war, als Sie mir mitteilten, dass Sie eine 1 als Benotung vergeben haben. Soweit mir bekannt ist, haben Sie noch nie einen Studenten mit einer 1 benotet und eine 2 bisher äußerst selten vergeben.“
„Seitdem ich die Ehre habe, an der Raumakademie von Terrania-City zu unterrichten, genau dreimal.“
Er öffnete seine mitgebrachte Aktentasche und entnahm ihr einen Stapel Schreibfolien. „Darf ich Sie bitten, sich diese Arbeiten anzuschauen?“
Schweigend nahmen Perry und Atlan die Folien entgegen, sahen sie durch und tauschten sie dann untereinander aus. Townsend genoss währenddessen den terranischen Kaffee der Luxusklasse mit echter Milch und knabberte an den ausgezeichneten Plätzchen.
Zum Schluss sahen die beiden führenden Männer des Solaren Imperiums sich stumm an und nickten sich zu.
„Professor Townsend“, begann Perry, „bisher habe ich niemals eine bessere Arbeit von einem Studenten gesehen. Daran gibt es meiner Meinung nach nichts zu diskutieren. Und ich nehme an, dass der Lordadmiral meiner Meinung ist.“
Atlan beantwortete seinen kurzen Seitenblick nur mit einer leichten Handbewegung.
Townsend verzog das Gesicht leicht. „Genau das habe ich mir auch gedacht, als ich die Arbeit korrigierte. Und in der Praxis sieht es mit Ihrem Sohn genauso aus. Ich bin gerade vor einigen Tagen mit ihm zusammen geflogen. Es kommt mir vor, als ob er mit einem gerade untrüglichen Instinkt seinen Weg zwischen den Sternen findet.“
Er seufzte leicht auf. „Natürlich war es für mich keine Frage, diese Arbeit mit einer 1 zu benoten. Ich hielt und halte es immer noch für die einzig richtige Benotung. Leider sieht ihr Sohn das ganz anders. Er warf mir ganz konkret Bevorzugung und Protektion aufgrund seines Namens vor. – Da ich mir sehr gut vorstellen kann, dass er dieses schon öfter erlebt hat, habe ich ihn zu einem Gespräch unter vier Augen gebeten. Leider gelang es mir nicht, ihm diese Befürchtung zu nehmen. Er beharrte auf seiner Meinung und es gab ein Streitgespräch. Da ich nicht an ihn herankam, habe ich mich an Sie gewandt, Sir. Ich glaube, dass sehr viel mehr dahinter steckt.“
Atlan sagte nichts. Er wollte es seinem Freund überlassen, wie viel er dem Professor mitteilte. In Gedanken hatte er schon einen Plan, wie er an Michael herankommen würde.
„War mein Sohn sehr respektlos Ihnen gegenüber?“, erkundigte Perry sich. Atlan schüttelte innerlich den Kopf. Das war wieder einmal typisch für seinen Freund. Er, der sich selbst immer bis zum Äußersten beherrschte und fast niemandem einen Einblick in sein Seelenleben gestattete, erwartete das Gleiche auch von seiner Familie.
Townsend winkte ab. „Lassen wir es dabei bewenden, dass er teilweise nicht sehr nette Äußerungen verwendet hat, Sir. Ich nehme es dem jungen Mann nicht übel, weil ich glaube, ihn verstehen zu können.“
Atlan und Perry tauschten einen kurzen Blick aus. Das war ein Zug an Townsend, den nur sehr wenige kannten. Er machte sich Gedanken um seine Studenten, genauso wie früher um seine Offiziere und Soldaten.
„Deshalb haben wir im Kollegium der Akademie uns entschlossen, Sie zu informieren“, schloss er seinen Bericht. „Ich komme also nicht nur in eigener Sache, sondern als Beauftragter des gesamten Lehrkörpers zu Ihnen.“
Perry beherrschte sich auch jetzt dem General gegenüber hervorragend.
„Vielen Dank, Professor. Lordadmiral Atlan und ich werden uns darum kümmern und ich hoffe, dass so etwas nicht wieder vorkommen wird.“
Der Professor nickte und erhob sich. Er fühlte sich verabschiedet. „Da ich annehme, dass das, was Sie jetzt besprechen möchten, Privat- und Familienangelegenheiten sind, die mich nichts angehen, möchte ich mich gerne verabschieden, Sir. Darf ich noch hinzufügen, dass wir alle Ihren Sohn für einen außergewöhnlich talentierten Kosmonauten halten, der seine Fähigkeiten in den Dienst der Flotte oder der USO stellen sollte. Das Imperium braucht solche Männer wie ihn.“
„Der Meinung sind wir auch, Professor. Aber leider“, Perry hob ratlos die Schultern, „scheint mein Sohn anderer Ansicht zu sein. Auf jeden Fall danke ich Ihnen dafür, dass Sie uns informiert haben.“
Perry und Atlan nickten und warteten, bis die Tür sich hinter Professor Townsend geschlossen hatte.
Danach fiel die ganze Beherrschung wie eine Maske von Perry ab.
„Und nun, Beuteterraner? Hast du schon eine Idee in deinem Arkonidengehirn entwickelt? So langsam verzweifle ich mit dem Jungen!“
Atlan legte dem Freund die Hand auf die Schulter. „Warum, Freund? Wir haben großes Glück, dass der Professor uns informiert hat und wir gegensteuern können. Übrigens kann ich mir sehr gut vorstellen, wie Mike sich im Moment fühlt.“
„Er sollte sich riesig freuen über die Benotung“, meinte Perry unbeherrscht. „Und was macht er? Greift den Professor an. Ich fasse es einfach nicht mehr!“
„Mike ist im Moment nicht glücklich, glaube es mir. Ganz im Gegenteil. Er dürfte sich sehr verletzt fühlen.“
Perrys Gesichtsausdruck zeigte, dass er schon länger nichts mehr verstand.
„Perry, Mike muss sich ganz einfach verletzt fühlen. Eine 1 von Professor Townsend ist unmöglich, jedenfalls ist das die einhellige Meinung in den Kreisen der Studenten. Auch wir beide waren bis vorhin der Meinung, diese Note gibt es bei ihm nicht. Und Mike ist leider mehr als genug von gewissen Leuten bevorzugt worden. Wenn du an seiner Stelle wärest, wie würdest du dich jetzt fühlen? Würdest du glauben, dass du wirklich so gut bist, die Note verdient zu haben oder würdest du als Sohn des Großadministrators eher denken, bevorzugt worden zu sein?“
Dass er, Perry mit zu der Situation beitrug, indem er seinen Sohn viel zu wenig lobte, erwähnte Atlan nicht extra. Er wollte den Freund, der ohnehin schon genug litt, nicht noch mehr verletzen.
Perry brauchte ein paar Minuten für die Antwort. Atlan störte ihn nicht in seinen Überlegungen.
„Ich glaube, so langsam verstehe ich, worauf du hinauswillst. Michael glaubt es nicht, kann es nicht glauben – und gerade deshalb fühlt er sich bis ins Innerste verletzt und enttäuscht.“
Atlan nickte jetzt sehr ernst. „Genau das ist es. Wenn wir ihm nicht so schnell wie möglich klarmachen, dass die Benotung mehr als gerecht war, wird er immer verbitterter werden. Dann könnte es sein, dass er wieder wie in seinen Jugendjahren einen haarsträubenden Alleingang unternimmt. Und da er inzwischen um einige Jahre älter ist, müssten wir damit rechnen, dass der nicht mehr so glimpflich abgeht.“
„Bloß das nicht.“ Perry schüttelte sich. „Wenn ich daran denke, wo der Bengel überall seine Nase reingesteckt hat, dann wird mir jetzt noch ganz anders.“
„Eben, Barbar, genau das meine ich.“
„Hast du eine Idee?“
„Ja.“ Atlan lächelte leicht. „Ich werde mich demnächst mal unter militärischen Ausbildungsbedingungen ein wenig intensiver mit ihm beschäftigen und ihm sowohl zeigen, was es heißt, Fehler zu machen und dafür gemaßregelt zu werden als auch sehr gute Leistungen zu bringen. Es wird Zeit, dass er den Unterschied begreift. Je älter er wird, desto schwieriger wird es mit ihm.“
„Okay, und wie stellst du dir das genau vor?“
Atlan antwortete nicht gleich. Auf Perrys Gesicht erschien eine steile Falte, dann grinste er.
„Willst du die Leitung dieses Lehrgangs persönlich übernehmen?“
Der Arkonide lachte. „Genau das. Hin und wieder leite ich mal den Abschlusslehrgang. Wann hast du das eigentlich das letzte Mal bei der Flotte gemacht?“
„Weiß ich nicht mehr.“ Perry deutete unwillig auf den Stapel unbearbeiteter Vorgänge auf seinem Schreibtisch. „Wenn jemand das hier machen würde …“
„Wie wäre es mit Bully?“
„Der würde sich bedanken. Er nimmt mir schon so viel ab von dem Kram, dass er mit seinen eigenen Sachen kaum noch hinterher kommt.“
„Ich werde auf jeden Fall diesen Abschlusslehrgang mal wieder führen. Bei mir wird Mike sich mit Sicherheit nicht bevorzugt vorkommen.“
Perry grinste schwach. „Kaum, wie ich dich einschätze.“
Hoffentlich verrechnet ihr euch nicht irgendwo, kommentierte Atlans Logiksektor. Es hört sich zu einfach an. Und gab es bei Michael Rhodan schon einmal etwas, das einfach gewesen wäre?
Perry bemerkte sofort den leicht abwesenden Blick von Atlan.
„Na, was hat dein unbestechlicher Extrasinn zu meckern?“
„Nichts weiter. Er meint nur, das wäre alles zu einfach und bei Mike war bisher nichts einfach.“
Perry lächelte. „Wo er recht hat, hat er recht. Es hört sich wirklich zu einfach an.“
„Aber ehe wir es nicht probieren, wissen wir es nicht.“
„Auch wieder richtig. Ich gehe davon aus, dass Euer Erhabenheit auch schon einen Ausweichplan haben, falls erforderlich.“
Atlan verzog unwillig das Gesicht. „Das werden wir dann sehen, kleiner Barbar. Warten wir es ab.“
Innerlich war Atlan bei weitem nicht so ruhig, wie er sich gab. Auch in ihm regten sich gewisse Zweifel.
„Ich schlage vor, wir beginnen heute Abend schon. Was hältst du von einem gemütlichen Abendessen im ‚Galaxa’, einem Männerabend? Zusammen mit Michael?“
Er erläuterte Perry, wie er sich den Ablauf in etwa vorstellte …

**********

Zur gleichen Zeit saß der Gegenstand von Perry Rhodans Sorgen in seinem Arbeitszimmer im heimischen Bungalow am Goshun-See und zerbrach sich den Kopf über einen hochkomplizierten Kurs durch ein Sonnensystem, dessen Sonne gerade zur Nova wurde. Er wusste genau, dass er diese Strafarbeit ausschließlich seinem ungebührlichen Benehmen Professor Townsend gegenüber zu verdanken hatte. Im Nachhinein tat es ihm leid, was er dem Professor alles an den Kopf geworfen hatte. Aber trotzdem hatte auch diese Strafarbeit ihm nicht die Überzeugung nehmen können, bevorzugt worden zu sein. Für sich beschloss er, daran zu arbeiten, dass er sich zukünftig in derartigen Situationen besser beherrschen konnte und sachlich blieb. Seine Meinung würde er allerdings weiterhin sagen.
Als er an einem Punkt war, an dem er mit seinen Berechnungen nicht mehr weiterkam, beschloss er eine Pause einzulegen. Der Professor hatte ihm eine Aufgabe gestellt, mit der er an seine Grenzen stieß. Es störte ihn nicht, im Gegenteil. Er hatte sich schon immer gerne Herausforderungen gestellt.
Er stand auf und reckte sich. Michael Reginald Rhodan war 1,89 groß, schlank gebaut, aber nicht so hager wie sein Vater. Jede seiner Bewegungen verriet seinen hervorragenden körperlichen Trainingszustand. Trotz seiner jungen Jahre war er einer der besten Kampfsportler von Terrania-City in der Klasse der normal-humanoiden Lebewesen. Sein rotblondes Haar, ein Erbteil seiner Mutter Mory Rhodan-Abro trug er halblang. Es hing ihm verwegen ins Gesicht, das für sein Alter schon ein wenig arrogant wirkte. Jedenfalls konnte ein Betrachter, der ihn nicht kannte, leicht diesen Eindruck gewinnen. Michael Rhodan war aber alles andere als arrogant. Der Gesichtsausdruck war mehr ein Zeichen für seine inneren Gefühle, seine Zerrissenheit zwischen dem Anerkennen seiner überragenden Fähigkeiten vor sich selbst und dem Verdacht, immer wieder nur aufgrund des Namens „Rhodan“ bevorzugt zu werden.
Die nachtblauen Augen besaßen eine Tiefe, die für einen jungen Mann von erst 21 Jahren sehr ungewöhnlich war. Jeder, der Michael genauer kannte, wusste, dass er in seiner Entwicklung seinen Lebensjahren weit voraus war.
Gerade als er sich dazu entschlossen hatte, sich ein Glas Fruchtsaft aus dem Servoautomaten in der Küche zu holen, ertönte hinter ihm eine piepsende Stimme: „Für mich bitte einen Möhrensaft!“
Michael drehte sich um und drohte scherzhaft mit dem Finger. Hinter ihm war der Mausbiber Gucky per Teleportation erschienen.
„Hast du wieder mal gelauscht, kleiner Gedankenspion?“
„Klar, was denn sonst.“ Der große Nagezahn in dem pfiffigen Mausegesicht war in voller Pracht zu sehen.
Michael lachte, ging zur Küche und Gucky watschelte hinter ihm her. Im Gegensatz zu vielen anderen störte es ihn nicht, wenn der Mausbiber, der einer seiner besten Freunde seit den Kindertagen war, seine Gedanken las. Sicherlich hatte er inzwischen so einige Geheimnisse, die auch der Kleine nicht wissen sollte, aber er vermochte dank bestimmter Hypnoschulungen seine Gedanken abzuschirmen, so wie sein Vater auch bereits seit seinen ersten Hypnoschulungen unter der Aufsicht des Arkoniden Crest. Außerdem wusste Michael genau, dass Gucky zwar ein sehr neugieriger Gedankenspion war, aber gewisse Dinge absolut für sich behielt. Immer wieder stellte er fest, dass dieses possierliche Pelzwesen mehr „Mensch“ war als manche, die diesen Titel von Geburt an für sich in Anspruch nahmen.
Einen wirklichen Schutz vor Gedankenspionage bot allerdings nur entweder ein aktivierter Extrasinn wie bei seinem Lehrmeister Atlan oder eine Mentalstabilisierung. Mit Schaudern dachte er daran, dass er diese noch vor sich hatte, wenn er die Pläne, die mehr und mehr in ihm reiften, verwirklichen wollte.
„Was wälzt du da für Gedanken, Mike?“ Guckys Nagezahn verschwand ganz plötzlich und sein Gesicht verlor den spitzbübischen Ausdruck.
Michael baute sofort den Gedankenschirm auf, während er aus dem Servo ein Glas Möhrensaft zog und es Gucky reichte. Er beugte sich zu seinem Freund herunter. „Lass mich auch mal allein denken, kleiner Freund, okay?“ Er streichelte ihm das weiche Nackenfell.
Guckys treue Augen blickten ihn ernst an. Der Kleine, der meistens so viel Unsinn im Kopf hatte, konnte auch anders, wenn die Situation er erforderte.
„Mike, wenn du jemanden brauchst, dann bin ich für dich da, das weißt du.“
„Klar.“ Michael war auch sehr ernst. „Auf dich kann ich mich immer verlassen, Kleiner. Da brauchen wir doch nicht drüber reden.“
Gucky schüttelte den Kopf. „Das meine ich nicht. Ich meine, dass du auch mal über was reden solltest und nicht alles in dich reinfressen, klar?“
Michael blickte tief in die großen Mauseaugen. „Klar, keiner Freund. Aber mach dir keine Sorgen, ich komme klar.“

*

„Na, dann.“ Allerdings hörte sich das nicht sehr überzeugt an. Natürlich war Gucky nicht einfach mal so vorbeigekommen. Er hatte – neugierig wie er war – in den Gedanken von Perry gestöbert, und da Atlan seinen Monoschirm vernachlässigt hatte, weil er mit dem Mausbiber in diesem Moment nicht rechnete, wusste er genau, worum es ging und was Atlan vorhatte, um Michael die Befürchtung zu nehmen, bevorzugt zu werden. Obwohl Gucky die Gedanken von Professor Townsend nicht lesen konnte, da der mentalstabilisiert war, hatte er doch in den Gedanken von Perry und Atlan die Bewunderung für Michaels Arbeiten erkannt Also war es für ihn klar, dass der junge Mann keinesfalls bevorzugt worden war.
Er wollte jetzt einfach nur mal nach Michael sehen, wie es ihm ging, wie er mit der Situation zurechtkam oder ob er seine Hilfe brauchen konnte. Mit keinem Wort würde er ihm verraten, was er in den Gedanken von Atlan gelesen hatte.
Michael ging wieder in sein Arbeitszimmer zurück. Gucky erinnerte sich daran, dass er eigentlich viel zu faul zum Laufen war und teleportierte dorthin. Ganz selbstverständlich machte er es sich in der Sitzecke auf einem bequemen Sessel gemütlich. Er blinzelte Michael an. „Du musst noch arbeiten?“, erkundigte er sich überflüssigerweise.

*
Michael stöhnte. „Ja, eine Strafarbeit. Ich habe mich Professor Townsend gegenüber ein wenig danebenbenommen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Strafe muss sein. Das sehe ich ein. An der Aufgabe würde sich wohl auch ein erfahrener Kosmonaut die Zähne ausbeißen. Der hat gleich ins Volle gelangt.“
Er setzte sich und überlegte kurz, ob er fortfahren sollte. „Aber nur für mein Benehmen, das war wirklich nicht in Ordnung, nicht für die Tatsache an sich.“
Er wurde sehr nachdenklich. „Weißt du was, kleiner Freund? Ich habe etwas dagegen, immer wieder protegiert zu werden, nur weil ich zufällig ‚Rhodan’ heiße. Ich habe nicht nur was dagegen, ich hasse es regelrecht.“
Gucky nickte. „Wieso? Wie kommst du darauf? Ich glaube nicht, dass dieser verknöcherte alte Griesgram jemanden bevorzugt. Den kenne ich noch aus den Andromeda-Zeiten. Lachen kann der wohl überhaupt nicht. Nun bin ich aber gespannt, komm, erzähl es mir.“
„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Townsend war der Meinung, meine letzte Kosmonautikarbeit wäre so gut, dass er mir eine „1“ dafür gab. Gucky, lach jetzt nicht. Aber eine 1 bei ihm? Lächerlich, ausgeschlossen. – Naja, und da habe ich ihm gesagt, er hätte mir die wohl nur gegeben, weil er sich aus irgendeinem Grund bei Vater beliebt machen wollte.“
Gucky schüttelte den Kopf. „Glaubst du, dass der das noch nötig hat? Du kennst doch seinen Lebenslauf?“
„Natürlich. Aber einen anderen Grund sehe ich nicht.“
„Nein, Mike. Ausgeschlossen. Vielleicht solltest du mal daran denken, dass deine Arbeit wirklich so gut war.“
„Niemals! Das gibt es bei ihm nicht.“
Gucky wiegte leicht den Kopf. „Ich kann dir da direkt nicht helfen. Du weißt ja, dass Townsend mentalstabilisiert ist. Aber vom Gefühl her kann ich ihn einschätzen. Der bevorzugt niemanden, egal wen.“
„Lass es gut sein, Kleiner. Wenn du bleiben möchtest, gerne, aber ich muss das hier irgendwie heute noch fertigbekommen. Townsend möchte es morgen vorliegen haben. Also stör mich bitte nicht mehr.“
„Ich bleibe und mache ein Nickerchen. Hier kann ich das jedenfalls in Ruhe.“
Michael lächelte. „Wieder mal Zoff mit deinem Söhnchen?“
„Nicht nur mit ihm. Auch mit Iltu. Leider hat sie andere Ansichten über Kindererziehung als ich.“
Michael lachte leise. Guckys Sohn machte es dem Vater nicht leicht. Obwohl er ein Jahr älter war als er selbst, war er deshalb noch lange nicht erwachsen. Da ein Mausbiber eine Lebenserwartung von mindestens einigen hundert Jahren Erdzeit hatte – genauere Angaben verweigerte Gucky bis heute – wurde er auch viel langsamer erwachsen als Menschen. Entsprechend benahm er sich immer noch wie ein menschliches Kleinkind.
Gucky rollte sich gerade gemütlich zusammen und schloss die Augen, während Michael sich wieder seinem kosmonautischen Problem zuwandte, als der Interkom ansprach. Michael überlegte sich, ob er das Gespräch überhaupt annehmen sollte, aber dann sah er die Anrufkennung vom Büro seines Vaters.
„Anscheinend kommst du nicht zum Schlafen und ich nicht zum Arbeiten.“ Damit betätigte er den Annahmeknopf. Der Oberkörper seines Vaters erschien gestochen scharf auf dem Bildschirm, als ob er ihm direkt gegenübersitzen würde.
„Was hast du heute Abend vor, Mike?“ fragte Perry anstelle einer Begrüßung gerade heraus.
„Ich werde wohl zum Training gehen, Dad.“
„Hast du danach Lust auf einen Männerabend? Wir beide könnten zusammen mit Atlan ins ‚Galaxa’ zum Essen gehen, sobald du beim Training fertig bist. Wann wäre das?“
Perry deutete auf Atlan, der auch gerade auf dem Bildschirm sichtbar wurde und kurz winkte. Beide schienen gar nicht an die Möglichkeit zu denken, dass Michael ablehnen könnte. Das fiel ihm auch nicht andeutungsweise ein. Dass sein Vater einmal Zeit für ihn hatte, dass sich die Gelegenheit für ein ruhiges Gespräch bot, das geschah aus seiner Sicht viel zu wenig. Auch der vielbeschäftigte Staatsmann und Flottenchef sollte sich mehr Zeit für seine Familie nehmen. Dabei dachte er nicht nur an sich, sondern auch an seine Zwillingsschwester und seine Mutter, die er beide liebte und respektierte.
„Ich kann um 21.30 Uhr im ‚Galaxa’ sein. Einverstanden.“
„Hier ist noch ein Mann“, piepste es dazwischen.
Perry lächelte und winkte dem Mausbiber freundlich zu. „Oh, Gucky, was machst du denn bei Mike?“
Der verzog missmutig das Mausegesicht. „Kannst du dir das nicht denken, Chef?“
Perry nickte mitfühlend. „Wieder mal so schlimm? Was hat dein Sohn denn diesmal angestellt?“
„Das Übliche“, winkte Gucky ab. „Schlimm ist nur, dass ich ihm das Hinterteil versohlen wollte und Iltu hat dann geschrien, als ob ich ihr den Hintern versohlen wollte. Wie soll ich da noch gegen ankommen, könnt ihr mir das sagen?“
Sowohl Michael als auch sein Vater hatten Schwierigkeiten, ihre Heiterkeit zu verbergen.
„Dann komm mit, wenn mein Herr Sohn nichts dagegen hat“, stimmte Perry zu.
„Natürlich nicht“, antwortete Michael. „Aber es wäre nett, wenn ihr beide mich jetzt arbeiten lassen würdet.“
Perry fragte nicht weiter. Er unterbrach die Verbindung und Gucky rollte sich wieder zusammen. Nach ein paar Minuten war er eingeschlafen und Michael konnte sich wieder seinen Berechnungen widmen.

**********

Als Michael pünktlich um 21.30 Uhr im Restaurant „Galaxa“ im 35. Stock des Space-Port-Towers eintraf, warteten sein Vater, Atlan und der Mausbiber schon auf ihn. Alle sahen sofort, dass er sich beim Training wieder vollständig verausgabt hatte. Sein Gesicht wirkte abgespannt und erschöpft.
Wie ich, dachte Perry anerkennend, entweder alles oder gar nichts. Der Junge macht sich.
Genau wie Atlan verlor er aber kein Wort darüber. Ebenso wenig wie über den Besuch von Professor Townsend bei ihm.
Das Abendessen verlief in gelöster Atmosphäre. Alle genossen das hervorragende Essen und die genauso vorzüglichen Getränke dazu. Während Perry und Atlan einem guten Rotwein zusprachen, hielt Michael sich an Fruchtsaft und Gucky trank seinen geliebten Möhrensaft zu einem genauso geliebten Möhrengericht. Der Koch des „Galaxa“, das schon seit den ersten Tagen der Dritten Macht existierte und seitdem in Familienbesitz war, hatte sich schon lange auf bestimmte Vorlieben von Stammgästen eingestellt.
Die anderen hielten sich an die exzellenten Fleischgerichte. In diesem Restaurant wurde echtes Fleisch verwendet, keines aus synthetischer Produktion.
Michael schmeckte das Essen offensichtlich genauso wie den anderen. Er erholte sich dank seiner ausgezeichneten Kondition schnell und deutlich sichtbar von den Anstrengungen.
Die beiläufige Frage seines Vaters, wie es denn bei seinem Studium lief oder ob es etwas Besonderes gab, beantwortete er zögernd „Alles okay, Dad. Nichts außer der Reihe.“ Perry nickte nur, da er genau wusste, dass sein Sohn ihn anschwindelte. Es war gar nichts in Ordnung. Er und Atlan hatten es nicht anders erwartet. Beide sowie Gucky taten, als ob sie Michaels kurzes Zögern nicht bemerkt hätten.
Perry fühlte einen Stich in sich, dass sein Sohn ihn nicht ins Vertrauen zog. Schon seit längerer Zeit war ihm bewusst, dass er selbst einen Großteil Schuld daran trug, weil er es nicht schaffte, seinen Sohn für seine hervorragenden Leistungen zu loben. Gerade das väterliche Lob fehlte ihm so sehr, hatte Atlan ihm immer wieder versucht zu erläutern. Dann würde er auch nicht so heftig auf den Verdacht der Protektion von anderen reagieren. Perry selbst fragte sich immer öfter, warum er dieses mehr als gerechtfertigte Lob nicht aussprechen konnte. In emotionalen Dingen fand er sehr oft einfach nicht die richtigen Worte. Wer ihn nur als Staatsmann und Flottenchef kannte, konnte sich das, was nur seine engsten Freunde wussten, kaum vorstellen.
Gucky grinste nur, während er einen großen Löffel der Möhren in exotischen Kräutern zum Mund führte.
Schnell ging die Runde zu allgemeinen Themen über. Michael genoss sichtlich eine dieser seltenen Gelegenheiten, mit seinem Vater nur unter Männern über interessante Themen zu diskutieren. Perry und Atlan schätzten ihn als gleichwertigen Gesprächspartner mit manchmal etwas ungewöhnlichen, aber immer im Ergebnis sehr vernünftigen Ansichten. Vom Intellekt her konnte er durchaus mit ihnen mithalten. Ihm fehlte eben nur die jahrhunderte- bzw. jahrtausendelange Lebenserfahrung.
Vorsichtig lenkte Atlan das Gespräch in die von ihm und Rhodan gewünschte Richtung.
„Wie hast du dich für die Flotte in der Angelegenheit mit den Disziplinarmaßnahmen entschieden?“, fragte Atlan. „Wir müssen uns da einig sein. In solchen Dingen darf es keine Unterschiede zwischen Flotte und USO geben.“
Michael merkte auf. Vor einigen Wochen war von einer Menschenrechtsorganisation ein Antrag beim Oberkommando der Flotte und der USO, also bei seinem Vater und bei Atlan eingereicht worden, zukünftig auf alle Disziplinarmaßnahmen oder sogar Strafen ersatzlos zu verzichten.
„Gar keine Frage“, antwortete Perry. „Sowohl die Flotte wie auch die USO sind militärische Organisationen – und die kommen nun mal nicht ohne gewisse Disziplinarmaßnahmen aus. Wir müssen uns auf unsere Leute verlassen können, da wir das Imperium im Fall eines Falles verteidigen. Das geht nun mal nicht, wenn jeder macht was er will. Deshalb verstehe ich gar nicht, wie diese sog. ‚Menschenrechtskommission’ überhaupt auf die Idee kommt, einen Antrag auf vollständige Abschaffung zu stellen.“ Er schüttelte den Kopf. „Natürlich habe ich den Antrag abgewiesen. An einer psychologisch fundierten Begründung arbeiten die Kosmopsychologen noch.“
„Was hältst du davon, Mike?“, fragte Perry seinen Sohn.
Der junge Mann wiegte leicht den Kopf. „Ich stimme euch zu. Es geht nicht ohne Disziplinarmaßnahmen. Auch ich werde sie sicherlich anwenden müssen, sobald ich irgendwann ein Raumschiff kommandiere.“
„Oder eine ganze Flotte“, warf Perry ein.
Michael winkte ab. „Darüber waren wir uns doch schon einig, Dad …“
Perry nickte. „Leider. Aber vielleicht änderst du deine Meinung noch.“
„Nein, Dad. Ich möchte nicht zur Flotte, weil ich die Befürchtung habe, dass dort viel zu viele wären, die mich aufgrund meines Namens bevorzugen. Aber“, er schüttelte den Kopf, „um auf das Thema zurück zu kommen: Disziplinarmaßnahmen an sich halte ich durchaus für richtig. Nur müssten die Kontrollen, wie sie angewendet werden, schärfer sein. Ihr wisst doch genau, dass einige Kommandanten die reinsten Tyrannen für ihre Leute sind. Das lehne ich ab, auf das Schärfste. Bei allem muss die Würde des Individuums immer geachtet werden.“
Atlan nickte anerkennend. „Genau so sehe ich es auch. Leider können dein Vater und ich nicht jeden Kommandanten überprüfen, wir müssen uns auch auf sie verlassen können. Aber du kannst sicher sein, dass ein Kommandant, den wir bei Verfehlungen erwischen, seine entsprechende Strafe bekommen wird. Ich scheue da auch nicht vor Degradierung, Verlust des Kommandos, vorübergehende Suspendierung oder sogar Arrest zurück. Im Extremfall ist die Strafe ein Ausschluss aus der USO.“
„Oder der Flotte“, bestätigte Rhodan sehr ernst. Den bewundernden Blick des Sohnes nahm er erfreut zur Kenntnis.
Rhodan bewunderte er den Sohn wegen seiner Einstellung, zum anderen machte er sich große Sorgen, wie Mike reagieren würde, wenn der Plan des Arkoniden in die Tat umgesetzt würde. Aber auch er sah keine andere Möglichkeit, Michael die Augen für die Realität zu öffnen. Der junge Mann würde durch die eine oder andere Disziplinierungsmaßnahme gehen müssen, genauso wie er Erfolge haben musste. Es würde Atlans schwere Aufgabe während des kommenden Lehrgangs sein, ihm hierfür eine realistische Einschätzung zu vermitteln. Sorgen machte Perry sich darum, wie Atlan seinen Sohn, der selbst eine vorbildliche Disziplin zeigte in allem, was er tat, in Verfehlungssituationen bringen wollte.
„Hast du deine Einberufung schon bekommen?“, fragte Atlan direkt.
„Ja, Lehrmeister.“
„Du wirst in den nächsten Tagen noch eine Änderung zugestellt bekommen.“ Atlan grinste. „Ich werde den Lehrgang selbst leiten, und zwar hier in unserem Stützpunkt in Imperium-Alpha.“
„Oh! Dann freue ich mich ganz besonders darauf.“
Atlan lächelte verhalten. „Du weißt, dass ich dich mit Sicherheit nicht schone, im Gegenteil.“
Michaels Gesicht wurde sehr ernst. „Das weiß ich. Gerade deshalb freue ich mich so sehr. Ich mag es nicht, bevorzugt zu werden.“
Perry hakte mit Absicht nicht ein und versuchte nicht, aus Michael die Angelegenheit mit Professor Townsend herauszulocken. Er wollte nicht darüber sprechen, also drängte er auch nicht. Das würde bei Michael nur Trotz hervorrufen – und den konnten sie bei Atlans Plan überhaupt nicht brauchen.
„Auf jeden Fall hoffe ich, dass ich mich in der Zeit keiner Disziplinarstrafe unterwerfen muss“, fuhr Michael fort.
„Das hoffe ich auch“, Atlans Stimme war emotionslos.
„Sollte es aber doch so sein“, Michaels Gesicht wurde hart und seine Stimme rau, „werde ich mich ihr ohne den geringsten Protest stellen.“ Er sah seinen Vater fest an. „Ich werde dem Namen ‚Rhodan’ keine Schande machen, das versichere ich dir!“
Perry bot ihm die Hand. Michael schlug ein. Der eisgraue Blick traf sich offen mit dem nachtblauen aus den Augen von Michael. „Das weiß ich, mein Sohn!“

**********

Michael wurde vom nächsten Tag an sofort wieder von seinem Studium in Anspruch genommen. Erst drei Tage später, als er die angekündigte Nachricht bekam, musste er wieder an das Gespräch denken. Irgendwie kam ihm alles jetzt sehr merkwürdig vor, so, als ob Atlan das Gespräch bewusst auf dieses Thema gelenkt hatte. Er kannte seinen alten Lehrmeister gut genug, um zu wissen, dass der nichts ohne Grund tat.
Ein ungutes Gefühl verblieb in Michael. Immer mehr fragte er sich, ob Atlan vielleicht doch davon wusste, was er Professor Townsend vorgeworfen hatte. 
Auf jeden Fall würde er sich sehr vorsehen, keine Fehler zu machen. Das Gespräch im „Galaxa“ ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er kannte die bei Offiziersanwärtern üblichen Disziplinarmaßnahmen, die in der Regel aus Strafexerzieren in den verschiedensten Formen bestanden und er wusste genau, dass ihn auch sehr harte Formen bei seiner hervorragenden Kondition als Leistungssportler kaum übermäßig beanspruchen würden. Aber die Schande eines Versagens, so sah er das für sich selbst an, wollte er nicht auf sich laden. Das war er vor allen Dingen sich selbst schuldig. Ihm war immer noch nicht ganz bewusst, dass er selbst Ansprüche an sich stellte, die für sein junges Alter viel zu hoch gegriffen waren.

**********

Die Gruppe der jungen Frauen und Männer, die sich zu ihrem letzten Ausbildungslehrgang vor ihrem Leutnantsexamen in Imperium-Alpha wieder trafen, waren fast alle genau wie Michael Studenten der Raumfahrtwissenschaften. Gemeinsam war ihnen, dass sie sich bis jetzt noch nicht für eine militärische Laufbahn entscheiden mochten, aber für sich selbst die Notwendigkeit einer entsprechenden Ausbildung sahen. Flotte und USO bildeten diese Menschen gerne aus, um im Bedarfsfall auf mehr Reservisten zurückgreifen zu können.
Den ersten Abend trafen sich alle im „Spaceshuttle“, einem gemütlichen Restaurant im internen Bereich von Imperium-Alpha. Deshalb verkehrte dort auch ausschließlich Militär, keine Zivilpersonen.
Schnell bildeten sich wieder die gleichen Gruppen wie beim letzten Lehrgang. Lebhaft tauschten die jungen Menschen ihre Erlebnisse seit dem vorigen Lehrgang aus. Michael saß in der größten Gruppe mit an einer langen Tafel und hörte sich die Erzählungen seiner Kameraden an. Als die Reihe an ihm war, zu berichten, meinte er nur ein wenig traurig: „Was soll es schon zu erzählen geben? Studium, Lernen, Sport usw.“
„Nichts Außergewöhnliches, auch nicht als Sohn des Großadministrators?“, wandte Robert Mitchem ein, ein Student der Astrophysik, der an einer Hochschule auf Ferrol im Wega-System studierte.
Michael verzog unwillig das Gesicht. „Komm, lass das. Du weißt doch, ich mag das nicht. Oder muss ich dich und euch alle wieder daran erinnern, dass ihr vergessen sollt, wie ich heiße?“
Robert grinste. Ihn verband mit Michael eine Art distanzierter Freundschaft. Da Michael sehr zurückhaltend war in der Wahl seiner Freundschaften und das Wega-System nicht mal „nur um die Ecke“ von Terra entfernt lag, sahen sie sich immer nur zu den Lehrgängen. Das änderte allerdings nichts daran, dass sie sich sehr gut verstanden und hundertprozentig aufeinander verlassen konnten.
„Nein, musst du nicht. Aber ich dachte, wenn man so berühmte Eltern hat, sollte das Leben doch recht interessant sein.“
„Sicherlich interessant, aber im Moment eher belastend, glaubt es mir. Es macht sehr oft keinen Spaß, der Sohn von Perry Rhodan zu sein. Ich freue mich riesig auf den Lehrgang, da kann ich mal wieder ich selbst sein.“
„Was meinst du, wird der Alte uns sehr hart rannehmen?“, fragte Cyprus Kent­rock, ein schon fast dürrer, hochgewachsener Plophoser.
„Klar. Macht euch schon mal auf was gefasst“, lachte Michael. „Atlan ist sehr hart, aber genauso fair. ihr werdet es schnell merken.“
Die anderen in der Runde stimmten in das entspannte Lachen ein. Michael fühlte, wie er sich immer mehr innerlich entspannte. Es würde für ihn zwar genauso wie für alle anderen harte Arbeit werden, denn er wollte natürlich ein sehr gutes Leutnantsexamen ablegen, um sowohl vor sich selbst als auch vor seinem Vater zu bestehen, aber es war genauso eine Art Urlaub von zu Hause. Obwohl sie in Terrania waren, würde er zusammen mit seinen Kameraden in den dafür vorgesehenen Quartieren im USO-Bereich von Imperium-Alpha wohnen. Bei der Zuweisung der Wohnungen hatten er, Robert und Cyprus es geschafft, eines der üblichen Dreier-Quartiere zusammen zu erhalten. Die Wohnungen waren kleine Bereiche, die jeweils aus einem eigenen Wohnraum mit Hygienezelle für jeden sowie einem gemeinschaftlichen Aufenthaltsraum für alle bestanden.
Cyprus blickte hinüber an einen kleineren Tisch, an dem nur fünf Kadetten zusammensaßen. „Hoffentlich machen sie nicht wieder so einen Ärger wie beim letzten Lehrgang“, meinte er besorgt.
Michael folgte seinem Blick unauffällig. Fünf Kameraden, von denen ein großer, für seine Vorstellungen viel zu korpulenter junger Mann der Anführer war, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten. Im Gegensatz zu allen anderen, die sich nicht scheuten, auch mal lauter zu reden, weil sie vor niemandem etwas zu verbergen hatten, kam es ihnen anscheinend darauf an, dass niemand etwas von ihrem Gespräch mitbekam.
„Thomas Retcliffe“, murmelte er leise. „Mir tun schon die armen Leute leid, die unter ihm oder den anderen irgendwann fliegen müssen. Ich befürchte, die werden sich zu Despoten entwickeln. Immerhin haben schon zwei von der Gruppe inzwischen aufgegeben, zum Glück.“
Retcliffe war ihm vom ersten Kennenlernen an unsympathisch gewesen. Sein Instinkt hatte ihn gewarnt. Die Gruppe um Retcliffe hatte sich von Anfang an ins Abseits gestellt. Schnell war es ihm gelungen, ähnlich eingestellte Kameraden um sich zu versammeln. Sie mieden den Kontakt mit ihren Lehrgangskollegen und hangelten sich in allen Disziplinen nur mit Mühe und Not durch. Ursprünglich waren es sieben gewesen, aber zwei hatten, nachdem sie die Zwischenprüfungen nur ganz knapp bestanden hatten, auf die weitere Teilnahme verzichtet. Jetzt hoffte er, dass Atlan diese jungen Männer rechtzeitig vor den letzten Prüfungen aussondern würde. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der alte arkonidische Admiral sie falsch einschätzte und es zulassen würde, dass sie eines Tages Befehlsgewalt ausübten.
„Wir sollten uns vorsehen“, ergänzte Robert. „Erinnert ihr euch noch daran, wie die beim letzten Lehrgang versucht haben, uns den Mist, den sie gebaut hatten, in die Schuhe zu schieben?“
Michael nickte ernst. „Wir werden die Augen offen halten. Außerdem ist Atlan auch noch da. Unterschätzt bitte nicht seine Menschenkenntnis. Immerhin ist er über zehntausend Jahre alt.“
Er schaute auf sein Armbandchronometer. „Wir sollten jetzt aber hier Schluss machen für heute. Wenn wir morgen schon beim ersten Unterricht einschlafen, dürften uns die ersten Extrarunden im Parcours sicher sein.“
„Bei 1,5 Gravos und 95 % Luftfeuchtigkeit in Marschgeschwindigkeit“, spekulierte ein anderer. „Muss ich wirklich nicht haben.“
„Oh, nicht genug Kondition dafür?“, spöttelte Michael. Durch seine offene Art und seinen Blick nahm ihm niemand diese Bemerkung übel, im Gegenteil. Dieser lockere Ton gehörte einfach dazu.
Sie winkten den Robotkellnern, um zu bezahlen und verließen anschließend in bester Stimmung das Restaurant. Vergessen waren vorerst ihre Sorgen wegen der Außenseiter.

**********

Atlan forderte den jungen Menschen sehr viel ab, aber er überforderte sie ganz bewusst nicht. Dazu waren sie ihm auf der einen Seite alle noch zu jung, auf der anderen Seite gab es dafür bei der USO andere Ausbildungen. Hier kam es darauf an, dass die Teilnehmer lernten, Vorbild für andere zu sein und die entsprechende Verantwortung zu übernehmen.
Alle mussten hart arbeiten und fühlten sich trotzdem wohl. Atlan achtete darauf, jeden respektvoll, aber auch mit Strenge zu führen. Disziplin war für ihn nicht nur ein Wort.
Auch Michael „erwischte“ es wie jeden von ihnen früher oder später. Er war auf seiner Nachtwache eingeschlafen und musste dafür einen Tag Strafexerzieren unter erschwerten Bedingungen absolvieren. Das nahm er ganz gelassen hin. Atlan verstand sofort, worum es ging. Einige der Lehrgangskameraden, die Michael inzwischen etwas besser kannten, kamen nach und nach auch dahinter. Niemand freute sich, wenn er unter simulierten Bedingungen von 1,5 Gravos, 95 % Luftfeuchtigkeit und permanentem Nieselregen im Simulationsraum in scharfem Marschtempo seine Runden drehen musste. Für Michael war das eine größere „Freude“ als hervorragende Noten.
Er musste sich trotz seiner hervorragenden Kondition völlig verausgaben, um seine Runden nach Vorschrift zu schaffen, aber danach lächelte er nur und verschwand ohne ein weiteres Wort unter der Dusche.
Es blieb bei niemandem bei einem Mal Strafexerzieren, auch nicht bei Michael. Es wurden mehrere Male daraus. Aufgrund von Atlans Charisma nahmen alle es mit der nötigen Gelassenheit und der Einsicht, wofür sie die Strafrunden aufgebrummt bekamen. Lediglich die Gruppe um Thomas Retcliffe versuchte immer wieder zu diskutieren und teilweise haarsträubende Argumente anzuführen, um Atlan von einer Strafe abzubringen. Einmal versuchten sie sogar, die Schuld an dem Vergehen anderen zuzuschieben, wie schon beim vorhergehenden Lehrgang. In diesem Moment entschloss sich Michael, von nun an noch vorsichtiger und wachsamer zu sein. Da sie nicht nur in den praktischen, sondern auch in den theoretischen Leistungen sehr schwach waren, hatte Atlan ihnen bereits nahegelegt, entweder hart an sich, ihren Kenntnissen und ihrem Verhalten zu arbeiten oder doch lieber den Lehrgang abzubrechen.
Da Michael in allen Disziplinen hervorragende Leistungen brachte, beobachteten die anderen mit größter Sorge, wie Retcliffe und seine Gefolgsleute immer unzugänglicher wurden und ihre Eifersucht kaum noch verbergen konnten.
Atlan fiel das natürlich auf, aber bisher fehlte ihm die Handhabe, sie vom Lehrgang auszuschließen. Ihre Verfehlungen waren immer noch scharf an der Grenze.
Wie mit den anderen Teilnehmern führte er auch mit Michael einige Vier-Augen-Gespräche. Dabei führte er den Sohn seines Freundes langsam dahin, wo er ihn haben wollte. Michael vertraute ihm jetzt auch seine Entgleisung bei der Benotung durch Professor Townsend an. Atlan sagte ihm jedoch auch jetzt nicht, dass er schon lange informiert war und letztendlich genau das der Grund war, warum er diesen Ausbildungslehrgang übernommen hatte.
Es freute ihn aber, dass Michael ihn jetzt endlich, nach längerer Zeit, doch noch ins Vertrauen zog.
Er sah die Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte und die Lösung des Problems, Michael sowohl Einsicht in schlechte als auch in gute Leistungen zu vermitteln, als erledigt an und freute sich über die letzten Lehrgangswochen.
Insofern hätte für Atlan alles in Ordnung sein können, wenn nicht seine Vorahnung auf ein bedrohliches Ereignis für sie alle immer stärker geworden wäre.

**********

Die letzten beiden Wochen vor den theoretischen und praktischen Prüfungen gab es keine festen Lehrveranstaltungen mehr. Den Teilnehmern war es freigestellt, wie sie sich auf das Examen vorbereiteten. Sie konnten alle Einrichtungen für ihre persönlichen Übungen nutzen. Innerhalb von Imperium-Alpha durften sie sich frei bewegen, auch in den öffentlichen Bereichen, allerdings den gesamten abgeschirmten Bereich nun nicht mehr verlassen.
Atlan nutzte die Zeit, um Vorgänge aufzuarbeiten, die liegen geblieben waren, während er sich um die Offiziersanwärter kümmerte.
Michael, der sich vorgenommen hatte, ein sehr gutes Examen vor seinem alten Lehrmeister abzulegen, konzentrierte sich auf das theoretische Lernen. Lediglich einmal übte er zusammen mit einigen anderen Kameraden einen Kampfeinsatz in voll ausgerüsteten Kampfanzügen gegen Robotgegner. Dass sie dabei neidisch von Retcliffe und seiner Gruppe beobachtet wurden, entging allen, so sehr konzentrierten sie sich – und so viel Freude hatte sie an ihrem gemeinsamen Handeln.
Eine Woche vor dem ersten Prüfungstag trafen sich  Michael, Robert und Cyrus sowie die Gruppe um Retcliffe im „Spaceshuttle“. Michael und seine Begleiter wählten einen Tisch weit entfernt von den anderen, konnten aber nicht verhindern, dass diese an einen näheren Tisch umzogen, sobald dieser frei wurde. In Michael stieg deutlich das Gefühl drohenden Unheils empor.
Es verstärkte sich noch, als er seinen Vater in Begleitung von Atlan und seinem Patenonkel Reginald Bull das Restaurant betreten sah. Anscheinend hatten alle sehr viel Arbeit und nur Zeit für einen kurzen Imbiss, da sie sonst das „Galaxa“ bevorzugten. Perry nickte seinem Sohn kurz freundlich zu, dann deutete er auf einen Tisch am anderen Ende des großen Raumes. Andere Gäste, die sie auch sahen, nickten ihnen ebenfalls lediglich respektvoll zu. Das „Spaceshuttle“ galt wie alle Freizeiteinrichtungen in Imperium-Alpha als Raum zur privaten Entfaltung. Sowohl Perry Rhodan als auch Atlan und die anderen Mitglieder der Führungsspitze des Imperiums hatten darauf bestanden. Niemand von ihnen legte Wert auf Ehrenbezeugungen immer und überall.

*************

„Na“, wandte Perry sich an Atlan. „Anscheinend hat deine Taktik bei Mike gewirkt.“
Atlan zuckte nur leicht mit den Schultern. „Zum Glück. Es war höchste Zeit. Der Junge wird auch nächste Woche ein glänzendes Examen hinlegen, da bin ich mir ganz sicher.“
„Und er wird dann seine Noten realistisch einschätzen können?“
„Davon gehe ich aus.“
Bully schnaubte. „Der Junge wird seinen Weg machen. Ich habe zwar das Gefühl, dass wir noch so die eine oder andere Überraschung mit ihm erleben werden, aber er wird uns nie enttäuschen.“
Atlan antwortete nicht darauf, sondern sah sich unauffällig in dem großen Raum, von dem auch noch einige Nischen abgeteilt waren, um. In eine dieser Nischen führte Perry sie, in einer anderen waren jetzt insgesamt vier Tische von den jungen Offiziersanwärtern besetzt. Dadurch waren sie vor ihren direkten Blicken verborgen.
Gefahr, signalisierte sein Extrasinn. Irgendetwas ist in Gang, wo du noch mit reingezogen wirst.
Perry blickte ihn fragend an, genau wie Bully.
„Wenn dein angeblich unfehlbarer Extrasinn eine Gefahr ahnt, dann schließe ich mich als normaler Terraner mit meinem Gefühl an“, meinte Perry mit einem kurzen Seitenblick auf Bully, dem die rostroten Haare zu Berge standen – bei ihm ein untrügliches Zeichen für seine Unruhe. Der nickte auch nur.
„Bei den Kadetten, vermute ich“, erläuterte Atlan. „Leider sind wieder mal einige Unruhestifter dabei. Bisher konnte ich sie nicht fassen, weil sie immer noch überall durchgerutscht sind. Ich gehe aber davon aus, dass Ihre Leistungen für das Examen nicht ausreichen werden.“
„Solche Offiziere können wir auch nicht brauchen“, bestätigte Bully, während sie sich setzten und dem Robotkellner winkten.
„Das wird anscheinend in Flotte und USO gleichermaßen zum Problem“, ging Perry auf das Thema ein. „Zum Glück ist es in der Flotte jedenfalls noch so, dass es nicht die jungen Leute betrifft, die in den aktiven Dienst gehen wollen, sondern diejenigen, die wir als Reserveoffiziere ausbilden. Teilweise sind es verzogene Kinder von einflussreichen Leuten, die damit glänzen wollen, dass ihre Sprösslinge Flottenoffiziere sind, ohne zu bedenken, dass sie dafür nicht geeignet sind.“
„Wir tun diesen jungen Leuten doch nur einen Gefallen, wenn wir sie aussortieren“, meinte Bully. „Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn wir sie einberufen müssen und ihnen Mannschaften anvertrauen.“
„Ich auch nicht.“ Atlan lächelte traurig. „Schlimmer sind aber die Aufsässigen und Randalierer, die von sich aus mit ihrem Offiziersrang angeben wollen. Sie sind schon während der Ausbildung eine Belastung für alle, besonders für ihre Kameraden. Bei denen ist es sehr schwer, sie auszusondern. Meistens schrammen sie immer gerade noch am Ausschluss vorbei und schaffen ihre Examina hauchdünn. Jetzt sind auch gerade wieder fünf von der Sorte dabei. Aber keine Sorge, sie werden ihre Prüfungen nicht bestehen.“
„Dann unterscheiden die Probleme der USO sich nicht von denen der Flotte.“ Perry schüttelte den Kopf. „Und dann will diese sogenannte ‚Menschenrechtskommission’ uns dazu bringen, die Disziplinarmaßnahmen ersatzlos abzuschaffen. Es ist unglaublich.“
„Die dienen doch während der Ausbildung nicht nur zur grundsätzlichen Disziplinierung, sondern sind auch eine Art psychologischer Test, wie die Kandidaten so etwas für sich wegstecken“, überlegte Bully. „Wie hat sich denn Mike dabei geschlagen?“
Atlans Gesicht entspannte sich etwas. „Hervorragend. Ich hatte den Eindruck, als ob er das Strafexerzieren als eine Art Sondertraining betrachtete. Er hat es ohne Murren absolviert und kein Wort darüber verloren. Im Gegenteil, er schien sogar erfreut zu sein, es machen zu ‚dürfen’. Es war wirklich höchste Zeit, einzugreifen. Allein das Gefühl, nicht bevorzugt zu werden, tat ihm gut. Mehr als eine Belobigung für hervorragende Leistungen.“
„Was hatte er den angestellt?“, wollte Perry wissen.
„Ach, das Übliche. Einschlafen auf Nachtwache, vorlaut. Eben das, was Offiziersanwärter so anstellen.“
„Dann sollte ja alles in Ordnung sein. Aber mein Gefühl sagt mir, dass es das nicht ist.“
„Meines auch“, sagte Bully ungewöhnlich ernst.
„Und da ich ohnehin als Pessimist und Schwarzseher gelte, schließe ich mich an. Mein Logiksektor warnt immer deutlicher, kann aber auch keinen konkreten Grund nennen.“
Perry ließ seine Blicke durch den Raum schweifen. Ihm fiel nichts Ungewöhnliches auf. Das Restaurant war nur schwach besetzt. Es war Freitagabend und die meisten der Bediensteten von Imperium-Alpha verbrachten das dienstfreie Wochenende zu Hause. Die friedensmäßige Dienstordnung sah lediglich eine kleine Stammbesatzung vor, die zusammen mit den Robotern den Dienstbetrieb aufrechterhielt.
Seinen Sohn und dessen Kameraden konnte er nicht direkt sehen. Mit Absicht hatte er für sie den Platz in dieser Nische gewählt, weil er bei Mike nicht den Eindruck erwecken wollte, ihn zu beobachten. Inzwischen sah er das gefühlsmäßig als Fehler an, aber es ließ sich nicht mehr ändern. Wenn sie nun noch umzogen, wäre es den jungen Leuten erst recht aufgefallen.
„Wollen wir erst essen oder gleich mit der Arbeit beginnen?“
„Lass uns erst essen“, meinte Atlan. „Man soll auch nichts übertreiben.“
Bully grinste und alle drei wählten aus der Speisekarte, die zwar nicht mit der des ‚Galaxa’ mithalten konnte, aber trotzdem einiges zu bieten hatte.

**********

Nachdem die drei Männer das Abendessen genossen hatten und gerade eben begonnen hatten, ihre geschäftlichen Themen zu besprechen, wurden sie durch einen Tumult aufgeschreckt.
Automatisch sahen alle in die Richtung, wo sie die Kadetten wussten. Atlan sprang gleichzeitig mit den anderen beiden auf. Die Warnung seines Extrasinns bestätigte nur noch seinen Verdacht: Michael. Da braut sich was zusammen.
Während sie mit ein paar kurzen Schritten den Raum durchquerten, hörten sie schon Michaels Stimme im kurzen, knappen Ton eines Offiziers. „Lass das Ding liegen, oder willst du die Peitsche sehen?“
Sie kamen gleichzeitig mit dem Kommando der Militärpolizei an, das anscheinend durch die Funknachricht eines Robotkellners alarmiert worden war. In dem Handgemenge konnte niemand mehr sehen, wer auf welcher Seite stand.
Das MP-Kommando bestand aus vier Flottenoffizieren unter dem Kommando eines Captains und vier Kampfrobotern. Die Offiziere hatten ihre Paralysatoren gezogen, die Abstrahlmündungen der Waffenarme der Maschinen glitzerten feuerbereit.
„Auseinander, sofort!“, schrie der Captain scharf. „Sonst schießen wir.“
Erst der Ton seiner schrillen Trillerpfeife brachte die Kämpfenden zum Bewusstsein, zusammen mit Michaels kalter, beherrschter Stimme. „Tut was er sagt.“
Die drei Männer der Führungsspitze beobachteten nur. Sie griffen nicht ein. Es war ihr Prinzip, nicht in den Kompetenzbereich von Spezialisten einzugreifen, in diesem Falle der Militärpolizei. Diese würde die Männer festnehmen und nach einem ersten Verhör dem zuständigen Kommandeur überstellen, in diesem Falle Atlan.
Perry musste sich mit aller Kraft beherrschen. Deshalb bemerkte er auch nicht, wie Bully in sein Armbandtelekom sprach. Während er noch sprach, flimmerte die Luft neben ihnen und Gucky erschien aus einer Leuchterscheinung. „Spar dir die Mühe, Dicker. Bin ja schon da. Wenn man nicht auf alles aufpasst.“
Der gewohnte Nagezahn war nicht zu sehen. Gucky hatte sofort erkannt, dass es hier um eine sehr ernste Sache ging.
Inzwischen hatten die Kadetten auf Anordnung des MP-Kommandos in einer Reihe militärische Aufstellung genommen. Perry sah, dass Michael aus einer Platzwunde an der Stirn blutete und sich nur mit Mühe auf den Beinen hielt. Atlan hielt ihn zurück, als er zu ihm wollte.
„Lass das, Freund. Damit verletzt du Michael nur. Das muss jetzt seinen normalen Gang gehen. Wir werden früh genug erfahren, was hier vorgefallen ist, nicht wahr, Gucky?“
„Darauf könnt ihr euch verlassen. Ich habe mir schon einen Überblick verschafft. Michael hat keine Schuld. Im Gegenteil, er hat versucht zu schlichten und zu helfen.“
„Das ist mir völlig klar, Kleiner. Ich habe nie anderes gedacht.“ Perry streichelte dem kleinen Ilt gedankenverloren das Nackenfell. „Du kannst es uns gleich alles erzählen. Denn ich gehe davon aus, dass Michael nichts sagen wird. Er wird sich an den Ehrenkodex unter Kameraden halten.“
Der Kommandeur des MP-Kommandos salutierte vor seinen Vorgesetzten.
„Sir, zwölf USO-Offiziersanwärter festgenommen wegen Schlägerei und Benutzung einer potenziell lebensgefährlichen Waffe.“
Ein Kampfroboter hielt ihnen ein beidseitig rasiermesserscharf geschliffenes Messer hin. Es handelte sich um die in Einsätzen üblichen Messer, allerdings schien es jemand zu einer perfekten Mordwaffe umfunktioniert zu haben.
Atlans Gesicht verdunkelte sich. Er öffnete weit seinen Monoschirm, damit Gucky seinen Gedankeninhalt erfassen konnte. Dabei dachte er intensiv an Thomas Retcliffe und seine Gruppe. Das bestätigende Nicken von Gucky genügte ihm.
Der Captain blickte Perry fragend an. Er schien sich äußerst unbehaglich zu fühlen. Natürlich hatte er den Sohn des Großadministrators erkannt.
„Sir, ich weiß nicht …“
„Dann werde ich es Ihnen sagen, Captain. Sie werden Ihre Arbeit ganz normal machen und sich keine besonderen Gedanken darum machen, dass mein Sohn zu den Festgenommenen gehört. Das erwarte ich von ihnen. Haben wir uns verstanden?“
Sein Gesicht war maskenhaft und beherrscht. Atlan bewunderte ihn. Er konnte sich denken, welcher Gefühlsaufruhr in seinem Freund brodelte und wie es ihm, der immer Vorbild für seine Leute war, wehtun musste, seinen Sohn als Gefangenen der Militärpolizei zu sehen. Dabei tat es nichts zur Sache, dass er davon überzeugt war, dass Michael unschuldig war.
„Ja, Sir.“ Der Captain schluckte und wandte sich an Atlan. „Sir, Sie sind der kommandierende Offizier. Wann darf ich Ihnen die Festgenommenen überstellen?“
„Sofort, Captain. Unser Abend ist ohnehin gelaufen. Dann kann ich mich genauso gut sofort mit der Angelegenheit befassen und brauche das nicht bis morgen aufzuschieben. Bitte bringen Sie die Kadetten in den großen Besprechungsraum neben meinem Büro. Braucht jemand der Herren ärztliche Versorgung?“
„Kadett Rhodan, Sir.“
Michael straffte sich. „Das ist nicht nötig, Sir.“
Atlan fuhr herum und ging zu Michael. „Verdammt, wann werdet ihr Höhlenwilden endlich mal vernünftig? Du wirst dich jetzt zuerst behandeln lassen, keine Widerrede.“
Er winkte dem Captain. „Bitte stellen Sie einen Ihrer Männer ab, der Mr. Rhodan ins Lazarett begleitet und anschließend in den Besprechungsraum bringt. Sorgen Sie bitte auch dafür, dass alle mit Getränken versorgt werden. Ich meine damit ausschließlich Selterwasser. Vielleicht hilft das ja einigen dabei, wieder einen klaren Kopf zu bekommen und sich darüber bewusst zu werden, was sie hier angestellt haben.“
Damit drehte er sich brüsk um, ohne noch einen Blick auf die Kadetten und das MP-Kommando zu werfen. „Kommt ihr mit?“, fragte er über die Schulter Perry, Bully und Gucky.
„Klar, was dachtest du denn“, piepste der Mausbiber. „Soll ich euch hinbringen?“
„Nein, ich brauche ein paar Schritte zu Fuß“, meinte Atlan nur.
Gucky seufzte. Jeder wusste, dass er nicht gerne zu Fuß ging. Bully erlöste ihn aus der Verlegenheit. „Komm, Kleiner, ich trage dich, wenn du willst.“
„Oh, schön.“ Seiner piepsigen Stimme fehlte die sonstige Fröhlichkeit, als er sich von Bully aufheben ließ.

**********

„Was ich jetzt tun muss – darüber brauchen wir nicht reden, oder?“
Atlan verteilte echten terranischen Kaffee aus dem Servo für Perry, Bully und sich. Der Mausbiber bekam seinen heißgeliebten Möhrensaft.
„Ja, ich weiß“, fuhr er fort, an Perry und Bully gewandt. „Mutantenverhöre oder mechanisch-hypnosuggestive Verhöre sind bei Disziplinarvergehen nach den Statuten von Flotte und USO verboten. Ich gedenke auch nicht, Guckys Mitteilungen zu verwenden. Aber ich will sicher sein. Denn ich kann mir schon denken, was da in etwa geschehen ist.“
„Wie kommst du darauf, dass wir etwas dagegen haben?“, knurrte Bully. Perry sagte gar nichts. Er hörte nur zu.
„Also dann.“ Gucky machte es sich mit seinem Möhrensaft auf Atlans Couch gemütlich und berichtete über das Ergebnis seines telepathischen Verhörs.
„Ich hole etwas weiter aus, damit ihr, Perry und du, Dicker, auch Bescheid wisst. Es gibt in diesem Lehrgang eine Gruppe von fünf Kadetten, ich würde schon eher Gang dazu sagen. Die wird von einem Thomas Retcliffe angeführt. Die Burschen sind Unruhestifter, egal wobei. Sie versuchen immer wieder, den Mist, den sie gebaut haben, anderen in die Schuhe zu schieben. Dazu glänzen sie noch mit grottenschlechten Leistungen. Insgesamt die Sorte Offiziere, die wir wirklich nicht brauchen!“
Niemand nahm im Moment Anstoß an dem saloppen Ton von Gucky.
„Nun haben Mike und seine beiden Freunde in aller Ruhe gegessen und an einem anderen Tisch nochmal vier Kadetten, die nichts wollten, als in Ruhe essen und dabei über einige knifflige Prüfungsvorbereitungen reden. Dieser Retcliffe und seine Leute haben sich, nachdem ein Tisch frei war, in ihre Nähe vorgearbeitet und versucht, sie mit Worten zu provozieren. Die wollten einfach nur stänkern. Michael hat seine beiden Freunde und die anderen zurückgehalten, darauf zu reagieren. Aber dann zauberte Retcliffe plötzlich das Messer aus der Tasche und ging damit auf den einen Freund von Mike los, einen Cyprus Kentrock. Der Junge ist sehr sensibel, eigentlich viel zu sensibel, um mal einen guten Offizier abzugeben. Retcliffe weiß das natürlich, deshalb ist er immer wieder ein willkommenes Opfer für ihn. Mike trat ihm das Messer aus der Hand, ehe er zustechen konnte. Daraufhin fielen die anderen vier dieser Gang über ihn her. Die anderen wollten ihm helfen – und es kam zu einer Massenprügelei, die niemand mehr überblicken konnte. Den Rest kennt ihr ja schon. Das ist alles.“
„Reicht auch“, meinte Perry tonlos. „Was nun, Atlan?“
„Das Übliche in solchen Fällen.“ Er legte Perry die Hand auf die Schulter. „Es tut mir sehr leid. Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst. Ich fühle mich genauso, glaub es mir. Aber ich kann nicht gegen den Strom schwimmen, weil dein Sohn dabei ist. Außerdem würde Mike das nicht wollen. Ich glaube, damit würden wir ihn bis in sein Innerstes verletzten. Er würde es als Bevorzugung ansehen. Wie empfindlich er da reagiert, wissen wir doch von der Sache mit Professor Townsend. Das haben wir just wieder geradegebogen. Wir wären sehr dumm, wenn wir das jetzt durch eine Bevorzugung wieder zunichtemachen würden.“
Perry schluckte hart. „Es sei denn, die Schuldigen reden freiwillig. Das ist die einzige Möglichkeit. Denn alle anderen werden nichts sagen. So sehr sich diese Kadetten auch ins Abseits gestellt und danebenbenommen haben, für sie gilt wie für alle anderen auch der Ehrenkodex.“
Alle dachten an den Ehrenkodex von Flotte und USO. Dieser wurde schon den Akademieschülern vermittelt. Wenn alle zusammen Fehler gemacht hatten, standen alle zusammen dafür ein und nahmen die Strafe gemeinsam auf sich. Wenn nur einer oder einige schuldig waren, war es für diese eine Sache der Ehre, sich zu stellen und die Strafe, egal was vom kommandierenden Offizier verhängt wurde, zu akzeptieren. Auf der anderen Seite verriet niemand einen Kameraden, auch wenn dieser sich nicht freiwillig stellte. Wenn alle so die Strafe für einen Schuldigen auf sich nehmen mussten, wurde dieser hinterher im Kameradenkreis über seine Feigheit entsprechend „belehrt“. Das wussten die kommandierenden Offiziere und es wurde von ihnen toleriert.
„Atlan, können wir uns hier nicht einmal über die Vorschriften hinwegsetzen und ganz offiziell ein Mutantenverhör anordnen?“
„Nein, alter Freund. Das weißt du doch. Wir können es Mike nicht ersparen.“
„Es war ja auch nur so eine Idee.“
„Es freut mich, dass du sie hattest. Weißt du, dass du gerade nicht als pflichttreuer Flottenchef gesprochen hast, sondern ausschließlich als Vater?“
„Mich freut es auch, Alter“, bestätigte Bully. „Komm, Kopf hoch. Mike wird es ertragen, wie alle anderen auch. Oder ist hier vielleicht jemand der Meinung, dass die Unruhestifter sich stellen werden?“
Niemand antwortete.
Das Summen des Interkoms unterbrach ihre Überlegungen. Das Labor meldete sich. Der Captain des MP-Kommandos hatte ohne weiteren Hinweis der führenden Männer seine Arbeit gemacht und das sichergestellte Messer zur Untersuchung weitergereicht.
„Sir“, berichtete er. „Leider lassen sich an dem Messer weder Fingerabdrücke noch Gen-Spuren sicherstellen. Anscheinend hatten diejenigen, die es angefasst haben, künstliches Bioplasma auf die Hände aufgesprüht.“
„Danke für Ihre schnelle Arbeit“, antwortete Atlan nur und schaltete ab.
„Damit hatte ich gerechnet, Freunde. Wir müssen demzufolge annehmen, dass die Sache geplant war. Deshalb sollten wir nicht damit rechnen, dass Retcliffe redet. Und eine andere Möglichkeit als ihm gleich noch einmal ins Gewissen zu reden, haben wir leider nicht.“
Er straffte sich. „Also bringen wir es hinter uns. – Perry, es tut mir leid. Ich leide darunter genauso wie du. Also die Nervenpeitsche, es nützt nichts.“
Bully versuchte den Freund noch einmal zu trösten. „Atlan kann nicht anders.“
Eine echte Prügelstrafe gab es weder bei der Flotte noch bei der USO. Mit einer Ausnahme: bei Schlägereien mit Einsatz gefährlicher Waffen, die im Extremfall tödlich wirken konnten oder bei tätlichen Angriffen auf Offiziere. Alles andere wurde mit Degradierungen, Versetzungen, Strafdiensten oder auch Arrest geahndet.
Bei diesen Vergehen legten aber alle Wert darauf, den Betroffenen drastisch vor Augen zu führen, was sie verbrochen hatten. Deshalb wurden sogar Offiziere bis zum Rang eines Majors in diesem Fall noch so bestraft, nicht nur Mannschaften.
In der Regel gab es bei den Betroffenen auch keine Wiederholungen. Die Strafe wirkte nachhaltig.
Natürlich wurde niemand mehr wie in vergangenen Zeiten auf Terra wirklich ausgepeitscht. Die Peitsche bestand aus einer Nervenpeitsche, die lediglich bei Berührung ein gewisses Schmerzempfinden bei dem Betroffenen auslöste, ohne ihn zu verletzten. Diese Intensität konnte in mehreren Stufen eingestellt werden, je nach der Schwere des Vergehens.
Ansonsten spielte bei dieser Strafe viel der psychologische Aspekt mit. Der Verurteilte wurde genau wie früher vor der gesamten Einheit festgebunden und der Strafe unterzogen. Viele Betroffene hielten dem psychischen Druck nicht stand und brachen schon vor Beginn oder während des Vollzugs zusammen.
Es lag im Ermessen des kommandierenden Offiziers, der auch die Strafe festlegte, wann sie als abgeleistet galt. Das konnte genauso schon kurz nach dem Beginn wie erst am Ende des Vollzugs sein.
Gerade als sie den Raum verlassen wollten, piepste Gucky schrill auf. „Nein, das kann er nicht tun.“
Alle zuckten zusammen. Atlan schaltete am schnellsten. „Mike?“, fragte er nur. Niemand verlor ein Wort darüber, dass Gucky wieder mal spioniert hatte.
Aus Guckys Augen liefen Tränen. „Der Junge ist verrückt. Das halte ich nicht aus.“
„Doch, das wirst du, genauso wie Mike und wir alle.“ Atlans Stimme war kalt wie Eis. „Ich ahne, was er vorhat. Wenn ihr jetzt mitkommt, dann bitte ich euch, nicht einzugreifen. Ich weiß, was ich tue, auch wenn es euch sehr hart vorkommt. – Aber ihr müsst nicht mit, es ist eine USO-Angelegenheit.“
„Wofür hältst du uns“, brummte Bully missmutig. „Das stehen wir alle zusammen durch, auch zusammen mit diesem verrückten Bengel. – Nein, ich kann nicht neuerdings Gedanken lesen, aber ich kann dafür ein wenig denken.“
„Sehr schön, Herr Staatsmarschall. Dann also los.“
Hoffentlich versteht Perry dich wirklich, meldete sein Extrasinn sich. Wenn ja, ist es die Chance, dass Michael sich vor seinem Vater auszeichnen kann und endgültig sein seelisches Gleichgewicht zurückerhält – sofern er dem psychologischen Druck der Strafe standhält.
Er wird, gab Atlan kurz zurück. Sonst habe ich mir völlig unnötig die Mühe gemacht, ihn auszubilden. Und Perry wird mitspielen, da bin ich mir sicher.

**********

Achtung!“
Atlan und seine Begleiter erwiderten den Gruß der aufspringenden Kadetten militärisch korrekt. Niemandem war eine Gemütsregung anzusehen.
„Bitte setzen Sie sich, meine Herren.“
Er musterte Michael eingehend. „Was sagt der Arzt zu Ihrem Zustand, Kadett Rhodan? Hat er sie als dienstfähig entlassen?“
„Ja, Sir. Voll dienstfähig.“ Der Arzt und ein Medoroboter hatten die Blutung seiner Kopfwunde gestillt, ihn mit Bioplast versorgt und ein kreislaufstabilisierendes Mittel verabreicht.
„Danke. Dann können wir uns ja dieser unangenehmen Angelegenheit widmen. Hat irgendjemand etwas zu sagen? Es wird manch einen unter Ihnen sicherlich nicht überraschen, dass an dem Messer keine Fingerabdrücke oder Genspuren gefunden worden sind. Also können wir keinen Beweis führen, wer der Auslöser Ihrer Schlägerei gewesen ist. Deshalb appelliere ich an Ihre Fairness und ihr Verantwortungsgefühl Ihren Kameraden gegenüber, sich zu stellen und den anderen die Strafe zu ersparen. Sicherlich wissen Sie, was sonst auf Sie alle zukommt. Ich gehe davon aus, dass die entsprechenden Belehrungen am Beginn Ihrer Ausbildung noch nicht in Vergessenheit geraten sind.“
Die führenden Männer des Imperiums erhielten nur Schweigen als Antwort. Sie beobachteten die Kadetten ganz genau. Thomas Retcliffe gab sich überhaupt keine Mühe, seine Arroganz und die Sicherheit, in der er sich wiegte, zu verbergen. Cyprus Kentrock, einer der Freunde von Michael konnte der ganzen Situation kaum noch standhalten. Er zitterte am ganzen Körper.
„Also nicht“, fuhr Atlan nach einigen Minuten des Schweigens fort. „Ich hatte es nicht anders erwartet. Mir ist klar, dass Sie alle wissen, wer der Anstifter war. Demjenigen sage ich ganz offen, dass ich Sie für feige halte, weil Sie sich nicht zu Ihrem Vergehen bekennen und andere für sich büßen lassen wollen. Den anderen möchte ich meine allergrößte Hochachtung dafür aussprechen, dass Sie sich auch im Angesicht der Strafe, die ich für Sie alle verhängen muss, an den Ehrenkodex halten. Es zeigt mir, dass unsere jungen Terraner wissen, worauf es ankommt.“
Retcliffe grinste noch unverschämter. Er meldete sich zu Wort. „Sir, darf ich nach dem Grund der Anwesenheit von Sonderoffizier Gucky fragen? Mutantenverhöre sind, wie Sie sicherlich wissen, bei Disziplinarvergehen, egal welcher Art nicht zulässig.“
Atlan beherrschte sich mühsam. „Kadett Retcliffe, wie können Sie sich anmaßen, mich belehren zu wollen? Die Anwesenheit von Sonderoffizier Gucky hier geht Sie gar nichts an. Oder wollen Sie mich jetzt auch noch auf die Tätigkeit Ihres Herrn Vaters bei dieser sogenannten ‚Menschenrechtskommission’ hinweisen? Dann würde ich mich gerade jetzt fragen, ob es zwischen Ihrem häufigen disziplinlosen Benehmen und den Ansichten Ihres Vaters einen bestimmten Zusammenhang gibt.“
Perry und Bully blickten sich überrascht an. Gucky erläuterte: „Der Herr Lordadmiral war mit seiner USO schneller als eure Abwehr.“
Atlan blickte kurz zu seinen Freunden hin, dann wandte er sich wieder an die Kadetten.
„Bleibt es bei Ihrer Weigerung, eine Aussage zu machen?“
Wieder erhielt er keine Antwort. Er holte tief Luft.
„Ich nehme das so zur Kenntnis. Natürlich wissen der Großadministrator, der Staatsmarschall und ich dank der Informationen von Sonderoffizier Gucky bereits, wer die Anstifter Ihrer Schlägerei waren und was sich genau abgespielt hat. Aber, besonders Sie, Kadett Retcliffe, brauchen mich nicht noch einmal darauf hinzuweisen, dass ich diese Erkenntnis nicht für meine Entscheidung zugrunde legen darf. Damit werden mit der kollektiven Bestrafung, die ich zu verhängen habe, Unschuldige getroffen, die für die Schuldigen den Kopf hinhalten müssen.“
Atlan suchte Perrys Blick. Der nickte ihm gefasst zu.
Die Stimme des Arkoniden wurde kalt wie Eis, als er sein Urteil verkündete. „Ich verurteile Sie alle kollektiv zu einer Auspeitschung mit der Nervenpeitsche. Jeder von Ihnen erhält ein dutzend Schläge mit höchster Intensität. Die Strafe wird morgen Mittag um 12.00 Uhr im großen Übungsraum vollzogen im Beisein Ihrer gesamten Ausbildungsgruppe und der Ausbildungsoffiziere. Sie alle haben sich um 10.00 Uhr dort einzufinden. Es findet eine ärztliche Untersuchung statt, damit ich sicher bin, dass alle in der Lage sind, der Bestrafung standzuhalten. Haben Sie noch weitere Fragen?“
Atlan blickte die Kadetten bewusst hart und emotionslos an. Aber auch das verhinderte nicht, dass Michael mit steinernem Gesichtsausdruck aufstand.
„Sir?“
„Ja, möchten Sie eine Aussage machen?“
„Nein, Sir. Ich möchte eine Bitte äußern. Nach den Statuten der USO bitte ich um die Genehmigung, die Strafe für alle meine Kameraden auf mich nehmen zu dürfen. Es sind Kameraden, die lediglich Opfer sind, aber durch ihren Ehrenkodex genau wie ich daran gehindert werden, eine Aussage zu machen. Diese Kameraden möchte ich nicht dieser harten Strafe aussetzen. Den anderen sage ich ganz deutlich: ihr seid schon immer Unruhestifter gewesen, aber dass ihr solche Feiglinge seid, Unschuldige büßen zu lassen, erfüllt mich mit Verachtung. Seid sicher, ihr werdet irgendwann eure Strafe dafür bekommen.“
Atlan ging einige Schritte auf Michael zu, der immer noch in militärisch strammer Haltung vor ihm stand. „Du weißt, was das bedeutet, Michael?“ Atlan fiel ganz bewusst in das vertraute du. „Ist dir klar, worauf du dich einlässt? Hast du dir ausgerechnet, was es bedeutet, die Strafe für alle auf dich zu nehmen? Wieviel Schläge das zusammen sind? Bist du dir sicher, dass du das aushältst?“
Michaels Gesicht wurde immer blasser und härter. „Ja, Atlan. Es sind zusammen 144 Schläge und ich werde mein Bestes geben, es auszuhalten, in jeder Beziehung.“
Er wandte sich an seine Kameraden. Einige, unter anderem Robert, traten aus der Reihe vor und stellten sich neben ihn.
Michael musterte sie abschätzend, dann schüttelte er den Kopf.
„Danke, Kameraden, für euer Angebot. Es freut mich, dass wir so zusammenstehen. Aber – ohne jetzt angeben zu wollen, es ist lediglich eine Tatsache – ich habe die beste Kondition von uns allen. Also ist es mein Recht genauso wie meine Pflicht, das auf mich zu nehmen.“
Wieder traf sein verachtungsvoller Blick die Fünfergruppe. „Wenn wir uns eines Tages außerhalb dieses Rahmens treffen, dann zeige ich euch, was ich von Feigheit halte.“
Und zu den anderen Kadetten: „Kameraden, es ist mir eine Ehre.“
Die ganze Front außer der Gruppe um Retcliffe gab ihm nacheinander schweigend die Hand.
Perrys Empfindungen wechselten zwischen Mitgefühl für Michael und Stolz für seinen Mut und Rührung darüber, wie anerkannt er schon in seinen jungen Jahren bei anderen war.
„Wegtreten“, befahl Atlan hart. „Sie begeben sich direkt von hier in Ihre Quartiere und stehen bis zum Vollzug der Strafe morgen früh unter Stubenarrest.
Die Gruppe der Kadetten löste sich auf. Michael schlug zusammen mit seinen beiden Wohnungsgenossen den Weg zu ihrer Unterkunft ein.
Atlan winkte Perry und den anderen, ihm in seine privaten Räume zu folgen.
Dort drückte er Perry in einen Sessel. Bully drückte ihm ein Glas mit einer braunen Flüssigkeit in die Hand. „Trink. Das hilft.“
Perry trank das Glas in einem Schluck aus. Er hustete, als der Alkohol warm in seinen Magen rann. „Mann, Atlan, was hast du hier für Zeug?“
Der hob die Schultern. „Nichts Besonderes. Nur meine ‚Medizin’ für gewisse Notfälle wie diesen. 90%-igen Rum, unverdünnt. Ist dir jetzt besser?“
„Ja, danke. Und nun?“
„Gar nichts und nun. Jetzt müssen wir alle die Nerven behalten. Ich hatte damit gerechnet, dass Mike so reagiert.“
Perry nickte. „Ich bin auf den Jungen wahnsinnig stolz, aber es ist doch verrückt, was er da macht. Wie will er das aushalten?“
Atlan lächelte warm. „Genauso wie du es aushalten würdest, wenn du in seiner Lage wärst. Wie hättest du entschieden?“
Perry überlegte kurz. „Genauso. – Wann wirst du die Bestrafung abbrechen und ihm den Rest erlassen?“
„Gar nicht.“
Perry fuhr hoch. „Atlan, das kannst du doch nicht … der Junge opfert sich für alle anderen. Sollte da nicht schon die Geste reichen?“
„Theoretisch ja. Bei jedem anderen würde ich es auch machen. Aber nicht bei Mike. Überleg doch mal …“
Perry schüttelte verzweifelt den Kopf. „Das kann ich nicht. Ich verstehe dich nicht.“
„Aber ich“, mischte Bully sich ein. „Wenn Atlan die Bestrafung vorzeitig abbricht, sieht das für Michael wie Bevorzugung aus. Und gerade damit würden wir ihn mehr verletzten, als wenn er irgendwann im Laufe der Bestrafung umkippt. Womit ich ohnehin rechne bei der Menge an Schlägen.“
„Ich würde an seiner Stelle alles versuchen, bis zum Ende durchzuhalten“, flüsterte Perry leise.
„Schau an“, versuchte Atlan zu spötteln. „So langsam scheint dein Verstand wieder zu funktionieren. Und da dein Sohn sehr viel von dir geerbt hat und auf jeden Fall vor dir bestehen will …“
Perry wurde noch blasser, als er ohnehin schon war.
„Willst du damit sagen, dass ich es mir anschauen soll? Dass ich dabei sein soll, wie mein Sohn sich unter der Peitsche windet, eventuell vor Schmerzen schreit?“
Gucky kuschelte sich auf Perrys Schoss zusammen. Ernst suchte er seine Augen. „Wir alle werden dabei sein. Was dachtest du denn von uns?“
„Ich kann es nicht von dir verlangen“, warf Atlan ein. „Aber ich bitte dich darum. Sei bei ihm, gib ihm das Gefühl, dass du stolz auf ihn bist. Gib ihm durch deine Anwesenheit die Kraft, es auszuhalten. Dann schafft er es auch. Denn genau das will er. Dass er seine Kameraden schützen will, ist eine Sache, die ich sehr hoch anerkenne. Das andere ist aber, dass er vor dir bestehen will, dein Lob bekommen möchte.“
Perry barg das Gesicht in den Händen. „Ich habe Angst davor, ihn so leiden zu sehen.“
Atlan nickte ernst. „Perry, auch ich habe Angst davor. Aber die größte Angst jetzt dürfte Michael haben, glaub es mir. Allein das ist für ihn mit am schlimmsten, die Angst vorher, die er bewältigen muss. Das gehört auch mit zur Strafe. Sehr viel davon ist ein psychologisches Konstrukt. Wir hätten die Strafe natürlich auch sofort vollziehen können. Aber der Verurteilte oder eben jetzt Mike für alle soll auch seine Angst erleben müssen. Das gehört genauso dazu wie die Prügel an sich.“
„Eine harte Strafe. Mir war bis jetzt gar nicht so bewusst, wie hart sie wirklich ist.“
„Ja, Höhlenwilder. Das merkt man erst, wenn man selbst mit betroffen ist.“
Atlan ging zu einem kleinen Schrank und nahm einen Holzstab heraus. Er überreichte ihn Perry.
„Geh morgen direkt vor Beginn des Vollzugs zu Mike und gib ihm das. Von dir, nicht von mir! Es ist eine kleine Hilfe für ihn. Er soll ganz fest draufbeißen. In dem Stab sind ein Sedativum und ein schmerzstillendes Medikament. Er wird aber nichts davon merken, weil es absolut geruch- und geschmacklos ist. Dadurch wird er die Schmerzen zwar wahrnehmen, aber nicht in voller Intensität. Außerdem unterdrückt das Zeug die vegetativen Reaktionen der Angst. Er wird die Angst zwar weiterhin voll erleben, aber sein Körper reagiert nicht mit. D.h. er kommt nicht in Gefahr, vor Schwindel nicht mehr stehen zu können oder sich zu erbrechen. Sage es ihm aber nicht. Wenn er es weiß, wird er es ablehnen, weil er es unbedingt von sich aus ohne Unterstützung schaffen will. Weißt du, kleiner Barbar, dein Sohn hat schon einen immensen Stolz und auch viel Trotz in sich.“
Perrys Gesicht wurde sehr weich. „Atlan, danke.“
„Klar, dachtest du, dass ich Mike unnötig leiden lasse?“
„Du denkst an alles. Muss ich noch fragen, wer das Teufelszeug entwickelt hat? Ich glaube nicht, oder?“
„Natürlich die Aras, wer sonst? Und – Gucky – falls du auf die Idee kommen solltest, die Einstellung der Peitsche telekinetisch zu verändern – lass es. Die Dinger sind so programmiert, dass sie jede Änderung sofort mit einem lautstarken akustischen Signal kundtun. Leider – sonst würde ich die Idee sehr gut finden.“
Gucky fiepte traurig. Atlans hatte genau erkannt, was er vorhatte.
Perry erhob sich. „Dann sollten wir mal versuchen, ein wenig Schlaf zu finden. Ob ich noch einmal zu Mike gehe?“
Atlan schüttelte sehr ernst den Kopf. „Lass es. Damit muss der Junge jetzt allein klarkommen. Für sich selbst. Das schafft er auch, oder, Gucky?“
Der zeigte ganz kurz seinen Nagezahn. „Mike ist soweit okay. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Der Junge hat wirklich Mut. Er ist fest entschlossen, das durchzustehen und ist überzeugt davon, dass er es schafft.“
„Das freut mich“, meinte Perry. In seine eisgrauen Augen trat ein stolzes Leuchten.
Er war so versunken in seine Gedanken, dass er die Blicke nicht bemerkte, die Atlan und Bully mit Gucky tauschten.

**********

Michael war innerlich bei weitem nicht so gelassen, wie er sich äußerlich gegeben hatte. Im Gegenteil: er hatte Angst und er gab das vor sich selbst ganz offen zu. Trotzdem empfand er auch eine gewisse Zufriedenheit, nämlich, dass er den Mut aufgebracht hatte, sich für alle zu stellen. Es ärgerte ihn maßlos, wenn er daran dachte, dass Unruhestifter wie Retcliffe und seine Gruppe davon profitierten, aber für ihn waren zwei Punkte sehr wichtig: zum einen, dass keine Unschuldigen bestraft wurden. Dass er selbst auch unschuldig war, daran verschwendete er keinen Gedanken. Für ihn war es selbstverständlich, dass in einer Gruppe jeder für den anderen einstand und er hatte nun einmal die beste Kondition und die beste Widerstandsfähigkeit von allen, das hatte sich schon öfter erwiesen. Also war er derjenige, dem das hier zukam. Das war für ihn eine Selbstverständlichkeit.
Zum anderen war dies für ihn die Gelegenheit, auf die er schon lange gewartet hatte. Vor seinem Vater eine Aufgabe zu meistern, die ihm alles abfordern würde. Dabei hoffte er, dass sein Vater persönlich anwesend sein würde. Trotz der zahlreichen Missverständnisse mit ihm konnte er sich sehr gut in ihn hineinfühlen. Sicherlich würde es ihm sehr schwerfallen, aber Michael hatte das Gefühl, dass sein Vater bei ihm sein würde. Es würde ihn auf der einen Seite anspornen, durchzuhalten und auf der anderen Seite ihn allein durch seine Anwesenheit stärken.
Zusätzlich forderte ihn im Moment noch ein anderes Problem. Cyprus Kentrock hatte sich im Laufe der letzten Wochen zunehmend als emotional nicht belastungsfähig genug für eine Offizierslaufbahn erwiesen. Dabei war er sowohl in den sportlichen als auch in den theoretischen Disziplinen hervorragend, ihm fehlte nur lediglich die mentale Stärke. Dabei war er von Grund auf ein zuverlässiger Kamerad, auf den sich jeder verlassen konnte. Jetzt, wo es darum ging, zuzuschauen, wie ein Kamerad der wohl härtesten Strafe unterzogen wurde und dieser Kamerad auch noch die Strafe für alle zwölf Verurteilten auf sich nahm, war er endgültig am Ende seiner Kräfte.
Michael musterte ihn abschätzend. Dann traf er seine Entscheidung. Er musste Cyprus jetzt härter anfassen, sonst würde er spätestens morgen beim Vollzug zusammenbrechen. Seine letzten Kräfte mussten in ihm mobilisiert werden.
„Cyprus“, sprach er ihn mit eiskalter und fester Stimme an. „Sieh mich an und hör mir genau zu.“
Er packte den Kameraden an den Schultern und zwang ihn, ihn anzusehen. Cyprus schauderte, als er in die eiskalten nachtblauen Augen von Michael blickte. „Mike, ich halte das nicht durch, ich schaffe es nicht“, murmelte er leise.
„Quatsch. Jetzt hör mir mal ganz genau zu: du wirst das morgen durchstehen, genau wie ich es durchstehen werde. Das erwarte ich ganz einfach von dir. Und denke immer daran: Ich stehe unter der Peitsche, nicht du! Und wenn ich es schaffe, ist es deine verdammte Pflicht, es genauso zu schaffen! Sind wir uns da einig?“
Er hatte in dem klaren und kalten Befehlston eines Offiziers im Einsatz gesprochen, den sie immer und immer wieder geübt hatten. Ein Offizier musste eine klare, knappe und präzise Ausdrucksweise haben.
„Ich bin nicht zum Offizier geschaffen. Am liebsten würde ich die Prüfungen gar nicht erst ablegen und vorher aufhören.“
„Jetzt ist es aber gut. Du wirst deine Prüfungen ablegen, du hast schon zu viel geschafft. Ob du danach gleich den Dienst quittierst, musst du für dich selbst entscheiden, aber wirf nicht dein Leutnantspatent weg.“
„Falls ich es denn überhaupt schaffe.“
„Davon gehe ich aus.“ Michael lächelte verhalten. Er kannte Atlan. Cyprus würde höchstwahrscheinlich seine Examina bestehen. Falls er überhaupt einberufen würde, dann auf einen Posten, den er auch ausfüllen konnte. Niemals würde Atlan ihn in einen offenen Kampfeinsatz schicken.
„Vielleicht sollte ich zu Atlan gehen und ihm sagen, wer die Schuldigen sind. Ehrenkodex hin oder her, aber das hier geht zu weit.“
Michael fuhr auf. „Kamerad, ich bitte dich in aller Form darum, nichts Derartiges zu tun, bevor der Vollzug beendet ist. Danach möchte ich dir nicht reinreden, das musst du selbst entscheiden. Aber bitte nimm mir nicht die Chance, es vollkommen durchzustehen.“
Cyprus wurde ganz still. Robert, der Dritte im Bunde, lächelte fein. Er hatte ein sehr ausgeprägtes Einfühlungsvermögen und wenn man über Wochen in einer Gemeinschaftsunterkunft lebte, lernte man sich zwangsläufig etwas näher kennen.
„Wegen deinem Vater? Eine Art persönlicher Mutprobe?“, vermutete er.
Michael nickte. „Es wird euch vielleicht makaber erscheinen. Aber es freut mich auch, endlich eine Gelegenheit dazu zu bekommen. Also werde ich sie nicht ausschlagen.“
Cyprus war noch nicht ganz überzeugt. „Ich habe Angst, echte Angst. Mir ist richtig übel.“
Michael seufzte auf. „Was meinst du, was ich habe? Mir ist im Moment so kotzübel, dass ich am liebsten jetzt sofort in die Hygienekabine gehen würde und einfach nur spucken. Aber ich kämpfe dagegen an, und du solltest es auch machen. Und weißt du, warum?“
„Nein …“
„Aus einem einzigen Grund: wenn du jetzt nachgibst, erlaubst du der Angst, dich zu beherrschen. Dann hast du verloren und sie wird dich auch morgen noch beherrschen. Willst du morgen vor allen anderen umkippen und spucken müssen? Ich nicht, Kamerad!“
Cyprus überlegte einen Moment. „Okay. Ich versuche mich zu beherrschen.“
„Gut“, nickte Michael. „Lass dir sonst morgen früh bei der Medokontrolle was geben gegen Übelkeit. Du darfst das, ich nicht.“
Robert schaute auf sein Armbandchronometer. „Lasst uns schlafen gehen. Besonders Michael braucht noch etwas Ruhe. Unseren gemütlichen Abend habe ich mir anders vorgestellt.“
„Nicht nur du.“ Michael grinste schief. „Aber du hast recht. Versuchen wir noch etwas Ruhe zu bekommen. Ich hoffe, dass ich schlafen kann.“
„Schlafmittel?“, fragte Robert einfach.
„Nein. Mir zu riskant. Ich muss morgen früh völlig klar im Kopf sein. Cyprus, falls du nicht zur Ruhe kommst, gehe bitte zu Robert. Mich lasst, wenn es geht, völlig allein. Ich muss sehen, dass ich mit mir selbst klarkomme.“
Robert lächelte verstehend. „Natürlich.“ Er stieß Cyprus an. „Komm, wir trinken noch einen Fruchtsaft zusammen, dann versuchen wir zu schlafen. – Gute Nacht, Mike. Du weißt, dass wir morgen bei dir sind.“
„Das weiß ich. Danke, Kameraden.“ Michael erhob sich, nickte den Kameraden zu und verschwand in seinem Zimmer.
Als er allein war, fiel alle vorgeführte Gelassenheit von ihm ab. Mit großer Anstrengung schaffte er es, sich auf sein Bett zu legen und die Übelkeit und das Schwindelgefühl, das ihn beherrschte, zu unterdrücken. Mühsam trank er einige kleine Schlucke Wasser und versetzte sich dank der von Atlan gelernten Meditationstechniken des arkonidischen Dagor in eine Art Trance-Zustand. Dieser erlaubte ihm einen gewissen gefühlsmäßigen Abstand von der Situation, in der er sich befand. Immer wieder verstärkte er für sich das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und ihr nicht ausgewichen zu sein. Er wusste, dass es morgen sehr hart für ihn werden würde.
Schließlich gelang es ihm, einzuschlafen und er schlief tief und traumlos bis zum frühen Morgen.

**********

Die komplette Kadettenkompanie hatte sich in dem großen Übungsraum versammelt und Aufstellung genommen. Der Ausbildungssergeant stand neben der Truppe. Der einzige, der noch fehlte, war Michael.
Vor der Front hatten Roboter ein großes Gestell aufgebaut, das Ähnlichkeit mit einer altertümlichen Teppichstange bzw. einem Turnreck hatte. Von ihm hingen starke Seile herab. Davor stand ein mannshoher dicker Poller. Die beiden Roboter, die die Bestrafung vollziehen würden, standen daneben. Man war schon lange davon abgegangen, diese schwere Strafe von Menschen vollziehen zu lassen. Damit sollten spätere Missbefindlichkeiten vermieden werden. Niemand konnte ganz vergessen, wer ihn dort geschlagen und geschunden hatte.
Hier würde Michael festgebunden werden, das Gesicht zu seinen Kameraden und zu den Zeugen gewandt. Niemandem würde die kleinste Regung von ihm entgehen.
Robert und Cyprus standen zwischen ihren Kameraden. Die Gruppe um Retcliffe zeigte ein hämisches Lachen. Sie waren sich sehr sicher, dass man ihnen nicht beikommen konnte. Im Gegenteil, sie rechneten damit, dass die Bestrafung im letzten Moment noch abgesagt werden würde, weil sich niemand von ihnen vorstellen konnte, dass der Großadministrator zulassen würde, dass sein Sohn ausgepeitscht wird.
Diese Hoffnung hatte auch Cyprus am Morgen noch Michael gegenüber geäußert. Der hatte nur wortlos den Kopf geschüttelt. Er wusste, dass sein Vater ihn niemals bevorzugen würde. Außerdem war das auch das Letzte, was er selbst wollte, egal wie hart es für ihn werden würde. Er hatte seine Entscheidung getroffen und würde zu seinem Wort stehen. Jetzt wollte er es nur noch so schnell wie möglich hinter sich bringen.
„Achtung“, erscholl das Kommando des Ausbildungssergeanten. „Offiziere betreten den Raum!“
Die Offiziersanwärter samt ihrem Sergeanten standen stramm.
Atlan betrat an der Spitze einer kleinen Gruppe den Raum. Sie wurde von Perry, Bully und Gucky gebildet. Die Gesichter von Atlan und Perry waren maskenhaft starr, Bully war hochrot angelaufen und schien kurz vor der Explosion zu stehen, Gucky watschelte mit hängendem Schwanz und verdecktem Nagezahn neben ihnen her.
„Offiziersanwärter vollzählig zur exekutiven Bestrafung angetreten“, meldete der Sergeant vorschriftsmäßig und grüßte exakt.
Atlan gab den Gruß zurück und musterte die Kompanie seines Lehrganges einen Augenblick.
„Meine Herren“, begann er dann. „Gleich wird einer Ihrer Kameraden hier vor Ihren Augen einer extrem harten Strafe unterworfen – und zwar deshalb, weil er freiwillig die Strafe für Sie alle auf sich genommen hat, um Sie davon freizustellen. Ich appelliere an diejenigen unter Ihnen, die die Schuldigen sind, jetzt noch eine Aussage zu machen und Ihrem Kameraden Michael Rhodan diese Qual zu ersparen.“
Mit eiskaltem Blick musterte er die jungen Männer. Retcliffe war so abgebrüht, dass er sich ein hämisches Lächeln nicht verkneifen konnte. Seine Anhänger senkten die Köpfe und musterten betreten den Boden. Allen anderen ließen ihre Blicke durch den Raum schweifen und vermieden es vor allen Dingen, Perry Rhodan direkt anzuschauen.
Sonst wäre ihnen sicherlich aufgefallen, dass der Flottenbefehlshaber dunkle Ringe unter den Augen hatte und sein Gesicht trotz des Zellaktivators grau und eingefallen wirkte. Perry musste sich mit Gewalt zusammenreißen. Er hatte die Nacht nicht geschlafen, was aufgrund des Aktivators für ihn kein großes Problem war, aber die Sorgen hatten an ihm genagt. Ohne seine besten Freunde an seiner Seite würde es ihm mit Sicherheit noch schwerer fallen, Zeuge dieser Bestrafung zu sein.
„Also nicht“, nahm Atlan den Faden wieder auf. „Das ist wirklich sehr schade. Aber ich hatte es auch nicht anders erwartet. Sie können bequem stehen. Sergeant“, wandte er sich an den älteren Mann, „bitte holen Sie Kadett Rhodan, wir wollen es hinter uns bringen.“
Der nickte und brüllte sein „Rühren“, bevor er den Raum verließ.
Cyprus schluckte hart. Er stand direkt neben seinem Zimmerkameraden Robert.
„Wie sollen wir das nur aushalten?“, flüsterte er mit erstickter Stimme.
Robert musterte ihn kurz. Genau wie Michael schon am Abend vorher erkannte er, dass die einzige Möglichkeit, Cyprus durch die nächste Stunde zu bringen, eine gewisse Härte ihm gegenüber war.
„Wir werden es aushalten, Cyprus. Jeder von uns. Und weißt du warum?“
Der schüttelte den Kopf.
„Aus zwei Gründen: Einmal wird Michael uns alle direkt ansehen können und müssen. Schau dir mal an, wie der Pfahl und die Stange aufgestellt sind. Und wenn er sieht, dass auch nur einer von uns Schwäche zeigt, wird ihn das noch mehr Kraft kosten. Wir dürfen ihm keine Kraft nehmen, sondern wir müssen versuchen, ihm noch welche zu geben. Verstehst du das und ihr anderen auch?“, wandte er sich an die Kameraden.
Von allen kam ein schwaches Nicken zurück. Jeder von ihnen fühlte sich elend. Schon allein deswegen, weil er selbst jederzeit in die Lage kommen konnte, über derartige Bestrafungen zu entscheiden.
„Der zweite Grund ist Michaels Vater. Schaut ihn euch alle an. Meint ihr, ihm fällt es leicht, gleich seinen Sohn da vorne zu sehen? Zuschauen zu müssen, wie er kämpft? Meint ihr nicht, dass er genauso wie Michael leiden wird? – Und wisst ihr was? Ich rechne es ihm extrem hoch an, dass er hier ist. Das ist eine USO-Angelegenheit. Es geht rein vorschriftsmäßig die Flotte nichts an. Er ist trotzdem hier. Habt ihr mal genauer hingeschaut oder euch nicht getraut?“
Verstohlen musterten alle den Großadministrator. Jetzt erst sahen sie, dass er nur seine normale Flottenuniform trug und keinerlei Rangabzeichen.
Robert lächelte traurig. „Das zeigt doch ganz klar und deutlich, dass er ausschließlich als Vater hier ist. Also sind wir uns alle einig, was sowohl Michael als auch sein Vater von uns erwarten?“
Nach und nach begriffen alle, sogar Cyprus.

**************

Gucky stieß Perry an. „Die Jungs sind klasse, besonders der eine Stubenkamerad von Michael. Der hat gerade den anderen klargemacht, was von ihnen erwartet wird. Super!“
Perry nickte. „Ja, ich habe auch gesehen, dass die was besprochen haben. Nur dieser Retcliffe und seine Gruppe sind abseits.“
„Die werde ich mir auch noch schnappen, Perry“, sagte Atlan tonlos. „Glaube nur nicht, dass die von mir ein Offizierspatent bekommen, auch wenn sie die Prüfungen unter normalen Umständen schaffen würden. Unterschätze keinen alten Arkoniden-Admiral.“
„Bestimmt nicht. Ich vertraue dir, Atlan.“

**********

Michael wartete allein in einem kleinen Nebenraum. Nachdem der Arzt ihn untersucht und sein Einverständnis zum Vollzug der Bestrafung aus medizinischer Sicht gegeben hatte, war er allein geblieben. Gemäß den Vorschriften würde er erst wieder einen Menschen oder einen Roboter zu sehen bekommen, sobald man ihn holen kam.
Er wusste, was auf ihn zukam. Bisher hatte er zwar nicht damit gerechnet, sich dieser harten Strafe jemals stellen zu müssen, aber er hatte sie während seiner bisherigen Ausbildung schon zweimal mit ansehen müssen. Beide Male hatte er Bewunderung für die Kameraden empfunden, aber er konnte sich trotzdem noch genau an ihre markerschütternden Schmerzensschreie unter der Peitsche erinnern. Ihm würde keinerlei körperliches Leid geschehen. Die Nervenpeitsche verursachte keine Verletzungen, und nach einer kurzen Zeit klang auch das Schmerzempfinden wieder ab, zumal nach Beendigung der Strafe umgehend Schmerzmittel und Kreislaufstabilisatoren von Medorobots verabreicht wurden.
Seine Stimmung war ruhig und gefasst. Er wollte es jetzt nur noch hinter sich bringen. Natürlich hatte er Angst, sein Herz klopfte um einiges schneller als er es von sich gewohnt war. Das gab er offen vor sich selbst zu. Aber es beunruhigte ihn nicht.
Früher, als er noch sehr jung war, hatte er Angstgefühl als ein Zeichen von Schwäche angesehen. Behutsam hatte Atlan ihm vermittelt, dass jedes normal empfindende Intelligenzwesen Angst empfand und auch empfinden musste. Angst war eine Schutzreaktion des Organismus, die unter Umständen lebensnotwendig werden konnten. Menschen, die keine Angst empfinden konnten, wurden nachlässig und überheblich, konnten ein Risiko nicht mehr realistisch einschätzen. Es kam lediglich darauf an, sich von der Angst nicht beherrschen zu lassen, sie zwar zu registrieren, aber ihre vegetativen Symptome wie Schwindel, Sehstörungen, Übelkeit, Kopfschmerzen und ähnliches nicht so weit hochkommen zu lassen, dass man nicht mehr handlungsfähig war.
Insofern war er gut vorbereitet, als der Sergeant den Raum betrat.
„Es ist soweit, Kadett Rhodan“, sprach der Mann ihn freundlich an.
Michael stand auf und straffte sich. „Dann lassen Sie uns gehen, Sir. Ich möchte es gerne hinter mich bringen.“
„Das glaube ich. Sie schaffen es, da bin ich mir ganz sicher. Sie gehören zu denjenigen, unter denen ich auch gerne dienen würde, sobald Sie Offizier sind.“
Michael lächelte bitter. „Bitte nicht, Sergeant. Sie sind so viel älter als ich und haben so viel mehr Erfahrung. lch bin noch viel zu jung dafür.“
„Nein. Bei bestimmten Menschen ist das keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Persönlichkeit. Und Sie haben diese Führungspersönlichkeit. Das habe ich gleich zu Anfang erkannt. Und bitte glauben Sie nicht, dass ich Ihnen jetzt Komplimente mache, weil Sie Rhodan heißen. Sonst hätte ich Sie wohl bei manchen Übungen eher geschont.“
„In denen Sie mich reichlich angetrieben, gescheucht und regelrecht niedergemacht haben. Das weiß ich, Sergeant. Das fand ich auch gut so.“
„Also sehen Sie.“ Er sah Michael abwägend an. „Wir sollten uns nach Ihrem Examen mal über eine bestimmte Sache unterhalten. Ich habe eine bestimmte Idee für Sie, könnte aber eine heiße Sache werden. – Wenn Sie dann überhaupt noch Lust haben, sich als Leutnant mit einem einfachen Sergeanten zu unterhalten.“
Michael holte empört Luft, aber sowohl er als auch der Sergeant wussten, dass das nur eine Art Spaß war, um die Spannung zu lösen.
„Ich komme darauf zurück. Jetzt möchte ich Sie noch etwas fragen …“
„Ob ihr Herr Vater hier ist?“
Michael nickte nur wortlos.
„Er ist hier. Möchten Sie das wirklich auch selbst?“
Ein erfreutes Leuchten glitt über Michaels Gesicht. Dad, dachte er bei sich. Du hast es also geschafft, dich freizumachen, für mich. Obwohl du sonst so wenig Zeit für deine Familie hast.
„Ja, Sergeant. Das möchte ich, weil ich ihm zeigen möchte, dass ich das schaffe, es aushalten kann, meinen Mann auch in einer solchen Situation stehe.“
Der Sergeant nickte sehr ernst. „Die Anwesenheit Ihres Herrn Vaters wird Ihnen sicherlich auch Kraft geben. Zusammen sind Sie stark. – Übrigens, Ihre Kameraden – bis auf jene, welche … werden Ihnen auch Stärke geben.“
„Wenn sie es schaffen“, meinte Michael traurig.
„Sie werden. Sonst werden sie ihren Ausbildungssergeanten noch einmal richtig kennenlernen. Das will ich niemandem raten.“
Michael wusste nicht, dass der Sergeant selbst Familienvater war und sich insofern sehr gut in seine Empfindungen und in die seines Vaters hineinversetzen konnte.

**********

Als Michael neben dem Ausbildungssergeanten die große Übungshalle betrat und dieser ihn nach vorne vor den großen Pflock und unter das Stangengerüst führte, hatte er zuerst das Gefühl, seine Beine würden unter ihm einknicken und er vor allen zusammenbrechen.
Mit Gewalt riss er sich zusammen. Lass dich nicht gehen, sagte er sich selbst. Du willst Offizier und auch Raumschiffkapitän werden. Wenn du hier versagst, bist du dazu nicht geeignet.
Trotzig hob er den Kopf. Sein Gesicht war hart und unbewegt. Niemand konnte ihm mehr eine Gefühlsregung anmerken.
In diesem Augenblick suchte und fand sein Blick den seines Vaters. Er glaubte darin Anerkennung zu lesen. Das gab ihm die nötige Kraft, die er jetzt brauchte, um zumindest erstmal den Beginn zu ertragen.
Stück für Stück, sagte er sich. Eines nach dem anderen.
Kurz überlegte er, ob er mentale Kraft für die Aufrechterhaltung seines Gedankenschirms aufwenden sollte. Er entschied sich dagegen. Der einzige Telepath, der hier anwesend war, war Gucky. Und vor dem Kleinen hatte er in einer solchen Grenzsituation keine Geheimnisse. Dass sein Vater mit seinen geringen telepathischen Fähigkeiten versuchen würde, in seine Gedanken einzudringen, glaubte er nicht.
Plötzlich fühlte er ganz kurz einen Halt von außen, so als ob sein Körper von einem unsichtbaren stützenden Gerüst umgeben war. Das konnte nur Gucky mit seinen telekinetischen Kräften sein, der ihm signalisieren wollte, dass er bei ihm war und mit ihm fühlte und ihn unterstütze, soweit er es konnte.
Atlan löste sich aus der Gruppe der hohen Offiziere und trat vor ihn hin. Sein Gesicht war ebenfalls unbewegt wie eine Maske. Er hielt sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern kam gleich zur Sache. Michael hatte den Eindruck, dass der Arkonide genau wie er selbst die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte.
„Kadett Michael Rhodan. Sie stehen hier als Verurteilter vor uns, weil Sie die Strafe für alle Ihre Kameraden auf sich genommen haben. Dies verdient allerhöchsten Respekt und wird entsprechend in Ihre Beurteilung für ihr Offizierspatent eingehen. Es ist meine Pflicht, Sie jetzt hier vor Beginn des Vollzugs darauf hinzuweisen, dass dies die letzte Möglichkeit für Sie ist, von Ihrer Zusage zurückzutreten. Gleichzeitig fühle ich persönlich mich dazu verpflichtet, Ihnen vorher mitzuteilen, dass die Strafe bis zum letzten Schlag vollzogen wird.“
„Dessen bin ich mir absolut bewusst, Sir. Das ändert nichts an meiner Entscheidung.“
Atlan nickte. „Ich hatte es von Ihnen auch nicht anders erwartet, Mr. Rhodan.“
Er kam etwas näher an Michael heran. Dieser sah den warmen Schimmer in den rotgoldenen Augen. „Viel Glück Mike. Es wird sehr hart werden, aber du wirst es schaffen.“
„Danke, Lehrmeister“, flüsterte Michael, so dass nur Atlan ihn hören konnte.
Atlan trat zurück und gab das entscheidende Kommando an die beiden Vollzugsroboter. „Bereitet den Kandidaten vor. Mehr erstmal nicht.“
Michael merkte auf. Da waren zwei ungewöhnliche Dinge. Zum einen hatte Atlan ihn als „Kandidaten“ bezeichnet, nicht als Verurteilten, zum anderen wurde üblicherweise nach den Vorbereitungen sofort mit dem Vollzug begonnen.
Ehe er weiter nachdenken konnte, packten die beiden Roboter ihn äußerst brutal, rissen ihm das Oberteil seiner Uniformkombination vom Körper und warfen ihn auf den großen Pflock. Sie rissen seine Arme rücksichtslos nach oben, schlangen ihm breite Lederbänder um die Handgelenke und zogen sie über der Stange fest. Zum Schluss lag er völlig bewegungslos mit ausgestreckten Armen auf dem Pflock. Auch den Kopf konnte er nicht mehr drehen. Er war gezwungen, die Versammelten direkt anzublicken.
Obwohl das alles nicht unerwartet kam, fühlte er doch schon wieder ein flaues Gefühl im Magen. Er fühlte sich bis in sein Innerstes bloßgestellt, zur Schau gestellt. Verwundert stellte er fest, wie die vegetativen Reaktionen seines Körpers ihn überschwemmten und wieviel Kraft er brauchte, um sie zu unterdrücken. So etwas kannte er bisher nicht von sich, aber er war ja auch noch nicht in eine derartige Situation gekommen.
Während er darauf wartete, dass Atlan endlich den Befehl zum Beginn gab, trat sein Vater direkt vor ihn. Michael bemerkte die Sorgenfalten in seinem Gesicht.
„Mike, das, was du hier machst, ist Wahnsinn. Aber es ist deine Entscheidung und ich respektiere sie.“
Michael versuchte ein kurzes Lachen, um seinen Vater zu beruhigen. Es misslang völlig.
Perry zog aus der Tasche seiner Uniformkombination den kleinen Holzstab, den er von Atlan erhalten hatte.
Michael blickte nur kurz hin. Er wusste, wozu es diente. Was sein Vater nicht wusste, Atlan hatte ihm auch beigebracht, Schmerzen bis zu einer gewissen Grenze zu ertragen und was dafür hilfreich war. Aber wie kam dann sein Vater darauf?
„Sicherlich kannst du dir denken, wozu das ist. Du möchtest dir wohl nicht die Zunge kaputt beißen, oder?“
„Nein, Dad. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich werde dem Namen ‚Rhodan’ keine Schande machen. Ich stehe zu meinem Versprechen.“
Perry schüttelte leicht den Kopf. „Das weiß ich, Mike. Ich denke ausschließlich an dich.“
Ein warmes Gefühl stieg in Michael auf, das ihn völlig einhüllte und ihm für einen Moment die Angst nahm. Sein Vater stand hinter ihm, er war persönlich dabei! Wie oft hatte er die Unterstützung und überhaupt schon die Anwesenheit seines Vaters entbehren müssen!
Perry steckte ihm den Knebel in den Mund. „Beiß ganz fest darauf, dann wird es viel leichter werden. Ich glaube ganz fest an dich!“
Michael biss fest zu und gewann sofort ein Gefühl der Sicherheit.
Perry zog sich nach einem letzten Nicken zurück.
Michael konzentrierte sich auf das, was jetzt kommen musste. Nur unterbewusst hörte er Atlans Kommando: „Beginnt mit dem Vollzug.“
Der erste Schlag der Nervenpeitsche ging ihm schon durch den ganzen Körper.
Er biss so fest er konnte auf den Knebel und spürte ein beruhigendes Gefühl. Dass es die Wirkung eines Medikamentes sein könnte, daran dachte er nicht. Er schrieb das seinem Glücksgefühl zu, dass der Vater ausnahmsweise einmal für ihn da war. Insofern war Atlans Taktik voll aufgegangen.
Michaels Herz raste, er empfand Angst, große Angst, aber ihm war nicht mehr schwindlig und auch nicht mehr übel. Sein Magen und sein Kreislauf schienen sich auf die Situation einzustellen. Nur der Schmerz überdeckte alles, dieser wahnsinnige Schmerz, der alles überdeckte – und er hätte bestimmt seine Qual herausgeschrien, wäre der Knebel nicht gewesen.
Nach dem zwanzigsten Schlag hörte er auf zu zählen. Es brachte ihm nichts. Er konnte es einfach nur aushalten. Aber er fühlte seine Kräfte zunehmend schwächer werden. Nachdem er die Hälfte ausgehalten hatte, fühlte er eine Ohnmacht nahen. Mit Gewalt kämpfte er dagegen an. Er wollte nicht hier vor allen, besonders vor seinem Vater bewusstlos am Pfahl hängen. Es hätte ihm zwar den Rest der Schmerzen erspart und die Strafe würde trotzdem als vollzogen gelten, aber es kam ihm wie eine persönliche Schande vor.
Mehr und mehr fühlte er, wie ihm der Schweiß ausbrach. Er rann in seine Augen, weil er ihn nicht wegwischen konnte. Immer mehr kämpfte er gegen die Ohnmacht an.
Da sah er plötzlich Atlan direkt vor sich. Die Schläge gingen unvermindert weiter. Sein Körper bestand nur noch aus Schmerzen, die er so gern hinausgeschrien hätte, aber das konnte er mit dem Knebel zum Glück verhindern.
„Reiß dich zusammen, Mike“, sprach Atlan ihn in eiskaltem Ton an. „du hast es fast geschafft, es sind nur noch zehn übrig. Als mach jetzt nicht schlapp, sonst bekommst du Ärger mit mir.“
Mit dem letzten Rest seines klaren Denkens wusste er, dass Atlan ihn nicht zusätzlich quälen wollte, sondern mit dieser Drohung seine letzten Reserven mobilisieren. Gleichzeitig spürte er, als ihm die Beine trotz der Fesselung wegzusacken drohten, einen festen Halt um sich herum.
Gucky! Er hielt ihn telekinetisch aufrecht. Er vertraute ihm, ließ sich in diesen Halt absinken – und spürte sofort, wie es ihn in seinem Kampf entlastete.
Trotzdem fiel ihm der Knebel aus dem Mund, er konnte ihn vor Schwäche mit den Zähnen nicht mehr halten.
Er spürte den Schlag mit einer Schmerzwelle, die er bisher in seinem jungen Leben noch nicht gekannt hatte. Sein markerschütternder Schrei hallte durch den Übungsraum. Noch zweimal musste Michael diesen wahnsinnigen Schmerz erdulden, weil der Knebel mit dem Medikament fehlte. Er schaffte es dank Guckys Unterstützung, die ihm wie ein warmer, lindernder Mantel vorkam, trotzdem nicht das Bewusstsein zu verlieren.
In diesem Augenblick meldete der eine Robot: „144 Schläge, Bestrafung vollzogen, Sir.“
Atlan reagierte sofort. „Medorobot“, ordnete er an. Er selbst und Perry Rhodan befreiten Michael von seinen Fesseln und legten ihn in den Behandlungshohlraum des herangleitenden Medorobots.
Perry beugte sich kurz über seinen Sohn. „Du hast es geschafft, Mike! Ich bin unendlich stolz auf dich!“
Michael wurde von einem unendlichen Glücksgefühl durchflutet. Seine Augen leuchteten, als er die seines Vaters suchte. „Danke, Dad.“ Damit seufzte er noch einmal und sank in eine wohltuende Ohnmacht. Der Medorobot verschwand mit ihm Richtung Klinik, ohne noch Zeit zu verlieren.

**************

„Ich gehe mit“, meinte Bully nur und folgte dem Robot.
Gucky zögerte, dann blieb er aber doch neben Perry stehen. Sein Blick, der im Moment richtig böse aussah, suchte Retcliffe und seine Genossen. Die grinsten hämisch. Anscheinend waren sie der Meinung, die Gefahr für sie wäre jetzt ausgestanden.
Der Ausbildungssergeant, dem auch die Rührung und der Stolz auf Michaels Leistung anzusehen war, ließ alle wieder Haltung annehmen.
Niemand sagte etwas. Atlan schien auf etwas zu warten.
Cyprus Kentrock sah sich kurz im Kreis der Kameraden um, dann meldete er sich zu Wort.
„Sir, ich habe eine Meldung zu machen.“
Atlan musterte ihn mit unverhohlenem Interesse und nickte.
„Sir, ich weiß, dass ich jetzt gegen unseren Ehrenkodex verstoße, aber ich kann es mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren, zu schweigen. Der Offiziersanwärter Thomas Retcliffe, den ich nicht mehr als Kameraden bezeichnen möchte, hat gestern Abend im ‚Spaceshuttle’ versucht, unseren Kameraden Michael Rhodan, Robert Mitchem und mich mit dem Messer, das von der MP sichergestellt worden ist, anzugreifen. Die Gruppe um ihn herum, die wir unter uns ‚Die Unzertrennlichen’ nennen, hat ihn unterstützt. Michael hat ihm das Messer aus der Hand getreten. Da wir drei uns gegen sie nicht halten konnten, weil wir versucht haben, Verletzungen zu vermeiden, während sie tödliche Nahkampftechniken anwendeten, kamen die anderen vier Kameraden uns zur Hilfe. Dann kam schon die MP.“
„Den Rest kennen wir“, ergänzte Atlan und musterte den jungen Mann nachdenklich. Er schätzte ihn genau wie Michael ein, er war kein Offizier für den aktiven Dienst, aber ein zuverlässiger und grundehrlicher Mensch.
Perry kam näher. „Ihre Aussage vor dem Vollzug der Bestrafung hätte meinem Sohn viel Schmerzen und Demütigung ersparen können, Offiziersanwärter Kentrock. Darf ich fragen, warum Sie erst jetzt geredet haben? Ich kann das nicht nachvollziehen.“
In seiner Stimme klang Ärger und eine unterschwellige Anklage mit. Er sprach jetzt ausschließlich als Vater.
Cyprus hielt dem prüfenden Blick Perrys stand und erklärte: „Sir, ich war durch ein Versprechen gebunden, das ich Michael gestern Abend geben musste. Sie können gern durch Sonderoffizier Gucky die Wahrheit überprüfen lassen. Ich habe nichts zu verbergen.“
Perry nickte anerkennend, zumal Gucky laut sagte: „Es stimmt.“
Atlan schüttelte auch leicht den Kopf. Perry begriff sofort. Er wusste plötzlich genau, warum Michael darauf bestanden hatte, sich für alle zu stellen. Er brauchte das für sich, um durch diese Leistung vor ihm, seinem Vater zu bestehen.
Der junge Mann vor ihm imponierte ihm. Er hatte sich einerseits an ein Versprechen gehalten, das ihm sehr schwer gefallen war und auf der anderen Seite würde es erst durch seine Aussage möglich sein, die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
Atlan sprach ein paar kurze Befehle in sein Armbandtelekom. Unmittelbar darauf öffnete sich das Schott des Übungsraumes wieder und fünf Kampfroboter marschierten auf.
„Sie alle fünf“, sprach Atlan Retcliffe und seine Gefolgsleute an, „sind mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. Das bedeutet auch, dass Sie von den Prüfungen suspendiert sind. Ich werde heute noch ein Militärgericht einberufen und Anklage gegen Sie wegen versuchten Totschlags und versuchten Mordes erheben. Bis dahin bleiben Sie in Arrest.“
Er wandte sich an die anderen Kadetten. „Ich gehe davon aus, dass Sie alle jetzt bereit sein werden, Ihre entsprechenden Aussagen zu machen.“
Retcliffe versuchte etwas zu sagen, aber Atlan schnitt ihm das Wort ab. „Ich habe keine Lust mehr, mich mit Ihnen zu unterhalten. Sie werden vor dem Gericht Gelegenheit bekommen, sich zu äußern.“
Er drehte sich abrupt um, sagte im Hinausgehen nur: „Sergeant, lassen Sie wegtreten!“ und verließ mit Perry und Gucky zusammen den Raum.
Die am nächsten stehenden Kadetten hörten ihn nur noch leise sagen: „Es reicht mir. Warum muss es unter euch Höhlenwilden immer wieder solche Exemplare geben?“

**********

Michael war schon wieder zu sich gekommen, als Atlan und Perry zusammen mit Gucky in seinem Zimmer ankamen. Er saß in seinem Bett und hatte ein Glas Fruchtsaft in der Hand, in dem ganze Obststückchen und Eiswürfel schwammen. Der Genuss schien ihm sichtlich gutzutun.
Seine hervorragende Konstitution hatte ihm sehr geholfen. Ein Übriges taten die Medikamente, die ihm sofort verabreicht worden waren, Kreislaufstabilisatoren und Schmerzmittel. Die Infusion, mit der sein Flüssigkeitshaushalt wieder aufgefüllt wurde, lief noch in seine Armvene.
Nach einem kurzen Gespräch, in dem Atlan ihn über die Aussage von Cyprus und die Inhaftierung der Retcliffe-Gruppe unterrichtete, verspürten Atlan, Bully und Gucky das Bedürfnis, Vater und Sohn ein wenig allein zu lassen.
Michael genoss das Gefühl, ein so großes Lob von seinem Vater erhalten zu haben und Perry war mehr als froh, dass sein Sohn und er selbst alles hinter sich hatten. Im Moment empfanden sie ein so vertrautes Gefühl zueinander, wie schon sehr lange nicht mehr.
Die Verhandlung gegen Retcliffe und seine Gruppe fand unter Vorsitz  von Atlans Vertreter statt. Atlan selbst hatte sich in dieser Angelegenheit für befangen erklärt, weil es auch um seinen Schüler Michael Rhodan ging. Perry Rhodan und Reginald Bull wohnten der Verhandlung als Zuschauer bei.
Alle beteiligten Kadetten, Michael Rhodan voran, machten ihre Aussagen, die den tätlichen Angriff und die wochenlagen Vorspiele glasklar beleuchteten. Dem Verteidiger blieb nur, um ein mildes Urteil zu bitten.
Atlans Vertreter verzichtete darauf, eine Militärstrafe zu verhängen, obwohl der versuchte Totschlag eindeutig nachgewiesen war. Alle fünf Angeklagte wurden mit sofortiger Wirkung unehrenhaft aus der USO entlassen und sie erhielten ein lebenslanges Verbot, ein Raumfahrtpatent zu erwerben. Zur Verhängung des Strafmaßes für den eindeutig erwiesenen Versuch des Totschlags, ein Mordversuch konnte trotz der Aussagen aller Kadetten nicht nachgewiesen werden, verwies Atlans Stellvertreter das weitere Verfahren an ein ziviles Gericht.
Cyprus Kentrock erhielt von Perry Rhodan das Angebot, nach der Ablegung seines Leutnantsexamens eine Stelle in der militärischen Verwaltung von Imperium-Alpha einzunehmen. Perrys Worte „Wir brauchen auch qualifizierte Offiziere an unseren Schreibtischen“, baute den jungen Mann wieder auf und er sagte sofort zu.
Die Kadetten bestanden allesamt ihr Leutnantsexamen mit guten Leistungen, Michael mit ausgezeichneten und besonderer Belobigung durch Atlan.
Aufgrund der vorsichtigen Leitung von Atlan während der Ausbildungswochen und der unvorhergesehenen Ereignisse jetzt, die sich niemand gewünscht hatte, war er jetzt in der Lage, seine eigenen Leistungen kritiklos anzuerkennen und nicht an Bevorzugung zu denken.
Er genoss den Stolz in sich, als traditionell der Ausbildungssergeant der Reihe nach vor jedem frischgebackenen Leutnant strammstand und ihn zum ersten Male als Offizier ansprach: „Sir, ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Leutnantspatent.“
Obwohl es für ihn ein glücklicher Tag hätte werden sollen, musste er auch eine große Enttäuschung hinnehmen. Sein Vater hatte seine Zusage, bei der Verleihung der Patente anwesend zu sein, nicht einhalten können. Er war samt dem gesamten Mutantenkorps mit seinem Flaggschiff CREST IV in dringender Mission unterwegs. Bully hatte versucht, die Enttäuschung etwas zu mildern, aber es war ihm nicht so richtig gelungen.
Nach der feierlichen Zeremonie sprach Michael den Ausbildungssergeanten an: „Sie wollten mir nach dem Examen etwas mitteilen, Sergeant?“
„Wenn es geht, unter vier Augen, Sir.“
Michael nickte und verabredete sich mit ihm für den gleichen Abend im „Spaceshuttle“.
Als beide an einem kleinen Tisch in einer Nische saßen, kam der Sergeant direkt zur Sache. Michael begrüßte diese Art, genau wie sein Vater.
„Sir, ich weiß nicht, ob Sie schon einmal von dem Sonderschulungslehrgang der USO gehört haben.“
Michael lächelte schwach. „Gerüchte. Mehr leider auch nicht, obwohl Sie sich jetzt vielleicht wundern bei meinen Informationsmöglichkeiten.“
„Nein, Sir. Das wundert mich gar nicht. Erstens sind Sie im Moment noch zu jung dafür, zum anderen glaube ich nicht, dass unser verehrter Lordadmiral Ihnen freiwillig etwas davon verrät.“
„Nun machen Sie mich aber neugierig.“
„Es ist die härteste Ausbildung, die wir hier kennen. Nur ganz besondere Offiziere erhalten dazu die Genehmigung. Die kann auch nur Atlan persönlich erteilen. In diesem Lehrgang wird ein Mensch bis zum Äußersten geschunden, gequält und bis an die absoluten Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gefordert und auch überfordert. Jemand, der das übersteht, sowohl körperlich als auch psychisch, gehört wirklich zu den Besten. Die wenigsten schaffen das Ziel, die meisten geben im Laufe des Ausbildungsjahres auf oder schaffen die Prüfungen nicht. Aber wer es schafft, der gehört später zur absoluten Elite und findet sich in den höchsten Führungsrängen wieder.“
„Warum erzählen Sie mir das alles?“
„Weil ich glaube, dass Sie einer dieser Menschen sind, die dazu das Talent und auch die Berufung haben. Sie sind ein idealer Anführer, ein Offizier, wie es sie nur sehr selten gibt. Ich glaube daran, dass Sie es schaffen können. Wenn Sie es wollen, müssen Sie sich darüber klar sein, dass es Momente geben wird, wo Sie nicht nur aufhören möchten, sondern lieber sterbenm als die Schinderei noch länger auf sich zu nehmen.“
Michael überlegte kurz. Das hörte sich nach einer echten Herausforderung an. Einer, die ihn schon deshalb so reizte, weil er seine eigenen Grenzen bisher noch gar nicht richtig erkennen konnte – und das wollte er! Er wollte wissen, was er aushalten konnte, wie gut er wirklich war. Denn immer mehr festigten sich gewisse Pläne auf eine eigene Zukunft fern von Zuhause in ihm.
„Wieso bin ich noch zu jung dazu?“
„Weil das Mindestalter eben wegen dieser Anforderungen bei 23 Jahren liegt.“
„Sie sagten, ein Jahr Lehrgangsdauer. Wann beginnt der Lehrgang denn immer?“
„Im September jeden Jahres.“
Kurz rechnete Michael. Er wurde im nächsten Jahr im August 23. Das würde genau passen, um direkt danach zu beginnen.
„Ich muss Sie aber warnen“, fuhr der Sergeant vor. „So wie ich Atlan einschätze, werden Sie sich viel Mühe geben müssen, ihn zu einer Einwilligung zu bringen. Ich könnte mir vorstellen, dass er Sie dem nicht aussetzen will.“
Michael lächelte fein. „Da sehe ich keine großen Probleme. Atlan hat mich bisher auch nicht geschont, im Gegenteil. Teilweise hat er mich härter rangenommen als jeden anderen. Verwundert Sie das jetzt?“
„Ehrlich gestanden: ja, Sir. Obwohl Sie der Sohn des Großadministrators sind?“
„Gerade deshalb. Ich sage Ihnen jetzt auch mal etwas im Vertrauen, genauso wie Sie mir. Atlan hat mich nach den alten arkonidischen Grundsätzen ausgebildet. Danach wurde gerade die Führungsspitze besonders hart und streng geschult. Man wollte zu der Zeit, als er seine Jugend im Großen Imperium verbrachte, keine Schwächlinge an der Spitze des Imperiums haben.“
„Das wusste ich bisher nicht, Sir.“
„Das weiß auch fast niemand im Solaren Imperium. Ich bin sehr froh darüber, wie hart Atlan mich rangenommen hat. Mein Gefühl sagt mir, dass ich das noch sehr gut brauchen kann – irgendwann …“
Als Michael und der Sergeant sich trennten, hatte der erfahrene Mann das Gefühl, dass dieser junge Mann jede Mühe wert war und dass er seinen Weg machen würde …

**********

Das Copyright für die PERRY RHODAN-Serie liegt
beim Pabel-Moewig Verlag, Rastatt.
Mit freundlicher Genehmigung.

Keine Kommentare: