Das Geheimnis des Arkoniden



Dieser Roman hat eine ganz besondere Entstehungsgeschichte. Immer wieder wurde ich darauf angesprochen, ob ich nicht einmal eine Geschichte schreiben wolle, in der Atlan und Thora sich begegnen. 
Meine erste Überlegung war: Warum haben die "alten Autoren" diese Begegnung vermieden? Atlan tauchte 2040 aus seiner Unterwasserkuppel aus, begleitete Perry Rhodan seit dem Zweikampf im Musesum auf der Venus in seinem engsten Freundes- und Mitarbeiterstab - aber sollte niemals mit Thora zusammengetroffen sein, in insgesamt drei Jahren bis zu ihrem Tode 2043?
Als Grund konnte ich mir nur vorstellen: Eine Begegnung zwischen Atlan und Thora hätte zwangsläufig Zünsdstoff sein müssen, wenn sie realistisch geschildert werden sollte. Atlan, nach zehntausend Jahren auf der Erde, ein Mann, dessen Charisma kaum eine Frau widerstehen kann und eine arkonidische Fürstin, die erste Frau, der er wieder auf Augenhöhe begegnen konnte! 

In diesem Zusammenhang stellte ich mir selbst eine andere Frage: Michael Rhodan, der treu zum Imperium steht, wie geht er mit dem Bewusstsein um, dass er vor Jahrhunderten einen Halbbruder hatte, der zwei Imperien und eine Galaxis an den Rand des Abgrundes brachte?
Muss er sich nicht zwangsläufig fragen, ob das gleiche Erbgut über seinen Vater nicht auch in ihm steckt? Ist es unbedingt so sicher, dass die Gene, die Thomas Cardif zum Verbrecher machten, ausschließlich auf dessen arkonidisches Erbgut zurückgehen?

Das Geheimnis des Arkoniden


Atlan, der Kristallprinz und Flottenadmiral
Thora, die Schwester des Imperators
Thomas Cardif, ein Mensch von zwei Welten
Michael Rhodan, der seine eigene Identität sucht
ES, die Superintelligenz

Und nur Atlan weiß, was sie miteinander verbindet.

1

Terrania-City, Juli 2427
Atlans Bungalow in Atlan-Village

Ich hatte es geahnt! Und ich hatte es befürchtet. Bei allen Sternengöttern, wo war ich mit diesen Terranern nur hineingeraten? Besonders mit dem hervorragendsten Vertreter dieser kleinen Barbaren des dritten Planeten einer unbedeutenden Sonne, der mein bester Freund war – und seinem Sohn, den ich liebte wie einen eigenen Sohn
Irgendwann hatte es ganz einfach passieren müssen! Obwohl ich über Jahre alles getan hatte, was in meiner Macht stand, um eben keine schlafenden Hunde zu wecken, wie diese überaus zutreffende Redewendung der Terraner besagte!
Nun saß dieser Sohn, Michael Reginald Rhodan, frisch vereidigter Leutnant der Reserve bei der USO, vor mir und blickte mich unsicher an. Er hatte mich um ein Gespräch unter vier Augen gebeten und mir gerade eben seinen Verdacht gestanden, den er schon seit längerer Zeit hatte: dass sein Vater ihn öfter mit seinem ersten Sohn verglich, seinem Halbbruder Thomas Cardif, der vor einigen hundert Jahren gestorben war, nachdem er als Verräter am Solaren Imperium der Menschen und am Großen Imperium der Arkoniden eine ganze Galaxis ins Chaos gestürzt hatte. Er hatte den Eindruck, dass sein Vater sich Sorgen machen würde, dass er vielleicht eines Tages genauso werden würde. Zusätzlich bekam er immer wieder mal mit, wie sein Vater sich an Thora, seine erste Frau erinnerte. Er fragte sich, warum und wie seine Mutter das so einfach hinnehmen würde.
„Hältst du mich nun für verrückt, Atlan?“, fragte er leise und unsicher.
Ich schüttelte den Kopf. „Ganz bestimmt nicht, Mike. Im Gegenteil. Ich habe damit gerechnet, dass du eines Tages diese Frage stellst.“
Michael atmete sichtlich auf. Nun, nachdem er seine Sorge geäußert hatte, schien er wieder ruhiger zu werden. Unauffällig musterte ich ihn. Er war groß, schlank, durchtrainiert und muskulös, ohne „muskelbepackt“ zu wirken. Darin unterschied er sich etwas von seinem Vater mit dessen hagerer Statur, dem niemand ohne weiteres ansah, wie widerstandsfähig er war. Michaels rotblondes Haar, ein Erbteil seiner Mutter Mory Rhodan-Abro trug er halblang. Sein Gesicht war offen und ehrlich. Ich suchte den Blick seiner nachtblauen Augen, den er frei erwiderte. Augen dieser Färbung hatte ich bisher noch bei keinem anderen Intelligenzwesen gesehen. Sie verrieten eine Tiefe und Lebenserfahrung, die bei einem jungen Mann seines Alters sehr verwunderlich waren. Besonders, wenn man dabei seine lange Lebenserwartung zugrunde legte, die von Wissenschaftlern aufgrund der Tatsache, dass beide Eltern Zellaktivatorträger waren, auf einige hundert Jahre geschätzt wurde. Sie standen auch vor einem Rätsel, weil er und seine Zwillingsschwester Suzan ausgesprochen frühreif waren. Das Gegenteil hätte der Fall sein müssen.
„Nur frage ich mich“, fuhr ich vorsichtig fort, „wieso du erst jetzt damit zu mir kommst. du sagtest gerade, dass du dir schon länger Gedanken in dieser Richtung machst.“
Michael holte tief Luft. „Ich wollte warten, bis ich meinen Eid auf das Solare Imperium abgelegt habe. – Weißt du, Lehrmeister, ich bin eben nicht Thomas Cardif.“
Nun war es heraus, was ich befürchtet hatte. Er hatte sehr genau erkannt, worum es ging, fast zu genau!
Du musst es ihm sagen, meldete mein Logiksektor sich zu Wort. du kannst es ihm nicht mehr verschweigen. Er muss alles wissen, sonst geschehen mit Sicherheit Dinge, die nicht mehr zu korrigieren sind.
„Das weiß ich“, sagte ich laut. „Und außerdem: er hat seinen Eid auf das Imperium auch gebrochen.“
„Das ist mir bekannt. Schließlich habe ich im Geschichtsunterricht aufgepasst in der Schule. Aber es ist für mich ein besseres Gefühl mir selbst gegenüber. Verstehst du das?“
„Sehr gut, mein Junge, glaub es mir. – Und das alles belastet dich?“
Michael brauchte einen Moment, um ein Nicken zu schaffen. „Ich versuche Vater zu verstehen – und dann wiederum verstehe ich ihn nicht. Erst einmal möchte ich von dir wissen, ob du meinen Verdacht für möglich hältst – und wenn ja, was ich tun soll, um selbst damit klarzukommen.“
In diesem Moment entschied ich mich.
„Dein Verdacht ist nicht nur möglich. Er ist eine Tatsache. Dein Vater vergleicht dich in seinem Unterbewusstsein mit Thomas Cardif. Das ist ihm selbst aber gar nicht bewusst. Deshalb darfst du es ihm auch nicht verübeln. Er will es selbst nicht wahrhaben und drängt es weit von sich. Deine Mutter spürt es mit dem sicheren Instinkt der Frau, die ihren Mann über alles liebt und versucht ihm auch über diese Klippen hinwegzuhelfen.“
„Liebt Vater denn Mutter genauso?“ Eine Art Verzweiflung sprach aus Michaels Stimme. Im Moment geriet sein Weltbild ins Wanken.
„Ja“, sagte ich ihm klar und deutlich. „Er liebt sie über alles. Genauso wie damals Thora. Das ist aber nicht miteinander zu vergleichen. Die Art der Liebe zu Thora und zu Mory unterscheidet sich in fast allen Dingen. Das ändert aber nichts an der Tiefe seiner Empfindungen. Die stehen sich in nichts nach.“
Michael dachte einen Moment nach. „Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Aber das andere verstehe ich nicht. Wieso vergleicht er mich? So weit ich weiß, habe ich bisher nichts getan, um ihm dazu den geringsten Anlass zu geben.“
Er kann es nicht verstehen, ohne alles zu wissen, meinte der Extrasinn. Ich stimmte ihm zu.
„Dein Vater hat Angst, nicht mehr und nicht weniger. Er identifiziert sich mit ‚seiner’ Menschheit. Diese Menschheit ist durch seinen Sohn damals an den Rand des Abgrundes gedrängt worden und er war in dieser Zeit mattgesetzt und konnte ihr nicht helfen. Dieses Trauma lässt ihn nicht los und wird ihn wahrscheinlich für immer begleiten. Je besser du wirst – nein, widersprich mir nicht, junger Höhlenwilder! – desto stärker wird diese Angst in ihm.“
Michael überlegte. „Könnte man das nicht psychologisch aufarbeiten? Oder ist er dazu nicht bereit?“
„Das weiß ich nicht. Aber ich bin dagegen.“
„Warum?“
„Weil es hieße, ihn – zumindest vorübergehend – wieder zu quälen. du kannst das nicht abschätzen, weil du nicht weißt, wie sehr Dein Vater damals unter all dem gelitten hat. Das sind Dinge, die nur seine engsten Freunde wissen. Man kam damals in der Führungsspitze des Imperiums überein, alle persönlichen Dinge als streng vertraulich zu behandeln. Deshalb erfahren sogar Historiker nichts darüber.“
„Hast du diesen Rat erteilt?“
Respekt. Er kann denken, teilte der Logiksektor mit.
Natürlich, gab ich erbost zurück. Warum musste der mich immer wieder an Tatsachen erinnern.
Michael lächelte. Er kannte mich und registrierte es meistens richtig, wenn mein Extrasinn sich meldete.
„Ja. Ich wollte es deinem Vater nicht noch schwerer machen, obwohl ich damals nicht sehr viel persönlichen Kontakt mit ihm hatte. Meistens weilte ich auf Arkon.“
„Natürlich, Euer Erhabenheit“, spielte Michael darauf an, dass ich zu dieser Zeit der Imperator des Großen Imperiums war. Ich überging den Einwurf, mit dem er versuchte, sein seelisches Gleichgewicht wieder etwas herzustellen.
„Und was nun, Atlan? Ich weiß nicht, was ich tun soll, um es so zu akzeptieren.“
„du musst jetzt eine Entscheidung treffen. Von ihr hängt es ab, wie du in Zukunft mit dieser Altlast Deines Vaters umgehst – für dich selbst damit umgehst!“
„Ich verstehe dich nicht …“
Ich schüttelte verweisend den Kopf. „Nicht so ungeduldig. Ihr kleinen Barbaren könnt es nie abwarten, bis ein alter Mann fertig ist. Oder hat man bei meinem Unterricht diesbezüglich geschlafen?“
„Niemals“, empörte sich Michael. „Ich würde es mir nie erlauben, bei einer Unterrichtsstunde durch dich zu schlafen oder unaufmerksam zu sein, Lehrmeister!“
Mit Absicht versuchte ich, Michael mit meiner saloppen Ausdrucksweise aus seinem seelischen Tief zu holen. Was ich ihm zu sagen hatte, würde ihn genug erschüttern.
„Ich bin bereit, dir einige Dinge zu erzählen, die niemand weiß, noch nicht einmal Dein Vater. Frage jetzt nicht, warum. Das wirst du begreifen, wenn du gut zuhörst. Allerdings musst du wissen, dass diese Dinge dich nicht nur erschüttern werden, dich fassungslos machen und dich erschrecken. Es kann auch sein, dass du unter einigen Wahrheiten leiden wirst. Aber wenn du bereit bist, sie zu verstehen, wobei ich dir helfen werde, so gut ich es vermag, wirst du Deinen Vater zukünftig besser verstehen. Das wird hoffentlich dazu führen, dass auch du selbst dich nicht mehr in deinem Unterbewusstsein ängstlich mit Thomas Cardif vergleichst.“
„Das mache ich nicht“, begehrte Michael auf.
„Doch, das machst du. Genauso unbewusst wie Dein Vater“, fuhr ich erbarmungslos fort. Schonung war hier nicht mehr angebracht, wenn ich erfolgreich sein wollte. „Er ist Dein Halbbruder und du fragst dich, woher er die negativen Erbanlagen hatte, von seinem und deinem Vater oder von seiner Mutter Thora. Wenn er diese Anlagen von deinem Vater hätte, würde es heißen, dass sie sowohl verborgen in deinem Vater schlummern als auch in dir – das fragst du dich doch, oder?“
„Atlan, ich …“
„Ja oder nein?“, versuchte ich ihn seines Widerstandes zu berauben.
Er brachte nur ein Nicken zustande. Ich lächelte ihn an und fühlte, wie das väterliche Gefühl zu ihm mich überflutete.
„Okay, Mike. Es ist gut. Ich wollte es nur wissen und du musstest es für dich selbst auch wissen. Sonst kannst du nicht verstehen, was damals geschehen ist. du brauchst dich vor mir nicht zu beherrschen, das weißt du doch. Aber ich verlange Ehrlichkeit.“
Die Tränen, die in seinen Augen standen, taten mir körperlich weh. „du brauchst dir aber keine Sorgen zu machen. Jeder Mensch und jeder Arkonide hat positive und negative Eigenschaften in sich. Diese vermischen sich in ihren Kindern. Perry und Thora hatten damals einfach Pech. In Thomas haben sich alle ihre negativen Eigenschaften vereint und durch ihre falsche Entscheidung bezüglich seiner Jugend sind sie zum Leben erweckt worden.“
„Dann können die negativen Eigenschaften, die ich in mir habe, mich nicht zu dem machen, was Cardif war?“
„Solange du es selbst nicht zulässt – nein!“
Michael atmete tief durch. „Das werde ich niemals zulassen.“
Tröstend legte ich ihm den Arm um die Schultern. „Das weiß ich. Deshalb vergiss diese Sorge ganz schnell.“
„Und welche Entscheidung soll ich treffen?“, kam Michael auf den Ausgangspunkt zurück.
„Du musst für dich entscheiden, ob du bereit bist, die Wahrheit zu hören und auch bereit bist, darunter zu leiden, um sie verstehen zu können.“
Er lächelte. „Das ist doch keine Frage. Ich bin noch nie vor etwas ausgewichen.“
Das wusste ich sehr genau. Wenn Michael einmal eine Entscheidung getroffen hatte, stellte er sich ihr auch, egal wie unangenehm es für ihn werden würde.
Trotzdem schüttelte ich verweisend den Kopf. „Sag es nicht so übereilt. Überlege es dir. Das verlange ich sogar. Ich gebe dir genau eine Stunde und in dieser Zeit lasse ich dich ganz allein. Nein, keine Widerrede. du darfst keine übereilte Entscheidung treffen.“
„Das hört sich sehr schlimm an.“
„Es war auch schlimm damals.“
Damit stand ich auf und ließ ihn allein. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, wie seine Entscheidung lauten würde. Aber gerade dieses Nachdenken für sich allein mit seinen Gedanken würde ihn schon in die Richtung einstimmen, die ich brauchte, um ihm alles von damals zu erklären und ihn damit aus seinem eigenen Trauma zu befreien, das er nicht wahrhaben wollte. Ein wenig unruhig war ich selbst dabei. Auch für mich würden diese Erinnerungen sehr belastend werden. Immer wieder hatte ich gehofft, mich an so einiges dieser Jahre nie mehr erinnern zu müssen – obwohl ich schon bei der Geburt Michaels und seiner Schwester gewusst hatte, dass diese Fragen einmal kommen würden – und ich mich dann auch wieder erinnern musste, egal wie weh es mir persönlich tat …

**********

2

Nach der Bedenkzeit ging ich zu Michael zurück. Er machte einen ruhigen, gefassten Eindruck.
„Die Antwort ist ja“, sagte er einfach. Anscheinend hatte die Stunde allein bewirkt, dass er gefasst an die Angelegenheit heranging. Im Laufe der Unterrichtung würde sich das mit Sicherheit wieder ändern.
Wenn nicht, wäre er kein Mensch mit Gefühlen, merkte der Logiksektor an.
„Das, was ich dir jetzt alles erzähle, darf niemals – ich wiederhole: niemals! – ein anderer Mensch erfahren! Auch mit Deiner Zwillingsschwester Suzan wirst du nicht darüber reden! Das verlange ich von dir. Wenn du danach weitere Fragen hast oder etwas dich belastet, dann kommst du zu mir, zu keinem anderen!“
Michaels Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an.
Nur leicht hob ich die Schultern. „du wirst es verstehen, je mehr du weißt. Wenn Dein Vater es wüsste, würde er wieder leiden. Und Deine Mutter mit ihm. Das will ich nicht. Und ich nehme an, du auch nicht. Es könnte aber sein, dass du mich danach vielleicht anders siehst. Das ist mein Risiko bei der Sache.“
Michael antwortete nicht gleich. Es arbeitete in ihm. Er wäre aber nicht der Junge, den ich liebte und den ich geschult hatte, wenn er die Herausforderung nicht annehmen würde.
„Niemals wird sich meine Einstellung zu dir ändern, Atlan.“
Das Risiko bleibt, meldete der Extrasinn. Hast du dir das gut überlegt?
Ja, ich hatte es mir gut überlegt. Ich würde wieder leiden, genau wie damals, aber der Junge war es mir wert. Er würde seinen alten Lehrmeister danach vielleicht nicht nur anders, sondern um einiges besser beurteilen können.
Hoffentlich, kam nur der Kommentar. Alt genug sollte er inzwischen sein.
„Dann schwöre mir Dein Stillschweigen bei allem, was dir heilig ist“, sagte ich sehr ernst zu ihm.
Michael erhob sich, legte die Linke auf sein Herz und neigte den Kopf zu einem ehrerbietigen Gruß nach alter arkonidischer Tradition.
„Bei allen Sternengöttern und allen Höheren Mächten, die das Universum erschaffen haben, schwöre ich, über das, was ich jetzt von dir höre, jedem gegenüber absolutes Stillschweigen zu wahren.“
Ein warmes Gefühl stieg in mir auf. Meine Erziehung war bei ihm auf fruchtbaren Boden gefallen. Er hatte den alten Sternenglauben der Arkoniden genauso übernommen wie den strengen Ehrenkodex der Flotte des ehemaligen Großen Imperiums.
„Gucky?“, fragte er anschließend.
Ich lachte. „Keine Sorge. Der kleine Gedankenspion wird nichts mitbekommen. Der ist im Moment im Einsatz unterwegs. Ich glaube, irgendwo im Wega-System. Außerdem weißt du doch, dass er – so neugierig er ist – bei bestimmten Dingen den Mund hält.“
„Zum Glück“, antwortete Michael nur. Ihn und den Kleinen verband eine tiefe Freundschaft.
Zusammen gingen wir in mein sowohl bequemes als auch luxuriös eingerichtetes Wohnzimmer. Arkonidische Stilelemente verbanden sich nach meinem Geschmack mit irdischen Elementen. Michael wollte in einem Sessel Platz nehmen, aber ich wies ihn auf eine Ruheliege. „Mach es dir richtig bequem. Wir können es beide gebrauchen.“ Damit streckte ich mich auf einer anderen Liege ihm gegenüber aus. Aus einer Kiste mit Speicherkristallen wählte ich einen mit Entspannungsmusik aus und legte ihn ein. Als die ersten Takte gedämpft durch den Raum klangen, atmete Michael tief durch und streckte sich.
Auf meinen Wink brachte ein Bedienungsroboter uns eisgekühlten Fruchtsaft in schön geschliffenen Gläsern mit echten Fruchtstücken darin. Synthetische Säfte gab es bei mir nicht.
„Du verstehst zu leben“, merkte Michael an.
„Natürlich. Hoffentlich hast du diese Einstellung schon übernommen. So hart wie ein Mensch im Einsatz und bei Entscheidungen manchmal sein muss, so wichtig ist es auch, sich selbst im Privaten Ruhe, Entspannung sowie einen gewissen Luxus zu gönnen und ihn ganz bewusst zu genießen. Es bringt den benötigten Ausgleich.“
„Das sehe ich genauso.“
„Gut so. – Merlin!“, rief ich die zentrale Steuerpositronik meines Hauses an.“
„Ja, Sir!“
„Ich möchte die nächsten Stunden nicht gestört werden, egal von wem.“
Die Positronik bestätigte nur kurz.
Michael gab anscheinend etwas anderes zu denken.
„Das wollte ich dich schon immer mal fragen“, begann er zögernd. „Hat es einen bestimmten Grund, dass du Deiner Hauspositronik den Namen ‚Merlin’ gegeben hast?“
Anscheinend ist Michael wieder in einer Phase, in der er alles wissen möchte, meinte der Extrasinn. Wann willst du ihn in gewisse Geheimnisse der Erdgeschichte einweihen?
„Ja, es hat einen ganz bestimmten Grund. Mike, es gibt unzählige Rätsel in Terras Frühgeschichte. Einige kann ich erklären, für andere bin ich direkt verantwortlich oder ich habe dafür gesorgt, dass sie verfälscht überliefert wurden – aus guten Gründen!“
„Du machst nichts ohne Grund.“
„In der Regel nicht. Allerdings habe auch ich Fehler gemacht während dieser Tausenden von Jahren. Meine ersten Fehler waren, dass ich in frühgeschichtlichen Zeiten nicht darauf achtete, keine Spuren zu hinterlassen. Zu der Zeit wollte ich nur nach Hause und hatte noch große Hoffnungen. Dann wäre ich mit einer Arkon-Flotte zurückgekommen und hätte die Erde aufgebaut.“
„Als Kolonie Arkons!“
„Ja, als Kolonie Arkons! Damals war ich der Meinung, das wäre die einzig richtige und für die kleinen Barbaren vorteilhafteste Lösung. Später, als immer klarer wurde, dass es für mich keine Heimkehr in absehbarer Zeit geben würde, habe ich meine Meinung geändert. Deshalb achtete ich auch darauf, keine Spuren in der Geschichtsschreibung zu hinterlassen – trotzdem konnte ich es manchmal nicht verhindern.“
„Hmm“, der Junge ließ nicht locker. „Wieso gerade Merlin? Der Zauberer der Artus-Sage?“
Bitter lachte ich auf. „Der Zauberer … wenn es so einfach gewesen wäre damals …“
Pass auf, warnte der Extrasinn, dass du dich nicht in diese Zeit verlierst, nicht jetzt! Aber wissen muss er auch das eines Tages! Obwohl es sein jetziges Weltbild erschüttern wird!
Michael riss plötzlich die Augen ganz weit auf. „DU! – du warst der Merlin der Artus-Sage!“
„Die völlig verfälscht überliefert worden ist. Ja, ich war Merlin! – Aber genug davon, Mike! Wenn wir noch weiter darüber reden, komme ich unter den Zwang meines fotografischen Gedächtnisses. Und jetzt haben wir erstmal ein anderes Thema, das im Moment wichtiger ist. Aber ich verspreche dir: Sobald die Zeit reif ist dafür, werde ich dich nicht nur in dieses Geheimnis, sondern in einige andere einweihen. Die Geschichte der Erde ist an vielen Stellen nicht so, wie sie überliefert wurde.“
Michael fragte nicht, wann die Zeit „reif“ wäre dafür. Das hatte er in den langen Jahren meines Unterrichts gelernt: ich bestimmte die Zeit!
Ich schaltete ein Aufzeichnungsgerät ein und lehnte mich bequem zurück.
„Lass uns anfangen. Wenn du etwas nicht verstehst oder Fragen hast, stelle sie bitte gleich. Das ist sehr wichtig. Sonst kannst du das Folgende nicht verstehen.“
„War es so schlimm damals?“
„Mehr als das. du wirst auch einen Einblick in das Wesen Deines Vaters bekommen, den er niemandem geben würde, noch nicht einmal Deiner Mutter, die er wirklich liebt. Da darfst du nie dran zweifeln!“
„Also dann, Lehrmeister …“ Er blickte mich gefasst an.

**********

3

September 2040

Nachdem ich Perry Rhodan in einem Zweikampf mit Wikingerschwertern im Erdmuseum auf der Venus besiegt hatte, sah ich endlich ein, wie sinnlos eine Feindschaft zwischen ihm und mir war. Während Jahrtausenden hatte ich über die Erde gewacht und dann die wichtigste Epoche ihrer Entwicklung einfach verschlafen – den Griff nach den Sternen.
Ich wollte immer noch nach Hause – und genau das konnte er nicht zulassen im Interesse der Menschheit. Wer gab ihm damals die Gewähr, dass ich die galaktische Position der Erde nicht verraten würde? Wenn ich es heute mit Abstand genauer betrachte, niemand! Meinen hohen Ehrenkodex kannte er nicht und konnte ihn sich auch nicht nachvollziehen, da er nur die degenerierten Arkoniden der Jetztzeit kannte und sich keine Vorstellung davon machte, wie es zu meiner Zeit auf Arkon ausgesehen hatte. Thora und Crest hielten mich damals noch für einen Arkoniden der Jetztzeit, den es schon vor ihnen zur Erde verschlagen hatte. Logisch war das nach ihrer Auffassung, da einige Jahre vor ihnen bereits eine andere Expedition auf der Suche nach der Welt des ewigen Lebens gestartet war.
Auf der Venus nach unserem Zweikampf, in dem ich deinem Vater einen gebrochenen Knöchel verpasste, schlossen wir Freundschaft. Seitdem ist er der beste Freund, den ich während meines langen Lebens jemals hatte. Bitte vergiss das nie, Michael!
Er fragte als erstes nach meinem Alter! Also glaubte er mir mein großes Geheimnis. Ich sagte ihm, dass ich etwas über zehntausend Jahre irdischer Zeitrechnung alt war und dass das venusische Robotgehirn unter meiner Leitung erbaut worden war. Ich selbst hatte dem Gehirn auch die Anweisung erteilt, den kleinen Barbaren von Larsaf III jede mögliche Unterstützung zukommen zu lassen, wenn sie auf der Venus auftauchten. Zu der Zeit hatte ich allerdings nicht voraussehen können, dass der Kontakt zur Erde abbrechen und dass es auf der Erde keine Kleinraumschiffe mehr geben könnte, die die Entfernung bis zur Venus überbrücken konnten. Deshalb hat Dein Vater den „Kommandanten“, wie das Venus-Gehirn genannt wurde, in dieser Programmierung vorgefunden.
Nach unserem Zweikampf auf der Venus hatte er schon das gleiche Problem, das er auch heute noch hat: seine Zeit! Ich wurde also wieder hier zur Erde zurück gebracht. Man stellte mir ein sehr luxuriöses Appartement im 108. Stock eines neues Ministeriums zur Verfügung – mit einem herrlichen Blick über Terrania-City – und er startete wieder in den Raum, ohne dass wir uns näher unterhalten konnten. Diesmal blieb ich als Gast des Solaren Imperiums zurück und wurde gebeten, auf Perry bis zu seiner Rückkehr zu warten. Dann wolle er sich die nötige Zeit für mich nehmen.
Also saß ich zur Untätigkeit verurteilt hier in Terrania fest. Ich wurde zwar offiziell nicht mehr bewacht, aber locker überwacht. Zuerst befürchtete ich, Dein Vater würde das gerade geschlossene Abkommen schon wieder brechen, aber meine Bewacher teilten mir offen mit, dass sie ihre Anweisungen direkt vom Abwehrchef Allan D. Mercant erhielten. In dessen Zuständigkeit fiel ich bis zu Perrys Rückkehr zur Erde. Er traute mir immer noch nicht, trotz der Anweisungen seines Chefs. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis er sein Misstrauen mir gegenüber begrub.
Bis Oktober musste ich auf Perry warten. In dieser Zeit wurde ich über alles informiert, was ich über das Solaren Imperium zu wissen hatte, damit ich mich auch wirklich zurechtfand in der Welt, in der ich nun mal gelandet war. Diese Anweisung hatte Perry noch erteilt, bevor er in den Weiten des Raumes verschwunden war.
Nur eines konnte und wollte ich immer noch nicht glauben: dass ein riesiges Robotgehirn das Große Imperium regierte und dass meine Landsleute, die Arkoniden, degeneriert und lebensuntüchtig geworden sein sollten. Ein Zeitraum von ca. zehntausend Jahren, den ich auf der Erde verbracht hatte, war nach kosmischen Maßstäben dafür zu gering. Deshalb hatte ich solche Probleme mit der Glaubwürdigkeit dieser Berichterstattung.
Allerdings gab es einige Faktoren, die mich unsicher machten. Warum waren Thora und Crest damals mit Perry wieder zurück zur Erde gekommen? Sie waren Arkoniden allerhöchsten Ranges der regierenden Familie der Zoltral, Thora war die Schwester des Imperators Zoltral XII. und Crest der Erste Wissenschaftler des Reiches, Vorsitzender des Großen Rates!
Ich wollte es genau wissen. Bevor ich die „Dummheit“ machen konnte, offiziell um eine Unterredung mit der First Lady des Imperiums zu bitten, die mir Mercant auf jeden Fall verweigert hätte, machte mir mein Adjudant einen Vorschlag. Leutnant Tombe Gmuna, ein junger Afroterraner respektierte mich schon seit unserem ersten Treffen, bevor er überhaupt wusste, wen er in meiner Person vor sich hatte. Später, als die Terraner so langsam herausbekamen, wer ich war, schlug sein Respekt in Bewunderung um. Ich mochte den Jungen ebenfalls sehr gerne. Das Verhältnis zwischen uns war freundschaftlich und von Vertrauen geprägt. Er sah sich nicht als Wachoffizier, den er nach den Vorstellungen von Allan D. Mercant zu sein hatte.
Leutnant Gmuna versprach, sich um meinen Wunsch zu kümmern, ich solle selbst nichts unternehmen.
Bevor ich mich noch darüber wundern konnte, erhielt ich am folgenden Tag Besuch von einer netten jungen Dame, die sich als Sekretärin von Mrs. Thora Rhodan vorstellte und mich fragte, wann mir ein Besuch von Thora in Begleitung von Crest genehm wäre. Sie betonte, dass dies ein privater Besuch ohne offizielles Protokoll sein sollte.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es noch kein persönliches Zusammentreffen gegeben. Anscheinend wollte Perry Rhodan mir seine Frau und den arkonidischen Spitzenwissenschaftler genau wie die gesamte Führungsspitze des Imperiums offiziell gemäß Protokoll vorstellen, sobald er wieder zurück war. Ich kannte die beiden Arkoniden nur aus dem mir zur Verfügung gestellten Informationsmaterial. Entsprechend gespannt war ich auf eine direkte Begegnung. Es würde das erste Mal nach Jahrtausenden sein, dass ich reinrassigen Arkoniden begegnete – Arkoniden, deren hoher Rang dem meinen fast gleichkam!

**********

Kurz vor dem vereinbarten Termin brachte Leutnant Gmuna mir meine neue Uniform. Ich hatte endlich seinem Drängen nachgegeben, weil mir sein ewiges Genörgel wegen meiner Zivilkleidung inzwischen auf die Nerven ging.
Also hatten die Roboter der Uniformschneiderei für mich eine lindgrüne Uniform der Solaren Flotte angefertigt. Auf dem Brustteil prangte auf meinem Wunsch das Symbol der Arkon-Flotte: die drei Planeten in ihrer Kreisbahn um die Sonne. Auf den Schulterstücken trug ich hingegen die terranischen Rangabzeichen eines Flottenadmirals.
Als ich kritisch in den Spiegel schaute, grinste Gmuna nur und nahm übertrieben korrekt Haltung an. Ich warnte ihn: „Treiben Sie es nicht zu weit, Junge!“
Er grinste. „Wieso denn, Sir?“
Ich verzichtete auf eine Antwort und betrachtete mich noch einmal genauer. Es gab nichts auszusetzen.
Meine silberweißen Haare trug ich nach arkonidischer Sitte wieder schulterlang. Meine samtbraune Haut verriet meine reinrassige arkonidische Abstammung.
Unruhig?, fragte mein Extrasinn.
Etwas, gab ich zurück. Wer weiß denn schon, welche Geheimnisse Thora anzubieten hat. Nach den Filmaufnahmen scheint sie eine ganz außergewöhnliche Frau zu sein.
Bleibe ruhig, du bist der Kristallprinz. Sie ist „nur“ eine Fürstin.
Immerhin die Schwester eines Imperators. Ich verstehe immer noch nicht, wie sie einen Barbaren heiraten konnte und hier auf diesem Planeten geblieben ist, wenn sie doch schon wieder auf Arkon war.
Sie wird es dir mit Sicherheit erklären.
Gmuna blickte mich abwägend an. Mit Sicherheit hatte er meinen leicht abwesenden Gesichtsausdruck wahrgenommen.
Ich winkte ab, da ich kein Interesse daran hatte, ihm etwas über meinen unbestechlichen Logiksektor zu verraten. „Alles in Ordnung, Leutnant. Aber schließlich trifft man nicht jeden Tag die First Lady eines Sternenimperiums.“
„Es ist ein rein privates Treffen, ganz inoffiziell“, erinnerte er mich noch einmal.
Als sein Armbandtelekom ansprach, nickte er nur kurz und verließ den Raum, um gleich darauf in Begleitung zweier Arkoniden wiederzukehren. Er ließ Thora und Crest an sich vorbei eintreten, blieb selbst am Eingang stehen und nahm Haltung an. Auf den ersten Blick erkannte ich, wie dieser junge Offizier die beiden verehrte. Er würde für sie durchs Feuer gehen und ohne zu fragen sein Leben riskieren.
Ich musste mich anstrengen, um nicht laut einzuatmen oder die Luft anzuhalten, so überwältigt war ich. Es war nicht allein der Anblick der beiden Arkoniden, es war die Ausstrahlung zweier Arkoniden aus einem alten Adelsgeschlecht, genau wie ich es war, besonders die Ausstrahlung von Thora!
Pass auf, schrie auch gleich der Extrasinn. Lass dich von ihr nicht zu sehr faszinieren. Kämpfe dagegen an, du darfst sie nicht als Frau sehen! du musst auf jeden Fall Distanz wahren, sonst gibt es nur Verwicklungen!
Fast hätte ich gelächelt. Mein unbestechlicher Extrasinn hatte schon das erkannt, was mir selbst noch gar nicht bewusst war.
Um mich abzulenken, blickte ich Gmuna an. Die Höflichkeit erforderte, dass er uns einander vorstellte.
Er näherte sich und meldete in wiederum strammer Haltung: „Frau Thora und Crest, es ist mir eine Ehre, Ihnen Admiral Atlan persönlich vorzustellen. Wie wir inzwischen wissen, weilt er schon seit Jahrtausenden auf der Erde und hat die Entwicklung der Menschen immer wieder gefördert.“
Thora nickte Crest leicht zu, woraufhin der sich einen Schritt vor sie stellte.
Anscheinend will auch sie dich erst einmal genauer betrachten. Wahrscheinlich ist sie genau so unsicher wie du. Ihr Logiksektor dürfte ihr dazu geraten haben. Es ist dir doch klar, dass sie auch die ARK SUMMIA erhalten hat? Mein Extrasinn kommentierte wie immer unbestechlich.
Das gab mir Gelegenheit, den alten Wissenschaftler etwas genauer zu betrachten. Er trug ebenfalls die terranische Flottenuniform, allerdings ohne Rangabzeichen. Auf seinem Brustteil war das Symbol des Großen Rates von Arkon eingestickt. Ebenso wie ich trug er das Haar schulterlang, die bei vornehmen Arkoniden übliche Art. Sein Gesicht wies zahlreiche Falten auf, die im Gegensatz zu der teilweise jugendlich straffen Haut standen. Sicherlich hatte Perry Rhodan alles was ihm möglich war, getan um das Leben der beiden mit medizinischen Mitteln zu verlängern. Irgendwann würde er damit aber an die Grenzen des Möglichen stoßen.
Zu der Zeit wusste ich noch nichts von seinem Kontakt mit ES, dem Unsterblichen von Wanderer, genau wie ich noch nicht wusste, dass mein Zellaktivator von ES stammte. Die Enzyklopädia Terrania war zu dem Thema nicht sehr ergiebig. Es war aus ihr nur zu entnehmen, dass Perry Rhodan in der Lage sein sollte, bestimmten für das Imperium unersetzlichen Mitarbeitern eine biomedizinische Lebensverlängerung zu gewähren. Anscheinend wollte man mit Absicht eine Art Mythos darum aufbauen. So wie ich Perry und seine engsten Mitarbeiter, z.B. auch Mercant erlebt hatte und jetzt Crest und Thora sah, galt dies anscheinend nicht für Arkoniden.
Ich dachte darüber nicht weiter nach. Das war ein Thema, über das würde ich mit Perry irgendwann reden – wenn er wieder auf der Erde war und mein genauer Aufgabenbereich festgelegt war und wenn ich wusste, wie es mit mir weiterging. Es war nicht mein Ding, untätig abzuwarten.
Crest trat noch einen Schritt näher und verneigte sich vor mir. Dabei legte er nach alter arkonidischer Sitte die flache Hand auf seine linke Brustseite und danach die Fingerspitzen leicht auf die Augen – diese Grußform stand ausschließlich dem Imperator und dem Kristallprinzen zu. Ich fühlte meine Knie schwach werden. Wie lange war es her, dass ich so gegrüßt worden war? Mit Gewalt schüttelte ich das ergriffene Gefühl ab, indem ich Leutnant Gmuna einen Wink gab. Wie wir es vorher abgesprochen hatten, reichte er Thora und Crest je einen kleinen Pokal mit dem Willkommenstrunk Nach arkonidischer Sitte wurde dieser Trunk, der mehr ein Symbol als ein Getränk war, jedem Gast gereicht, egal wie hoch oder niedrig dessen Rang war. Es galt als unhöflich, darauf zu verzichten.
Beide dankten mit einem leichten Neigen des Kopfes. Crest lächelte verstehend. Er erkannte genau, warum ich den Trunk vor dem Ende der Begrüßungszeremonie reichen ließ. Anscheinend hatte der alte Wissenschaftler ein sehr großes Einfühlungsvermögen.
Thora wartete ab. So wirkte es nicht unhöflich, dass ich meine Aufmerksamkeit weiterhin erst einmal nur auf den alten Mann richtete. Ich empfand eine Art Unruhe, sogar schon fast Angst, mich ihr intensiver widmen zu müssen.
„Erhabener“, sprach Crest mich an. „Es ist uns eine große Ehre, dass du uns empfängst. Ich bin Crest da Zoltral, ehemaliger Erster Wissenschaftler des Großen Rates von Arkon und wissenschaftlicher Leiter der letzten Forschungsexpedition des Großen Imperiums.“
Der letzten Forschungsexpedition des Großen Imperiums, wiederholte der Extrasinn. Die Anzeichen mehren sich, dass wirklich ein riesiges Robotgehirn das Imperium regiert.
Ich fühlte meine Knie schwach werden. Das war etwas, womit ich nicht klarkommen konnte. Immer wieder suchte ich nach Beweisen, dass man mir etwas vormachte.
Warum?, konterte der Extrasinn. Es wäre unlogisch.
Mit Gewalt wendete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Crest.
Er deutete auf Thora. „Darf ich dir meine Ziehtochter vorstellen, die Fürstin Thora da Zoltral, die Schwester des lmperators Zoltral XII. da Arcon.“
Nun musste ich meine volle Aufmerksamkeit Thora zuwenden. Mit Gewalt musste ich mich beherrschen. Eine Arkonidin, eine sehr schöne Arkonidin! Eine Frau, der ich endlich wieder auf Augenhöhe begegnen konnte! Keine Barbarin, so intelligent sie auch sein mochte, eine reinrassige Arkonidin höchsten Adels! Die Schwester eines Imperators! Und dazu noch wunderschön!
Ich fühlte, wie der Funke übersprang.
Thora trug ebenfalls die Uniform der Solaren Flotte mit den Symbolen der arkonidischen Flotte auf dem Brustteil. Auf ihren Schulterstücken sah ich die terranischen Rangabzeichen eines Schlachtschiffkommandanten. Ich musste innerlich lächeln. Eine Frau, auch wenn sie First Lady sein mochte, mit so hohen militärischen Rangabzeichen war zu der Zeit eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
Ihr herrliches, silberweißes Haar war militärisch zweckmäßig hochgesteckt. Wenn sie sich ihre arkonidischen Traditionen voll bewahrt hatte, musste es offen fast hüftlang sein. Die Haut war genau wie meine leicht gebräunt und verrieten die reinrassige Arkon-Geborene. Sie war kein junges Mädchen mehr wie zu der Zeit, als sie ins Solsystem gekommen war, sondern eine reife, voll erblühte Frau von überwältigender Schönheit und Ausstrahlung.
„Auch ich danke für die Ehre, dass du uns empfängst, Erhabener“, ergänzte Thora mit einer warmen Stimme, die mein mühsam aufrecht erhaltenes Gleichgewicht fast wieder ins Wanken brachte.
Mit Gewalt schüttelte ich die Faszination ab, die von ihr ausging. Als sie sich tief verbeugen wollte, schüttelte ich leicht den Kopf. „Es ist mir eine Ehre, Thora. Ich freue mich über Deinen Besuch und auch Deinen, Crest.“
Das gab mir Gelegenheit, wieder einen Augenblick von ihr wegzusehen.
Leutnant Gmuna und Thoras Sekretärin, die den beiden Arkoniden in einigen Schritten Abstand gefolgt war, blickten sich an. Anscheinend verstanden sie die Welt nicht mehr. Crest übernahm die Erklärung.
„Admiral Atlan ist der Kristallprinz des Reiches, egal ob nun ein Robotgehirn regiert oder nicht. Wir erweisen ihm lediglich den Respekt und die Ehre, die ihm aufgrund seines hohen Ranges zusteht.“
Da war es wieder, die Erwähnung des Robotregenten.
du wirst es glauben müssen, kam der unvermeidliche Hinweis in meinem Kopf.
Ich konnte und wollte das nicht. Ich wehrte mich mit allem, was ich hatte.
Etwas anderes machte mir auch zu schaffen. Erhabener – wie lange hatte ich diese Anrede nicht mehr von einem Wesen aus Fleisch und Blut gehört. Über die Jahrtausende hatte nur mein treuer Roboter Rico mich so genannt.
Abrupt beschloss ich, die Vorstellung zu beenden.
Verbindlich lächelnd wandte ich mich an die junge Dame und an Leutnant Gmuna. Ich bat nicht, sondern ich ordnete ganz bewusst an, wie es einem Admiral zustand.
„Bitte lassen Sie uns doch alleine. Wir benötigen Sie vorerst nicht mehr.“
Gmuna zögerte einen Moment. Wahrscheinlich fragte er sich schon, ob er einen Fehler gemacht hatte, indem er Thora von meinem Wunsch unterrichtete. Doch er entschied sich schnell, wie ich es erwartet hatte.
„Selbstverständlich, Sir. Miss Thornten und ich warten draußen. Bitte rufen Sie uns, sobald Sie uns wieder benötigen.“
Damit grüßte er militärisch exakt und drehte sich um. Miss Thornten nickte Thora zuerst, dann uns Männern freundlich zu und schloss sich dem Leutnant an.
Innerlich atmete ich auf. Bis jetzt war ich immer noch „nur“ Gast des Solaren Imperiums ohne irgendwelche Befugnisse. Dass Gmuna nicht protestiert hatte, wertete ich als sehr gutes Zeichen.
Ich bot Thora und Crest Plätze an und ließ von dem Bedienungsroboter Getränke reichen. Während Crest sich an Fruchtsaft hielt, wählten Thora und ich echten terranischen Bohnenkaffee. Also hatte sie genau wie ich dieses Getränk schätzen gelernt.
Thoras Blick schien jede Kleinigkeit des Raumes wahrzunehmen. Ihre Augen waren von einem warmen rot-gold goldrot. Sie schien ein wenig unsicher zu sein.
Natürlich, du Narr! Sie findet dich wohl genauso faszinierend wie du sie. Wieder konnte dieser penetrante Logiksektor sein Spötteln nicht unterlassen?
Beide sprachen mich nicht an. Es war an mir als Kristallprinzen, das Wort zu ergreifen und entweder erst ein kurzes Gespräch über allgemeine Themen zu beginnen oder gleich nach dem Grund ihres Besuches zu fragen.
„Vielleicht sollte man unseren aktivierten Extrasinnen die Gelegenheit geben, sich direkt miteinander zu unterhalten“, eröffnete ich die Unterhaltung.
Thora war nur den Bruchteil einer Sekunde verwirrt. Mit einer solchen Äußerung hatte sie nicht gerechnet. Sie lächelte mich charmant an. Es war nicht nur eine Höflichkeitsgeste. Ihre Augen lächelten mit. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass der Funke von mir auf sie genauso übergesprungen war wie von ihr auf mich.
Spiel nicht mit dem Feuer, ermahnte mich der Extrasinn. Denke daran, was daraus entstehen könnte!
Ich weiß, was Sache ist, gab ich gereizt zurück.
Laut fuhr ich fort: „Ich gehe davon aus, dass Ihr beide genau wie ich die ARK SUMMIA erhalten habt.
„Selbstverständlich, Erhabener.“
„Sind die Bedingungen für die ARK SUMMIA immer noch die gleichen wie damals, vor unendlich langer Zeit?“
Thora lächelte. Anscheinend konnte sie sich gut in mich hineinversetzen. „Ja, Erhabener. Aber es gibt nur noch wenige Arkoniden, denen diese hohe Ehre zuteil wird.“
„Viel zu viele Mitglieder unseres ehrwürdigen Volkes sind nicht mehr in der Lage, die schweren Prüfungen zu bestehen“, ergänzte Crest. „Wie du sicherlich schon überall gehört hast, ist unser Volk völlig degeneriert, Erhabener.“
Ich schüttelte den Kopf. Wieder dieser Hinweis – aber Arkoniden dieser hohen Herkunft würden mich nicht anlügen! Das verbot ihnen die Erziehung und ihr hoher Ehrenkodex.
Ist der überhaupt noch der gleiche wie damals?, fragte der Logiksektor eiskalt zurück.
Innerlich aufgewühlt ignorierte ich den Hinweis und betrachtete stattdessen Thora und den Wissenschaftler. Besonders Thora kam mir absolut nicht degeneriert vor, im Gegenteil. Bei Crest kam sein hohes Alter hinzu. Er wirkte dadurch gebrechlich und verbraucht. Aber sein Verstand schien immer noch überragend zu sein.
„Darf ich nach dem Grund Eures Besuches fragen?“, wechselte ich das Thema.
Thora blickte verlegen auf den Boden, für eine Fürstin eine ungewohnte Geste. Aber sie war genau wie ich schon so lange auf der Erde, dass sie einige Gewohnheiten der kleinen Barbaren übernommen hatte.
„Wir möchten uns bei dir entschuldigen, Erhabener“, antwortete Crest.
„Oh“, ich war sprachlos. Damit hatte ich nun nicht gerechnet. „Warum?“
„Nun, während du mit meinem Freund Perry auf dem Planeten Hellgate gekämpft hast, hast du ihm Deinen Namen und Deinen Rang verraten. Daraufhin hat er uns, Thora und mich, gefragt, ob wir dich kennen.“
„Natürlich kannten wir Deinen Namen aus der Geschichtsschreibung unseres Volkes“, fuhr Thora fort. „Aber dass wir dir hier begegnen – und vor allen Dingen, dass du unsterblich bist, das war für uns nicht unvorstellbar, zumal uns die Unsterblichkeit verweigert wurde, eben weil wir Arkoniden sind. Deshalb nahmen wir an, dass du ein Arkonide bist, der vor uns die Erde gefunden hat und der so unverschämt ist, als Tarnexistenz die Identität eines Kristallprinzen des Reiches zu wählen, zudem noch eines Helden des Imperiums. Wobei wir uns natürlich fragten, wie du auf die Erde gekommen bist. Die Koordinaten der Erde sind auf Arkon nicht bekannt. Auch unsere Zielkoordinaten lagen im Wega-System. Nur durch den Maschinenschaden an der AETRON mussten wir hier auf dem Mond landen.“
Ich nickte und schwieg einen Augenblick. „Doch, die Koordinaten der Erde könnten in den Archiven auf Arkon vermerkt sein.“
Crest merkte deutlich auf.
„Habt Ihr schon einmal etwas von Larsafs Stern gehört?“
Thora und Crest blickten sich überrascht an.
„Ja“, meinte sie. „Der Name ist bekannt, aber die Koordinaten nicht.“
„Wieso das?“
Sie hob die Schultern. „Erhabener, nachdem du nicht mehr nach Arkon zurückkehren konntest, geriet das Große Imperium durch den Methankrieg an den Rand des Untergangs. Es gelang dem Imperium zwar, den Krieg zu gewinnen, unter anderem durch die Daten einer Waffe, die du beschafft hast, aber sehr viele Angaben über Kolonialwelten, vor allen Dingen solche, die so weit ab von Arkon lagen, gingen verloren. Nur die Namen an sich sind noch in den Archiven zu finden. Dazu gehören auch die Koordinaten von Larsafs Stern.“
„Dann ist die Erde identisch mit einer ehemaligen Kolonie des Reiches, Erhabener?, fragte Crest.
„Ja, Crest. Die Erde ist Larsaf III. Nach den Gesetzen des Imperiums ‚gehört’ das System als Kolonie zum Reich.“
Gespannt wartete ich die Reaktion der beiden ab. Sie kam wie erwartet. Crest schüttelte leicht den Kopf. „Die Erde und Dein Mann als Untergebener des Robotregenten? Unvorstellbar!“
Thora verneinte auch. „Niemals. Das würde ich auch nicht zulassen.“
In diesem Augenblick erkannte ich, dass sie genau wie ich schon mehr Mensch als Arkonide war – und außerdem ihren Mann liebte und zu ihm stand.
„Ich auch nicht“, ergänzte ich ruhig. „Die Zeiten sind vorbei. Es muss doch niemand wissen, dass die Erde früher einmal Larsaf III hieß, zumal die Koordinaten zum Glück verloren gingen.“
Interessiert beobachtete ich die Erleichterung der beiden. Sie schienen wirklich mit Arkon abgeschlossen zu haben und sich für die Menschen entschieden. Ganz konnte ich sie bisher nicht verstehen. Auch ich hatte mich für die Menschen entschieden, ihnen zu helfen, wo ich konnte, ihre Entwicklung zu fördern. Aber ich wollte nach Hause, immer noch! Das würde ich Perry Rhodan auch klarmachen, sobald er wieder auf der Erde war. Ich würde ihm sogar das Versprechen geben, sofort wieder zur Erde zurückzukehren, falls die Sache mit dem Robotregenten Tatsache sein sollte.
Sie ist Tatsache, kommentierte der Extrasinn. Finde dich damit ab.
Ich konnte und wollte es nicht – noch nicht!
„Außerdem“, ergänzte ich. „Sind nicht nur die Zeiten vorbei, sondern wir sind auf der Erde, nicht auf Arkon. Und wie ich sehe, haben wir alle inzwischen schon sehr viel von den Gewohnheiten der Menschen angenommen. Deshalb denke ich, dass wir auf die alten arkonidischen Sitten gut verzichten können. Für Euch bin ab sofort einfach Atlan und nicht ‚Erhabener’.“
Crest lächelte und blickte zwischen Thora und mir hin und her. Sie lächelte so, als ob sie ihr Glück nicht fassen könnte und dankte mir mit einem derart charmanten Neigen des Kopfes, dass ich erneut unruhig wurde.
„Was wird über mich in der Geschichtsschreibung Arkons berichtet?“
„Dass du dich in den Schlachten des Nebelsektors gegen die Methans ausgezeichnet hast und trotz Deines jungen Alters schon große Hochachtung als Kristallprinz des Reiches genossen hast“, berichtete Thora sachlich. „Dann aber bist du verschollen, nachdem du die Daten für eine Waffe geliefert hast, die den Krieg entschied. Woher du sie hattest, erfuhr damals niemand. Genauso konnte später keiner sagen, was aus Admiral Atlan wurde. Da damals das Chaos herrschte, warst du trotz Deiner großen Verdienste nur eines von viel zu vielen Opfern.“
„Und nun sitze ich lebendig vor Euch.“
„Ja, Atlan.“ Es kam ihr noch ein wenig zögernd und ungewohnt über die Lippen. „Es ist ein Wunder, das ich immer noch nicht so richtig glauben kann.“
Ich lachte sie freundlich an. „Wie du siehst, bin ich kein Geist.“
Crest stimmte in das Lachen ein. Es machte ihn um Jahre jünger.
Die weitere Unterhaltung verlief gelöst und in bester Stimmung. Als Leutnant Gmuna einmal vorsichtig anfragte, ob wir etwas benötigen würden, warf ich ihn ohne viele Umstände hinaus. Bei Thora rief das ein glockenhelles Lachen hervor.
Als ich nach den Verhältnissen auf Arkon fragte, wurden wir alle wieder ernst. Crest berichtete von den Zuständen, die sie vorgefunden hatten, als Perry sie nach Arkon zurück brachte, 13 Jahre nach ihrer Landung auf dem Mond. Ich konnte es immer noch nicht glauben.
Crest versicherte mir eindringlich: „Atlan, wir belügen dich nicht. du weißt, dass Arkoniden unserer Herkunft das mit ihrem Ehrenkodex nicht vereinbaren können. Es ist Tatsache. Thora und ich gehören zu den ganz wenigen Arkoniden, die nicht degeneriert sind. Wir verstehen es auch nicht, aber wir müssen es akzeptieren. Die Menschen sind die Erben unseres Imperiums. Davon bin ich schon lange überzeugt. Thora brauchte dazu ein wenig länger, nicht wahr, meine Tochter?“
Sie nickte bestätigend. „Wahrscheinlich konnte und wollte ich es nicht glauben, genauso wie auch Atlan jetzt nicht glauben kann, wie es auf Arkon aussieht.“
Hart schluckte sie, bevor sie fortfuhr: „Und auf Arkon habe ich endlich begriffen, dass ich Perry schon lange vorher liebte. Das und die Verhältnisse auf in unserer Heimat waren die Gründe, dass Crest und ich uns entschieden, mit den Menschen nach Terra zurückzukehren.“
Ich sagte nichts. Dazu gab es nichts mehr zu sagen. Sie kämpfte offensichtlich mit ihren Gefühlen.
Da ist noch etwas, warnte der Extrasinn.
„Ich möchte dich noch um etwas anderes bitten, Atlan. Bleibe auch du auf Terra, hilf weiterhin den Menschen. Besonders hilf Perry, bitte! Kehre nicht nach Arkon zurück! Dein Platz ist hier. du hast den Menschen so lange geholfen, bitte mach das auch weiter. Mein Gefühl sagt mir, dass du und Perry sehr gute Freunde werden könnt.“
Ihre so ausdrucksvollen Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich muss ich nach Arkon! Ich möchte Euch glauben, aber ich kann es nicht, ehe ich es nicht mit eigenen Augen gesehen habe. Wenn es so ist, komme ich sofort zurück. Wenn nicht, stehe ich trotzdem weiter auf Seiten der Menschheit. Aber dann ist es meine erste Pflicht als Kristallprinz, das Reich zu übernehmen. Ihr könnt sicher sein, dass ich das Solare Imperium nicht zu einer Kolonie Arkons machen werde. Von mir wird niemand auf Arkon erfahren, dass Terra identisch mit Larsaf III ist.“
Ehe Thora antworten konnte, machte Crest eine abweisende Handbewegung.
„Atlan, du kannst nicht nach Arkon. du würdest nicht zurückkehren können. Der Regent ist gnadenlos. du bist einer der letzten aktiven Arkoniden. Meiner Meinung nach bist du sogar noch aktiver als Thora oder ich, wobei ich ein alter Mann bin. Jeder halbwegs aktive Arkonide ist für das Gehirn äußerst wertvoll. du würdest gar nicht erst dazu kommen, das Reich zu übernehmen!“
Bitter lachte ich auf. „Ich würde einen Weg finden, seid da sicher. Niemals werde ich unter dem Befehl eines Roboters dienen. Nicht der Kristallprinz des Reiches!“
„Eines Tages wird Atlan der Imperator des Reiches sein“, warf Thora mit abwesend klingender Stimme ein.
Ich fuhr herum, in Crests Augen entdeckte ich das blanke Entsetzen. „Wie kommst du darauf, meine Tochter?“
„Ich weiß es nicht. Ein Gefühl sagte es mir eben.“ Sie schüttelte leicht den Kopf.
Auch ich konnte mich eines unruhigen Gefühls nicht erwehren. Das war ein Thema, das für mich über mein ganzes weiteres Leben bestimmen konnte. Gemäß den Gesetzen des Imperiums war ich als Kristallprinz sogar verpflichtet, das Reich zu übernehmen, wenn es führungslos war. Aber dann würde ich der Erde den Rücken kehren müssen. In diesem Moment erkannte ich wie schon so oft, dass ich inzwischen so viel mehr Mensch als Arkonide war. Zehntausend Jahre forderten ihren Tribut.
Als die beiden sich verabschiedeten, war ich innerlich aufgewühlt. Der Robotregent ließ mich nicht los.
Dass ich für Thora Feuer gefangen hatte, unterdrückte ich mit Gewalt. Ich gestand es mir zwar ein, aber mehr auch nicht. Sie hatte mir eindeutig zu verstehen gegeben, dass sie ihren Mann liebte, obwohl ich ganz klar erkannt hatte, dass auch sie gewisse Gefühle für mich hegte. Sie hatte es nicht verbergen können. Aber auch sie würde vernünftig sein – wir mussten es beide! Hoffentlich würde sie sich Crest anvertrauen. Der alte Wissenschaftler, der schon so lange ihr Vertrauter war und die Vaterstelle an ihr vertrat, würde ihr bestimmt helfen können.
Für mich lag mein Weg klar vor mir. Natürlich – Thora war eine vornehme Arkonidin, eine Frau auf meinem Niveau – aber es war für mich eine Sache der Ehre, meinem neuen Freund nicht in den Rücken zu fallen. An die politischen Verwicklungen einer Affäre zwischen Thora und mir wollte ich gar nicht erst denken.
Kurze Zeit später traf ich endlich Perry wieder und stieg an Bord des Flaggschiffs DRUSUS ein. Hier erfuhr er von mir, dass die Erde einstmals eine arkonidische Kolonie war und dass der sagenhafte, im Meer versunkene Erdteil Atlantis nach mir benannt worden war. Im Gegenzug erfuhr ich auch, wem ich meinen Zellaktivator verdankte: ES, dem Unsterblichen von Wanderer!
Was noch wichtiger war: Er schaffte es endlich, mich von dem Vorhandensein des Robotregenten zu überzeugen. Daraufhin entschloss ich mich endgültig, auf die Heimkehr nach Arkon zu verzichten.

**********

Ich unterbrach meinen Bericht und musterte eingehend den jungen Mann, der mir, ohne mich einmal zu unterbrechen, fasziniert gelauscht hatte. Mit Absicht legte ich an dieser Stelle eine Pause ein, um ihm Gelegenheit zu geben, Fragen zu stellen, die er inzwischen haben musste.
„Thora“, begann er vorsichtig. „Sie muss eine ganz außergewöhnliche Frau gewesen sein. Ich kenne sie nur von den alten Archivaufnahmen. Waren sie und Crest wirklich die letzten nicht degenerierten Arkoniden?“
„Fast“, antwortete ich traurig. „Es gab außer ihnen noch ein paar andere. Später, als ich Imperator war fand ich sie mit Hilfe des Regenten, weil ich gezielt nach ihnen suchte. Es waren genau 43 Arkoniden im gesamten Reich! Stell dir das einmal vor: im gesamten riesigen Arkon-Imperium gab es keine fünfzig Arkoniden mehr, die Tatkraft und Geist aufweisen konnten. Natürlich waren sie froh, dass ich sie aus ihrem Umfeld herausholte und für den Dienst in der Imperiums-Flotte verpflichtete. Vorher hatten sie einen aussichtslosen Kampf gegen die Interesselosigkeit an allem außer an diesen verfluchten Simultanspielen geführt.“
„Hätten Sie dir nicht gefährlich werden können und selbst Anspruch auf den Thron erheben?“
„Nein, Mike. So aktiv waren sie nun doch wieder nicht. Niemand von ihnen erfüllte die Anforderungen des Regenten.“
„Eine Intelligenzquote von mindestens 50 Lerc. Das ist verdammt hoch.“ Michael überlegte. Fast ahnte ich schon, was er als nächstes wissen wollte.
„Thora und Crest“, meinte er sinnend. „Als mein Vater sie nach Arkon zurück brachte – wieso sprach die Sicherheitsschaltung nicht auf sie an? Erfüllten sie nicht die Anforderungen?“
Bitter lachte ich auf. „Das fragt sich Dein Vater wohl bis heute noch. Im ersten Augenblick ist es auch verwunderlich. Hast du keine Idee dazu?“
Michael dachte angestrengt nach. „Nicht direkt. Ich könnte mir nur vorstellen, dass ihre Quote genau wie bei denen, die du später fandest, nicht ganz ausreichte.“
„Das war bei Crest so, ja. Obwohl er der Erste Wissenschaflter des Rates war, hatte er ‚nur’ eine Intelligenzquote von 49,7 Lerc.“
„Knapp vorbei ist auch vorbei, besonders bei einem Roboter“, versuchte Michael zu spötteln. Vor mir konnte er aber seinen innerlichen Aufruhr nicht verbergen.
„Aber Thora? Sie auch?“
„Nein, sie nicht. Denk mal genauer nach. Was habe ich dir über die alten Sitten und Gebräuche des Reiches erzählt?“
Michael merkte auf. Er hatte die Lösung. „Weil sie eine Frau ist?“, fragte er vorsichtig.
„Ja, Mike. du wirst es heute kaum glauben, aber das allein ist der Grund, warum sie von der seit Einschaltung des Robotregenten immer aktiven Sicherheitsschaltung nicht anerkannt wurde. In allem entsprach sie den Anforderungen: nicht degeneriert, eine Quote von über 50 Lerc, ARK SUMMIA. Aber in der Programmierung der Sicherheitsschaltung A-1 war die Möglichkeit, einer Frau die absolute Macht zu übergeben, nicht vorgesehen! Sonst wäre Thora die erste regierende Imperatrice des Großen Imperiums geworden!“
„Das ist ungeheuerlich“, protestierte Michael. „So engstirnig können die Wissenschaftler doch nicht gewesen sein, die den Regenten programmierten.“
„Doch, das waren sie. Wobei ich ihnen eines zugute halten muss. Sie konnten damals nicht ahnen, dass die Frauen später von der allgemeinen Degeneration viel weniger betroffen waren. Deshalb dienten schon Jahre vor Thoras Abflug von Arkon viele Frauen bei der Flotte. Die Erbauer des Regenten handelten nach den Sitten, die damals üblich waren.“
Ich lachte leise auf. „Zum Glück habe ich inzwischen meine Meinung gründlich geändert. Dazu haben zu viele Frauen in den Jahrtausenden an meiner Seite gekämpft.
„Ich freue mich schon darauf, wenn du es mir erzählst“, sinnierte Mike. Aber er kam sofort wieder auf das jetzige Thema zurück.
„Mein Vater weiß das sicherlich nicht, vermute ich.“ Mein kurzes Kopfnicken nahm er als ausreichende Bestätigung. „Wir können wohl allen Sternengöttern dankbar sein, dass Thora als Frau nicht von dem Regenten anerkannt wurde.“
„Warum?“
„Nun, zu der Zeit war Thora doch noch in ihrem arkonidischen Hochmut gefangen, so weit ich weiß …“
„Arkonidischer Hochmut“, unterbrach ich ihn. „Ein solcher Arkonide sitzt vor dir und ist Dein Lehrmeister. Also sei vorsichtig mit derartigen Äußerungen.“
„Dieser Arkonide, der vor mir sitzt, ist inzwischen mehr Mensch als Arkonide“, konterte Michael und grinste mich an. Ich grinste zurück, wir verstanden uns auch ohne viele Worte.
„Jedenfalls war Thora zu dieser Zeit, wie ich aus der Geschichtsschreibung weiß, noch nicht bereit, die Menschen als gleichwertig anzuerkennen. Als Imperatrice hätte sie aus der Erde sehr schnell eine Arkon-Kolonie gemacht. Und mit Pech hätte sie sogar die Koordinaten von Larsafs Stern wieder gefunden und festgestellt, dass die Erde eigentlich schon lange eine Arkon-Kolonie war nach den alten Gesetzen. Was hätten mein Vater und alle anderen zu der Zeit schon der übermächtigen Robotflotte entgegen setzen können?“
„Menschlichen Einfallsreichtum und Durchhaltevermögen“, konterte ich trocken.
„Ob das gereicht hätte – ich wage es zu bezweifeln. Aber Thora selbst – sie war anscheinend eine ganz außergewöhnliche Frau. Wahrscheinlich hätte ich mich genauso in sie verliebt wie Vater. Ich verstehe ihn sehr gut.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nicht verliebt, Mike! Dein Vater liebte Thora mehr als sein Leben. Das musst du dir immer vor Augen halten, dann verstehst du alles sehr viel besser.“
Michael wollte noch etwas sagen, ließ es aber. Einige Augenblicke gab ich ihm zum Nachdenken, dann hakte ich nach. Es war unsinnig, mit der Erzählung fortzufahren, wenn er noch offene Fragen hatte.
„Und du? Hast du Thora auch geliebt? Und Thora selbst?“
„Na, dann hast du es ja endlich ausgesprochen“, meinte ich trocken zu dem jungen Mann. „Es war mir klar, dass du dir gerade diese Frage stellen musstest, irgendwann.“
„Möchtest du es sagen oder lieber nicht?“
Seine Augen bettelten, dass er die Wahrheit doch nicht wissen wollte. Er tat mir leid, aber er musste alles von damals wissen. Sonst würde er mit sich selbst nicht zurechtkommen können.
„Wir sind immer offen zueinander gewesen. Das wird sich von meiner Seite auch nicht ändern, junger Höhlenwilder“, versuchte ich die Anspannung ein wenig zu lösen. „Ja, ich habe Thora geliebt. Wie ich gerade erzählte, sprang der Funke zwischen uns sofort über. Es war gar nicht zu verhindern. Thora und ich waren von gleicher Herkunft, aus hohen Adelshäusern Arkons, die beide schon berühmte Imperatoren gestellt haben. Und wir waren beide Verbannte auf der Erde. Aber ich schwöre dir bei allem, was mir heilig ist, Thora hat Deinen Vater nie betrogen und ich habe niemals versucht, sie zu verführen. Es wäre für mich mit meiner Ehre nicht zu vereinbaren gewesen, eine Affäre mit der Frau meines Freundes zu beginnen. Was Thora betrifft, ich glaube, sie stand bis zu ihrem Tod zwischen zwei Feuern – einmal der Liebe zu deinem Vater, die auch durch mein Erscheinen nicht nachließ – und den Gefühlen, die sie für mich empfand.“
Michael war sehr nachdenklich geworden. „Das glaube ich dir, Atlan. Von dir habe ich auch nichts anderes erwartet. Nur, ich wusste nicht, wie Thora damals wirklich reagierte. Dass sie auch keinen Versuch machte, sich dir zu nähern, lässt sie für mich in meiner Achtung nur steigen. Habt Ihr denn nie über Eure Gefühle zueinander gesprochen?“
„Doch, aber erst später.“
Michaels Gesicht wirkte sehr gefasst, obwohl in ihm ein Feuer lodern musste. Es würde für ihn noch härter werden, noch waren wir nicht bei seinem Halbbruder angekommen …

**********

4
Silvester 2040
Bungalow von Perry Rhodan und Thora
Terrania-City, Goshun-See

Perry Rhodan hatte zur alljährlichen Silvesterfeier eingeladen. Alle Mitglieder der Führungsspitze, zu der inzwischen auch ich uneingeschränkt gehörte, hatten sich bei ihm versammelt. Es war keine rauschende Party, sondern ein gemütliches Beisammensein mit Gesprächen und gutem Essen und Trinken – und dem ersten festlichen Jahreswechsel, den ich seit ewig langer Zeit im Kreise guter Freunde verbrachte.
Immer wieder beobachtete Perry, wie sich seine Frau mir gegenüber verhielt. Thora war charmant und bezauberte alle Gäste. Sie behandelte alle gleich, bevorzugte oder benachteiligte niemanden, die perfekte Gastgeberin. Trotzdem bemerkte ich, wie Perry immer nachdenklicher wurde. Ungefähr eine Stunde vor dem Jahreswechsel bat er mich, mit ihm in sein Arbeitszimmer zu kommen.
Als wir in der gemütlichen Sitzecke Platz nahmen, musterte ich ihn genau. Bereits den ganzen Abend war mir aufgefallen, dass er kaum alkoholische Getränke zu sich nahm. Anscheinend wollte er unbedingt einen klaren Kopf behalten. Mir konnte das egal sein, mein Zellaktivator neutralisierte jedes Gift, auch Alkohol.
„Atlan“, begann er zögernd. „Ich freue mich sehr, dass du dich entschieden hast, hier auf der Erde zu bleiben und auf eine Rückkehr nach Arkon zu verzichten. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schwer dir die Entscheidung gefallen ist. Genauso – oder sogar noch mehr – freue ich mich, dass wir Freunde geworden sind.“
Ehe ich noch antworten konnte, gab mein Extrasinn den Hinweis, obwohl ich ihn gar nicht mehr gebraucht hätte: Thora!
„Darüber brauchen wir nicht mehr reden, Perry“, antwortete ich sehr ernst. Wir haben wohl beide eingesehen, dass es völlig sinnlos ist, uns zu bekämpfen oder sogar töten zu wollen. Die Menschheit, das Fortkommen der Menschheit, das ist unsere Aufgabe.“
Er nickte. „Genau meine Meinung. Aber da gibt es noch etwas anderes. Bitte verstehe mich nicht falsch, ich möchte dir auf keinen Fall drohen oder so etwas ähnliches. Aber falls du auf die Idee kommen solltest, mir meine Frau ausspannen zu wollen, werde ich um sie kämpfen, noch härter als ich auf Hellgate oder auf der Venus gegen dich gekämpft habe.“
Leicht verweisend schüttelte ich den Kopf. „Perry, wie kommst du darauf? Niemals – ich wiederhole: niemals! – werde ich meinem Freund die Frau ausspannen. Das könnte ich mit meiner Ehre nicht vereinbaren!“
Er überlegte einen Augenblick, öffnete und schloss den Mund ein paar Mal. Ich ermutigte ihn nicht zum Sprechen, winkte aber auch nicht ab. Es war seine Entscheidung, was er mir sagte. Ich vermutete, dass er mich fragen wollte, ob ich eventuell bestimmte Gefühle für Thora hegte – aber er ließ es dann doch.
„Mir fällt immer mehr auf, dass Thora dich mit größtem Respekt und Achtung behandelt. Als ob sie zu dir aufblickt.“
Ich legte ihm die Hand auf den Arm. „Also stimmt es doch, was Ihr Menschen immer wieder sagt: Liebe macht blind!“
„Wieso?“
„Hast du dann auch Crest beobachtet, wie er mir entgegentritt?“
„Auch äußerst respektvoll. Ich muss zugeben, dass ich ein solches Verhalten bei beiden bisher noch nicht erlebt habe. Sie sind hochrangige Mitglieder eines alten arkonidischen Adelsgeschlechtes.“
Ich suchte den Blick seiner eisgrauen Augen, die immer so beherrscht wirkten. Jetzt las ich in ihnen echte Sorge, sogar ein ganz klein wenig Angst. Das war es also! Er hatte Angst, Thora an mich zu verlieren! Es war für mich eine Ehrensache, ihn zu beruhigen.
„Eben. Beide, Deine Frau und Crest, machen nichts anderes als dem Kristallprinzen des Reiches den gebotenen Respekt zu bezeugen! Das ist ihnen seit frühester Kindheit so anerzogen worden. Der Kristallprinz kommt gleich nach dem Imperator.“
Perry räusperte sich. „du meinst, es ist wirklich nur das, nicht …“, unterbrach er sich.
„Deine Frau liebt dich, Freund! Sie hat sich für dich gegen ein Bleiben auf Arkon entschieden, damals, als du die drei Planeten angeflogen hast!“
„Genau das ist es, wovor ich Angst habe, ja, Atlan, ich sage es dir ganz ehrlich: Angst! Thora ist mein Leben! Und du und Thora, Ihr beide seid Gestrandete, Verbannte auf der Erde. Beide habt Ihr Euch aus freien Stücken entschlossen, hier zu bleiben, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Motiven. Aber trotzdem verbindet das!“
„Stimmt. Das streite ich überhaupt nicht ab. Gleiche Herkunft, gleiches Schicksal verbindet in jedem Fall – das sind aber noch lange keine liebenden Gefühle!“
„Nur“, er rang sichtlich mit sich. „Ich möchte nicht, dass Thora unglücklich wird, dazu liebe ich sie zu sehr. Wenn sie also von sich aus zu der Überzeugung kommt, dass sie sich mehr zu dir hingezogen fühlt, dann weise sie bitte nicht ab aus Ehrgefühl. Ich werde ihr dann nichts in den Weg legen. Versprich mir bitte, dass du sie glücklich machen wirst.“
Ein warmes Gefühl stieg in mir auf. Glasklar erkannte ich, was es meinen Freund kostete, überhaupt mit mir über dieses Thema zu sprechen. Einen größeren Vertrauensbeweis hätte er mir gegenüber nicht erringen können.
Leicht verweisend schüttelte ich den Kopf. „Dazu wird es nicht kommen, Freund. Thora ist glücklich mit dir, sie liebt dich genauso wie du sie. Aber eines versichere ich Euch beiden: wann immer Ihr mich braucht, du und sie, bin ich für Euch da, das schwöre ich dir bei allen Sternengöttern!“
Dabei erhob ich mich und legte leicht die offene Hand auf die linke Brustseite.
Perry stand auch auf und nahm meine beiden Hände in seine. „Atlan, ich danke dir so sehr. Auch ich bin für dich da, falls du mich brauchst, egal wann.“
„Das weiß ich“, sagte ich einfach.
Zu der Zeit wussten wir beide noch nicht, welche Bedeutung unsere Freundschaft in der Zukunft für uns haben würde. Heute weiß ich schon nicht mehr genau, wie oft wir uns innerhalb der nächsten Jahrhunderte gegenseitig unser Leben verdanken würden.

**********

„Thora kommt mir immer ‚lebendiger’ vor nach diesen Schilderungen“, meinte Michael leise. „Und mein Vater: ich wusste bisher nicht, wie er sie geliebt hat. So sehr, dass er sie sogar dir gegeben hätte, nur damit sie glücklich ist. Ehrlich, Lehrmeister, ich bewundere meinen Vater dafür, dass er sich selbst so zurückstellte.“
„Das ist der grundsätzliche Wesenszug an deinem Vater. Sich selbst stellt er immer wieder zurück, andere kommen für ihn zuerst – zu allererst ‚seine’ geliebte Menschheit. Und seine Frau. Damals Thora, heute Deine Mutter.“
„Und du?“
„Wieso ich?“
„Naja, du hast Thora geliebt. Wie bist du selbst mit deinen Gefühlen zurechtgekommen? Du musst doch auch gelitten haben.“
Ich stand von der bequemen Liege auf und ging ein paar Schritte auf und ab. Dann blickte ich ihn offen an.
„Ja, ich habe gelitten damals. Mehr, als Perry und seine Vertrauten jemals bemerkt haben. Weißt du, Arkoniden sind in dieser Beziehung anders als Menschen. Wenn sie eine logische Entscheidung treffen müssen, dann können sie ihre Gefühle besser beherrschen als Menschen.“
Michael ließ nicht locker. „Du empfindest aber schon seit Jahrhunderten wie ein Mensch, nicht wie ein Arkonide.“
Darauf gab es nichts zu erwidern. Da drängte mich doch dieser junge Höhlenwilde selbst in die Enge, ich fasste es nicht!
„Mike, ich habe in meinem langen Leben viele Frauen gehabt, einige von ihnen habe ich auch wirklich geliebt. Aber es gibt unter ihnen nur zwei, die mich so fesselten. Eine war die Frau meines besten Freundes, die andere habe ich verloren.“
Michael nickte sehr ernst. „Diejenige, die für dich tabu war, war Thora. Über die andere – reden wir nicht darüber“, lenkte er schnell ab. „Ich weiß, wen du meinst.“ Das war mir sehr recht. Nein, an Mirona Thetin, die Meisterin der Insel, die ich geliebt hatte und deretwegen ich fast das Solare Imperium in den Untergang gestürzt hätte, wollte ich wirklich nicht mehr denken!
„Atlan“, fuhr er fort, „Du warst damals ein ganz armer Hund.“
Ich brachte ein Lachen zustande. „Genau das hat dein Vater auch vor sehr langer Zeit einmal zu mir gesagt.“

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5

2041

Im Laufe des Jahres 2041 festigte sich die Freundschaft zwischen Perry Rhodan und mir immer mehr. Öfter begleitete ich ihn auf gefährlichen Unternehmungen im Raum zwischen den Sternen. Wir trafen uns auch immer wieder privat in seinem Bungalow. Er hatte auch nichts dagegen, dass ich Thora ab und an allein traf. Die Fronten waren durch das Gespräch an Silvester geklärt. Thora und ich spürten unsere Gefühle füreinander, aber beide sprachen wir noch nicht darüber. Genauso wie es für mich eine Ehrensache war, sie nicht anzurühren, machte sie keinen Versuch. Immer wieder bemerkte ich ihren Zwiespalt.
Um sie nicht noch mehr in Gewissensnöte zu stürzen, behandelte ich sie teilweise absichtlich distanziert. Sie lächelte mich dann nur an und sagte nichts – sie hatte verstanden!
Dann kam es zur Katastrophe auf Siliko V! Thora konnte ihren Muttergefühlen nicht mehr widerstehen und wollte ihren Sohn sehen: Thomas Cardif, einen frischgebackenen Leutnant der Solaren Flotte, ihren und Perry Rhodans Sohn, der aufgrund der Entscheidung der Eltern und von Crest bei fremden Eltern aufgewachsen war, um aus sich heraus zu einer eigenen Persönlichkeit zu werden und nicht im Schatten von Perry Rhodan aufzuwachsen.
Erst jetzt erfuhr ich von der Existenz von Thomas. Vorher hatte Perry dieses Geheimnis sogar vor mir verborgen, genau wie Thora! Ich war fassungslos!
Thomas erfuhr durch einen dummen Zufall die Wahrheit, die Perry und Thora ihm eigentlich in aller Ruhe unter sechs Augen mitteilen wollten. Der junge Mann wurde von seinem arkonidischen Erbteil überwältigt und schlug die Hand des Vaters aus, die der ihm reichte. Das führte bei Thora zu einem Nervenzusammenbruch.
Nun erst erfuhr ich die ganze Wahrheit. Nachdem Thora schwanger war, hatten sie und Perry auf Anraten von Crest die mögliche Persönlichkeit des Kindes von dem Positronengehirn auf der Venus vorherberechnen lassen. Darin wurden sie vor eben dieser Persönlichkeit gewarnt: Das Kind würde mit hoher Wahrscheinlichkeit die Empfindungen eines Arkoniden haben und die Denkweise eines Menschen von der Erde und mit genauso hoher Wahrscheinlichkeit sehr viele von Perrys Fähigkeiten erben. Das Gehirn riet deshalb, den Jungen außerhalb der Familie aufwachsen zu lassen, damit sich seine Erbanlagen entwickeln konnten, ohne dass er sich auf den Namen Rhodan berufen konnte.
Bully hatte sich von Anfang an gegen diesen Plan gewehrt, sich aber nicht durchsetzen können. Er sah eine Katastrophe voraus, eben wenn dieses Kind nicht in der Familie ohne die Wärme der Eltern aufwuchs. Er konnte sich aber gegen die Eltern und Crest nicht durchsetzen.
Ich dagegen verstand die Welt nicht mehr! Warum hatten Perry und Thora gewartet, bis sie schwanger war? Warum hatten sie die Persönlichkeit eines möglichen Kindes nicht von dem Positronengehirn vorher berechnen lassen? Und warum hatten sie aufgrund des Ergebnisses nicht verhütet? Im 21. Jahrhundert hätte das wohl kein Problem sein dürfen!
Thora litt still und Perry beherrschte sich mustergültig. Niemand, der ihn nicht genauer kannte, konnte merken, wie schlecht es ihm zu der Zeit ging. Ich gehörte zu diesen wenigen. Deshalb verzichtete ich darauf, die Fragen, die in mir wühlten, von ihnen beantwortet zu bekommen, sondern wandte mich an Crest. Bereitwillig erzählte er mir, dass er vor langen Jahren zwar Thora dazu geraten hatte, ihren Gefühlen für Perry nachzugeben, obwohl der zuerst in ihren Augen „nur“ ein primitiver Barbar gewesen war, aber er hatte auch davon abgeraten, ein Kind zusammen zu zeugen. Er als arkonidischer Spitzenwissenschaftler hatte genau das befürchtet, was eingetreten war: ein Kind von zwei Welten geboren, das nicht in der Lage war, die Gegensätze zu beherrschen. Auf der einen Seite Thoras arkonidischer Stolz, geradezu Arroganz, der auch mich hin und wieder in haarsträubende und lebensgefährliche Situationen brachte, weil ich ihn artbedingt nicht beherrschen konnte – auf der anderen Seite Perrys überragende Fähigkeiten und das Denken eines Menschen von der Erde. Bei Thomas überwogen alle negativen arkonidischen Eigenschaften.
Perry und Thora hatten einige Jahre auf ihn gehört, dann aber ihren Gefühlen nachgegeben. Für sie war ein gemeinsames Kind die Krönung ihrer Liebe zueinander. Nachdem ihre Schwangerschaft absolut sicher war, hatten sie auf Anraten von Crest die Venus-Positronik zu Rate gezogen. Auch die Auswertung, die das Schlimmste für das Kind befürchten ließ, konnte Perry und Thora nicht zu einer Schwangerschaftsunterbrechung bewegen. Für Perry kam dies aufgrund seines christlichen Glaubens auch nicht in Frage. Sie hofften, dass Thomas durch das Aufwachsen bei fremden Eltern seine negativen Anlagen nicht entwickeln würde, weil er nicht die Sicherheit des Namens „Rhodan“ hinter sich hätte. Dabei übersahen sie beide, dass sie dem Kind das Wichtigste vorenthielten, was ein Kind braucht: elterliche Fürsorge und Wärme.
Umso schlimmer kam der Schlag für sie, nachdem Thomas ungeplant erfuhr, wer er denn wirklich war.
Persönlich lernte ich Thomas erst kennen, nachdem Oberst Julian Tifflor, unser Tiff von dem Außenposten wieder zur Erde zurückversetzt wurde und Leutnant Thomas Cardif als seinen Adjutanten mitbrachte.
Das erste Zusammentreffen mit dem jungen Mann weckte schon die größte Besorgnis in mir. Sowohl mein Gefühl als auch mein unbestechlicher Logiksektor warnten mich, dass alle gut beraten wären, den jungen Mann zukünftig nicht aus den Augen zu lassen.
Perry versuchte immer wieder, das Gute in seinem Sohn zu sehen, er machte mehrere Versuche, seinen Sohn zu überzeugen – alle scheiterten.
Entsprechend gedrückt war die Stimmung zum Jahreswechsel 2041. Thomas hatte eine Einladung seiner Eltern abgelehnt.
Ich versuchte, an Perry heranzukommen, aber er blockte ab, jedem gegenüber. Bei Thora hatte ich dagegen den Eindruck, als ob sie mit sich kämpfte, ihre Gefühle als Mutter in sich zu verschließen und sich nur auf ihren Mann zu konzentrieren. Anscheinend gewann mehr und mehr ihr geschulter, arkonidischer Verstand die Oberhand.


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„Eines verstehe ich nicht“, meinte Michael nachdenklich. „Auch du hast wohl einige Kinder mit deinen menschlichen Gefährtinnen gezeugt in all den Jahrhunderten. In diesen Kindern waren deine Fähigkeiten verankert, zusammen mit denen der irdischen Frauen. Ist es durch die Vermischung von arkonidischem und menschlichem Erbgut nie zu so einer Katastrophe gekommen wie bei Thomas? Oder weißt du nichts von deinen Nachkommen?“
Innerlich atmete ich auf. Ganz langsam kamen bei Michael die Überlegungen, auf die ich hinarbeitete.
„Doch, einmal kam es zu einer ganz ähnlichen Katastrophe wie bei Thomas. Obwohl es sich hier ‚nur’ um einen fernen Nachkommen von mir handelte, so trug er trotzdem noch genug arkonidisches Erbgut in sich.“
„Und was hast du gemacht?“
„Ihm meine weitere Unterstützung entzogen, nachdem ich vorher einen wahnsinnig langen Feldzug an seiner Seite mitgemacht und ihn unterstützt hatte. Damals hoffte ich, mit seiner Hilfe ein großes Reich errichten zu können, an dessen Ende einmal der Weg zu den Sternen stehen würde.“
„Wer war es?“, fragte Michael ganz langsam.
„Alexander von Makedonien“, antwortete ich genauso langsam. „Den man in der terranischen Geschichtsschreibung ‚den Großen’ nennt.“
„Wie das?“
Versunken in der Erinnerung antwortete ich: „Damals vor Troja, als ich an der Seite der Griechen kämpfte, zeugte ich zusammen mit der Amazonen-Königin Aita Demeter einen Sohn. Sie, eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war und für Menschen überragende geistige Fähigkeiten besaß, wurde später von den Amazonen ausgestoßen, weil sie sich weigerte, den Jungen gemäß der Sitten ihres Volkes nach der Geburt zu töten. Auf ihn ging das Geschlecht des Makedonen-Königs Alexander zurück.
„Weißt du das alles durch deine Spionsonden?“
„Ja, ich gab Rico damals den Auftrag, Aita und ihre Nachkommen weiterhin zu beobachten.“
Michael überlegte einen Moment. „Also genau wie bei meinem Halbbruder. Die Vermischung überragender arkonidischer und menschlicher Erbanlagen – und das Ergebnis sogar noch nach so vielen Generationen!
Der junge Mann mir gegenüber schien nach Worten zu suchen. Ich drängte ihn nicht, sondern wartete ruhig ab.
„Atlan, einiges verstehe ich inzwischen besser, einiges jetzt gar nicht mehr. Warum hat mein Vater unbewusst Angst, dass sich in mir das wiederholt, was er mit Thomas erleben musste? Ich habe weder einen arkonidischen Erbteil, noch bin ich bei fremden Menschen aufgewachsen. Wieso kommt er nicht dagegen an?“
Ich hob nur die Schultern. „Höre weiter zu, du wirst dann immer mehr verstehen können.“

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6

Jahresanfang 2042
Venus, Thoras Bunker „Arkon“

Zu Beginn des Jahres 2042 bat mich Thora um ein Treffen zusammen mit Crest. Er hatte schon in frühester Jugend für sie die Stelle des Vaters eingenommen.
Wir trafen uns in ihrem Haus, das Perry für sie ganz allein auf der Venus hatten bauen lassen. In einer Höhe von ca. 2.000 Metern, die auf der Erde ungesund und belastend für Menschen wie für Arkoniden gewesen wäre, war auf der Venus die gesündeste Wetterlage. Sie hatte ihren „Bunker“, wie er auch genannt wurde, „Arkon“ genannt. Bunker deshalb, weil er ihr Refugium war. Hierhin zog sie sich zurück, wenn sie Ruhe brauchte, Ruhe vor allem und jedem. Auch ihr Mann folgte ihr nicht hierher. Er respektierte den Freiraum, den sie hin und wieder brauchte. Das lag an der Lebensweise, in der sie auf Arkon aufgewachsen war. Arkoniden liebten kein Wohnen in Ballungsgebieten wie die Menschen, sondern legten Wert darauf, individuell und weit auseinander gezogen zu leben.
Thora und Crest empfingen mich im großen Wohnzimmer des Bungalows. Schmunzelnd sah ich, dass Thora sich hier ganz nach arkonidischem Muster eingerichtet hatte. So ganz konnte sie wohl ihre Heimat doch nicht vergessen. Wahrscheinlich versuchte sie genau wie ich ihre arkonidischen Wurzeln mit ihrem Leben auf der Erde in Einklang zu bringen.
Sie und Crest trugen bequeme arkonidische Gewänder, Crest eine weite Robe, sie eine in zahlreichen Farben schillernde Kombination, die ihre Figur vorzüglich zur Geltung brachte. Ganz die charmante Gastgeberin, fragte sie mich nach dem traditionellen Willkommenstrunk zuerst, ob ich mit Crest und ihr zusammen speisen wollte. Da sie mich zu dieser Zeit eingeladen hatte, rechnete sie anscheinend nicht mit einer Absage.
Das Essen verlief in entspannter Atmosphäre. Wir genossen arkonidische und irdische Leckerbissen aus natürlicher Herstellung. Aber als First Lady eines wirtschaftlich starken Imperiums war es für sie natürlich kein Problem, diese Delikatessen besorgen zu lassen.
Nach dem wirklich exzellenten Essen zogen Thora und ich uns in eine gemütliche Sitzecke zurück, während Crest sich mit einer Entschuldigung verabschiedete.
Wir genossen wieder den echten terranischen Kaffee. Sie lächelte mich freundlich an.
„An dem Kaffee habe ich auch gleich Gefallen gefunden. Eines der wirklich schönen Dinge auf diesem herrlichen Planeten. du kennst ihn sicherlich schon sehr lange.“
„Seitdem er in Mode kam“, bestätigte ich. „Das sind nun schon einige Jahrhunderte. Zuerst war er eine sündhaft teure Delikatesse, dann wurde er zum Volksgut, jedenfalls in Europa und Amerika, heute ist er schon wieder als Luxus zu betrachten.“
Sie nickte. Ich beschloss, ihr den Anfang leichter zu machen.
„Deshalb hast du mich aber sicherlich nicht um eine Unterredung gebeten?“
„Nein, natürlich nicht. Es fällt mir sehr schwer, darüber mit dir zu sprechen, aber Crest hat mir zugeraten. Ich habe bei ihm Rat gesucht.“
Würde sie mir ihre Gefühle für mich gestehen? Für eine arkonidische Fürstin ihrer Erziehung war das eine absolute Ungehörigkeit, aber sie lebte auch schon lange genug unter Menschen.
Inzwischen war ich mir absolut sicher, dass ich Thora liebte, wirklich liebte. Aber es war für mich eine Ehrensache, zu meinem Versprechen Perry gegenüber zu stehen. Und dass sie für mich ähnlich empfand, merkte ich immer wieder an verschiedenen Gesten und Blicken. Wieso sah Perry das nicht auch? Ich vermutete, dass er es nicht sehen wollte. Er war alles andere als feige und hatte mir auch deutlich gemacht, dass er um seine Frau kämpfen würde. Aber wenn sie etwas für mich empfand, war alles anders. Und solange er nicht sehen wollte, konnte er auch nicht verletzt werden.
Nein, sie kam nicht auf ihre zweifellos vorhandenen Gefühle für mich zu sprechen, sondern auf ihre Liebe zu Perry und auf ihre Angst um ihn!
„Atlan, Perry und Bully fliegen demnächst nach Wanderer. Die Zelldusche von beiden muss erneuert werden, sonst stirbt Perry! Wirst du mit ihnen fliegen?“
Ernst nickte ich. „Ja, Perry hat mich bereits darum gebeten. Aber wieso bist du so unruhig? Wenn wir uns nicht verrechnet haben, werden wir Wanderer an der festgestellten Position finden und Dein Mann wird die Zelldusche erhalten.“
„Es ist … ich weiß es nicht. Ich habe ein ungutes Gefühl.“
Tröstend ergriff ich ihre Hände. Im gleichen Moment fühlte ich einen elektrisierenden Strom von ihr auf mich springen. Sofort bereute ich die Geste, weil sie meine Gefühle wieder aufwirbelte. Sie schaute auch kurz irritiert und ein verlangender Blick tauchte in ihren goldroten Augen auf. Merkwürdigerweise waren ihre Augen genau wie meine nicht von dem intensiven Rot wie bei anderen reinrassigen Arkoniden, z.B. Crest, der die typisch roten Augen unserer Rasse hatte.
„Thora, ich kann dich so gut verstehen.“
„Nein“, unterbrach sie mich. „Es ist nicht, was du denkst. Inzwischen haben Crest und ich uns damit abgefunden, dass uns von dem Unsterblichen ES die Lebensverlängerung versagt wurde. Zum Glück wirken augenblicklich die Seren der Aras.“
Bewunderung für diese faszinierende Frau stieg in mir auf. Wie mussten sie und Crest gelitten haben, nachdem ES sie auf Wanderer so brutal zurückgestoßen hatte, um Perry und die Menschen vorzuziehen.
Ich wusste auch, wie enttäuscht Perry war, als wir feststellten, dass ich meinen Zellaktivator genauso ES verdankte. Damit hatte sich seine Hoffnung, dass seine Frau und Crest über mich an die Unsterblichkeit kommen könnten, von einer Minute auf die andere zerschlagen.
„Was dann?“ In mir stieg ein sehr ungutes Gefühl auf.
„Ich habe das Gefühl, dass es diesmal nicht so glatt geht wie alle bisherigen Male.“
Perry hatte Wanderer inzwischen viele Male angeflogen, weil er verdienten und absolut zuverlässigen Mitarbeitern die biologische Lebensverlängerung gewähren wollte. ES hatte ihn eindeutig dazu berechtigt. Niemals hatte es Probleme gegeben. Was also sollte diesmal schief gehen?
Probleme kann es immer geben, konterte der Logiksektor.
„Crest fliegt dieses Mal auch mit“, fuhr Thora fort. „Nein, ich nicht“, ergänzte sie, als ob sie meine Gedanken erraten könne. „Perry möchte es nicht. Er meinte, es würde mir zu sehr wehtun, wieder auf Wanderer mit meiner Enttäuschung von damals konfrontiert zu werden.“
Ich sparte mir eine Antwort. Wie sehr musste dieser kleine Barbar seine Frau lieben!
„Atlan, weswegen ich mit dir sprechen wollte. Ich habe eine sehr große Bitte! Sei für Perry da. Ich weiß, dass wir alle, die ganze Menschheit sich auf dich verlassen kann.“
„Wenn das auch bestimmte Leute wüssten, wäre mir wohler“, unterbrach ich sie missmutig.
Sie winkte ab. „Großmarschall Mercant. Eines Tages wird auch er lernen, dir zu vertrauen. Es sollte dich im Moment nicht interessieren. Er kann gegen die Anordnungen von Perry nichts ausrichten.“
Sie holte tief Luft. Anscheinend kam sie jetzt zum Kernpunkt.
„Falls“, das Sprechen fiel ihr sichtlich schwer, „Thomas sich eines Tages wirklich gegen Perry wendet, auf welcher Seite wirst du dann stehen, Admiral Atlan?“
Ich merkte auf. Zum ersten Mal hatte sie mich so betont mit meinem militärischen Rang angesprochen.
„Hoffentlich kommt es niemals dazu“, wich ich aus. „Vielleicht erfüllt sich die Hoffnung von Perry, dass Thomas seine Hand noch nimmt.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Deshalb bin ich so unendlich traurig.“
Du kannst einer Antwort nicht ausweichen. Sag ihr ganz klar, dass du auf jeden Fall ihren Mann unterstützen wirst, schlug der Extrasinn vor. Sie leidet sonst noch mehr. Sie ist Mutter. Es kostet sie unendlich viel, sich jetzt für ihren Mann gegen ihr Kind zu entscheiden. Denke da mal drüber nach, Narr!
Der Logiksektor hatte recht. Es musste für Thora einem Zurückstoßen und Verleugnen ihres eigenen Kindes gleichkommen, wenn sie jetzt von mir forderte, mich auf die Seite meines Freundes zu stellen, sogar gegen ihren leiblichen Sohn!
Ich blickte ihr fest in ihre wunderschönen Augen. „Thora, ich verspreche dir bei all unseren Sternengöttern, dass ich immer auf der Seite von Perry stehen werde. Er ist nicht nur Dein Mann, sondern auch mein Freund – ich glaube sogar, der beste, den ich jemals in der so langen Zeit hatte.“
Erlöst entspannte sie sich. „Danke“, flüsterte sie.
Nach einem Moment des Nachdenkens, die wir schweigend nebeneinander verbrachten, ergänzte sie: „Perry und ich haben uns an unserem Kind versündigt. Wir hätten nicht auf die Venus-Positronik hören dürfen. Wir hätten Thomas bei uns aufwachsen lassen müssen. Wie sollten fremde Menschen seine Anlagen erkennen und seine Entwicklung in die richtigen Bahnen lenken? Jetzt müssen wir dafür bezahlen.“
„Es lässt sich nicht ungeschehen machen, Thora. Das musst du dir immer sagen. Jetzt können wir das Rad nicht mehr zurückdrehen. Wir können jetzt nur noch beobachten, abwarten, hoffen und reagieren, wenn nötig!“

**********

„Thora muss eine Frau gewesen sein, die es nur alle paar hundert Jahre einmal gibt“, meinte Michael bewundernd. „Ich fange an, sie zu bewundern. Wie glücklich muss mein Vater damals gewesen sein, als er feststellte, dass er sie liebte und dass er sie für sich erobert hatte.“
Er musterte mich abschätzend.
„Und wie glücklich muss er gewesen sein, dass du nicht versucht hast, sie ihm wegzunehmen.“
Bitterkeit stieg in mir hoch. Meine Gefühle von damals – sie waren wieder da, ich konnte es nicht verhindern. Meine Enttäuschung, mein stilles Leiden.
„Du bist ein ganz außergewöhnlicher Freund, Atlan. Mein Vater kann sich sehr glücklich schätzen, dich zu haben. Genau wie ich dich als Lehrmeister. Ich kann es mir sehr gut denken, wie schlecht es dir damals öfter mal ging, wenn du Thora gesehen hast, mit ihr gesprochen.“
Leicht schüttelte ich den Kopf. Je mehr ich an meine Gefühle damals für Thora dachte, desto schwerer fiel mir die weitere Schilderung. Sie musste aber sein. Jetzt durfte ich auf keinen Fall abbrechen.
In der Bewunderung Michaels für Thora sah ich einen weiteren Schritt im Reifungsprozess des jungen Mannes. Er, der zuerst seine Mutter sah, sehen musste als Sohn, brachte der ersten Frau seines Vaters Respekt entgegen. Er fühlte sich in die damalige Situation hinein und begann sie zu verstehen!

**********

7

Thoras Vorahnung traf ein. Die Zellduschen für Perry Rhodan und Reginald Bull standen unter ungünstigen Vorzeichen. Wanderer wurde gerade zu dieser Zeit von der Überlappungsfront des Druuf-Universums getroffen. Zum Glück schafften wir es trotzdem, so dass beide für weitere 62 Jahre unsterblich waren.
Thora fiel ihrem Mann nach unserer Rückkehr um den Hals. Selten hatte ich ein glücklicheres Paar gesehen. Meine eigenen Gefühle versuchte ich in mir zu verschließen. Nicht immer gelang mir das. In manchen stillen Stunden grübelte ich vor mich hin. Aber ich war durch mein Versprechen und durch den arkonidischen Ehrenkodex gebunden.
Im Sommer 2043 kam es zur Katastrophe. Nicht nur, dass bei Thora plötzlich die Wirkung der Ara-Seren nachließ und sie über Nacht zur alten Frau wurde, schlimmer: die Ärzte diagnostizierten eine bösartige Krebserkrankung, ein Sarkom F Arkon, dem sogar die Aras machtlos gegenüber standen, es also keine Heilungsmöglichkeit gab.
Thora zog sich nach einem letzten gemeinsamen Frühstück mit Perry in ihren Bungalow auf der Venus zurück. Sie wollte ihm ihren Anblick ersparen, ihm nicht noch zusätzliche Sorgen bereiten. Dabei übersah sie, dass er trotz der vielen Probleme, die wir zu der Zeit zu bewältigen hatten, pausenlos an sie denken musste. Es war das erste Mal, dass ich Perry so fassungslos, ratlos und seelisch niedergeschlagen erlebte. Trotzdem schaffte er es, sich meistergültig zu beherrschen. Niemand, nur seine engsten Freunde, die wussten, worum es ging, bemerkten, wie er wegen seiner Frau litt.
Perry gab seiner Frau als Betreuerin die japanische Mutantin Ishy Matsu zur Seite. Sie begleitete Thora auf ihrem Weg zur Venus.
Die Ärzte, allen voran Professor Eric Manoli, Perrys alter Weggefährte, der schon als Bordarzt mit ihm zusammen mit der STARDUST zum Mond geflogen war, informierten Perry rückhaltlos über die Tatsachen. Sie schlugen auch vor, Thora die letzten Monate ihres Lebens noch einmal mit einer sinnvollen Aufgabe als Ablenkung zu betrauen. Perry entschied sich, sie die Verhandlungen über 100 Kugelraumer mit dem Regenten von Arkon führen zu lassen. Er betraute einen seiner zuverlässigsten Generäle, Conrad Deringhouse damit, mir ihr nach Arkon zu fliegen. Perry wollte ihr damit auch ermöglichen, ihre Heimatwelt noch einmal wieder zu sehen.
Er kam gar nicht auf die Idee, mich mit diesem Auftrag zu betrauen. Zuerst fühlte ich mich verletzt, weil ich dachte, er würde mir immer noch misstrauen und denken, dass ich auf Arkon bleiben würde. Da ich nicht gerne ungeklärte Angelegenheiten auf sich beruhen ließ, sprach ich ihn darauf an. Er gab zu, dass er Angst hätte, ich könne nicht wieder zurückkommen, weil der Regent mich nicht wieder gehen lassen würde. Es war bekannt, dass der Roboter nach dem Auftreten der Überlappungsfront zum Druuf-Universum verstärkt nach aktiv gebliebenen Arkoniden und anderen organischen Besatzungsmitgliedern suchte. Ausschließlich Roboter hatten gegen die Druuf keine Chance. Perry erklärte mir gerade heraus, dass er den Freund für sich und für die Menschen nicht verlieren wollte. An eine Sicherheitsschaltung des Regenten dachte zu dem Zeitpunkt noch niemand von uns.
Kurz bevor Deringhouse Thora seine Aufwartung auf der Venus machte, bat sie mich um ein Gespräch unter vier Augen, sogar ohne Crest.
Mit äußerst gemischten Gefühlen machte ich mich auf den Weg zu ihr.
Im großen Eingangsflur ihres Bungalows wurde ich von der zierlichen japanischen Mutantin empfangen. Sie lächelte mich freundlich an. Genau wie ich trug sie die einfache Uniformkombination der Solaren Flotte.
„Sir“, sprach sie mich an. „Bitte erschrecken Sie nicht. Frau Thora geht es sehr schlecht.“
„Das habe ich befürchtet, Ishy“, antwortete ich ihr. „Ihr Anruf hörte sich sehr dringend an.“
Fragend blickte ich sie an. Die junge Frau, die ebenfalls durch die Wanderer-Zelldusche nicht mehr alterte, schüttelte leicht den Kopf. „Nein, Admiral. Ich habe Thoras Gedanken nicht gelesen. Sie wissen doch, dass das gegen die Vorschriften ist.“
Ich winkte ab. Natürlich hatte Perry sehr strenge Vorschriften für die Mutanten erlassen, besonders die Telepathen, Hypnos und Suggestoren, in welchen Fällen sie ihre übersinnlichen Fähigkeiten anwenden durften. Aber dies war eine besondere Situation. Auf der anderen Seite freute ich mich, dass Ishy so zuverlässig war. Wie ich gehört hatte, waren die beiden Frauen inzwischen gute Freundinnen geworden.
Sie hielt mir in einem kleinen, fein geschliffenen Pokal den Willkommenstrunk hin. Ich nickte leicht, nippte an dem Glas und gab es wieder an Ishy zurück. In dieser Situation legte ich keinen Wert auf die alten Traditionen, aber es wäre unhöflich gewesen, den Trunk zurückzuweisen. Schweigend folgte ich der Japanerin über die große Freitreppe in den mit arkonidischen Stilmöbeln eingerichteten Wohnraum. In einer Ecke, eingepackt unter einer Decke, sah ich eine hinfällige Frau, die ich noch nie gesehen hatte.
Noch nie gesehen?, schrie mein Extrasinn. Sei kein Narr! Es kann nur Thora sein! Ishy hat dich doch gerade erst gewarnt.
Langsam ging ich näher. An meinen Füßen schienen Bleigewichte zu hängen. Thora bot ein Bild des Elends. Ihr einstmals so wunderschönes Gesicht war von Falten und Runzeln entstellt, das herrliche Haar brüchig und glanzlos. Erst, nachdem Ishy sie leicht an der Schulter berührte, schreckte sie aus einer Art Dämmerschlaf auf.
Mein Herz schlug bis zum Hals. Jetzt, in diesem Augenblick, wurde mir das ganze Ausmaß meiner Liebe zu ihr bewusst. In ihren rotgoldenen Augen, in denen ich schon so viel unterdrückte Gefühle gelesen hatte, stand nur eine riesige Trauer und Verzweiflung.
Mit meiner ganzen Willensbeherrschung kämpfte ich gegen meine Gefühle an. Jetzt durfte ich ihr nicht mein Erschrecken vermitteln, im Gegenteil! Gleichzeitig kroch kalte Wut in mir hoch. Warum war dieses verdammte Fiktivwesen auf Wanderer so grausam? Grausam nicht nur zu Thora und Crest, auch zu Perry Rhodan! Er mochte meinen Freund doch, er hatte die Entscheidung über die Verwendung der Zelldusche in seine Hände gelegt – warum also strafte er ihn so, ließ ihn so leiden, zusehen, wie seine geliebte Frau, die sein Leben war, zur Greisin wurde? Ich verstand ES nicht mehr. Er hatte auf Wanderer von einer zwanzigtausendjährigen Chance gesprochen, die die Arkoniden erhalten und nicht genutzt hätten. Aber wieso hatte ich dann vor „nur“ zehntausend Jahren meinen Zellaktivator von ihm erhalten?
Weil ES Deine Hilfe brauchte gegen die Druuf – und weil du auch für die damalige Zeit im Großen Imperium eine Ausnahme warst, kommentierte der Logiksektor ungerührt. Denke an die Nachricht, die ES für dich auf Wanderer an die Telepathen übermittelt hat.
Gewaltsam schüttelte ich die Gedanken ab und setzte mich in einen Sessel neben dem Ruhebett, auf dem Thora lag. Als sie mich sah, ging mit ihr eine erstaunliche Veränderung vor sich. Ihre starren Gesichtszüge belebten sich und sie versuchte sich aufzurichten. Ishy wollte ihr helfen, aber ich winkte ab. Sanft unterstützte ich Thora. Dabei spürte ich ihren abgemagerten Körper. Am liebsten hätte ich laut aufgeschrieen.
„Danke“, hauchte sie, „dass du gekommen bist, Atlan.“
Sie atmete tief durch und wandte sich an Ishy. „Lässt du Atlan und mich eine Weile allein, bitte?“
Die Japanerin nickte wortlos und drehte sich um. Sie erkannte, dass wir uns Dinge zu sagen hatten, die nur uns etwas angingen. Dass sie nicht versuchte, meinen Bewusstseinsinhalt zu erfassen, was ich an einem leichten Ziehen im Kopf sofort gemerkt hätte, rechnete ich ihr hoch an.
Ohne nachzudenken, zog ich meinen Zellaktivator an der Kette unter der Uniform heraus, nahm ihn ab und hängte ihn Thora um. Natürlich konnte ich sie damit nicht retten, aber wie so oft hatte ich in den langen Jahren meiner Zeit auf der Erde, mit diesem Gerät schwer verletzte oder kranke Menschen gerettet. Obwohl auf meine persönlichen Indiviudalschwingungen abgestimmt, schien der Aktivator zu helfen, wenn auch ich helfen wollte. Vielleicht konnte ich Thora damit – jedenfalls für eine Weile – ihre schlimmsten Qualen lindern.
Schweigend verbrachten wir die nächsten Minuten, Thoras Hände lagen in den meinen. Zunehmend wurden sie wärmer, genau wie die Falten in ihrem Gesicht zurück gingen und sie an Energie gewann. Der Zellaktivator wirkte wieder mal ein kleines Wunder.
Anscheinend gilt hier das, was du die ganzen Jahrtausende immer wieder erlebt hast. Der Aktivator hilft denjenigen, denen du helfen willst. Hier ist wohl die Ablehnung von ES durch Deine Gefühle aufgehoben. meldete sich der Logiksektor.
Genau das denke ich auch, Bruder der Unbestechlichkeit, gab ich ironisch zurück. Meine Liebe half Thora, ganz offensichtlich!
Wie dem auch sei, ich konnte diese Frage jetzt nicht klären – und ich wollte es auch nicht! Im Moment freute ich mich, dass es Thora anscheinend besser ging.
Nachdem sie genug Kraft gesammelt hatte, kam sie sofort auf den Grund meines Hierseins zu sprechen.
„Atlan, ich möchte mich von dir verabschieden“, sagte sie klar und mit fester Stimme.
„Nein“, unterbrach sie mich, ehe ich überhaupt etwas erwidern konnte. „Wir brauchen uns beide nichts vorzumachen. du kennst die Diagnose der Ärzte genau so gut wie ich selbst, Perry und Crest. General Deringhouse wird nachher hier sein und wir werden zusammen nach Arkon fliegen. Ich soll im Auftrag des Solaren Imperiums mit dem Regenten über den Ankauf von einigen Raumschiffen verhandeln. Näheres hat mir Perry bis jetzt nicht gesagt. Das werde ich von dem General direkt erfahren. Also kann ich Arkon noch einmal wieder sehen, dafür bin ich Perry so unendlich dankbar.“
Fasziniert lauschte ich ihr. Der Zellaktivator brachte sie regelrecht zum Aufblühen. Sie wirkte zwar nicht wie ein junges Mädchen, aber wie eine reife Frau – und sie konnte ihren Verstand wieder gebrauchen.
Als ob sie meine Gedanken erraten zu haben schien, lächelte sie. „Das ist die Wirkung Deines Zellaktivators. Wir wissen beide nicht, wie lange sie anhält – deshalb lass uns bitte die Zeit nutzen und das besprechen, was wir beide besprechen müssen!“
Wortlos nickte ich. So logisch, so konsequent waren ihre Argumente, als ob sie nie alt und krank gewesen wäre! Wieder musste ich mich zusammennehmen, um nicht zu wütend auf ES zu werden. Indem ich meine Aufmerksamkeit dem widmete, was sie mir zu sagen hatte, versuchte ich dieses Gefühl zu unterdrücken.
Deutlich merkte ich, dass auch sie ihre Gefühle unterdrücken musste. Sie schluckte deutlich sichtbar und setzte sich ohne Hilfe gerade hin. „Im Moment geht es“, stellte sie freudig fest und schenkte mir ein warmes Lächeln, das mir alle ihre unterdrückten Gefühle offenbarte. Obwohl ich im Laufe meines Lebens zahlreiche Frauen hatte, einige auch geliebt, war es das erste Mal, dass ich ein derartig intensives Gefühl verspürte.
„Zusammen mit General Deringhouse werde ich also nach Arkon fliegen“, kehrte sie zum Thema zurück. „Ob ich diesen Flug überlebe und in welchem Zustand ich zurückkehre, kann kein Arzt vorhersagen. Auf jeden Fall möchte ich dann niemandem zur Last fallen oder mit meinem Anblick erschrecken.“
„Thora“, brachte ich hervor, „Du fällst niemandem zur Last.“
Sie schüttelte den Kopf. „Atlan, keine barmherzigen Lügen. Das steht dir genauso wenig wie mir – und ist außerdem Arkoniden unseres Ranges unwürdig.“
Ungläubig starrte sich sie an. Sie, die ihren Hochmut und ihren Stolz zugunsten von Perry besiegt hatte!
Es ist reiner Selbstschutz, kommentierte auch noch dieser penetrante Extrasinn.
Das weiß ich, gab ich gereizt zurück.
Warum denkst du dann so etwas, du Narr?
Thora lachte leicht auf. Erstaunt brach sie ab. Anscheinend wunderte sie sich selbst, woher sie die Kraft dazu nahm.
„Na, eine Diskussion mit deinem Extrasinn? Mein Produkt der ARK SUMMIA rät mir gerade, mich kurz zu fassen und dir zu sagen, was ich zu sagen habe.“
Sie unterbrach sich einen Moment, ehe sie fortfuhr: „Ich möchte dich bitten, auf Perry aufzupassen, Atlan. Schütze ihn auch vor Thomas, wenn es sein muss! Ich hatte dich damals schon einmal darum gebeten, als Perry nach Wanderer flog – und ich bitte dich jetzt nochmals, zum letzten Mal! – darum!“
Jetzt war es heraus! Ich sprang auf, ich konnte mich nicht mehr beherrschen! Eine Mutter entschied sich gegen ihren Sohn!
Nicht gegen ihren Sohn, sondern für ihren Mann, korrigierte der Extrasinn unbestechlich.
Trotzdem, gab ich zurück. Sie ist die Mutter von Thomas!
Thora wartete ruhig ab, bis meine Erregung sich wieder legte. Sie schien sich sehr gut in mich hineinversetzen zu können.
„Verstehst du mich wirklich nicht?“, fragte sie tonlos. „Perry und ich haben uns an unserem Kind versündigt. Niemals hätten wir den Rat der Positronik befolgen dürfen und Thomas bei fremden Leuten aufwachsen lassen. Wir haben alles falsch gemacht. Jetzt können wir es nicht mehr korrigieren. Entweder Thomas versteht es doch noch, oder … Ich befürchte Schlimmes, Atlan! Deshalb pass bitte auf Perry auf!“
Ich setzte mich wieder und streichelte ihre Hände. Sie genoss es sichtlich.
„Der Junge hat überragende Fähigkeiten von euch beiden geerbt“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Warum sollte er die nicht anwenden, um ruhig nachzudenken?“
„Atlan!“ Fast entsetzt musterte sich mich. „Weil er Perry hasst! Warum er nur ihn hasst und nicht mich, weiß ich nicht! Aber es ist so! Und gerade weil er die Fähigkeiten von Perry geerbt hat, wird er ihn mit seinem Hass verfolgen. Wenn er gegen seinen Vater kämpft, bitte hilf Perry!“
Die letzten Worte schrie sie fast. Danach rang sie nach Luft. Der Gefühlsausbruch hatte sie völlig überfordert. Das ließ mich alle Zurückhaltung aufgeben. Sanft streichelte ich ihren Rücken, ich wollte ihr nur helfen, ihre Qual lindern.
„Darüber brauchen wir nicht reden! FDu weißt, auf welcher Seite ich stehe. Dein Mann ist mein Freund!“
Sie nickte. „Ich habe Angst, wenn er sich eines Tages gegen Perry stellen wird, dass er dann unzählige Menschen mit in den Untergang reißen wird. Bitte verhindere das!“
„Ich bin nicht allmächtig, Thora! Aber ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um Perry beizustehen. Das schwöre ich dir bei allen Sternengöttern.“
Ich stand auf und machte die traditionelle Geste, während ich den Schwur aussprach, die flache rechte Hand auf das Herz gelegt und den Kopf leicht geneigt.
Ihr Gesicht leuchtete bei diesen Worten. Langsam ließ ich mich wieder neben ihr nieder.
„Weißt du, Admiral“, fuhr sie fort, „in der letzten Zeit habe ich immer mehr das Gefühl, dass es langsam wahr wird, was Crest schon prophezeite, als wir die Menschen hier kennen lernten: sie werden das Erbe der Arkoniden antreten, die Zeit ist reif dafür.“
Unwillig lachte ich auf. „Da hat wohl der Große Koordinator etwas gegen.“
„Noch …“ Thora unterbrach sich, dann entschloss sie sich zum Weitersprechen. „Zu dieser Vorstellung gehört auch, dass der Robotregent abgelöst wird, dass wieder ein Arkonide regiert.“
„Schön wäre es. Aber ich glaube nicht, dass das jemals Wahrheit wird. Wer sollte den Regenten ablösen?“
„Wartet es ab, Euer Erhabenheit.“
Thora verblüffte mich immer mehr. War sie überhaupt noch bei klarem Verstand oder näherten sich schon die Schatten des Todes?
Sie ist bei klarem Verstand, Narr. Noch nie etwas von einem geschärften Wahrnehmungsvermögen und Vorahnungen bei Individuen auf der Schwelle des Todes gehört? Diese Ahnungen treffen sehr oft ein.
Natürlich. Eines meiner Fachgebiete war Galaktopsychologie. Sehr genau wusste ich, dass der Logiksektor nur Tatsachen nannte.
„Mein Gefühl sagt mir, dass dein großer Traum in Erfüllung gehen wird, zusammen mit meinem Mann! Du wirst Imperator von Arkon sein! – Oder willst du nicht mehr?“
Gereizt zuckte ich die Schultern. „Es geht nicht darum, ob ich will oder nicht. Sollte es so weit kommen, dann ist es meine Pflicht, das Reich zu übernehmen. Ich bin der Kristallprinz des Großen Imperiums. Der jetzige dürfte dafür wohl kaum in Frage kommen.“
„Schwerlich“, gab sie zu. Für sie und mich gab es hierzu keine Frage. In dem Sinne waren wir erzogen worden. Als Kristallprinz hatte ich das Reich zu übernehmen, falls niemand zur Verfügung stand, der dafür besser geeignet war. Bei der heutigen Dekadenz der Arkoniden konnte das wohl ausgeschlossen werden. Ich würde mich der Verantwortung stellen, wie es von mir erwartet wurde – falls es so weit kommen sollte!
„Thomas“, kam Thora wieder auf ihren Sohn zurück. „Passt auf euch auf! Er wird versuchen, euch zu vernichten!“
„Thora! Woher willst du das wissen?“
„Ich ahne es nicht nur, ich weiß es!“
Eine Weile kehrte Stille ein. Wir sagten kein Wort, blickten uns nur in die Augen, in denen jeder von uns die Gefühle des anderen las wie in einem offenen Buch. Wir liebten uns mit den Augen, mit den Blicken! Das durften wir, hier für uns, ohne unserem Versprechen untreu zu werden oder gegen unsere Ehre zu verstoßen.
Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als Thora sich räusperte.
„Das, was ich dir noch zu sagen habe, ist unschicklich, das weiß ich. Aber bitte verzeih es mir, ich habe keine Zeit mehr, ich muss es dir einfach sagen.“
Bitte nicht, konnte ich nur denken. Der Logiksektor hüllte sich in Schweigen.
Thora ersparte es mir nicht. Die Augen weit geöffnet, mit einem Blick, in dem ihr Innerstes offen lag, sagte sie einfach: „Atlan, ich liebe dich!“
Jetzt war es heraus. Das, was niemand von uns beiden auszusprechen gewagt hatte. – Das, was nicht sein durfte, weil wir beide gebunden waren, gebunden durch den Anstand, den Ehrenkodex und das Wissen, dass ein Nachgeben eine Lawine auslösen würde. Aber Thora stand an der Schwelle des Todes. Hier galten andere Regeln.
Leicht streichelte ich ihre Wange. „Das weiß ich. Ich liebe dich auch, Thora.“
Sie barg ihren Kopf an meiner Schulter. So verharrten wir einige Minuten, die sich für mich zu Ewigkeiten aufzutürmen schienen.
„Atlan“, sie hatte den Kopf immer noch geborgen, „bitte küss mich, einmal und nie wieder, bitte!“
Ich versteifte mich. Sie merkte es, denn sie wiederholte: „Bitte, Atlan, nur dieses eine Mal.“
Durfte ich das? War es ein Verstoß gegen das Versprechen, das ich Perry gegeben hatte? Verletzte ich meinen hohen Ehrenkodex und verriet ich einen Freund?
Nein, polterte der Extrasinn dazwischen. Es ist ein Akt der Humanität. Thora hat nicht mehr lange zu leben. Mach ihr die Freude. Es wird auch dir in Deinen Gefühlen helfen.
Langsam bog ich ihren Kopf zu mir hoch, überlegte noch einen Moment, dann küsste ich sie. In den Kuss legte ich alle Gefühle zu ihr, die in mir brodelten. Mit leidenschaftlicher Glut erwiderte sie den Kuss. Beide tauchten wir ab in eine andere Welt.
Als wir uns voneinander lösten, wusste ich, dass ich diesen einen Kuss mein ganzes Leben nie wieder vergessen würde. Sie sicherlich auch nicht, jedenfalls las ich das aus ihrem Gesichtsausdruck heraus.
Ich empfand keine Gewissensbisse, sondern im Gegenteil ein gelöstes und zufriedenes Gefühl. Der Extrasinn hüllte sich in Schweigen. Er wollte wohl meine Gefühle nicht stören.
„Danke“, meinte Thora einfach. „Bitte, geh jetzt. Es war mir ein Bedürfnis, dir das alles zu sagen und …“
Sie konnte nicht weiter sprechen. Sehr gut konnte ich mich in ihre Gefühlswelt versetzen. Es gab nichts mehr zu sagen.
Noch einmal ergriff ich ihre Hände und sah sie stumm an. Dann wandte ich mich ab. Ich hatte den Tränenschimmer in ihren Augen erkannt und wollte sie nicht in Verlegenheit bringen.
Auf der ersten Stufe der großen Freitreppe erreichte mich noch einmal ihre Stimme: „Viel Erfolg, Euer Erhabenheit! Mögen die Sternengötter Euch immer gewogen bleiben.“
Ich zuckte zusammen und biss die Zähne aufeinander. Unten tauchte Ishy Matsu wieder auf. Sie sagte nichts, begleitete mich nur zur Tür.
„Viel Glück für den Flug und den Auftrag“, sagte ich nur, dann verließ ich den Bungalow, ohne mich noch einmal umzudrehen.

**********

Ich sah Thora erst als Tote wieder, genau wie Perry und seine anderen Freunde.
Der Einsatz ging als eine der größten Tragödien in die Geschichte der Solaren Flotte, des Imperiums und insbesondere das Privatleben meines besten Freundes ein.
Der Robotregent stellte den Terranern eine Falle, um die galaktische Position der Erde in Erfahrung zu bringen. Thora, die immer aktiver in die Geschehnisse eingriff, erholte sich während des Einsatzes mehr und mehr. Innerhalb von Stunden genas sie nicht nur von ihrer Krebserkrankung, sondern sie wurde auch jünger. Die Ärzte stellten fest, dass die lebensverlängernden Seren der Aras erst jetzt begannen, überhaupt zu wirken. Sie wurde nicht nur jünger, sondern ihre Zelle starben nicht mehr ab. Das heißt, sie war unsterblich geworden! Niemand konnte sich das erklären, alle standen vor einem Rätsel.
Dann kam es zur Katastrophe! Ein Robotkommando nahm auf Befehl von General Deringhouse einen Ara-Arzt fest, der im Auftrag des Robotregenten die Befragung der Terraner mit medizinischen Mitteln durchführen sollte. Thora leitete selbst das Verhör. Dem Ara gelang es, Ishy Matsu ihre Dienstwaffe zu entwenden und er erschoss Thora damit.
Alle Beteiligten versuchten, Perry Rhodan die Nachricht zu ersparen, dass seine Frau als Unsterbliche ermordet worden war! Er erfuhr es trotzdem. Bis heute weiß niemand, woher. Der einzige, der eine Idee dazu hatte, wieso die Seren so plötzlich ihre Wirkung taten, war ich. Aber ich behielt meine Meinung für mich. Es war besser so für alle Beteiligten.
Während Perry Rhodan Totenwache hielt, wurden die letzten Proben des Ara-Serums gestohlen und die Positronik, die mit der Auswertung der Forschungsergebnisse beschäftigt war, zerstört. Die beteiligten Wissenschaftler waren verschwunden, das Labor so verwüstet, dass noch nicht einmal die Spezialisten der Abwehr dort noch Erkenntnisse gewinnen konnten. Die einzige Spur führte zu einem abgelegenen Planeten im Großen Imperium. Als der Abwehrchef Allan D. Mercant mich nach diesem Planeten fragte, tat ich so, als ob ich ihn nicht kenne. Heimlich setzte ich mich von Terra ab und flog diesen Planeten an. Ich hatte gute Gründe dafür. Mich beschäftigte die Frage, warum Thora plötzlich unsterblich geworden war. Das feststellen konnte ich aber nur mit Hilfe hervorragender Wissenschaftler und der Substanz.
Allan D. Mercant, der mich während der vergangenen Jahre nie aus den Augen gelassen hatte, witterte sofort Verrat. Er meinte, ich wäre am Diebstahl des Serums beteiligt gewesen und wollte mit dem, meiner eigenen Unsterblichkeit und der galaktischen Position der Erde als Trümpfe meine Heimkehr und meine Anerkennung durch den Robotregenten als Imperator von Arkon erzwingen.
Es kam fast zur Auseinandersetzung zwischen Mercant und Bully, der mir die Stange hielt. Nachdem die Abwehr endlich einige Spuren hatte, schickte man mir eine Space-Jet mit einem Sondereinsatzkommando hinterher. Über dem Planeten wurde die Jet abgeschossen. Ich konnte die letzte Überlebende retten. Die Wissenschaftlerin, die die Proben gestohlen und alle Unterlagen vernichtet hatte, wurde von Gucky bei einer von Bully angeführten Rettungsaktion erschossen.
Nach unserer Rückkehr zur Erde entschuldigte sich Mercant persönlich bei mir. Von da an vertraute er mir, was sich bis heute nicht geändert hat.
Nachdem das Mausoleum auf dem Mond fertig gestellt war, wurde Thora dort in einem großen Staatsakt beigesetzt. Wir alle waren dabei und versuchten, Perry Stütze und Trost zu geben.

**********

Aufatmend schüttelte ich die Trance ab, streckte die Glieder und blickte Michael fragend an. Der junge Mann war bleich und wirkte erstarrt. Er bewegte sich nicht. Ich ließ ihm einen Moment Zeit, außerdem brauchte ich selbst eine Pause. Er musste sich sammeln, alles auf sich wirken lassen. Wenn er begriffen hatte, tatsächlich begriffen! – dann musste er jetzt genau drei Fragen stellen. Mit Absicht war ich während meines Berichtes nicht darauf eingegangen.
Michael stand auf und ging unruhig auf und ab. „Ich hole uns noch was zu trinken“, meinte er und ging Richtung Küche, ohne meine Antwort abzuwarten. Auf dem Tisch vor seinem Platz stand ein fast gefülltes Glas Saft. Ich schmunzelte leicht vor mich hin. Also musste er seine Verwirrung irgendwie abschütteln.
Als Michael wieder zurückkehrte, hatte er sich gefasst.
„Thora muss eine ganz außergewöhnliche Frau gewesen sein“, begann er langsam. „Ich sehe sie jetzt mit ganz anderen Augen.“
„Wie?“
Er musste sich die Worte zurechtlegen. „Ich verstehe meinen Vater nicht nur immer besser, dass er sie nicht vergessen kann, das sagte ich ja bereits. – Aber jetzt, nachdem ich das alles von dir erfahren habe, empfinde ich größte Hochachtung vor ihr!“
„Ich auch, immer noch!“
Michael riss die Augen weit auf. „Immer noch? Trotz …“ Er sprach nicht weiter, er wollte mich nicht verletzen.
„Doch“, entgegnete ich fest. „Trotz Mirona Thetin. Die beiden Frauen werde ich niemals vergessen, egal wie alt ich noch werden sollte.“
„Bis dir die Frau begegnet, mit der du die Jahrhunderte verbringen kannst.“
Wehmütig schüttelte ich den Kopf. „Nein, junger Höhlenwilder. Deshalb auch freue ich mich so für deinen Vater, dass er nach über 200 Jahren wieder die Kraft fand, eine Frau zu lieben – deine Mutter.“
Nachdenklich wiegte Michael den Kopf. „Ich auch. Und ich verstehe jetzt endlich, warum er Thora nicht vergessen kann. Das wird er wohl auch noch weiteren Jahrhunderten nicht können.
Nach einigen Augenblicken Pause fuhr er fort: „Ich habe noch einige Fragen.“
Ich nickte ihm auffordernd zu. „Wie viele?“
„Drei Fragen genau“, antwortete er sofort.
Kompliment, meldete sich der Logiksektor. Hoffentlich sind es die richtigen! Dann wird der Rest auch für dich leichter werden.
„Dann fang mal an“, ermunterte ich ihn weiter.
„Die erste Frage fällt mir am schwersten. Weiß mein Vater von deiner letzten Begegnung mit Thora?“
Der junge Mann nötigte mir Bewunderung ab. Er kam direkt auf den Punkt, obwohl in ihm ein Gefühlsaufruhr toben musste.
„Nein. Ich hielt es nicht für richtig, Perry darüber zu informieren. Warum sollte ich ihn noch mehr verletzen? Obwohl ich mir wegen dem Kuss noch sehr lange Vorwürfe gemacht habe.“
Michael winkte ab. „Das sehe ich genauso wie dein Extrasinn. Es war ein Akt der Nächstenliebe, nichts Anderes. An deiner Stelle hätte ich es genauso gemacht. – Und Thora? Meinst du, sie hat es Vater gesagt?“
„Das glaube ich nicht“, antwortete ich bestimmt. „Sie und er haben sich auch nicht mehr direkt gesehen, nur noch über Funk. Und das ist eine Sache, die sie – wenn überhaupt! – mit ihm persönlich besprochen hätte. Er war nicht auf der Venus – und sie kehrte als Tote zurück.“
Wie eine riesige Welle kam die Erinnerung in mir hoch, die Erinnerung an meine Liebe zu Thora. Meine Augen füllten sich mit Tränen, bei Arkoniden das Zeichen hochgradiger Erregung.
Michael beobachtete mich genau. In dieser Sekunde vertauschten sich die Rollen. Jetzt war es Michael, der mich „führte“. Er legte mir seine Hände auf die Arme und suchte mit seinen nachtblauen Augen meinen Blick.
„Lehrmeister, ich kann auch dich so gut verstehen. Wie musst du damals gelitten haben.“ Mehr sagte er nicht, er blieb einfach nur still sitzen. Seine Anwesenheit und der Druck seiner Hände taten mir gut. Als ich mich wieder gefangen hatte, meldete sich der Extrasinn: Dieser junge Mann ist schon jetzt ein ganz hervorragender Psychologe.
Dazu gab es nichts einzuwenden.
„Als tote Unsterbliche“, fuhr Michael danach fort. „Du konntest damals keine Proben des Serums mehr erhalten. Also waren auch keine wissenschaftlichen Tests möglich. Das heißt, du warst und bist auf Vermutungen angewiesen. Oder kann es sein, dass du sogar inzwischen Gewissheit hast?“
Ich zuckte zusammen. Michael dachte sehr logisch und folgerichtig.
„Was genau meinst du damit, Mike?“
Er wich meinem forschenden Blick nicht aus.
„Hatte ES damals eingegriffen? Es ist doch wissenschaftlich einfach unmöglich, dass die Seren so plötzlich, nachdem sie erst gar nicht wirkten, ihre Wirkung entfaltet haben sollen.“
„Welche Vermutung hast du?“
„Nun ja“, Michael hob unsicher die Schultern. „Ich könnte mir vorstellen, dass die kurze Zeit, die Thora deinen Aktivator trug, den Umschwung brachte. Dass durch die Aktivatorwirkung die Seren erst ihre Wirkung entfalten konnten. Das hieße aber bei Fortführung dieses Gedankens, dass ES seine Entscheidung, Thora die Unsterblichkeit zu verweigern, in diesem Moment korrigierte.“
Nun war es heraus! Der Junge konnte wirklich denken!
„Gut kombiniert, Mike. Damals, als ich Thora den Aktivator umhängte, wollte ich nur ihr Leiden mildern; so, wie ich es schon hunderte von Malen auf diesem Planeten gemacht hatte. Immer wirkte der Aktivator, weil ich den Menschen damit helfen wollte. Als ich aber später den Bericht von General Deringhouse über den Flug der BURMA erhielt, wurde mir alles klar. Und …“
Willst du ihm wirklich ALLES sagen?, schrie der Extrasinn auf. Bist du dir sicher, dass er die Wahrheit verträgt? Noch nicht einmal sein Vater, den es wirklich zuerst betrifft, hast du damit konfrontiert!
Ich antwortete meinen gedanklichen Gesprächspartner nicht. Ja, ich war sicher, dass Michael die Wahrheit verkraften würde!
„Während ich den Bericht las, meldete ES sich bei mir. Noch nicht einmal mit seinem sonst üblichen Lachen. Auch dieses merkwürdige Fiktivwesen, das sich bei jeder unpassenden Gelegenheit über andere amüsiert, besitzt in bestimmten Situationen Anstand und Einfühlungsvermögen. ES teilte mir mit, dass es ihm sehr leid täte mit Thora. Er hätte ihr, als sie meinen Aktivator trug, eine Zelldusche und eine Verjüngung gewährt. Nicht, weil sie Arkonidin war, sondern weil er seinem Freund Perry Rhodan ein Geschenk machen wollte, indem er ihm die Frau noch länger erhielt. ES hätte Thora auch weitere Zellduschen gewährt von diesem Augenblick an und sie immer so erteilt, dass niemand es bemerken würde.“
Michael öffnete den Mund und schnappte nach Luft. Er brauchte einige Minuten, um wieder zur Ruhe zu kommen. „Das …“, stammelte er, „ist unglaublich! Wieso … Ich begreife es nicht. Ich kenne die Berichte von der ersten Expedition meines Vaters nach Wanderer. So, wie ES Thora und Crest behandelt hat, erscheint mir das dann unfassbar. Wieso hat ES seine Meinung geändert?“
Leicht schüttelte ich den Kopf. „ES hat seine Meinung nicht geändert. Er hat nur eine Ausnahme gemacht, weil ES deinen Vater so sehr schätzt. Das ist alles.“
„Das ist alles“, wiederholte Michael tonlos. „Wieso hat er dann Thora nicht gerettet, als der Ara sie erschoss? ES hätte doch die Möglichkeit dazu gehabt.“
„Natürlich. Das darf ES aber nicht. Er ist auch an gewisse Regeln und Gesetze der Höheren Mächte gebunden. Vergiss bitte nie, dass ES auch nicht allmächtig ist und schon gar kein Gott. Über ES stehen die Höheren Mächte des Kosmos, die wir alle nicht kennen, aber in unterschiedlichen Formen an sie glauben.“
„Ja, ich vergesse es nie, Lehrmeister. Keine Sorge. Ich glaube, ich kann das schon richtig einordnen und würdigen.“ Sein Gesicht war plötzlich sehr ernst und beherrscht. Mit Absicht hatte ich ihn im Sinne des alten Sternenglaubens der Arkoniden erzogen.
„Ich gehe davon aus, dass weder mein Vater noch ein anderer Mensch das weiß“, stellte er einfach fest.
„Selbstverständlich. Es wird auch so bleiben. Niemals soll Perry das wissen. Es würde ihn auch jetzt noch innerlich zerstören.“
Michael antwortete nicht darauf, er stand wieder auf und wanderte in meinem Wohnraum auf und ab. Er schlang die Arme um sich, als ob er fror. Ich sprach ihn nicht darauf an.
Plötzlich blieb er stehen. „Atlan, die dritte Frage wage ich gar nicht zu stellen. Sie ist so …“
„Stell sie einfach“, ermunterte ich ihn.
„Damals – als du versucht hast, die Proben des Serums zu finden, warst du da nicht doch in Versuchung, dich abzusetzen – eben genau das, was unser ewig misstrauischer Abwehrchef dir unterstellt hatte.“
Jetzt war es heraus. Er wandte den Blick nicht ab, in seinen Augen lag eine stumme Frage, schon mehr eine Bitte – lass es nicht so sein, aber ich will es wissen!
Ich zögerte keinen Augenblick mit der Antwort. Es hätte gegen mein eigenes Ehrgefühl verstoßen und gegen die Gefühle, die ich für diesen jungen Barbaren hegte.
„Ja, ich habe mit diesem Gedanken gespielt“, sagte ich einfach und ohne den Versuch einer Beschönigung. „Aber ich habe mich für die Menschen und vor allen Dingen für die Freundschaft zu deinem Vater entschieden.“
Michael nickte genauso einfach. „Ich verstehe das sehr gut, Atlan. Es hätte mich gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Danke, dass du es mir so offen sagst. Ich nehme, dass mein Vater das aber weiß.“
„Ja, wir haben darüber gesprochen. Es war für ihn damals, für die niedergeschlagene Stimmung, in der er sich damals befand, sehr wichtig, das zu wissen. Die Angst, die er damals immer hatte, die galaktische Position der Erde …“
Michael sagte nichts weiter. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus. Für ihn waren dies alles Erkenntnisse, die er verarbeiten musste. Das würde jetzt nicht vollständig geschehen, sondern ein längerer Prozess werden. Deshalb entschloss ich mich zu einer Pause.
„Mike, ich glaube, wir sollten ein wenig in meinem Übungsraum gehen. Ein paar Dagor-Meditationsübungen werden uns beiden guttun.“
Er nickte begeistert. „Sehr gerne, Lehrmeister. Ich muss auch das Gefühlschaos erstmal sortieren.“

**********

9

2044
Solares Imperium und Großes Imperium

Anfang 2044 begann der Robotregent von Arkon immer konfuser zu reagieren. Einmal erteilte Befehle wurden kurze Zeit später wieder rückgängig gemacht. Bei einem Menschen hätte man gesagt, er wäre wahnsinnig. Da dies bei einem Positronengehirn schlichtweg unmöglich war, rechneten Crest und ich aus, dass eine Sicherheitsschaltung angesprochen hatte, die den Regenten zwang, bestimmte Handlungen zu unterlassen. Für Crest und mich war es klar, dass arkonidische Spitzenwissenschaftler niemals auf eine solche Schaltung verzichtet hätten.
Da die konfusen Handlungen des Regenten auch für das Solare Imperium eine Gefahr darzustellen begannen, entschloss sich Perry Rhodan zu einem Risikoeinsatz im Herzen des Imperiums. Er und ich führten ein hochspezialisiertes Einsatzkommando von 150 Mann nach Arkon III, dem Kriegsplaneten des Imperiums. Es war unser Ziel, in die Schaltzentrale des Regenten einzudringen und ihn in unserem Sinne umzuprogrammieren. Jetzt endlich sah ich meine Heimat wieder – nach über zehntausend Jahren. Aber es war nicht mehr die Heimat, die ich kannte. Wo früher aktive und stolze Arkoniden den Kriegsplaneten bevölkert hatten, sah man solche überhaupt nicht mehr. Stattdessen wurden die unterirdischen Städte und Werften von Robotern und Kolonistennachkommen bevölkert.
Ziel des Einsatzes war die Ablösung des Robotregenten. Wie das genau vor sich gehen sollte, wussten wir alle nicht, als wir abflogen. Wir wussten nur, dass es ein Einsatz war, der für uns alle mit dem Tod enden konnte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte sich Perry Rhodan zu einer krassen Maßnahme entschieden. Jeder Mann des Einsatzkommandos außer mir – auch er selbst! – war mit einem Hypnoblock versehen, der im Falle eines Verhörs verhinderte, dass er Geheimnisse preisgab. Im Extremfall würde ein entsprechendes Verhör mit dem Tod des Betroffenen enden. Ich konnte mich durch mein aktiviertes Extrahirn selbst vor einem Verrat schützen. Wir alle trugen das größte Geheimnis des Solaren Imperiums mit uns herum: die galaktische Position der Erde.
Als der Einsatz scheiterte, wollte Perry das Robotgehirn mit einer Arkonbombe vernichten. Allerdings fanden die automatischen Warneinrichtungen des Regenten die Bombe, bevor der Zeitzünder den unlöschbaren Atombrand auslösen konnte. Als wir schon aufgeben wollten, sprach die tatsächlich existierende Sicherheitsschaltung durch die Abtastung meiner Gehirnfrequenzen an. Ich wurde von A-1 mit sofortiger Wirkung als regierender Imperator anerkannt. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass mein Traum sich auf diese Weise erfüllen würde.
Ein beginnendes Zerwürfnis mit Perry Rhodan, der einsehen musste, dass diesmal die Macht nicht ihm, sondern einem anderen zustand, konnten wir beide beilegen. Die Menschen flogen zurück zur Erde, ich blieb auf Arkon – das einsamste Wesen, das man sich vorstellen konnte. Denn ich hatte mich entschieden, offiziell den Regenten weiter regieren zu lassen. Allerdings würde ich die Befehle erteilen. Ich befürchtete zu viele Unruheherde, die noch nicht einmal die als gnadenlos bekannte Robotflotte beherrschen konnte, wenn bekannt wurde, dass Arkon wieder einen Imperator mit wirklicher Macht hatte.
Kurze Zeit später kam es zum „Fall Kolumbus“. Die insektenhaften Druuf aus der anderen Zeitebene fanden die Erde. Ein schon lange vorbereiteter Plan lief an. Perry Rhodan bat mich, bat das Große Imperium um Hilfe. Ich schickte ihm alle Schiffe, die ich an der Überlappungsfront entbehren konnte. Damit war das Versteckspiel der Terraner zu Ende. Die galaktische Position der Erde wurde allgemein bekannt.
Wir gewannen die Schlacht um Terra, aber dafür hatten meine Freunde fremde Intelligenzen im Solaren System, die ihnen von nun an entsprechende Probleme bereiteten, allen voran die Galaktischen Springer, die noch mehr als eine Rechnung mit den Terranern im allgemeinen und mit Perry Rhodan persönlich offen hatten, da er ihr mehrtausendjähriges Handelsmonopol gebrochen hatte.
Als im Solaren System als Folge des Angriffs eine Regierungskrise ausbrach, erlebte mein Freund Perry den schwersten persönlichen Schlag seines Lebens. Sein Sohn, Thomas Cardif desertierte von seinem Einsatzort auf dem Pluto und schlug sich auf die Seite der Springer, die immer noch Mars und Venus besetzt hielten.
Das Pech wollte es, dass die Springer zwei Soldaten der Flotte aus Raumnot retteten, die bei dem Einsatz gegen den Robotregenten dabei waren. Einer von ihnen verwechselte aufgrund der körperlichen Ähnlichkeit Leutnant Cardif mit dem Administrator. Das folgende Verhör offenbarte den Springern alles. Meine Tarnung war aufgeflogen. Die ganze Galaxis erfuhr, dass ich, Admiral Atlan der Imperator von Arkon war und der Regent nur noch ein normales Robotgehirn, das mir zu gehorchen hatte.
Perry versuchte mir zu helfen, indem er mich in einer offiziellen Botschaft über die Großsender von Arkon III; die in der ganzen Galaxis zu hören war, anerkannte. – Es nützte nichts!
Von nun an war ich meines Lebens nicht mehr sicher. Mordanschläge waren an der Tagesordnung. Man hasste mich, den Imperator Gonozal VIII. – aus einem einzigen Grund: ich war zu aktiv und brachte Unruhe ist das gemütliche Dasein.
Thomas Cardif unterstützte die Springer bei ihren Aktionen gegen beide Imperien. Er war es auch, der den Antis verriet, wie wichtig der Zellaktivator für mich ist. Er wurde mir gestohlen und nur durch die Hilfe Perrys mitsamt dem Mutantenkorps der Erde wurde mein Leben in allerletzter Minute gerettet.
Ein anschließendes Attentat auf Arkon III auf Perry misslang Auch hinter ihm steckte als Drahtzieher Cardif. Wir konnten ihn im Rusuma-System ausfindig machen. Ein Einsatzkommando unter Leitung von Perry persönlich spürte ihn auf der Hauptwelt der Springer, Archetz auf. Gucky konnte ihn gefangen nehmen und er wurde nach Arkon III gebracht. Dort machte Perry auf Anraten von Bully und mir einen letzten Versuch, sich mit seinem Sohn auszusöhnen. Wir hatten von Anfang an keinen Erfolg darin gesehen. Aber wenn Perry es nicht noch einmal versuchte, würde er sich auf Dauer Vorwürfe machen.
Der Versuch scheiterte. Daraufhin wurde Thomas Cardif von dem Robotregenten mit einer neuen Persönlichkeit ausgestattet, die ihn sein bisheriges Leben vergessen ließ. Als Edmund Hugher sollte er den Rest seines Lebens auf Zalit verbringen, ständig unter Beobachtung des arkonidischen Geheimdienstes und der Solaren Abwehr. Perry gab seine Einwilligung zu der Maßnahme mit einem einzigen Wort: „Ja.“
Nachdem Cardif nicht mehr wusste, wer er war, brach Perry Rhodan zusammen. Er musste einige Tage medizinisch behandelt werden und lehnte in dieser Zeit jedes Gespräch ab, auch mit seinen besten Freunden wie Bully und mir.
Niemand außer den an ihre Schweigepflicht gebundenen Ärzten erfuhr, was er in diesen Tagen durchmachte –auch ich nicht. Aber ich konnte es mir lebhaft vorstellen.
Als er nach diesen Tagen wieder entlassen wurde, sprach er niemals wieder über seinen Sohn.
Es kehrte vorerst Ruhe in beiden Imperien ein. Ich konnte mich mit Hilfe der Terraner dem Versuch widmen, das Arkon-Imperium wieder aufzubauen, wobei ich immer mehr frustrierte.

**********

Michael wirkte sehr nachdenklich.
„Mein Vater muss damals unendlich gelitten haben“, stellte er leise fest.
„Ja“, bestätigte ich. „Er hat, nachdem er aus der Klinik entlassen war, nie darüber gesprochen. Bully hat einmal versucht, an ihn heranzukommen. Es endete in einem Streit. Daraufhin haben wir es alle unterlassen. Ich war ohnehin recht weit weg vom Geschehen auf Arkon. Glück im Unglück für Deinen Vater: Dadurch, dass er und seine Terraner alle Hände voll zu tun hatten, mir unter die Arme zu greifen, wurde er abgelenkt. Das ging einige Jahrzehnte gut – bis dann wieder mal die Antis versuchten, ihr verbrecherisches Spiel zu treiben.“
„Dann kam es zur Katastrophe“, bestätigte Michael. „Ein ganz dunkles Kapitel der Geschichte des Solaren Imperiums.“

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Das Ende ...

Im Jahre 2072 fanden die Antis Thomas Cardif alias Edmund Hugher auf Zalit. Sie warben ihn an und er studierte auf ihre Kosten Medizin auf Aralon, der Hauptwelt der Aras, immer noch in Unkenntnis seiner wahren Identität. Die Abwehrdienste wurden fast 30 Jahre lang von einem Cardif aufs Haar gleichenden Roboter getäuscht.
Im Auftrag der Antis stellte Hugher die Droge Liquitiv her, versteckt in einem Likör. Die Welten des Solaren und des Großen Imperiums wurden von der Droge überschwemmt.
Im Jahre 2103 wurde Dr. Edmund Hugher von Nike Quinto, dem Leiter der Abteilung III, einer Spezialabteilung der Solaren Abwehr erkannt. Der darauf folgende Mutanteneinsatz auf der Freihandelswelt Lepso führte dazu, dass die Antis Cardif von seinem Hypnoblock befreiten und ihm seine Erinnerung zurückgaben. Schlagartig erwachte sein ganzer Hass gegen seinen Vater.
Perry selbst war fassungslos. Gegen den Rat aller seiner Vertrauten versuchte er noch einmal, sich mit seinem Sohn zu versöhnen. Aufgrund seiner Gutgläubigkeit ging er ihm auf Okul in die Falle.
Thomas Cardif, der in der Zeit seiner Verbannung körperlich reifer geworden war, glich jetzt Perry aufs Haar. Dadurch konnte er seinen großen Plan verwirklichen. Er nahm die Stelle seines Vaters ein. Der Bewusstseinsinhalt von Perry wurde durch die Antis auf ihn übertragen und umhüllte quasi sein eigenes Gedankengut. So war er auch für die Mutanten nicht zu erkennen.
Er schaffte es, nicht nur die engsten Vertrauten von Perry zu täuschen, sondern die gesamte Solare Flotte und die Bevölkerung von zwei Imperien. Auch, als der vermeintliche Perry Rhodan immer psychopathischer reagierte, schöpfte niemand Verdacht – im Gegenteil, man schob es auf seine Krankheit. Seitdem er sich auf Wanderer einen Zellaktivator besorgt hatte, litt er unter einer so genannten Explosiven Zellteilung. Im Endstadium wurde er jeden Tag einen Zentimeter größer und breiter.
Er gab den Antis die Schuld an seiner Veränderung aufgrund der Behandlung, die er während seiner Gefangenschaft auf Okul erleiden musste.
Als die Situation unhaltbar wurde, die Galaxis brodelte, zwei Imperien durch das Verhalten des vermeintlichen Administrators am Rande des Abgrundes standen, nahmen Perrys Getreue heimlich Kontakt zu mir auf.
Die Geschehnisse wurden mir immer unheimlicher. Seitdem er in der Gefangenschaft seines Sohnes war, hatte Perry jeden Kontakt mit mir vermieden.
Wir vereinbarten eine gemeinsame Aktion gegen die Hauptwelt der Antis, deren Koordinaten ich mit Hilfe der Akonen und des Robotregenten ausfindig machen konnte. Dabei hielt ich mich an Bord des Flaggschiffs der Solaren Flotte auf, der IRONDUKE. Hier gelang es mir, Cardif zu enttarnen. Alle anderen hatte er durch ihre treue Ergebenheit zu Perry Rhodans täuschen können.
Gemeinsam mit Gucky und einem jungen Leutnant konnte ich Perry auf der Hauptwelt der Antis finden und ihn befreien. Cardif fand bei dem Einsatz den Tod. ES hatte wieder einmal gespielt – der Zellaktivator, den er sich unter mysteriösen Umständen auf Wanderer besorgt hatte, war von ES auf die Individualschwingungen seines Vaters abgestimmt worden, die allerdings geringfügige Unterschiede zu Perrys Werten aufwiesen. Letztendlich brachte der Aktivator Cardif den Tod. Perry erhielt den Aktivator, der von Anfang an für ihn gedacht war.
Perry gab mir gegenüber zu, dass er sich bei seiner Gefangennahme „wie ein Idiot“ benommen hätte. In blindem Vertrauen auf einen Umschwung bei seinem Sohn war er sehendes Auges in die Falle getappt. Bei der Übermittlung seines Gedankeninhalts hatte er aber immer noch gehandelt. So hatte er geringfügige Details, die nur ihm und mir bekannt waren, verfälscht abgegeben. Er hatte seine Getreuen richtig eingeschätzt und von Anfang an auf mich gesetzt.
Nachdem wir Cardif im Raum beigesetzt hatten, gingen Perry und ich daran, die Trümmer in beiden Imperien zu beseitigen – eine sehr schwere Aufgabe, die uns von den Akonen, den Stammvätern der Arkoniden und den Antis erschwert wurde. Immer wieder wurde versucht, mich, den unbequemen Imperator von Arkon, auszuschalten. Nur durch die Hilfe von Perry Rhodan konnte ich das Imperium noch bis zum Jahre 2114 halten. Am 31. Dezember 2114 dankte ich als Imperator ab und aus dem Solaren Imperium und dem Großen Imperium der Arkoniden wurde am 1. Januar das Vereinte Imperium mit Perry Rhodan als Großadministrator.

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Ich ließ Michael Zeit, den langen Bericht zu überdenken. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis er sich äußerte.
„Lehrmeister, viel davon habe ich bis jetzt nicht gewusst.“
„Wie auch, Mike? Du kennst nur das, was die Regierung für die Allgemeinheit freigegeben hat. Wir waren damals alle der Auffassung, dass die Ereignisse ein zu privates Licht auf den Charakter deines Vaters warfen.“
Michael nickte. „Richtig. Ich glaube, ich hätte an eurer Stelle nicht anders entschieden. Jemand, der nicht die genauen Hintergründe kennt, kommt zu einem falschen Bild – zwangsläufig.“
Er schüttelte einige Male den Kopf. „Nein, so wie Thomas bin ich nicht – und werde ich auch nie werden!“
Ich legte ihm meine Hand auf den Arm. „Nein, das wirst du nie“, bestätigte ich ihm. „Sonst hätte ich dich mit Sicherheit nicht so ausgebildet! – Das Risiko für die Menschheit wäre mir viel zu groß gewesen.“
Er lächelte mich zaghaft an. „Also ist es schon eine Art bestandener Charaktertest, dass du mich so intensiv geschult hast?“
„Und auch noch weiterhin schulen werde. Wir sind noch nicht am Ende. du wirst noch so einiges zu lernen haben.“
„Ich weiß, Lehrmeister. Und ich freue mich schon darauf. Weißt du“, er zögerte kurz, ehe er weitersprach, „dass ich meinen Vater jetzt sehr gut verstehen kann, wieso er mich so beobachtet und wieso er so reagiert und mir kaum ein Lob zukommen lässt.“
„Ach?“, hakte ich nach. „Wie kommst du darauf?“
„Ganz einfach.“ Er straffte sich. „Nach dem, was er damals erlebte und wie er immer wieder trotz aller Versuche von Thomas Cardif enttäuscht wurde, muss er so reagieren. Wenn nicht, wäre er kein Mensch mit Gefühlen.“
Er überlegte einen Moment, dann sprach er weiter: Auf jeden Fall werde dich und Euch alle nie enttäuschen.“
„Das weiß ich“, antwortete ich sehr ernst und senkte meinen Blick in seine nachtblauen Augen.“
„Da ist noch etwas, Atlan“, meinte er.
Ich blickte ihn nur fragend an.
„Ihr habt doch damals Thomas im Weltraum bestattet. Gibt es davon auf Aufzeichnung? Ich nehme an, das war wohl eine ganz kleine, stille Beisetzung.“
„Ja. Ich habe sie schon vorbereitet. Wir können sie uns sofort ansehen.“
„Du hast mit meiner Bitte gerechnet?“
„Natürlich. Schließlich kenne ich dich schon ein wenig länger, junger Höhlenwilder.“


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24. Oktober 2103
Flottenflaggschiff IRONDUKE


Die Kamera zeigte einen Hangar der IRONDUKE. Der Sarg von Thomas Cardif war mit einem schlichten schwarzen Tuch abgedeckt, nicht mit der Fahne des Solaren Imperiums, wie es bei gefallenen Soldaten üblich war. Cardif war, weil er desertiert war, kein Angehöriger der Flotte mehr.
Anwesend waren die Mitglieder der Führungsriege, die sich an Bord befanden, die führenden Offiziere des Schiffes, Perry Rhodan und ich. Wir alle trugen Raumanzüge, deren Helme wir noch offen hatten. Der Bordgeistliche hielt eine kurze Andacht. Perry, der weiterhin seinem christlichen Glauben folgte, hatte darauf bestanden. Er wollte seinen Sohn nicht ohne die Versöhnung im Glauben in die Ewigkeit gehen lassen.
Ich konnte ihm nicht vergeben. So erhielt er auch von meiner Seite nicht die arkonidische Totenwache, die eine Versöhnung mit den Hinterbliebenen bedeutet, bevor der Verstorbene in das Reich der She’Huan, der Sternengötter, eingeht.
Wir alle standen in einer Reihe neben dem Sarg, Perry als erster. Sein Gesicht glich einer Maske. Niemand sah ihm irgendeine Gefühlsregung an.
„Der Herr ist mein Hirte“, erklang das christliche Totengebet, mit volltönender, starker Stimme gesprochen vom Bordgeistlichen. Perry senkte den Kopf und faltete die Hände.
Was er in diesem Moment dachte und empfand, darüber wollte ich lieber nicht nachdenken.
Nachdem der Geistliche sein Gebet beendet und den anschließenden Segen gesprochen hatte, trat er zu Perry und reichte ihm die Hand. Perry verweilte still einen Moment vor dem Sarg, den Kopf immer noch gesenkt. Dann blickte er auf und gab das Zeichen.
Alle schlossen ihre Raumanzüge und der Kommandant der IRONDUKE betätigte den Schalter. Die Schleuse wurde luftleer gepumpt und das Schott glitt auf. Die Sterne des Weltraums wurden sichtbar.
Nach einem weiteren Kopfnicken von Perry glitt der Sarg auf der Führungsschiene aus dem Schiff und schwebte frei im Weltraum. Perry war keine Gefühlsregung anzumerken, als er salutierte – als Flottenchef und Staatsmann. Die anderen grüßten ebenfalls gemäß dem militärischen Ritual. Ich als Imperator von Arkon grüßte nach altarkonidischer Sitte, indem ich die Handfläche der Rechten auf meine Brust legte und den Kopf leicht neigte. Mein Gruß galt nicht dem Verräter Thomas Cardif, sondern dem menschlichen Intelligenzwesen, das jetzt endlich einging in seine Ewigkeit, an die er nie geglaubt hatte. Ich hoffte trotzdem, dass er dort seinen Frieden finden würde.
Was Perry Rhodan als Vater empfand, vertraute er noch nicht einmal mir an, auch später nicht. Er begrub seine Empfindungen tief in sich selbst.


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Michael rührte sich nicht – auch nicht, nachdem ich schon längst den Bildschirm wieder abgeschaltet hatte. Ich ließ ihm die Ruhe, die er brauchte und verließ meinen Wohnraum. Er musste jetzt nachdenken, für sich selbst nachdenken.
Nach über zwei Stunden, als ich schon längst in meinem Arbeitsraum so einige liegen gebliebene Vorgänge aufgearbeitet hatte, tauchte er in der Tür auf. Er wirkte blass, aber gefasst.
Wortlos deutete ich auf die gemütliche Sitzecke und erhob mich hinter meinem Schreibtisch.
„Atlan“, begann er vorsichtig. „Jetzt kann ich endlich alles zusammenfügen. Das Puzzle ist komplett, wie man so sagt.“
Leicht wiegte ich den Kopf. „Bist du dir wirklich sicher, Mike? Es ist nicht so leicht.“
„Mit Sicherheit nicht“, antwortete er bitter. „Natürlich habe ich immer noch Angst, dass ich einen Teil der Anlagen, die Thomas hatte, auch in mir habe. Schließlich haben wir den gleichen Vater. Aber ich werde diese Anlagen beherrschen. Jedes Wesen hat solche Anlagen. Mein Vater schafft es auch, sie zu beherrschen.“
„Setz dich nicht zu sehr unter Druck. Setze dir Ziele und Ansprüche an dich selbst, die du auch erfüllen kannst. Dein Vater ist bereits einige hundert Jahre alt, du bist gerade erst ins Leben getreten. Denke immer daran.“
„Daran denke ich, Atlan. Sei sicher. Ich verstehe, was du meinst.“
Er erhob sich. „Ich brauche jetzt Ruhe und möchte gerne eine Weile allein sein. Bitte versteh mich“, verabschiedete er sich.
„Wo meinst du, diese Ruhe zu finden?“, fragte ich ihn.
Er lächelte. „Zu Hause. Mutter und Suzan sind auf Plophos. Vater ist wieder mal irgendwo unterwegs. Also sollte ich dort meine Ruhe haben. Und alle anderen werfe ich raus, egal wer anklopft.“
Ich schlug ihm die Hand auf die Schulter. „Recht so. Wenn du meine Hilfe brauchst, du weißt ja, wo du mich findest.“
„Ja, Atlan. Das weiß ich. Und ich werde deine Hilfe in Anspruch nehmen, wenn ich sie brauche. Versprochen!“
Er zögerte noch einen Moment. „Atlan“, sagte er dann ganz leise. „Du bist ein feiner Kerl. Ich verstehe dich sehr gut. Ja, ich sehe dich jetzt ein wenig anders als vorher – ich schätze dich noch mehr als ich es vorher schon getan hatte.“
Damit ging er, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er wollte mir anscheinend keine Gelegenheit geben, darauf zu antworten.
Ich war stolz, ein warmes Gefühl stieg in mir auf. Und ich wusste, er würde jetzt mit dem „Problem Thomas Cardif“ klarkommen.
Er dürfte sein Trauma zwar nicht überwinden, aber damit leben können, kommentierte auch der Extrasinn.
Dazu gab es nichts mehr zu sagen. Ich wandte mich wieder meiner ungeliebten Büroarbeit zu, die ich aber auch hin und wieder erledigen musste. Alles konnten meine Stellvertreter nun doch nicht erledigen.
Eines wusste ich aber ganz genau: Ich liebte diesen kleinen Barbaren und würde ihn auf seinem Weg anleiten und begleiten, soweit ich es vermochte!



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Jahre später, als Michael sein Elternhaus schon lange verlassen hatte und wir endlich erfuhren, dass er hinter der Maske des Freihändlerkönigs Roi Danton steckte, dachte ich noch einmal über dieses Gespräch nach.
Wahrscheinlich hatte dieses Gespräch mit dazu beigetragen, dass Michael die Freihändler so konsequent zu einer paramilitärischen Organisation umorganisiert hatte, die absolut loyal zum Imperium stand und später nach dem Krieg gegen die Bestien dazu beitrug, das Imperium wieder aufzubauen, auch nachdem Michael vermeintlich auf Enemy gefallen war.
Seine völlig überhöhten Ansprüche, die er immer wieder an sich selbst stellte, waren in seinem „Thomas-Cardif-Trauma“ begründet. Das zeigte mir, dass er diesen Konflikt genau wie sein Vater nie ganz überwand.


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Das Copyright für die PERRY RHODAN-Serie liegt


beim Pabel-Moewig Verlag, Rastatt.


Mit freundlicher Genehmigung.


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