Lockruf der Freihändler - Teil 3



7
Mars, Raumakademie

Der HATSCHEPSUT wurde ein Landeplatz direkt neben dem bereits gelandeten Flaggschiff der Freihändler, der FRANCIS DRAKE zugewiesen. Das Landemanöver war kosmonautische Routine. Bea und ihre Offiziere sowie die drei Spezialisten und Admiral Lorenz maßen ihm keinerlei Bedeutung bei, sondern beobachteten die FRANCIS DRAKE.
Unter der Polkuppel stand die auch bei Flotte und USO übliche Wache von Besatzungsmitgliedern und Kampfrobotern. Obwohl die Männer Phantasieuniformen oder andere historische Kleidungsstücke trugen, herrschte auffallende Ordnung. Besonders der Admiral musste zugeben, das nicht erwartet zu haben.
„Ich habe mit nichts anderem gerechnet“, meinte Bea. „Diesen Eindruck hatte ich schon bei unserer letzten Begegnung. Seitdem Roi Danton etwas zu sagen hat, herrscht Ordnung. Oder sehen Sie herumlümmelnde Besatzungsmitglieder?“
„Nein“, musste Spezialist Dart Hagen zugeben. Er verzog das Gesicht grimmig. „Aber ich freue ich schon darauf, wenn wir diesen Danton in den Händen haben. Er soll sehr arrogant sein, wie man hört – und USO und Flotte gegenüber nicht sehr – sagen wir mal … nette Äußerungen tätigen.“
Bea schüttelte leicht den Kopf. „Vielleicht sollten Sie mit Ihrem Urteil warten, bis wir Mr. Danton wirklich hier auf dem Schiff haben, Spezialist Hagen. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich ihn schon kennen gelernt und mich mit ihm unterhalten. Außerdem habe ich miterlebt, wie er einen Mann unter eigener Lebensgefahr aus einer brennenden Korvette gerettet hat. Das sollten Sie niemals vergessen.“
Hagen musterte die Kommandantin überlegend. „Mir fällt immer mehr auf, Major Wood, dass Sie anscheinend eine Art unbegreiflicher Sympathie für die Freihändler und besonders für diesen Danton empfinden. Sind Sie sicher, dass Ihr Urteilsvermögen nicht darunter leidet?“
Die Offiziere in der Zentrale sowie der Admiral und die beiden anderen Spezialisten hielten die Luft an. Bea ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Spezialist Hagen, zum einen steht Ihnen diese Art der Kritik an einer Kommandantin nicht zu, auch wenn Sie USO-Spezialist sind.
Zweitens sollten Sie vielleicht daran denken, wie der Auftrag lautet, den wir von Lordadmiral Atlan erhalten haben. Wir haben Mr. Danton als seinen persönlichen Gast zu behandeln und ihn zu ihm zu bringen. Mehr nicht! Ich könnte mir vorstellen, dass Atlan keinen Spaß versteht, sollten Sie auf eine andere Idee kommen.“
Der Admiral nickte anerkennend, Rusty Winsow, Richard Haart und die Offiziere der Zentralebesatzung warfen sich bezeichnende Blicke zu. Die Spezialisten gönnten Hagen die Abfuhr. Er war wegen seiner verbissenen und humorlosen Art auch im Kollegenkreis nicht sehr beliebt.
Der Interkomsummer unterbrach die Diskussion. Der Wachhabende vor dem Schiff meldete die Ankunft des Empfangskomitees der Raumakademie.
„Also dann, meine Damen, meine Herren.“ Der Admiral winkte Ihnen zu. „Wir werden sehen, wie viele Akademieabsolventen wir dieses Jahr für die USO gewinnen können.“
„Hoffentlich bekommen wir und die Flotte alle“, knurrte Hagen. „Hauptsache, die Freihändler gehen leer aus.“
Admiral Lorenz schüttelte den Kopf. „Das werden sie nicht. Das ganze wird sich zwischen der Flotte, uns und den Freihändlern aufteilen. Die anderen privaten Handelsgesellschaften werden kaum Zuspruch erhalten. Das ist meine Einschätzung.“
„Entschuldigen Sie, Sir, aber ich drücke die Daumen, dass Sie sich irren und die Freihändler auch leer ausgehen.“
Lorenz musterte Hagen sinnend. Dass er dabei zu dem 2,50 Meter großen Ertruser hochschauen musste, störte ihn nicht.
„Was haben Sie gegen die Freihändler?“
Hagen zuckte nur die Schultern. „Ich mag Ihre Geschäftspraktiken nicht, Sir. Glasperlen für Howalgonium und so ähnlich.“
„Mr. Danton ist nach unseren Informationen dabei, das zu ändern.“
„Aber es kommt immer noch vor, Sir.“
„Der Mann kann nicht zaubern. Zum Glück nicht. Jede Veränderung braucht ihre Zeit. Oder was würden Sie dazu sagen, wenn eines Tages wirklich alle Akademieabsolventen zu den Freihändlern gehen?“
Hagen schluckte hart. „Das wäre für uns eine Katastrophe“, bekannte er.
„Also dann … kommen Sie endlich. Wir wollen die Abordnung nicht warten lassen. Das wäre sehr unhöflich. Major Wood, wen nehmen Sie als Adjutanten mit?“
„Den II.O., Sir.“
„Nicht den I.O.?“, wunderte Lorenz sich.
„Nein, Sir. Der I.O. hat mich seinerzeit an Bord der FRANCIS DRAKE begleitet. Die Herren haben das unter sich so ausgemacht.“
Lorenz sagte nichts mehr, zumal der Erste und der Zweite Offizier des Schlachtkreuzers sich zulachten …

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Obwohl alle Offiziere der USO – und auch ihre Kollegen von der Solaren Flotte – es befürchtet und damit gerechnet hatten – konnten sie ihr Entsetzen kaum unterdrücken. Die Werbeaktion im großen Auditorium der Marsianischen Raumakademie wurde zu einem Desaster für sie. Lediglich 30 % der erfolgreichen Absolventen entschieden sich für die USO, 10 % für die Solare Flotte, die restlichen 60 % wollten in den Reihen der Freihändler den interstellaren Raum durchstreifen. Die privaten Handelsgesellschaften konnten keinen der Absolventen für sich gewinnen, wie Admiral Lorenz es vorhergesehen hatte.
Lorenz und sein Kollege von der Flotte kochten zwar vor Wut, mussten aber anerkennen, dass der Erfolg der Freihändler fast ausschließlich an der Persönlichkeit von Roi Danton lag. Beide erkannten das starke Charisma, das von diesem jungen Mann ausging. So sehr sie bei seiner Ankunft über ihn gelacht hatten, über sein weibisches und verweichlichtes Auftreten, so sehr mussten sie ihren Eindruck korrigieren, als Roi vor dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal stand und die Angebote der Freihändler erläuterte. Nicht nur, dass er den jungen Menschen die Aussicht auf guten Verdienst versprach, sondern auch ganz klar die heikle Disziplinfrage und seine Ansichten dazu ansprach, ließen ihm die Herzen zufliegen.
Jeder Unvoreingenommene musste ihm Sympathie entgegenbringen.
„Er muss aus einem sehr gebildeten Elternhaus kommen und eine hervorragende Ausbildung genossen haben“, raunte Lorenz seinem Flottenkollegen zu.
„Mehr noch“, bestätigte dieser. „Wie man hört, soll er ein kosmonautisches Naturtalent sein. Einer von denen, die wir händeringend suchen. Es ist eine Schande, dass er bei den Freihändlern ist. Für die Flotte genau wie für die USO wäre ein solcher Mann ein Glücksfall. Bei uns hätte er eine steile Karriere vor sich. Ich würde mich nicht wundern, wenn er sehr schnell zum Flottenkommandeur bringt.“
Lorenz lächelte fein. Obwohl USO und Flotte auf der gleichen Seite standen, verbot die strenge Geheimhaltung auch nur den kleinsten Hinweis auf ihren Sonderauftrag.
„Wir werden heute Abend beim Galadinner noch Gelegenheit haben, uns mit Fürst Danton persönlich zu unterhalten“, sagte er deshalb nur. „Haben Sie schon die Tischordnung gesehen, Herr Kollege?“
„Nein …“ Der Flottenadmiral wurde neugierig.
Lorenz lachte. „Nun … die Akademieführung ist anscheinend der Auffassung, dass man sich abends wieder aussöhnen sollte, nachdem man sich jetzt halbwegs die Köpfe eingeschlagen hat. Roi Danton wird zwischen uns beiden sitzen.“
„Oh …“
„Ja. Und mit bei uns sitzt noch unsere Raumschiffskommandanten. Kennen Sie eigentlich Major Beatrice Wood?“
„Nein, ich habe sie jetzt erst persönlich kennen gelernt. Sie macht mir einen sehr zuverlässigen Eindruck. Obwohl ich persönlich mehr der Meinung des Großadministrators bin, dass Frauen in der Flotte als Offizier im Kampfeinsatz nicht unbedingt etwas zu suchen haben. Als Ärztinnen und Krankenschwestern ja, aber alles andere …“
Lorenz winkte unwillig ab. „Ihr in der Flotte lernt es wohl nie. Ich sehe da keinen Unterschied. Übrigens, Atlan hält sehr viel von Major Wood.“
„Ich werde sie heute Abend dann ja auch näher kennen lernen. Es wird mit Sicherheit ein interessanter Abend – in jeder Beziehung, denke ich.“
„Oh ja …“ Zu mehr ließ Admiral Lorenz sich nicht hinreißen …

**********

Beatrice Wood musste sich während der gesamten Veranstaltung eisern beherrschen, sich nicht zu verraten. Deshalb konnte sie lediglich zweimal einen ganz kurzen Blick mit Roi Danton tauschen. Genau registrierte sie die abschätzenden Blicke ihres ehemaligen Kameraden.
Er macht sich Sorgen, dass ich ihn erkannt habe, dachte sie.
Trotz des Puders, mit dem sein Gesicht bedeckt war, erkannte sie, dass seine Gesichtszüge sich verhärtet hatten. Er schien doch eine Menge Sorgen bei den Freihändlern zu haben. Sie konnte es gut nachvollziehen. Mit Sicherheit hatte er sich nicht nur Freunde gemacht mit seiner Umstrukturierung, die in vollem Gange war. Ein warmes Gefühl kam in ihr auf. Ein wenig beneidete sie seine Zwillingsschwester, die mit Sicherheit wusste, was er machte und so vertraut mit ihm sein konnte wie sie es nicht durfte.
Als klar war, dass 60 % der Absolventen zu den Freihändlern gehen würden, beobachtete sie ihn ganz genau. Keine Spur von Arroganz war in seinem Gesicht zu lesen, nur die Zufriedenheit, die ein Mensch empfand, der eine schwere Aufgabe erfolgreich zu Ende geführt hatte. Diesbezüglich wurde er anscheinend von einigen völlig falsch eingeschätzt. Sie selbst erleichterte diese Beobachtung ungemein, weil sie ihr die Entscheidung, die sie inzwischen getroffen hatte, erleichterte. Sie würde Michael nicht nur warnen …
Weil sie ihre Aufmerksamkeit auf Roi konzentrierte, entging ihr die Reaktion der drei Spezialisten. Während Rusty Winsow und Richard Haart es dem Anschein nach ganz locker nahmen, sah man Dart Hagen seine ungezügelte Wut an.
„Warum hasst du die Freihändler so?“, fragte Winsow ihn leise. „Es wird Zeit, dass du uns das sagst. Wir wundern uns schon länger darüber.“
Besorgt sah Hagen sich um. Auch wenn Ertruser flüsterten, bestand aufgrund ihres grundsätzlich lauten Organs immer die Gefahr von ungewollten Mithörern.
„Mein Vater ist Inhaber einer privaten Handelsgesellschaft auf Ertrus. Vor einem Jahr hat dieser Roi Danton ihm ein sehr gutes Geschäft vor der Nase weggeschnappt.“
„Und ist er dabei illegal vorgegangen, in irgend einer Art?“
Hagen schüttelte zögernd den Kopf. „Nein, aber …“
Haart boxte ihn in die Seite. „Dann war Danton entweder schneller oder hat ein besseres Angebot gemacht?“
„Beides. Dieser arrogante Kerl wird von allen unterschätzt, befürchte ich.“
„Nicht von uns“, lachte Winsow. „Ich habe ihn vorhin genau beobachtet. Wir werden zwar keine Schwierigkeiten haben, ihn zu schnappen, aber wir sollten ihn auch nicht unterschätzen. Sicherheitshalber sollten wir davon ausgehen, dass er eine Kampfausbildung hat. Schau ihn dir mal genau an. Siehst du die Muskeln unter seinem Frack? Ich sage dir, der Mann trainiert regelmäßig und ist keinesfalls der Weichling, den er allen vorspielt.“
Wenn Winsow gewusst hätte, wie nahe er der Wahrheit kam, wäre er mehr als erstaunt gewesen.
„Vergiss die Geschichte mit deinem Vater“, riet Richard Haart. „Das ist zwar unangenehm, aber so ist nun mal das freie Handelsleben. Da haben wir es doch besser, oder?“
Hagen nickte verkniffen, aber nicht sehr überzeugt. Das nahm Winsow zum Anlass, ihn beschwörend zu mustern. „Du weißt, was Atlan uns befohlen hat. Roi Danton ist nicht nur Gast der USO, sondern sein persönlicher Gast!“
„Ja“, presste Hagen zwischen den Zähnen hervor.
Hätte Bea ihn in diesem Augenblick gesehen, wäre ihr klar gewesen, dass Roi einige unangenehme Stunden bevorstehen könnten, wenn Spezialist Hagen ihn in die Mangel nahm – trotz der Befehle ihres Chefs!

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Als sich nach der Werbeveranstaltung die Teilnehmer in alle Richtungen zerstreuten, hatte Bea endlich Gelegenheit, sich unauffällig Roi zu nähern. In dem allgemeinen Durcheinander fiel es nicht auf, dass sie vorgeblich mit ihm zusammenstieß.
„Pardon, Monsieur Danton“, sprach sie ihn laut an. „Ein Versehen.“
Roi lächelte charmant und verbeugte sich tief vor ihr. „Aber Mademoiselle, keine Ursache. Es ehrt mich sogar, von einer so liebreizenden Vertreterin der glorreichen USO beachtet zu werden.“
Er blickte sie mit seinen nachtblauen Augen, die sie so gut kannte, prüfend an.
Er kennt mich immer noch genau, dachte Bea bei sich. Um so besser.
Leise flüsterte sie ihm zu: „Hallo, Mike!“
Das leichte Erstarren von Roi nahm außer ihr niemand wahr. Sie hatte sogar den Eindruck, als ob er in irgendeiner Art erleichtert war. Anscheinend hatte er sich schon länger gefragt, ob sie ihn erkannt hatte.
Sie ließ ihm keine Zeit zum Überlegen. „Ich muss dich sprechen. Es ist dringend, unter vier Augen.“
Während Roi einigen jungen frischgebackenen Kosmonauten, die sich für die Freihändler entschieden hatten, zulächelte, hauchte er ihr zu: „Ich arrangiere das. Heute Abend.“
„Aber bitte früh am Abend. Die Zeit drängt.“
Er nickte nur kurz und wandte sich um, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen.
Als Bea kurz danach sah, wie er ein paar Worte mit seinem Leibwächter Oro Masut und seinem Ersten Offizier Rasto Hims wechselte und mit beiden durch das Gewühl den Saal verließ, atmete Bea auf. Sie brauchte sich keine Sorgen mehr zu machen, ob Roi sie verstehen würde. Er hatte bereits verstanden!

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Nach ihrer Rückkehr an Bord der HATSCHEPSUT besprachen die drei Spezialisten, der Admiral, Bea und ihre Offiziere die weitere Planung.
Sie einigten sich darauf, erst kurz vor Ende des Festes zuzugreifen, da ein früheres Verschwinden von Roi Danton mit Sicherheit auffallen würde. So belagert, wie er während der vormittäglichen Veranstaltung gewesen war, würde es mit Sicherheit neugierige Fragen geben bei seinem Verschwinden geben. Da war es besser, wenn nur noch ein paar Gäste anwesend waren, die bei fortgeschrittenen Fest erfahrungsgemäß nicht mehr sehr nüchtern waren.
Bea atmete erleichtert auf, weil ihr das für ihr Gespräch mit Roi ein größeres Zeitfenster gab, ohne dass sie den Zugriff schon befürchten musste. Ihre eigene Planung sah vor, mit Roi zusammen an Bord seiner FRANCIS DRAKE zu gehen und sich den Freihändlern anzuschließen. Wehmut machte sich in ihr breit. Sie stand kurz davor, ein Leben aufzugeben, das ihr sehr viel bedeutete, ja sogar ihr Leben an sich ausmachte. Aber sie sah sich nicht mehr in der Lage, mit ihrem Gewissenszwiespalt zu leben.
Da sie davon ausging, dass Roi eine Begegnung mit Atlan weiterhin ablehnte, weil er seine eigenen Pläne hatte, blieb ihr nur die Wahl zwischen einem zukünftigen Leben in den Reihen der Freihändler und ihrem weiteren Dienst bei der USO. Allerdings hätte sie dann Atlan informieren müssen. Sie hatte sich für die Freihändler entschieden, weil sie wusste, dass Roi im Prinzip für die gleiche Sache kämpfte wie Atlan oder sein Vater.
Dass Roi sie zurückweisen würde, erschien ihr unvorstellbar.
Ihr Erster Offizier musterte sie einige Male abwägend. Sie kannte ihn gut, genauso gut wie er sie. Nie hatte es Probleme gegeben mit ihrer Mannschaft und ihren Offizieren. Niemand schien etwas Anormales dabei zu empfinden, unter dem Kommando einer Frau zu stehen. Das alles würde sie jetzt aufgeben. Wahrscheinlich war es jetzt das letzte Mal, dass sie in der Zentrale der HATSCHEPSUT weilte, im Beisein ihrer Offiziere. Ihr Schiff, das sie von Atlan nach dem wahnsinnigen Lehrgang vor zwei Jahren werftneu bekommen hatte und dass er extra wegen ihr als Kommandantin HATSCHEPSUT genannt hatte. Damit dokumentierte er sehr deutlich, dass seine Einstellung zu Frauen beim Militär und in Kampfeinsätzen sich mit ihrer deckte. Wahrscheinlich hatte er die alt-ägyptische Pharaonin sogar persönlich gekannt.
Sie schluckte und wandte ihre Aufmerksamkeit mit Gewalt der Besprechung zu.
Admiral Lorenz sollte Roi Danton unter dem Vorwand eines wichtigen Gespräches unter vier Augen zu fortgeschrittener Stunde aus dem Saal locken. Falls er ablehnte, sollte Bea den zweiten Versuch unternehmen. Alle rechneten damit, dass einer der beiden Versuche erfolgreich sein würde, zumal Roi Danton Frauen gegenüber Frauen großer Charme nachgesagt wurde.
Sobald Roi gefangen genommen war, sollte der Admiral sich unauffällig zurückziehen, Bea und ihre Offiziere auffällig nach ihm suchen. Zur gleichen Zeit würde sicherlich auch Roi von seinen Leuten vermisst. Man würde sich gegenseitig bei der Suche nach den Vermissten unterstützten und sogar die Verwaltung und die Sicherheitskräfte der Akademie um Unterstützung bitten. Nachdem dann überall erfolglos gesucht worden war, würden die Schiffe starten. Niemand würde wohl auf die Idee kommen, die HATSCHEPSUT oder die FRANCIS DRAKE zu durchsuchen.
Die USO würde die Entführung der beiden Männer einer Protestbewegung zuschreiben, die immer wieder gegen militärischen Raumflug agierte und in den Schlagzeilen der Nachrichtensendungen Erwähnung fand.
Das weitere Vorgehen läge dann in Atlans Hand, sobald Roi Danton auf Quinto-Center war.
Zum Schluss konnte Rusty Winsow sich einen kleinen Hinweis an Dart Hagen nicht verkneifen. „Bitte denk daran, worüber wir vorhin gesprochen haben, Dart.“
Bea und der Admiral merkten auf und blickten Hagen fragend an. Der druckste herum, sagte dann aber gerade heraus: „Ich mag die Freihändler nicht, besonders diesen Danton, weil er meinem Vater ein sehr gutes Geschäft weggeschnappt hat.“
Bea wollte zu einer Antwort ansetzen, aber Lorenz unterbrach sie mit einer Handbewegung.
„Spezialist Hagen, ich muss Sie wohl nicht an die eindeutigen Befehle von Lordadmiral Atlan erinnern? Roi Danton ist als sein persönlicher Gast zu behandeln. Ich hoffe sehr, dass Atlan ihn davon überzeugen kann, sich uns anzuschließen. Dann wären z.B. auch für Ihren Vater seine Probleme beseitigt. Vielleicht sollten Sie immer daran denken. Das wird Ihnen helfen.“
„Ich bin mir sowohl meiner Pflicht als auch dem eindeutigen Befehl von Atlan bewusst, Sir.“
Bea mochte seine Versicherung nicht so richtig glauben ...

**********

Oro Masut wiegte zweifelnd den Kopf, nachdem Roi Danton ihn über die Begegnung mit Bea informiert hatte. Rois Gefühl hatte ihm gesagt, dass es besser wäre, seinen Vertrauten vollständig zu informieren. Schließlich konnte er aufgrund des kurzen Hinweises von Bea lediglich vermuten, dass die USO ihn festsetzen wollte, Beweise hatte er dafür noch nicht. Er schloss es lediglich aus ihrem Verhalten– falls sie sich inzwischen nicht völlig verändert hatte!
„Ich halte es für zu gefährlich, dass Sie sich mit ihr allein nach draußen begeben. Bitte nehmen Sie mich mit, Sir. Ich will ja gar nicht bei ihrem Gespräch dabei sein, ich halte mich weit genug entfernt, will nur aufpassen, dass Sie nicht überrascht werden.“
Roi stand auf und schüttelte den Kopf. „Nein, Großer. Sie würde das als Misstrauen auslegen. Eine schlechte Ausgangsbasis, wenn ich ihr einen verantwortlichen Posten bei uns anbieten will. Wahrscheinlich ist sie jetzt schon, seitdem sie mich erkannt hat, von Gewissenskonflikten zerrissen. Ich vertraue ihr. Sie wird mich nicht in eine Falle locken.“
Oro war immer noch nicht überzeugt. „Wenn sie nicht selbst hereingelegt wird“, meinte er zweifelnd.
Roi zuckte einen Moment zusammen. Daran hatte er noch nicht gedacht! Gab es so etwas überhaupt bei der USO in Kommandoeinsätzen? „Wir werden aufpassen, keine Sorge. – So, nun lass uns gehen. Wie sehe ich aus?“
Oro grinste. Roi hatte ganz große Toilette gemacht und sah aus wie ein schwer vermögender Stutzer am französischen Hof.
„Klassisch“, feixte er.
Zwischen ihm und seinem Chef hatte sich in der letzten Zeit eine richtige Männerfreundschaft entwickelt. Roi hatte seine Entscheidung, Oro ins Vertrauen zu ziehen, bisher noch nie bereut.
„Dann ist es ja gut“, konterte Roi. Nach außen wirkte er völlig ruhig und ausgeglichen, sein Leibwächter erkannte allerdings die innere Unruhe, unter der er litt. Er hoffte, dass sich die Situation im Laufe des Abends zum Positiven klären würde. Oro sorgte sich, dass Beatrice Wood eventuell selber ein Opfer einer Intrige war. Sie war ihm auf den ersten Blick sympathisch gewesen.

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Das Galaessen verdiente seinen Namen in jeder Beziehung. Die Akademie hatte alles an Spezialitäten aufgefahren, was Terra zu bieten hatte. Entsprechend gelöst war die Stimmung unter den Gästen. Viel trug Roi Danton dazu bei, der mit seinem Intellekt brillierte. Zum Schuss hatte niemand mehr den Eindruck, es hier mit einem arroganten Emporkömmling zu tun zu haben, sondern mit einem jungen Mann mit erstaunlich hohem Bildungsniveau und natürlichen Charme. Besonders das Interesse der anwesenden Damen flog Roi im Handumdrehen zu.
Sogar die Admiräle von Flotte und USO konnten sich seiner Ausstrahlung nicht entziehen. Sie entschlossen sich, ihren Misserfolg vom Vormittag an diesem angenehmen Abend einfach „abzuhaken“ und das Fest zu genießen. Besonders Admiral Lorenz fiel dies leicht, da er die etwas besonderen Absichten kannte, die Atlan mit dem geplanten Gespräch mit Roi Danton bezweckte. Dass die Aktion misslingen konnte, war für ihn unvorstellbar. So ein relativ einfacher Auftrag und drei hochqualifizierte Spezialisten – das konnte gar nicht scheitern!
Als die Tafel aufgehoben wurde, wandte Roi sich mit einem höflichen Lächeln an seine Gesprächspartner, die beiden Admirale.
„Messieurs, Sie entschuldigen mich. Ich benötige ein wenig Ruhe nach diesem hervorragenden Essen.“
Bea, die ihn die ganze Zeit aufmerksam beobachtet hatte, da sie auf Zeichen von ihm wartete, merkte auf. Roi tat so, als würde er sie erst jetzt bewusst zur Kenntnis nehmen.
„Oh, Major Wood. Ich freue mich, Sie zu sehen. Würden Sie mir die Freude Ihrer Begleitung bereiten? Was kann ich mir mehr wünschen, als eine Erholungspause in einem angeregten Gespräch mit einer so charmanten jungen Dame?“
Damit bot er ihr schon seinen Arm und führte sie nach draußen. Flüchtig dachte er daran, wie sich doch die Welt in den letzten Jahrhunderten verändert hatte. Zu der Zeit, als sein Vater gerade erst die ersten Schritte in den Raum getan hatte, wäre ein Spaziergang in der dünnen Atmosphäre des Mars undenkbar gewesen. Heute war die Atmosphäre künstlich mit Sauerstoff angereichert, so dass man fast das Gefühl hatte, auf der Erde zu sein.
Schweigend gingen sie ein Stück, bis sie zu einer Bank kamen. Außer ihnen war niemand dort.
Genau wie Roi war Bea im Moment ein wenig befangen, wo sie sich endlich wieder allein gegenüberstanden. Obwohl sie wusste, dass der Zugriff erst in einigen Stunden geplant war, beschlich sie ein unangenehmes Gefühl. Sie traute Dart Hagen einfach nicht über den Weg. Er mochte ein zuverlässiger USO-Spezialist sein, aber auch Spezialisten waren keine Maschinen – und anscheinend konnte Hagen es nicht verwinden, dass Roi seinem Vater ein sehr gutes Geschäft abgenommen hatte.
Ihr Gefühl sagte ihr, dass Hagens Vater das Geld wohl sehr dringend gebraucht hatte, sonst würde der Sohn nicht so aggressiv reagieren. Deshalb wollte sie schnell zur Sache kommen. Alles andere zählte im Moment nicht. Wenn alles so klappte, wie sie es sich vorstellte, hatten sie später noch genug Zeit, um über andere Dinge zu reden.
„Mike, ich ...“, begann sie, wurde aber von ihm unterbrochen.
„Gleich, Freundin. Du hast doch nichts dagegen, dass ich dich wieder so nenne, Bea?“
Sie schüttelte nur den Kopf und konnte nicht verhindern, dass ein paar Tränen über ihre Wangen liefen.
Roi, der selbst gerührt war, umarmte und drückte sie an sich.
„Dass wir uns so wiedersehen müssen.“ Er hielt sie ein Stück von sich und betrachtete sie sinnend. „Du hast dich nicht verändert und auf der anderen Seite doch. Ich kann es nicht einordnen.“
Sie hob nur die Schultern. „Wir haben wohl, seitdem wir uns trennen mussten, beide sehr viel erlebt. Du hast anscheinend richtig Erfolg. Gratuliere dazu. Ich freue mich aufrichtig für dich.“
„Das weiß ich. Aber Erfolg – ja, allerdings noch nicht das, was ich mir vorgenommen habe.“
Sie schüttelte den Kopf. „Immer noch der Mike, den ich kenne. Das Unmögliche möglich machen, die Sterne vom Himmel holen.“
Er lachte warm auf. „So schlimm ist es nun wieder nicht. – Aber wie geht es dir, bist du glücklich als Schlachtkreuzerkommandantin?“
Bea blickte ihn fest und ernst an. „Ich war es, Mike, bis ich dich getroffen habe. Du ahnst warum?“
„Ja“, nickte er. „Du bist seitdem von Zweifeln geplagt. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Wie hast du mich eigentlich erkannt? Das hat bisher noch niemand geschafft, noch nicht einmal Menschen, die mich vorher gut kannten. Also war ich davon ausgegangen, dass meine Tarnung gut genug ist.“
„Vielleicht weibliche Intuition“, antwortete sie überlegend. „Oder auch einfach das richtige Gefühl. Das ist mir in letzter Zeit öfter aufgefallen, dass ich ohne groß darüber nachzudenken, die richtige Idee habe und Menschen besser einschätzen und zuordnen kann als andere. Ich habe dann das Gefühl, dass bestimmte Schwingungen von ihnen ausgehen.“
Roi nickte. „Weiß Atlan davon?“
„Bisher nicht. Ich wollte es erst selber genauer beobachten, ehe ich damit zu ihm gehe. Du weißt doch, wie man durch die Mangel gedreht wird, wenn auch nur der Verdacht von Mutanten-Fähigkeiten oder ähnlichem im Raum steht.“
„Und das wolltest du nicht. Völlig klar. Ich vermute, dass du eventuell eine Empathin bist. Seit wann hast du das genau an dir beobachtet?“
Sie überlegte einen Augenblick. „Seit dem verdammten Lehrgang damals.“
Roi überraschte das nicht. Er hatte den Verdacht, dass die Erlebnisse damals bei ihnen bisher verschüttete Fähigkeiten freigelegt hatten. Er merkte das an sich selbst. Seit er zusammen mit Bea den einjährigen Ausbildungslehrgang bei der USO absolviert hatte, der ihnen wirklich alles abverlangt hatte, hatten sich seine Instinkte und seine Reakionsschnelligkeit auch erheblich verbessert. Allerdings war er kein Mutant, das war bereits überprüft und eindeutig ausgeschlossen worden.
„Das klären wir später“, fuhr er fort. „Wir haben gewisse Möglichkeiten zur Überprüfung. Aber keine Sorge, es wird nicht so schlimm werden wie bei der USO. Allerdings wirst du sicherlich verstehen, dass ich meine kleinen Geheimnisse erst offenbaren werde, auch dir gegenüber, wenn du nicht mehr Angehörige der USO bist.“
„Ach …“ Bea fühlte ihr Herz bis zum Hals schlagen. Sollte, konnte es sein, dass Roi ihr das Gleiche vorschlagen wollte, worum sie ihn bitten wollte? Nein, das wäre zu viel Zufall …
Roi genoss ihre Verwirrung und freute sich auf ihre Reaktion, sobald er ihr sein Angebot gemacht hatte. Er rechnete nicht damit, dass sie es ausschlug. Er sah ihr deutlich an, wie sie unter dem Gewissenskonflikt litt – jetzt, wo sie ihm ihre Tränen gezeigt und ihre Maske der eisernen Beherrschung abgelegt hatte. Ihm gegenüber war sie wieder die Freundin aus vergangenen Tagen, nicht die nach außen eiskalte und beherrschte Raumschiffskommandantin. Er unterdrückte mit Gewalt seine Gefühle, die ihn zwingen wollten, sie in den Arm zu nehmen, an sich zu drücken, sie zu küssen.
Er wusste, dass er sie liebte, dass er sie schon damals geliebt hatte – aber dass es nicht ging, weder von ihm, noch von ihr aus. Er konnte sich bei seinem jetzigen unsicheren Leben keine Partnerin leisten, er empfand es als unfair, eine Frau an sich zu binden – und Bea lehnte jeden Partner ab. Warum, das wollte er noch herausfinden.
Er lächelte warm. Sein ganzes Herz lag in diesem Lächeln.
„Bea, könntest du dir vorstellen, als Fürstin der Freihändler Kommandantin eines modernen Raumschiffes zu sein?“
Er genoss ihre Verwirrung. Als sie sich wieder gefasst hatte, meinte sie nur: „Kannst du Gedanken lesen, ich hatte vorgehabt, dich um das Gleiche zu bitten, aber in einer anderen Position. Weißt du, der Handel ist nicht meine Welt.“
Er lachte. Innerlich atmete er auf. Eine warme Welle drohte ihn zu überfluten. „Das hatte ich auch nicht vor. Ich hatte mehr an unseren Sicherheitsdienst gedacht.“
Er weidete sich an ihrer Verblüffung. „Das wusstet ihr auch noch nicht, was? Wo bleibt denn die sprichwörtliche Gründlichkeit der USO? Ja, wir haben eine eigene Polizeitruppe, und das schon, bevor ich zu den Freihändlern ging. Die hat der Kaiser ins Leben gerufen. Leider braucht man so etwas bei einer derartig großen Organisation.“
„Ja, ich nehme an.“ Sie schmiegte sich an ihn und einige Minuten blieben sie in dieser Stellung stehen, genossen ihre gegenseitige Nähe, sich wieder gefunden zu haben.
Roi war erleichtert. Er hatte nicht nur seine alte Freundin wieder, sondern auch noch die Gefahr gebannt, dass sie ihn erkannt hatte und ihr Wissen irgendwann an Atlan weitergeben musste.
Als sie sich aus der Umarmung lösten, schaute Bea sich unruhig um. Sie meinte, ein leises Geräusch gehört zu haben. Auch Roi merkte auf. Da sie aber beide nichts entdecken konnten, forschten sie nicht weiter nach. Sie kamen nicht auf die Idee, dass ihre Instinkte durch die Freude des Wiedersehens etwas getrübt waren, sonst wäre ihnen dieser Fehler nicht unterlaufen.
Leise flüsterte Bea ihm zu: „Die drei Adjutanten von Admiral Lorenz sind keine Stabsoffiziere, sondern Spezialisten. Sie sollen dich nachher, sobald das Fest kurz vor dem Ende ist, gefangen nehmen. Nicht früher, da es sonst zu sehr auffällt. Wahrscheinlich wirst du inzwischen schon von einigen im Saal vermisst. Der Plan sieht vor, dass auch Admiral Lorenz spurlos verschwindet, wir einen großen Wirbel veranstalten und gemeinsam nach euch suchen. Dabei schieben wir euer Verschwinden dieser Protestorganisation zu, die immer wieder gegen militärische Raumfahrt demonstriert. Wenn wir hier alles durchgekämmt haben mit Hilfe der Akademieleitung, starten wir und bringen dich nach Quinto-Center. Atlan möchte sich mit dir unterhalten. Er will wissen, wer du bist. Im Gegensatz zu deinem Vater meint er nicht, dass du ein Verbrecher bist. Er hat erkannt, dass du äußerst fähig bist und möchte dir anbieten, zur USO zu kommen, möglichst zusammen mit deinen Freihändlern. Damit hätte er dann gleich mehrere Probleme zusammen gelöst.“
Roi fiel ein Stein vom Herzen. Er hatte sich in Bea nicht getäuscht. Sie war immer noch die Gleiche wie vor zwei Jahren. Er vertraute ihr.
„Typisch Atlan“, antwortete er lachend. Wieder musste er mit warmem Gefühl an seinen alten Lehrmeister denken, der für ihn viel mehr Vater gewesen war als Perry Rhodan.
„Als ich den Auftrag von Atlan bekam, hatte ich eigentlich vor, dir die Wahl zu überlassen, ob du fliehst oder dich Atlan stellt. Aber ich glaube, das hat sich jetzt erübrigt.“
Roi kam nicht mehr dazu, zu antworten. Aus dem Nichts tauchten plötzlich drei riesenhafte Ertruser vor ihnen auf. Sofort war beiden klar, dass sie sich nicht getäuscht hatten mit dem leisen Geräusch. Die Ertruser mussten sich ihnen im Schutz von Deflektorschirmen genähert haben.
Ehe einer von ihnen reagieren konnte, hatte Rusty Winsow Roi umklammert und verhinderte, dass er seinen Schockstrahler im Gürtelhalfter greifen konnte. Roi wehrte sich nicht. Er wusste nur zu genau, dass er gegen einen Ertruser, der ihn schon umklammert hielt und in Anwesenheit von zwei anderen nicht die geringste Chance hatte.
Er schluckte hart. Seine Gedanken wirbelten. Sollte Bea doch …? Er scheute sich, es zu Ende zu denken.
Dart Hagen grinste Roi hämisch an und wandte sich überfreundlich an Bea. „Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Major Wood. Sie haben uns wirklich sehr unterstützt, indem Sie Mr. Danton hierher gelockt haben.“
Roi glaubte, in ein endloses Loch zu fallen. Also doch! Er konnte es nicht glauben, wollte es nicht glauben. Seine Freundin und ihn verraten? Sein Gefühl sagte ihm nein, aber was hatte dann diese Äußerung zu bedeuten?
Bea fühlte sich hundeelend. Trotzdem behielt sie einen klaren Kopf. Sie, die Roi sehr gut kannte, bemerkte im Gegensatz zu den Ertrusern, wie er litt, unter dem Gedanken, dass sie ihn verraten hatte! Und jetzt musste sie ihn noch mehr verletzen, er würde sich gleich noch elender fühlen, aber ihr blieb keine andere Wahl, wenn sie ihn davor bewahren wollte, Atlan gegenübergestellt zu werden. Sie fasste einen verwegenen Plan – ob der funktionierte? Alles hing davon ab, ob es ihr gelingen würde, seine Offiziere von ihren lauteren Absichten zu überzeugen.
Anscheinend hatten die Spezialisten entgegen dem vereinbarten Plan jetzt schon zugegriffen, weil ihnen die Gelegenheit günstiger erschien als zu warten. Wahrscheinlich wurden sowohl Roi als auch sie im großen Saal schon vermisst. Sie verfluchte sich für ihre Leichtsinnigkeit, nicht auf die Geräusche reagiert zu haben.
„Keine Ursache, Spezialist Hagen.“ Sie schluckte an jedem Wort, als sie sich zu Roi umwandte. Ein Blick in seine nachtblauen Augen zog eine innerliche Welle der Übelkeit nach sich. Noch nie hatte sie seine Augen so gesehen. Alle Wärme, die eben noch darin gestanden hatte, war erloschen. Stattdessen konnte sie nur noch eiskalten Hass und Verachtung sehen.
Fast hätte sie aufgegeben, sich in seine Arme geworfen und ihm versichert, dass alles nicht so war wie es schien. Aber sie widerstand. Nur der Gedanke, dass dieses Spiel die einzige Rettung für Roi war, ließ sie durchhalten. Aufklären konnte sie alles später. Dabei hoffte sie nur, dass es sich noch aufklären ließ, Roi – sobald er wieder frei war – überhaupt noch bereit war, ihr zu glauben. Gewaltsam unterdrückte sie diesen Gedanken. So weit war es noch nicht. Erstmal musste sie ihn den Spezialisten ausliefern.
„Leider muss ich Ihr Angebot ablehnen, Mr. Danton. Es tut mir leid. Ich werde meinen Dienst bei der USO nicht quittieren. Im Auftrag von Lordadmiral Atlan darf ich Ihnen mitteilen, dass Sie sich als sein persönlicher Gast betrachten mögen. Sie sind kein Gefangener. Atlan möchte sich lediglich mit Ihnen unterhalten und Ihnen ein Angebot unterbreiten. Wir werden morgen nach Quinto-Center starten. Er lässt Ihnen ausrichten, dass Sie sich schon einmal überlegen mögen, ob Sie nicht in die USO eintreten wollen. Menschen mit Ihren Fähigkeiten können wir sehr gut gebrauchen. Das gleiche Angebot gilt auch für Ihre Offiziere und Mannschaften.“
Roi verzog verächtlich das Gesicht. Mit Gewalt musste auch er die Übelkeit und das Schwindelgefühl unterdrücken. Sein Herz klopfte rasend bis in den Hals. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen. Deshalb übersah er auch das Flehen in ihren Augen, als er kalt antwortete: „So sehr ich auch den verehrten Lordadmiral schätze, so sehr liebe ich meine Freiheit. Die Antwort ist nein. Das wird auch ein Gespräch mit Atlan oder ein Überlegen nicht ändern. Außerdem würde es mir widerlich sein, in den gleichen Reihen wie Menschen zu stehen, die derartig unaufrichtig sind. Nachdem wir uns kennen gelernt haben, hatte ich Sie persönlich für eine aufrechte und ehrliche Offizierin gehalten. Leider habe ich mich getäuscht. Pfui Teufel, gehen Sie mir aus den Augen, Major Wood. Mit Ihnen möchte ich nichts mehr zu tun haben.“
Er wandte sich an Hagen. „Da das klargestellt ist, könnten Sie mich aus Ihrer so genannten ‚Gastfreundschaft’ entlassen, Spezialist. Der verehrte Lordadmiral, Sie und und ich verschwenden nur unsere Zeit.“
Hagen grinste überlegen. „Leider liegt das nicht in meiner Macht, Fürst Danton. Unser Auftrag von Atlan lautet, sie zu ihm zu bringen.“
Roi zuckte die Schultern, ohne etwas zu sagen.
„Bitte bringen Sie Fürst Danton in eine der bevorzugten Gästekabinen“, ordnete Bea an. „Und erfüllen Sie alle seine Wünsche. Ich möchte später keine Beschwerden hören, dass unser Gast nicht ehrenvoll behandelt worden ist.“
Diesen kleinen Hinweis konnte sie sich nicht verkneifen. Ihre Hoffnung, dass Roi daraus einen Hinweis ziehen könnte, machte ein Blick auf ihn zunichte. Er drehte den Kopf abweisend zur Seite.
Außerdem hoffte sie, dass Hagen verstand, was Sache war. Sicher war sie sich nicht. Einige möglicherweise recht unangenehme Stunden konnte sie Roi nicht ersparen. Sie stufte das als vernachlässigbar ein. Roi war mentalstabilisiert, konnte also nicht hypnosuggestiv oder mit Drogen verhört werden. Ein Verhör in wachem Zustand mit Drogen würde für ihn sehr unangenehm werden, aber sie wusste sehr genau, was er aushalten konnte.
„Wir starten morgen Nachmittag. Bringen Sie Mr. Danton an Bord, dann genießen Sie noch das Fest. Startzeitpunkt 17.00 Uhr Terrazeit. Bis dahin haben wir wohl alle ausgeschlafen.“
„Natürlich, Major.“ Hagen machte ein sehr zufriedenes Gesicht.

**********

Bea sah sich mit schnellen Blicken im großen Festsaal um. Wie sie erwartete, war Admiral Lorenz nirgendwo zu sehen. Ihr Verdacht war demzufolge richtig. Die Spezialisten hatten die günstige Gelegenheit ergriffen.
Auf die Frage des Flottenadmirals antwortete sie freundlich: „So weit ich weiß, ist Admiral Lorenz mit Fürst Danton draußen. Die beiden wollten sich einmal richtig aussprechen. Es kann doch nicht sein, dass wir uns gegenseitig die Raumkapitäne wegnehmen, oder?“
„Genau meine Meinung, Major Wood. Es ist nur schade, dass Ihr Admiral mich nicht mitgenommen hat. Dann hätten wir das gleich alle zusammen besprechen können.“
Bea nickte dem Flottenadmiral noch einmal freundlich zu und schlenderte langsam durch den Saal, um kein Aufsehen zu erregen. Im Moment kam es ihr noch darauf an, alles ruhig zu halten. Vielleicht griff ja schon der erste Teil ihres Planes. Sie vertraute dabei auf den hohen Ehrenkodex der USO. Wenn nicht, würde sie schon für das entsprechende Aufsehen sorgen.
Als sie Oro Masut entdeckte, bedeutete sie ihm, ihr zu folgen. Der musterte sie mit einem seltsamen Blick, als er sie ohne Roi sah. Wieder fühlte sie eiskalte Schauer in sich aufsteigen.
Als sie beide draußen im Gang standen, sah sie sich schnell um, ob ihnen jemand gefolgt war. Sie wusste bisher nicht, wer unter den Freihändlern über Rois Identität informiert war. Verraten wollte sie ihn keinesfalls.
„Mr. Masut, wir haben nicht viel Zeit. Bitte unterbrechen Sie mich nicht. Ihr Chef ist von den Spezialisten meines Schiffes gefangen genommen worden. Wir haben den Auftrag, ihn zu Atlan zu bringen. Das war eigentlich für später heute Nacht geplant, nicht jetzt schon. Ich habe versucht, Roi zu warnen, aber da war es schon zu spät. Er hatte mir vorher schon angeboten, als Fürstin zu den Freihändlern zu gehen. Ich habe angenommen. Leider gingen die Ereignisse draußen zu schnell, so dass er jetzt der Meinung sein muss, ich hätte ihn verraten. Das nur zu Ihrer Information.
Ich habe einen Plan, um ihn zu befreien. Sie haben ganz genau zwei Minuten, um sich zu entscheiden, ob Sie mir trauen wollen. Ich kann Ihnen versichern, dass Atlan die wahre Identität Ihres Chefs ermitteln wird, wer auch immer er sein mag.“
Oro wurde blass. Er überlegte aber keinen Moment. „Lassen wir das Versteckspiel, Major Wood, die Umstände erlauben es nicht mehr. Ich bin der einzige Freihändler an Bord der FRANCIS DRAKE, der weiß, dass Roi Danton Michael Rhodan ist. Und ich weiß von ihm, wer Sie sind und wie er zu Ihnen steht.
Vor dem Fest habe ich ihn noch gewarnt, dass Sie möglicherweise selbst hintergangen werden. So scheint es gekommen zu sein. Ich vertraue Ihnen. Wir müssen sofort handeln. Atlan darf Roi nicht in die Hände bekommen. Er wird ihn erkennen und dann sind Rois ganze Pläne hinfällig.“
„Richtig. Es freut mich, dass Sie so folgerichtig denken. Also bewegen Sie sich endlich! Ich denke, man rühmt Ertrusern so eine große Reaktionsschnelligkeit nach.“
Oro hatte sich wieder in der Gewalt. „Selbstverständlich, Major Wood.“
„Wer ist bei den Freihändlern überhaupt über Rois Identität informiert?“
„Zwei Fürsten, die ihm den Kontakt zu unserer Organisation überhaupt erst ermöglicht haben. Sie kennen ihn schon aus seiner Jugendzeit. Und der Kaiser selbst.“
„Sehr gut. Wahrscheinlich müssen wir ihn persönlich bemühen. Wer außerhalb der Freihändler – für den extremsten Notfall …“
„Seine Mutter, seine Schwester, sein Schwager Dr. Waringer und der Chefingenieur des Bauteams, das im Moment den Raumhafen von Trade-City erweitert.“
„Hoffen wir, dass wir nicht auf seine Familie zurückgreifen müssen.“

**********

Bea sah sich in der Kommandozentrale der FRANCIS DRAKE nur kurz um. Als erfahrene Raumschiffskommandantin sah sie mit einem Blick, dass die Zentrale zwar im Prinzip den Hauptschalträumen von terranischen oder USO-Schiffen glich, aber einige zusätzliche Schaltpulte und Geräte enthielt, die sie nicht zuordnen konnte. Sie sah darüber hinweg. Das war im Moment nicht so wichtig. Seitdem sie wusste, wer Roi war, ging sie ohnehin davon aus, dass die DRAKE nicht nur mit Transformkanonen und HÜ-Schirmen ausgestattet war, sondern noch einiges mehr aufzubieten hatte. Das Stichwort in diesem Zusammenhang lautete schlicht und einfach „Dr. Waringer“. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Hyperphysiker wirklich so versponnen war wie es allgemein behauptet wurde. Allein die Tatsache, dass Michaels Schwester ihn zu ihrem Ehemann erwählt hatte, sprach für sie dagegen.
„Meine Herren“, begann sie ihren kurzen Vortrag, nachdem sie die Offiziere über den Sachstand informiert hatte. „Sie haben jetzt ganz genau zwei Möglichkeiten. Entweder Sie vertrauen mir und wir versuchen gemeinsam, Roi zu befreien – oder nicht, dann verlasse ich sofort die FRANCIS DRAKE und Sie können mit meiner Hilfe nicht mehr rechnen. Ich darf Sie vorab schon einmal darüber informieren, dass Ihr Chef mir angeboten hat, als Fürstin in die Reihen der Freihändler zu wechseln und ich sein Angebot angenommen habe – bevor er von den Spezialisten ergriffen wurde. Leider konnte ich ihn nicht mehr rechtzeitig warnen, da der Zugriff erst in einigen Stunden geplant war und insofern auch ich überrascht worden bin.
Wenn Sie sich kurz untereinander besprechen wollen, kann ich das verstehen. Ich gebe Ihnen zehn Minuten dafür. Sie finden mich am Kartentisch. Und es wäre sehr freundlich, wenn ich einen Kaffee bekomme. Ich gehe davon aus, dass es an Bord echten terranischen Kaffee gibt.“
Oro grinste über das ganze beachtlich breite Gesicht und holte ihr aus dem Getränkeautomaten einen großen Becher von dem belebenden schwarzen Gebräu. Bea nahm ihn dankend und zwang mit Gewalt ihre rotierenden Gedanken zur Ruhe. Sie durfte sich jetzt vor den Edelmännern als einzige Frau keine Blöße geben, sonst hatte sie gleich verloren. Zum Glück verfügte sie über einige Jahre Erfahrung als Offizierin, die fast nur Männer befehligte.
Oro wandte sich Rasto Hims zu. „Ich vertraue Fürstin Wood“, meinte er nur. Bea fühlte ein warmes Gefühl in sich aufsteigen, als er schon mit dem Titel einer Freihändler-Kommandantin von ihr sprach.
Die Edelmänner brauchten keine zehn Minuten. Sie setzten sich zu ihr an den Kartentisch und Rasto Hims sagte klar und deutlich: „Fürstin Wood, wir unterstellen uns Ihrem Kommando, weil wir uns sagen, dass nur Sie mit ihrem Hintergrundwissen eine Chance haben, Roi herauszuholen. Wie stellen Sie sich die Verteilung der Aufgaben vor?“
Bea blickte ihn abschätzend an. Hims hielt ihrem Blick ohne Probleme stand. „Edelmann Hims, ich habe nicht vor, in die Schiffsführung einzugreifen, das ist Ihre Sache. Sie sind und bleiben der Kommandant der FRANCIS DRAKE, solange Roi Danton abwesend ist.“
Hims’ Aufatmen bestätigte ihre Vermutung. Er wollte sich nicht in seinen Kompetenzbereich hereinreden lassen. Sie sah kein Problem darin. „Betrachten Sie es so, dass Sie einen Kommandeur an Bord haben.“
Sie machte eine kurze Pause. „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, meine Herren, auch für Roi. Und nun lassen Sie uns handeln. Wir haben nicht viel Zeit, glauben Sie es mir. Roi muss da so schnell wie möglich raus, möglichst noch in dieser Nacht, obwohl ich das für ein großes Wunder halten würde.“
Hims kniff die Augen zusammen. „Wieso haben wir keine Zeit?“, fragte er gedehnt. „Sie wissen sicherlich, dass er mentalstabilisiert ist. Was also sollte passieren, falls man ihn verhört?“
Die anderen nickten bestätigend. Bea hob die Schultern. „Sie kennen die USO nicht. Wenn man ihn hypnosuggestiv verhört, wird man nichts herausbekommen. Aber man wird von einem starken Hypnoblock ausgehen, der verhindert, dass er Geheimnisse preisgibt. Als nächstes wird man ihn mit Hilfe einer teuflischen Ara-Wahrheitsdroge verhören. Haben Sie von dem Zeug schon mal was gehört?“
Oro zuckte nur die Schultern. „Ja. Ihm wird davon ein wenig übel werden. Zwar unangenehm, aber nicht mehr.“
Bea nahm keine Rücksicht. Sie musste ihnen die Augen öffnen, ihnen klarmachen, dass man eben keine Zeit mehr hatte!
„Über solche Kleinigkeiten würde ich gar nicht reden. Aber ein von der Droge Betäubter kann, da er sich in Trance befindet, keine der Nebenwirkungen des Medikamentes spüren, z.B. Hitze- und Kälteschauer, Übelkeit und Ähnliches. Roi muss also nicht nur überzeugend den Beeinflussten spielen, sondern auch noch diese Nebenwirkungen unterdrücken. Ich bin selbst mentalstabilisiert und musste dieses ‚Theaterspielen’ regelrecht lernen. Bei jeder Übung dachte ich, das halte ich nicht mehr aus, ich sterbe – so elend fühlte ich mich!
Und bitte denken Sie nicht, die Spezialisten wären Stümper, dann würden Sie nicht diesen Ehrentitel tragen. Die wissen sehr genau, wie von der Droge Betäubte sich verhalten. Sollte man nur den geringsten Verdacht schöpfen, wird man durch ein einfaches CT feststellen, dass Roi mentalstabilisiert ist. Und da dieser Gehirneingriff in der gesamten Milchstraße nur auf Tahun durchgeführt werden kann, brauche ich Ihnen die möglichen Folgen nicht weiter aufzuzeigen, oder?“
Die Männer blickten sich die ratlos an. Anscheinend verstanden sie immer noch nicht, worauf sie hinauswollte.
„Meine Herren, sind Sie denn begriffsstutzig?“ So langsam wurde sie wütend. „Eben weil diese Operation nur auf dem USO-Medocenter Tahun und nur im Auftrag der USO durchgeführt werden kann und weil sie weiterhin so gefährlich ist, werden die Eingriffe sehr genau dokumentiert“, fuhr Bea fort. „Dazu gehört auch eine Genanalyse der Patienten. Wenn es also auffällt, dass Roi mentalstabilisiert ist, dauert es höchstens eine Stunde und das Inkognito Ihres Chefs war einmal. Begreifen Sie jetzt?“
Die Gesichter wurden übergangslos leichenblass. Rasto Hims antwortete zuerst: „Fürstin Wood, wir alle bis auf Edelmann Masut wissen nicht, wer unser Kommandant ist. Wir hatten einmal einen bestimmten Verdacht, haben aber nicht mehr darüber nachgedacht, weil es uns egal ist. Unser Kommandant hat uns auch ganz klar gemacht, dass er bestimmte persönliche Gründe für sein Inkognito hat und uns gebeten, das zu akzeptieren. Wir fliegen unter Roi Danton auf dem Flaggschiff der Freihändler und sind darauf sehr stolz. Ich nehme aber an, dass Sie genau wie Edelmann Masut wissen, wer Roi Danton ist?“
Bea fühlte ein warmes Gefühl in sich aufsteigen, eben weil Rois Männer so zu ihm standen.
„Vergessen Sie Ihren Verdacht. Ja, ich weiß, wer Roi ist. – Jetzt aber sollten wir handeln. Ich wiederhole mich ungern, aber die Zeit läuft uns weg. Wir können nur hoffen, dass Roi lange genug standhält. Da ich weiß, was er aushalten kann, habe ich große Hoffnung, dass wir es gemeinsam schaffen.“
Rasto Hims straffte sich. „Ihre Befehle, Fürstin?“
Bea atmete innerlich auf. Endlich war das Eis gebrochen. „Zuerst werden Sie, Mr. Hims, jetzt sofort die HATSCHEPSUT anrufen und den Wachhabenden, das ist im Moment der Erste Offizier, höflich darüber informieren, dass Sie mitbekommen haben, wie Ihr Kommandant von den drei Ertrusern gefangen genommen wurde und Sie sich daraufhin veranlasst gefühlt haben, mich, also die Kommandantin der HATSCHEPSUT ebenfalls festzusetzen.
Da Sie kein Aufsehen wollen, schlagen Sie vor, den Austausch jetzt gleich vorzunehmen. Man wird behaupten, dass Roi nicht an Bord ist. Das ist für uns unerheblich. Wichtig ist dabei nur, dass Sie den Eindruck erwecken, ich wäre nicht freiwillig hier, sondern eine Gefangene von Ihnen. Vorerst darf ich nicht unter Verdacht geraten. Es gibt einen bestimmten Ehrenkodex bei der USO. Demzufolge kann die HATSCHEPSUT nicht starten, solange man genau weiß, dass ich hier gefangen bin. USO-Spezialisten und Soldaten haben immer die Gewissheit, dass sie von ihren Kameraden zurückgeholt werden. Dass wir keine Chance mehr haben, sobald das Schiff startet, ist Ihnen klar?“
Die Männer nickten übereinstimmend.
„Als nächsten Schritt werden Sie gleich morgen früh, sobald der reguläre Akademiebetrieb anfängt, ganz offiziell eine Beschwerde bei der Akademieleitung einlegen, indem Sie dem Leiter mitteilen, Fürst Danton ist von der USO gefangen genommen worden. Deshalb verlangen Sie von ihm ein Startverbot für die HATSCHEPSUT, bis die Angelegenheit geklärt ist. Natürlich kann der Professor dem nicht stattgeben. Obwohl er hier das Hausrecht hat, wird er es niemals wagen, einem USO-Schiff den Start zu verwehren. Im Gegenteil, er wird bei Atlan zurückfragen. Das ist dann der erste Stein der Lawine. Wir bzw. die Freihändler werden ganz offiziell das machen, was Atlan gar nicht gebrauchen kann, nämlich einen riesigen Wirbel. Es wird überall bekannt werden, dass Roi Danton in den Händen der USO ist, ohne dass ein Grund dafür vorliegt. Es muss wie ein Willkürakt durch die USO wirken.“
Oro schaltete zuerst. „Wir haben Frieden. Der Lordadmiral kann genau wie der Großadministrator im Moment zum Glück kein Kriegsrecht zur Anwendung bringen. Wenn man der USO überall vorwirft, gegen allgemein geltendes Recht den Befehlshaber einer privaten Handelsorganisation zu inhaftieren, möchte ich nicht in seiner Haut stecken.“
Bea zog eine Grimasse. „Stimmt genau. Ich sehe, Sie haben mich verstanden. Wir können aber nur gewinnen, wenn wir schnell sind. Atlan ist dafür bekannt, dass ihm immer etwas einfällt, auch wenn die Lage schon aussichtslos ist.
Also los, an die Arbeit. – Edelmann Hims, ich brauche jetzt eine Hyperfunkverbindung nach Olymp zum Kaiser. Bitte erzählen Sie mir nicht, dass es auf Olymp eventuell gerade Nacht ist. Das interessiert mich nicht.“
Hims las den Chronometer an seinem Multifunktionsarmband ab. „2.15 Uhr morgens, Fürstin.“
„Also dann. Ich wollte schon immer mal einen Kaiser frühmorgens aus dem Bett werfen.“
Ihr Lachen klang unecht und jeder merkte es.

**********

Roi Danton lag auf dem Bett in der luxuriösen Gastkabine der HATSCHEPSUT und dachte darüber nach, wie er Verbindung mit seinen Edelleuten aufnehmen konnte.
Die drei ertrusischen USO-Spezialisten hatten ihn dem wachhabenden Ersten Offizier, Captain Drave Newton übergeben, der für seine Unterbringung gesorgt hatte. Roi konnte sich über ihn nicht beschweren, im Gegenteil. Er wurde behandelt wie ein Gast ersten Ranges, genau wie Bea es gemäß den Wünschen von Lordadmiral Atlan angeordnet hatte. Allerdings konnte ihm das im Moment nicht weiterhelfen, da die Spezialisten ihm nicht nur die sichtbaren Waffen, sondern zusätzlich alle Gegenstände abgenommen hatten, in denen Mikroelemente verborgen sein könnten. Er konnte deshalb nur hoffen, dass Oro Masut, mit dem er die Möglichkeit eines Zugriffes durch die USO besprochen hatte, aus seiner Abwesenheit die richtigen Schlüsse ziehen würde. Aber auch dann hatte er wenig Hoffnung, einer Begegnung mit Atlan ausweichen zu können. Er machte sich keinerlei Illusionen, da er die Arbeitsweise der USO zu gut kannte. Wenn er Atlan im freien Raum begegnet wäre oder auch hier in der Akademie, hätte er es sich zugetraut, auch ihn zu täuschen, aber in einem direkten Gespräch unter vier Augen sah er dafür wenig Aussichten.
Er musste also hier raus – und das so schnell wie möglich.
Zusätzlich nagte Beas Verhalten an ihm. Seine Enttäuschung war so stark, dass es ihm körperlich schlecht ging, was er normalerweise nicht von sich kannte. Er konnte es nicht begreifen, dass sie sich so verändert hatte und ihn direkt in die Falle gelockt. Warum? Sie hätte doch gar nichts sagen müssen, so tun, als ob sie nichts von dem Auftrag der Spezialisten wüsste. Das erschien ihm immer noch fairer als dass sie ihn warnte, ihm verdeutlichte, dass um diese Zeit noch keine Gefahr bestand – und in genau diesem Augenblick erfolgte der Zugriff, eben weil er sich noch sicher fühlte.
Mit Gewalt versuchte er nicht an die Kommandantin zu denken, aber es gelang ihm nicht. Immer wieder kreisten seine Gedanken um diesen Punkt. Er sah in Beas Verhalten Verrat. Immer wieder versuchte er sich vor Augen zu halten, dass sie sich in ihrem Gewissenszwiespalt für ihre Loyalität der USO und dem Imperium gegenüber entschieden hatte. Aber auch dann hätte sie ihn nicht so gemein zu hintergehen brauchen.
Verletzt und enttäuscht wie Roi war, kam er nicht auf den richtigen Gedanken. Er, der sonst daran gewöhnt war, streng logisch zu denken, ließ sich diesmal von seinen Gefühlen beherrschen und schaffte es deshalb nicht, die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Zusätzlich beunruhigte ihn das Verhalten des Spezialisten Hagen, der allem Anschein nach der Anführer des Trios war. Während alle anderen auf ihn den Eindruck machten, dass sie mit seiner Gefangennahme eine Aufgabe erfüllten, die ihnen rein persönlich gar nicht gefiel, machte Hagen sich nicht die Mühe, seine Abneigung ihm gegenüber zu verbergen.
Mit Gewalt versuchte Roi nachzudenken, wieso ihm der Name bekannt vorkam. Es lenkte ihn auch etwas von seinen Gedanken an Bea ab. Dann erinnerte er sich: der ertrusische Händler, dem er ein sehr gutes Geschäft mit ferronischen Gewürzen, die sich in der ertrusischen Küche großer Beliebtheit erfreuten, abgenommen hatte. Roi hatte sich dabei nichts weiter gedacht, er hatte das bessere Angebot abgegeben und den Zuschlag erhalten. Er hatte den Händler als guten Verlierer kennen gelernt. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt gewesen. Anscheinend sah der Sohn das etwas anders.
Roi kannte solche Menschen. Hagen würde jede Gelegenheit nutzen, seine augenblickliche Überlegenheit ihm gegenüber auszuspielen. Dabei würde er nicht gegen die direkten Anweisungen von Atlan handeln, aber es gab für ihn trotzdem genug Möglichkeiten, ihn schikanieren.
Roi war mit seinen Gedanken schon wieder bei Bea, als der Türsummer ertönte. Da niemand die Kabine betrat, betätigte er den Öffnungsmechanismus von innen.
Man hält sich also sogar an die Höflichkeitsregeln, dachte er sarkastisch. Die Anweisungen von Atlan müssen demnach ganz eindeutig sein.
Er beschloss, diese Erkenntnis in seine weiteren Planungen einzubeziehen.
Hagen betrat in Begleitung von Captain Newton die Kabine. Seinem Gesicht war keine Regung anzusehen.
Roi wunderte sich. Dem Protokoll gemäß, wenn man ihn wirklich als Gast behandelte, hätte seinem Rang als Befehlshaber der Freihändler entsprechend nicht der Erste Offizier, sondern die Kommandantin als ranghöchster Offizier anwesend sein müssen. Er beschloss der Sache auf den Grund zu gehen.
„Was führt Sie zu mir, meine Herren? Sie sehen mich verwundert. Wenn ich die Gepflogenheiten an Bord von USO- und Solaren Schiffen richtig in Erinnerung habe, hätte Ihre Kommandantin sich die Ehre geben sollen.“
Jetzt konnte Hagen eine missmutige Grimasse nicht ganz unterdrücken.
Newton antwortete: „Das ist richtig, Fürst Danton. Da Major Wood bedauerlicherweise durch andere Aufgaben unabkömmlich ist, habe ich die Ehre, sie vertreten zu dürfen. Bitte betrachten Sie mich im Moment als Kommandanten der HATSCHEPSUT.“
In Rois Kopf schrillten alle Alarmglocken. Die Formulierung des Ersten Offiziers besagte für ihn nichts anderes als dass sich Bea nicht an Bord des Schlachtkreuzers befand. Sicherlich, das Fest musste noch in Gang sein. Aber in der jetzigen Situation hatte sie als Kommandantin an Bord ihres Schiffes zu sein. Alles andere wäre eine Missachtung ihrer Pflichten gewesen, die er ihr nicht zutraute.
Hatte Newton ihm etwas mitteilen wollen, das Hagen nicht wissen sollte? Rois Nerven waren zum Zerreißen gespannt.
Er gestand sich aber auch ehrlich ein, dass er nach jedem Strohhalm suchte, der ihm zeigte, dass Bea ihn eben nicht verraten hatte.
„Mr. Danton“, ergriff Hagen das Wort. „Ich habe mich dazu entschlossen, Sie einem kurzen Psychoverhör zu unterziehen. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass es uns alle interessiert, was Sie hinter Ihrer Maske verbergen. Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihr Wohlbefinden oder Ihre Gesundheit zu machen. Sie werden überhaupt nichts davon spüren. Es liegt uns fern, Sie körperlich zu schädigen.“
Roi zuckte verächtlich die Schultern. Ein hypnosuggestives Verhör war für ihn harmlos. Seine Mentalstabilisierung verhinderte, dass er etwas verriet und den in Trance Befragten konnte er hervorragend spielen. Das hatte er mehrfach unter der Anleitung der Psychowissenschaftler aus dem Team seines Schwagers auf Last Hope geübt.
„Wer sagt Ihnen denn, dass ich überhaupt eine Maske trage, Monsieur? Ich bin Roi Danton.“
„Ganz einfach, Mr. Danton. Auf keinem Planeten des Solaren Imperiums ist etwas über einen Roi Danton bekannt, erst seitdem Sie bei den Freihändlern aufgetaucht sind. Außerdem haben Sie selbst mehrfach erwähnt, dass Sie den Namen ‚angenommen’ haben. – Darf ich nun bitten? Wir haben hier auf dem Schiff noch andere Aufgaben, was besonders für den Kommandanten zutrifft, der laut Vorschrift bei dem Verhör zugegen sein muss.“
Roi bemerkte den feinen Unterschied im Verhalten der beiden Männer genau. Während Captain Newton sich höflich und korrekt verhielt, ihn mit seinem Titel ansprach, drängelte Hagen und nannte ihn einfach „Mr. Danton“.
Bevor sie durch die Tür gingen, meinte Roi eine Aufforderung in dem Blick von Newton zu sehen. Deshalb rempelte er ihn „versehentlich“ an.
„Entschuldigen Sie, Captain. Ich bin gestolpert.“
Hagen blickte ihn merkwürdig an, sagte aber nichts. Newton nutzte die Gelegenheit, um Roi zuzuraunen: „Major Wood ist an Bord der FRANCIS DRAKE. Sie wurde von Ihren Männern gefangen genommen. Es wurde schon ein Austauschersuchen gestellt.“
Roi hatte sich völlig in der Gewalt, obwohl er einen kalten Schauer in seinem Rücken spürte. Seine beiden Begleiter merkten nicht, dass er angestrengt überlegte, während er gleichmütig neben ihnen herging und sich in den Antigravschacht fallen ließ. Er schaffte es, seine Emotionen zu unterdrücken und die Situation rein logisch zu durchdenken.
Mehrere Fragen waren für ihn aufgetaucht. Niemand von seinen Männern hatte mitbekommen, wie er gefangen genommen worden war. Nur die drei ertrusischen Spezialisten und Bea waren dabei gewesen. Wieso war Bea dann gefangen genommen worden? Und wieso hatten seine Männer diesen Schritt überhaupt gewagt? Auch wenn Oro Rasto Hims und die anderen über ihren Verdacht vor Beginn des Festes informiert hatte, würden sie es niemals wagen, eine Kommandantin der USO gefangen zu nehmen. Obwohl er es ihnen zutraute, um ihm zu helfen, dagegen sprachen seine eindeutigen Befehle: egal in welcher Situation, Mitglieder der Flotte oder der USO, besonders Offiziere, wurden nicht angetastet. Er wollte nicht noch mehr Probleme mit dem Solaren Imperium.
In ihm keimte ein vager Verdacht auf, dass Bea sich freiwillig in die Hände seiner Leute begeben hatte. Das würde bedeuten, dass sie ihn wirklich nicht verraten hatte.
Aber warum hatte der Erste Offizier ihn informiert? Handelte er aus eigenem Antrieb oder hatte auch er gewisse Anweisungen für bestimmte Fälle von seiner Kommandantin erhalten?
Er kannte den Ehrenkodex der USO genau. Solange die Kommandantin an Bord der FRANCIS DRAKE gefangen war, würde die HATSCHEPSUT nicht starten. Ob das für ihn von Vorteil war, vermochte er noch nicht zu beurteilen.
Roi versagte sich vorerst die aufkeimende Erleichterung. Bis jetzt waren das alles noch lange keine Beweise.

**********

Das hypnosuggestive Verhör von Roi wurde zum totalen Misserfolg. Roi spielte den Willenlosen hervorragend, so dass weder Spezialist Hagen, seine beiden Kollegen oder Captain Newton bzw. der Ara-Chefarzt, die der Vorschrift gemäß als Zeugen anwesend waren, Verdacht schöpften. Für sie musste es so aussehen, als ob er einen starken Hypnoblock hätte, der verhinderte, dass er seinen wahren Namen oder andere Geheimnisse verriet.
Er hoffte nur, dass Hagen nicht auf die Idee kam, ihn unter dem Einfluss der modernsten Ara-Wahrheitsdroge zu verhören. Er würde zwar auch nichts verraten, davor schützte ihn die Mentalstabilisierung, aber die Schauspielerei würde sehr viel schwieriger werden. Er konnte nur hoffen, dass man aufgrund von Atlans eindeutigen Befehlen, ihn als Gast zu behandeln, nicht so weit gehen würde.

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Gleichzeitig überschlugen sich die Ereignisse an Bord der FRANCIS DRAKE, auf der Freihandelswelt Olymp, auf der Erde, dem Mars und schließlich in der Folge davon auch auf Quinto-Center ….

Auf den ersten Blick hatte Bea den Eindruck, einen intelligenten und tatkräftigen Mann vor sich zu haben, als die Hyperfunkverbindung von der FRANCIS DRAKE nach Olymp stand und Kaiser Lovely Boscyk sie zwar verschlafen, aber trotzdem sehr aufmerksam musterte.
Mit Absicht führte Bea das Gespräch von der Funkzentrale aus, obwohl Oro ihr angeboten hatte, sie in die mehrfach gesicherte Kabinenflucht von Roi Danton zu führen, zu der außer Roi selbst nur er Zutritt hatte. Sie wollte mit dieser Maßnahme das Vertrauen der Edelmänner festigen, indem sie dokumentierte, dass sie keine Geheimnisse mit dem Kaiser besprach und mit offenen Karten spielte.
„Majestät“, sie senkte respektvoll den Kopf und ging damit auf die Gepflogenheiten der Freihändler ein. „Ich bitte um Entschuldigung, dass ich Sie zu dieser Zeit wecken ließ, aber es sind hier auf dem Mars Dinge geschehen, die leider keinen Aufschub dulden. Ich bin Beatrice Wood und möchte mich Ihnen gerne kurz vorstellen. Sicherlich sind Sie irritiert, weil ich mich in der Uniform eines USO-Majors an Bord der FRANCIS DRAKE befinde.“
Boscyk unterbrach sie mit einer leichten Handbewegung und einem Lächeln.
„Miss Wood, Sie brauchen sich mir nicht vorzustellen. Ich weiß von Roi Danton genau, wer Sie sind und auch, dass er Ihnen anbieten wollte, als Fürstin in unsere Organisation einzutreten. Ich befürworte das ebenfalls, weil ich die Gründe für sein Angebot kenne. Er hat mir sogar ein wenig davon erzählt, was Sie vor gewisser Zeit zusammen bewältigt haben.“
Die Edelmänner in der Zentrale tauschten vielsagende Blicke. So gut also kannte ihr Chef die Frau, der sie jetzt seine Befreiung in die Hände gelegt hatten.
Bea sagte sich, dass Roi dem Kaiser sehr vertrauen musste, wenn er ihn nicht nur über seine Identität, sondern auch über einige Dinge aus seiner Vergangenheit informiert hatte. Zu dieser Zeit wusste sie noch nicht, dass Boscyk, der selbst keine Kinder hatte und dessen Frau gestorben war, versuchte, Michael ein väterlicher Freund zu sein und dass dieser gerne darauf eingegangen war.
„Ich nehme an, dass Sie aufgrund der Ereignisse noch keine Zeit hatten, sich umzukleiden“, fuhr Boscyk fort. „Was ist also geschehen und wie kann ich helfen?“
Beas Achtung vor dem Mann stieg. Anscheinend wurde er von den solaren Kontrollbeamten völlig unterschätzt, genau wie Roi zum Glück bisher.
Kurz und knapp informierte sie Kaiser Boscyk über ihren Auftrag von Atlan, die Geschehnisse und ihren Plan.
Der unterbrach sie kein einziges Mal, sondern nickte zum Schluss nur bestätigend.
„Es ist wirklich die einzige Chance. So sehe ich es auch, Miss Wood. Ich werde überall sehr laut verkünden, dass meine rechte Hand, Roi Danton, ohne Begründung von der USO verhaftet worden ist, obwohl rechtlich nichts gegen ihn vorliegt. Den Schluss daraus, dass es sich um einen reinen Willkürakt der USO handelt, überlasse ich den anderen, sonst werden wir am Ende noch wegen übler Nachrede belangt. Wir legen lediglich Protest gegen die Tatsache an sich ein. Ist es Ihnen recht, wenn ich damit über unsere Niederlassung beim Raumhafen Terrania-City beginne?“
Bea konnte ihr Lachen nicht unterdrücken. „Majestät, Sie sind ein Genie.“
Boscyk schüttelte ernst den Kopf. „Nein, das ist Roi, nicht ich. Hoffen wir, dass wir ihn frei bekommen, ehe Atlan ihn spricht. Dafür ist es noch zu früh.“
„Genau meine Meinung, Majestät. Darf ich mich nun verabschieden, wir haben hier auch noch einiges zu tun.“
„Selbstverständlich. Ich wünsche uns allen viel Erfolg, Fürstin.“
Bea senkte traurig den Kopf. „Danke, Majestät. Auch Rois Edelmänner nennen mich schon so. Aber ich muss erst noch ein klärendes Gespräch mit ihm führen. Im Moment muss er leider durch die unglückliche Verkettung der Umstände noch davon ausgehen, dass ich ihn in die Falle gelockt habe. Bevor ich das nicht mit ihm geklärt habe, kann ich den Rang nicht annehmen.“
Boscyk nickte sehr ernst. „Das ist eine schlimme Sache, Fürstin Wood. Aber ich vertraue darauf, dass Roi schnell merkt, was wirklich geschehen ist. Es mag sein, dass er Sie im Moment verflucht, aber letztendlich werden die Tatsachen und vor allen Dingen seine Gefühle ihn von Ihrer Aufrichtigkeit überzeugen. Von mir haben Sie hiermit die offizielle Bestätigung Ihres Titels.“
Damit unterbrach der Kaiser die Verbindung. Bea blieb noch einen Moment überlegend sitzen, ehe sie aufsah.
„Also dann“, gab sie sich einen Ruck. „Der nächste Schritt.“

**********

An Bord der HATSCHEPSUT hatte Spezialist Dart Hagen sich gegen den Widerstand seiner Kameraden und der Schiffsoffiziere zu einem Verhör Rois unter Wahrheitsdroge entschieden. Er argumentierte, dass Atlans Anweisungen in dieser Beziehung nicht eindeutig waren. Er hatte ein Verhör, bevor er selbst mit dem Freihändler-Befehlshaber sprach, nicht angeordnet, aber auch nicht direkt verboten.
Captain Newton machte noch einen letzten Versuch, Hagen umzustimmen, hatte aber keinen Erfolg. Roi war ihm und seinen Kameraden sympathisch. Seine offene Art hatte die Männer überzeugt. Alle sahen klar, dass der überzogene Stutzer eine Maske war, hinter der der Mann sein wahres Wesen versteckte – und dieses wahre Wesen schien klar und ohne Falsch zu sein. Außerdem war es auch in der Flotte und der USO bekannt, dass andere Freihändler seine Mannschaft darum beneideten, unter Roi Danton fliegen zu dürfen.
„Captain Masters, übernehmen Sie bitte das Kommando“, wandte er sich an den Zweiten Offizier. Nachdem das Austauschersuchen der Freihändler eingegangen war, hatte er alle Offiziere der HATSCHEPSUT von dem Fest, das immer noch – wenn auch inzwischen nur noch mit den letzten Unentwegten – in Gang war zurückgerufen. „Ich werde die Spezialisten zum Verhör von Fürst Danton begleiten.“
Masters nickte. Auch er war unvoreingenommen an Roi Danton herangegangen und von seiner charismatischen Ausstrahlung eingefangen worden.
Spezialist Hagen nickte Newton und seinen beiden Kollegen zu. „Wir treffen uns dann im Verhörraum der Bordklinik. Ich hole das Zeug schon mal. Die stärkstmögliche Dosis. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht herausbekommen, wer dieser Mensch ist.“
Rusty Winsow schüttelte missbilligend den Kopf. „Du bist der Chef, Dart. Aber wir alle haben Bedenken. Sicher, Atlan hat ein Verhör nicht direkt verboten, aber bitte schieß trotzdem nicht über das Ziel raus. Wenn später bekannt werden sollte, dass wir Fürst Danton wie einen Verbrecher verhört haben und die Freihändler offiziell bei der USO protestieren, kann ich mir schon jetzt lebhaft vorstellen, was Atlan uns erzählen wird.“
Hagen schüttelte heftig den Kopf. „Woher sollte es bekannt werden? Aber diese Droge hat nicht nur die Eigenschaft, dass ein Behandelter alles brav ausplaudert, sondern dass er hinterher unter Amnesie leidet. Er kann sich nicht mehr daran erinnern, es sei denn, er wäre mentalstabilisiert.“
„Sollten wir uns da nicht absichern? Ein einfaches CT reicht. Dann sind wir auf der sicheren Seite. Im Moment tippen wir darauf, dass der Freihändler einen starken Hypnoblock hat, aber er könnte auch mentalstabilisiert sein.“
Hagen winkte mit einer unwilligen Handbewegung ab. „Mentalstabilisiert, ich bitte dich! So abgeschossen wie der beim Verhör war, kann niemand schauspielern, das traue noch nicht einmal ich mir zu.“
„Na dann ist ja alles gut“, knurrte Winsow, nicht sehr überzeugt.

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Roi war nach dem Hypnoseverhör wieder in seine Kabine zurückgebracht worden. Diesmal hatte er keine Ruhe, um auf dem Bett liegen zu bleiben. Unruhig wanderte er in dem kleinen, aber luxuriös ausgestatteten Raum auf und ab. Bea ging ihm nicht aus dem Kopf. Er konnte und wollte einfach nicht glauben, dass sie ihn verraten hatte.
Was weiter auf ihn selbst zukam, konnte er sich schon denken. Selbst hatte er im Moment keine Möglichkeit, sich zu befreien. Er konnte nur auf Hilfe von außen hoffen. Und da war eben Bea der Faktor, von dem alles abhing. Auf welcher Seite stand sie?
Er ging davon aus, dass die Spezialisten ihn früher oder später mit der teuflischen Ara-Wahrheitsdroge verhören würden. Die Nebenwirkungen kannte er. Genau wie zur Einübung des Verhaltens unter einem Hypnosegerät hatte er sich auf Last Hope unter der Aufsicht von Geoffry Waringers Psychowissenschaftlern mehrfach der Wirkung ausgesetzt, um zu lernen, damit umzugehen.
Wenn seine Schauspielkunst trotz der körperlichen Strapaze ausreichte, würde die Mentalstabilisierung ihn vor einer Enttarnung bewahren.
Dann weiß ich jedenfalls, wofür ich damals diesen Horror auf mich genommen habe, dachte er sarkastisch.
Insofern war er innerlich schon vorbereitet, als Captain Newton mit den Spezialisten Winsow und Haart nach einem höflichen Klopfen die Kabine betraten. Er sah ihnen sofort an, dass sie eine Aufgabe erledigen mussten, die ihnen nicht gefiel. Vielleicht konnte er sie ja geschickt ein wenig aushorchen. Besonders Newton schien ihm gewogen zu sein.
„Ah, Messieurs, was verschafft mir die Ehre? Mit Bedauern sehe ich, dass Ihre charmante Kommandantin anscheinend immer noch unabkömmlich ist. Wann darf ich damit rechnen, dass Major Wood mir die Gunst ihrer Anwesenheit schenkt?“
Newton hob unwillig die Schultern. „Vorerst müssen Sie sich mit mir begnügen, Fürst Danton. Wie lange, kann ich Ihnen leider nicht sagen, da auch ich nicht über die Dauer der Verhinderung von Major Wood unterrichtet bin.“
Rois Gedanken wirbelten. Sein Instinkt sagte ihm, dass außerhalb der HATSCHEPSUT etwas im Gange war, worüber er im Moment nicht informiert war, aber dessen Ziel wahrscheinlich seine Befreiung war. Gestartet war das Schiff noch nicht, das hätte er auch in der Kabine mitbekommen.
„Kommen Sie bitte mit uns, Fürst Danton. Wir bringen Sie in die Bordklinik, damit Sie dort mit Hilfe eines Medikamentes noch einmal befragt werden. Leider können wir Ihnen das nicht ersparen.“
Roi nickte nur. Er hielt es für besser, abzuwarten, wie die Männer sich weiter verhalten würden. Außerdem würde man möglicherweise Verdacht schöpfen, wenn ein Freihändler über solche Drogen informiert war, die ausschließlich von Geheimdiensten eingesetzt wurden.
„Also gehen wir und bringen es hinter uns, Messieurs.“
Im Verhörraum der Bordklinik erwartete Hagen sie schon. Roi fiel auf, dass kein Arzt anwesend war, was eigentlich den Vorschriften widersprach. Sobald ein Medikament verabreichte wurde, hatte für einen eventuellen Notfall ein Mediziner anwesend zu sein. Lediglich ein Medoroboter wartete bewegungslos im Hintergrund.
Die anderen Männer registrierten diese Tatsache mit einem leichten Stirnrunzeln.
Hagen gab sich den Anschein, auch nur seine Pflicht zu tun. Er deutete auf eine Liege.
„Mr. Danton, wir müssen Sie leider noch einmal verhören. Diesmal mit Hilfe eines Medikamentes, dass Sie zwingt, uns die Wahrheit zu sagen und dass hoffentlich auch gegen Ihren Hypnoblock ankommt. Wir werden es einfach mal versuchen.“
Roi kam der Aufforderung nach und setzte sich auf die Liege.
„Bitte legen Sie sich ganz entspannt hin. Fairerweise kläre ich Sie darüber auf, dass das Medikament Nebenwirkungen hat. Bis jetzt ist es den Aras nicht gelungen, diese zu beseitigen, bedauerlicherweise.“
Roi hatte das Gefühl zu ersticken bei so viel falscher Freundlichkeit. Aber er hatte trotz seiner Jugend schon gelernt, dass es äußerst unklug war, einen Feind zu reizen.
„Zuerst einmal kann das Medikament nicht per Hochdruckspritze verabreicht werden. Deshalb wird der Medorobot Ihnen einen Venenzugang legen und darüber die Injektion geben. Falls es nötig sein sollte, können darüber auch andere Medikamente gegeben werden.
Ihnen wird nichts Schlimmes geschehen, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Von der Befragung an sich werden Sie auch nichts merken, Sie haben einfach das Gefühl haben, einzuschlafen und wachen nach ungefähr einer halben Stunde wieder auf. Da das Medikament starke Übelkeit auslöst, werden wir Ihnen jetzt noch zusätzlich ein Mittel geben, das verhindert, dass Sie sich nach dem Aufwachen übergeben müssen. Wir wollen Sie ja nicht unnötig Missbefindlichkeiten aussetzen.“
Dabei grinste er hämisch. Roi musste sich beherrschen, um sein Erschrecken nicht zu zeigen. Er kannte sich gut genug aus, um zu wissen, dass es kein Medikament gab, das die Übelkeit durch die Droge mildern konnte. Im Gegenteil: die Aras hatten ein Medikament entwickelt, das – in Kombination mit der Wahrheitsdroge verabreicht – die Übelkeit so verstärkte, dass ein Mentalstabilisierter, der den Beeinflussten spielten musste, sich zwangsläufig verriet, weil er sich nicht mehr beherrschen konnte. Die Kombination wurde eingesetzt, falls die Vermutung bestand, dass der Verhörte mentalstabilisiert war und man kein CT zur Verfügung hatte, um das schnell und gefahrlos festzustellen.
Roi wusste, dass ein CT zur Standardausrüstung jedes Bordlazaretts größerer Schiffe gehörte, also auch der HATSCHEPSUT. Dass es nicht eingesetzt wurde, sagte ihm genug über die Einstellung Hagens. Andererseits gab es ihm die Chance, sein Inkognito zu wahren, wenn er es schaffte, standzuhalten. Zumindest wusste er jetzt, was auf ihn zukam.
„Sir, ich glaube, dieses Medikament ist nicht nötig“, wandte Captain Newton ein. „Fürst Danton ist sicherlich in der Lage, die kleine harmlose Übelkeit nach dem Aufwachen zu ertragen. Sie wird ihn nicht übermäßig beeinträchtigen und schnell wieder vergehen.“
Roi versuchte sofort nach dem Rettungsanker zu greifen. Ihm war jetzt ganz klar, dass der Erste Offizier ihm gewogen war. Immer mehr sagte auch sein Instinkt und sein Gefühl ihm, dass er Bea im ersten Moment unrecht getan hatte. Sie konnte ihn nicht verraten haben!
„Oh, Monsieur le capitaine“, säuselte er, in seine Rolle zurückfallend. „Wie treffend Sie das ausgedrückt haben. Natürlich bin ich Manns genug, um eine solche Hilfe nicht nötig zu haben.“
Hagen schüttelte nur den Kopf. „Ich bestehe darauf, Mr. Danton. Keine Widerrede. Schließlich möchte ich mir nicht vorwerfen lassen, wir hätten Sie unnötig schikaniert.“
Roi gab es auf. Er versuchte sich zu entspannen und zu wappnen für das, was auf ihn zukam. Wie er es schon früher von Atlan gelernt hatte, versuchte er seinen Geist aus dem Körper zu „lösen“, eine Art Autosuggestion, die auch bei Schmerzen aller Art sehr gut half.
Deshalb merkte er gar nicht bewusst, wie der Roboter schnell und präzise einen Venenzugang auf seinem linken Handrücken legte. Nur leicht spürte er, wie ein Medikament sich als kalte Welle verteilte, dann noch eines gleich hinterher.
Mit Gewalt erinnerte er sich an sein Training mit den Psychowissenschaftlern auf Last Hope. Langsam ließ er die Augen zufallen, tat so, als ob er wirklich einschlief.
Obwohl er vorbereitet war, traf ihn die Übelkeit wie ein riesiger Schock. Von einer Sekunde zur anderen merkte er, wie sein Mageninhalt die Speiseröhre emporstieg. Mit Gewalt unterdrückte er ein Würgen.
Die zweite Welle war noch schlimmer. Er hatte das Gefühl, nur noch würgen zu müssen.
Wie durch Watte hörte er die Stimme von Hagen. „So, jetzt ist er weggetreten. Wir können beginnen.“
Er wandte sich seinem Opfer zu. „Mr. Danton, wie lautet Ihr richtiger Name?“
„Roi Danton“, stammelte Roi. Er gab seiner Stimme einen abwesenden und tonlosen Klang.
„Bitte erinnern Sie sich ganz genau. Haben Sie einmal einen anderen Namen gehabt?“
„Nein …“
„Verdammt“, fluchte Hagen unbeherrscht. „Der Hypnoblock ist unheimlich stark. Der ist von absoluten Profis oder von einem Mutanten angelegt worden.“
„Profis“, kommentierte Winsow trocken. „Wie soll ein Freihändler an Mutanten kommen?“
„Sind wir denn sicher, dass unsere Spezialisten wirklich alle Mutanten finden?“, schnappte Hagen zurück. „Aber ich will wissen, ob Major Wood uns verraten hat. Ich nehme an, der Block wirkt nur bei Fragen nach seinem Namen und seiner Herkunft. Die jetzige Situation konnte nicht berücksichtigt werden, als er angelegt wurde, egal von wem.“
Haart seufzte. „Bitte, Dart, wir verstehen dich ja. Aber sieh keine Gespenster, wo keine sind. Die Kommandantin kann ihn nicht gewarnt haben, weil sie nicht wusste, dass wir uns entschieden hatten, schon früher zuzugreifen. Das wussten nur wir drei, noch nicht einmal der Admiral.“
Roi hatte das Gefühl, in ein tiefes Loch zu fallen. So groß war die Erleichterung! Das ließ für einen Moment das alles beherrschende Gefühl der Übelkeit in den Hintergrund treten. Bea, seine Bea, sie hatte ihn wirklich nicht verraten! Sein Gefühl war richtig gewesen, sie war noch genau die Freundin, die er kannte und mit der er so viel gemeinsam durchlitten hatte, in deren Schuld er immer noch stand und wohl auch immer stehen würde.
Diese Erkenntnis gab ihm die Kraft, weiter durchzuhalten. Für Bea!, dachte er bei sich. Ich schaffe das für dich! Wieder einmal gibt sie mir Kraft. Du riskierst wahrscheinlich Kopf und Kragen für mich – und das sollst du nicht umsonst machen!
Der Gedanke gab ihm die Kraft, sein wild schlagendes Herz zu beruhigen und die wieder in einer riesigen Welle hochschlagende Übelkeit herunterzuschlucken, bevor sie ihn überwältigte und damit verriet.
„Mr. Danton, hat Major Wood Ihnen gesagt, wann wir sie gefangen nehmen wollten?“, fuhr Hagen fort.
„Nein …“ Rois Stimme war nur noch ein tonloses Murmeln.
„Die Kommandantin ist über jeden Zweifel erhaben“, mischte Captain Newton sich jetzt ärgerlich in das Gespräch. Da Roi die Augen geschlossen halten musste, konnte er nicht sehen, dass Newton ihn aufmerksam musterte.
„Da bin ich mir nicht so sicher“, schnauzte Hagen zurück.
„Sie haben es eben gehört, Spezialist. Mr. Danton wusste nichts von unseren Plänen. Unter der Droge kann er gar nicht anders als wahrheitsgemäß antworten.“
„Und was ist mit seinem Namen? Den müsste er uns doch auch wahrheitsgemäß nennen. Nein, da stimmt was nicht. Ich will ganz sicher gehen. Wir werden ihm noch eine Dosis verabreichen. Wir gehen davon aus, dass er reiner Terraner ist. Aber was ist, wenn er von einem Kolonialplaneten kommt, deren Bewohnern man es nicht ansieht, die sich nicht verändert haben. Sie wissen, dass die Droge bei Umweltangepassten ganz anders wirken kann, das geben sogar die Aras zu.“
Ein eisiger Schrecken durchzog Roi. Hagen kam der Wahrheit bedenklich nahe. Er war wirklich nur zur Hälfte Terraner, durch seine Mutter zur anderen Hälfte Plophoser und reagierte dadurch auf Medikamente teilweise anders als reine Terraner. Ihm war in diesem Moment klar, dass er bei einer zweiten Dosis seine Tarnung nicht mehr aufrechterhalten konnte. Er war jetzt schon kurz vor dem Aufgeben. Die Übelkeitswellen wurden immer stärker und kaum noch zu unterdrücken.
„Sir, ich protestiere in aller Form“, ertönte die Stimme von Newton. „Sie wissen genau, dass eine zweite Dosis des Medikamentes zu lebensgefährlichen Kreislaufzusammenbrüchen führen kann. Wie Sie schon selbst sagten, wir wissen nicht, ob Fürst Danton wirklich Terraner ist. Das Risiko sollten wir nicht eingehen. Können Sie sich die politischen Verwicklungen vorstellen, wenn der Befehlshaber der Freihändler in einem Schiff der USO zu Schaden kommt oder sogar verstirbt?“
Roi zuckte zusammen, als Newton die Dinge so deutlich aussprach. Mit Absicht hatte er diesen Punkt aus seinen Überlegungen ausgeklammert, sich nur mit der Gefahr für sein Inkognito befasst.
„Wollen Sie mir drohen, Captain Newton?“
„Nein, Spezialist Hagen. Ich habe nur Fakten genannt. Selbstverständlich haben Sie das Kommando über diesen Einsatz. Aber es ist meine Pflicht gemäß den Statuten der USO als Zeuge eines Verhörs, Sie darauf hinzuweisen.“
„Captain Newton hat recht“, bestätigte nun auch Rusty Winsow. „Sei doch einfach objektiv wie sonst auch. Mr. Danton hat deinem Vater nichts getan. Es war einfach der Wettbewerb zweier privater Händler – und Mr. Danton hat den Auftrag bekommen. Ein ganz normaler kaufmännischer Vorgang, wie er in der Galaxis jeden Tag zigmal vorkommt. Das hat absolut nichts mit unserem Auftrag zu tun. Wenn du das nicht kannst, muss ich dich des Kommandos entheben und Lordadmiral Atlan in Kenntnis setzen. Lass es bitte nicht so weit kommen!“
Hagen wurde durch das Summen des Interkoms einer Antwort enthoben. Der derzeit wachhabende Zweite Offizier war am Gerät. Er zog ein Gesicht, als ob gerade die Welt untergegangen wäre. „Sir, ein Anruf von Lordadmiral Atlan. Er verlangt Sie und Ihre beiden Kollegen sofort zu sprechen. Außerdem musste ich ihn darüber informieren, dass Major Wood an Bord der FRANCIS DRAKE festgesetzt ist. Darf ich Sie um Eile bitten, Atlan ist sehr ungehalten.“
„Verdammter Mist“, fluchte Hagen.
„Noch ist nichts passiert“, beruhigte Richard Haart ihn. „Von uns sagt niemand etwas und Fürst Danton kann auch später keinen Protest einlegen, weil er sich an das Verhör nicht mehr erinnert.“
Denkt Ihr, dachte Roi bei sich.
„Ich kümmere mich um Fürst Danton“, bot Captain Newton an. „Oder bin ich auch verlangt worden?“, fragte er zum Interkom hin.
„Nein, bis jetzt nicht“, antwortete Masters.
Nachdem die drei Ertruser den Verhörraum verlassen hatten, wandte Newton sich Roi zu.
„Ich vermute, dass Sie mich hören können, Fürst Danton. Die Entscheidung, ob Sie mir vertrauen, muss ich Ihnen überlassen. Wir haben jetzt keine Zeit für Erklärungen.
Major Wood hat mir bestimmte Informationen gegeben und Sonderbefehle erteilt, genau wie Sie sicherlich Ihrem Stellvertreter. Ich weiß deshalb, dass Sie mentalstabilisiert sind und gehe davon aus, dass Sie sich im Moment hundeelend fühlen. Sie brauchen sich nicht mehr zu beherrschen, wir sind allein im Raum und die Überwachung habe ich ausgeschaltet. Der Medorobot wird Sie versorgen.
Unser gesamtes Offizierkorps sympathisiert mit den Freihändlern.“
Roi öffnete die Augen. Er war bereit, dem Ersten Offizier zu vertrauen. Dass Bea ihn informiert hatte, reichte ihm aus. Er verließ sich auf ihre Menschenkenntnis und ihre Aufrichtigkeit. Inzwischen machte er sich schon Vorwürfe, dass er an ihr gezweifelt und sie so ruppig behandelt hatte. Aber das würde sich klären, sobald sie sich wiedersahen. Er konnte nur hoffen, dass sie ihm verzeihen würde.
„Wissen Sie, was Major Wood vorhat?“
Newton schüttelte den Kopf. „Nicht im Einzelnen. Nur, dass sie alles versuchen wird, Sie hier freizubekommen, ehe wir starten.“
Eine neue Übelkeitswelle überschwemmte Roi. Diesmal konnte er sich zumindest ein wenig Luft verschaffen, indem er fluchte. Am liebsten hätte er einfach nur gespuckt, sich erleichtert, es nicht mehr unterdrückt, was ihn so viel Willenskraft kostete und wobei er das Gefühl hatte, die Übelkeit wurde immer schlimmer und nicht besser. Aber in Gegenwart des Offiziers ließ sein Stolz dies nicht zu, solange er es verhindern konnte.
Eine andere Frage schien der Erste Offizier an seinem Gesicht ablesen zu können. Er lächelte: „Nein, Fürst Danton. Ich weiß nicht, wer sie wirklich sind. Major Wood sagte mir nur, dass sie Sie schon länger kennt und eine Information an andere für sie einem Vertrauensbruch gleichkäme.“
Roi fühlte eine heiße Welle der Sympathie für Bea in seinem Innern.
Newton verabschiedete sich nun schnell, weil er in der Zentrale gebraucht wurde.
„Danke“, rief Roi ihm hinterher.
Der Medorobot glitt auf Roi zu. „Bleiben Sie ruhig liegen, Sir. Es wird gleich besser werden
Ein dünner Schlauch schob sich zwischen Rois Lippen und senkte sich ohne weiteren Würgereiz auszulösen fast nicht merkbar durch die Speiseröhre in seinen Magen. Roi schloss die Augen und merkte, wie die Übelkeit und der Druck auf den Magen weniger wurden. Anscheinend saugte der Roboter den Mageninhalt ab. Anschließend fühlte er, wie sich etwas warm und wohltuend in seinem Magen ausbreitete.
Geschafft, dachte er erleichtert und auch stolz auf sich. Das eben war viel härter als die Übungen auf Last Hope.
„Bitte essen und trinken Sie während der nächsten zwei Stunden nichts, Sir“, erklärte der Medorobot. „Ich habe ein Medikament gegen Übelkeit und Schmerzen in Ihren Magen eingebracht. Über den Venenzugang gebe ich Ihnen eine Infusion mit Flüssigkeit und Elektrolyten. Möchten Sie ein Beruhigungsmittel?“
Roi überlegte. Die Aussicht war verlockend. Er war hochgradig erschöpft. Trotzdem lehnte er ab. Er musste wach bleiben, konnte nicht hier liegen und schlafen, während sich die Ereignisse draußen überschlugen. Es nervte ihn ganz erheblich, dass er nicht wusste, was vorging und auch nichts unternehmen konnte. Sich auf andere zu verlassen, war nicht seine Art.
Der Medorobot glitt in die Ecke zurück. Roi streckte sich aus und genoss das Gefühl, von der fürchterlichen Übelkeit befreit zu sein.
Auch ohne Beruhigungsmittel fielen ihm nach einiger Zeit die Augen zu. Er konnte es nicht verhindern. Als Letztes dachte er noch daran, dass er jetzt nicht in der Haut der Spezialisten stecken mochte, noch weniger direkt in der Nähe des Arkoniden sein.

**********

Es war morgens um 4.10 Uhr in Quinto-Center, als Atlan vom Summen des Interkoms aus dem Schlaf gerissen wurde.
„Haben Sie schon mal auf Ihre Uhr gesehen?“, knurrte er den wachhabenden Offizier am anderen Ende unwillig an. „Welche Katastrophe veranlasst Sie, mich um diese Zeit zu wecken?“
Der verzog keine Miene, für Atlan ein Alarmsignal. „Ein dringender Anruf von Solarmarschall Mercant, Sir. Er möchte Sie sofort sprechen. Soll ich durchstellen?“
Atlan war jetzt hellwach und sprang aus dem Bett. „Stellen Sie durch“, ordnete er an, während der sich anzog, obwohl Allan D. Mercant, der Chef der Solaren Abwehr, ihn sofort sehen musste. Beide kannten sich schon zu lange, um darauf Rücksicht nehmen zu müssen.
Mercants Gesicht wirkte freundlich wie immer. Wer ihn nicht kannte, hätte ihn für einen zufriedenen Rentner halten können. Aber Atlan kannte ihn sehr genau, er ließ sich nicht täuschen. Mercant rief ihn um diese Zeit nicht wegen Lappalien an. Er hielt sich auch gar nicht erst mit Höflichkeiten auf.
„Atlan, was ist bei Ihnen schief gegangen? Die Kosmischen Freihändler, genauer gesagt dieser so genannte Kaiser Boscyk hat gerade eben offiziell Protest bei der Regierung des Solaren Imperiums eingelegt gegen das Vorgehen der USO. Seinen Angaben zufolge hat ein USO-Einsatzkommando seinen Stellvertreter Roi Danton inhaftiert, völlig ohne Grund, wie er sehr deutlich anmerkt.“.
„Die HATSCHEPSUT müsste noch auf dem Mars stehen“, antwortete Atlan nach einem Blick auf das Chronometer. „Das große Abschlussfest war gestern Abend. Major Wood hatte ihren Start vom Mars für 17.00 Uhr Terrazeit heute geplant. Das war allerdings noch vor dem Fest. Seitdem habe ich von ihr und den Spezialisten nichts mehr gehört.“
Ein erneutes Summen des Interkoms unterbrach das Gespräch. Atlan bedeutete Mercant, die Verbindung zu halten und nahm den Anruf an.
„Sir“, der Wachhabende suchte sichtlich nach Worten. „Es kommen eine Menge Meldungen herein, nach denen Kaiser Boscyk von den Kosmischen Freihändlern Protest bei den USO-Niederlassungen auf Terra, den Siedlungsplaneten des Solaren Systems sowie den offiziellen Vertretungen auf den Welten des Arkon-Systems eingelegt hat. Grund: Die völlig unbegründete Festnahme seines Stellvertreters Roi Danton. Die Kommandeure fragen an, wie sie sich verhalten sollen.“
„Mitteilen, dass es sich nur um einen Irrtum handeln kann und dass sie bei mir rückfragen. Hinhalten.“
Der Offizier nickte, um gleich darauf noch blasser zu werden als er es schon war.
„Was denn noch?“, fragte Atlan ahnungsvoll.
„Soeben kommt eine Mitteilung vom Leiter der Raumakademie Mars herein. Der Stellvertretende Kommandant des Freihändlerflaggschiffs FRANCIS DRAKE, ein gewisser Edelmann Rasto Hims protestiert in aller Form gegen die Willkür der USO aus eben diesem Grund. Er behauptet steif und fest, dass er selbst gesehen hat, wie unsere Spezialisten Roi Danton festgenommen und an Bord der HATSCHEPSUT gebracht haben. Seitdem sei er nicht wieder aufgetaucht. Er verlangt eine Durchsuchung der HATSCHEPSUT, eine Entschuldigung der Kommandantin und solange ein Startverbot für unser Schiff. Professor Harper weiß natürlich, dass er ein USO-Schiff nicht festhalten kann, allerdings bestätigt er, dass Roi Danton wirklich seit kurz nach dem Galadiner verschwunden ist. Zuletzt wurde er gesehen, wie er zusammen mit Major Wood allein den Festsaal verlassen hat. Man hätte sich zwar über Dantons Abwesenheit gewundert, aber da er in Damenbegleitung verschwand, nicht nachgeforscht.“
Atlan konnte seinen Zorn nur mühsam beherrschen, zumal sein Logiksektor sich einschaltete: So dumm können die Spezialisten nicht gewesen sein, sich beobachten zu lassen. Nimm Verbindung mit ihnen auf, sofort! Du musst wissen, was auf dem Mars wirklich geschehen ist.
„Teilen Sie ihm das Gleiche wie den anderen mit“, ordnete der Arkonide an. „Er hat richtig gehandelt. Die HATSCHEPSUT erhält sofortige Startfreigabe, sofern sie es wünscht. – Und ich brauche eine Eilverbindung zur HATSCHEPSUT. Ich möchte sofort Major Wood und die Spezialisten sprechen.“
Er wandte sich dem Bildschirm zu, auf dem Mercant immer noch zu sehen war. „Alles mitgehört?“
„Ja. Und nun? Wir können nur abwiegeln und Sie müssen das Wild wohl wieder laufen lassen. Denn nach den Meldungen gehe ich davon aus, dass Ihre Spezialisten es haben.“ Mercant verzog unwillig das Gesicht. Er überlegte. „HATSCHEPSUT, Major Wood … das ist doch die Kommandantin, die diesen Fall der Raumpiraterie unter den Freihändlern aufdeckte. Und die damals bei dem Hochverratsfall dem Sohn des Chefs und den anderen Lehrgangsteilnehmern das Leben gerettet hat.“
„Ja, genau um sie handelt es sich. Von ihr haben wir erste Hinweise auf das Verhalten und den Charakter von diesem Fürsten Danton erhalten.“
„Was aber noch nicht die wichtigste Frage klärt: wer bei den Freihändlern hat so viel Hintergrundinformationen, um genau zu wissen, wo man protestieren muss, um möglichst viel Unruhe zu verbreiten? Ich glaube nicht, dass dieser Boscyk das wirklich weiß, da hat ihn jemand beraten, der uns sehr genau kennt.“
Atlan nickte sinnend. Ihm war klar, dass er Roi Danton wieder freilassen musste, ehe er ihn überhaupt gesprochen hatte. So massiv wie die Proteste waren, hatte er gar keine Zeit mehr, ihn nach Quinto-Center bringen zu lassen. Auch wenn er ihn zur Erde bringen ließ und sich selbst per Transmitter dahin begab, so dass ihn niemand bemerkte, reichte die Zeit für ein ausführliches Gespräch nicht aus. Danton musste schnellstens wieder auftauchen, am besten sofort. Wenn nicht … die darauf folgenden politischen Verwicklungen mochte er sich gar nicht erst vorstellen. Auch für ein Verhör durch Mercant, der vor Ort war, reichte die Zeit nicht. Man beobachtete sie jetzt ganz genau.
Zumal Roi Danton höchstwahrscheinlich nicht darüber schweigen würde, dass er ohne triftigen Grund von der Solaren Abwehr verhört worden war.
Als die Verbindung zur HATSCHEPSUT stand, meldete sich nach dem Funkoffizier der wachhabende Offizier. „Sir? Captain Masters, Zweiter Offizier der HATSCHEPSUT, derzeit Wachhabender.“ Seinem Gesicht war eine gewisse Unsicherheit deutlich anzusehen. In Atlan schrillten alle Alarmglocken. Er hielt sich nicht mit Höflichkeitsfloskeln auf.
„Ich möchte Major Wood sprechen, und zwar sofort. Wenn nötig, wecken Sie sie, und das schnell, Mr. Masters. Ich bin sehr ungeduldig.“
Masters wand sich, wusste anscheinend nicht, was er sagen sollte. Dann gab er sich einen Ruck. „Sir, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Major Wood nicht an Bord ist. Sie befindet sich im Moment als Gefangene an Bord des Freihändlerschiffes FRANCIS DRAKE. Der Erste Offizier der DRAKE hat bereits ein Austauschersuchen gestellt, da sich sein Kommandant Roi Danton an Bord unseres Schiffes befindet.“
„Und wieso erfahre ich das alles erst jetzt?“, schrie Atlan ihn an.
„Sir, wir wollten die Angelegenheit hier gemäß dem Ehrenkodex der USO regeln.“
Atlan holte tief Luft und beruhigte sich wieder etwas.
„Das spricht sehr für Sie, Captain. Dann ist es also Tatsache, dass Roi Danton sich an Bord Ihres Schiffes aufhält? Ich hoffe, dass er gemäß seinem Rang als Befehlshaber einer großen privaten Handelsgesellschaft und meinen Anordnungen als mein persönlicher Gast behandelt wird?“
„Sir …“, druckste Master und wurde blass.
„Das genügt mir. Holen Sie sofort Spezialist Hagen und seine Kameraden. Ich will Antworten – und das ohne weitere Verzögerungen!“
Atlan wandte sich wieder Mercant zu. „Ich schlage vor, wir wiegeln weiter ab. Inzwischen sorge ich dafür, dass dieser Danton mit einem großen Bahnhof an Bord seines Schiffes zurück gebracht wird. Es müssen möglichst viele Leute mitbekommen. Anderes können wir nicht tun. Diesen Einsatz müssen wir als Fehlschlag betrachten. Aber wir werden uns etwas einfallen lassen, seien Sie sicher, Allan. Ich überlege sogar schon, ob ich es das nächste Mal selbst versuche, da müsste ich aber sehr gut Maske machen.“
Mercant lächelte. „Es reizt Sie, Atlan. Das merke ich schon. Aber jetzt verabschiede ich mich. Die weiteren Interna mit Ihren Leuten gehen mich nichts an.“
Atlan nickte und unterbrach die Verbindung. In diesem Augenblick meldete sich Spezialist Dart Hagen in militärisch korrekter Haltung von der HATSCHEPSUT aus.
„Spezialist Hagen sowie die Spezialisten Winsow und Haart wie befohlen zur Stelle, Sir.“
Atlan machte sich nicht die Mühe, seine Wut zu unterdrücken. „Ich bin schon weitestgehend informiert, nicht von Ihnen, wie es hätte sein sollen. Beantworten Sie mir nur eine Frage: wie konnte es passieren, dass Sie beobachtet wurden, als Sie Fürst Danton festnahmen? Sie müssen sich verhalten haben wie blutige Anfänger! Sie, drei hoch qualifizierte Spezialisten!“
„Sir“, Hagen stotterte. „Ich versichere Ihnen ehrenwörtlich, dass uns niemand von den Freihändlern und auch keine anderen Gäste beobachtet haben.“
Die beiden anderen nickten zustimmend.
„Es war nur Major Wood anwesend“, ergänzte Richard Haart. „Sie wurde dann auch später von den Freihändlern gefangen genommen. Also muss uns jemand beobachtet haben, wahrscheinlich genauso wie wir im Schutz eines Deflektorschirmes. Wir können es uns nur so vorstellen, dass jemand neugierig war und nachschauen wollte, was Fürst Danton mit der Dame, die ihn nach draußen begleitet hat, macht.“
In diesem Augenblick meldete sich Atlans Extrahirn mit einem Impuls, der ihn innerlich zusammenzucken ließ. Es könnte sein, dass Major Wood freiwillig an Bord des Freihändlerschiffes ist. Das erklärt, wieso die Proteste der Freihändler so gezielt, so deutlich und so schnell kamen. Du kannst davon ausgehen, dass du sie verloren hast.
Ihm war plötzlich alles klar. Er nahm die Erkenntnis des Logiksektors als Tatsache und richtete sein weiteres Handeln danach aus. Wie er schon zu Mercant gesagt hatte, dieser Einsatz musste als gescheitert angesehen werden.
Es war jetzt seine Aufgabe, Schadensbegrenzung in großem Stil zu betreiben. Der ehemalige Arkonidenadmiral und Imperator des Großen Imperiums verlor nicht gerne, das verletzte seinen Stolz. Aber wenn er verloren hatte, war er auch ehrlich und realistisch genug, seine Niederlage vor sich selbst einzugestehen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass eine junge Raumschiffskommandantin, die keinen Mann mehr an ihrer Seite wollte, sich von dem Charisma des jungen Freihändlers einfangen ließe. Vielleicht hatte sie auch noch andere Gründe. Er würde auf jeden Fall ein sehr ausführliches Gespräch mit ihr führen, wenn sie denn noch bereit war, mit ihm zu sprechen. Er konnte sie nicht dazu zwingen, falls sie ihren Abschied schriftlich einreichte, er konnte nur hoffen, dass er sie noch einmal wieder sah.
„Also gut“, meinte Atlan zu den Spezialisten. „Ihren Auftrag müssen wir als gescheitert ansehen. Bitte holen Sie Fürst Danton, ich möchte zumindest kurz mit ihm über Funk sprechen.“
Hagen senkte den Kopf und suchte nach Worten. Winsow sprang ein: „Leider ist das im Moment nicht möglich, Sir. Fürst Danton ist nicht vernehmungsfähig. Er ist vom Charakter her wohl wirklich so verweichlichst und wenig widerstandsfähig, wie er auftritt. Er befindet sich unter Medo-Überwachung, weil sein Körper auf den Schock der Verhaftung sehr heftig reagierte.“
Atlan kämpfte mit Gewalt seine wieder aufflammende Wut nieder. Er brauchte gar nicht den Hinweis seines Logiksektors.
„Sie brauchen nichts mehr sagen. Mir ist alles klar, meine Herren. Sie haben Fürst Danton – entgegen meinen Anweisungen ihn als Gast zu behandeln – mit der Ara-Wahrheitsdroge verhört und es geht ihm im Moment entsprechend schlecht. Was hat Sie dazu bewogen, verdammt noch mal? Wenn überhaupt, hätten wir ein solches Verhör in meiner Anwesenheit hier durchgeführt! Dann hätte ich das persönlich entschieden und verantwortet! Können Sie sich vorstellen, was in der Galaxis los ist, wenn die Freihändler das öffentlich machen?“
„Sir“, Hagen hatte sich wieder gefasst. „Danton kann sich nicht mehr daran erinnern, wie Sie wissen. Und außerdem dachte ich, dass ich Ihnen entgegenkomme, wenn Sie schon wissen, mit wem Sie es zu tun haben, bevor Sie ihn persönlich sprechen.“
Jetzt konnte Atlan sich nicht mehr beherrschen. „Sie brauchen mich nicht daran zu erinnern, was ich zu wissen habe, Spezialist! Selbstverständlich kann sich Danton an das Verhör an sich nicht erinnern, aber daran, dass er eine Weile bewusstlos war und dass es ihm danach sehr schlecht ging. Ich erwarte Sie drei umgehend nach Ihrer Rückkehr zur Berichterstattung in meinem Büro. Sie können die Zeit des Rückfluges dazu benutzen, einen ordentlichen Bericht anzufertigen. Und jetzt will ich den Ersten Offizier sprechen, sofort!“
„Captain Newton, Sir“, ertönte die atemlose Stimme des Offiziers. Er war gerade in der Zentrale eingetroffen.
Atlan beruhigte sich ein wenig. „Captain Newton, ich bin schon informiert. Sie brauchen nicht mehr Bericht zu erstatten.
Sie erhalten jetzt von mir den Befehl, dafür zu sorgen, dass Fürst Danton so schnell wie möglich wieder hergestellt wird. Der Chefarzt soll alle Möglichkeiten ausschöpfen. Danach bestellen Sie Danton eine Entschuldigung von mir und bringen ihn auf sein Schiff zurück. Dabei versuchen Sie, so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu erwecken. Verkünden Sie überall, dass Fürst Danton sich zu einer Besprechung mit Admiral Lorenz an Bord der HATSCHEPSUT aufgehalten hat. Deshalb hat die Kommandantin ihn gebeten, mit ihr das Fest zu verlassen. Das erklärt das Verschwinden von beiden.
Bitten Sie Fürst Danton, das Spiel mitzuspielen. Wie Sie das machen, überlasse ich Ihnen, Sie sind vor Ort und ich hoffe, dass Ihnen etwas einfällt. Falls Danton einen Wunsch hat, den Sie ihm erfüllen können, machen Sie das. Es geht hier um Schadensbegrenzung. Trauen Sie sich das nötige Fingerspitzengefühl zu, Captain?“
Newtons Miene wurde undurch­dring­lich. „Selbstverständlich, Sir. Sie können sich auf mich verlassen. Ich habe verstanden.“
Atlan lächelte zum ersten Mal. „Sehr schön. Wenn Sie ein typischer Höhlenwilder von Terra sind, wird Ihnen etwas einfallen. Um Ausreden wart Ihr noch nie verlegen.“
Und ein arkonidischer Kristallprinz und Admiral auch nicht, kommentierte Atlans Logiksektor. Er ging nicht darauf ein.
Newton atmete erleichtert auf. Wenn der Arkonide mit seinen allseits bekannten Sticheleien in der Richtung anfing, war die Gefahr einer drohenden Strafpredigt meistens vorüber.
„Bitte informieren Sie auch Admiral Lorenz entsprechend, Captain. Er soll noch einmal einen Rundgang durch die Akademie machen und entsprechende Bemerkungen fallen lassen.“
Er machte eine kleine Pause. „Noch etwas. Falls Major Wood an Bord der FRANCIS DRAKE bleibt, ist das in Ordnung. Sie hat einen Spezialauftrag von mir, machen Sie sich darüber keine Gedanken. Richten Sie Major Wood meine allerbesten Empfehlungen aus, sobald ihr Auftrag erledigt ist, erwarte ich sie im USO-Hauptquartier auf Terra zur Berichterstattung, nicht auf Quinto-Center.
Sie selbst bringen die HAT­SCHEP­SUT so schnell wie möglich nach Quinto-Center zurück und warten dort auf meine Rückkehr.“
„Ja, Sir.“
„Wie war übrigens Ihre Erfolgsquote bei der Werbeaktion?“
Newton verzog nur säuerlich das Gesicht.
Atlan seufzte. „Das hatte ich befürchtet. Ihr Gesicht sagt mir schon genug. Ich verlasse mich auf Sie, Captain.“
Als Altan abschaltete, wurde ihm bewusst, dass er nicht nur einen Einsatz als Fehlschlag betrachten musste, sondern auch eine sehr gute Raumschiffskommandantin verloren hatte. Da er Beatrice Wood sehr gut kannte und viel von ihr hielt, wurde er auf diesen Roi Danton noch neugieriger, als er es ohnehin schon war.

**********

Roi Danton schreckte aus seinem unruhigen Schlummer auf, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. Er war vor Erschöpfung so fest eingeschlafen, dass er nicht wahrgenommen hatte, wie Captain Newton in Begleitung des Chefarztes der HATSCHEPSUT, einem Ara den Raum betrat.
Mühsam orientierte er sich, er stand immer noch unter dem Eindruck des gerade erst überstandenen Verhörs.
Der Ara musterte ihn kopfschüttelnd und fragte: „Wie geht es Ihnen jetzt, Fürst Danton? Ich bin Dr. Aahl-Paret, der Chefarzt dieses Schiffes.“
Roi zuckte die Schultern. Er nahm die Welt nur wie durch einen dicken Schleier wahr. Innerlich fluchte er. Der Medikamentencocktail schien es wirklich in sich zu haben, dass es ihn so umwarf.
„Was haben Sie mit ihm gemacht?“, wandte der Ara sich an Newton.
Newton schüttelte hilflos den Kopf. „Wahrheitsdroge und XP-05 zusätzlich. Spezialist Hagen hatte den Verdacht, Fürst Danton könnte mentalstabilisiert sein.“
„Das verstößt gegen jedwede Ethik“, ereiferte sich der Chefarzt. „Wieso wurde ich nicht informiert und wieso war kein Arzt bei dem Verhör anwesend, wie es den Vorschriften entspricht? Sie wissen, dass ich diesen Vorgang Lordadmiral Atlan melden muss?“
„Ja, natürlich, Doktor.“
„Und Spezialist Hagen hat sicherlich auch noch nie etwas davon gehört, dass wir ein CT an Bord haben? Eine schmerz- und gefahrlose Untersuchung, die auch noch schnell geht, hätte Aufschluss gegeben. Ich fasse es einfach nicht!“
Damit wandte er sich wieder an Roi. „Fürst Danton, ich kann mir vorstellen, wie übel es Ihnen immer noch geht. Wie ich sehe, hat der Medorobot Sie schon mal erstversorgt. Hat sich der Magen beruhigt oder ist Ihnen noch schlecht?“
Roi riss sich zusammen. Er verstand es nicht, wieso es ihm immer noch so schlecht ging, das kannte er gar nicht von sich. Auch nach den Tests mit den Psychowissenschaftlern auf Last Hope hatte er sich immer wieder sehr schnell erholt - allerdings hatte er dort auch nie das neu entwickelte zusätzliche Medikament bekommen.
Erst wollte sein Stolz ihm verbieten, dem Ara Auskunft zu geben, dann besann er sich. Der Chefarzt war wirklich nur als Arzt hier – und warum sollte er sich von dem sicherlich hochqualifizierten Ara nicht helfen lassen?
„Der direkte Brechreiz ist weg, aber mir ist immer noch sehr übel. Solange ich nicht an Essen oder Trinken denke, geht es.“
Dr. Aahl-Paret wiegte überlegend den Kopf. „Sind Sie wirklich reinrassiger Terraner?“
Bei Roi schloss sich ein Gedankenkontakt. Deshalb! Genau der gleiche Umstand, der ihn damals fast das Leben gekostet hatte, als Bea ihn im letzten Moment gerettet hatte! Sein Metabolismus war durch seine Mutter in bestimmter Weise verändert. Er entschloss sich, dem Ara die Wahrheit zu sagen. Einmal konnte er ihn sonst nicht erfolgreich behandeln, zum anderen verriet er damit noch gar nichts.
„Nein, Doktor. Ein Elternteil ist reinrassiger Terraner, der andere Plophoser.“
Der Ara holte tief Luft. Mühsam beherrschte er sich, als er Captain Newton die Sachlage erläuterte.
„Diese Wahnsinnigen“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Jeder, der mit dieser Droge arbeitet, weiß doch normalerweise, dass vorher abgeklärt werden muss, welchen Metabolismus der Befragte hat. Bei Fürst Danton liegt der Fall so, dass die Wahrheitsdroge allein ihm nicht geschadet hätte, da wäre ihm nur ein wenig übel und schwindlig nach dem Aufwachen gewesen, das wäre aber schnell wieder vergangen. Die Kombination mit dem XP-05 hätte ihn dagegen umbringen können. Es gibt neue medizinische Studien, die exakt belegen, dass Plophoser durch die Strahlung der Sonne Eugal metabolisch so verändert sind, dass sie auf Medikamente total anders reagieren als Terraner. Sie sind demzufolge aus Sicherheitsgründen als Umweltangepasste zu betrachten. Das gilt genauso für Menschen, die nur einen plophosischen Elternteil haben.“
Roi glaubte, in einem tiefen Loch zu versinken. Deshalb! Das erklärte alles! Er war dem Arzt dankbar für seine brutale Offenheit. Von einem Ara hatte er auch nichts anderes erwartet. Diesen einzigartigen Galaktischen Medizinern waren Gefühle wie Mitgefühl ziemlich fremd. Es war ihm auch egal, er brauchte keine sanften Worte, sondern Tatsachen und Erfolge!
Anscheinend hatte er wieder mal einen Schutzengel gehabt, damals Bea, diesmal Atlan, der im genau richtigen Moment anrief. Die zweite Dosis hätte ihn mit Sicherheit umgebracht!
Der Chefarzt machte sich umgehend an die Arbeit, forderte von dem Medorobot verschiedene Medikamente an, die er nacheinander in den immer noch liegenden Venenzugang bei Roi injizierte.
Währenddessen erläuterte Captain Newton: „Fürst Danton, ich bin von Lordadmiral Atlan bis auf weiteres zum Kommandanten der HATSCHEPSUT ernannt worden. Major Wood befindet sich aufgrund eines Sonderauftrages von Atlan weiterhin an Bord Ihres Schiffes. Ich soll mich in seinem Namen in aller Form bei Ihnen für die Festnahme an sich und die Art der Behandlung an Bord dieses Schiffes im Speziellen entschuldigen.
Nachdem unser Chefarzt Sie behandelt hat und Sie sich, wenn Sie möchten, wieder ein wenig hergerichtet haben, soll ich Sie an Bord der FRANCIS DRAKE begleiten.
Wenn wir Ihnen einen Wunsch erfüllen können, lassen Sie es mich bitte wissen.“
„Keinen Schreck bekommen“, unterbrach der Arzt. „Ihnen wird gleich noch einmal richtig übel und schwindlig, dann war es das. Danach sollte es Ihnen deutlich bessergehen.“
Kaum hatte der Arzt ausgesprochen, fühlte Roi eine Flüssigkeit in seine Armvene rinnen. Danach hatte er das Gefühl, sein Magen hob sich und es drehte sich alles um ihn. Das Gefühl raubte ihm die Besinnung und ließ ihn in eine wohltuende Ohnmacht absinken.
Als er wieder zu sich kam, sah er, wie der Ara die Nadel aus seiner Vene zog und die winzige Wunde versorgte. Er hatte nicht zu viel versprochen. Der Schwindel, die Übelkeit, die Benommenheit, die Mühe, überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können, waren verflogen. Er fühlte sich fit genug, sich wieder allem zu stellen, was auf ihn zukam.
„Monsieur le docteure, Ihre Medizin ist ein Wunder. Famos! Waren Sie an dieser Studie über Plophoser beteiligt?“
Der Ara lächelte selbstgefällig. „Ja.“ Mehr sagte er dazu nicht. „Ich glaube, Sie brauchen meine Hilfe nicht mehr. Ich rate Ihnen nur noch, sich in Ihrer Kabine wieder ein wenig herzurichten. Sie sehen ein wenig derangiert aus, wenn ich mir diese Bemerkung gestatten darf.“
Damit verabschiedete er sich, wandte sich noch kurz an Newton. „Alles, was mit der medizinischen Seite zusammenhängt, bespreche ich selbst mit Lordadmiral Atlan. Darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern, Captain.“
Newton atmete erleichtert auf, eine Sorge weniger für ihn.
Roi merkte nach den Worten des Chefarztes plötzlich, wie schmutzig und verschwitzt er sich fühlte.
„Captain Newton, wenn Sie so freundlich wären, die FRANCIS DRAKE anzurufen und meinen Leibwächter zu bitten, mir frische Kleidung zu bringen, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Ich fühle mich wirklich schmutzig.“
„Selbstverständlich, Sir.“
Roi grinste innerlich. Die Anrede bewies ihm, dass er Newton für sich eingenommen hatte. Ihm selbst war zu dieser Zeit noch nicht bewusst, dass er sehr viel von dem Charisma seines Vaters geerbt hatte. Zusammen mit seiner eigenen Persönlichkeit wurde er immer mehr zu einem Anführer, der den Vergleich mit seinem großen Vater nicht zu scheuen brauchte.
Newton brachte ihn in seine luxuriöse Gastkabine zurück und versprach, die FRANCIS DRAKE sofort zu informieren.

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Roi nahm sich Zeit für seine Körperpflege. Er duschte ausgiebig, ließ sich von dem Robotmasseur durchkneten, duschte dann noch einmal, rieb wohlriechende Pflegelotion in seine Haut ein, rasierte sich und putzte die Zähne. Danach fühlte er sich wieder völlig fit. Anscheinend half ihm seine hervorragende Konstitution wieder einmal.
Als er aus dem Bad kam, eingehüllt in einen flauschigen Bademantel, warteten bereits Captain Newton und sein Leibwächter Oro Masut in der Kabine auf ihn.
Oro grinste über das ganze mit blauroten Brandnarben übersäte Gesicht und beugte das Knie so graziös vor ihm, wie er das von einem Ertruser kaum erwartet hätte.
„Ich bin entzückt, mein Fürst, dass Sie wieder frei sind. Darf ich Ihnen beim Ankleiden behilflich sein als Ihr treuer Diener?“
Roi lächelte und hob den riesigen Kerl auf. „Mach keine Umstände, Oro.“ Damit warf er sich dem Leibwächter in die Arme, der ihn so sanft wie möglich umarmte, um ihn nicht zu verletzen. Dabei wischte er sich verstohlen eine Träne aus den Augen.
Newton wollte sich diskret zurückziehen, aber Roi hielt ihn auf.
„Bleiben Sie, Captain Newton. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Dürfen Sie mich über die Sonderanweisungen von Major Wood und die Anordnungen des verehrten Lordadmirals informieren, aber haben Sie Schweigepflicht?“
Newton schüttelte nur den Kopf.
Roi wandte sich trotzdem vorher noch an seinen Leibwächter. „Wie geht es Major Wood?“
„Gut so weit“, meinte der zögernd. Roi blickte auf Newton, der angelegentlich zur Decke starrte, als gäbe es dort Wunderdinge zu entdecken. Roi wurde plötzlich immer mehr klar.
„Ich denke, du kannst offen sprechen, Oro. Oder täusche ich mich, Captain?“
„Nein, Sir. Das gesamte kosmonautische Offizierkorps der HATSCHEPSUT hat sich dazu entschlossen, den Dienst bei der USO zu quittieren und bei den Freihändlern anzuheuern. Natürlich nur, wenn Sie uns haben wollen.“
„Oh“, damit hatte Roi nun doch nicht gerechnet.
„Also Oro …“
„Miss Wood hat Angst, dass Sie ihr vorwerfen, Sie in eine Falle gelockt zu haben. Das macht ihr schwer zu schaffen. Die komplette Planung und Organisation Ihrer Befreiung ist ihr Werk. Wir haben nur ihre Befehle ausgeführt.“
Roi fühlte eine warme Welle in sich aufsteigen, die ihm fast den Atem raubte. Bea, seine Freundin – sie war immer noch die, die er kannte und auf di er sich uneingeschränkt verlassen konnte. – Mehr als diesen letzten Beweis konnte es nicht geben.
„Ich werde das mit Miss Wood klären, sobald wir wieder an Bord der DRAKE sind.“ Bewusst vermied er genau wie Oro den Titel „Fürstin“ vor Captain Newton. Der war trotz seiner Absichtserklärung immer noch USO-Offizier.
Oro war seine Erleichterung anzusehen. Anscheinend mag er Bea auch, dachte Roi bei sich.
„Edelmann Hims ist mit einer Ehrenabordnung vor der unteren Polschleuse der HATSCHEPSUT angetreten und erwartet Sie, mein Fürst! Miss Wood wartet in der Zentrale der DRAKE auf Sie.“
„Sehr schön. Nun zu Ihnen, Captain Newton. Ich gehe davon aus, dass uns die Zeit wegläuft, stimmt das?“
„Ja, Sir. Zuerst zu dem Auftrag von Atlan. Ich soll Sie, nachdem Sie sich wieder dazu in der Lage fühlen, an Bord Ihres Schiffes zurück begleiten, in allen Ehren selbstverständlich.
Wir werden das Ganze als fürchterlichen Irrtum hinstellen und allen gegenüber behaupten, Sie wären gestern Abend von Major Wood an Bord der HATSCHEPSUT gebeten worden, weil unser Admiral Lorenz mit Ihnen unter vier Augen sprechen wollte. Der Admiral ist im Moment bei der Verwaltung der Akademie und informiert den Professor entsprechend.
Wenn Sie auf dieses kleine Spiel eingehen könnten, würden Sie mir persönlich einen großen Gefallen erweisen, weil Atlan mich mit der Schadensbegrenzung hier vor Ort beauftragt hat.“
Roi dachte bewundernd an Atlan. Ein solches Vorgehen war wieder einmal typisch für ihn.
Roi lächelte freundlich. „Natürlich spiele ich mit, Captain. Sie haben sich mir gegenüber als sehr fair und weitsichtig gezeigt. Sie konnten nicht mehr gegen die Befehlsgewalt der Spezialisten ausrichten. Ich kenne die entsprechenden Gepflogenheiten der USO sehr genau, Erklärungen sind daher nicht nötig.“
Newton atmete sichtbar auf.
„Die Sonderbefehle von Major Wood“, erinnerte Roi vorsichtig.
Newton straffte sich. „Major Wood informierte mich darüber, dass Sie sie schon länger kennt und sie sogar schon einmal mit Ihnen geflogen ist. Mehr darüber weiß ich nicht.“
Roi nickte. Er hätte es von Bea auch nicht anders erwartet.
„Major Wood informierte mich darüber, dass Sie mentalstabilisiert sind und sie befürchtete genau das, was sich dann auch hier zugetragen hat. Ich möchte mich noch einmal für die Quälerei entschuldigen, der Sie ausgesetzt wurden. Es tut mir leid, dass ich es nicht verhindern konnte.“
Roi winkte ab. „Gewesen. Wie Sie sehen, geht es mir dank Ihres hervorragenden Chefarztes wieder gut. Vergessen wir es einfach.“
„Major Wood gab mir die Anweisung, wenn ich das Verhör an sich nicht verhindern kann, dann sollte ich mich darum kümmern, dass Sie nicht so leiden müssen und Sie so schnell wie möglich medizinisch versorgen lassen.“
Roi schluckte. Bea, seine Bea! Er kam sich inzwischen richtig schäbig vor, dass er ihr in Gedanken so sehr Unrecht getan hatte.
„Und“, Newton grinste, „ich sollte dafür sorgen, dass der Admiral so betrunken ist, dass er ins Bett fällt und niemandem in die Quere kommt. – Nun ja, nachdem Sie an Bord waren, habe ich in der Messe noch einen Absacker mit ihm getrunken. Dabei habe ich ein Beruhigungsmittel in sein Bier gemischt. Mit dem Erfolg, dass wir ihn nach dem Anruf von Atlan mit Gewalt aus dem Bett holen mussten.“
Roi lachte nun auch. Da Oro einfiel, hörte sich alles zusammen wie ein urweltliches Donnergrollen an.
„Was uns betrifft, Sir, werde ich als derzeitiger Kommandant die HATSCHEPSUT nach Quinto-Center zurückbringen, Atlan Bericht erstatten und dann werden wir unseren Abschied nehmen. Ich gehe davon aus, dass Major Wood an Bord der DRAKE verbleiben wird. Allerdings muss ich sie noch kurz sprechen. Ich habe noch eine Sondernachricht für sie von Atlan. Wo dürfen meine Männer und ich uns den Freihändlern anschließen?“
Roi musterte ihn sinnend. „Sie sind sich darüber klar, Captain, dass auch bei den Freihändlern Disziplin und Ordnung herrscht, seitdem ich den Befehl übernommen habe?“
Newton grinste breit. „Natürlich, Sir. Dafür sind Sie schon bekannt. Aber nicht die überzogenen Disziplinforderungen, die von manchen Offizieren in der Flotte und der USO gestellt werden. Eine gewisse Disziplin muss sein, der Meinung bin ich auch.“
„Gut so. Dann verstehen wir uns. Ich freue mich, Sie und Ihre Offizierskollegen in den Reihen der Freihändler begrüßen zu dürfen, Edelmann Newton. Allerdings bitte ich Sie, das vorerst noch für sich zu behalten. Erstatten Sie bei Lordadmiral Atlan pflichtgemäß Bericht über die Ereignisse hier und bitten Sie ihn noch nicht um ihren Abschied. Mir liegt sehr viel daran, dass Sie einen ordentlichen, ehrenvollen Abschied von der USO bekommen und nicht von sich aus gehen. – Sie verstehen den Unterschied, auf den es mir ankommt?“
Newton nickte zögernd. So ganz konnte er Rois Gedanken noch nicht folgen.
Roi merkte das. „Ich habe vor, mit Lordadmiral Atlan Kontakt aufzunehmen und ihn selbst darum zu bitten, Ihrer Kommandantin und Ihnen den ehrenvollen Abschied zu erteilen. Das wirkt jedem Außenstehenden gegenüber ganz anders.“
Newton wiegte nachdenklich den Kopf. „Versprechen Sie sich davon Erfolg, Sir? Atlan kann sehr stur sein.“
„Das ist mir bekannt. Allerdings haben wir hier eine etwas verfahrene Situation durch das … hmm, sagen wir einmal … übereifrige Verhalten Ihrer Spezialisten. Atlan ist mit Sicherheit sehr dankbar, wenn die Geschichte ganz schnell als Irrtum von allen Seiten hingestellt wird. Deshalb wird er sich meiner Bitte höchstwahrscheinlich nicht verschließen.“
Newton grinste jetzt offen. Er hatte verstanden.
„Und wo sollen wir uns anschließend bei den Freihändlern melden?“
„Sobald Atlan Sie entlassen hat, melden Sie sich bitte in unserer Hauptniederlassung auf Terra, also beim Raumhafen Terrania-City. Man wird Sie von da aus mit dem nächsten planmäßigen Schiff nach Olymp schicken und für einige Tage im Hotel in Trade-City einquartieren, natürlich auf meine Kosten. Ich werde umgehend die entsprechenden Anweisungen erteilen.“
Newton grinste. „Okay. Ich informiere meine Kollegen. Aber wenn Ihr Plan fehlschlagen sollte …“
Roi machte sein blasiertestes Gesicht, zu dem er fähig war. „Diesen Gedanken schlage Er sich ganz schnell aus dem Kopf, wenn Er Uns dienen möchte.“
Netwon war fassungslos, zumal Oro Masuts Lachen ihn dazu veranlasste, die Hände auf die Ohren zu pressen. Roi stimmte ein. Er fühlte sich wieder voll handlungsfähig. Die Behandlung durch den Ara hatte anscheinend Wunder gewirkt.
„Edelmann Newton, daran werden Sie sich gewöhnen müssen. Es gibt zwei Dantons – Sie tun sehr gut daran, sich das einzuprägen.“
Oro lächelte dem Offizier zu. „Sie werden es lernen, Edelmann. Wir haben es auch alle gelernt. Auch von mir ein herzliches Willkommen in den Reihen der Freihändler.“
Newtons Sympathien flogen dem jungen Freihändler uneingeschränkt zu. Er war von Roi Danton ganz einfach fasziniert wie so viele andere auch.
„Aber jetzt habe ich eine Bitte an Sie“, fuhr Roi fort. „Weiß Miss Wood schon davon, dass Sie Ihre Entscheidung getroffen haben?“
„Nein, Sir. Wir haben uns endgültig dazu entschlossen, nachdem hier die Ereignisse aus dem Ruder gelaufen sind.“
„Gut. Dann bitte ich Sie, dies Miss Wood gegenüber, wenn Sie gleich mit ihr sprechen, nicht zu erwähnen. Ich plane eine Überraschung für sie.“
Roi war inzwischen fertig angekleidet und betrachtete sich kurz im Spiegel. „Wie sehe ich aus?“, fragte er seinen Leibwächter.
„Klassisch, wie immer“, feixte dieser.
„Na dann, lasst uns, mon amies. Auf zur nächsten Theatervorstellung.“

**********

Roi Danton wurde mit riesigem Jubel von dem Begleitkommando aus der FRANCIS DRAKE, das ihn vor der unteren Polschleuse der HATSCHEPSUT erwartete, empfangen. Edelmann Rasto Hims, der das Kommando führte, strahlte wie eine gerade aufgegangene Sonne über sein breites Epsalergesicht.
Allen fiel ein riesiger Stein vom Herzen, als sie ihren Chef so unversehrt in Empfang nahmen. Der Weg zur FRANCIS DRAKE wurde zum Triumphzug für Roi.
Captain Newton, der das Begleitkommando der HATSCHEPSUT befehligte, konnte sich erneut der charismatischen Ausstrahlung von Roi nicht entziehen. Er freute sich auf die neue Herausforderung bei den Freihändlern. In Friedenszeiten konnte jeder Raumfahrer frei von Gewissensnöten entscheiden, wo er arbeitete. In Kriegszeiten hätten Newton und seine Kollegen nicht den geringsten Gedanken an einen Wechsel zu den Freihändlern gehegt. Es wäre für jeden von ihnen selbstverständlich gewesen, bei der USO zu bleiben und ihre Pflicht als Soldaten für das Imperium zu erfüllen.
Sogar die drei USO-Spezialisten, Hagen an der Spitze, waren anwesend. Hagen besaß sogar den Anstand, sich in aller Form bei Roi zu entschuldigen.
„Fürst Danton, ich möchte mich bei Ihnen für die wenig gastfreundliche Behandlung entschuldigen. Ich habe leider die Befehle von Lordadmiral Atlan falsch ausgelegt und werde mich ihm gegenüber dafür verantworten. Meine beiden Kameraden und die Schiffsoffiziere trifft keine Schuld, ich bin der Kommandoführer.“
Atemloses Schweigen herrschte nach dieser Eröffnung. Jeder wartete auf die Reaktion von Roi. Dieser nickte dem Ertruser ernst zu.
„Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Spezialist Hagen. Wie es dazu kam, brauchen wir nicht zu erörtern. Ich kann Ihnen aber schon jetzt versichern, dass es eine Lösung geben wird.“
Hagens Gesicht drückte deutlich seine Verständnislosigkeit aus. Roi lächelte nur fein und wandte sich um.
Vor der unteren Polschleuse der FRANCIS DRAKE wartete die Wachmannschaft und ein Freihändler in der Kleidung eines französischen Musketiers, hochgewachsen, kräftig gebaut, das lange schwarze Haar im Nacken mit einem Band zusammengehalten, darüber den breiten Hut mit dem Federbusch.
Ein Freihändler? Roi schaute genauer hin. Eine Frau! Eine Freihändlerin! Bea!
Alle Achtung, dachte er. Sie hat sich aber herausgeputzt. Verdammt gut sieht sie aus, viel besser als in der USO-Kombination.
Er konnte sich nicht mehr zurückhalten, sondern lief auf sie zu, nahm sie in die Arme und wirbelte sie herum. Fest presste er sie an sich.
„Bea, ich freue mich so, dich wieder zu sehen. Sage bitte nichts. Ich muss mich bei dir entschuldigen, dass ich dich direkt nach der Festnahme so gemein behandelt habe. Ich weiß inzwischen, dass du die Befreiungsaktion geleitet hast. Danke! Ohne dich säße ich wahrscheinlich noch auf der HATSCHEPSUT oder schon auf Quinto-Center.“
Es war ihm egal, wie viele Menschen ihnen zusahen. Da er Bea wieder an sich presste und sein Gesicht an ihre Schulter legte, entgingen ihm die gerührten Blicke seiner Umgebung. Jeder freute sich mit ihnen.
Der erste, den Roi danach ansprach, war Newton, der seine Rührung kaum unterdrücken konnte.
„Captain Newton, Sie sagten mir vorhin, dass Sie noch eine Botschaft für Miss Wood von Lordadmiral Atlan haben. Möchten Sie das unter vier Augen besprechen?“
Newton schüttelte den Kopf. „Von mir aus nicht, Sir. Ich überlasse die Entscheidung darüber Major …“
Roi half ihm aus der Verlegenheit. „Fürstin Wood, schlage ich vor. Wie es aussieht, hat Miss Wood sich entschieden, oder täusche ich mich?“
Bea schüttelte den Kopf. „Nein.“ Und zu Newton. „Ich ahne, was Atlan Ihnen aufgetragen hat.“
„Atlan bittet Sie, sobald Sie Ihren Auftrag beendet haben, sich bei ihm im USO-Stützpunkt von Terra zu melden.“
Bea nickte ernst. „Damit hatte ich gerechnet. Bitte richten Sie Atlan aus, dass ich mich beeile.“ Sie schluckte hart. „Ich danke Ihnen und allen anderen, der gesamten Mannschaft für Ihre Treue und werde mich immer wieder gerne an die schöne Zeit auf der HATSCHEPSUT erinnern. Vielleicht sehen wir uns einmal wieder. Bis jetzt weiß ich nicht, welche Aufgaben Fürst Danton für mich vorgesehen hat.“
Roi lächelte fein. „Warten wir es ab, Messieurs. – Captain Newton, ich danke Ihnen für die Begleitung. Bestellen Sie bitte Lordadmiral Atlan Grüße von mir, ich werde mich gerne später einmal mit ihm ausführlich unterhalten, aber jetzt halte ich die Zeit noch nicht für gekommen.“
Newton nickte und blickte Bea überlegend an. Sie nahm ihm die Entscheidung ab, trat auf ihn zu und umarmte auch ihn. „Danke“, sagte sie nur einfach. Beide übersahen das schalkhafte Grinsen in Rois Gesicht.
Newton und seine Begleitung drehten sich abrupt um, die Freihändler nahmen ihren Kommandanten in die Mitte und führten ihn an Bord seines Schiffes.
In der Zentrale nahm Bea lächelnd Haltung an und meldete: „Sir, ich übergebe Ihnen hiermit das Kommando wieder zurück.“
Roi nickte und wandte sich an Hims. „Start so bald wie möglich, Edelmann Hims. Sie übernehmen vorerst das Kommando. Wir fliegen zur Erde. Schauen Sie, dass Sie ein Landefeld so dicht wie möglich an unserer Niederlassung zugewiesen bekommen und rechnen Sie mit einer Hafenliegezeit von ca. drei Wochen. Es sind einige Dinge zu erledigen. Vorerst Urlaubssperre für die Mannschaft. So lange bis etwas Gras über diese leidige Geschichte gewachsen ist, möchte ich kein Risiko eingehen. Im Moment schuldet Atlan uns etwas. Ich habe auch schon einen Plan, wie wir das ausnutzen können. – Sie entschuldigen Fürstin Wood und mich jetzt bitte. Wir haben zu arbeiten.“
Er nickte den Edelmännern freundlich zu und zog Bea mit sich aus der Zentrale. Alle wandten sich wieder ihren Aufgaben zu, scherzend und lachend, wie es bei ihnen üblich war.
Ihr Chef war wohlbehalten wieder da und plante schon wieder, wie er die Niederlage eines anderen für sich nutzen konnte. Dass es sich dabei um den legendären zehntausendjährigen Arkoniden handelte, bei dem man doch lieber sehr vorsichtig sein sollte, schien ihn nicht zu stören. So kannten sie ihren Chef – keinen Respekt vor den Größen des Imperiums – im Gegenteil!
Wenn sie wüssten, dass sie mit dem Sohn des Großadministrators flogen, hätten sie nicht mehr rätseln brauchen, woher er diesen Mut nahm.

***********

Gleich nachdem das Schott zu Rois Privatgemächern hinter ihm und Bea zugeschlagen war, nahm er sie herzlich in die Arme. Erst jetzt konnten beide ihr Wiedersehen wirklich genießen, konnten sich gehen lassen. Noch nicht einmal Oro Masut war ihnen gefolgt.
Sie kuschelte sich in seine Arme. Michael überlegte. Seitdem er Bea kannte und seitdem sie ein Jahr zusammen gekämpft und gelitten hatten bei einem Lehrgang, der der reinste Wahnsinn war, hatten sie die Grenze von einer sehr guten Freundschaft zu einer Liebesbeziehung nie überschritten, obwohl sie beide im Laufe der Zeit merkten, dass sie mehr füreinander empfanden.
Er hatte bei seiner Entscheidung für den Weg, den er nun ging, eine feste Partnerin ausklammern müssen, weil er es als schäbig empfand, eine Frau in dieser Ungewissheit an sich zu binden und die Verantwortung für sie zu übernehmen. Bea hatte gleich bei ihrem Kennenlernen betont, dass sie es aus persönlichen Gründen ablehnte, sich näher mit einem Mann einzulassen.
Michael spürte, wie seine Gefühle ihn überwältigten. Er liebte Bea, er machte sich da nichts vor, aber er wollte sie auch nicht erschrecken – oder schlimmer noch, verletzten. Nach dem, was er die letzten Stunden durchgemacht hatten, lagen seine Nerven zusätzlich immer noch blank, obwohl das niemand bemerkt hatte – außer wohl wieder einmal Bea, die ihn schon mehrfach überlegend gemustert hatte.
Ganz vorsichtig und zärtlich fasste er sie unter dem Kinn, hob ihr Gesicht zu sich empor. Sie ließ es geschehen, mit geschlossenen Augen. Ihre Lippen zitterten.
In Michael brach die Schranke. Er konnte sich nicht mehr beherrschen. Unendlich vorsichtig küsste er sie zum ersten Mal auf den Mund. In diesem Moment spürte er, wie sie sich versteifte, ihr ganzer Körper. Sie öffnete die Augen und blickte ihn an, die Augen schwammen in Tränen.
„Bitte nicht, Mike“, flüsterte sie. „Ich kann es nicht, noch nicht einmal bei dir.“
Damit barg sie ihr Gesicht an seiner Schulter und weinte. Ein Tränenstrom brach aus ihr heraus. Keiner von beiden sagte etwas. Michael zog sie ganz sanft auf sein Ruhebett, setzte sich neben sie, hielt sie fest und schützend im Arm.
Nach einer Weile hob sie den Kopf wieder, das Gesicht von Tränen aufgequollen. Er wischte die Tränen mit einem seiner parfümierten Spitzentücher fort, die er seiner Rolle gemäß mit sich herumschleppte und wartete, bis sie sich die Nase geputzt hatte. Immer noch sagte er nichts. Er wollte ihr das erste Wort überlassen.
Sie schluckte hart. „Ich liebe dich, Mike. Und ich vermute, du mich auch. Aber es geht nicht, ich kann es einfach nicht, wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben.“
Michael nickte nur. Er hatte seine Freundin nie nach dem Grund gefragt, immer ihre Privatsphäre respektiert. Sein Gefühl sagte ihm, dass das jetzt der Moment war, wo er sie fragen konnte, ohne befürchten zu müssen, sie dadurch zu verlieren. Denn er brauchte sie, wenn schon nicht als Frau und Partnerin, so doch – und vielleicht sogar noch mehr – als sehr gute Freundin. Seitdem er sie wieder gesehen hatte, seit dieser verrückte Fürst Antikon die Behörden des Imperiums noch mehr als vorher auf die Freihändler aufmerksam gemacht hatte, war ihm das mit jedem Tag klarer geworden und die letzten Stunden hatten ihm die Gewissheit gegeben.
„Möchtest du mir den Grund sagen, Freundin?“
Sie versteifte sich wieder. Ein Schreck durchzuckte ihn, dass er doch einen Fehler gemacht hatte, aber dann blickte sie ihn fest an, rückte ein wenig von ihm ab.
„Ja, ich glaube, es ist jetzt Zeit, dass du es erfährst. Du bist der Zweite, bisher weiß es nur Atlan.
Und der hat es für sich behalten, wie von ihm nicht anders zu erwarten, durchschoss ein Gedanke Michael.
„Ich mache es ganz kurz. Es ist eine unendlich lange und traurige Geschichte, aber ich möchte mich nicht an die Einzelheiten erinnern müssen, sie verfolgen mich ohnehin immer noch.“
Er streckte die Hände aus und sie ergriff sie ohne Zögern.
„Ich hatte einen Partner. Wir liebten uns und wollten unser Leben gemeinsam verbringen. Kennen gelernt haben wir uns auf der Raumakademie und hatten das Glück, dass wir immer auf den gleichen Schiffen stationiert waren. Die Raumfahrt war unser Leben. Bei einem Einsatz auf einem Planeten, der später gesperrt und auf die Liste der verbotenen Welten gesetzt wurde, hat er sich infiziert. Wir ahnten zuerst nichts davon. Als die ersten Männer krank wurden, kamen wir alle in Quarantäne. Die Männer starben den Ärzten unter den Händen weg, die Frauen zeigten überhaupt keine Symptome. Es stellte sich heraus, dass es ein unbekanntes und absolut tödliches Virus war, das nur im Stoffwechsel von Männern überhaupt eine Wirkung erzielt. Frauen können sich nicht anstecken.“
Sie schluchzte heftig auf. „Er ist in meinen Armen gestorben, unter heftigsten Qualen, die auch alle modernen Medikamente nicht ausreichend lindern konnten.“
Sie drückte seine Hände ganz fest.
„Danach war ich einige Wochen krank, lag im Lazarett. Ich war wie gelähmt, konnte mich zu nichts aufraffen, so hatte mich der Schock im Griff. Also reichte ich meinen Abschied ein.“
Ihr Gesicht nahm einen versunkenen Ausdruck an, als ob sie sich genau daran zurückerinnerte. Michael blieb ganz still, unterbrach sie nicht.
„Dann wurde mir mitgeteilt, ein hoher Offizier wäre ins Lazarett gekommen und wolle mit mir noch einmal über das Gesuch sprechen.“
Jetzt lächelte sie warm. „Sicherlich kannst du dir denken, wer dieser ‚höhere Offizier’ war?“
Michael erwiderte ihr Lächeln. „Unser verehrter Lordadmiral Atlan“, vermutete er.
Bea nickte. „Atlan überzeugte mich, dass Vergraben und Rückzug die schlechteste Lösung von allen wäre und vertraute mir an, dass er dasselbe sehr oft während seiner zehntausendjährigen Wanderung über die Erde durchgemacht habe. Er hat immer wieder seine Gefährtinnen entweder verlassen müssen oder verloren, durch Unfälle, Krankheiten oder sogar Mordanschläge. – Er überzeugte mich, dass ich wieder in Dienst gehen sollte und zerriss mein Abschiedsgesuch vor meinen Augen. Das erste halbe Jahr danach war ich als seine persönliche Adjutantin in Quinto-Center stationiert, dann als Zweiter Offizier auf einem Leichten Kreuzer, danach bekam ich mein erstes eigenes Kommando.“
Sie seufzte leicht auf. „Diesen wahnsinnigen Lehrgang, bei dem wir uns kennen lernten, habe ich auf Anraten von Atlan mitgemacht, um meine Kräfte zu stabilisieren und mir zu beweisen, dass ich mich auch härtesten Anforderungen wieder stellen konnte. Im Prinzip also die gleichen Gründe, die du damals hattest für deine Teilnahme.“
Sie lehnte sich entspannt an ihn an. „Den Rest kennst du. Danach bekam ich das Kommando über die HATSCHEPSUT und bis wir uns wieder trafen, gab es nichts weiter Bemerkenswertes.“
Michael streichelte ihr sanft den Rücken. Sie ließ es zu. Nach einer kurzen Pause meinte sie: „Bitte respektiere das, Mike. Lass uns so gute Freunde bleiben wie wir es bisher immer waren. Ich möchte dich nicht verlieren, ich brauche dich als Freund, als wahren Freund.“
Michael blickte sie sehr ernst an. „Und genau deshalb hast du dich entschieden, zu den Freihändlern zu gehen, die Seiten zu wechseln.“
Sie schluchzte wieder leise auf. „Die Entscheidung war so schwer, glaub es mir.“
Er nickte. „Natürlich, besonders nach dem, was Atlan für dich getan hatte. Er ist einfach großartig. Ich verrate dir auch mal was: Das, was ich jetzt bin, verdanke ich zum allergrößten Teil ihm. Er hat mich ausgebildet, er war mein Lehrmeister in fast allen Dingen.“
Sie überlegte einen Moment. „Und er liebt dich wie ein Vater, als ob du wirklich sein Sohn wärst. Ich sah es an seinen Augen damals während des Lehrgangs. Ich hatte das Gefühl, in ihnen wie in einem offenen Buch lesen zu können.“
Michael stand auf, ging ein paar Schritte überlegend hin und her und setzte sich dann wieder zu ihr, ergriff wieder ihre Hände.
„Bea, ich brauche dich als Freundin genauso dringend wie du mich. Wir beide brauchen uns. Es scheint so, als ob das Schicksal es wollte, dass wir uns trafen. Oder …“, er lächelte kurz auf, „ES hat da mal wieder seine Hände im Spiel, dieses rätselhafte Fiktivwesen von Wanderer.“
„Vielleicht …“, antwortete sie nur.
„Ich verspreche dir jetzt und hier bei allem, was mir heilig ist, dich nie als Frau anzufassen, sofern du es nicht selbst möchtest, liebste Freundin!“
Er, der es sonst nicht gewöhnt war, von Frauen zurückgewiesen zu werden, sah die Sache bei Bea ganz anders. Es verletzte ihn nicht, im Gegenteil. Er sagte sich, dass sie als Freundin für ihn ohne Zweifel wichtiger war wie als Bettgefährtin.
Sie lächelte warm und küsste ihn ganz leicht und zart auf die Wange, wie eine Freundin oder eine Schwester. „Es hat mir gut getan, mal darüber reden zu können, Mike.“
Nachdem sie einen Moment in stillem Schweigen ihre Gemeinsamkeit genossen hatten, war es Zeit, zu den Dingen der Gegenwart zurückzukehren. Beide gaben sich einen Ruck.
Michael erläuterte ihr seinen Plan, allerdings verbarg er einige Punkte auch noch vor ihr, weil er sie überraschen wollte. Er freute sich schon auf ihr Gesicht, wenn es so weit war.
Er gedachte, den Fehlschlag der USO, den Atlan aus politischen Gründen so schnell wie möglich vertuschen musste, dafür auszunutzen, dass Bea einen ehrenvollen Abschied von der USO erhielt. Zum Glück kannte er Atlan gut genug, um ihn dabei nicht zu provozieren und sich zum Gegner zu machen. Innerlich überlegte er, dass sein Vater, wenn er der Entscheidungsträger wäre, wahrscheinlich nicht auf seinen Vorschlag eingehen würde.
„Du kommst nicht mit zu Atlan?“, fragte sie zum Schluss. „Du bleibst auch jetzt noch bei deiner Entscheidung?“
Er schüttelte traurig den Kopf. „Ich würde es nur als fair empfinden, sowohl dir als auch ihm gegenüber. Aber so weit bin ich noch nicht. Ich habe mich noch nicht genug in die Rolle von Roi Danton hineingelebt. Er würde mich noch zu leicht erkennen. Und dir kann ich es nicht ersparen, obwohl ich es gerne würde. Aber ich denke auch, ihm gegenüber wäre alles andere unfair.“
Bea nickte. „So empfinde ich es auch. Ich möchte auch selbst noch einmal mit ihm sprechen. Ich brauche für mich einen vernünftigen Abschluss, besonders nach dem, was er für mich getan hat.“
„Und nicht nur für dich“, sinnierte Michael. „Es tut mir so leid …“
„Er ist für dich mehr Vater gewesen als dein eigener Vater“, stellte Bea fest.
Michael überlegte einen Moment. „Ja, Freundin. Das war er und ist es noch immer. Er hat die Sorgen und Nöte des kleinen Jungen verstanden, ihn getröstet, später die Streiche des Heranwachsenden vertuscht, mich aus einigen haarsträubenden Situationen als Jugendlicher und junger Erwachsener herausgeholt, die ich mir durch meine Alleingänge selbst eingebrockt hatte – und dann … bin ich einfach gegangen. Er hat mich auch da noch gedeckt. Er wusste zwar nicht, was ich vorhatte, aber er wusste, dass ich gehen würde. – Und ich bin mir ganz sicher, dass er Vater davon überzeugt hat, mich nicht mehr in der ganzen Galaxis suchen zu lassen. Denn nach einiger Zeit war damit ganz plötzlich Schluss. – Er ist ganz einfach großartig.“
„Deshalb solltest du dir meinen Vorschlag doch noch einmal überlegen. Lass es dir gesagt sein, auch wenn ich mich wiederhole.“
Michael schüttelte den Kopf. „Nein. ich will es allein schaffen, ohne seine Unterstützung!“
Bea ging nicht mehr darauf ein, sondern wechselte das Thema: „Und welche Aufgabe hast du mir bei den Freihändlern genau zugedacht? Auf dem Mars haben wir nur ganz allgemein vom Sicherheitsdienst gesprochen.“
Michaels Gesicht wurde so ernst und entschlossen, wie sie es das letzte Mal auf dem Lehrgang gesehen hatte: „Mit mir zusammen die schwerste Aufgabe, die es bei den Freihändlern geben kann: erstens diesen wilden Haufen in eine disziplinierte, militärische Organisation verwandeln und dabei die Individualität nicht antasten sowie die Behörden davon überzeugen, dass die Freihändler loyal zum Imperium stehen. Mehr nicht.“
„Mehr nicht“, wiederholte Bea nachdenklich. „Das ist eine Aufgabe über Jahre hinaus.“
„Mit Sicherheit. Als ich zu Anfang meine Vereinbarungen mit Kaiser Boscyk abschloss, habe ich ihm einen Fünf-Jahres-Plan vorgelegt. Davon ist ungefähr die Hälfte der Zeit inzwischen um.“
„Und wie sieht die Zwischenbilanz aus?“
„Sie hinkt ein wenig hinter dem Plan zurück, aber das ist noch aufzuholen. Zumal ich jetzt durch dich nicht mehr allein davorstehe.“
„Danke“, sie lächelte leicht. „Ich bin dabei, keine Frage, sonst wäre ich jetzt wohl nicht hier. Und was heißt das für mich speziell?“
„Mein Gefühl sagt mir, dass harte Zeiten auf uns zukommen. Einige der Beiräte der Freihandelsorganisation haben etwas gegen mich, weil ich mich erdreiste, sie zu einem ordentlichen Geschäftsverhalten zwingen zu wollen. Da ist jemand beim Sicherheitsdienst, dem ich absolut vertrauen kann, für mich ein riesengroßes Geschenk. – Traust du dir das zu, Freundin?“
Bea lachte. „Zumindest mehr als eine Händlerin abzugeben. Ich bin dabei, Mike. Aber ich wüsste doch gerne schon mal, wie du dir das genau gedacht hast.“
Michael schüttelte leicht verweisend den Kopf. Dabei leuchtete im Hintergrund seiner nachtblauen Augen der Schalk.
„Warte ab. Ich dachte eigentlich, du unterscheidest dich von deinen Geschlechtsgenossinnen ein wenig. Aber nun merke ich, dass du genauso neugierig bist.“
„Oh, bisher habe ich genauso neugierige Männer wie Frauen erlebt, fast sogar noch neugieriger“, konterte sie.
„Du bist ein Ekelpaket“, parierte Michael und gab ihr einen Klaps auf den Rücken. Innerlich atmete er auf, dass Beas traurige Stimmung sich gelegt hatte und sie schon wieder plante. Scheinbar hatte es ihr wirklich sehr gut getan, ihm ihre Sorgen anvertrauen zu können. Es schien, als ob eine riesige Last von ihr abgefallen war …

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8

Atlan hörte sich nach der Rückkehr der HATSCHEPSUT die Berichte aller Beteiligten an, des Admirals, der Schiffsoffiziere, des Chefarztes und der drei Spezialisten. Danach traf er seine Entscheidungen.
Die HATSCHEPSUT wurde erst einmal in die Werft zur Grundüberholung beordert. Die Mannschaften erhielten Urlaub, die Schiffsoffiziere hatten Bereitschaftsdienst auf Quinto-Center. Atlan sah vorerst davon ab, einen neuen Kommandanten zu ernennen oder Captain Newton zu befördern. Er wollte zuerst das Gespräch mit Major Wood führen. Dass sie sich relativ kurzfristig bei ihm melden würde, nahm er als sicher an, da er sie gut kannte und glaubte, ihre Beweggründe einschätzen zu können. Er hatte keineswegs vor, sie in irgendeiner Art zu verurteilen, ehe er nicht ihre Version gehört hatte.
Admiral Lorenz kehrte wieder an seinen Schreibtisch zurück als ob nichts geschehen wäre. Innerlich haderte er mit sich selbst, weil er sich so hatte austricksen lassen, dass er das Wichtigste nicht mitbekam. Er sah die Niederlage von ihm und seinem Flottenkollegen eindeutig nicht nur in dem besseren Angebot der Freihändler an die jungen Raumfahrer begründet, sondern hauptsächlich in dem Charisma von Roi Danton, dem sie nichts entgegenzusetzen gehabt hatten.
Atlan überlegte sich, ob die nächste Werbeaktion vielleicht besser von Perry Rhodan und ihm persönlich geleitet werden sollte.
Dart Hagen wurde von seinem Spezialisten-Status entbunden und in den Innendienst von Quinto-Center versetzt. Auf der einen Seite erkannte Atlan die persönlichen Gründe des Mannes und seine Liebe für seinen Vater an, auf der anderen Seite konnte er es nicht zulassen, dass ein Spezialist sich so von Gefühlen leiten ließ. Jeder Spezialist konnte in Situationen kommen, wo ganze Planeten von seinen Entscheidungen abhingen.
Die beiden anderen Spezialisten Rusty Winsow und Richard Haart wurden von ihm verwarnt, was eine Eintragung in ihrer Personalakte zur Folge hatte und für das nächste Jahr unter Bewährung gestellt. Das bedeutete, dass sie in der Zeit keinen Auftrag alleinverantwortlich durchführen durften.
Der Bericht des Ara-Chefarztes jagte Atlan eiskalte Schauer über den Rücken. Er wollte lieber nicht an die politischen Verwicklungen denken, falls Roi Danton bei dem Verhör zu Schaden gekommen oder eventuell sogar verstorben wäre. Der Ara machte Atlan mit der für seine Rasse typischen eiskalten und gefühllosen Logik klar, dass die Wahrheitsdroge an sich für den Freihändler nicht gefährlich, nur unangenehm gewesen wäre. Aber in Kombination mit dem anderen Medikament hatte er sich schon mit der Verabreichung in akuter Lebensgefahr befunden.
Nur durch seine ausgezeichnete Gesundheit, die der Ara dem Erbgut eines seiner Elternteile zuschrieb, hatte Roi Danton die Behandlung überlebt.
Dass durch den überstürzten Ablauf der Ereignisse übersehen worden war, dem Freihändler eine Probe für einen Gentest zu entnehmen, ärgerte Atlan zwar maßlos, aber er tadelte den Chefarzt deswegen nicht.
Der Arkonide dachte sofort an die Kinder von Perry Rhodan. Durch den plophosischen Elternteil ihrer Mutter Mory Rhodan-Abro waren auch sie betroffen. Obwohl Atlan nicht wusste, wo Michael war, stieg die Sorge um ihn. Wieder merkte er, wie sehr er den jungen Mann doch als Sohn ansah.
Da er Suzan Betty Rhodan-Waringer auf der Erde nicht erreichte und sie sich auch nicht auf Plophos aufhielt, wandte er sich an ihre Mutter. Mory, genau wie Atlan tief betroffen, versprach Suzan zu informieren und sie auch zu beauftragen, Michael zu warnen, da sie mit ihm in Kontakt stand.
Diesbezüglich beruhigt wandte Atlan sich dem Problem der Freihändler und des überall aufgeflammten Gerüchts des Willkürvorgehens der USO zu. Sein Adjutant legte ihm die von seinen Agenten überall in der Galaxis gesammelten Nachrichten gebündelt vor. Daraus ergab sich eindeutig, dass das Gerücht genauso so plötzlich wie es aufgeflammt war, wieder verstummte. Die Freihändler, meistens Kaiser Boscyk persönlich, entschuldigten sich bei den offiziellen Behörden und bedauerten den Vorfall. Man habe erst sehr viel später erfahren müssen, dass Roi Danton von dem USO-Admiral Lorenz um ein Gespräch unter vier Augen gebeten worden war. Leider habe sich durch die ausgelassene Feststimmung dieses Missverständnis ergeben.
Ein Anruf bei Solarmarschall Allan D. Mercant überzeugte Atlan davon, dass seine SolAb-Agenten die gleichen Meldungen vorlegten.
Nachdenklich wartete Atlan auf den nächsten Schritt der Freihändler. Ihm mit seiner über zehntausendjährigen Erfahrung war klar, dass die Freihändler, die sogar eine offizielle Entschuldigung von ihm verlangen konnten, im Prinzip „in Vorlage“ gegangen waren und demnächst ihre „Gegenforderungen“ stellen würden.
Der Lordadmiral wollte Ruhe haben und war froh, sie so schnell wieder zu haben. Deshalb war er entschlossen, eine Forderung der Freihändler zu erfüllen, solange sie nicht unverschämt war oder eine Gefahr für das Imperium darstellte. Dabei sagte ihm sein Gefühl, dass die Forderung wahrscheinlich außergewöhnlich, aber nicht unverschämt sein würde.
Für ihn gab es keine Frage, dass Roi Danton die Geschehnisse steuerte – und er wurde immer neugieriger auf diesen jungen Mann.
Deshalb überraschte ihn auch die persönliche Nachricht von ihm nicht, als sie eine Woche später eintraf, sie erstaunte ihn aber trotz seiner Vermutungen maßlos.
Die Botschaft war insgesamt in einer sehr kultivierten Sprache und mit dem angemessenen Respekt abgefasst. Sie enthielt nichts von seiner sonstigen verschnörkelten Sprechweise, sondern war sehr sachlich abgefasst. Atlan erkannte deutlich, dass er es mit einem hoch gebildeten und selbstbewussten Mann zu tun hatte, der anscheinend schon eine entsprechende Erziehung genossen hatte und sich auch von seinem Rang nicht einschüchtern ließ.
In seiner Nachricht wies Roi Danton ganz klar darauf hin, dass die Freihändler niemals Raumfahrer von der Solaren Flotte oder von der USO abwarben.
Dem konnte Atlan sich nicht verschließen. Die Freihändler warben wirklich nicht direkt ab. Sie warben lediglich gerade fertige Absolventen der Akademien, bevor die sich überhaupt zwischen der Flotte und den privaten Raumfahrtgesellschaften entschieden hatten. Die Mitglieder der Flotte, die zu ihnen wechselten, schieden aus eigenem Antrieb aus.
Anschließend formulierte Roi seine Forderung, indem er Atlan um „einen Gefallen“ bat. Er bat ihn, Major Beatrice Wood und ihrem gesamten Offizierskorps, auch den Fachoffizieren den ehrenvollen Abschied zu erteilen und sie zu den Freihändlern wechseln zu lassen.
Major Wood und ihre Offiziere haben sich mir gegenüber in hoch qualifizierter Weise verhalten. Ich kann ihnen bei den Freihändlern höhere Positionen bieten als sie derzeit bei Ihnen, sehr verehrter Lordadmiral innehaben. Dabei denke ich an einen Einsatz als Elitetruppe in den Reihen des Sicherheitsdienstes unserer Organisation.
Die Freihändler stehen loyal zum Solaren Imperium und werden im Falle eines Krieges ihre Pflicht in den Reihen der Imperiumstruppen erfüllen. Dafür verbürge ich mich persönlich bei Ihnen.
Mit Ihrer Zustimmung haben Sie die Gewissheit, dass eine Kerntruppe, die durch Ihre Schule gegangen ist, sich auch dort für die Interessen des Imperiums einsetzt.
Über diese Passage dachte Atlan lange nach. Der Mann schien ein ausgezeichneter Psychologe zu sein, der genau wusste, wie weit er gehen konnte. Beim besten Willen konnte er seine „Bitte“ nicht als unverschämte Forderung betrachten.
Er befahl die Offiziere der HATSCHEPSUT zu sich und konfrontierte sie mit Roi Dantons Angebot. Sie nahmen ohne Ausnahme sofort an und gestanden damit ein, dass sie schon länger mit den Freihändlern sympathisiert hatten. Das wiederum gab Atlan sehr zu denken. Es wurde Zeit, einen Riegel vor die Abwanderung der hochqualifizierten Raumsoldaten zu den Freihändlern zu schieben. Wie – darüber würde er noch ein langes Gespräch mit Perry Rhodan und der Führungsspitze des Imperiums führen müssen. Eine Lösung konnte nur gemeinsam erarbeitet werden.
Er stellte den Männern die Entlassungsurkunden aus, nahm ihnen noch einmal das Versprechen ab, weiterhin zum Wohle des Imperiums zu arbeiten und nahm sie anschließend an Bord seines Flaggschiffs IMPERATOR III mit nach Terra, wo sie sich in der Zentralniederlassung der Freihändler meldeten.
Kurz nach der Landung der IMPERATOR ging eine Funkanfrage der FRANCIS DRAKE ein, die immer noch auf dem Raumhafen von Terrania stand, allerdings auf dem privaten Teil. In ihr wurde angefragt, wann Miss Beatrice Wood einen Termin beim Lordadmiral der USO erhalten könne.
Atlan, der nicht gern etwas vor sich her schob, legte den Termin für vier Stunden später in seinem Büro in Imperium-Alpha fest.
Beatrice Wood hatte sich für das Gespräch mit Lordadmiral Atlan in Schale geworfen. Sie trug nicht ihre Freihändler-Musketier-Kleidung, für die sie sich entschieden hatte, sondern einen modernen, schicken Hosenanzug. Ihr Haar war – wie sie es nur ganz selten tat – nur mit einer Spange locker zusammengehalten und fiel frei den Rücken herunter.
Michael hatte ihr zu dieser Kleidung geraten, weil er die Freihändler-Kleidung für zu provozierend direkt in Imperium-Alpha hielt. Er hatte ihr auch Mut gemacht: „Der alte Arkonide wird dich nicht fressen. Ich kenne ihn gut genug. Er wird sogar versuchen, dich zu verstehen und dich in Frieden gehen lassen.“
Altan hörte sich ihren Bericht an, ohne sie zu unterbrechen. Er bestätigte nur den Eindruck der Vorgänge auf dem Mars, den er selbst schon gewonnen hatte.
Er hörte auch ruhig zu, als Bea versuchte, ihm ihre persönlichen Beweggründe für ihren Wechsel zu den Freihändlern zu erläutern, natürlich ohne dabei Michaels Identität zu erwähnen. Sie war der Meinung, dass Altan ein Anrecht darauf hatte. Für sie war die ganzen Jahre nicht nur Befehlshaber gewesen, sondern viel mehr.
Anschließend räusperte er sich und meinte: „Ich danke Ihnen, Major Wood.“
Sie blickte ihn verwundert an. Er lächelte.
„Bisher habe ich Ihnen den von Roi Danton gewünschten ehrenvollen Abschied nicht erteilt, Sie auch nicht degradiert und gedenke dies auch nicht zu tun. Insofern sind Sie immer noch Major der USO.“
Sie konnte nur fassungslos nicken.
„Ich glaube, Beatrice, Sie sind sich selbst gar nicht über Ihre Beweggründe im Klaren. Sicherlich sind Sie von dem Charisma von Roi Danton begeistert, wie so viele andere vor Ihnen und sicherlich auch noch sehr viele nach Ihnen. Dass er es geschafft hat, auch Sie für sich einzunehmen, gibt mir zu denken. Das heißt für mich nur, dass wir es in seiner Person mit einem sehr bemerkenswerten jungen Mann zu tun haben. Aber der für Sie wichtigste Punkt ist, dass Sie neu anfangen wollen. Sie haben den Neuanfang hier hervorragend geschafft, mein Kompliment dazu.“
„Mit Ihrer Hilfe, Sir“, unterbrach ihn Bea vorsichtig.
Er winkte ab. „Mit meiner bescheidenen Unterstützung. Geschafft haben Sie es für sich selbst an erster Stelle – und das ist wichtig! Natürlich hat die USO, habe ich eine sehr fähige Kommandantin zurückgewonnen, aber in erster Linie ist es Ihr Erfolg für Sie selbst. Bitte vergessen Sie das nie.“
Bea wurde rot, sie konnte es nicht verhindern. Atlan sah es mit Freude.
„Nun sehen Sie in Roi Danton und den Freihändlern eine Möglichkeit, Ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen, alles zu vergessen, wirklich neu anzufangen. Denken Sie einmal darüber nach.“
Bea schluckte. Das war ihr so noch nicht bewusstgeworden. Atlan ließ ihr einige Minuten Zeit. Er trank weiter seinen Kaffee und sprach nicht. Erst als sie ihn wieder offen anblickte und sagte: „Ich glaube, Sie haben recht, Sir“, nickte er bestätigend.
„Das denke ich mir. Eine andere Frage – hat Roi Danton Ihnen vielleicht verraten, wer er wirklich ist?“
Atlan saß ganz entspannt in seinem Sessel, während Beas Herz bis zum Hals schlug. Natürlich gedachte Sie nicht, Rois Identität zu verraten, aber sie wollte auch Atlan nicht belügen. Dazu hatte sie ihm zu viel zu verdanken und schätzte ihn zu sehr. Im letzten Moment fiel ihr ein, dass sie ihn gar nicht zu belügen brauchte. Er hatte gefragt, ob Roi es ihr gesagt hatte, nicht ob sie ihn selbst erkannt hatte …
„Nein, Sir“, antwortete sie mit fester Stimme. „Genauso wie er es seiner Mannschaft nicht verraten hat.“
„Und wie stehen Sie dazu, zukünftig unter einem Mann zu dienen, von dem Sie nicht wissen, wer er wirklich ist – und wie steht die Mannschaft der FRANCIS DRAKE dazu, wissen Sie das?“
Bea lächelte. „Es interessiert niemanden mehr. Seine Edelmänner haben mir verraten, dass sie am Anfang spekuliert haben, wer ihr Kommandant sein könnte, es aber schon länger aufgegeben. Sie fliegen mit Roi Danton und betrachten das als eine Ehre. Inzwischen gilt es bei den Freihändlern als eine Auszeichnung auf dem Flaggschiff unter ihm fliegen zu dürfen.“
„Wie schätzen Sie seine Mannschaft ein? Wie steht sie zu ihm?“
Bea druckste ein wenig herum.
„Ich bin wie immer für Offenheit“, ermunterte Atlan sie.
„Die Mannschaft der DRAKE ist eine Elitemannschaft, die ihresgleichen sucht. Meiner Meinung nach könnte sie es sofort mit unseren Flaggschiffsmannschaften aufnehmen. Sie stehen absolut loyal hinter Roi, obwohl er in ihren wilden Haufen Disziplin gebracht hat. Sie verehren ihn und würden jeder für ihn sein Leben opfern. Er übrigens auch umgekehrt für sie.“
„Das entspricht auch unseren psychologischen Auswertungen über ihn. Natürlich sind die unvollkommen, weil unsere Psychologen nur nach den zur Verfügung stehenden Berichten urteilen können.“
Er machte eine Pause, dann verhärtete sich sein Gesicht. „Und nun, Beatrice, möchte ich Ihre ganz persönliche Einschätzung zu Roi Danton hören, fachlich und persönlich.“
Beatrice holte tief Luft. „Zuerst rein fachlich: Roi ist ein ganz außergewöhnlicher Kosmonaut. Ich habe das Gefühl, als ob er zwischen den Sternen zu Hause ist. Ich selbst bilde mir ein, nicht schlecht zu sein, aber an ihn komme ich nicht heran, das brauche ich gar nicht erst zu versuchen.“
Sie machte eine kleine Pause. „Persönlich: ich halte Roi für den geborenen Anführer. Er hat ein Charisma, dem sich kaum jemand entziehen kann. Deshalb gehen seine Leute auch für ihn durchs Feuer. Wenn er heute Freiwillige für ein Himmelfahrtskommando suchen würde, hätte er die gesamte Mannschaft auf seiner Liste. Aber er zeigt meiner Meinung nach ein Draufgängertum, dass er als Anführer ein wenig reduzieren sollte. Niemanden ist damit gedient, wenn in der Aufbauphase für neue Ziele der Anführer ausfällt. - Aber da habe ich bei ihm schon auf Granit gebissen und werde es sicherlich auch weiterhin.“
Sie lächelte still vor sich hin.
„Sie schätzen ihn und befürchten, ihn eines Tages tot zu sehen“, ergänzte Atlan.
Bea nickte betroffen wegen seiner direkten Worte. „Ja, ich schätze ihn sehr.“
„Und Sie lieben ihn, ohne dass Ihnen das bewusst ist. Sie werden sich nur aufgrund Ihrer ganz persönlichen Einstellung nicht mit ihm einlassen, aber ihm eine gute Freundin sein, nicht nur Untergebene.“ Atlan sah angelegentlich auf seine Fingernägel, ohne Bea anzusehen. Sie wusste aber, dass ihm keine Reaktion von ihr entging.
„Ja, Sir“, gab sie offen zu. „Er hat mich um Unterstützung bei der Durchsetzung seiner Pläne gebeten. Ich habe sie ihm zugesagt. Es scheint so, als ob er auch für mich eine gewisse Sympathie hegt. Wir haben uns darauf verständigt, gute Freunde zu sein. Darf ich Sie etwas fragen, Sir?“
„Natürlich.“
„Ist das jetzt Ihre so viel gerühmte mehrtausendjährige Erfahrung?“
Atlan lachte nur. „Vielleicht …“, sinnierte er. „Welche Pläne hat Roi Danton, dürfen Sie mir das verraten?“
„Selbstverständlich, Sir. Ich soll Ihnen sogar von Roi etwas bestellen. Er steht absolut loyal zum Imperium. Es ist sein Ziel, die Freihändler zu einer Organisation zu machen, die im Falle eines Krieges – was hoffentlich nicht so schnell oder nie wieder geschehen wird – sogar als Soldaten des Imperiums ihre Pflicht erfüllen werden. Im Moment hat er dabei allerdings noch große Probleme. Er ist relativ neu in der Organisation und muss sich durchkämpfen. Natürlich sind die einen oder anderen einflussreichen Personen noch gegen ihn. Kaiser Boscyk steht aber voll hinter ihm. De facto ist wirklich Roi der Befehlshaber und der Kaiser repräsentiert nur noch. Deshalb bittet er Sie auch noch um ein wenig Geduld. Er brennt darauf, Sie persönlich kennen zu lernen, möchte das allerdings so lange aufschieben, bis seine Position wirklich gefestigt ist. Dann wird er Ihnen von sich aus eine Nachricht zukommen lassen. Mir hat er eine Position im Sicherheitsdienst angeboten, welche genau weiß ich bis jetzt noch nicht. Sie können sich aber darauf verlassen, dass ich mich mit vollen Kräften für die Ziele von Roi einsetzen werde und ihn so gut es geht unterstützen.“
Atlan war fassungslos ob dieser Offenheit. „Das gibt Fürst Danton alles so offen zu?“
„Ja, Sir. Damit Sie daran erkennen, dass er es ehrlich meint und Sie sich auf ihn und auf uns verlassen können.“
Atlan überlegte. Sein Gefühl sagte ihm, dass er die Schilderungen glauben könnte. Die Berichte, die seine Spezialisten aus allen Teilen der Galaxis über Roi Danton übermittelten, deckten sich mit der Information von Bea.
„Beatrice, bitte übermitteln Sie Fürst Danton meinen Dank für seine Offenheit. Ich glaube ihm, allerdings wird er und sicherlich auch Sie verstehen, dass ich Beweise brauche. Also werden wir die Freihändler weiterhin scharf beobachten. Sollte sich nach einer gewissen Zeit herausstellen, dass Sie es schaffen, Ihre Ziele umzusetzen, werde ich mich beim Großadministrator dafür einsetzen, die Freihändler-Organisation ab sofort unbehelligt zu lassen. Ob es mir gelingt, kann ich allerdings nicht garantieren.“
Bea nickte. So viel Entgegenkommen hatte sie nicht erwartet, obwohl Roi es vermutet hatte. Er kannte seinen alten Lehrmeister wirklich sehr gut.
„Und bitte richten Sie Fürst Danton zusätzlich aus, dass ich es begrüßen würde, wenn er ein Gespräch zum Kennenlernen nicht zu lange hinausschiebt. Ich möchte immer gerne wissen, mit wem ich es zu tun habe.“
Bea nickte. „Natürlich, Sir. Ich werde es ihm so übermitteln. Heißt das, dass Sie mich gehen lassen?“
Atlan lachte. „Natürlich, ich kann Sie nicht aufhalten und werde noch nicht einmal versuchen, Sie zu überzeugen, bei uns zu bleiben. Und wissen Sie, warum nicht?“
Bea schüttelte den Kopf.
„Weil es nichts bringen würde. Ich schätze Sie sehr, das wissen Sie, nicht nur fachlich, sondern vor allen Dingen menschlich. Mit Ihnen verliere ich einen meiner fähigsten Kommandanten. Diese Entscheidung ist aber für Sie die beste. Sie können einen ganz neuen Anfang machen. Bei uns würden Sie doch immer wieder erinnert werden. Nutzen Sie die Chance für sich! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und dass Sie sich in Ihrem neuen Befehlshaber nicht getäuscht haben.“
Bea überlegte einen Moment, dann fragte sie offen heraus: „Was denken Sie, Sir, in dieser Beziehung?“
Atlan brauchte nicht zu überlegen. „Ich habe das Gefühl, dass Roi Danton ehrlich ist und wirklich der Mann, als der er geschildert wird. Ohne ihn zu kennen, habe ich bei ihm ein gutes Gefühl, sogar ein sehr gutes Gefühl. Das wundert mich irgendwie.“
Wenn du wüsstest, dachte Bea bei sich. Dann würdest du dich mit Sicherheit nicht mehr wundern.
Sachlicher fuhr Atlan fort. „Sie erhalten von mir Ihre ehrenvolle Entlassung im Rang eines Majors der Reserve.“
Bea staunte nur noch. Er ließ ihr sogar ihren Rang, das hatte sie nicht erwartet.
„Was ist mit der HATSCHEPSUT, mit den Offizieren, der Mannschaft?“, fragte sie zaghaft.
Atlan erstarrte unter dem Hinweis seines Logiksektors. Sie weiß noch nichts vom Austritt ihrer Offiziere. Vielleicht will Danton sie überraschen. Sag ihr nichts!
Roi stieg in diesem Moment noch eine Stufe in Atlans Achtung.
„Sie bedauern die Trennung?“, fragte er leise und einfühlend.
„Ja, Sir. Das tut mir weh.“
„Um so mehr spricht das für das Charisma von Danton“, überlegte Atlan laut. „Ich habe noch nicht über einen neuen Kommandanten für den Schlachtkreuzer entschieden. Ich wollte unser Gespräch abwarten.“
„Hoffentlich jemand, der die Besatzung und das Schiff zu würdigen weiß.“
„Was Sie daraus gemacht haben, Beatrice, ich weiß.“
Er unterzeichnete einige vorbereitete Urkunden, die auf seinem Schreibtisch lagen und übergab sie Bea.
„Ich wünsche Ihnen viel Glück, Beatrice. Mit Ihnen habe ich die Gewissheit, jemanden in den Reihen der Freihändler zu haben, der sich für das Imperium einsetzt. Mein Gefühl sagt mir, dass wir uns wieder sehen. Hoffentlich unter erfreulichen Umständen. Denn dass wir nie wieder Krieg bekommen, glaube ich nicht. Meine Erfahrung hier auf Terra zeigt mir, dass die Höhlenwilden der Erde ohne Krieg nicht leben können. Das habe ich bei meiner langen Wanderung durch die Jahrtausende teilweise sehr schmerzlich lernen müssen.“
Er zuckte resignierend die Schultern, erhob sich und bot ihr die Hand.
Sie nahm sie und spürte seinen festen Händedruck.
„Viel Glück“, wünschte er ihr noch.
Als sie den Raum verließ, war sie sehr erleichtert und freute sich darauf, Michael von dem guten Ausgang des Gespräches berichten zu können.

**********

9
Boscyks Stern, Olymp
Dezember 2432

Die Landung der beiden werftneuen Schiffe erregte einiges Aufsehen auf dem Raumhafen von Trade-City, zumal die Überführungsmannschaft Olymp nicht wieder verließ, sondern sich dem Team von Chefingenieur Dr.-Ing. Hawkins zugesellte, das den Ausbau des Raumhafens vorantrieb.
Roi verweigerte jede Auskunft, was es mit den beiden Schiffen, dem 800-Meter-Schiff QUEEN ELIZABETH I. und dem 500-Meter-Schiff WALTER RALEIGH auf sich hatte, sogar Bea gegenüber.
Sonst weihte er sie in alle seine Geheimnisse ein. Er vertraute ihr absolut, genau wie Oro Masut und seiner Mannschaft, die ihn alle noch nie enttäuscht hatten.
Für Bea war es nur eine Bestätigung ihrer eigenen Vermutung, dass Rois Schwager Dr. Geoffry Abel Waringer für sein technisches Know-How verantwortlich zeichnete.
Nun hatte Roi zu einer kleinen Feier im Tower des Raumhafens in seinem persönlichen Büro geladen.
Verwundert bemerkte sie, dass eine feierliche große Tafel gedeckt worden war, obwohl bisher außer Roi und ihr nur der Kaiser und der Sicherheitschef der Freihändler anwesend waren. Dass Oro Masut dabei war, wurde schon als selbstverständlich angesehen. Roi schien also noch weitere Gäste zu erwarten, wich ihren Fragen aber mit einem charmanten Lächeln aus.
Bea registrierte entsetzt das Aussehn von Kaiser Boscyk. Seitdem er ihr geholfen hatte, Roi zu befreien, hatte er sich erschreckend verändert. Seine Wangen waren eingefallen, er war abgemagert, wirkte fahrig und unkonzentriert, als ob er sehr schwer krank sei. Ihren fragenden Blick beantwortete Roi nur mit einem leisen Kopfschütteln. Bea wusste, was das bedeutete: Nichts sagen, später würde er ihr eine Erklärung geben. Mit einem unguten Gefühl akzeptierte sie das. In ihr schlugen alle Alarmglocken an.
Roi lächelte charmant, verbeugte sich vor ihr und küsste ihr die Hand. Er hatte sich genau wie die anderen Anwesenden groß herausgeputzt, so wie sie sich die Festkleidung in der Epoche Terras vorstellten, für die sich mit ihrer Kleidung entschieden hatten.
Roi nickte Oro zu. „Bitte führe die Herren, die nebenan warten, herein.“
Der grinste über das ganze vernarbte Gesicht und beeilte sich, die Anordnung seines Chefs auszuführen.
Als er in Begleitung der inzwischen auch entsprechend ausstaffierten ehemaligen Schiffsoffiziere der HATSCHEPSUT zurückkehrte, musste Bea erst einmal ihr wild schlagendes Herz beruhigen. Ihr blieb regelrecht die Luft weg und sie setzte sich auf den erstbesten Stuhl, der neben ihr stand. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Roi an, während die Männer nur grinsten.
„Das ist nicht wahr, das kann nicht sein.“
Roi zog sie lächelnd hoch. „Doch, es ihr wahr, meine liebste Freundin. Deine famosen Offiziere baten mich schon auf dem Mars darum, sie in Dienst zu nehmen. Ich bat sie allerdings, dir das noch nicht mitzuteilen, weil ich dich überraschen wollte.“
„Und Atlan?“ Bea konnte sich kaum fassen. „Wieso hat er mir nichts davon gesagt. Hast du ihn darum gebeten?“
Roi lächelte. „Nein. Ich habe ihn lediglich in meiner Nachricht darum gebeten, ihnen genau wie dir den ehrenvollen Abschied zu erteilen. Er hat sich das wohl selbst gedacht.“
Damit führte er sie galant zu den Männern. Die machten sich keine Mühe, ihre Gefühle zu verbergen. Sie nahmen einer nach dem anderen ihre ehemalige Kommandantin ganz leger in den Arm und drückten sie. Bea gab diese kameradschaftliche Anerkennung sehr gerne zurück.
Roi unterbrach die Begrüßung nach einigen Minuten.
„Kommen wir zum Thema dieser Zusammenkunft. Zuerst einmal möchte ich Sie alle auf die Freihändler und auf die Gesetze des Solaren Imperiums vereidigen. Das mag Ihnen seltsam vorkommen, aber von nun an bestehe ich darauf, alle Freihändler auch an das Solare Imperium zu binden. Der Kaiser, Fürst Leska, unser Sicherheitschef, den ich Ihnen hiermit vorstellen möchte und ich haben uns bereits darauf verständigt.“
Die ehemaligen USO-Offiziere nickten anerkennend. Das war eine Marschrichtung, die auch ihnen ausnehmend gut gefiel.
Nach der Vereidigungszeremonie räusperte Roi sich.
„Wir haben uns entschieden, Sie alle in den Reihen unseres Sicherheitsdienstes einzusetzen. Dort sind Sie mit Ihren Fähigkeiten besser aufgehoben als wenn ich Sie auf Handelsreisen schicken würde.“
„Mit Sicherheit, Sir“, meinte Newton. „Ich danke Ihnen.“
Roi schüttelte sinnend den Kopf. „Warten Sie ab damit. Die Ihnen zugedachten Aufgaben werden nicht leicht sein.
Leider muss ich Ihnen eine kleine Enttäuschung bereiten. Sie können als Team nicht zusammen bleiben. Ich weiß, dass Sie das gerne möchten, aber ich habe andere Pläne. Wir alle müssen Opfer bringen für ein Ziel, für eine Sache.“
Nur Bea sah den Schalk im Hintergrund seiner Augen, als er durch sein Lorgnon besonders Newton und Masters musterte, die ihre Enttäuschung kaum verbergen konnten.
„Wir haben eine neue Flottille des Sicherheitsdienstes zusammengestellt. Sie besteht aus fünf Schiffen und bildet die 1. Flottille. Zwei der Schiffe haben Sie bereits auf dem Raumhafen gesehen. Die anderen drei Schiffe befinden sich im Moment in einem Einsatz und werden bis morgen Mittag zurück erwartet. Es wird Ihre Aufgabe sein, überall sofort einzugreifen und für Ordnung innerhalb der Reihen der Freihändler zu sorgen, wo es erforderlich ist. Diese Aufgabe erfordert ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl. Ich kann niemanden gebrauchen, der blindwütig schießt, sondern ich brauche Menschen, die erst überlegen, allerdings nötigenfalls auch hart durchgreifen. Wir wollen schließlich aus den Freihändlern eine Organisation machen, deren Mitglieder gerne bei uns sind und kein Schreckensregime aufbauen. Bin ich genau verstanden worden?“
Sein Gesicht war plötzlich nicht mehr verbindlich, sondern hart. Beas ehemalige Offiziere erkannten, dass er verlangte, dass seine Befehle ohne große Rückfragen verstanden und befolgt wurden.
Roi blickte Fürst Leska auffordernd an, Der fuhr fort: „Die Mannschaften der beiden Schiffe gehen gerade an Bord. Wir haben sie völlig neu zusammengestellt aus Mitgliedern des Sicherheitsdienstes, die entsprechende Raumfahrt-Qualifikationen aufweisen. Sie haben also wirklich Soldaten und keine Händler an Bord. Allerdings müssen Sie die Mannschaften noch ‚einfliegen’, sie sind noch nie zusammen geflogen. Das wird Ihre erste Aufgabe sein. Ich denke, dass Sie das innerhalb der nächsten zwei Monate schaffen können.“
Die Männer nickten sinnend. Bea dachte schon einen Schritt weiter. Sie kannte Michael … wer würden die Kommandanten der beiden neuen Schiffe werden. Er hatte ihr selbst ein Kommando versprochen, aber wer würde der andere sein?
Roi fuhr jetzt wieder fort. „Die QUEEN ELIZABETH I. wird das Flaggschiff der Flottille werden. Zusammen mit der FRANCIS DRAKE und der ebenfalls neuen WALTER RALEIGH sind diese drei Schiffe die einzigen der Freihändler-Flotte, die über Transformkanonen, HÜ-Schirme, den neuen Halbraumspürer und so einige andere technische Neuerungen verfügen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie brisant das ist. Sie stehen als Offiziere der Schiffe persönlich dafür ein, dass diese Tatsache nicht bekannt wird. Freihändler mit Transformkanonen darf es im Imperium nicht geben. Das sollte klar sein.“
Die Männer nickten nur fassungslos. Sie mussten zugeben, dass die Geheimhaltung hier anscheinend perfekt funktioniert hatte. Niemand in der Flotte oder in der USO hatten bisher auch nur andeutungsweise die Idee, dass die FRANCIS DRAKE Transformkanonen führte.
Roi fuhr mit besonderer Betonung fort: „Flaggschiffskommandant werden Sie, Monsieur Newton. Hiermit ernenne ich Sie zum Fürsten der Freihändler.“
Er überreichte ihm eine Urkunde, die ihm von Oro Masut zugereicht wurde.
Fürst Newton strahlte über das ganze Gesicht. Er lachte, seine Kameraden klatschten in die Hände.
Bea verstand nichts mehr. Doch keines dieser Schiffe? Doch etwas anderes für sie? Denn dass Roi sie gegenüber ihrem ehemaligen Ersten Offizier übergehen würde, war für sie ausgeschlossen.
„Und Monsieur Masters“, fuhr Roi fort, „Sie erhalten das Kommando über die WALTER RALEIGH. Damit ernenne ich auch Sie zum Fürsten der Freihändler.“
Genauso erfreut nahm der die Urkunde aus den Händen von Roi entgegen.
Roi lächelte. „Ich weiß, dass Sie persönlich befreundet sind, aber ich vermute, diese Ernennung mildert die Enttäuschung darüber, dass Sie sich trennen müssen.“
Fürst Masters antwortete: „Mehr als das, Sir. Wir sind überwältigt, dass Sie uns so vertrauen. Bei der USO hätten wir noch lange kein eigenes Kommando erhalten.“
Roi lächelte fein. „Natürlich nicht. Auch das ist ein Unterschied zwischen den Freihändlern einerseits und Flotte und USO andererseits.“
Er teilte die anderen Offiziere auf die beiden Schiffe auf. Dann wandte er sich Bea zu. Sie fing an, etwas zu ahnen, aber sie wagte den Gedanken nicht zu Ende zu denken.
„Nun zu Ihnen, Fürstin Wood. Oder Bea, ich darf doch auch in dieser offiziellen Runde bei der Anrede bleiben?“
„Wehe nicht“, meinte Kaiser Boscyk. „Sind wir Freihändler oder bei der Flotte?“
Alle lachten, aber Bea und Roi sahen beide, welche Anstrengung den Mann dieser Scherz kostete.
„Also dann, Bea. Ich ernenne dich hiermit auch noch einmal offiziell zur Fürstin der Freihändler sowie zum Kommandeur der Flottille und wünsche dir viel Erfolg und allzeit guten Flug!“
Bea war sprach- und fassungslos. Sie brachte keinen Ton mehr hervor. Ihre Offiziere umarmten sie wieder, diesmal noch herzlicher, alle freuten sich miteinander. In den ehemaligen USO-Offizieren kam immer mehr die Gewissheit auf, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Sicherheitschef Leska drückte Beas Hand fest und blickte ihr tief in die Augen. „Viel Erfolg, Fürstin Wood. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Roi hat mir schon viel von Ihnen erzählt.“
„Ich hoffe, nur Gutes.“
„Natürlich. Sonst hätte ich schon mein Veto gegen seine Entscheidung eingelegt, meine Beste.“
Als Lovely Boscyk sie umarmte, spürte sie deutlich die Knochen des abgemagerten Mannes unter seiner Kleidung.
„Viel Glück, meine Beste.“ Leise, dass niemand es hören konnte, flüsterte er ihr ins Ohr: „Passen Sie gut auf Mike auf!“
„Darauf können Sie sich verlassen“, antwortete Bea genauso leise.
Roi war der Letzte der Reihe. „Viel, viel Glück, allerliebste Freundin.“ Damit drückte er sie fest und herzlich an sich.

**********

Später, als Roi mit Bea allein im luxuriös eingerichteten Wohnzimmer seiner Kabinensuite auf der FRANCIS DRAKE saß, berichtete er ihr vom Zustand von Kaiser Boscyk.
„Es fing ganz plötzlich an. Er wird immer mehr von Alpträumen geplagt, die ihn nicht nur körperlich, sondern auch psychisch auslaugen. Du hast es selbst erlebt vorhin. Niemand weiß einen Grund, kein Arzt kommt weiter. Er hat meine Befehlsgewalt noch einmal bestätigt und mir auch einige der Repräsentationsaufgaben übertragen, die er noch selbst wahrnehmen wollte. Er will sich so schnell wie möglich ganz zurückziehen. Es ist damit zu rechnen, dass er mich demnächst offiziell zum König der Freihändler ernennen wird.“
Da Bea nicht antwortete, fuhr er traurig fort. „Natürlich habe ich das immer gewollt, das war und ist mein Ziel, deshalb ja auch mein Vorname. Übersetzt aus dem Französischen bedeutet er nichts anderes als ‚König’. Aber bestimmt nicht so!“
Bitterkeit überschwemmte seine Stimme. Bea legte ihm tröstend die Hand auf den Arm, sagte aber nichts.
Roi atmete ein paar Mal tief durch, dann hatte er sich wieder in der Gewalt.
„Ich bin sehr froh, dass du an meiner Seite bist. Gerade zu diesem Zeitpunkt. Es wird in der nächsten Zeit sehr schwer werden. Wir werden viel kämpfen müssen. Du bist gerade richtig gekommen. Deshalb glaube ich auch, dass es unser Schicksal ist. Alles im Leben hat seine Vorherbestimmung, ob es nun von den Höheren kosmischen Mächten, wie auch immer sie aussehen mögen, gesteuert ist, oder ob wieder mal der Unsterbliche von Wanderer seine Hand im Spiel hat. Wer weiß …“
„Möglich.“ Mehr sagte Bea nicht. Sie wollte Rois Überlegungen nicht unterbrechen.
Der lächelte warm. „Kannst du dir denken, warum ich das neue Flaggschiff QUEEN ELIZABETH genannt habe?“
Sie schüttelte leicht den Kopf.
„Queen Elizabeth, die jungfräuliche englische Königin, die eine Epoche verändert hat. Man nannte sie jungfräulich, weil sie ohne einen Mann neben sich auf dem Thron regierte. Obwohl sie auch so ihre Liebhaber gehabt hat …“
„Oh, hast du das von Atlan?“
„Klar, von wem sonst?“
„Dann stimmt es auch.“
„Eben. Aber der Name des Schiffes soll etwas anderes ausdrücken. Auch du möchtest keinen Mann an deiner Seite. Trotzdem bist du meine Königin! Verstehst du das?“
Bea konnte die Tränen der Rührung kaum unterdrücken. „Sehr gut sogar. Wir sind beide füreinander da, was auch geschehen mag. Ich befürchte, falls die Ereignisse uns einmal trennen sollten, wird es uns beiden nicht gut ergehen.“
Roi zuckte zusammen. „Hast du manchmal Vorahnungen?“, fragte er ganz konkret.
Sie nickte zögernd. „Ja. Hältst du mich jetzt für irgendwie verrückt oder überspannt?“
„Im Gegenteil. Schließlich war einer meiner besten Freunde in früher Jugend ein mehrfach parapsychisch begabter Mausbiber.“ Er lächelte bei der Erinnerung versonnen vor sich hin.
„Ich frage mich lediglich, welche Fähigkeiten du haben magst. Okay, das werden wir herausfinden. Das Einfliegen der Mannschaft ist Sache der Kommandanten, da hast du als Kommandeurin nichts mit zu tun. Du wirst mich nächste Woche nach Last Hope begleiten. Ich treffe mich dort mit Suzan, Mutter und Geoffry. Sie kommen alle von der Weihnachtsfeier mit Dad, Atlan und den anderen von Terra. Da gibt es genug neue Nachrichten. Übrigens, Suzan freut sich sehr darauf, dich wieder zu sehen.“
„Ich auch“, hauchte sie.
Roi musterte sie nachdenklich, dann hellte sich sein Gesicht auf. „Keine Sorge, liebste Freundin. Unsere Psychowissenschaftler werden dich nicht quälen, wir haben diverse andere Möglichkeiten wie das Imperium.“
Mit Freude sah er, wir ihr Gesicht sich aufhellte.
„Du wirst dich nicht von mir zurückziehen, falls die etwas herausfinden sollten?“, fragte sie besorgt.
Er lachte. „Warum denn? Ich werde es so nehmen, wie es ist. Schließlich bin ich mit Mutanten aufgewachsen. Und damit Schluss für heute, okay?“
Er nahm sie fest in den Arm und drückte sie an sich. Gemäß seinem eigenen Versprechen begnügte er sich damit, ihr wie seiner Schwester in solchen Situationen leicht über den Kopf zu streicheln. Dabei musste er gegen seine Gefühle ankämpfen, die ihn dazu bringen wollten, sie auf den Mund zu küssen.
Bea nahm das in ihr aufkommende Gefühl der Geborgenheit mit Freude wahr. Sie war endlich zu Hause angekommen. Atlan hatte alles richtig beurteilt. Bei nächster Gelegenheit würde sie auch mit Michael darüber sprechen.

**********

Epilog

Roi und Bea flogen zusammen mit Oro Masut mit einer Korvette der FRANCIS DRAKE nach Last Hope und trafen sich dort mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Schwager.
Bei dem Weihnachtsessen im Bungalow von Perry Rhodan und Mory Rhodan-Abro am Goshun-See waren sowohl Michael als auch Roi Danton und die Freihändler die wichtigsten Themen gewesen.
Perry Rhodan konnte die Entscheidung seines Sohnes immer noch nicht verstehen. Noch nicht einmal Atlan und Bully schafften es, ihn davon zu überzeugen. Atlan gab es dann auch mit den Worten „uneinsichtiger kleiner Barbar“ endgültig auf.
Suzan wurde von allen einstimmig beauftragt, Michael die herzlichsten Grüße auszurichten. Perry Rhodan bat ihn in aller Form darum, wieder nach Hause zu kommen. Er würde ihm keine Vorwürfe machen.
Michael zuckte bei der Nachricht nur die Schultern. Aus dem Alter, dass er Angst vor Vorhaltungen seines Vaters hatte, war er wohl schon lange heraus.
Der Fehlschlag des Unternehmens der USO auf dem Mars gegen die Freihändler ärgerte Perry Rhodan maßlos. Er sah die Freihändler immer noch als Gefahr für das Imperium. Atlans Entscheidung, einige gute Raumoffiziere einfach gehen zu lassen, missbilligte er zutiefst, konnte aber nicht dagegen einschreiten, weil er als Großadministrator des Imperiums keine Befugnisse innerhalb der unabhängigen USO hatte.
Als die Weihnachtsfeier aufgrund der kontroversen Diskussion über die Freihändler zu einem heftigen Streitgespräch zu werden drohte, einigten sich alle Anwesenden darauf, das Thema Freihändler vorerst auszulassen.
Michael grinste nur, als das berichtet wurde.
Suzan und Bea schlossen sich noch mehr zusammen. Mit Freude sahen Roi und seine Mutter das. Jeder wusste, dass eine Frau eine gute Freundin brauchte, genauso wie ein Mann einen guten Freund. Für Michael war sein Diener und Leibwächter Oro Masut dieser gute Freund, obwohl sie nach außen hin auf Distanz blieben.
Die Psychowissenschaftler befassten sich intensiv mit Bea. Ihre innerlichen Ängste räumten sie ganz schnell aus, indem sie sie freundlich, höflich, wertschätzend und sehr einfühlsam behandelten.
Die Detektoren stellten eindeutig starke empathische Fähigkeiten bei ihr fest, aber auch genauso eindeutig, dass sie keine Telepathin war. Da die entsprechende Untersuchung vor ihrer Mentalstabilisierung auf Tahun nichts in der Richtung ergeben hatte, vermuteten sie, dass die Mentalstabilisierung diese in ihr schlummernden Kräfte erst geweckt hatte. Bea bestätigte die Vermutung, indem sie berichtete, dass sie zwar schon früher sehr gut auf Menschen eingehen konnte und ihre Bedürfnisse und Stimmungen erkennen konnte, aber dass das zu der Zeit noch mehr eine Ahnung war, während sie seit dem Gehirn-Eingriff regelrecht Schwingungen wahrnehmen konnte, die von anderen ausgingen.
In Bezug auf ihre Vorahnungen, die sie manchmal überfielen und die sie nicht steuern konnte, waren die Wissenschaftler sich uneinig. Deshalb zogen sie Ärztin hinzu, die sich als Spezialgebiet mit den Fähigkeiten von sogenannten „Weisen Frauen“ in historischer Zeit auf Terra beschäftigte. Sie meinte, diese Fähigkeiten hätten ursprünglich alle Menschen gehabt, nur bei einem ganz kleinen Teil würden sie durch bestimmte Erlebnisse wiedererweckt. Im Fall von Bea und auch von Michael sah sie die Mentalstabilisierung als Ursache. Der Gehirneingriff hatte schlummernde Fähigkeiten geweckt und andere, schon vorhandene verstärkt.
Bei Bea meinte sie, die eindeutig nachgewiesenen empathischen Fähigkeiten und die Vorahnungen würden zusammengehören. Sie ging davon aus, dass sie die Vorahnungen eines Tages würde bewusst steuern können und dadurch hellseherische Fähigkeiten erlangen.
Michael müsse damit rechnen, dass seine Instinkte sich noch weiter verbessern und seine Reaktionsschnelligkeit sich weiter erhöhen würden.
Bea, die nach der Eröffnung erst einmal um ihre Fassung kämpfen musste, blickte ängstlich zu Michael, wie er es aufnehmen würde. Der lachte, nahm sie in die Arme und sagte: „Okay, dann wissen wir das endlich genau. Und was ändert sich dadurch für uns? Gar nichts!“
Im Anschluss an ihre Rückkehr nach Olymp begannen Roi und Bea mit harter Hand durchzugreifen, allerdings immer so, dass sie niemandem das Gefühl gaben, zu irgendetwas gezwungen zu werden. Unter den Freihändlern und nach und nach auch im Imperium wurde die 1. Flottille des Freihändler-Sicherheitsdienstes immer bekannter als Garant für Ordnung und Einhaltung der Gesetze.
Gleichzeitig wurde auch Roi Danton in seiner Rolle als galaktischer Stutzer immer berühmter. Niemand im Imperium, selbst Atlan nicht, kam auf die richtige Idee.
Michaels Grundannahme, auf der er seine Rolle als Roi Danton begründete, ging voll auf. Auch wenn sein Vater, Atlan oder andere wichtige Personen auf die Idee hätten kommen können, dass er bei den Freihändlern zu suchen sei, würde ihn niemand in dieser extremen und exzentrischen Rolle vermuten. Niemand, selbst Atlan nicht, der ihn noch viel besser kannte als seine eigenen Eltern, konnte sich vorstellen, dass sein ehemaliger Schüler in eine Rolle schlüpfen würde, die seiner wahren Persönlichkeit so krass entgegenstand. Nur dadurch, dass er seine Rolle so hervorragend spielte, hielt er seine Tarnung aufrecht. Seine Berühmtheit ging sogar so weit, dass jeder Raumfahrer von Flotte oder USO sich auf eine Begegnung mit ihm freute, weil er mit seinen Auftritten ihren eintönigen Dienst etwas auflockerte.
Atlan, der immer neugieriger auf eine direkte Begegnung mit Roi Danton wurde, unternahm noch einen Versuch, ihn gefangen zu nehmen. Die Falle, die die USO ihm auf Garwinkel stellte, schnappte nicht zu. Der verantwortliche USO-Spezialist erkannte Michael zwar durch einen Versprecher eines der Fürsten, die über seine Identität informiert waren, nahm aber das Angebot Rois an, zu den Freihändlern zu wechseln. Kurz danach kam er bei einem Einsatz ums Leben, obwohl Roi selbst versuchte, ihn zu retten.
Kaiser Lovely Boscyk zog sich immer mehr zurück. Seine Krankheit übermannte ihn. Er reiste im Juli 2433 nach Garwinkel, sein Körper starb und sein Bewusstsein floh in einen anderen Körper. Nur Roi Danton und wenige Eingeweihte waren darüber informiert, dass der „Kaiser“, der auf Olymp anwesend war, nichts anderes als ein perfektes Hologramm war.
Bevor Boscyk sich zurückzog, ernannte er Roi Danton offiziell zum absoluten Befehlshaber und König der Freihändler, gegen den Widerstand einiger Beiräte.
Roi dachte auch noch an den ehemaligen Spezialisten Dart Hagen. Er sorgte dafür, dass dessen Vater anstatt des lukrativen Auftrages, den er ihm seinerzeit weggeschnappt hatte, zwei andere erhielt, die ihn mehr als entschädigten.
Hagen, der davon erfuhr, änderte seine Meinung über Roi schlagartig. Ihm tat es im Nachhinein sehr leid, wie er ihn behandelt hatte. Über seinen Vater fragte er an, ob für ihn ein Platz bei den Freihändlern frei wäre. Roi lehnte freundlich, aber bestimmt ab. Genau wie Atlan erschien ihm das Risiko, einen Mann, der aus persönlichen Gründen so labil in seinen Pflichten war, dass er sogar jedes menschliche Gefühl verlor, in seinen Reihen zu haben, zu groß.
Atlan unternahm nach dem Fehlschlag auf Garwinkel keinen Versuch mehr, Roi durch seine Spezialisten zu fassen. Er sagte sich, dass Roi dann, wenn seine Position wirklich sicher war, das Gespräch mit ihm suchen würde, wie er es versprochen hatte. Sein Gefühl sagte ihm, dass er dem Mann trauen konnte, obwohl er ihn noch nicht ein einziges Mal persönlich gesprochen hatte. Alle von ihm ausgeschickten Spezialisten bestätigten ihm, dass Roi seine Ziele mit sicherer Hand verfolgte mit der Fürstin Beatrice Wood als Chefin eines schlagkräftigen Geschwaders und später des gesamten Sicherheitsdienstes an seiner Seite. Gleiches vermeldeten die SolAb-Agenten von Solarmarschall Allan D. Mercant.
Soweit er es von außen nur durch seine Spezialisten beobachten konnte, war Beatrice bei den Freihändlern zufrieden und hatte endlich ihre Heimat gefunden. Er freute sich für die junge Frau, die er immer noch sehr schätzte.
Als die Nachricht von der bevorstehenden Krönung Roi Dantons zum König der Freihändler die Galaxis durcheilte, entschloss er sich, sein Versprechen einzulösen. Es war auch für ihn schwierig, seinen Freund Perry Rhodan davon zu überzeugen, die Freihändler von nun an in Ruhe zu lassen.
Michael, der über seine Schwester Suzan davon erfuhr, wurde damit eine schwere Last abgenommen. Von nun an konnte er seine Kräfte voll auf den inneren Aufbau der Freihändler konzentrieren und musste nicht zusätzlich nach außen aufpassen, dass er irgendwann enttarnt wurde.
Trotzdem lag vor ihm und Bea noch ein schweres Stück Arbeit. Zwei Jahre lang kämpften sie verbissen für ihre Ziele. Im August 2435, als das Solare Imperium erneut in einen Krieg verwickelt wurde, hatten sie den Fünf-Jahres-Plan gerade verwirklicht.
Diese zwei Jahre waren für beide die bisher schwersten ihres jungen Lebens, aber auch die glücklichsten.

ENDE

Das Copyright für die PERRY RHODAN-Serie liegt
beim Pabel-Moewig Verlag, Rastatt.
Mit freundlicher Genehmigung.

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