Der Wert des Lebens



Atlan handelt nach seinem uralten Prinzip:
Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen.

Seine Fluchtkuppel wird zum Ort einer Entscheidung für oder gegen das Leben.

Terrania-City, Oktober 3434

Bericht Atlan

Ich saß in meinem USO-Büro in Imperium-Alpha und versuchte meine Gedanken zu ordnen.
Die Sorgen nagten an mir – die Sorgen um einen jungen terranischen Höhlenwilden, den ich liebte und schätzte wie einen eigenen Sohn und den ich – wie alle anderen – fast 1.000 Jahre für tot gehalten hatte. Michael Reginald Rhodan, der zweite Sohn meines besten und ältesten Freundes Perry Rhodan, der sich immer noch lieber Roi Danton nannte.
Nun war der junge Mann plötzlich wieder da. Wir hatten ihn von der letzten Expedition mit dem Nullzeitdeformator 200.000 Jahre aus der Vergangenheit „mitgebracht“.
Junger Mann? Wie alt war er nun wirklich? Was galt? Sein biologisches Alter von 32 Jahren oder das „real vergangene“ Alter von 1.029 Jahren, obwohl er davon 997 Jahre einfach „übersprungen“ hatte?
Genau diese Frage schien auch für Michael sein zentrales Problem zu sein. Ich konnte ihn sehr gut verstehen, sicherlich besser als sein eigener Vater – und das wiederum trug auch zu dem Problem bei.
Aber von vorne … Ich musste versuchen, alles genau zu strukturieren, zumal ich eine sehr ungewöhnliche Lösung erwog.
Michael war schon als Jugendlicher ein rebellischer Charakter gewesen, mit dem mein Freund Perry von Anfang an nicht ganz zurecht kam. Hinzu kam seine immer zu knappe Zeit für die Familie, da er sich vorrangig als den „ersten Diener seiner Menschheit“ sah. Das führte dazu, dass Michael seinen Patenonkel Reginald Bull, Bully und mich lieber als Bezugspersonen sah als den Vater. Und wenn Perry dann mal Zeit für ihn hatte, war er für ihn immer so eine Art „Über-Vater“, dessen Ansprüche er meinte nicht erfüllen zu können. Es bedeutete andererseits nicht, dass er seinen Vater negativ sah, im Gegenteil. Er ehrte, liebte und schätzte ihn und würde für ihn durchs Feuer gehen – aber er erschien ihm eben immer als unnahbare Figur. Das führte dazu, dass er immer wieder Alleingänge unternahm, die ihn in teils haarsträubende Gefahrensituationen führ­ten, in denen er als Jugendlicher absolut nichts zu suchen hatte.
Ich selbst vertrat sehr oft die Vaterstelle an ihm. Dabei wuchs er mir immer mehr ans Herz. Perry war damit einverstanden. Für mich entstand sogar der Eindruck, dass er über diese Entwicklung recht froh war, weil er auf emotionalem Gebiet doch recht unbedarft war.
So kam es dazu, dass erst der kleine Junge auf meinen Schultern ritt, ich später die Jugendstreiche des Heranwachsenden vor dem Vater vertuschte und den jungen Mann schließlich schulte und sein Lehrmeister wurde. In den Reihen meiner USO erhielt er seine militärische Ausbildung, weil er eine Ausbildung in der Solaren Flotte und eine Offizierslaufbahn ablehnte. Die Flotte war das Werk seines Vaters, damit schied sie für ihn aus, weil er zu sehr Protektion befürchtete.
Schon sehr früh zeigte sich, dass er sowohl das kosmonautische Talent als auch die Führungsfähigkeiten von seinem Vater geerbt hatte. Mir fiel die Aufgabe zu, das in die richtigen Bahnen zu lenken. Perry steckte da in einem Dilemma, das zu immer größeren Problemen führte, je älter Michael wurde. Zum einen wollte er seinen Sohn auf keinen Fall bevorzugen und stellte deshalb Anforderungen an ihn, die dieser noch nicht erfüllen konnte. Perry sprach das zwar nicht aus, aber sein ganzes Verhalten dem Sohn gegenüber drückte es aus. Zum anderen war er zwar sehr stolz auf Michaels Fähigkeiten, seine Härte gegen sich selbst und seine Fortschritte, aber er konnte seinen ersten Sohn Thomas Cardif, der zum Verräter an „seiner“ Menschheit geworden war, nicht vergessen. Je besser Michael wurde, desto mehr regte sich in ihm die Angst, dass er sich eines Tages gegen die Menschheit richten könnte. Er glaubte es zwar nicht wirklich, aber er kam gegen sein Unterbewusstsein nicht an.
Ich war da durch meine strenge arkonidische Erziehung, meine Erfahrungen als Admiral eines Elitegeschwaders des alten Großen Imperiums sowie als Imperator eines am Boden liegenden Reiches und meine zehntausendjährige Wanderung durch die Frühgeschichte der Erde neutraler und handelte logischer.
Im Gegensatz zu Perry und allen anderen wusste ich auch, dass Michael nach Abschluss seiner Ausbildung als Kosmonaut und Hochenergie-Techni­ker seine Heimat verlassen wollte und irgendwo anders ganz neu anfangen. Er wollte sich selbst beweisen, dass er auf eigenen Füßen stehen konnte. Aber auch mir hatte er nicht anvertraut, wo er hingehen und was er machen wollte. Mir hatte sein Versprechen genügt, sich niemals gegen die Menschheit, als deren Mentor ich mich fühlte, zu richten. Ich vertraute dem Jungen.
Als er 30 Jahre alt war, begegneten wir uns alle wieder. Heute fragte ich mich immer noch, wieso wir alle, besonders ich, uns derartig täuschen ließen. Niemand von uns erkannte in Roi Danton, dem König der immer noch als „suspekt“ geltenden Freihändler, den vermissten Michael. Sogar ich hatte bei unserer ersten Begegnung nur das vage Gefühl, den jungen Mann irgendwie zu kennen. Dabei hätten wir nur logisch denken und das Ende der Spur eines jungen Mannes mit dem Anfang des Auftauchens von König Danton kombinieren müssen. Michael verschwand, danach tauchte Roi Danton auf – und noch dazu mit der gleichen Ausbildung wie Michael.
Roi Danton besaß zu der Zeit innerhalb der Flotte und der USO einen schon fast legendären Ruf. Er benahm sich wie ein verweichlichter Stutzer vom Hof des französischen Königs. Jedem war klar, dass er dahinter sein wahres Wesen versteckte. Aber welches? Nur wenige wussten, wie hart und kompromisslos dieser „Stutzer“ zuschlagen konnte. In diversen Einsätzen meiner USO und der Solaren Abwehr konnte ermittelt werden, dass dieser „König“ über ein Führungstalent verfügte, das dem von Perry und mir kaum nachstand. Seine Besatzung war eine Elitebesatzung, die mit und für ihn den Teufel aus der Hölle holen würde. Mehrfach versuchte ich Danton durch meine Spezialisten festnehmen zu lassen. Ich wollte ihn nicht internieren, sondern mich lediglich mit ihm unterhalten und feststellen, wer sich hinter der Maske verbarg. Alle derartigen Einsätze misslangen. Einige endeten sogar im Desaster, indem die beauftragten Spezialisten den Dienst bei der USO quittierten und zu den Freihändlern wechselten. Zuletzt eine junge, äußerst fähige Raumschiffkommandantin. Später trafen wir sie wieder als Sicherheitschefin der Freihandelswelt Olymp.
Bei meiner ersten Begegnung mit Roi Danton hatte ich nicht nur das Gefühl, ihn zu kennen, sondern auch, ihm vertrauen zu können.
Rein gefühlsmäßig, das war keine logische Entscheidung“, kommentierte mein Extrasinn meine Überlegungen. „Vielleicht hast du damals schon unterbewusst gespürt, wen du vor Dir hast.“
Ich antworte nicht darauf, denn der Logiksektor hatte recht.
Später zeigte sich immer mehr, dass ich mit meiner Einschätzung richtig lag. Roi unterstützte das Solare Imperium und kämpfte mit seinem Flaggschiff FRANCIS DRAKE in vorderster Front an unserer Seite. Allerdings reizte er durch sein Verhalten meinen Freund Perry öfter bis zur Weißglut. Die beiden schienen wie Feuer und Wasser zu sein. Trotzdem enttarnte ihn niemand. Nur unser Mausbiber Gucky schaffte das, indem er Rois ertrusischem Leibwächter durch einen Trick seinen mechanischen Gedankenzerhacker abnahm und ihn telepathisch aushorchte. Da meine eigenen Vermutungen immer mehr in die Richtung gingen, Michael vor mir zu haben, fiel mir als erstem auf, wie freundlich Gucky ihn plötzlich behandelte. Auch so die eine oder andere Bemerkung des Kleinen deutete in die Richtung. Aber er verriet ihn nicht, weder Perry noch mir gegenüber.
Trotzdem schien es fast so, als ob Gucky mich ganz gezielt zur Lösung führte. Vielleicht hatte er damals gewollt, dass ich Michael enttarne, damit ich mich vor ihn stellen konnte und vor der Wut seines Vaters schützen. Perry sah ihn und die Freihändler trotz aller Hilfe für uns immer noch als eine Art Verbrecherorganisation an, obwohl zu der Zeit schon lange bewiesen war, dass die Freihändler immer loyal zum Imperium standen, nicht erst, seitdem Roi Danton der Befehlshaber war. Unter Dantons Führung wurden auch alle Geschäfte ehrenhaft abgewickelt und Fremdintelligenzen mit Respekt und Achtung behandelt.
Ich enttarnte Michael mit Gewalt und verabreichte ihm bei der Gelegenheit die mehr als verdiente Ohrfeige. Obwohl ich ihn sehr gut verstehen konnte, nahm ich es ihm übel, dass er mich nicht ins Vertrauen gezogen hatte schon bei unserer ersten Begegnung. Er hätte wissen müssen, dass ich ihn nicht an seinen Vater verraten würde. Später vertraute er mir an, dass er mich nicht hätte in Gewissensnöte meinem Freund gegenüber bringen wollen.
Vielleicht war es damals auch nur dein gekränkter Stolz“, kommentierte der Logiksektor. Mit einem Befehlsimpuls schaltete ich ihn ab, ich wollte in Ruhe nachdenken. Dies war eine Sache, bei der ich bereit war, mich auch von Gefühlen leiten zu lassen. Hier musste eine gefühlsmäßige Lösung her. Mit Logik allein kamen wir wohl alle nicht weiter …
Als die Situation damals eskalierte und Perry ihn als Hochverräter verhaften wollte, zwang ich Michael zur Enttarnung auch ihm gegenüber. Fortan kämpfte er in vorderster Front mit seinen Freihändlern für das Imperium. Im Oktober 2437 fiel er bei einem Kampfeinsatz auf Uleb I – jedenfalls dachten wir alle das bis vor ca. drei Monaten.
Perry litt damals sehr lange unter dem Verlust des Sohnes, der für „seine“ Menschheit, zu der er im Gegensatz zu seinem ersten Sohn immer loyal gestanden hatte, sein Leben geopfert hatte. Insbesondere der Inhalt des positronischen Notizbuches, das wir in Michaels Kabine auf der CREST IV fanden, machte ihm schwer zu schaffen, da aus ihm eindeutig hervorging, dass Michael seinen Tod vorausgeahnt und trotzdem freiwillig die Leitung des höchst gefährlichen Einsatzes übernommen hatte.
Er übertrug darin Perry sein Vermächtnis. Wir flogen die Koordinaten, die er hinterlegt hatte gemeinsam an und stellten fest, dass es sich um den bis dahin unbekannten Stützpunktplaneten der Freihändler handelte und Michael sein gesamtes, beträchtliches Vermögen und die Organisation der Freihändler seinem Vater vermachte.
Und nun war er wieder da – wie der berühmte Phönix aus der Asche wieder auferstanden. Wie sich nach seinem eigenen Bericht und der Auswertung des Cappins Ovaron herausstellte, war er, nachdem er auf Uleb I von unserem damaligen Einsatzkommando scheinbar tot zurückgelassen worden war, nur gelähmt. Ein von den Uleb gefangener Gurradwissenschaftler hatte ihn gefunden und durch einen Zeittransmitter geschickt, der noch in der Erprobungsphase war. Roi hatte den Strohhalm zu seiner Rettung ergriffen, obwohl der Gurrad ihm nicht sagen konnte, in welcher Zeit er herauskommen würde. Dabei war er von dem Zeitläufer Ovarons eingefangen und zu dessen Geheimstation auf dem Jupitermond Titan abgestrahlt worden. Dort hatten wir ihn auf unserer letzten Expedition in die 200.000 Jahre zurück liegende Vergangenheit vorgefunden. Natürlich nahmen wir ihn mit zurück in unsere Gegenwart – für Michael eine Zukunft, die tausend Jahre weiter war als die für ihn gültige Gegenwart. Er wurde in eine ihm unbekannte Welt versetzt, in der er außer uns niemanden mehr kannte, deren Infrastruktur und deren soziales Gefüge ihm total fremd vorkommen musste.
Wir hatten ihn sofort wieder in die Führungsspitze integriert. Er hatte alle erforderlichen Kenntnisse durch entsprechende Hypnoschulungen vermittelt bekommen, selbstverständlich wie wir alle eine luxuriöse Wohnung im Regierungsgebäude von Terrania-City sowie einen Bungalow am Goshun-See erhalten und sein damaliges Vermögen wurde von Perry an ihn zurückgegeben und durch unser Finanzgenie Homer G. Adams entsprechend transferiert. Insofern war rein objektiv alles „in Ordnung“.
Nur hatte sich direkt nach seiner Ankunft niemand so richtig mit dem Menschen Michael beschäftigen können. Die Ereignisse um die Zerstörung des takerischen Sonnensatelliten gingen vor. Bei Perry zeigte sich sogar, dass er damit restlos überfordert war. Er freute sich zwar genau wie wir alle unendlich über Michaels Rückkehr an sich, aber er wusste nicht damit umzugehen. Besonders nachdem Perry seinem Sohn unter vier Augen mitteilte, dass sowohl seine Mutter als auch seine von ihm geliebte Zwillingsschwester Suzan seit einigen hundert Jahren nicht mehr lebten, war eine deutliche Unterkühlung in ihrem Verhältnis zueinander zu bemerken.
Michael musste sich heimatlos und verlassen vorkommen. Ich selbst wusste sehr gut, was es bedeutete, nach hundert oder tausend Jahren plötzlich in einer anderen Welt leben zu müssen. Aber im Gegensatz zu Michael wusste ich es immer vorher, bevor ich in den Tiefschlaf ging und traf entsprechende Vorbereitungen für mein Erwachen. Auch war immer gleich mein Roboter Rico da gewesen, der für mich im Laufe der Jahrtausende mehr als nur ein Roboter geworden war. Er war mein Freund. Immer wieder vergaß ich, dass er eine Maschine war.
Michael dagegen hatte es völlig unvorbereitet getroffen. Deshalb war es für mich kein Wunder, dass er sich sofort zu der Takererin Merceile hingezogen fühlte. Sie war genau wie er hier eine Heimatlose, Entwurzelte. Dass sie die Partnerin des Ganjos Ovaron war, der sich dazu entschlossen hatte, bei uns zu bleiben, weil er kein Zeitparadoxon auslösen wollte, das die gesamte Menschheit in ihrer Existenz gefährdet hätte, komplizierte die Angelegenheit nur noch. Eine Rivalität zwischen Ovaron und Perrys Sohn konnte zur brennenden Zündschnur werden.
Michael vertraute sich niemandem an, auch mir nicht. Das zeigte mir, wie er in seinem Innersten getroffen war und versuchte, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Bezeichnend war auch, dass er sich nicht Michael Rhodan nannte, sondern weiterhin Roi Danton, obwohl natürlich jeder seine Geschichte aus der Enzyklopaedia Terrania und aus dem Schulunterricht kannte. Für mich war das ein deutliches Indiz für seine Abgrenzung zum Vater. Dies konnte genauso wie seine Zuneigung zu Merceile zukünftig zum großen Problem werden, zumal wir dabei waren, eine Expedition in die Heimatgalaxis der Cappins, nach Gruelfin vorzubereiten und die Absicht hatten, Michael aufgrund seiner Fähigkeiten in die Expeditionsleitung zu integrieren.
Ich hatte mich dazu entschlossen, abzuwarten, bis Michael von selbst auf mich zukam. Meine Erfahrung lehrte mich, dass Drängen zu nichts führte und ein Intelligenzwesen in einer solchen Situation von sich aus dazu bereit sein musste, sich anzuvertrauen.
Sollte die Situation allerdings zu entgleisen drohen, musste ich eingreifen.
Im Moment schien es genau darauf hinzusteuern. Das Verhältnis zwischen Perry und seinem Sohn wurde immer distanzierter, seitdem Michael vom Tod von Mutter und Schwester wusste. Wie dieses Gespräch genau verlaufen war, hatte Perry mir nicht verraten. Ich ahnte lediglich etwas, das mir gar nicht gefiel.
Zudem fiel uns allen auf, dass Michael immer mehr in sich gekehrt und abwesend wirkte, als ob er gar nicht da sei. Gucky, einer der besten Freunde Michaels aus seiner Kinder- und Jugendzeit half mir und drang per Teleportation erst in Michaels Wohnung dann in seinen Bungalow ein, während er bei uns in einer Besprechung war. In beiden fand er bestimmte psychogene Drogen, die sowohl Stimmungsaufheller als auch Entspannungs­mittel waren. Über ein paar Tage waren sie harmlos, aber wenn sie regelmäßig eingenommen wurden, sorgten sie schnell dafür, dass ein Mensch den Anschluss an die Realität verlor und sich in eine Traumwelt flüchtete. Zudem machten sie schnell hochgradig abhängig. Ein Entzug stellte die Betroffenen trotz der weit entwickelten Medizin des 35. Jahrhunderts vor eine riesige Herausforderung. Nur wenige schafften ihn, die meisten dämmerten bis an ihr Lebensende in ihrer Traumwelt dahin.
Mich entsetzte diese Entdeckung genauso wie Gucky. Der Mausbiber weinte, als er mir die Nachricht brachte. Michael wusste um die Gefährlichkeit dieser Drogen, um so mehr war es für mich ein Indiz, wie verzweifelt er war. Er trug keinen Zellaktivator, der jedes Gift absorbierte, also konnte er eventuell sogar schon abhängig sein.
Zum Glück war Gucky schlau genug gewesen, nichts anzufassen, um keinen Verdacht zu erregen. Natürlich hatte ich Michael nichts über mein Wissen mitgeteilt und hütete mich auch, Perry oder andere zu informieren. Ich mochte mir nicht vorstellen, wie mein bester Freund reagieren würde, wenn er wüsste, dass Michael auf diese Art versuchte, sein Schicksal zu bewältigen. Es hätte ihn mit Sicherheit als Vater restlos überfordert. Sicherlich wäre es für sein Ehrgefühl auch unvorstellbar, dass sein Sohn Drogen nahm. Ich sah auch keinen Sinn darin, zu versuchen, das mit Perry aufzuarbeiten. Deshalb konnte ich nur bei Michael selbst ansetzen.
Wie sehr Michael verzweifelt war, konnte auch Gucky nicht feststellen, da Michael mentalstabilisiert war und er nicht in seine Gedanken vordringen konnte.
Obwohl Perry nicht informiert war, quälten ihn die Sorgen um seinen Sohn. Immerhin sah er genauso wie wir alle, dass mit Michael etwas nicht stimmte.
Perry lebte, seitdem er vor einigen hundert Jahren Frau und Tochter verloren hatte, ohne Familie und hatte derzeit auch keine Geliebte. Nun war aus dem Nichts sein tot geglaubter Sohn wieder aufgetaucht und sicherlich hoffte er, da weitermachen zu können, wo er damals aufgehört hatte. Dass das so nicht funktionieren konnte, musste er auch erst einmal verstehen. Anscheinend war es jetzt meine Aufgabe, sowohl für den Sohn als auch für den Vater zu sorgen, wobei der Sohn meiner Hilfe wesentlich dringender bedurfte.
Schweren Herzens entschied ich mich an dieser Stelle meiner Überlegungen zu einem Schritt, den ich noch nie getan hatte. Eine andere Möglichkeit sah ich nicht mehr, um Michael zu helfen. Ich musste ihn aufwecken. Das weitere Vorgehen hing dann davon ab, wie weit er sich schon an die Droge gewöhnt hatte und insbesondere ob er bereits körperlich abhängig war. Auf jeden Fall brauchte ich erstmal Zeit.
Perry musste deshalb bei den Vorbereitungen für unsere Expedition nach Gruelfin einige Zeit ohne Michael und ohne mich auskommen. Der Junge ging jetzt vor. Das, was Perry für sich selbst immer vermied, seine privaten Belange vor die Pflicht zu stellen – dazu war ich in dieser Situation bereit. Jetzt kam es darauf an, ihn zu überzeugen.
Durch einen Befehlsimpuls schaltete ich meinen Extrasinn wieder ein. Der holte sich sofort alle nötigen Informationen aus meinem Bewusstsein.
Eine rein emotionale Entscheidung“, kommentierte er sofort.
Richtig“, ging ich auf die stumme Diskussion ein. „Kann Michael es schaffen, wenn er schon abhängig ist?“
Rein logisch schwer zu beurteilen“, antwortete der Logiksektor. „Auf jeden Fall schätze ich seine Chancen höher ein als bei jedem anderen Terraner.“
„Immerhin schon mal was.“
Als ich mich gerade erhob, um mich auf den Weg zu Perry zu machen, flimmerte die Luft vor mir. Aus der Leuchterscheinung materialisierten der Mausbiber Gucky und Perry.
„du hast deinen Monoschirm vernachlässigt, Arkonidenhäuptling“, piepste er. „Ich war gerade bei Perry. Deshalb dachte ich mir, du könntest Dir einen Weg sparen.“
„Alter Gedankenspion“, konterte ich und baute sofort wieder den Monoschirm um mein Gehirn auf.
„Spielverderber“, nörgelte Gucky, allerdings fehlte ihm deutlich spürbar die sonstige Freude an unserem altbekannten Spiel. Sein Nagezahn war nicht sichtbar, ein sehr deutliches Zeichen für seine Stimmung.
Seine klugen Mauseaugen blickten mich überlegend an. „Willst du deine Idee wirklich durchziehen?“, fragte er ganz leise. „deine Idee ist so toll – und – nein, ich sage nichts, das musst du selbst machen.“
Ich musterte den Kleinen eindringlich. Es war immer wieder erstaunlich, wie menschlich dieses kleine Wesen dachte und handelte, das aussah wie ein possierliches Kuscheltier.
„Ja.“
Perrys Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er nicht mehr mitkam. Also hatte Gucky ihn nicht über meine Überlegungen informiert. Der Mausbiber war zwar ein Gedanken­spion, der es einfach nicht lassen konnte, in fremden Gedanken herumzuspionieren, aber wenn es um vertrauliche Dinge ging, dann plauderte er auch nichts aus.
„Setzt Euch“, forderte ich meinen Besuch auf. „Wir können das von mir beabsichtigte Gespräch auch hier führen.“
Der Mausbiber ließ sich nicht zweimal auffordern, sprang auf die Couch in meiner be­quemen Sitzecke und rollte sich dort zusammen. Jemand, der ihn nicht kannte, würde jetzt vielleicht auf die Idee kommen, dass er schlief – aber wir kannten ihn sehr gut. Er war hellwach, hatte es sich lediglich bequem gemacht, wie es seine Art war.
Perry und ich nahmen in Sesseln Platz.
„Ich möchte dich bitten, für einige Wochen oder Monate auf mich zu verzichten und auch auf Michael“, eröffnete ich ihm.
„Warum?“
„Ich möchte mich etwas mehr um Michael kümmern. Er muss hier so langsam mal ankommen, wieder festen Boden unter den Füßen bekommen.“
Perrys Gesicht wurde wieder zur undurchdringlichen Maske, wie immer, wenn er an­gespannt überlegte.
„Er muss den Zeitsprung um tausend Jahre erstmal verkraften. Das weiß ich. Und dass du ihn da am besten verstehen kannst, ist mir auch klar. du hast das so einige Male hinter Dir.“
„Aber mit wesentlich besseren Voraussetzungen als Michael“, unterbrach ich ihn ganz bewusst. „Ich war darauf vorbereitet, wenn ich in den Tiefschlaf ging und wusste, dass Rico beim Aufwachen da sein würde, ich mit ihm sprechen konnte. Michael ist aus seinem Leben herausgerissen worden und dann stand er plötzlich vor uns. Nachdem er in Ovarons Observatorium feststellte, dass er sehr weit in der Vergangenheit gelandet war, da Zeut noch existierte. Das ist alles wohl ein wenig viel für einen einzelnen Menschen.“
Perry nickte sinnend. „Aber warum vertraut er sich uns nicht an, ich verstehe das nicht!“
„Ich wiederum verstehe es sehr gut, kleiner Barbar! Aber jetzt ist Schluss mit Zu­schauen. Darum gedenke ich zu handeln, ehe Michael total den Halt verliert. Er lebt noch im 25. Jahrhundert und muss sich im 35. zurechtfinden.“
Gucky hob den Mausekopf. Die klugen Knopfaugen schienen mich durchbohren zu wollen.
Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und ließ keinen Blick von Perry, als ich mein Vorhaben aussprach.
„Ich werde zusammen mit Michael einen längeren Tauchurlaub machen.“
Perry öffnete den Mund, wollte etwas sagen – und schloss ihn wieder. Selten hatte ich ihn sprachlos erlebt. Das hier war einer dieser Momente. Er, dessen Eigenschaft, sich sofort auf eine bestimmte Situation einzustellen, ihm schon zu Zeiten der Space Force den Namen „Sofortumschalter“ eingebracht hatte, verstand natürlich sofort, was ich damit meinte. Jetzt kam es nur darauf an, wie er meine Idee auffasste. Würde er verstehen, was diese Entscheidung auch für mich bedeutete oder würde er sich sogar als Freund durch mich zurück gesetzt fühlen? Würde die Hilfe für den Sohn zu einer Belastungsprobe für unsere Freundschaft werden?
Mit „Tauchurlaub“ war meine unterseeische Druckkuppel nahe der Azoren gemeint. Sie existierte immer noch, seitdem wir sie damals, als ich als Admiral des Großen Imperiums gegen die Druuf kämpfte und verlor, angelegt hatten. Der von uns besiedelte und nach mir Atlantis benannte Kontinent, die ehemalige Landbrücke zwischen Europa und Amerika, versank im Meer. Seitdem waren davon nur noch die höchsten Bergspitzen übrig, die heutigen Azoren.
In dieser Druckkuppel hatte ich die Jahrtausende überdauert. Alle meine Leute hatten den Tod bei der Abwehrschlacht gegen die Druuf-Schiffe gefunden. Als letztes wahrhaft intelligente Wesen war ich zurück geblieben, abgeschnitten von Arkon und vom Großen Imperium, da ich weder ein überlichtschnelles Raumschiff noch einen Hypersender mehr hatte. Seitdem war ich zum Mentor der Menschheit geworden. Ich hatte die Menschen unterrichtet und sie gegen Verbrecher aus dem All verteidigt. Aber nie war es mir gelungen, ein überlichtschnelles Schiff zu erobern. Im Laufe der Jahrtausende hatte ich die kleinen Barbaren von Larsaf III, wie wir Arkoniden die Welt nannten, lieb gewonnen.
Seitdem Perry Rhodan und ich uns, nachdem wir meinten, uns gegenseitig töten zu müssen, ausgesöhnt hatten und anfingen, Freunde zu werden, hatte man meine Druckkuppel entdeckt. Perry hatte mir einen ersten Freundesdienst erwiesen und dafür gesorgt, dass die Kuppel unangetastet blieb. Er sorgte auch dafür, dass es nirgends Unterlagen darüber gab. Jeder der Führungsspitze wusste, dass es diese Kuppel gab, auch heute noch. Aber jeder schwieg darüber. Perry wusste, dass diese Kuppel meine Heimat war und dass ich sie als meine ureigenste Heimat hütete. Hin und wieder besuchte ich sie immer noch, wenn mir danach war. Aber niemals bisher hatte ich einen Menschen mitgenommen, noch nicht einmal meinen besten Freund Perry.
Genau das war ich augenblicklich im Begriff zu machen. Ich wollte Michael, den Sohn meines besten Freundes, als ersten Menschen mitnehmen, weil ich mir nur dadurch eine Chance ausrechnete, ihn wieder aufzuwecken, ihn auch geistig ins 35. Jahrhundert zu holen – an dem Ort, an dem auch ich meine Jahrtausendsprünge bewältigt hatte. Eine andere Chance sah ich für ihn nicht.
Ich ließ den Blick nach dieser Eröffnung nicht von ihm. Einige Minuten herrschte unan­genehmes Schweigen. Noch nicht einmal Gucky regte sich. Mit seinen feinen Sinnen hatte er sofort registriert, was hier in der Luft lag.
„Danke, Atlan“, antwortete Perry endlich. „Ich weiß, was diese Entscheidung für dich bedeutet. du gibst ein Stück deiner privaten Heimat auf, um Michael zu helfen. Siehst du keine andere Möglichkeit?“
Innerlich atmete ich auf. Perry hatte zum Glück richtig verstanden und reagierte ent­sprechend.
„Nein, Freund“, sagte ich leise. „Eine andere sehe ich nicht.“
Perry streckte mir beide Hände entgegen. Ich ergriff sie und wir schauten uns ganz fest in die Augen. Dabei glaubte ich einen leichten feuchten Schimmer in seinen eisgrauen Augen zu erkennen. Er wurde genau wie ich von den Gefühlen übermannt. Meine Augen tränten schon länger, bei einem Arkoniden das Zeichen übermäßiger Erregung.
„Atlan, ich weiß nicht, wie ich das wieder gut machen kann“, begann Perry.
Wieder unterbrach ich ihn. „Denke nicht darüber nach. Für uns alle sollte es der schönste Lohn sein, wenn sich der gewünschte Erfolg einstellt. Eine Bitte muss ich allerdings noch äußern.“
„Welche?“ Er hielt immer noch meine Hände.
„Bitte frage niemals, was Michael und ich in dieser Zeit machen. Es geht nur uns etwas an.“
Perry überlegte einen kurzen Augenblick. Dann nickte er. „Einverstanden. Ich vertraue Dir und hoffentlich vertraut Michael Dir auch ausreichend, dass du an ihn herankommst. Mir gegenüber geht er anscheinend immer mehr auf Distanz. Als Offizier ist er hervor­ragend, aber als Mensch scheint er mir hinter einem Schutzschirm verborgen zu sein.“
Und nach einer kaum spürbaren Pause fuhr er mit veränderter Stimme fort: „Wir alle brauchen Michael mit seinen hervorragenden Führungsqualitäten.“
„Lass bitte auch mal den Vater sprechen. Wir alle brauchen Michael vor allen Dingen als Menschen. Das ist die Grundbedingung für alles andere. Es mag sich vielleicht seltsam anhören, wenn ein Arkonide das sagt.“
Wann wird der kleine Barbar das endlich begreifen, wenn es um seinen Sohn geht?“, überlegte ich. „Bei allen anderen Intelligenzen muss ich ihn in seiner überzogenen Humanität bremsen, aber bei Michael …“
Wahrscheinlich nie“, antwortete der Logiksektor lakonisch.
„Und ein Ilt schließt sich an“, ergänzte Gucky, der genauso seine Familie verloren hatte wie Perry. Allerdings waren seine Frau Iltu und sein Sohn Jumpy nicht durch ein Attentat wie Mory und Suzan ums Leben gekommen, sondern ihre Lebensspanne war ohne Zellaktivator ganz einfach abgelaufen. Er war der letzte bekannte Ilt, wahrscheinlich das einsamste Lebewesen dieser Galaxis.
Gucky sprang auf, umarmte mich und piepste mit endlich wieder sichtbarem Nagezahn: „Dann lasst uns endlich anfangen und nicht hier herumtrödeln. Michael braucht deine Hilfe, Beuteterraner.“
Womit der Mausbiber zweifellos mich meinte. Diesen Spitznamen wurde ich an­scheinend nie wieder los, seitdem wir bei unserer unfreiwilligen Zeitreise durch die Meister der Insel festgestellt hatten, dass die Arkoniden leicht mutierte Auswanderer der Lemurer, der ersten Menschen waren.
„Ich glaube, wir brauchen alle ein wenig Zeit zum Abschalten“, meinte Perry und schlug mir einen Plan vor, wie wir eventuelle Proteste von Michael von Anfang an im Keim er­sticken konnten. Ich war sprachlos. Er konnte also, wenn er wollte.
Ihr Sternengötter, wo war ich nur hinein geraten? Dieser kleine Barbar und sein gerade erst den Flegeljahren entwachsener Sohn waren einmalig. Erwachsen waren alle beide mit Sicherheit noch nicht.
Hoffentlich werden sie es auch nie, genau wie die ganze Menschheit“, kommentierte der Logiksektor. „Denn dann beginnt die Degeneration. Das hat sich bei den Arkoniden deutlich gezeigt.“
Dazu gab es nichts mehr anzumerken, leider …

**********

Ich fand Michael im Gespräch mit Reginald Bull, seinem Patenonkel Bully im großen Konferenzraum. Der Großadministrator hatte zu einer Besprechung gebeten, um die derzeitige Lage zu erörtern und die ersten Grundzüge für die geplante Expedition nach Gruelfin festzulegen, insbesondere die Ausrüstung des neuen Flottenflaggschiffes, das den Namen MARCO POLO tragen sollte und mit einem völlig neuartigen Antrieb versehen. Für dessen Entwicklung war Professor Dr. Geoffry Abel Waringer verant­wortlich, der wohl genialste Hyperphysiker, den die Erde jemals hervorgebracht hatte. Wir hatten für die Vorbereitung einen Zeitraum von jetzt an drei Jahren veranschlagt. Es war klar, dass wir Ovaron nach Hause bringen mussten, sonst wäre er nicht bereit gewesen, in unserer Realzeit zu bleiben. Es war unsere Gegenleistung für seine Hilfe, auch bei der Rettung des Solsystems vor dem Sonnensatelliten. Außerdem mussten wir schon aus Selbstschutz nachsehen, ob die Takerer der Jetztzeit auch gegen die Milchstraße agierten.
Beide grüßten freundlich, als sie mich sahen. Mit einem schnellen Blick musterte ich Michael. Obwohl er sich ganz normal verhielt und aussah, reichten mir kleine Indizien, um zu wissen, dass er wieder zu den Drogen gegriffen hatte. Einem nicht Eingeweihten wäre es höchstwahrscheinlich gar nicht aufgefallen.
Er trug die Uniform der Solaren Flotte ohne Rangabzeichen. Sein von der Mutter geerbtes rotblondes Haar versteckte er immer noch und trug die Haare wie zu seiner Freihändlerzeit schulterlang und schwarz gefärbt. Körperlich schien er noch nicht gelitten zu haben. Seine Haltung wirkte straff und gespannt. Nur über seinem Gesicht und in den nachtblauen Augen lag ein leichter Schimmer der Melancholie.
Wieder dachte ich daran, dass seine schlimmen Erlebnisse, die Expedition nach Magellan, der Verlust seiner Männer und seines Flaggschiffes FRANCIS DRAKE und alles, was danach kam bis zu seiner Gefangenschaft in Ovarons Station auf dem Titan, für ihn erst wenige Monate her war. Das musste er erst einmal für sich verkraften und verarbeiten. Genau wie damals vor tausend Jahren verstand ich den Jungen so gut, denn für mich war er immer noch ein junger Mann. Sein Erfahrungsschatz allerdings übertraf bei weitem den eines biologisch Gleichaltrigen.
Es wird Zeit, etwas zu unternehmen“, meldete sich der Logiksektor.
Das weiß ich selbst“, gab ich unwillig zurück. Dieser Extrasinn war ja recht nützlich und hatte mir schon sehr oft das Leben gerettet, aber manchmal war er überaus lästig.
„Wieder zahllose gute Ideen und noch für keine davon entschieden?“, sprach ich die beiden an.
„Es ist zum aus der Haut fahren“, regte der temperamentvolle Bully sich auf.
„Denk an deinen Blutdruck“, grinste Michael ihn an. Ein Blick in die Augen genügte mir, um zu wissen, dass seine Emotionen nicht im Gleichklang mit dem vorgeführten Gesichtsausdruck waren.
Bully winkte ab und Michael drehte sich um, als das schöne junge Cappinmädchen Merceile, eine takerische Wissenschaftlerin aus der Zeit von vor 200.000 Jahren an der Seite des Ganjos Ovaron den Raum betrat.
Merceile lächelte ihm freundlich zu, was den Blick Ovarons sofort verdüsterte. Darum würden wir uns ebenfalls später kümmern müssen. Zuerst einmal musste Michael oder eben Roi wieder komplett zu dem werden, den wir kannten.

**********

Wieder einmal hatte ich Gelegenheit, die von vielen galaktischen Völkern belächelte Gründlichkeit der Terraner zu bewundern. Obwohl sie auch mich manchmal ein wenig nervte, musste ich zugeben, dass gerade diese Gründlichkeit in vielen Einsätzen überhaupt erst zum Gelingen beigetragen oder den Teilnehmern das Leben gerettet hatte.
Michael trug sehr gute und kreative Vorschläge bei. Wir alle wussten, welche Fähigkeiten er hatte. Es wurde höchste Zeit, dass er auch psychisch wieder ins Lot kam. Unabhängig davon, dass mir mein Wissen weh tat, brauchten wir ihn tatsächlich vom logischen Standpunkt her. Da hatte Perry recht. Seine Rückkehr war ein Geschenk der Götter und es war jetzt an uns, dieses Geschenk dankbar anzunehmen. Dafür würde ich in den nächsten Wochen die Voraussetzungen schaffen.
Nach dem Ende der Diskussion lehnte Perry sich zurück und ließ seinen Blick über die Runde schweifen.
„Ich habe den Eindruck, dass wir alle dringend einen Urlaub nötig haben. Deshalb habe ich mir überlegt, dass wir jetzt erst einmal vier Wochen Ruhepause einlegen.“
Seine Eröffnung schlug wie eine Bombe ein. Damit hatte niemand gerechnet.
„Fein“, schrillte Gucky als erster. „Da kann ich mich ja endlich mal intensiv um meine Mohrrübenbeete kümmern. Das machen sonst nur die Gärtnerroboter. Das wird ein Spaß!“
Er ließ sich telekinetisch ein Stück emporschweben und musterte die Versammlung. Dabei grinste er Perry über das ganze pfiffige Mausegesicht an. Der Kleine war richtig. Ehe jemand ernsthaft protestieren konnte, hatte er die Initiative ergriffen.
Professor Waringer zog ein Gesicht, als ob er auf eine Zitrone gebissen hätte. Perrys Schwiegersohn, den dieser nur mühsam akzeptiert hatte, eigentlich erst, nachdem er wirklich merkte, wie einzigartig er war und ihm deshalb einen Zellaktivator überreichte, gehörte seit dem Tod seiner Frau Suzan zu den „Workaholics“.
Perry lächelte ihm zu. „Wenn jemand weiter an unserer Planung arbeiten möchte, steht ihm das natürlich frei. Es besteht kein Urlaubszwang, es ist nur ein gut gemeintes An­gebot.“
Waringer atmete deutlich auf. Mir war klar, dass er sich in seinem Labor vergraben würde.
Michael wirkte auch etwas hilflos. Natürlich war die Arbeit für ihn der Halt, er war hier noch fremd, wusste nicht, was er mit freier Zeit anfangen sollte. Das würde sich gleich ändern. Ich freute mich schon diebisch auf seine Reaktion und die der anderen.
Merceile wechselte ihren Blick zwischen ihm und Ovaron. Sie wirkte genauso hilflos. Anscheinend fühlte sie sich zwischen zwei Stühlen. Im Moment konnte sie sich wohl nicht zwischen den beiden Männern, von denen einer ihr Partner war und der andere sie um­warb, entscheiden. In diesem Moment traf ich den Entschluss, sie zu einer Entscheidung zu drängen, sobald Michael und ich wieder zurück waren. Dass er mein Angebot ablehnen würde, konnte ich mir nicht vorstellen.
Ich lächelte Merceile und Ovaron zu. „Jetzt haben Sie endlich die Gelegenheit, sich Terra wirklich anzuschauen. Machen Sie eine Rundtour, besichtigen Sie die großen Städte der Erde. Sie werden viel Interessantes entdecken.“
Ovaron lächelte. „Das ist eine gute Idee. Sie gefällt mir. Was hältst du davon, Merceile?“
Das Cappinmädchen wirkte etwas hilflos. Auf der einen Seite war sie anscheinend interessiert, aber sie wartete wohl noch auf eine Reaktion von Michael. Mit Sicherheit würde sie diese Reisen lieber mit ihm zusammen unternehmen.
„Ich biete mich als Führer an“, sagte Michael. „Auch ich muss die Erde erst wieder neu kennenlernen.“
Ovarons Gesicht umwölkte sich sofort. Da griff ich ein.
„Nicht so voreilig, Roi. Ich glaube, daraus wird nichts, weil ich die Absicht habe, zu­sammen mit Dir Urlaub zu machen.“
Michaels Gesicht wirkte ratlos. Nun verstand er gar nichts mehr. Ich ließ ihn einige Sekunden zappeln, dann fuhr ich fort: „Ich habe mich entschlossen, dich zu einem Tauchurlaub einzuladen.“
Noch nie hatte ich Michael so fassungslos gesehen, genau wie die anderen. Außer Perry und Gucky war bisher niemand über meine Idee informiert. Jeder wusste sofort, was ich meinte. Professor Waringer bekam verlangende Augen. Für ihn als Wissenschaftler, der auch über seinen Tellerrand hinausschaute, wäre ein Besuch in meiner Tiefseekuppel ein gigantisches Erlebnis gewesen.
Michael wandte sich Merceile zu. Er hatte sich sofort entschieden, ohne zu überlegen. Genau wie die anderen wusste er, dass er eine solche Gelegenheit nie wieder bekommen würde – und dass er der Erste war, den ich in mein Refugium hineinlassen würde. Der Stolz darüber war ihm schon jetzt anzusehen, zumal er wusste, dass noch nicht einmal sein Vater, mein bester Freund bisher dort war. In seiner Vorstellungswelt zog ich ihn eindeutig dem Vater vor. Es schien ihm schon jetzt gut zu tun.
Ein gutes Zeichen“, gab mein Logiksektor durch.
„Es tut mir sehr leid, Mademoiselle, unter diesen Umständen muss ich leider mein Angebot für den Moment zurückziehen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“ Er lächelte ihr vertraulich zu. Dieser junge Höhlenwilde hatte einen Charme, der es in sich hatte, ganz im Gegenteil zu seinem Vater, der zwar mit Damen auch kein Problem hatte, aber nicht so wie Michael oder ich diesen Genüssen hin und wieder recht zugetan.
„Der verehrte Lordadmiral hat mir eine Einladung unterbreitet, die ich auf keinen Fall ausschlagen kann, weil sie absolut einzigartig ist und ich eine solche Chance mit Sicherheit nie wieder bekomme.“
Merceile nickte automatisch. Deutlich war zu sehen, dass ihr Verständnis mit der Entwicklung der Ereignisse nicht Schritt hielt, genau wie das von Ovaron.
Perry griff ein. „Ich werde es Ihnen beiden erklären, wenn Sie wiederum meine Einladung zu einem gemütlichen Abend heute in meinem Bungalow annehmen.“
Ovaron entspannte sich. „Danke, Perry. Wir kommen gerne.“ Er sprach damit gleich mit für Merceile, die nur noch zustimmend nicken konnte, obwohl sie sich sicherlich ein wenig überrumpelt vorkam.
Ich nickte Michael zu. „Dann lass uns aufbrechen, ehe dein Vater sich das noch anders überlegt und den Urlaub wieder streicht.“
„Nein, keine Sorge.“ Perry wandte sich uns zu. „Ich beneide dich, Mike. Das hat Atlan bisher noch nicht einmal mir angeboten. Genieße es.“
Michael lächelte ihm freundlich zu. Seine Augen waren wieder nicht daran beteiligt.
Da ist noch mehr als der Zeitsprung an sich“, kommentierte der Extrasinn. Ich nickte unwillkürlich. Es würde sicherlich eine Menge Arbeit auf mich zukommen. Aber dieser junge Höhlenwilde war es mir wert. Genauso wie sein Vater. Anscheinend war da auch noch etwas zwischen den beiden zu kitten, sobald ich denn wusste, was. Mein Verdacht verhärtete sich immer mehr.
„Ich möchte noch kurz meine Sachen packen“, meinte Michael zu mir. „Das kommt alles ein wenig überraschend und ich konnte mich nicht darauf vorbereiten.“
Ich schüttelte den Kopf. „Unnötig. In der Kuppel ist alles, was wir brauchen. Ich nehme auch nichts mit. Habe ich noch nie, wenn ich dort unten war. Rico wird alles für uns vorbereiten.“
Das war die erste Hürde. Mit Sicherheit wollte Michael einen Vorrat der Tabletten einpacken. In seiner Uniform hatte er wohl nur ganz wenige, wenn überhaupt. Sobald die Wirkung nachließ, würde er sich mir gegenüber in irgendeiner Form offenbaren müssen. Wahrscheinlich hatte er überlegt, ob er genug einpacken sollte um damit die Zeit in der Kuppel zu überstehen. Dass er gerade deshalb nicht abgelehnt hatte, wertete ich als ein gutes Zeichen. Ihm musste klar sein, dass meine Einladung nicht einfach so ohne Grund erfolgt war. Dazu kannte er mich zu gut.
„Okay“, stimmte er nach kurzem Überlegen zu. Er zog mich ein wenig zur Seite. „Wir müssen wohl über einiges reden, alter Lehrmeister. Kann ich Dir noch genauso vertrauen wie damals?“
Ich packte ihn hart am Arm. „Wenn du mir nicht vertraust, brauchen wir nicht zu tauchen. Es ist jetzt deine Entscheidung. Ohne Grund lasse ich dich wohl nicht in mein Refugium.“
Das spitzte sich schneller zu als ich befürchtet hatte. Es sprach aber auch dafür, dass Michael sich seiner Situation trotz seiner höchstwahrscheinlichen Abhängigkeit durchaus bewusst war.
„Ja, ich vertraue Dir. Sonst würde ich nicht mitkommen, egal wie neugierig ich auch so auf deine Kuppel bin. Seit Tagen überlege ich schon, ob ich mit Dir reden sollte.“
„Immerhin schon mal was. Die Ohrfeigen, die du damals bekommen hast, sollten Dir noch in guter Erinnerung sein, Junge.“
Bully näherte sich uns, ich winkte ihn zurück. Er begriff sofort.
„Wir können in der Kuppel reden, Mike. Da sind wir ungestört. Und alles, was dort unten geredet wird und was geschieht, geht nur uns beide etwas an, das verspreche ich Dir bei allen Sternengöttern, die mir heilig sind.“
Michael lächelte befreit auf. „Dann lass uns verschwinden, Lehrmeister. Ich freue mich auf deine Kuppel.“
„Es wird für uns beide ein Erlebnis werden“, orakelte ich zweideutig. Er begriff es noch nicht. Anscheinend war ihm noch nicht bewusst, was auf ihn zukommen würde, wenn er wieder er selbst werden wollte. Wenn der Junge sich nicht sehr verändert hatte, würde er den Kampf aufnehmen und gewinnen. Bisher war er nie einem Kampf, egal wie unangenehm es für ihn wurde, ausgewichen.
Wir verabschiedeten uns schnell von allen, Gucky umarmte seinen Freund aus Kindertagen herzlich und kuschelte sich noch einmal kurz an ihn.

**********

Während der Gleiter über die Erdoberfläche dahin raste, rief ich meinen treuen Roboter Rico über Funk an und kündigte unsere Ankunft an. Er teilte mir mit, dass es in der Nähe der Unterseekuppel seit meinem letzten Besuch keine bedeutenden Ereignisse gegeben habe.
Als wir im U-Boot-Hafen der Azoren-Insel Sao Miguel ankamen, lag für uns ein schnelles, modernes U-Boot bereit. Der Hafenkapitän erwartete uns schon, grüßte sehr freundlich und wünschte uns gute Fahrt. Das war alles. Perry hatte gute Vorarbeit geleistet in unserer kurzen Flugzeit.
„Was Hochrangcodes ausmachen.“ Michael konnte sich ein anzügliches Grinsen nicht verkneifen. „Anscheinend hat sich zumindest das nicht geändert.“
Ich lachte ihn an. „Das wird sich auch nie ändern. Es war schon immer so, nicht nur auf der Erde, sondern auch während ich Admiral des Großen Imperiums war.“
Im Moment schien er guter Stimmung zu sein. Die Neugier auf das Abenteuer, das ich ihm bot, schien seine Sorgen zu überdecken. Trotzdem wollte ich nun so schnell wie möglich in die Kuppel, ehe es ihm schlechter ging.
Niemand sprach über unsere eigentlichen Probleme auf der Tauchfahrt zu der in 2.852 Metern Tiefe liegenden Kuppel. Nur das direkt Naheliegende wurde zum Thema unseres Gespräches. Michael schien sich entschlossen zu haben, erst zu reden, sobald wir in der Kuppel waren. Mir war das sehr lieb. Dort hatten wir Ruhe.
Unterwegs fiel ihm auf, dass wir kaum noch private oder militärische U-Boote trafen.
„Sind wir hier völlig abseits der Handelsrouten? Mich wundert auch, dass keine militärischen U-Boote in der Nähe sind.“
„Daran ist dein Vater nicht ganz unbeteiligt. Damals, nachdem wir beide endlich eingesehen hatten, dass es wenig sinnvoll ist, uns gegenseitig umzubringen, erwies er mir einen ersten Freundschaftsdienst. Er sorgte dafür, dass die Kuppel nicht nur unangetastet blieb und in den Akten des Imperiums einfach nicht existierte, sondern auch dafür, dass sowohl die Handelsrouten weit an dem Gebiet vorbeigehen als auch, dass das Militär hier nichts zu suchen hat. Es ist quasi ein weißer Fleck auf der Unterwasserkarte.“
„Ja, Vater hat auch sehr viele guten Seiten“, murmelte er. „Das rechne ich ihm sehr hoch an.“ Natürlich kannte er die Geschichte von Perry und mir, von unserem anfänglichen Hass aufeinander und unseren Versuchen uns gegenseitig umzubringen. Sowohl Perry als auch ich hatten mit ihm darüber gesprochen, auch gemeinsam. Wir waren der Ansicht gewesen, dass Michael und seine Schwester Suzan ein Anrecht darauf hatten, alles darüber zu wissen. Aber wie gut sein Vater meine Kuppel abgesichert hatte, darüber hatten Michael und ich bisher nicht gesprochen.
„Und was passiert, wenn sich jemand rein zufällig in diese Gegend verirrt? Sicherlich werden deine Roboter nicht auf Menschen schießen.“
„Natürlich nicht. Warte es ab, du wirst es merken.“
Michael sagte nichts mehr, bis er es spürte. „Oh“, machte er dann nur. Als Mentalstabilsierter konnte er die Impulse des großen Psychostrahlers meiner Kuppel wahrnehmen ohne ihnen folgen zu müssen. Der Befehl an zufällig in die Nähe Gekom­mene lautete, sich sofort zu entfernen und zu vergessen, wo sie gewesen waren. Eine recht einfache Lösung, die bisher immer funktioniert hatte.
„Aber wo ist die Kuppel nun?“ Sie war immer noch nicht zu sehen. „Wir müssten doch schon fast über sie ‚fallen’.“
Ich antwortete nicht, sondern rief stattdessen Rico an und befahl ihm, den Deflektor­schirm und den Ortungsschutz kurzfristig abzuschalten, bis wir eingeschleust hatten.
Rico bestätigte mit einem klaren „Ja, Gebieter“ und unvermittelt tauchte die Kuppel auf der optischen Normalortung auf.
„Wahnsinn“, brachte Michael nur hervor. Er war fasziniert. Obwohl er natürlich Bilder der Kuppel gesehen hatte, war die Realität etwas ganz anderes.
Wir ließen uns von Rico per Traktorstrahl einholen, nachdem ich die Maschinen des Bootes abgeschaltet hatte.
Dann suchte ich den Blick von Michael. „Das, was du von jetzt an zu sehen bekommst, hat vor Dir noch kein Terraner zu sehen bekommen, seitdem das Solare Imperium existiert. du wirst den Eindruck haben, dass wir in eine andere Kultur eintauchen. Hier gelten die Umgangsformen des Großen Imperiums von vor 10.000 Jahren. Es ist für mich ein Stück Heimat und Erinnerung, deshalb habe ich hier nie etwas geändert. Bitte wundere dich deshalb über nichts.“
Michael nickte plötzlich sehr ernst. Seine nachtblauen Augen waren in diesem Augenblick klar und nicht verschleiert wie öfter in der letzten Zeit.
„Lehrmeister, ehe wir aussteigen, möchte ich Dir danken, dass du mich hierher mit­genommen hast. Ich werde dein Vertrauen nicht missbrauchen.“
„Das weiß ich, Michael.“
Er schluckte ein paar Mal hart, ehe er fortfuhr. „Ich brauche deine Hilfe“, sagte er dann einfach.
„Das dachte ich mir. Wir sind Schicksalsgenossen. Auch ich habe Jahrhunderte übersprungen und bin in eine andere Zeit und zu anderen Menschen versetzt worden, und das sehr oft. Das hier ist der Ort, wo ich alles bewältigt habe, bewältigen musste, um nicht wahnsinnig zu werden. Deshalb sind wir zusammen hier. du hast den Vorteil, dass du viele Menschen, die du vorher kanntest, wieder treffen konntest, aber du konntest dich nicht darauf vorbereiten. Ich hingegen konnte mich darauf vorbereiten, aber ich wusste vorher, dass ich nach der Tiefschlafphase niemanden mehr treffen würde, den ich vorher kannte. du wirst dein Schicksal genau wie ich annehmen. Meine Hilfe bekommst du, wann immer du sie brauchst.“
Bei den Worten wurde mir warm ums Herz. Wieder einmal spürte ich, dass ich diesen jungen Höhlenwilden liebte, als ob er mein eigener Sohn wäre. Es war ein sehr guter Anfang, dass er selbst einsah, dass er Hilfe brauchte und sie auch erbat.
„Danke, Atlan“, sagte der junge Mann schlicht.

**********

Rico begrüßte uns freundlich. Michael freute sich, endlich meinen treuesten Gefährten aus tausenden von Jahren, auch wenn es „nur“ ein Roboter war, kennen zu lernen. Für mich war Rico mehr als ein Roboter, er war mein Freund geworden. Dass er ein Roboter war, hatte ich schon vergessen. Michael wusste davon, weil ich es ihm bereits mehrfach erzählt hatte – damals, als er noch ein Jugendlicher war und zu Hause lebte.
Da ich Rico schon vorab instruiert hatte, bevor ich Michael einlud, waren sowohl mein Wohnbereich, den ich immer benutzte, wenn ich in der Kuppel war als auch für ihn eine sehr schöne, luxuriös eingerichtete Zimmerflucht hergerichtet.
Als Rico ihn mit einem „Bitte, Erhabener“ einwies, riss er die Augen auf. Damit hatte er sicherlich nicht gerechnet. Ich lächelte innerlich, ohne es nach außen zu zeigen. In der Beziehung unterschied er sich deutlich von seinem Vater, genau wie ich. Er konnte bei Einsätzen Nächte und auch Wochen, wenn es sein musste, auf dem Boden schlafen, mit sehr wenig auskommen, hart zu sich selbst sein, sich keine Schwäche zubilligen – aber im Privaten wusste er einen gewissen Luxus ebenso wie ich zu schätzen. Perry lebte dagegen sehr genügsam, gönnte sich auch im Privaten kaum mal richtig etwas. Ich hielt das für falsch, denn jedes Lebewesen braucht Entspannung und die Möglichkeit, aufzu­tanken. In fast eineinhalb Jahrtausenden mit Perry zusammen hatte keiner von uns beiden etwas an seiner Einstellung geändert.
Bei solchen Gelegenheiten war mir auch schon damals vor Michaels Zeitsprung immer deutlicher geworden, dass die Lebensauffassung des jungen Mannes ähnlicher meiner war als die des Vaters.
Kein Wunder, so intensiv wie du ihn ausgebildet hast“, kommentierte der Logiksektor. Ich erwiderte nichts darauf, weil es darauf nichts zu sagen gab.
Rico hatte für alles gesorgt. Für uns lagen Kleidung zum Wechseln, Unterwäsche und die notwendigen Kosmetikutensilien bereit.
Michael entlockte das ein Grinsen. „An alles gedacht, Lehrmeister, nicht wahr?“
„Rico ist eben perfekt.“
Der Roboter legte sein Plastikgesicht in verbindliche Falten. „Danke, Gebieter.“
Nachdem wir uns eingerichtet hatten, genossen wir in meinem Wohnraum das hervorragende Abendessen, das die Küchenroboter für uns gerichtet hatten. Es gab medium gebratene Steaks mit grünen Bohnen und exzellenten Kroketten. Dazu tranken wir einen ganz hervorragenden Rotwein.
Verstohlen beobachtete ich ihn. Da er keinen Zellaktivator trug, würde der schwere Rotwein bei ihm eine gewisse Wirkung nicht verfehlen. Ich verrechnete mich, wie mein Logiksektor mir ironisch mitteilte.
Narr, erinnere dich, schon damals machte Michael sich nicht viel aus Alkohol.“
Er trank ganz gemütlich ein Glas, danach begnügte er sich mit Selterwasser.
Ich überlegte. Dabei ging ich davon aus, dass er entweder gar keine oder zumindest nicht sehr viele Tabletten von dem Teufelszeug bei sich hatte. Also würde er früher oder später die Zeichen seiner Abhängigkeit nicht mehr verbergen können.
Im Prinzip hatten wir Zeit, auch wenn wir etwas länger hier unten blieben als vorgesehen, Perry wusste, wo wir waren und würde sich keine Sorgen um uns machen. Außerdem ging es darum, dass Michael aufgerüttelt wurde, ehe er ganz in das Loch hineinrutschte, an dessen Rand er schon stand.
Die Vorbereitungen für die geplante Expedition nach Gruelfin wurden von unseren Experten auf knapp drei Jahre veranschlagt. Im Extremfall wurde Michael, der auf jeden Fall in führender Position mitfliegen sollte und auch wollte, bis kurz vorher auf der Erde und im Solaren Imperium nicht gebraucht. In meinen Gedanken verdichtete sich nämlich immer mehr die Idee an eine Aufgabe, die Michael bis dahin übernehmen konnte. Wenn ich ihn nicht ganz falsch einschätzte, würde sie ihm Freude bereiten, ihm helfen, sein Zeit-Trauma zu bewältigen und ihn außerdem für eine Weile aus dem Bannkreis seines als „übermächtig“ wahrgenommenen Vaters bringen.
Dass Michael mich um Hilfe gebeten hatte, war schon ein erster positiver Schritt. Der zweite musste sein, ihn in eine Situation zu bringen, in der seine Beherrschung zusammenbrach, in der er offenbarte, was außer dem Zeitsprung an sich ihn traumati­sierte.
Für Michael würde dieser Zusammenbruch sehr hart werden, aber ohne diesen wirklich zu durchleben, würde er innerlich nicht den Willen aufbauen können, den Entzug von diesem Teufelszeug, das natürlich wieder mal die Aras entwickelt hatten, durchzustehen.
Da ich ihn nicht länger als nötig quälen, sondern die Sache in Angriff nehmen wollte, um sie zu einem positiven Ende zu bringen, wollte ich keine Zeit verlieren.
Auf der anderen Seite war es falsch, ihn zum Reden zu drängen. Es musste von ihm selbst kommen.
Die nötigen Schlüsselreize erhoffte ich mir von meinem Museum. Da ich bisher nur ahnte, was ihn besonders bedrückte, versprach ich mir davon sehr viel. Ich selbst war bisher in meinem Museum nie dem Zwang zum Erzählen verfallen, als ob mein Extrasinn da einen Block vorlegte. Hoffentlich blieb das jetzt auch so. Denn eine Erzählung aus meiner Vergangenheit wäre zwar für Michael sehr interessant gewesen, hätte aber im Moment keinen Sinn.
Versuche ihn zu überzeugen, jetzt gleich mit Dir ins Museum zu gehen. Im Moment ist er entspannt und müde.“ Ich stimmte dem Logiksektor vorbehaltlos zu.
Ich räkelte mich gemütlich auf meinem Stuhl. „Was hältst du von einem Besuch in meinem ganz privaten Museum, Michael?“
Mit Absicht nannte ich ihn Michael, nicht Roi. Durch die Blume machte ich ihm damit schon klar, dass es ein „Wegrennen“ nicht gab. Er äußerte sich nicht dazu, sondern akzeptierte es.
„Da, wo du deine Erinnerungen aufbewahrst? Originalstücke aus deiner langen Wande­rung durch die Zeit?“
Erzählt hatte ich ihm schon öfter davon – damals, vor über tausend Jahren.
„Atlan, es ist dein Heiligtum, so wie du es mir immer wieder erzählt hast. Das willst du mir zeigen?“ Er konnte es nicht glauben. Sein Gesicht drückte seine Gefühle sehr deutlich aus.
Leicht hob ich die Schultern. „Da ich dich überhaupt hierhin mitgenommen habe, gehört auch das dazu. Sonst hätte ich dich gar nicht erst hierher bringen brauchen.“
Michaels Gesicht drückte seine Neugier mehr als deutlich aus. Er erhob sich sofort, streckte sich und meinte: „Erst ein vorzügliches Essen, dann eine Reise durch die Jahr­hunderte. Das ist einfach phänomenal.“
Rico war auch schon wieder da. „Soll ich etwas für Euch vorbereiten später, Gebieter?“
„Nein, Rico. Wir werden dann sehen, was wir brauchen.“
Michael bemerkte nicht die Zweideutigkeit meiner Antwort. Dass die Maschinen des medizinischen Sektors meiner Kuppel zusammen mit Rico sofort alle erforderlichen Maßnahmen einleiten konnten, wusste nur ich. Mein Logiksektor hüllte sich ebenfalls in Schweigen. Vielleicht war ich, waren Michael und ich schon in kurzer Zeit „schlauer“. Oder es würde viel länger dauern. Alles hing davon ab, wie hoch die Konzentration des Teufelszeugs in seinem Körper schon war.

**********

Michael kam aus dem Staunen nicht heraus, von dem Augenblick an, wo wir durch die rot gestrichene Stahltür zu meinem privaten Museum traten. Hier hob ich alles auf, was ich von meinen „Ausflügen“ zur Erdoberfläche mitgebracht hatte und was mir ein Aufheben und gelegentliches Erinnern daran wert war. Viele Dinge erinnerten mich dabei auch an schwere Erlebnisse, Enttäuschungen, von denen einige mich damals fast den Verstand gekostet hätten. Wahrscheinlich verstand ich Michael gerade deshalb so gut. Perry hatte ähnliche Erlebnisse so nie gehabt. Zwar hatte er sehr viel erlebt, was seinen Verstand entsprechend beansprucht hatte, aber hier konnte er nicht „mitreden“. Es gelang ihm nicht, die Probleme seines Sohnes gerade jetzt entsprechend zu würdigen. Er war der Meinung, dass Michael sich doch nur freuen könne, wieder bei uns und nicht im Enemy-System gefallen zu sein.
Ich hätte natürlich die Gegenstände nicht aufzuheben brauchen, die mich an Misserfolge erinnerten, aber es wäre ein Ausweichen gewesen. Das gehörte genauso zu meiner Vergangenheit, mit der ich leben musste wie die schönen Dinge. Unter den Menschen hatte ich ebenso sehr gute Freunde gefunden wie auch unversöhnliche Feinde.
Michael kannte genau wie sein Vater große Teile meiner Vergangenheit, allerdings gab es viele Dinge, die ich auch ihnen nicht offenbart hatte. Zudem hatten sie noch nie die Original-Zeugen aus diesen Zeiten gesehen.
„Es sieht alles nicht ganz so aus, wie es immer wieder in Filmen gezeigt wird“, meinte er.
Ich lachte. „Deshalb ist es für mich immer wieder amüsant, manche Terra-Filme anzu­schauen.“
„du hättest sehr viele Geschichtsirrtümer aufklären können?“
„Warum sollte ich! Dann wäre auch offenbar geworden, dass ich mehr in die Geschichte der Erde eingegriffen habe als es vielen lieb sein könnte.“
Ich suchte seine Augen, seine einzigartigen nachtblauen Augen, die ich noch bei keinem anderen Intelligenzwesen gesehen hatte und die gerade jetzt einen deutlichen Schimmer der Traurigkeit zeigten.
„Hättest du es an meiner Stelle getan?“
Er überlegte einen Moment. „Nein, Lehrmeister. Ich hätte genau wie du entschieden. Wenn ich diesen Faden einmal weiter verfolge, könnte es heißen, dass die Menschheit es einzig und allein Dir verdankt, dass mein Vater zum richtigen Zeitpunkt den notgelandeten Arkonidenkreuzer auf dem Mond entdeckte. Denn wenn du die Menschen nicht über Jahrtausende geschult hättest – und sicherlich manchmal auch intensiver eingegriffen, dann hätten sie erst viel später den Griff zu den Sternen gewagt. – Diese Erkenntnis könnte einige Menschen erschüttern.“
„Möglich.“ Der Junge konnte denken, das zum Glück immer noch. Es gab mir neue Hoffnung, dass mein Vorhaben gelingen möge.
Wir gingen langsam weiter. Ich überließ es Michael, den Weg zu bestimmen und folgte ihm leise. Genauso sprach ich ihn nicht an, sondern antwortete nur, wenn er etwas wissen wollte oder etwas anmerkte. Meine gewollte Unordnung, auch zwischen Epochen, die Jahrhunderte auseinander lagen, schien ihn zu faszinieren. Genau wie für mich selbst war jedes Stück eine neue Überraschung. Deshalb hatte ich mich schon bei den ersten Stücken, die ich hier aufhob, gegen eine Ordnung entschieden.
Er wird immer nachdenklicher“, kommentierte mein Extrasinn.
„Gehört das zu Siegfried von Xanten, zur Nibelungensage?“ Er wog einen Schild in der Hand.
„Ja.“
„Vermute ich richtig, dass das, was uns in der Nibelungensage überliefert wurde, nicht ganz stimmt?“
„Nicht viel davon. Das siehst du schon daran, dass nicht Siegfried, sondern Hagen von Tronje mein Freund war. Nicht Siegfried, wie es in der Sage heißt, sondern ich habe König Gunter im Schutze eines Deflektorschirms geholfen, Brunhild zu besiegen. Damals versprach ich mir positive Impulse von einer Vermischung des Alten Glaubens mit dem Christentum. Es klappte leider nicht.“
Er fragte nicht weiter. Sicherlich überlegte er, ob ich etwa Hagen geholfen hätte, Siegfried zu töten. Es gab Dinge, die auch er nicht wissen musste. Eine Erklärung gerade über diesen Punkt wäre eine längere Erzählung von mir gewesen – und die wollte ich im Moment absolut nicht. Der Fall damals lag sehr kompliziert. Auf jeden Fall war Siegfried nicht der strahlende Held gewesen, als der er in der Nibelungensage überliefert worden war.
Einige Schritte weiter hing an einem Ständer die Rüstung eines hunnischen Reiters. Michael erkannte das Exponat sofort.
„Die Hunnen“, überlegte er. „Haben sie wirklich so grausam gewütet?“
Bitter lachte ich auf. „Noch grausamer. In diesem Punkt war die Geschichtsschreibung sogar sehr human. Vielleicht deshalb, weil ich damals die Rolle eines Doppelagenten hatte. Auf der einen Seite ritt ich mit Attila, auf der anderen Seite warnte ich die Dörfer, die auf seinem Weg lagen. Deshalb fand er viele Ansiedlungen schon geräumt vor, als wir mit dem Heer dort waren, aber eben nicht alle. Einige wollten nicht auf mich hören. Es waren mit die schlimmsten Grausamkeiten, die ich in meinem Leben gesehen habe. Viel konnte ich verhindern, aber eben nicht alles. Wenn Menschen im Blutrausch zu rasenden Bestien werden, ist nicht mehr viel zu retten.“
Sein Interesse war geweckt. „Attila starb nicht in der Schlacht, sondern wie überliefert wurde, an einem Blutsturz.“
„Er war schwer krank. Eine Lungenkrankheit.“
Michael überlegte. Deutlich sah ich, wie er sich die Worte zurecht legte.
„Hast du irgend etwas mit Attilas Tod zu tun?“
Ich zögerte keinen Moment. Entweder er konnte die Eröffnung vertragen und verstehen, oder …
„Ja, ich habe Attila getötet.“
„Warum?“
„Eigentlich hatte ich damals warten wollen, bis seine Lungenkrankheit ihn von selbst um­bringt. Aber es wurde immer schlimmer. Die Hunnen wüteten in den eroberten Gebieten bestialisch. Sie waren in ihrem Blutrausch nicht mehr zu lenken. Jedes längere Zögern hätte zu viele Menschenleben gefordert.“
Er nickte.
„Verachtest du deinen alten Lehrmeister jetzt?“
„Nein.“ Er sah mich fest an. „Im Gegenteil. Ich halte deine Entscheidung für richtig. Es ging um Menschenleben, viele Leben, und den Fortbestand der Zivilisation an sich.“
Michael und ich verstanden uns. Das war wieder ein Punkt, den ich seinem Vater nicht hätte verdeutlichen können. Da wäre Perrys meiner Meinung nach übermäßige Humanität zum Tragen gekommen. Er hätte nach anderen Lösungen gesucht, die es während der damaligen Verhältnisse nicht gab. Es war die einzig mögliche Lösung gewesen. Manchmal musste man solche Entscheidungen treffen, um Menschen zu retten. Das hatte ich schon während meiner Ausbildung auf der Flottenakademie des Großen Imperiums gelernt.
„Hast du das auch meinem Vater gesagt?“
„Nein.“
„Er hätte es auch nicht verstanden, vermute ich.“
Damit drehte er sich um und ging weiter.
Bei einem Navy-Colt blieb er stehen.
„Das ist der Colt, mit dem ich den Mörder von Abraham Lincoln niedergeschlagen habe“, erklärte ich. „Leider eine Sekunde zu spät. Der Präsident war schon tot.“
„Vielleicht wäre einiges in Amerika anders gelaufen, wenn du rechtzeitig gekommen wärest.“
„Mit Sicherheit. Aber es war Schicksal.“
Schweigend gingen wir weiter. Er schien in Gedanken versunken, wahrscheinlich durch die Erinnerung an seinen Vater. Meine Vermutung wurde immer mehr zur Gewissheit. Da war etwas, was sehr tief ging. Ich musste es herausfinden, ehe ich ihm wirklich helfen konnte.
Vor einem zierlichen Kettenhandschuh blieb er stehen und hob ihn auf, wog ihn in der Hand.
„Der sieht aus, als ob ein sehr kleiner Mann oder eine Frau ihn getragen hat.“
„Eine Frau“, antwortete ich. „Er gehörte Jeanne d’Arc. Sie stürmte an meiner Seite die Festung Orleans.“
„Dann hast du den Sieg und die Wende des Krieges herbeigeführt?“
„Genau. Das Land war ausgeplündert, die Menschen hungerten, es ging nur zurück anstatt vorwärts. Jeanne war ein Symbol für die Franzosen, dem sie folgen konnten. Sie begeisterte die Menschen.“
„War sie wirklich ein Mensch oder eine Außerirdische, die genau wie du hier gestrandet war?“
Ich zog eine Grimasse. „Sie war wirklich ein Mensch. Allerdings eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Deshalb sah die zu dieser Zeit überaus mächtige Kirche sie als Hexe an.“
Er schluckte ein paar Mal, ehe er fragte: „Du konntest oder wolltest sie nicht retten?“ Seine Augen begannen zu flackern. Tat sich etwas in seinem Inneren? War die soge­nannte Jungfrau von Orleans der Schlüsselreiz, auf den ich wartete? Aber wieso? Noch konnte ich es nicht einordnen. Auch mein Logiksektor schwieg.
Deshalb antwortete ich ganz vorsichtig: „Ich konnte sie nicht retten. Wenn ich es gekonnt hätte, dann hätte ich es getan. Aber zu der Zeit war ich schon nicht mehr in Frankreich, sondern in Deutschland. Es war die Zeit, wo sich vieles gleichzeitig tat und entwickelte. Nicht mehr so wie Jahrtausende vorher, wo ich mir einen Punkt des Planeten aussuchen konnte, eingriff und wieder hierher verschwand.“
Er wurde immer unruhiger, immer nervöser.
Langsam und betont fuhr ich fort: „Als ich über meine Spionsonden erfuhr, dass sie ge­fangen war, war es schon zu spät. Auch mir mit meinen Hilfsmitteln wäre es nicht ge­lungen, in ihr Gefängnis einzudringen und sie zu befreien. Ich hatte es nicht nur mit der weltlichen Macht zu tun, sondern mit religiösen Fanatikern, was viel schlimmer war. Sie waren nicht mehr bereit, zu denken.“
Michael schien es rapide schlechter zu gehen. Warum war Jeanne wirklich der Schlüsselreiz gewesen?
Aufmerksam beobachtete ich ihn, sagte aber nichts. Ich tat so, als ob mir sein Zustand nicht auffiele. Es tat weh, nagte an mir, aber er musste von selbst aus sich heraus kommen.
Zusätzlich nagte der Schmerz von damals auch wieder an mir. Solche Erlebnisse konnte ich nicht vergessen, nicht nur weil mein fotografisches Gedächtnis das nicht zuließ. Wieder meinte ich meine ohnmächtige Wut und Hilflosigkeit aus der weit vergangenen Zeit zu empfinden.
„Nicht nur religiöse Fanatiker zerfleischen Menschen, auch politische. Fanatismus führt immer zu solchen Reaktionen“, fuhr Michael fort, als zitiere er aus einem Lehrbuch. Seine Stimme hörte sich an, als ob seine Gedanken ganz weit weg waren. „Du hast dich sicherlich hilflos und wütend gefühlt.“
Ich antwortete noch immer nicht.
„Wenn dann noch Menschen, die man über alles liebt die Opfer sind, fällt es wohl noch schwerer es zu verkraften.“ Er schluckte. In seine Augen traten Tränen. Er konnte sie nicht zurückhalten und versuchte es auch gar nicht. Er wusste, dass er sich vor mir, seinem Lehrmeister, nicht zu verstellen brauchte.
Der Impuls des Logiksektors kam gleichzeitig mit der Erkenntnis meines normalen Ver­standes. „Der Panither-Aufstand! Seine Mutter und Schwester, die auf Plophos ermordet wurden!“
Ganz langsam und überaus betont sagte ich zu Michael: „Ich musste damals über meine Spionsonden zuschauen, wie Jeanne verbrannt wurde. Ich sah ihren halb verbrannten Körper am Pfahl hängen, als der Henker das brennende Stroh teilte, um die Blutgier der Menschen zu befriedigen. Sie waren außer Rand und Band, Wahnsinnige!“ Den Panither-Aufstand erwähnte ich mit keinem Wort.
Das reichte. Er schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte: „Wie wohl genau so die Panither auf Phlophos.“ Er zitterte am ganzen Körper. Der erste Schritt war getan. Michael hatte von selbst gesagt, was ihn so bedrückte.
Ich legte ihm den Arm um die Schultern und sagte leise: „Komm mit.“ Mehr nicht. Sanft schob ich ihn vor mir her durch die rot gestrichene Tür und dann in den Antigravschacht. Willenlos ließ er alles mit sich geschehen.
Als wir im Ruheraum meiner persönlichen Zimmerflucht ankamen, wartete Rico dort schon auf uns. Er hatte sich gemäß der ihm bekannten Bedingungen bereitgehalten. Zusammen schoben wir Michael auf einen bequemen Ruhesessel. Er sah durch uns hindurch, schien uns nicht mehr wahrzunehmen. An seiner Halsschlagader fühlte ich sein rasendes Herz.
Rico injizierte ihm ein kreislaufstabilisierendes und gleichzeitig entspannendes Medi­kament. Zusätzlich legte ich ihm vorübergehend meinen Zellaktivator um. Immer wieder während der Jahrtausende hatte ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die ich schätzte und liebte, durch die Kräfte des Aktivators unterstützt wurden. Als ob ES, das Fiktivwesen von Wanderer meiner Menschenkenntnis vertraute und mich unterstützen wollte.
Michael fiel in einen unruhigen Schlaf. Während ich ihn beobachtete, dachte ich nach. Der Panither-Aufstand – es war damals gewesen, als uns Jahrhunderte nach dem teuer erkauften Sieg über die Zeitpolizei das Imperium unter den Händen auseinanderbrach.
Mory Rhodan-Abro, Michaels Mutter, die Frau meines besten Freundes hatte ihre Treue zu ihrem Mann und zum Imperium mit ihrem Leben bezahlt, genau so wie ihre Tochter Suzan, Michaels geliebte Zwillingsschwester, die er „Krausnase“ nannte. Die Panither, eine Widerstandsbewegung auf Phlophos verlangte von Mory, dem regierenden Obmann der Kolonie, sich vom Imperium loszusagen und eigene selbständige Wege zu gehen. Mory lehnte die Forderung ab. Der Aufstand war damals vorauszusehen gewesen. Zum Schutz von Mory und Suzan wäre dringend der Einsatz von Mutanten nötig gewesen. Da aber der größte Teil des Geheimen Mutantenkorps bei der Second-Genesis-Krise umge­kommen war, war damals nur Gucky verfügbar. Er allein hatte trotz aller Bemühungen nicht mehr rechtzeitig eingreifen können. Auch ein Allround-Mutant wie der Mausbiber konnte alleine nicht Millionen Menschen in Schach halten. Er musste genau wie ich damals bei Jeanne d’Arc zuschauen, wie die Massen außer Kontrolle gerieten und Amok liefen.
Sehr gut konnte ich mich noch daran erinnern, wie der Mausbiber damals zurück kam und uns die Nachricht vom Tode der beiden Frauen brachte. Er wäre fast daran zer­brochen. Genau so wie Perry. Er gab sich heute noch die Schuld an ihrem Tod, weil er nicht auf mich gehört hatte. Ich hatte ihm schon lange vorher den Rat gegeben, den Aufstand mit Waffengewalt nach alter arkonidischer Methode niederzuschlagen. Hatte Perry seinem Sohn eingestanden, dass er – wieder einmal – den humanen Weg wählen wollte? Das war ein Punkt, in dem Perry und ich wohl niemals auf einen Nenner kommen würden. Mich konnte man gerne als „extrem hart aber fair“ bezeichnen, er dagegen war ein kompromissloser Verfechter seiner meiner Ansicht nach viel zu humanen Einstellung. Sternenreiche ließen sich nun mal nicht nur mit Güte führen. Er würde das wohl niemals lernen.
Innerlich wappnete ich mich für die Fragen, die Michael nach seinem Aufwachen mit Sicherheit stellen würde. Natürlich musste er die Wahrheit erfahren, aber es kam darauf an, sie ihm mit der richtigen Wertung der damaligen Geschehnisse zu verdeutlichen.
Als er sich leicht rührte, saß ich schon neben ihm. Seine Augen öffneten sich und such­ten meinen Blick.
„Danke, Atlan“, sagte er leise. Er überlegte einen Moment, dann fuhr er fort: „Es muss wohl beim Panither-Aufstand genau so gewesen sein wie damals bei Jeanne.“
Er räusperte sich, dann schrie er: „Verdammt noch mal, wieso hat Vater damals Mutter und Krausnase nicht besser geschützt? Ihr habt den Aufstand doch vorhergesehen? Warum war nur Gucky dort? Wie sollte der Kleine das schaffen, zumal er Mums und Krausnases Gedanken nicht mehr lesen konnte. Sie waren doch zu der Zeit endlich genauso mentalstabilisiert wie ich. Es muss für den Mausbiber grausam gewesen sein.“
„Er ist fast daran zerbrochen. Noch nie vorher und auch danach habe ich ihn so ge­sehen. Wir dachten, er folgt den beiden nach, so verzweifelt war er.“
„Hast du denn Vater nicht geraten, schon vorher härter durchzugreifen?“
Das war sie, die Frage, die ich erwartet und befürchtet hatte.
„Niemand konnte dem Ganzen damals noch Einhalt gebieten“, antwortete ich aus­weichend.
Seine Augen waren jetzt ganz klar und ließen mich nicht los.
„Okay, Admiral“, meinte er dann leise. Ich merkte auf, als er mich mit meinem alten Titel ansprach. „Mehr brauchst du nicht mehr sagen. Ich kenne dich zu gut und auch meinen Vater zu gut. du hast ihm – wie so oft – zu mehr Härte geraten und er hat es – wie auch so oft – abgelehnt. Meine Mutter und meine Schwester sind ein Opfer seiner übermäßigen Humanität geworden.“
„Michael“, ich legte ihm die Hand auf den Arm, „bitte höre mir jetzt ganz genau zu. dein Vater leidet heute noch unter diesem Fehler und macht sich Vorwürfe. Das kannst du mir glauben. Er hält sich für verantwortlich für den Tod seiner Frau und seiner Tochter, deiner Mutter und deiner Schwester.“
Der junge Mann atmete ein paar Mal tief ein und aus. „Das kann ich mir gut vorstellen“, presste er dann hervor. „Das weiß ich sogar ganz genau. Wenn ich das nicht wüsste, würde ich ihn jetzt hassen.“
Er barg das Gesicht in den Händen, seine Schultern zuckten. Ich drängte ihn nicht. Es konnte nicht mehr lange dauern und er würde mit allem herauskommen, was ihn wirklich bedrückte.
Als er das Gesicht wieder hob, hatte er eine Entscheidung getroffen.
„Atlan, es ist Dir doch sicherlich möglich, auch von hier aus eine Aufzeichnung der Beisetzungsfeierlichkeiten von damals abzurufen?“
Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Natürlich. Mit meinen Überrangcodes geht so ziemlich alles. Aber warum?“
„Ich will es sehen, zusammen mit Dir ansehen. Vater hat es mir angeboten, als er es mir sagen musste. Mit ihm zusammen wollte ich es nicht, warum weiß ich auch nicht so richtig.“
Aber ich ahnte es. Einen Moment überlegte ich, ob ich es mir selbst antun wollte, das noch einmal anzuschauen. Andererseits waren die Bilder in meinem fotografischen Ge­dächtnis ohnehin unlöschbar verankert.
Während Michael in sich zusammen gesunken auf dem Ruhesessel kauerte und an einem Glas Fruchtsaft, das Rico ihm serviert hatte, nippte wählte ich mich in die Archive des Imperiums ein. Es dauerte nur ein paar Minuten, um die gewünschte Aufzeichnung auf dem Bildschirm zu haben.
Leicht tippte ich Michaels Schulter an, dann setzte ich mich wieder neben ihn und wappnete mich für das, was mit Sicherheit kommen würde, kommen musste.
Zusammen starrten wir beide stumm auf den Bildschirm, auf dem eines der traurigsten Geschehnisse meines langen Lebens und der brutale Schock für Michael ablief.
Wir sahen wortlos zu, wie die beiden Särge auf Antigravpolstern aus dem Laderaum des Kreuzers der Solaren Flotte schwebten, sahen die angetretene Ehrenwache für ein ermor­detes Staatsoberhaupt, hörten den Salut von 21 Schüssen.
Als Michael seinen Vater sah, grau, versteinert, plötzlich uralt wirkend, wie er mecha­nisch wie eine aufgezogene Glieder-Puppe salutierte, Gucky, der sich an ihn klammerte, das Gesichtsfell durchweicht von Tränen, Bully mit aschfahlem Gesicht, an seinem Arm Geoffry Waringer, der Ehemann Suzans, der kaum noch allein stehen konnte, ich selbst mit versteinertem, unnahbarem Gesicht, in den Augen die Tränen, die anderen Mitglieder der Regierung versteinert, wie Marionetten wirkend, bat Michael nur leise: „Bitte blende noch einmal das Standbild ein, als Vater salutiert – und hole das Gesicht ganz nahe heran.“
Wortlos befolgte ich seine Bitte. In der Nahaufnahme war Perry der Schmerz, seine Ver­zweiflung sehr deutlich anzusehen. In meiner Kehle würgte es genau wie damals. Ich glaubte wieder direkt dabei zu sein.
Damals hatten wir alle uns ernsthafte Sorgen um Perrys geistige Gesundheit gemacht. Zuerst hatte es so ausgesehen, als ob er diesen Schock nicht mehr verkraften würde. Aber seine grundlegende psychische Stabilität und die übliche Härte gegen sich selbst hatten ihn vor dem Wahnsinn gerettet.
Als Michael nichts mehr sagte, nur auf den Bildschirm starrte, ließ ich die Aufzeichnung weiter laufen.
In dem Augenblick, als der Film zeigte, wie die beiden Särge in die ausgehobenen Gräber gesenkt wurden, war es um Michaels Beherrschung geschehen. Er konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, genau so wenig wie ich. Wir nahmen uns in die Arme, vereint in unserem Schmerz. Michael schluchzte. Ich strich über seinen Rücken und ließ ihn gewähren.
Sehr gut“, kommentierte der Logiksektor. „Es hilft ihm, aus sich herauszukommen.“
Das, was er sich mit seinem Vater zusammen nicht getraut hatte, im Schmerz vereint, den Schmerz zusammen zu ertragen, das machte er mit mir.
Unvermittelt hob er den Kopf. Er schämte sich nicht der Tränen.
„Atlan, ich habe dich schon um Hilfe gebeten. Aber du musst alles wissen.“
„Dieses Vertrauen ist die Grundvoraussetzung.“
Nicht ein einziges Mal unterbrach ich ihn, hörte nur stumm zu. Rico stand regungslos neben uns.
„Wie es ist, nach einem Zeitsprung festzustellen, dass alle Bekannten und alle Freunde tot sind, brauche ich Dir nicht zu erzählen. Ich kam also hier an, fast tausend Jahre später, wurde im absoluten Schnellverfahren per Hypnoschulung mit allen nötigen Informationen versorgt, ich bekam Wohnung und Haus, mein Vermögen wurde mir zurück über­schrieben, alles bestens in materieller Hinsicht. Aber weil Vater gebraucht wurde, hatte er keine Zeit für ein paar aufklärende Gespräche mit seinem wieder aufgetauchten Sohn. Mehr noch – er war wie immer eisern beherrscht. Ich merkte zwar, dass er sich freute, dass ich doch noch lebe, aber ich hätte von mir aus mehr Gefühle erwartet. Warum, verdammt noch mal, muss dieser Mann sich immer so beherrschen? Warum zeigt er seine Gefühle nicht auch einmal? Merkt er eigentlich, wie er mit dieser Selbstbeherrschung eine Mauer um sich herum aufbaut und wie sehr er mich damit erdrückt? Manchmal habe ich das Gefühl, neben ihm keine Luft mehr zu bekommen!
Alle meine Bekannten tot – und auch meine Mutter, die Zellaktivatorträgerin war und meine Schwester. Das Imperium war auseinander gefallen seit damals nach dem Kampf gegen die Zeitpolizei, aber er war immer noch Großadministrator, trotz aller Wirren regierte er immer noch.“
Er unterbrach sich kurz, stand auf und ging einige Schritte auf und ab, ehe er sich wieder hinsetzte.
„Ich hasse ihn nicht, im Gegenteil. Ich liebe ihn immer noch als Vater, würde genau wie damals weiterhin mein Leben für ihn und das Imperium opfern, aber er erdrückt mich ganz einfach! Deshalb habe ich eine Lösung für mich gesucht, um damit fertig zu werden.“
Seine Stimme klang jetzt sehr heiser. „Ich habe Vergessen gesucht und mir ent­sprechende Medikamente und Drogen besorgt. Leider habe ich die Gefährlichkeit von dem Zeug unterschätzt. Als ich merkte, dass ich mich daran gewöhnt hatte, war es schon zu spät. Natürlich habe ich versucht, davon loszukommen, aber sobald der Spiegel im Blut zu gering wird, fängt die Hölle an. Das schaffe ich nicht. Früher vielleicht, bevor ich nun hier gelandet bin. Aber jetzt und heute ist es mir zuviel, Lehrmeister. Die Kraft habe ich nicht mehr. Ich habe ganz einfach nackte Angst vor dem Entzug. Deshalb brauche ich deine Hilfe. Ich will nicht als Drogenwrack enden. Bisher weiß ich zwar noch nicht, was ich überhaupt hier anfangen soll, aber ich werde etwas Sinnvolles für mich finden.“
Jetzt war es heraus. Ich hatte ihn da, wo ich ihn haben wollte.
„Wann hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?“, fuhr er fort. „Denn ich nehme an, dass du einen Zweck damit verfolgt hast, mich hierher mitzunehmen. Atlan macht nichts ohne Grund.“ Sein versuchtes Lächeln entglitt zur Grimasse.
„du solltest bedenken, dass ich um einige Jahrtausende älter bin als ihr alle und die entsprechende Menschenkenntnis habe, junger Höhlenwilder.“
„Mein Vater – ahnt er etwas?“
„Natürlich hat er gemerkt, dass mit Dir etwas nicht stimmt. Er liebt dich genauso wie du ihn. Euer Problem scheint immer noch zu sein, dass Ihr es nicht schafft, Euch das gegen­seitig richtig zu sagen. Aber wie du versucht hast, Dir zu helfen – nein, das weiß er nicht. Und ich denke, das muss er auch nicht erfahren. Außerdem haben wir doch eine Ab­machung, was unseren Aufenthalt hier betrifft.“
Erleichtert lächelte Michael mich an.
„Also dann, Lehrmeister. Ich nehme den Kampf auf. Ich hoffe, dass ich es zusammen mit Dir schaffe. Was kommt genau auf mich zu?“
Die größte Krise war überwunden, Michael wollte leben, wollte für sein Leben kämpfen. Es war schon früher seine Art gewesen, einen Kampf, zu dem er sich einmal entschlossen hatte, so schnell wie möglich aufzunehmen und nicht aufzuschieben.
Er zog einen Streifen Tabletten aus der Tasche seiner Kombination und warf sie auf den Tisch. „Das ist das Zeug und es ist alles, was ich hier habe.“
Ich nahm den Blister auf und schaute ihn mir an, tat so, als ob ich jetzt zum ersten Mal erführe, was er denn da nahm.
Sehr ernst sagte ich zu ihm: „Michael, es wird sehr schwer werden. Kein Entzug ist leicht, auch noch nicht im 35. Jahrhundert. Das hat sich leider seit früher nicht geändert. Es wird Dir sehr schlecht gehen, du wirst allen Willen brauchen, um durchzuhalten. Aber ich bin sicher, dass du es schaffen wirst. Rico und ich werden Dir helfen. Und danach habe ich eine Aufgabe für dich. Willst du wieder fliegen, frei durch unsere Galaxis, nur dein eigener Herr?“
Michaels Gesicht leuchtete auf. „Ja, Lehrmeister.“
„du wirst bis ein paar Monate vor dem Start nach Gruelfin unterwegs sein. Ich gehe mal davon aus, dass dich das nicht weiter stört.“
„Mit Sicherheit nicht.“
Mir lag daran, ihn eine Weile von der direkten Gegenwart seines Vaters zu befreien, um ihm Gelegenheit zu geben, wirklich wieder zu sich zu kommen und dabei etwas Sinnvolles für uns alle zu tun.
„Ich werde Dir ein nagelneues Schiff geben. Es wird eine höchst offizielle Schiffstaufe geben, sobald wir wieder in Terrania sind. Es wird ROBIN HOOD heißen …“
Bewusst sagte ich ihm nicht mehr, sondern weckte nur seine Neugierde. Damit hoffte ich, dass ihn auch das anspornen würde.
„Ich ahne etwas und freue mich darauf.“
Er straffte sich und sagte nur noch gefasst: „Mir ist schwindlig und ich friere. Ist das der Anfang?“
„Ja. Noch etwas möchte ich Dir sagen: egal wie schlecht es Dir geht, du brauchst weder vor Rico noch vor mir ‚den Helden’ spielen, ist das klar?“
„Ganz klar, Admiral Atlan. Das hatte ich auch nicht vor, keine Sorge. Ich weiß, dass ich Euch vertrauen kann. Wenn nicht Euch, wem dann? Also auf in den Kampf.“ Er wirkte jetzt sehr gefasst, hatte die Entscheidung getroffen und stellte sich dem Kampf.
Damit war alles gesagt. Erleichtert atmete ich auf. Durch seine Offenheit, sein Vertrauen und seine Selbsteinsicht hatte er selbst den Weg zu seiner Heilung begonnen.

**********

Die folgenden Tage wurden für Michael und für mich zur Hölle.
Michael musste den körperlichen Entzug von der teuflischen Ara-Droge in vollem Be­wusstsein durchstehen. Immer wieder wurde er von Hitze- und Kälteschauern, Schwindel­anfällen, Übelkeit und heftigem Erbrechen sowie Aggressions- und Verzweiflungsanfällen geschüttelt.
Ich litt mit ihm und versuchte ihn mit Medikamenten zu unterstützen. Es gelang nur bis zu einem gewissen Grade. Mein Zellaktivator, den ich immer wieder einsetzte, brachte auch nur kurzfristige Linderung.
In den schlimmsten Phasen hielt ich ihn im Arm wie ein kleines Kind, tröstete ihn und litt trotz aller Logik, der ich mich sonst immer rühmte, mit ihm.
Als es so weit war, dass er überhaupt nichts mehr bei sich behalten konnte, noch nicht einmal einen Schluck Wasser, gingen Rico und ich dazu über, ihn nicht mehr zu quälen, indem wir versuchten, ihm zumindest Flüssigkeit einzuflößen, sondern ihn per Infusion über die Vene zu ernähren. Zusätzlich legten wir zu seiner Entlastung eine Magensonde. Dankbar nahm er das zur Kenntnis.
Dass er den Kampf gewinnen wollte, merkte ich allein schon daran, dass er, egal wie schlecht es ihm gerade ging, nie von Rico oder mir forderte, aufzuhören und ihm etwas von dem Giftzeug zu geben.
Nach einer Woche hatte er das Schlimmste überstanden, die Pausen zwischen den Anfällen wurden länger, bis sie nach insgesamt zwei Wochen komplett ausblieben.
Erleichtert schlug ich Michael vor, ihn jetzt für ein paar Tage in einen Tiefschlaf zu ver­setzen, damit er sich erholen konnte. Ohne Gegenwehr willigte er ein. Während der Zeit pumpten wir ihn über die Vene voll mit Nähr- und Aufbaustoffen.
Danach war er wieder fit. Das Glück, es geschafft zu haben, war ihm deutlich anzu­sehen. Trotzdem rief ich ihm ins Gewissen, dass das noch keine endgültige Verarbeitung seiner Traumata war, er immer noch damit rechnen musste, dass ihn seine traurigen Gedanken wieder einholen würden.
Er zuckte nur die Schultern. „Dann werde ich mich mit Sicherheit nicht wieder an so einem Zeug vergreifen, sondern eine bessere Lösung finden, Lehrmeister.“
Damit konnte ich nur hoffen, dass er stückweise wieder der werden würde, den ich kannte. Die Zukunft würde es uns allen zeigen.
Bevor wir nach Terrania zurückkehrten, besuchten wir noch meine Hazienda auf Sao Miguel, um uns zu erholen und wirklich ein paar Tage Urlaub zu machen. Dort testete ich ihn noch einmal, indem wir mehrfach miteinander kämpften, im arkonidischen Dagor ge­nauso wie in den terranischen Nahkampftechniken, so wie früher, als ich ihn ausgebildet hatte.
Seine Reflexe waren einwandfrei, er war immer noch – oder wieder? – der hervor­ragende Kämpfer, der er schon damals gewesen war.
Sehr ernst nahm ich seine Hände in meine. „Bleibe immer du selbst, junger Höhlen­wilder!“
„Solange ich einen gewissen Arkoniden-Admiral als Lehrmeister habe, bestimmt.“, ant­wortete Michael genauso ernst. „Danke noch einmal, Atlan.“
Wir verstanden uns auch ohne viele Worte.
Und wieder einmal hast du einen dieser liebenswerten Höhlenwilden gerettet“, kom­mentierte mein Logiksektor …

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Das Copyright für die PERRY RHODAN-Serie liegt
beim Pabel-Moewig Verlag, Rastatt.
Mit freundlicher Genehmigung.


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