Der Arkonide und der Freihändlerkönig - Teil 2



Aufatmend befreiten Dr. Ereget Hamory und sein Stellvertreter sich von schmutzigen OP-Kleidung und warfen sie in den Schmutzwäschebehälter. Die Operation der Sicherheitschefin war doch schwieriger gewesen, als von Doc Hamory erwartet. Aber nun war es geschafft – die Kugel aus der Lunge entfernt und das zerstörte Gewebe mit schnell wachsendem biosynthetischen Regenerationsgewebe auf der Grundlage des körpereigenen Gen-Codes ersetzt.
Bea lag noch im bioregenerierenden Tiefschlaf. Die Ärzte wollten das auch so belassen, bis sie vollständig wiederhergestellt war und ihr damit eine bewusste Genesungszeit ersparen. In der Zeit würde sie über die Vene mit allen nötigen Aufbau- und Nahrungsstoffen sowie Medikamenten versorgt werden. Wenn sie aufwachte, würde die Verletzung nur noch eine Erinnerung sein – körperlich. Wie sie psychisch damit klarkam, das würde sich zeigen. Die Ärzte hatten allerdings auch in der Beziehung keine großen Befürchtungen, weil sie Roi an ihrer Seite wussten und sie zudem wussten, dass sie in ihrem Vorleben als Raumschiffskommandantin der USO so einige Risikoeinsätze hinter sich hatte.
Eine junge Krankenschwester lächelte die Ärzte freundlich an. „Einen Kaffee, die Herren?“
Beide Ärzte nickten. Ihnen waren die Erschöpfung der langen Operation deutlich anzumerken.
„Was ist mit unserem Kommandanten?“, fragte Hamory, während er seinen Becher mit der dampfenden Flüssigkeit entgegennahm.
Schwester Jane lächelte. „Er schläft immer noch, wie Sie es angeordnet hatten. Alles ohne Komplikationen. Der Medorobot hat die Kugel entfernt, die Blutung gestillt, ihm zwei Bluttransfusionen verabreicht und pumpt ihn nun auch mit Nährstoffen, Elektrolyten und Medikamenten voll. Nach dem Bericht hätte es nicht viel länger dauern dürfen. Ein großes Gefäß war zerrissen.“
„Der Kommandant wird Ihnen den Kopf abreißen, sobald er wieder wach ist“, vermutete der zweite Arzt. Sie kennen ihn doch. Er lässt sich nicht gerne lahmlegen und aus dem Verkehr ziehen ohne seine Genehmigung schon gar nicht.“
Hamory schüttelte den Kopf. „Mein Kopf sitzt recht fest. Auch ein Roi Danton muss einsehen, dass er Ärzten nicht immer aus dem Weg gehen kann. Fürst Newton kümmert sich um alles, was nötig ist und die FRANCIS DRAKE ist bei Edelmann Hims in den besten Händen. Bevor hier nicht alles geklärt ist, wird Roi ohnehin nicht zur Erde starten können. Also kann er endlich mal richtig ausschlafen. Außerdem würden die Sorgen um Fürstin Wood ihn auffressen, wenn er wach wäre.“
Sein Stellvertreter wiegte leicht den Kopf. „Wer hätte das gedacht, so beherrscht wie er sonst immer ist. Fürstin Wood muss ihm sehr viel mehr bedeuten, als wir ahnen.“
„Mit Sicherheit“, meinte Hamory und dachte daran, dass er durch den Versprecher von Fürstin Wood in einer absoluten Ausnahmesituation genau wie Rasto Hims Mitwisser eines ganz großen Geheimnisses geworden war.
„Übrigens, Edelmann Hims möchte Sie gerne sprechen, Doc“, meldete sich Schwester Jane wieder. „Er wartet in Ihrem Büro auf Sie und ich würde mich nicht wundern, wenn er inzwischen eine Kaffeevergiftung hätte.“
Hamory seufzte und erhob sich. „Noch einen Kranken kann ich jetzt nicht mehr verkraften. Also werde ich ihn vor der Vergiftung retten.“

**********

Bevor Doc Hamory in sein Büro ging, schaute er noch einmal nach seinem zweiten Patienten. Roi lag völlig entspannt über der Bettdecke und atmete ruhig und gleichmäßig. Der überwachende Medorobot meldete: „Alle Werte sehr gut, Sir.“
Nachdenklich musterte der Arzt Rois jetzt völlig entspanntes Gesicht. Das schulterlange, schwarze Haar lag auf dem Kopfkissen. Er fragte sich, ob er ihn in diesem Zustand ohne den Versprecher überhaupt erkannt hätte – und gab vor sich selbst zu: wahrscheinlich nicht!
Natürlich hatten sie alle am Anfang, als Roi das Kommando über die Mannschaft übernahm, gerätselt, wer ihr geheimnisvoller Kommandant, der sich des Wohlwollens von Kaiser Boscyk erfreute, wohl sein mochte. Dabei war Michael Rhodan auch eine Idee gewesen, die sie aber schnell wieder verworfen hatten. Es war ihnen absurd vorgekommen, dass der Sohn des Großadministrators gerade den Freihändlern anschloss. Perry Rhodan machte aus seiner Abneigung gegen die Händlerorganisation kein Geheimnis.
Außerdem hatte der junge Mann sich in den Jahren, die er bei ihnen war, sehr verändert. Er hatte kaum noch Ähnlichkeit mit den Bildern, die nach seinem Verschwinden über sämtliche Nachrichtensender der Galaxis liefen. Inzwischen war er sehr viel reifer und auch härter geworden.
Beruhigt verließ der Chefarzt das Krankenzimmer und ging endlich in sein Büro. Rasto Hims hatte es sich auf der Couch bequem gemacht. Er drehte seinen inzwischen leeren Kaffeebecher, die etwas größere Version für Epsaler oder Ertruser, in den Händen.
„Keinen Appetit mehr auf Kaffee?“, spöttelte der Chefarzt. „Dann kann ich ja hoffen, dass Sie nicht auch noch durch Kaffeevergiftung heute Nacht zu meinem Patienten werden.“
„Mir ist der Appetit vergangen“, brummte Hims mürrisch.
„Warum, Rasto? So weit es möglich ist, ist doch alles in Ordnung. Fürstin Wood ist außer Lebensgefahr und wird wieder völlig gesund. Unser frischgebackener König schläft sich endlich einmal richtig aus. Also werden Sie zumindest über Nacht noch das Kommando innehaben. Ist das denn so schlimm?“
„Lenken Sie nicht ab, Ereget“, begehrte der Epsaler auf. „Sie wissen genau, was ich meine. Wie gehen wir damit um, dass wir mit dem Sohn des Großadminstrators fliegen?“
„Gar nicht“, antworte der Arzt sehr ruhig.
Hims verstand ihn nicht sofort. „Wir können doch nicht einfach ignorieren, dass unser Kommandant Michael Rhodan heißt! - Natürlich wird es von uns niemand erfahren – aber wie sollen wir ihm gegenüber auftreten?“
„Wie immer.“
Hims verstand immer noch nicht.
„Hören Sie, Rasto. Ich erkläre Ihnen einmal etwas. Jeder Arzt, der seinen Job erst nimmt, ist auch in gewisser Weise Psychologe – muss es sein, wenn er seine Patienten erfolgreich behandeln will. Deshalb sage ich Ihnen, dass wir Roi gegenüber genauso ungezwungen auftreten müssen, als ob wir nichts wissen. Ich weiß natürlich nichts über die genauen Gründe, warum er von zu Hause fortging und gerade zu uns kam, aber ich kann Vermutungen anstellen. Ich glaube, er will sich selbst bewähren, als Person, nicht als Sohn des Großadministrators. Deshalb also die Risikounternehmen, die uns beiden schon den Angstschweiß auf die Stirn getrieben haben. Wenn wir ihn jetzt damit konfrontieren, dass wir ihn erkannt haben, wird er noch mehr riskieren. Wollen Sie das?“
Hims legte sein Gesicht in traurige Falten. „Natürlich nicht. Immer wieder versuche ich ihm klar zu machen, dass er viel zu viel riskiert, aber ich kann genauso gut gegen eine Wand reden.“
„Eben, Rasto, eben …“
Hims holte tief Luft. „Okay, Medizinmann, Sie haben gewonnen. Dann brauchen wir wohl auch nicht mehr zu raten, wer seine ganz besonderen Ehrengäste bei der Krönung waren?“
Hamory grinste wie ein kleiner Junge, dem gerade ein Streich gelungen war: „Seine Mutter, seine Schwester und sein Schwager, Dr. Geoffry Abel Waringer. Der Wissenschaftler, von dem die einen denken, er sei ein Spinner – und andere Wunderdinge erzählen.“
„Dem wir sicherlich unsere netten kleinen technischen Spielereien verdanken.“
„Der mit dem geheimnisvollen Chefwissenschaftler der Freihändler identisch sein dürfte.“
Hamory blickte den 1. Offizier verschwörerisch an: „Dann sind wir uns einig, Rasto?“
Der nickte, fragte aber vorsichtig: „Und was ist mit unserer Sicherheitschefin, ziehen wir sie ins Vertrauen?“
„Sind Sie wahnsinnig? Ich dachte, man rühmt Epsalern so ein fantastisches Gehirn nach. Aber anscheinend funktioniert es wirklich nur im kosmonautischen Bereich!“

**********

Die erste Nachricht, die Dr. Hamory Roi Danton nach seinem Erwachsen aus dem Tiefschlaf mitteilen konnte war, dass Beatrice außer Lebensgefahr war und ihrer Genesung entgegen schlief.
Roi konnte das Glück kaum fassen. Er hätte die ganze Welt umarmen können!
Seinen eigenen langen Tiefschlaf akzeptierte er ohne Kommentar, sehr zum Erstaunen des Chefarztes.
Roi besuchte kurz Bea, saß eine Weile an ihrem Bett und hielt vorsichtig ihre Hand und verließ dann die FRANCIS DRAKE, ohne das Kommando schon wieder übernommen zu haben.
Im Hauptquartier des Sicherheitsdienstes musste er zur Kenntnis nehmen, dass es leider keine neuen Erkenntnisse gab – wie befürchtet. Er traf einige Geheimabsprachen mit Fürst Newton und verabschiedete sich offiziell von den Beiräten, obwohl es ihm schwer fiel. Aber er durfte bei ihnen keinen Verdacht erregen. Er machte kein Geheimnis daraus, dass er zur Erde flog. Dass die Beiräte versuchen würden, ihm dort, im Nervenzentrum des Solaren Imperiums, aufzulauern oder sogar zu schaden, hielt er schlichtweg für unmöglich, zumal sie davon ausgehen mussten, dass er sehr gute Beziehungen zur Führungsspitze des Imperiums unterhielt.
Die FRANCIS DRAKE startete und nahm unter dem Schutz ihres völlig neuartigen Anti-Ortungsschirmes, gegen den das Solare Imperium noch kein Gegenmittel kannte, direkten Kurs auf Terra, seine Heimatwelt. Von einer Position, die keine Rückschlüsse auf Boscyk‘s Stern erlaubte, nahm er Funkkontakt zur Zentrale der USO in Imperium-Alpha, dem militärischen Nervenzentrum des Imperiums, auf.
An USO-Hauptquartier Terra, Imperium-Alpha, Lordadmiral Atlan persönlich.
Lordadmiral Atlan, es ist mir eine große Ehre, Ihrer Einladung zu folgen. Fürstin Beatrice Wood, unsere Sicherheitschefin, und ich befinden uns mit der FRANCIS DRAKE, 850 Meter-Kugelraumer, im Anflug auf das Solare System. Wir erbitten Durchflugerlaubnis über Terra-Luna-Sicherheitszone hinaus und sofortige Landeerlaubnis auf Terrania-Space-Port. Wir bringen höchst brisante Nachrichten mit.
Gez. Roi Danton, König der Kosmischen Freihändler
Mehr fügte er nicht hinzu. Atlan würde den Rest zwischen den Zeilen lesen und sofort entsprechend reagieren.
Er brauchte nicht lange zu warten. Die Antwort kam so, wie er sie erwartet hatte – sogar noch einen Schritt weiter:
Befehlshaber USO, Lordadmiral Atlan an Freihändlerflaggschiff FRANCIS DRAKE, Kommandant Roi Danton.
Sie haben Genehmigung zur direkten Landung auf dem militärischen Teil von TSP. Melden Sie sich beim Befehlshaber Terra-Luna-Sicherheitszone, Admiral Mauser. Er wird Ihnen den Landekorridor freihalten. Sie werden vom TSP auf Leitstrahl genommen. Das geht am schnellsten. Bitte beeilen Sie sich. Perry Rhodan ist zurzeit nicht auf Terra. Ich melde mich direkt nach der Landung bei Ihnen.
Gez. Lordadmiral Atlan
Roi tauschte nur einen Blick mit Rasto Hims. Mit einer Landeerlaubnis auf dem militärischen Teil des größten Raumflughafens der Erde hatten sie nicht gerechnet mit einem Schiff, das offiziell als Handelsraumer klassifiziert war.

**********

Der Durchflug des Solaren Systems dauerte länger als der gesamten Flug von Olymp zur Erde. Die Sicherheitssysteme duldeten keine Linearmanöver, es sei denn, sie waren vorher angemeldet. Jedes Schiff, das unangemeldet aus dem Linearraum im System auftauchte, musste mit der sofortigen Vernichtung rechne. Das war allen raumfahrenden Rassen allgemein bekannt. Insofern kam es kaum einmal zu einem Unfall. Die Menschen hatten aus vielen bitteren Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte gelernt.
Kurz bevor sie die landeten, hielt Dr. Hamory den Zeitpunkt für gekommen, Beatrice Wood aus dem Tiefschlaf aufzuwecken. Schwester Jane hatte ihr bereits das Krankenhausnachthemd ausgezogen, das Roi für sich selbst immer noch als „Büßerhemd“ bezeichnete. Sie hatte sie mit ihrem eigenen Duschgel gepflegt und ihr langes, schwarzes Haar sorgfältig gewaschen. Danach trug sie unter der leichten Bettdecke ihre eigenen Sachen, nur ein bequemes, weites T-Shirt und einen Slip. Neben dem Bett lagen ihre USO-Kombination mit den Rangabzeichen eines Majors und ihre Musketier-Tracht. Roi wollte ihr die Auswahl der Sachen überlassen. Der Waffengürtel fehlte selbstverständlich auch nicht. Roi wollte seiner Freundin das Aufwachen so angenehm wie möglich machen. Er verließ sich darauf, dass sie vollständig wiederhergestellt war und direkt aufstehen konnte.
Auf jeden Fall wollte er dabei sein, so wie sie sonst auch, wenn er verletzt und zerschunden in einem Krankenhausbett lag – viel zu oft nach seinem eigenen Empfinden. So hart er sich selbst gegenüber auch war, so sehr genoss er in solchen Situationen Beas Fürsorge. Er gab das ihr gegenüber offen zu. Inzwischen war es zum eingefahrenen Ritual zwischen ihnen geworden.
Hoffentlich ließ sie sich jetzt auch seine Fürsorge gefallen. Bisher hatte es die Situation so herum noch nicht gegeben.
Wenig genug für das, was ich ihr verdanke, dachte er traurig. Im Moment fühlte er sich richtig elend.
Immer wieder hatte er die Ereignisse durchdacht, nicht nur das letzte Attentat, dem Bea zum Opfer gefallen war, sondern auch alle Ereignisse vorher, die dazu geführt hatten – und inzwischen kam er sich richtig schäbig vor – feige!
Wenn er nicht so stur gewesen und darauf beharrt hätte, Atlan nicht ins Vertrauen zu ziehen und einem Gespräch mit ihm so lange ausgewichen wäre, ihn von Anfang an informiert hätte, wer der Befehlshaber der Freihändler war, dann wäre seiner geliebten Bea das alles erspart geblieben. Und man hätte den Hintermännern der Attentate schon längst auf der Spur sein können – oder sie vielleicht sogar schon festgenommen.
Aber er war immer davon ausgegangen, dass nur sein Leben gefährdet war – und darüber bestimmte nur einer: er selbst!
Ich hätte daran denken müssen, das andere in meiner Nähe genauso gefährdet sind, warf er sich zum wiederholten Male vor. Er schwor sich, niemals wieder in seinem Leben so egoistisch zu handeln. Das hier sollte ihm auf Dauer eine Lehre sein. Sonst tut Roi Danton doch auch, was erforderlich ist, egal wie schlimm es wird!
Innerlich um seine Fassung ringend, wappnete er sich für die ersten Worte zwischen ihnen beiden nach den Ereignissen. Dass sie ihm Vorwürfe machen würde, schloss er aus. Dazu kannte er sie zu gut.
Roi beobachtete Bea aufmerksam. Dr. Hamory hatte die Tiefschlafnarkose durch das Gegenmittel aufgehoben mit dem Hinweis, es werde ca. eine halbe Stunde dauern bis zu Beas Aufwachen. Dann hatte er mit einem wissenden Lächeln das Krankenzimmer verlassen.
Rois Herz fing an zu klopfen, als ein leichtes Flattern der Augenlider verriet, dass Bea aufzuwachen begann.
Der junge Freihändler ließ sie in Ruhe, sagte nichts, wartete einfach nur ab.
Er rückte seinen Stuhl so zurecht, dass sie ihn beim ersten Blick sehen musste.
Langsam öffnete Bea die Augen. Verwundert richtete sie den Blick zuerst nach oben auf den wuchtigen Positronengiebel des Bettes.
Erschrecken flackerte in ihren Augen auf. Sie schluckte hart. Anscheinend kam die Erinnerung an die Ereignisse direkt vor ihrer Bewusstlosigkeit schlagartig zurück. Roi wechselte seinen Platz, setzte sich zu ihr auf die Bettkante und ergriff ihre Hand.
Ungläubiges Staunen flog über ihr Gesicht. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie ihn an.
„Was war los?“, fragte sie mit rauer Stimme. „Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich einen Schlag in der Brust spürte und es so höllisch weh tat – und dass du ganz heftig geblutet hast – dann wurde es dunkel.“
Sie überlegte einen Moment. „Warst du schwer verletzt?“
Roi winkte ab. „Nicht der Rede wert. Ein Steckschuss in der Schulter. Da ein größeres Blutgefäß verletzt war, hat es so geblutet. Unsere famosen Ärzte haben das schnell wieder hinbekommen.“
Bea nickte – und dann richtete sie sich auf – und kuschelte sich in seine Arme. Roi war völlig fassungslos. Seine Bea, die immer die Nerven behielt, von der manche sagten, sie habe schon gar keine mehr! Sie kuschelte sich an ihn – und weinte leise vor sich hin!
Er presste sie ganz eng an sich, versuchte ihr Schutz zu spenden, streichelte ihr sanft den Rücken. Also zeigte auch sie hin und wieder Nerven. Eine neue und interessante Erkenntnis für ihn!
„Du verdammter Sturkopf“, schimpfte sie endlich und wischte sich über die Augen. „Vielleicht kannst du endlich mal auf Ratschläge hören. Ich möchte nicht eines Tages wirklich um dich weinen müssen.“
Roi war fassungslos! Da dachte er, sie würde wegen ihrer Verletzung weinen, aber die erwähnte sie mit keinem Wort. Sie weinte wegen ihm. Er meinte, sie wirklich zu kennen, aber trotzdem überraschte sie ihn immer wieder.
„Du bist nicht böse auf mich?“, fragte er ganz leise. „Es ist alles meine Schuld.“
Bea betrachtete ihn eindringlich. „Böse? Warum? Weil du vorbei geschossen hast. Kann auch dem besten Schützen mal passieren. Vergiss es.“
Sie versuchte ein Grinsen, so ganz gelang es ihr nicht.
Ihm kam es vor, als ob sie mit Absicht die zugrunde liegende Problematik nicht ansprach. Trotzdem hatte ihn der Fehlschuss an sich in seiner Ehre getroffen. Normalerweise schoss er bei einem so deutlich sichtbaren Ziel nicht vorbei, es war ihm einfach nur peinlich.
Er räusperte sich. „Wie geht es dir jetzt?“ Unruhig dachte er an den Hinweis von Dr. Hamory: niemand konnte abschätzen, wie sie die Verletzung psychisch verkraftete.
Bea tat so, als ob sie in sich hineinhorchte. „Gut. Ganz normal. Hungrig, aber ansonsten sogar sehr gut ausgeruht. Wie lange habe ich hier gelegen und wie schwer war ich verletzt?“
„Knapp fünf Tage. Du bist in der Klinik der FRANCIS DRAKE und hattest einen Steckschuss in der Lunge. Doc Hamory hat dich operiert und danach schlafen gelegt, damit du dich erholen kannst.“
Sie überlegte einen Moment, dann gelang ihr endlich das Grinsen. „Und ich bin wirklich in Ordnung, Freund. Keine Sorge, ich verkrafte das vom Kopf her. Sonst könntest du dir eine neue Sicherheitschefin besorgen – und willst du das?“
„Mit Sicherheit nicht!“ Roi ging gerne auf den lockeren Ton ein. Ablenkung, psychologisch fundiert, Anfangsunterricht in jeder militärischen Ausbildung …
„Dann hast du mir also das Leben gerettet“, folgerte sie. „Danke!“
Sie drückte Roi schnell einen Kuss auf die Lippen, wich dann aber gleich wieder zurück.
„Das war nur ein sehr kleiner Teil von dem, was ich dir schulde“, meinte er sehr ernst. „Ich stehe für mein ganzes Leben in deiner Schuld und kann das nie wieder gut machen.“
„Dazu sind Freundschaften da“, antwortete Bea plötzlich sehr kurz angebunden.
Roi versuchte abzulenken. Der Dank gerade der Freundin, die er durch seine Sturheit überhaupt erst in die Situation gebracht hatte, machte ihn befangen.
„Kannst du dir vorstellen, dass Doc Hamory die Frechheit hatte, mich auch einen Tag aus dem Verkehr zu ziehen?“
Bea lachte. Sie ging sofort auf seinen Ton ein. „Sehr gut. Ich muss ihm dafür wohl mal einen ausgeben. Wurde auch Zeit.“
Roi fiel ein Stein vom Herzen. „Dann mal raus aus dem Bett. Du bist fit, das weißt du ja. Soll ich rausgehen, wenn du dich anziehst?“
Bea schnappte nach Luft. „Wieso sollten wir uns neuerdings voreinander genieren?“ Sie drohte ihm mit dem erhobenen Zeigefinger.
Ihr Blick fiel auf die bereitliegende Kleidung. Sie sprang aus dem Bett und schien erst jetzt zu bemerken, dass sie ihre eigenen Sachen trug. Sie ergriff eine Strähne ihres Haares und roch daran.
„Das geht doch auf dein Konto, Roi?“, fragte sie nur.
Der zuckte nur die Schultern. „Schwester Jane hat das vorgeschlagen. Wir Männer sind da etwas schwerfällig, wie sie mehr erklärte. Naja, ich muss ihr zustimmen. Selbst wäre ich nicht auf die Idee gekommen. Aber ich habe die Sachen, die sie brauchte, aus deiner Kabine geholt.“
„Toll. Dadurch fühle ich mich wirklich wieder frisch und nicht mehr nach Krankenhaus.“
Sie horchte auf, als die Triebwerke aufheulten. Als Raumschiffskommandantin konnte sie allein nach dem Gehör feststellen, dass die FRANCIS DRAKE in einen Landeanflug ging.
„Wir landen …“, stellte sie gedehnt fest. „Wo?“
Roi grinste über das ganze Gesicht. „Auf dem militärischen Teil von Terrania Space-Port. Das ist meine Überraschung für dich.“
„Du bist … du hast … wieso …?“
„Weil es mir reicht. Du wirst jetzt berechtigterweise sagen, dass ich endlich zur Vernunft gekommen bin. Nachdem du durch meine Schuld verletzt worden bist, habe ich mich dazu entschlossen, die Erde anzufliegen und mit Atlan zu sprechen. Er weiß übrigens Bescheid, dass wir beide kommen und hat uns die Landegenehmigung für den militärischen Teil des Raumhafens erteilt. Mein Vater ist unterwegs – auch das hat er mir schon mitgeteilt. Nett von ihm, nicht wahr?“
Er verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.
„Dann ist meine Verletzung letztendlich doch zu etwas nutze“, stellte Bea ungerührt fest. „Und wenn es nur dazu ist, dass du endlich zur Vernunft gekommen bist.“
Roi wurde einer Antwort enthoben, weil der Interkom summte. Doc Hamory war am Gerät.
„Alles in Ordnung, Fürstin Wood?“, fragte er freundlich. „Oder noch irgendwelche Beschwerden?“
„Außer dass ich den Eindruck habe, dass Sie mich auf Diät gesetzt haben, bin ich fit. Alles in Ordnung. Ich habe Ihnen zu danken, Doc. Roi hat mich über alles informiert.“
Hamory lachte. „Damit zeigen Sie mir, dass Sie wirklich wieder völlig gesund sind. Denn eigentlich dürften Sie gar keinen Hunger haben bei dem, was ich in Sie reingepumpt habe die letzten Tage. - Aber vielleicht gefällt Ihnen ein Essen mit Ihrem hohen Besuch ja besser? - Ich erwarte Sie dann noch zur Abschlussuntersuchung.“
Bea wollte aufbegehren, aber Hamory winkte nur ab. „Das schaffen wir noch vor Ihrem Besuch – wenn er sich an die angekündigte Zeit hält.“
„Vielleicht verraten Sie uns auch, wer uns besuchen möchte?“, fragte Roi ahnungsvoll. Wieso hatte er so ein flaues Gefühl in den Knien? Er hatte seine Entscheidung doch getroffen.
Der Arzt verschwand aus dem Bildbereich und machte Edelmann Rasto Hims Platz, der über sein ganzes breites Epsalergesicht unverschämt grinste.
„Lordadmiral hat sein Kommen persönlich angekündigt. Er holt Sie hier ab und möchte in Imperium-Alpha die Lage mit Ihnen beiden erörtern. Er bittet Sie darum, ihn ohne Aufsehen zu begleiten. Ihre Anweisungen, Sir?“
Roi überlegte einen Moment. „Sie übernehmen ab sofort das Kommando über die FRANCIS DRAKE, Edelmann. Sogen Sie bitte dafür, dass die Waffen und der Halbraumspürer gut getarnt sind. Ich glaube zwar nicht, dass Atlan eine Kontrolle vornehmen wird, aber sicher ist sicher. Vielleicht kommt nach ihm ja noch ein solarer Kontrollbeamter an Bord, der sich wichtig machen möchte, ohne dass der Arkonide überhaupt davon weiß. Möglich ist hier alles. Fürstin Wood und ich werden wahrscheinlich eine ganze Weile von Bord sein. So leid es mir tut, kein Urlaub für die Mannschaft. Volle Start- und Manöverbereitschaft bis auf Widerruf.“
Hims nickte. „Empfang nach Solarer Salutordnung, Sir?“
Roi stöhnte gespielt auf. „Hilf Himmel, nein! Hat Er denn gar nichts begriffen? - Wenn Atlan sagt: kein Aufsehen, dann ist das auch so zu verstehen. Empfangen Sie ihn respektvoll, aber leger. Können Sie sich vorstellen, was ich mir darunter vorstelle?“
„Klar, Sir. Es wird alles zu Ihrer Zufriedenheit sein.“
„Hoffentlich. Muss ich mich denn immer so echauffieren?“
Hims grinste nur.
„Schicken Sie den Arzt zu mir“, mischte Bea sich ein. „Er soll direkt hierher kommen zu seiner Abschlussuntersuchung. Sonst gibt er ja doch keine Ruhe.“
„Sehr wohl, Fürstin. Darf ich mir einen Rat erlauben?“
„Welchen?“ Sie musterte den Epsaler vorsichtig.
„ Nehmen Sie sich nicht unseren Kommandanten zum Vorbild, was seine Abneigung gegen Ärzte betrifft. Manchmal braucht man sie ja doch.“
Roi verdrehte die Augen. „Das mir! Edelmann Hims, ich muss doch sehr bitten! Sie verkennen mich!“
„Garantiert nicht, Sir!“
Roi schüttelte nur den Kopf. Immer mehr fiel ihm auf, dass er sich in bestimmten Situationen in seine mühsam einstudierte Rolle flüchtete, auch wenn es eigentlich gar nicht nötig war.

**********

Die Abschlussuntersuchung von Bea erbrachte das erwartete Ergebnis: Sie wurden von Chefarzt Dr. Hamory wieder als voll dienstfähig erklärt und aus seiner Obhut entlassen.
Nach kurzem Überlegen entschied sie sich für ihre bereitliegende USO-Uniform zur Begrüßung von Atlan.
Vor der unteren Polschleuse, an der Atlan erwartet wurde, traf sie sich wieder mit Roi. Der hatte auch seine USO-Kombination angelegt, aber ohne Rangabzeichen. Damit verriet er nichts über sich. Seine Leute gingen ohnehin schon lange davon aus, dass er aus den Reihen der USO kam. Und der Verzicht auf Rangabzeichen erhöhte sogar noch das Geheimnisvolle um ihn.
Roi nickte ihr aufmunternd zu. „Also bringen wir es hinter uns und treten dem alten Löwen entgegen. Um so schneller habe ich es hinter mir.“
„Nicht nur du. Ich werde die Gelegenheit auch nutzen, mit Atlan reinen Tisch zu machen. Das ist schon lange überfällig. In Anbetracht der Situation möchte ich es nicht mehr länger aufschieben. Also bin ich im Prinzip genauso „feige“ wie du.“
Roi musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. „Du weißt, was du riskierst? Du bist immer noch USO-Major der Reserve. Atlan kann dich, wenn er will, immer noch vor ein Kriegsgericht stellen. Du hast damals auf dem Mars nicht nur den Befehl verweigert, sondern auch noch das gesamte Solare Imperium unter Druck gesetzt, um mich zu befreien. Das kann dich nicht nur den Rang kosten, sondern sogar den unehrenhaften Ausschluss aus der USO bringen. Überlege es dir gut. Wenn du einmal angefangen hast, gibt es kein Zurück mehr, liebste Freundin.“
Bea legte ihm die Hand auf den Arm. „Das weiß ich. Traust du das Atlan zu?“
Roi überlege. Nein, er traute es Atlan nicht zu. Außerdem hätte der Arkonide, wenn er es gewollt hätte, schon lange handeln können. Schließlich wusste er, woher die Sicherheitschefin der Freihändler kam und konnte sich, seitdem er wusste, wer Roi Danton war, vorstellen, was damals auf dem Mars wirklich passiert war.
„Nein, Bea. Atlan nicht. Bei meinem Vater wäre das anders. Der hat seine Prinzipien, von denen er nicht abgeht, auch wenn er sich dabei selbst verletzt.“
„Nicht bitter werden. Hier geht es zum Glück nicht um deinen Vater. Also dann lass uns ...“

**********

6

Der Empfang von Lordadmiral Atlan in der Hangarschleuse der FRANCIS DRAKE verlief ungezwungen, aber diszipliniert. Atlan nahm mit unbewegtem, aber freundlichem Gesicht die Ehrenbezeugungen nach Flotten-Ordnung entgegen. Niemand sah ihm an, was er wirklich dachte. Das komplette Offiziers-Corps des Freihändlerschiffes war angetreten, um den hohen Gast zu begrüßen.
Roi und Bea standen neben der diszipliniert angetretenen Reihe, Oro Masut direkt hinter ihnen. Bea trug ihre USO-Kombination mit ihren Rangabzeichen, Roi eine gleichartige Uniform, aber ohne Rangabzeichen. Alle anderen waren in ihren üblichen historischen Kleidungen angetreten. Für jeden von ihnen war es ein einmaliges Erlebnis, dem legendären Arkoniden persönlich gegenüberzustehen.
„Ich möchte nicht unhöflich sein“, sagte Atlan, nachdem er die Ehrenbezeugungen entgegen genommen hatte. Er wandte sich direkt an den Freihändlerkönig. „Wir haben nicht viel Zeit, König Danton. Darf ich Sie und Ihre Sicherheitschefin darum bitten, mich in den USO-Stützpunkt nach Imperium-Alpha zu begleiten? Auf uns dürfte in den nächsten Stunden sehr viel Arbeit zukommen. Ich darf Ihnen versichern, dass ich Ihre Befürchtungen sehr ernst nehme.“
Roi fühlte schon wieder das unangenehme, flaue Gefühl in den Beinen, als Atlan ihn direkt musterte.
Der lächelte, als ob er seine Gedanken erraten hätte. „Später“, meinte er nur.
Roi übergab das Kommando über sein Schiff wieder seinem 1. Offizier und beurlaubte sogar seinen Leibwächter. Der verzog traurig das Gesicht.
„Aber, mein König“, begann er, wurde aber von Roi freundlich unterbrochen. „Nein, Oro. Hier wird mir ganz bestimmt nichts geschehen, du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“
„Außerdem kann Ihr Chef gut auf sich aufpassen“, warf Atlan mit einem zynischen Lächeln ein. „Oder haben Sie das verlernt, Monsieur?“
Roi schnappte nach Luft. „Natürlich nicht, Sir. Was denken Sie von mir?“
Atlan ersparte sich die Antwort und drehte sich zu seinem Gleiter um. Der Pilot, ein USO-Leutnant, wartete mit ausdruckslosem Gesicht auf seinen Chef.
Nachdem der Gleiter die Hangarschleuse verlassen hatte, ordnete Hims nur an: „Solange wir auf dem TSP liegen, normale Bordroutine. Wenn die endlich was rauskriegen über die Attentäter, könnte es damit ganz schnell vorbei sein.“
„Unken Sie nicht, Rasto“, meinte Dr. Hamory unruhig. „Ich reiße mich nicht nach Arbeit.“
„Und wir uns nicht, in Ihre Hände zu geraten, Doc.“
Der Chefarzt verzog äußerst missbilligend das Gesicht. „Irgendwie scheint die Einstellung unseres verehrten Königs immer mehr abzufärben.“

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Atlan verschob die persönliche Aussprache auf später. „Die Attentate sind erst einmal wichtiger. Mein Logiksektor ist ebenfalls der Meinung, dass eine fremde Macht versuchen könnte, über die Freihändler dem Imperium zu schaden. Und da du“, er nickte Roi zu, „laut und deutlich verkündest, loyal zum Imperium zu stehen, bist den dem- oder denjenigen natürlich im Weg. Im Prinzip wundere ich mich darüber, dass du überhaupt noch lebst.“
Roi kämpfte mühsam um seine Fassung. Das war wieder einmal sein alter Lehrmeister, der Fakten völlig emotionslos vorbrachte. Atlan gab ihm keine Gelegenheit zum Antworten. „Nachher. Und ich hoffe, dass du dann sehr gute Argumente für mich hast, junger Höhlenwilder. Ihr scheint es einfach nicht zu lernen!“
Innerlich atmete Roi auf. Wenn Atlan in diesem Ton sprach, konnte die Strafpredigt wohl nicht so schlimm werden, wie er befürchtet hatte.
Bea sagte nichts, was ihr aber auch nichts nützte.
„Beatrice“, sprach Atlan sie an. „Ich nehme an, ich darf Sie immer noch so nennen. Das gilt auch für Sie. Ihre Erklärungen interessieren mich genauso brennend.“
Die nächsten Stunden waren von einer anstrengenden, rein sachlichen Diskussion erfüllt. Atlan zog alle Recherche-Möglichkeiten, über die die USO verfügte, durch seine Hochrang-Codes hinzu. Am Ende konnte sie nur noch auf die positronische Auswertung warten.

**********

Während des Wartens kam Atlan auf die persönlichen Dinge zu sprechen. Roi, der seinen alten Lehrmeister nicht nur sehr genau kannte, sondern sogar viele seiner Gewohnheiten für sich übernommen hatte, wartete ab, bis der Arkonide das Gespräch eröffnete. Es war die Sache des Gastgebers, ein Gespräch zu eröffnen, egal worüber. Alles andere wäre unhöflich gewesen.
Der Freihändlerkönig fühlte schon wieder ein flaues Gefühl im Magen, als der Blick aus den rotgoldenen Arkonidenaugen sich mit dem aus seinen nachtblauen traf.
„Eigentlich sollte ich dich übers Knie legen, damit zu zukünftig daran denkst, deinem alten Lehrmeister mehr Vertrauen entgegenzubringen.“
Roi begehrte unwillkürlich auf: „Ich bin nicht mehr der kleine Mike, der Angst vor Prügel hat, Atlan.“ Bea wollte ihn besänftigen, indem sie ihm die Hand auf den Arm legte. Sie unterließ es sofort wieder. Atlan hatte nur ein spöttisches Lächeln dafür.
„Mike und ich werden uns später noch unter vier Augen unterhalten. Es gibt bestimmte Dinge, die auch die beste Freundin nichts angehen.“
„Selbstverständlich, Sir.“
„Vorerst unterhalten wir uns aber zu dritt weiter. Sie kommen übrigens auch nicht ungeschoren davon, Beatrice. Ich will auch von Ihnen Antworten – und zwar überzeugende!“
Bea presste die Lippen zusammen.
„Also dann, Mike“, fuhr Atlan sehr ruhig fort. „Ich warte. Warum hast du mich nicht von Anfang an darüber informiert, wer Roi Danton ist? Ich brauche wohl nicht extra zu betonen, dass ich deinen Vater nicht darüber informiert hätte, obwohl er zufällig mein bester Freund ist. Dein mangelndes Vertrauen hat mich sehr enttäuscht, Michael Rhodan. Hoffentlich hast du eine sehr gute Erklärung dafür!“
Roi erläuterte Atlan ohne Ausflüchte klar und prägnant noch einmal seine Überlegungen, seine Befürchtungen, seine Ansprüche an sich selbst – und dann sein riesiges Schuldgefühl seiner Freundin gegenüber, die er durch seinen Stolz in Lebensgefahr gebracht hatte.
Atlan hörte schweigend zu und wartete einige Minuten, nachdem Roi seinen Bericht schon beendet hatte.
„Ich glaube, Vorwürfe kann ich mir sparen“, brach er dann das Schweigen. „Durch die Angst um deine Freundin bist du wohl endgültig zur Vernunft gekommen. Diese Angst ist mehr als genug Strafe für dich. Ich kann mir sehr gut vorstellen, was du empfunden hast.“
„Es war mir eine Lehre“, bestätigte Roi mit tonloser Stimme und gesenktem Kopf.
„Also betrachten wir dieses Thema als erledigt.“
Roi und Bea warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu, sagten aber nichts.
Vielleicht sehe ich deshalb in Atlan mehr den Vater als in Dad, dachte Roi traurig. Dad würde ganz anders reagieren. Mit ihm hätte es noch längere Diskussionen gegeben, die dann wohl wieder im Streit geendet hätten.
Atlan wandte sich nun Beatrice zu. Sein Gesicht, das vorher noch weich und verständnisvoll war, wurde übergangslos hart und undurchdringlich, schon fast abweisend.
„Miss Wood“, verwendete er die förmliche Anrede ohne ihren militärischen Rang, ich verlange eine wahrheitsgetreute Antwort von Ihnen. Seit wann wissen Sie, wer Roi Danton ist?“ Seine Stimme nahm den Ton von klirrendem Eis an.
In Roi krampfte sich alles zusammen. Aber er wusste sehr genau, dass er Bea jetzt nicht bespringen durfte, weder mit Äußerungen noch mit Gesten. Es hätte der Freundin mehr geschadet als genutzt. Sie beide hatten ihre Entscheidungen getroffen, die Atlan als USO-Chef nicht gefallen konnten, aber sie mussten jetzt dazu stehen, wenn sie das Wohlwollen des Arkoniden nicht verlieren wollten.
„Sir“, sagte Bea mit fester Stimme. Sie wich Atlans durchdringendem Blick nicht aus. „Bereits bei meinem ersten Zusammentreffen mit der FRANCIS DRAKE, bei der ersten Kontaktaufnahme über Funk habe ich Michael erkannt. Ich weiß, dass ich Ihnen diese Beobachtung hätte melden müssen. Dadurch wäre der gesamte Einsatz auf dem Mars unnötig gewesen.“
Atlan nickte, als ob er keine andere Antwort erwartet hätte. „Dann brauche ich wohl nicht mehr zu fragen, wer damals den politischen Wirbel veranstaltet hat, um diesen Freihändler“, sein spöttischer Blick traf Roi, „zu befreien. Es war ein hartes Stück Arbeit, das Ansehen des Solaren Imperiums nicht in Frage zu stellen.“
„Sir, ich sah damals keine andere Möglichkeit.“
„Außer die, mir ehrlich zu sagen, wer Roi Danton ist, meinen Sie nicht?“
„Ja, Sir. Aber genau das wollte Michael nicht. Da ich seine Identität kannte, sah ich absolut keine Gefahr für das Solare Imperium. Also bestand für mich kein Grund, ihm seine Pläne, die ich persönlich sehr gut verstehe, zu durchkreuzen.“
Atlan schwieg einige Minuten. Roi wurde innerlich immer unruhiger.
„Ich kann nicht umhin, Ihnen für die Aktion an sich meine Bewunderung auszusprechen, Beatrice“, begann Atlan langsam und betont. „Das hätte ich selbst nicht besser einfädeln können. Also haben Sie bei ja doch einiges gelernt.“ Auf seinem Gesicht zeigte sich kein Lächeln oder eine sonstige Reaktion. Die Freihändler können sich glücklich schätzen, eine solche Sicherheitschefin zu haben. - Wenn sie sie noch länger haben ...“
Roi begehrte auf. „Sir“, meinte er förmlich, „Egal wie Ihre Entscheidung ausfällt, Fürstin Wood hat sich in den Reihen der Freihändler nichts zuschulden kommen lassen. Sie hat mich im Gegenteil dabei unterstützt, Ordnung zu schaffen. Ohne sie wäre ich noch lange nicht so weit. Deshalb wird die Sicherheitschefin der Freihändler im Amt, so lange ich es für richtig halte und sie selbst es wünscht.“
Sein Gesicht hatte einen harten Ausdruck angenommen und glich dem seines Vaters in solchen Momenten. Jetzt begann Atlan zu lächeln.
„Danke, Mike.“ Bea lächelte ihren Freund dankbar an. „Aber ich weiß, was ich zu tun habe. - Sir, ich weiß, dass ich mich auch jetzt noch für mein Handeln damals vor einem Gericht zu verantworten habe. Das Urteil wird wahrscheinlich Degradierung und Ausschluss aus der USO sein. Ich habe im aktiven Einsatz einem Gefangenen die Flucht ermöglicht. Dazu gibt es nichts anderes mehr zu sagen, als dass ich zu meiner Handlungsweise stehe.“
Sie presste die Lippen zusammen, bis nur noch ein schmaler Strich zu sehen war. Mit zitternden Händen wollte sie die Rangabzeichen von ihrer Uniform lösen.
„Lassen Sie den Blödsinn, Major“, fuhr Atlan dazwischen. „Und hören Sie auf damit, meine Entscheidungen zu treffen. Das könnte ihnen sonst wirklich sehr schlecht bekommen.“
Er machte eine Handbewegung und in der Wand entstand eine durchsichtige Stelle, hinter der ein Regalfach sichtbar wurde. Atlan entnahm ihm einige vorbereitete Urkunden, warf einen kurzen Blick darauf und unterzeichnete sie.
„Lest das. Und dann dürft ihr etwas dazu sagen, vorher nicht.“
Bea nahm die Folien zuerst in Empfang. Ihr Gesicht wurde immer fassungsloser, während sie sie Stück für Stück an Roi weiterreichte.
Der musterte Atlan genauso fassungslos, denn grinste er über das ganze Gesicht. Er fühlte förmlich, wie ihm der sprichwörtlich Felsbrocken vom Herzen purzelte.
„Was gibt es zu grinsen, junger Höhlenwilder? Hast du etwas anderes von mir erwartet?“
Roi entspannte sich. Nein, er hatte von seinem alten Lehrmeister wirklich nichts anders erwartet. Trotzdem – vielleicht gerade durch die Autorität, die Atlan ihm gegenüber immer noch besaß und wohl auch immer besitzen würde – hatte er in seinem tiefsten Inneren Angst vor seiner Reaktion gehabt.
Wie konnte ich nur so blöd sein, warf er sich selbst vor. Ich hätte Bea und auch mir so viel ersparen können, wenn ich ihn viel früher ins Vertrauen gezogen hätte. Die ganze Geschichte damals auf dem Mars …
Er schüttelte leicht den Kopf. Atlan lächelte ihn nur an.
Wir verstehen uns immer noch ohne Worte! Grenzenlose Erleichterung machte sich in Roi breit.
„Dein Glück“, meinte Atlan zynisch. „Sonst würde ich dich doch noch übers Knie legen. Für mich bist du dazu noch nicht zu alt.“
Der Arkonide wandte sich sehr ernst an Beatrice. „Major Wood, ich setze Sie wieder in den aktiven Dienst ein und statte Sie mit weitreichenden Sondervollmachten aus. Vielleicht brauchen Sie die Unterstützung der Solaren Behörden demnächst doch einmal. Dann haben Sie als aktiver USO-Major in meinem persönlichen Auftrag bessere Ausgangsvoraussetzungen wie als Sicherheitschefin der Freihändler. Das bleiben Sie natürlich trotzdem. Ihre USO-Bezüge ruhen allerdings. Für Ihr Gehalt müssen die Freihändler aufkommen. Aber ich nehme an, dass Sie dort recht gut verdienen.“
„Für das Nötigste reicht es“, grinste Roi.
Altan reagierte nicht darauf. „Beatrice, eines möchte ich Ihnen noch sagen. Es ist Ihr Glück, dass Sie zu Ihrer Handlungsweise stehen. Wäre das nicht so, hätte ich Sie tatsächlich vor ein Gericht gestellt. Denken Sie bei Gelegenheit einmal darüber nach.“
Roi atmete endgültig auf. Er hatte sich in Atlan nicht getäuscht. Er wusste sehr genau, dass Atlan Menschen schätzte, die zu Ihrer Meinung standen und ihm gegenüber offen waren. Bea hatte in diesem Moment in ihrem Vorgesetzten auch noch einen Freund gewonnen.
Roi kam nicht mehr zu einer Bemerkung. Der Interkom summte und das Gesicht von Atlans Stellvertreter, Oberst Mouser, wurde sichtbar. Jeder von ihnen sah an seinem Gesichtsausdruck sofort, dass er sehr schlechte Nachrichten hatte.
„Haben Sie nur schlechte Nachrichten oder eine Katastrophe?“, fragte Atlan auch gleich. Roi fühlte einen kalten Schauer in sich aufsteigen. Ein Blick auf Bea verriet ihm, dass ihre Vorahnungsfähigkeit angesprochen hatte.
„Ich würde es als Katastrophe bezeichnen, Sir.“
„Berichten Sie bitte kurz. Die kompletten Auswertungen übersenden Sie mir bitte über die Datenleitung.“
„Wir konnten den Besitzer des Western-Revolvers ermitteln. Es handelt sich um einen gebürtigen Terraner, geboren in Frankfurt in Deutschland, Geburtsname Harald Schulze. Sein Vater, ein verdienter Kommandant der Explorerflotte im Ruhestand, schenkte ihm die Waffe zu seinem 16. Geburtstag und ließ den Besitzerwechsel ordnungsgemäß eintragen. Damals war der junge Mann noch nicht auffällig. Inzwischen steht er unter mehrfachem Mordverdacht, Entführungen und terroristische Anschläge werden ihm ebenfalls zur Last gelegt. Immer wieder konnte er sich einer Verhaftung entziehen, wechselte die Identitäten wie anderer Leute das Hemd. Und nicht nur das. Spezialisten und Agenten der Abwehr, die auf ihn angesetzt waren, verschwanden spurlos. Lediglich einem Spezialisten gelang es, in sein näheres Umfeld vorzudringen. Er wurde enttarnt, konnte aber schwer verletzt fliehen. Leider überlebte er seine Verletzungen nicht. Aber durch ihn haben wir eine Gen-Analyse von Schulze. Durch ihn wissen wir auch, dass Schulze gute Kontakte zu den Akonen und zur Condos Vasac unterhält.“
„Die Condos Vasac“, unterbrach Atlan mit spröder Stimme. „Ist das ganz sicher?“
Roi fror noch mehr. Die Condos Vasac, eine galaxisweit agierende Verbrechens- und Terrororganisation. Der Geheimdienst der Akonen, das Akonische Energiekommando, sollte quasi Miteigner der Organisation waren. In seiner Jugend hatten er und seine Schwester Suzan es nur ihrem Leibwächter, dem von Atlan abgestellten Ertruser Melbar Kasom, zu verdanken, dass sie nicht von ihnen entführt worden waren. Er mochte sich gar nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn sein Vater und seine Mutter sowie Atlan durch die Entführung der Kinder des Großadministrators erpressbar gewesen wären.
„Leider ja, Sir“, antwortete Mouser tonlos. „Wenn wir ihn erwischen, kommt eine Anklage wegen Hochverrat dabei heraus.“
„Diese verdammten Akonen. Ich habe ihnen noch nie getraut. Seit wir sie damals entdeckten, gibt es mit ihnen immer wieder Ärger.“ Atlan fluchte laut.
Roi und Bea blickten sich nur an. In ihnen keimte ein fürchterlicher Verdacht auf.
„Es kommt leider noch schlimmer“, unterbrach Mouser Rois Gedanken. „Unsere Giftanalyse bestätigt die Auswertung der Freihändler. Wir überprüfen im Moment alle, die an diese alten Daten herangekommen sein könnten. Vielleicht bringt uns das näher an die Kontaktleute. Es kann aber noch dauern. - Da ist aber noch etwas, Sir ...“
„Was denn noch?“ Roi kannte dieses Gesicht von Atlan. Anscheinend ahnte auch er etwas – auf der gleichen Schiene …
„Wir haben uns das Leben dieses Harald Schulze natürlich genauer angesehen. Besonders die Ergebnisse seiner Einschulungsuntersuchung mit sechs Jahren. Damals empfahl der Arzt, den Jungen weiter zu beobachten, weil er den Verdacht hatte, es könnte ein positiver Mutant sein. Er vermutete Hypnose oder Suggestion. Später fiel diesbezüglich nichts mehr auf, deshalb wurde dem Verdacht nicht mehr weiter nachgegangen.“
„Oder der Jungen erkannte seine Gabe vor der nächsten Untersuchung selbst und sorgte dafür, nicht mehr aufzufallen. Das dürfte für einen Hypno oder Suggestor nicht sonderlich schwer gewesen sein.“
„Das vermute ich auch“, meinte Atlan gedehnt. „War das alles, Oberst?“
„Ja, Sir.“
„Ich danke Ihnen, Sie haben wie immer hervorragende Arbeit geleistet.“
„Danke, Sir.“ Der Oberst schaltete mit einem stolzen Lächeln ab.
Atlan wandte sich direkt seinen Gästen zu. „Ihr wisst, was das sehr wahrscheinlich bedeutet?“
Roi hob nur die Schultern. „Natürlich. Sehr wahrscheinlich ist dieser Harald Schulze mit unserem Beirat Thomas Browne identisch. Sollte er wirklich ein Suggestor oder Hypno sein, erklärt es auch, warum völlig unbescholtene Leute die Anschläge auf mich verübten und warum sie sich sofort hinterher umbrachten. Er will die Macht bei den Freihändlern. Wenn in dieser Sache auch die Akonen und die Condos Vasac ihre Finger drin haben, spekuliere ich einmal, dass die Akonen über die Freihändler einen Schlag gegen das Imperium vorbereiten. Wir haben es also – wieder einmal – mit Hochverrat zu tun. Da Browne mich durch meine Mentalstabilisierung nicht beeinflussen konnte, versuchte er, mich aus dem Weg zu räumen. - Verdammt!“ Er schrie plötzlich. „Bea! Sind deine Offiziere mentalstabilisiert?“
Bea winkte ab. „Alle, die damals von der HATSCHEPSUT mit mir kamen, sind mentalstabilisiert. Und nur diese Offiziere haben Zugang zu den Geheiminformationen.“
Roi entspannte sich. „Zum Glück. Ich dachte schon ...“
„Habt ihr eine Genanalyse der Beiräte?“, fragte Atlan tonlos.
„Nein, Lehrmeister. Natürlich nicht.“
Atlan nickte nur. „Michael, ich aktiviere mit sofortiger Wirkung die im Ruhestand befindlichen USO-Offiziere im Sicherheitsdienst der Freihändler. Das wird hier in der Personalpositronik abgelegt. Möchtest du es ihnen mitteilen?“
Roi schüttelte den Kopf. „Nein, das solltest du als ihr USO-Befehlshaber. Ich gebe dir jetzt die Koordinaten von Olymp, sonst können wir den Planeten nicht per Hyperfunk erreichen.“
Roi brach in diesem Moment mit seinen Prinzipien. Er merkte, wie er den letzten Rest seiner unvernünftigen Sturheit abwarf wie ein lästiges Kleidungsstück.
Der Arkonide nickte. „Ich werde dein Vertrauen nicht missbrauchen, Mike.“
„Das weiß ich, Lehrmeister.“ Er legte kurz die Rechte auf sein Herz und neigte den Kopf – die Geste des Respekts eines arkonidischen Dagorista seinem Meister gegenüber.

**********

Atlan benutzte eine der kleineren Funkzentralen, die nur für die Inhaber von Hochrang-Codes zur Verfügung standen und das Personal ausschließlich von Robotern gestellt wurde.
Die Hyperfunkverbindung nach Olymp gelang sofort.
Fürst Drave Newton konnte seine Überraschung kaum verbergen, als er Lordadmiral Atlan als seinen Gesprächspartner erkannte. Der Arkonide informierte ihn kurz und knapp über die Situation und teilte ihm seine Reaktvierung und die seiner Kollegen mit. Newton seinerseits berichtete, dass Beirat Thomas Browne ohne Angabe eines Zieles Olymp verlassen habe. Er hatte keine Handhabe gehabt, ihn aufzuhalten.
„Ihre Befehle, Sir?“, fragte Newton beherrscht.
„Decken sich mit meinen und denen der Sicherheitschefin, Fürst Newton“, warf Roi ein.
Atlan schien Roi mit seinen Blicken durchbohren zu wollen. „Danke, König Danton“, sagte er aber nur einfach.
Atlan erteilte Newton den Befehl, eine Genprobe von Beirat Browne zu besorgen und sie mit den Daten zu vergleichen, die ihm übermittelt wurden. Außerdem waren die anderen Beiräte allesamt in Schutzhaft zu nehmen. Er solle Auskünfte verweigern und sich hinter den Anweisungen des Königs verschanzen. Der würde nach seiner Rückkehr alles erklären. Solange wären sie Gäste von Roi Danton persönlich im Raumhafen-Hotel. Der Sicherheitsdienst sollte nicht versuchen, den höchstwahrscheinlich vorhandenen Hypnoblock der Beiräte zu lösen, sondern abwarten, die Männer nur isolieren. Darum würde sich das Solare Mutantenkorps kümmern.
„Ich will dabei kein Risiko eingehen“, meinte Atlan nur zur Erklärung.
Damit schaltete er ab. Bei einem Eliteoffizier wie Newton waren weiteren Erklärungen nicht nötig. Er wusste, was er nun zu tun hatte.
„Obwohl ich damit den Beweis vorwegnehme“, sagte Roi. „Bleiben wir bei dem Namen Browne für unseren Gegner?“
Atlan und Bea nickten nur.
„Und ich habe ihm vertraut“, fluchte Roi. „Er war sogar mein Vertrauter. Er hat mich damals unterstützt, als dieser Beirat Henks mir mit dem Psychostrahler zu nahe rückte.“
„Vielleicht sollten wir diesen Versuch schon als das Werk von Browne sehen“, meinte Bea ruhig. „Mein Gefühl sagt mir, dass Henks eine Art Bauernopfer war und hinter allem schon Browne stand.“
Atlan musterte sie forschend. „Haben Sie öfter solche Gefühle, Beatrice?“
Sie nahm unwillkürlich Haltung an. „Ja, Sir. Seit meiner Mentalstabilisierung.“
„Danke für Ihre Offenheit. Somit gehören Sie zu denen, die nach diesem Gehirneingriff Fähigkeiten entwickeln, über die sie vorher nicht verfügten. - Du auch?“, fragte er Roi.
Der nickte. „Ja. Bei mir sind es die Verselbständigung meiner Reflexe und meiner Instinkte.“
„Es ist eure Entscheidung, ob ihr Mutantentests machen lasst“, erklärte Atlan nur. Damit war für ihn die Sache erledigt.
Roi und Bea tauschten nur einen kurzen Blick. Das war wieder einmal typisch Atlan!
„Atlan“, sagte Roi ganz leise. „Da wir alle davon ausgehen, dass es sich hier um Hochverrat am Solaren Imperium handelt, haben meine persönlichen Wünsche und die Interessen der Freihändler zurückzustehen. Deshalb übertrage ich dir die volle Befehlsgewalt über den Sicherheitsdienst der Freihändler und die FRANCIS DRAKE für die Dauer der Aktion. Ich erwarte Ihre Befehle, Sir.“
„Ich ebenfalls, Sir.“ Roi und Beatrice salutierten kurz und exakt nach Flottenmanier.
Atlan setzte sich und lächelte jetzt sehr weich. „Es gibt doch noch hin und wieder Wunder. Dann nämlich, wenn ein junger, stürmischer terranischer Höhlenwilder endlich etwas begreift und seinen Stolz besiegt, indem er die Hilfe eines alten arkonidischen Lehrmeisters annimmt. Das wurde aber auch Zeit.“
Warum kann Atlan nicht wirklich mein Vater sein? Roi konnte den Gedanken nicht verhindern …
Atlan blickte auf seinen Armbandchronometer. „Beatrice, vielleicht sollten Sie die Zeit nutzen, um sich ein wenig auszuruhen.“
Roi fühlte sein Herz schlagen. Jetzt war es also endlich an der Zeit für das von ihm erwartete und auch befürchtete Vier-Augen-Gespräch mit Atlan.
Bea nickte. „Ich kehre an Bord der FRANCIS DRAKE zurück. Besondere Anweisungen für Edelmann Hims?“
Roi hob nur die Hände und nickte Atlan auffordernd zu.
„Volle Start- und bedingte Gefechtsbereitschaft. Es kann sein, dass ihr sehr schnell starten müsst. Denn ich gehe davon aus, dass ihr bei einem eventuellen Kommandounternehmen dabei seid?“
„Selbstverständlich, Sir. Außerdem habe ich mit Browne noch eine persönliche Rechnung offen.“
Atlan schien Roi mit seinen Blicken durchbohren zu wollen. „Ich kann dich verstehen, aber Hass ist ein schlechter Ratgeber, Junge.“

**********

7

Atlan war zusammen mit Roi noch ins „Galaxa“ gegangen.
Je länger Atlan schwieg, desto unruhiger wurde Roi. Der Arkonide trank kleine Schlucke von dem vorzüglichen Rotwein, seinem Lieblingsgetränk, wenn er in dem Restaurant einkehrte. In Gedanken versunken blickte er auf die nächtlich beleuchtete Skyline von Terrania-City herab – ein wahrhaft märchenhafter Anblick.
Die Kellner hatten Atlan und seinem Begleiter lediglich kurz zugenickt. Es ging sie nichts an, mit wem der Lordadmiral sich traf.
Da bin ich nun der König der Freihändler, Befehlshaber einer mächtigen Wirtschaftsorganisation, besitze ein technisches Know-How, von dem das Imperium im Moment nur träumen kann – und bin unruhig, was mein alter Lehrmeister mir zu sagen hat, dachte Roi ironisch bei sich.
Als Atlan endlich den Blick von dem phantastischen Ausblick löste, wappnete Roi sich schon auf die Strafpredigt, die nun endlich kommen musste – aber sie kam nicht!
„Mike“, meinte der Arkonide nur leise. „Du bekommst die Strafpredigt nicht von mir, auf die du sicherlich schon gewartet hast. Ich glaube, inzwischen hast du eingesehen, wie falsch deine Entscheidung war.“
Roi konnte nur wortlos nicken.
„Lass dir das alles eine Lehre sein. Ich möchte dir aber etwas ganz anderes sagen, junger Barbar.“
Roi merkte auf. Atlans Tonfall nahm eine Härte an, die ihn unwillkürlich frösteln ließ. Das war bei dem Arkoniden immer das Zeichen, dass es um Dinge ging, mit denen er absolut keinen Spaß verstand.
„Ich will dich warnen. Unbändiger Stolz, gepaart mit Draufgängertum – das geht nicht immer gut aus. Lass dir das gesagt sein – und beherzige es bitte auch.“
Roi stöhnte. „So etwas Ähnliches hat Bea mir auch schon gesagt. Sie hält mich für zu risikobereit. Du auch?“
Atlan überlegte einen Moment. „Für risikobereit – ja. Sonst hätte ich wohl den falschen Mann ausgebildet. Aber nicht für zu risikobereit. Und auch draufgängerisch, da muss ich Beatrice zustimmen.“
„Was soll ich denn sonst machen?“ Roi verzog das Gesicht. „Du weißt, was ich will und warum ich es will. Das geht nicht anders. Außerdem gehe ich zu, dass es mir auch Spaß macht, etwas zu riskieren.“
„Das bestreite ich überhaupt nicht. Du kannst Risiken sehr gut einschätzen, wenn es um deine Leute geht. Insofern bist du der ideale Anführer. Aber was dich selbst betrifft, scheinst du manchmal ein Brett vor dem Kopf zu haben. Kennst du diesen altterranischen Ausspruch noch?“
„Sehr gut. Schließlich hatte ich den besten Geschichtslehrer, den er auf der Erde gibt. Einen gewissen Beuteterraner, der sich Atlan nennt.“
Atlan setzte sein Weinglas mit einem harten Ruck auf den Tisch. „Irgendwann einmal werde ich dir die Frechheiten austreiben.“
Roi grinste kurz, um unvermittelt sehr ernst zu werden. „Ich habe deine Warnung verstanden, Atlan. Und ich werde sie beherzigen.“
„Hoffentlich“, knurrte Atlan nur.
Er wollte fortfahren, erstarrte jedoch. Roi spürte gleichzeitig ein Prickeln unter seiner Kopfhaut. Sein neu erwachter Instinkt für Gefahren sprach an.
„Mein Extrasinn warnt mich gerade, dass hier etwas nicht stimmt“, flüsterte Atlan.
„Mein Instinkt sagt das Gleiche. Aber was soll uns hier passieren, im ‚Galaxa‘? Hier verkehrt die Prominenz des Imperiums.“
„Es wäre das erste Mal“, stimmte Atlan zu. Trotzdem zuckte seine Hand zur Dienstwaffe, genau wie Rois zu seiner. Beide trugen immer noch ihre USO-Kombinationen.
Plötzlich spürte Roi, wie ihm schwindlig wurde und würgende Übelkeit in ihm hochstieg. Er schluckte den bitteren Geschmack herunter und wollte aufspringen, aber der Fußboden drehte sich um ihn, er erschien ihm als Decke.
„Gas“, würgte er in einer plötzlichen Erkenntnis hervor, versuchte sich den Ärmel seiner Uniform vor Mund und Nase zuhalten, um nicht so viel davon einzuatmen. Verzweifelt versuchte er davonzulaufen, aber er spürte nur noch, wie er auf dem Boden aufschlug. Einen kurzen Blick erhaschte er noch auf Atlan, der immer noch aufrecht stand.
Hoffentlich kann sein Zellaktivator das Gas neutralisieren und er bleibt handlungsfähig, kann noch Hilfe herbeirufen. Das war sein letzter klarer Gedanke, bevor die Bewusstlosigkeit ihn umfing.

**********

Beatrice konnte nicht schlafen. Eine innere Unruhe schreckte sie immer wieder auf. Schließlich verließ sie ihr Bett, stellte sich unter die Dusche und ging in die Zentrale der FRANCIS DRAKE. Auf dem Weg von ihrer Kabine, die direkt neben der von Roi auf dem Chefdeck des Schiffes lag, traf sie nur wenige Besatzungsmitglieder der Nachtschicht. Alle winkten ihr freundlich zu. Sie grüßte ebenso zurück.
In der Zentrale traf sie auf Edelmann Rasto Hims. Der Stellvertretende Kommandant hatte die Nachtwache selbst übernommen. Oro Masut saß am Kartentisch mit einem riesigen Becher vor sich. Auf der DRAKE hatten alle Umweltangepassten nicht nur ihre eigenen Sitze, sondern auch ihr eigenes, für sie passendes Geschirr – und wenn es nur ein einfacher Kaffeebecher war. Roi übersah mit seinem Organisationstalent auch solche kleinen Dinge nicht.
Bea grüßte mit einem freundlichen Nicken in alle Richtungen und ließ sich von dem Servo einen großen Becher Kaffee mit viel Milch zubereiten.
„Auch unruhig?“, fragte Hims nur.
Bea nickte wortlos. Immer wieder sagte sie sich, dass sie sich täuschen musste. Was sollte Roi hier denn passieren. Er befand sich in der Begleitung von Lordadmiral Atlan in einem Nobel-Restaurant, in dem die Führungsspitze des Solaren Imperiums verkehrte. Jemand, der dort einen Anschlag verübte, konnte nicht bei klarem Verstand sein. Er würde niemals lebend aus dem Regierungsgebäude herauskommen.
Trotzdem verstärkte sich das Gefühl nahenden Unheils noch in ihr. Immer mehr verdichtete sich eine bestimmte Idee in ihren Gedanken. Manchmal hasste sie ihren neu erwachten Instinkt. Aber auf der anderen Seite musste sie sich selbst eingestehen, dass sie bisher noch nie falsch gelegen hatte!
Sie gab sich einen Ruck und stellte den Becher mit einem leichten Knall auf dem Pult neben Hims ab. Der zuckte noch nicht einmal zusammen.
„Ich ziehe mich um“, erklärte Bea kurz und verschwand ohne ein weiteres Wort durch das zufallende Hauptschott der Zentrale.
Als sie wieder zurückkam, in ihrer USO-Ausgehuniform, im Gürtelhalfter einen Paralysator und einen absolut tödlichen Impulsstrahler, nickten Hims und Oro Masut sich verstehend zu. Für einen aktiven Major der USO öffneten sich gewisse Türen leichter als für eine Freihändlerin, auch wenn sie die Chefin des Sicherheitsdienstes war.
„Ich gehe ins ‚Galaxa‘ und schaue nach. Das lässt mir keine Ruhe mehr. Obwohl ich unserem König sonst nicht hinterherspioniere.“
„Das ist kein ‚Hinterherspionieren‘“, meinte Oro nur. „Außerdem können Sie sich das im Gegensatz zu uns leisten.“
Es gab gewisse Dinge, die Roi Danton von seiner Mannschaft nicht duldete.
Bea wollte sich gerade von den Männern verabschieden, als der Leiter der Funkzentrale sich meldete. „Hyperkomgespräch über die Relaiskette von Olymp, Fürstin“, meldete er kurz. „Fürst Newton möchte Sie dringend sprechen.“
Sie sah sofort, dass Ihr Stellvertreter sehr schlechte Nachrichten hatte. Er kam sofort zur Sache. „Ich kann es kurz machen. Die Antwort ist JA.“
„Wir hatten es alle geahnt“, fluchte Bea unbeherrscht. „Haben Sie Lordadmiral Atlan schon informiert?“
Newton wirkte noch unglücklicher als vorher. „Das hätte ich gerne, Sir. Aber in der Zentrale der USO wurde mit von einem Oberst Mouser mitgeteilt, Atlan wäre zurzeit nicht abkömmlich und ich müsse mich mit ihm begnügen.“
„Haben Sie ihm die Daten überspielt und ihn informiert?“
„Ja, Sir.“
„Sonst alles gemäß unserer Planung?“
„Ja, Sir. Obwohl mir die Anwälte der Beiräte die Hölle heiß machen.“
„Das haben wir erwartet. Berufen Sie sich auf die Notstandsgesetze der Freihändler.“
Newton erstarrte, dann hatte er sich sofort wieder gefangen. „Ja, Sir. Und ich verweigere alle Auskünfte bis zur Rückkehr von Ihnen und König Danton?“
„Ganz genau. Sie vertreten mich bis dahin weiter auf Olymp. Es könnte sein, dass sowohl Atlan als auch Roi verschwunden sind.“
„Auf der Erde? Sir … wie das? Das gibt es doch gar nicht.“
Bea schenkte ihm ein undurchdringliches Lächeln. Es ersparte ihr alle weiteren Erklärungen, da Newton, der als 1. Offizier unter ihrem Kommando auf dem USO-Schlachtkreuzer HATSCHEPSUT geflogen war, zu denjenigen gehörte, die sie sehr genau kannten.
„Das dachte ich bis vor ein paar Minuten auch. Sie bleiben mit Edelmann Hims in Verbindung. Er hält sie über alles auf dem Laufenden. Ich versuche jetzt Roi und Atlan zu finden.“
Ohne ein weiteres Wort schaltete sie ab und wandte sich den Zentraleoffizieren zu.
„Ab sofort volle Gefechtsbereitschaft. Ich gehe ins ‚Galaxa‘.“ Sie wollte sich umdrehen, als Oro Masut sich vor ihr aufbaute.
„Mit allem Respekt, Sir, aber ich begleite Sie.“
An diesem Punkt war Beas Beherrschung vorbei. „Ich kann sehr gut auf mich allein aufpassen, Edelmann Masut.“
Der schüttelte traurig den Kopf. „Das weiß ich. Aber eine Geheimanweisung unseres verehrten Königs verpflichtet mich dazu, Sie als Leibwächter zu begleiten, wenn er nicht in der Nähe ist.“
Bea schnappte nach Luft. Gleichzeitig wallte ein warmes Gefühl in ihr auf, dass Roi sich so sehr um ihre Sicherheit sorgte.
„Ich möchte Sie nicht in Gewissensnöte bringen, Oro. Also kommen Sie mit. Aber darüber habe ich mit Roi noch ein Wörtchen zu reden. Ich bin kein kleines Mädchen mehr.“
„Ganz sicher nicht, Sir.“ Edelmann Hims konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, trotz der ernsten Situation.
Das grelle Heulen der Alarmsirenen ertönte im ganzen Schiff. Die Freihändler der Freiwache rannten zu ihren Manöverpositionen. Die Mitglieder der Landetruppen, die es in jeder Beziehung mit ihren Kollegen von Flotte und USO aufnehmen konnten, ließen alles stehen und liegen und begaben sich zu ihren Ausrüstungsdepots. Seit sie mit Roi Danton flogen, hatten sie sich das Wundern weitgehend abgewöhnt. Der Kommandant wusste schon, was er tat.
„Wenn das eingetreten ist, was ich befürchte“, erklärte Bea tonlos, „dann sind Roi und Atlan entführt worden.“
„In Terrania-City? Auf Terra? Im Regierungstower? Das geht doch gar nicht bei den Sicherheitsmaßnahmen!“, stammelte Hims.
Bea schüttelte nur den Kopf, als sie hinausging. „Haben Sie schon einmal etwas von Pferden vor Apotheken gehört, Edelmann?“
Sie ließ fassungslose Zentraleoffiziere zurück.

**********

Hoffentlich irre ich mich, hämmerte es in Beas Kopf, während sie an der Seite von Oro Masut auf den Haupteingang des Regierungstowers zuging. Sie Sorge um Roi drohte ihr den Atem zu nehmen. Sie zwang sich, ihre Emotionen zu beherrschen. Das hatten sie und Roi während ihrer gemeinsamen Ausbildung auf Quinto-Center als eines der ersten Dinge gelernt. Emotionen sind menschlich. Niemand braucht sich ihrer zu schämen – aber sie dürfen einen Einsatzsoldaten nicht beherrschen, schon gar nicht einen kommandierenden Offizier, dem seine Leute vertrauen sollen und müssen – sonst hat er den falschen Job.
Vor dem Gebäude sah Bea ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Der Eingang war von mehreren Roboteinheiten abgeriegelt. Schnellen Schrittes nähere sie sich dem kommandierenden Offizier, Oro Masut direkt hinter ihr.
Der wollte sie aufhalten, aber ein Blick auf ihre Chipkarte, die sie aus ihrer Jackentasche zog und ihre Rangabzeichen ließen ihn stattdessen Haltung annehmen. Er bat um ihre Karte und ließ sie von einem Automatleser prüfen.
Das „okay“ der Mini-Positronik kam mit einem leisen Piepsen.
„Sie dürfen passieren, Sir. Wer ist Ihr Begleiter?“
„Mr. Masut ist mein persönlicher Adjutant. Eine Personenkontrolle ist nicht erforderlich. Ich verbürge mich für ihn, Captain.“
Der zögerte einen Moment, dann gab er den Durchgang frei.
„Was ist auf Ihrer Karte verzeichnet, Sir?“, fragte Oro leise.
Bea lächelte wissend. „Dass ich als aktiver USO-Major im direkten Auftrag von Lordadmiral Atlan handele.“
Oro nickte anerkennend, sagte aber nichts weiter.
Sie schwebten im Antigravlift nach oben bis zur 35. Etage, in der das „Galaxa“ lag. Als sie auf den Flur traten, wurden sie von schwerbewaffneten Kampfrobotern aufgehalten. Ein Oberst mit den Abzeichen der Solaren Abwehr trat ihnen entgegen.
„Darf ich fragen, was Sie hier wünschen, Major?“
Bea blickte ihn offen an. Sie salutierte kurz und exakt vor dem ranghöheren Offizier. Die Ehrenbezeugung von Oro Masut fiel deutlich respektvoller aus. Obwohl ihr wirklich nicht danach zumute war, lächelte Bea innerlich. Diese Freihändler verblüfften immer wieder.
„Selbstverständlich, Sir. Ich bin Major Beatrice Wood, uneingeschränkte Sondervollmachten von Lordadmiral Atlan persönlich.“ Sie reichte ihm ihre ID-Card. Der Oberst warf nur einen kurzen Blick darauf und gab sie wieder zurück.
„Ich nehme an, Sie wollen direkt mit Solarmarschall Mercant sprechen. Ich schaue einmal nach, ob er abkömmlich ist.“
Steif drehte er sich um und verschwand durch ein als altertümliche Tür verkleidetes Schott. Anscheinend hatte er gewisse Probleme mit einem rangniedrigeren Offizier, der mit Sondervollmachten ausgestattet war.
Bea blickte sich unauffällig um. Der gesamte Restaurantbereich war abgesperrt,, der große Gastraum leer bis auf zahlreiche Spezialroboter, die nach Spuren suchten. Menschen oder andere lebende Wesen waren nicht zu sehen, auch nicht die Angestellten des Restaurants.
Der Oberst kam bereits nach wenigen Minuten zurück, in Begleitung von Solarmarschall Allan D. Mercant. Er lächelte wissend, als er Bea sah. Natürlich wusste er, dass er in ihr auch die Sicherheitschefin der Freihändler vor sich hatte.
Bea spürte das leichte Ziehen in ihrem Hinterkopf, als der schwache Halbmutant versuchte, ihren Gedankeninhalt zu erfassen. Ihr Gesicht verschloss sich zu einer Maske, sie fühlte Unmut in sich hochsteigen, sagte aber nichts.
Er nickte anerkennend. Bea war klar, dass er ihre Reaktion testen wollte. Natürlich wusste er, dass sie mentalstabilisiert war.
„Major Wood, können Sie eventuell etwas zur Klärung der Situation beitragen?“
„Ja, Sir. Ich befürchte, Lordadmiral Atlan, wegen dessen Verschwinden Sie hier sind, ist zusammen mit einem Ihnen bis jetzt noch unbekannten Begleiter entführt worden.“
Mercants Gesicht verlor das freundliche Lächeln, der Oberst musterte sie, als ob sie gerade eben einen Anschlag auf seinen höchsten Chef verübt hätte.
„Kompliment, Major Wood. Woher wissen Sie das? Ich kann mich nicht erinnern, die Nachrichtensperre aufgehoben zu haben.“
„Natürlich nicht, Sir.“
Mercant entschied sich sofort. Nicht umsonst hatte Perry Rhodan ihn schon in den ersten Tagen der Dritten Macht zu seinem Abwehrchef gemacht.
„Sie haben Informationen, über die wir noch nicht verfügen und konnten deshalb gewisse Schlüsse ziehen.“ Er deutete auf ein kleines Schott. „Wir unterhalten uns dort weiter. Ihr Begleiter bleibt hier.“
Oro zog ein trauriges Gesicht, der Oberst rettete sich in sein wohl arrogantestes Dienstgesicht.
„Wir sind unter uns, Major Wood.“ Er bot ihr mit einer Handbewegung einen Platz an einem großen Tisch an und setzte sich ihr gegenüber. „Wir sollten offen miteinander sein. Die Situation erlaubt ein Versteckspielen nicht mehr.“
„Dem stimme ich zu, Sir.“
„Lassen Sie uns zur Sache kommen, Major. Vorweg: Mich stört es nicht, dass Sie auch die Sicherheitschefin der Freihändler sind. Das hier ist wahrscheinlich eine Sache, in der wir eng zusammenarbeiten müssen.“
Bea fühlte plötzlich den Boden unter sich schwanken. Aber das kurze Schwindelgefühl hörte sofort wieder auf. Ihre neue Fähigkeit hatte angesprochen. Sie ahnte, was gleich kommen würde.
„Sie wollten mir sicherlich sagen, wer der uns unbekannte Mann ist, mit dem Atlan sich im Restaurant getroffen hat. Ich nehme an, es ist König Danton.“
Bea nickte nur. Mercant fuhr fort: „Er und Atlan wurden anscheinend mit Gas betäubt. Es ging wohl alles so schnell, dass sie nicht mehr reagieren konnten. Wir gehen deshalb von einem äußerst gefährlichen Kampfgas aus, da es auch Atlan trotz seines Zellaktivators außer Gefecht setzte und Ihr König auch nicht rechtzeitig reagieren konnte. Es wäre interessant zu wissen, wem von beiden die Entführung eigentlich galt und wer nur zufällig dabei war. Denn das Treffen zwischen Atlan und Danton war sicherlich spontan?“
Bea konnte wieder nur nicken. Die Logik des Abwehrchefs war bestechend.
„Ich gehe davon aus, dass die Entführung Ihrem König galt und Atlan nur willkommene ‚Zugabe‘ war. Eine Organisation, die über die Mittel verfügt, hier im Regierungstower eine Entführung erfolgreich durchzuführen, gibt sich nicht mit dem Anführer einer Handelsorganisation ab, mag sie noch so stark sein. Die hat politische oder militärische Interessen – und zwar gegen das Solare Imperium!“
„Die Entführung galt mit Sicherheit unserem König“, meinte sie tonlos.
Mercant musterte sie mit einem durchbohrenden Blick. Dann sagte er ganz langsam und betont: „So lange die Entführer nicht wissen, wen sie in der Person von König Danton entführt haben, haben wir noch Zeit, ihn und Atlan zu befreien. Zum Glück weiß ich, dass Ihr König lieber sterben würde, als seine Identität preiszugeben und damit das Imperium erpressbar zu machen.“
„Sir!“ Bea sprang auf. Sie konnte nicht mehr sitzen bleiben. Mercant lächelte auf seine freundliche Art, die schon viele Menschen über ihn getäuscht hatte.
„Warum sind Sie so entsetzt, Major? Wenn ich nicht denken könnte und 1 + 1 zusammenzählen, würde ich nicht als Abwehrchef taugen. Atlan und ich sind bei der letzten Führungsbesprechung über die Freihändler auf die richtige Idee gekommen. Keine Sorge – wir haben Perry Rhodan beide nicht informiert. Und wissen Sie, warum? Weil ich Michaels Vorgehensweise sehr gut verstehen kann! Er wird niemals gegen das Imperium arbeiten, also lasse ich ihn gewähren. - Da ich aber ganz sicher gehen wollte, habe ich nach dieser Besprechung einen positronischen Irisabgleich zwischen alten Aufnahmen von Michael und Bildern von Roi Danton gemacht mit 100 %-iger Übereinstimmung. Er sollte sich für farbige Kontaktlinsen entscheiden. Seine Augen sind zu auffällig.“
Bea seufzte. „Wem sagen Sie das, Sir. Er möchte es nicht.“
Mercant zuckte nur die Achseln. „Das muss er alles selbst wissen. - Ich warte auf Ihren Bericht, Major.“
Bea berichtete dem Solarmarschall über alles, was sie ermittelt hatten und verwies ihn auf die Datenspeicher der USO. Er nickte nur. „Ich setzte mich gleich mit Oberst Mouser in Verbindung. - Wir müssen jetzt unser weiteres Vorgehen absprechen. Die Zeit läuft uns weg. Sobald die Entführer herausbekommen, wer Roi Danton ist, sitzen wir auf einem Pulverfass. Sie können sich vorstellen, wie Perry Rhodan reagiert – reagieren muss! - wenn er mit seinem Sohn erpresst wird?“
„Zu gut, Sir!“
Bea machte sich keinerlei Illusionen, dass der Großadministrator seinen Sohn opfern musste, wenn das Imperium erpresst wurde, egal wie schwer es ihm fiel.
„Die Entführer, die wir mit Sicherheit in den Kreisen des Akonischen Energiekommandos und der Condos Vasac zu suchen haben, werden alles daran setzen, mit ihren Gefangenen so schnell wie möglich von der Erde zu verschwinden, damit sie aus sicherer Entfernung Forderungen stellen können.“
Er aktivierte sein Armbandtelekom und rief den Raumhafen an: „Startverbot für alle Raumschiffe, die nicht zur Flotte oder zur USO gehören. Begründen Sie das mit einer Bombendrohung für den Raumhafen. Lassen Sie sich da etwas einfallen. Einzige Ausnahme gilt für das Flaggschiff der Freihändler, die FRANCIS DRAKE. Sie darf auf Wunsch starten und ihr ist sofort ein Startkorridor freizumachen. Sie wird mit Alarmstart abheben. Sichern Sie das entsprechend ab, damit wir hier keine Stürme und Beben haben.“
Der Hafenkommandant stellte keine Fragen. Das verbot die Disziplin einem Solarmarschall gegenüber. Er bestätigte lediglich.
Mercant wandte sich an Bea: „Seien Sie froh, dass Perry Rhodan im Moment nicht auf der Erde ist. Natürlich werde ich ihn über die Entführung Atlans berichten müssen. Aber ich werde ihm nur mitteilen, dass Atlan in Begleitung eines bisher unbekannten Mannes entführt wurde. - Dafür erwarte ich als Gegenleistung Ihre volle Unterstützung. Ich weiß, dass Sie als Sicherheitschefin der Freihändler in Dantons Abwesenheit die alleinige Befehlshaberin sind. Der Kaiser hat seit der Krönung nur noch Vetorecht. - Bekommen Sie nicht schon wieder einen Schreck, meine Liebe? Was glauben Sie wohl, wofür die Abwehr bezahlt wird? Wir sind besser informiert, als Sie denken!“
Aber nicht so gut, wie ihr denkt. Sonst wüsstet ihr, dass es gar keinen Kaiser mehr gibt, sondern nur noch ein Robot-Double und ein Hologramm, dachte Bea sarkastisch.
„Haben Sie die Möglichkeit, ein fliehendes Schiff zu verfolgen, auch durch den Linearraum? Ich habe ein Gerücht gehört, dass es den Prototyp eines entsprechenden Ortungsgerätes geben soll und der Entwickler Dr. Geoffry Abel Waringer heißen soll?“
Bea gab sich einen Ruck. Die Situation war zu ernst, um nicht mit offenen Karten zu spielen. Außerdem riskierte auch Mercant sehr viel, indem er seinen obersten Chef nicht informierte. Sie war sich sicher, dass Roi ihr Vorgehen nachträglich gutheißen würde.
„Das Gerücht stimmt, Sir. Wir nennen das Gerät Halbraumspürer. Die FRANCIS DRAKE hat diesen Prototyp an Bord. Er arbeitet zufriedenstellend, aber Dr. Waringer will ihn noch weiter verbessern.“
„Gut. Also können nur Sie ein fliehendes Schiff verfolgen. Haben Sie die Möglichkeit, Rois Aufenthaltsort zu ermitteln?“
„Ja, Sir. Das ist es gerade, was mir Sorgen bereitet. Roi trägt in seinem linken Unterarm einoperiert einen Mikropeilsender aus siganesischer Fertigung, kombiniert mit einem kleinen Funksender, mit dem man Morsesignale senden kann. Der Sender hat eine Reichweite von einigen Lichtjahren, muss aber mechanisch aktiviert werden. Das kann man jederzeit unauffällig machen, indem man die Hand auf den Arm legt. Der speziell einjustierte Empfänger ist an Bord der FRANCIS DRAKE. Da ich noch dort noch keine entsprechende Nachricht erhalten habe, müssen wir davon ausgehen, dass Roi im Moment nicht dazu in der Lage ist, den Sender zu betätigen.“
„Dass er und Atlan also noch bewusstlos sind.“ Mercant blickte auf sein Chronometer. „Wir haben es hier wohl mit einem äußerst aggressiven Kampfgas zu tun. Ich möchte nicht mit den beiden tauschen, wenn sie wieder zu sich kommen, besonders nicht mit Michael, weil er keinen Zellaktivator hat.“
Oh, er zeigt ja doch ab und an mal Mitgefühl, dachte Bea zynisch. Hätte ich nicht von ihm gedacht.
„Wir können also nur auf Michaels Widerstandsfähigkeit hoffen, dass er möglichst schnell wieder zu sich kommt. Weiß Atlan, dass er den Sender hat?“
„Ich weiß es leider nicht, Sir. In meiner Gegenwart wurde nicht darüber gesprochen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Atlan vielleicht von seiner solchen Möglichkeit ausgeht, da Michael viel von seinen Methoden übernommen hat. Und Atlan ist mit Sicherheit viel schneller wieder bei Bewusstsein.“
„Uns läuft die Zeit davon, Major Wood“, erinnerte Mercant noch einmal. „Es kommt alles darauf an, wie lange Michael und Atlan standhalten können, sobald sie wach sind.“
„Sir, Michael ist mentalstabilisiert, wie Sie sicherlich wissen – und Atlan ist durch seinen arkonidischen Extrasinn nicht psychisch beeinflussbar.“
Mercants Gesicht nahm einen undurchdringlichen Ausdruck an. „Es gibt auch heute noch das Mittel der physischen Folter, wenn alle anderen Methoden versagen. Ich verabscheute das zutiefst, aber auch ich habe schon entsprechende Anordnungen geben müssen, wenn es um die Sicherheit des Imperiums ging. Und glauben Sie mir, es gibt Methoden, die jeden irgendwann brechen. Sogar Atlan oder Michael.“
„Michael kann sehr viel aushalten, Sir“, begehrte Bea auf. „Ich habe ihn in Situationen erlebt, in denen andere schon lange vor ihm aufgegeben hätten – und er hielt immer noch stand. Außerdem würde er lieber Selbstmord begehen, ehe er ein Geheimnis verrät.“
„Wenn man ihn lässt ...“, unkte Mercant tonlos.
Bea fühlte ein eiskaltes Gefühl in sich hochsteigen. Wenn man ihn lässt … Was würde Michael bevorstehen. Ihre Befürchtung war die allerschlimmste …
Mercant nahm ihre Hand in die seine und blickte sie so mitfühlend an, wie sie es dem Abwehrchef nie zugetraut hätte. „Gehört das zu den Dingen, die Michael von Atlan gelernt hat?“
„Ja. Ich weiß allerdings auch nichts Genaues darüber. Michael spricht nicht darüber. Es hängt mit einer für Psyche und Körper außerordentlich gefährlichen Autosuggestion zusammen.“
„Wir werden alles daran setzen, die beiden rauszuholen“, tröstete Mercant sie. Wir ...“
Das laute Schrillen von Beas Armbandtelekom unterbrach ihn.
„Fürstin“, teilte Edelmann Rasto Hims ihr mit. „Edelmann Masut hat mich bereits über die Entführung informiert. Der Kommandant hat den Peilsender aktiviert. Das Signal kommt von einem Schiff, das auf der Marsbahn in Parkposition steht. Etwas kleiner als ein Städtekreuzer, abgeflachte Pole. Eindeutig ein Akonenschiff. Scheint nach dem Energieecho allerdings ein Handelsraumer zu sein. Wobei ich das nicht so richtig glaube. Es könnte einige Überraschungen für uns bereit halten. Ihre Anweisungen, Sir?“
„Sie starten umgehend. Alarmstart. Melden Sie das dem Hafenkommandanten. Er ist schon informiert und zieht die Energieschirme hoch, damit hier keine Wetterkatastrophe folgt. Edelmann Masut und ich kommen über den Transmitter an Bord. Weiterhin volle Gefechtsbereitschaft. Nähern Sie sich dem Schiff, so weit Sie es verantworten können. Achten Sie darauf, nicht geortet zu werden.“
Hims nickte. „Wann darf ich Sie erwarten, Sir?“
„Sofort. Die Jagd beginnt, Edelmann Hims.“
Sie schaltete ab. Mercant hatte schon während ihres Gespräches die entsprechenden Anordnungen an die große Transmitterstation des Regierungsgebäudes gegeben. Er bot Bea zum Abschied die Hand. „Ich wünsche Ihnen und uns allen eine gute Jagd. Wahrscheinlich werden Sie versuchen, das Schiff zu entern?“
Bea nickte nur.
„Bitte halten Sie mich auf dem Laufenden. Sie wollen das Schiff entern und es dem Solaren Imperium als Beute übergeben?“
„Können Sie meine Gedanken doch lesen, Sir? Das würde uns auch in den Augen von Perry Rhodan Anerkennung bringen – die die Freihändler dringend brauchen.“
Sie drehte sich um.
„Vielleicht ist das hier alles vorbestimmt“, murmelte Mercant leise.
Bea hörte es doch noch. Ihre eigenen Gedanken gingen in eine ähnliche Richtung.

**********

Gleich, nachdem Bea und Oro die Zentrale der FRANCIS DRAKE betreten hatten, ging das Akonenschiff in den Linearraum. Vorher hatten die optischen Taster des Freihändlerschiffes noch den Namen sichtbar gemacht: DRORAH XIII – der Heimatplanet der Akonen in ihrem Heimatsystem, dem Blauen System. Damit war klar, wem das Schiff gehörte. Das Akonische Energiekommando bezeichnete seine Schiffe meistens nach der Heimatwelt.
Der Bildschirm des Halbraumspürers lieferte glasklare Bilder. Die Anzeige des Zielsterns blieb leer, weil die DRAKE keinen Zielstern hatte, sondern „auf Sicht“ dem anderen Schiff folgte.
„Wir haben von Seiten der Solaren Abwehr freie Hand“, informierte Bea die Zentraleoffiziere. Wie das wird, sobald Perry Rhodan wieder auf Terra ist, daran wage ich noch gar nicht zu denken. Mir wäre es am liebsten, wenn die Aktion bis dahin schon beendet wäre und wir ihm Lordadmiral Atlan samt dem eroberten Schiff ‚auf einem Silbertablett‘ präsentieren könnten.“
Den besorgten Blick, den Hims ihr zuwarf, bemerkte Bea nicht, weil sie sich gerade von Oro Masut in ihre Kampfkombination helfen ließ. Die anderen hatten gemäß der Gefechtsbereitschaft schon längst ihre Kombinationen angelegt. Das Bild in der Zentrale dieses Freihändlerschiffes unterschied sich in nichts von dem auf Solaren Flotteneinheiten im Gefechtsfall.
Das Akonenschiff verließ gerade den Linearraum und die Kosmonauten begannen sofort mit der Arbeit, um ihre Position festzustellen.
Die Linearetappe war nur kurz gewesen. Mit geringer Restfahrt glitten die Schiffe aus dem Solaren System hinaus. Dem fremden Kommandanten war es wohl vorerst nur darum gegangen, aus dem System herauszukommen.
„Edelmann Hims, der Kommandant meldet sich wieder“, schrie der Leiter der Funkzentrale herüber.
„Schalten Sie den Decoder direkt dazwischen“, ordnete Hims an. Der auf den Mini-Sender geeichte Empfänger besaß einen zusätzlichen Decoder, der die in Morsezeichen gesendete Nachricht automatisch übersetzte und in Form einer Automatenstimme mitteilte.
Hier ist Atlan. Roi ist noch bewusstlos, aber sonst ist der in Ordnung. Machen Sie sich keine Sorgen, Beatrice. Informieren Sie umgehend Solarmarschall Mercant. Wir wurden mit Gas betäubt und durch den großen Transmitter des Regierungstowers an Bord dieses Schiffes gebracht. Ich nehme an, Sie haben uns inzwischen eingepeilt. Es sind Akonen! Beirat Browne ist auch dabei, also scheint unsere Vermutung zu stimmen! Veranlassen Sie alles Nötige, Beatrice – und versuchen Sie, das Schiff zu stellen, bevor es in den Linearraum geht.
Bea und die Zentraleoffiziere grinsten sich an. Natürlich konnte Atlan nicht wissen, dass sie einen Halbraumspürer hatten und auch nicht, dass die Genanalyse inzwischen ihre Vermutung zweifelsfrei bestätigt hatte.
„Keine Antwort“, ordnete sie an. „Wir wissen nicht, in welcher Situation Atlan sich befindet. Und eine Nachricht kann nur Roi direkt in seinem Arm wahrnehmen. Er wird sich denken, dass wir den Spruch empfangen haben und entsprechend reagieren. - Informieren Sie den Solaren Abwehrchef. Verlangen Sie ihn direkt und lassen Sie sich nicht abwimmeln. Er wird auf meinen Anruf warten.“
Sie strich sich mit einer müden Geste über ihr Gesicht. Dabei bemerkte sie, dass sich ein Teil ihrer langen Haare gelöst hatte und über die Schultern herabhing. Sie drehte es wieder zusammen und steckte es mit der Spange fest.
Die Männer der Zentralebesatzung, alles ehemalige Offiziere von Flotte und USO, verfolgten ihre Bewegung mit bewundernden Blicken, nicht für sie als Frau, sondern als kommandierenden Offizier. Schon lange hatte sie sich im Umgang mit Männern eine ganz bestimmte Art angewöhnt. Sonst hätte sie es als Frau in einer militärischen Organisation nicht so weit gebracht.
„Einen Kaffee, Sir?“, fragte Oro, der sich unauffällig im Hintergrund gehalten hatte, ungewöhnlich leise.
Bea nickte und setzte sich in einen freien Sitz neben Hims. Den Platz von Roi – wenn auch nur vorübergehend – einzunehmen – wäre ihr wie ein schlechtes Omen erschienen.
Der Leiter der Funkzentrale stellte Solarmarschall Mercant direkt durch.
„Vergiften Sie sich nicht mit dem Zeug“, meinte der, als er ihren Kaffeebecher in der Hand auf seinem Bildschirm sah.
Bea berichtete ihm kurz und knapp über die Lage. Er nickte nur. „Viel Erfolg, Fürstin Wood. Es könnte sein, dass das Schicksal des Imperiums in Ihren Händen liegt. Ich muss jetzt den Großadministrator informieren – auch darüber, dass Ihr König Atlans Begleiter ist.“
„Ja, Sir.“
Mercant blickte sie sehr ernst an. „Major Wood, ich befinde mich in einer schwierigen Situation. Als Major der USO kann ich Ihnen befehlen, nichts allein zu unternehmen, sondern uns zu informieren. Als Sicherheitschefin und derzeitige alleinige Befehlshaberin der Freihändlerin entscheiden Sie über einen Einsatz Ihres Schiffes. Also kann ich Sie nur bitten, sich genau zu überlegen, was Sie tun. Ein Freihändlerschiff, das ein akonisches Schiff aufbringt – das könnte zu scher wiegenden diplomatischen Problemen führen.“
„Das ist mir bewusst, Sir. Ich werde Sie rechtzeitig informieren.“
Ihr war selbst bewusst, wie vage ihre Antwort war. Mercant gab sich damit zufrieden und beendete die Verbindung, nachdem er ihr und der Besatzung noch einmal viel Glück gewünscht hatte.
Sie hob gerade den Becher, als die Alarmsirenen des Freihändlerschiffes wieder aufheulten. Das Flaggschiff der Freihändler ging wieder hinter dem verfolgten Schiff in den Zwischenraum.

**********

8

Während Roi durch das Betäubungsgas sofort bewusstlos wurde, war Atlan aufgrund der Wirkung seines Zellaktivators nur gelähmt. Er konnte sich nicht bewegen, nicht sprechen, aber er war wach, bekam alles mit. Das war für den über zehntausendjährigen Arkoniden kein Grund, die Fassung zu verlieren – im Gegenteil. In seinem langen Leben war er oft genug in solchen Situationen gewesen. Er gab sich den Anschein, ebenfalls bewusstlos zu sein und registrierte jede Kleinigkeit, wobei ihm sein Extrasinn half, der genau wie sein bewusster Verstand voll handlungsfähig war. Die Übelkeit und die Kopfschmerzen, eine Nebenwirkung des Gases, unterdrückte er, wobei ihm die Beschäftigung mit seinen Beobachtungen half.
Er erkannte sofort anhand des Körperbaus, der Haut- und Haarfarbe und des arroganten Auftretens seiner Entführer, mit wem er es zu tun hatte.
Und ihr dachtet, die Akonen hätten endlich Ruhe gegeben, meinte der Extrasinn.
Ein fataler Irrtum, gab Atlan zu.
Wir können nur hoffen, dass du Michaels Peilsender aktivieren kannst. Und dann solltest du auch hoffen, dass die Freihändler euch finden, bevor ihr auf ein Schiff gebracht werdet und es im Linearraum verschwindet – es sei denn, die Freihändler haben wirklich einen Halbraumspürer.
Wovon ich ausgehe … Atlan zögerte einen Moment innerlich … aber Michael macht mir die größten Sorgen. Hoffentlich finden sie nicht heraus, wer er ist. Sonst …
Sogar der Extrasinn zögerte einen Moment mit der Antwort. Glaubst du wirklich, dein Freund würde seinen Sohn opfern?
Atlan meinte, ein wenig Unglauben in seiner inneren Stimme gehört zu haben – aber das konnte nur ein Irrtum sein. Der Logiksektor argumentierte nur auf rein logischer Basis.
Er wird es tun, gab er zurück, wenn es um die Menschheit geht. Wie er selbst dann damit zurechtkommt, kann niemand sagen, aber er wird es tun. Mit Gewalt unterdrückte er einen neuen Schub der Übelkeit, die ihn bei diesen Gedanken wieder zu überwältigen drohte.
Er schüttelte die Gedanken mühsam ab. Noch war es nicht so weit, obwohl er immer versuchte, alle Eventualitäten vorher zu überdenken.
Atlans Vermutung traf genauso ein. Sie wurden durch den großen Haupttransmitter des Regierungst-Towers in die Empfangsstation eines Schiffes abgestrahlt. Andere Personen wurden für ihn nur schemenhaft sichtbar. Als er sich noch fragte, ob das mit den Nebenwirkungen des Gases zu tun hatte, lieferte sein Logiksektor die Erklärung: Ein Zeitfeld – natürlich – wie sollte es bei Akonen auch anders sein …
Die Entführung musste sehr gut vorbereitet gewesen sein. Wobei sich Atlan immer wieder eine zentrale Frage stellte: Wieso hatten sie gezielt zuschlagen können? Woher wussten sie, dass er zusammen mit Roi um diese Zeit im „Galaxa“ sein würde? Und wer hatte ihn entführen wollen?
Dich?????, fragte der Extrasinn spöttisch. Du bist dieses Mal nur Beiwerk, Kristallprinz, auch wenn das deinem Stolz nicht gut bekommt. Die Entführung galt allein Michael. Wobei das natürlich nicht die Frage beantwortet, WIESO die Entführer genau wussten, wo sie ihn finden konnten.
Atlan zuckte zusammen. Natürlich! Wenn ihre Ermittlungen zutrafen und auch dieser Beirat Thomas Browne identisch mit Harald Schulze war, wovon er inzwischen ausging, dann hatte man Roi haben wollen, damit waren die Freihändler führerlos und der Weg für Browne offen. Dass man bei der Gelegenheit den Lordadmiral der USO gleich mitnehmen konnte, dürfte für die Entführer ein unverhoffter Glücksfall gewesen sein.
Die Männer in der Empfangsstation grüßten die Zurückkehrenden respektvoll. Anscheinend waren es hohe Offiziere des Schiffes.
Sie wurden auf Antigravbahren gelegt und in eine luxuriös ausgestattete Kabine gebracht, die sonst wohl für hohe Gäste bestimmt war. Atlan lugte vorsichtig zwischen den fast geschlossenen Augenlidern hervor. Dabei erkannte er Thomas Browne ganz deutlich, der sich mit dem Anführer des Entführungskommandos unterhielt. Aus ihren Gesprächen ging hervor, dass man damit rechnete, dass die Gefangenen noch einige Stunden betäubt sein würde. Niemand rechnete anscheinend mit seinem Zellaktivator. Man legte sie auf bequeme Liegen und drehte sie auf die Seite. Also schien man die Übelkeit als Nebenwirkung gut zu kennen. Danach ließen die Entführer sie allein.
Langsam merkte Atlan, wie die Lähmung seines Körpers nachließ. Ein leichtes Kribbeln in seinen Armen und Beinen signalisierte ihm, dass seine Glieder wieder erwachten. Vorsichtig bewegte er erst die Füße, dann die Hände. Es ging recht gut. Trotzdem wartete er noch einige Minuten, bis er vorsichtig versuchte, sich aufzurichten. Das schon erwartete Schwindelgefühl kämpfte er mit seinem Willen nieder.
Das Zeug scheint es in sich zu haben, dachte er spöttisch. Wenn schon der Zellaktivator nicht dagegen ankommt.
Wahrscheinlich auch von den Aras, genau wie das Gift, mit dem man Roi umbringen wollte. Du solltest damit rechnen, dass es ihm verdammt schlecht geht, sobald er zu sich kommt. Hoffentlich kann er dann seinen Stolz bezwingen.
DAS werde ich ihm schon verdeutlichen!
Atlan wankte zu Roi hinüber. Immer noch hatte er ein flaues Gefühl. Aber das würde vergehen. Es war nicht seine erste Betäubung durch Kampfgas. Er kannte die Symptome – wobei er sich eingestand, dass auch er es selten mit derart ausgeprägten Nebenwirkungen zu tun gehabt hatte. Den Entführern schien es egal zu sein, wie es ihren Opfern hinterher ging.
Kein gutes Zeichen, Kristallprinz. Du solltest dich auf einiges gefasst machen.
Atlan legte die Hand auf den Puls an Rois Halsschlagader. Das Herz schlug sehr langsam, aber regelmäßig. Es würde wirklich noch dauern, bis er wieder zu sich kam.
Vorsichtig blickte er sich in der Kabine um und wartete noch einige Minuten. Aber anscheinend wurden sie wirklich nicht überwacht, sonst hätte es jetzt schon eine Reaktion gegeben, da er sich bewegen konnte.
Merkwürdig, meinte der Extrasinn. Erst entführt man euch, dann kümmert man sich nicht um euch. Wahrscheinlich überwacht euch ein Medosystem, das aber nicht mit der Zentrale verbunden ist, sondern nur eingreift, falls durch die Nebenwirkungen Lebensgefahr für euch besteht.
Vorsichtig tastete Atlan über den linken Unterarm von Roi, suchte den Sender, den er dort vermutete. Er lächelte leicht, als er seine Annahme bestätigt fand.
Schön, wenn du davon ausgehen kannst, dass dein Schüler von dir gelernt hat.
Der Arkonide fand den winzigen Sender sofort und spürte, wie unter dem Druck seines Daumennagels der winzige Schalter einrastete und damit das Peilsignal absetzte. Er konnte nur hoffen, dass der Sender gut genug abgeschirmt war und die Akonen ihn nicht einpeilen konnten. Aber er musste das Risiko eingehen, sonst hatte niemand eine Chance, sie zu finden.
Anschließend untersuchte er die Kabine genau, fand aber keine Überwachungsgeräte.
Der angrenzende Hygieneraum war genauso luxuriös wie die Kabine. Atlan ließ sich nicht dadurch täuschen, dass man sie hier abgelegt hatte und nicht im Gefängnistrakt. In seinem langen Leben hatte er schon oft feststellen müssen, dass sehr höfliche Gegner meistens unberechenbar, brutal und grausam waren.
Er fand alles, was er benötigte, um sich wieder etwas frisch zu machen. Kurz zögerte er, aber dann gab er dem Drängen seines Magens nach und erbrach sich. Danach ging es ihm deutlich besser, auch die Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl ließen nach.
Aus dem Servoautomaten zog er ein großes Glas Mineralwasser und trank es vorsichtig in kleinen Schlucken. Erfreut stellte er fest, dass er es bei sich behalten konnte und es ihm sogar gut tat.
Nachdem sich immer noch niemand um sie kümmerte, setzte er sich wieder zu Roi auf die Kante seines Lagers und aktivierte den Funkkontakt des kleinen Gerätes. Schnell und routiniert tippte er im Morsekode seine Nachricht an Beatrice und die Freihändler ein.
Du vertraust den Freihändlern vollständig?, fragte der Extrasinn.
Ja, da ich weiß, dass Michael ihr Kommandant ist – und weil Beatrice ihn liebt. Ich schätze, sie werden den Teufel aus der Hölle holen, um uns zu befreien.
Atlan zuckte zusammen, als das Dröhnen der Maschinen erklang. Er kannte diese Geräusche sehr genau. Das Schiff nahm Fahrt auf und würde gleich in den Linearraum gehen.
Jetzt kannst du nur hoffen, dass Dr. Waringer es wirklich geschafft hat, einen Halbraumspürer zu entwickeln. Es ist eure einzige Chance auf Befreiung in der nächsten Zeit.
Ja … und ich werde mit diesem kleinen Barbaren reden müssen, der mein bester Freund ist. Mit seiner Antipathie vergrault er den besten Wissenschaftler, den es im Moment im Solaren Imperium gibt.
Eben NICHT im Solaren Imperium, Admiral – sondern bei den Freihändlern.
Atlan gab nichts zurück. Wo der Logiksektor recht hatte, da hatte er recht …

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Solarmarschall Mercant war schlau genug, das allgemeine Start- und Landeverbot unmittelbar nach der Nachricht von der FRANCIS DRAKE wieder aufzuheben. Sein Adjutant beruhigte die sensationslüsternen Reporter mit der Information, dass die Drohung zum Glück ein schlechter Scherz gewesen, die Abwehr den Mann bereits gefasst und zur Untersuchung in eine psychiatrische Spezialklinik eingeliefert habe. Sogar Mercant selbst trat für eine kurze Erklärung vor die Presse, damit gar nicht erst der Verdacht entstehen konnte, er wäre wegen brisanter Geschehnisse unabkömmlich.
Anschließend setzte er sich über die große Hyperfunkstation von Imperium-Alpha mit der CREST IV in Verbindung. Der Großadministrator war gerade auf der Rückreise nach Terra.
Perry Rhodan reagierte, wie von Mercant vorhergesehen, nicht nur besorgt über die Entführung von Atlan an sich, sondern warf den Freihändlern indirekt Beteiligung an der Entführung vor. Er sah die Akonen mit ihren Plänen bei den Freihändlern schon viel weiter fortgeschritten. Mercant gelang es nicht, ihn von seiner Meinung abzubringen, weil er ihm nicht sagten durfte, wer Roi Danton war. Dann hätte sich alles als Spuk in der Luft aufgelöst.
Auch seine Erklärungen und Beweise, dass Roi Danton zusammen mit Beatrice Wood die Freihändler loyal zum Imperium reorganisierten, überzeugte ihn nicht. Schließlich gab der Abwehrchef es auf. Er musste sich sogar noch Vorwürfe gefallen lassen, warum er die FRANCIS DRAKE ohne Agenten an Bord hatten abfliegen lassen.
Mercant blickte Reginald Bull, der bei dem Gespräch zugegen war, nachdenklich an, als der Bildschirm sich verdunkelte.
„Ich verstehe Perry nicht“, polterte Bully los. „Warum nur sind die Freihändler ihm ein solcher Dorn im Auge?“
„Wahrscheinlich wegen Roi Danton, haben Sie sie letzte psychologische Auswertung gelesen?“
Bully nickte nachdenklich. „Ihre Leute sind wirklich gut, Allan. Eine so detaillierte Analyse nur aufgrund von Filmen und Zeugenaussagen – Kompliment. Danach müssen wir den König wohl in unsere eigene Liga mit einordnen. Das einzige, was ihm noch fehlt, scheint die Lebenserfahrung zu sein. Glauben Sie, dass die Angaben zu seinem Alter stimmen? Er wird auf knapp dreißig Jahre geschätzt. Das kommt mir merkwürdig vor. Ich würde gerne wissen, wer sein Eltern sind. Von denen scheint er eine Menge geerbt zu haben.“
„Vielleicht“, meinte der Abwehrchef nur vage. Er dachte an eine psychologische Auswertung der USO über Michael, damals, als er seine militärische Ausbildung dort absolvierte. Der Psychiater hatte sich schon zu der Zeit gewundert, wieso Michael psychisch so reif war. Als Junge war er sogar extrem frühreif gewesen. Da seine Eltern bei seiner Zeugung beide Zellaktivatorträger waren, rechneten die Wissenschaftler mit einer Lebenserwartung von ein paar hundert Jahren auch ohne Aktivator und demnach mit einer viel längeren Reifungs- und Entwicklungsphase. Das Gegenteil war bei Michael der Fall.
Bully fixierte Mercant, als ob er ihn sezieren wollte. „Allan, Sie verbergen doch wieder einmal etwas?“
„Oh nein. Lediglich mein Gefühl sagt mir, dass Roi Danton niemals gegen das Imperium arbeiten wird.“
„Ist das wieder einmal ihr berühmter 7. Sinn als Abwehrchef?“
„Vielleicht, Bully ...“

**********

Die Besatzung des Akonen-Schiffes schien sich nicht sicher zu sein, wohin sie mit ihren wertvollen Geiseln fliegen sollten. Die Psychologen an Bord des Freihändlerschiffes vermuteten, dass die Gefangennahme von Atlan zusammen mit Roi sie verunsichert hatte. Anscheinend waren sie einem höheren Befehlshaber untergeordnet und warteten auf dessen Anweisungen. Im Normalraum verließen zahlreiche Funksprüche die Antennen des kleinen Schiffes. Trotz aller Mühen gelang es den Funkern der FRANCIS DRAKE nicht, den Code zu entschlüsseln.
Bea begann langsam zu verzweifeln. Genau wie die anderen Offiziere war sie übermüdet, da sie sich schon viel zu langen keinen Schlaf gegönnt hatte.
Bis Dr. Hamory in der Zentrale erschien und ein Machtwort sprach. Er schickte die diensthabenden Offiziere und Bea in seine Bordklinik. Gegen ihren Protest, am lautesten von Bea, verordnete er ihnen eine Tiefschlafphase von zwölf Stunden. Erst als er Bea in aller Form versprach, sie sofort aufzuwecken, sobald die Situation sich änderte, gab sie nach. Ihr logischer Verstand sagte ihr, dass der Arzt genau das Richtige tat. Wenn es zum Kampf kam, was vorhersehbar war, würden sie in ihrem übermüdeten Zustand von Anfang an die schlechteren Ausgangsvoraussetzungen haben.
Bevor sie einschlief, gab sie den Transmittertechnikern noch eine Sonderanweisung. Sie sollten versuchen, Computer-Viren in den Transmittercode der DRORAH XIII. Einzuschleusen, sobald sie den Code geknackt hatten. Dies würde es einem Einsatzkommando der Freihändler ermöglichen, das Akonenschiff ohne ein vorausgehendes Raumgefecht, das vor allen Dingen die Gefangenen gefährden würde, zu entern.
Als sie nach ihrem zwölfstündigen Schlaf gestärkt erwachte, war die Situation immer noch unverändert.
Lediglich die Kosmonauten konnten inzwischen das wahrscheinliche Flugziel bestimmen. Es handelte sich um einen unbedeutenden Außenplaneten des akonischen Einflussbereiches.
Sie rechnete jeden Augenblick mit Forderungen der Akonen. Eine Geisel wie Atlan war für sie ein Geschenk. Wahrscheinlich hatten sie vor diesem für sie glücklichen Zufall nur vorgehabt, Roi auszuschalten und über Browne als Befehlshaber der Freihändler das Imperium zu unterwandern. Dabei hatten sie wahrscheinlich die Konsequenz unterschätzt, mit der gerade Atlan zugeschlagen hätte. Bea kannte den USO-Befehlshaber sehr gut und wusste genau, wie er in einer solchen Situation handelte – zum Wohl der Menschen.
Gewaltsam riss Bea sich aus ihren Gedanken. Viel davon war bisher nur Spekulation.
Sie entschied sich, die Wartezeit zu nutzen, um etwas anderes in die Wege zu leiten. Sie wollte auf keinen Fall, dass Perry Rhodan die galaktische Position von Olymp erfuhr. Dass Atlan sie wusste, war etwas anderes. Deshalb rief sich ihren Stellvertreter über die Relaisbrücke an und beauftragte ihn, die inhaftierten Beiräte unter Bewachung zur Erde zu bringen. Dort sollten sie in einem Luxushotel untergebracht werden, natürlich weiterhin unter Bewachung. Die Freihändler hatten in dem Haus auf Dauer eine komplette Etage für ihre Gäste angemietet. Sie zahlten großzügig und das Personal stellte keine Fragen.
Da die Mutanten sich sicherlich noch mit ihnen beschäftigen mussten, präsentierte sie ihnen die Männer lieber vor der eigenen Haustür.
Sie wandte sich Hims zu und meinte leise: „Ich habe einen sehr vermessenen Wunsch.“
Der Epsaler nickte. „Wahrscheinlich deckt er sich mit meinem und dem von uns anderen auch. - Sie hoffen, dass wir es schaffen, den König und den Lordadmiral aus den Händen der Akonen zu befreien, bevor der Großadministrator mit einer Solaren Streitmacht hier anrückt – und ehe diese verdammten Hunde dort drüben Forderungen stellen können, die zu politischen Verwicklungen führen.“
„So ähnlich, ja, das wäre mir am liebsten. Im Moment warte sich auf den Erfolg unserer Transmitterspezialisten.“
„Das dauert, Fürstin.“
„Ich weiß, Edelmann. Wenn es überhaupt gelingt. Sie wissen, dass so etwas bisher noch nie probiert worden ist. Das Einsatzkommando riskiert, auch bei korrektem Abstrahlen, zwischen den Dimensionen hängen zu bleiben.“
Hims wurde sehr ernst. „Aber wir alle sind bereit, das für unseren König zu riskieren.“
„Das weiß ich. Aber uns läuft die Zeit weg.“
„Weder Atlan noch Roi werden etwas verraten, was sie nicht wollen. Roi ist mentalstabilisiert und Atlan hat doch diesen sagenhaften arkonidischen Extrasinn.“
„Richtig ...“, meinte Bea gedehnt.
Die Reaktion von Hims kam genauso, wie sie sie erwartete. „Fürstin! Sie glauben doch nicht, dass man zur physischen Folter greifen wird?“
Bea kämpfte gegen ihr innerliches Frösteln. „Ich befürchte es leider. Genauso wie übrigens Solarmarschall Mercant. Wir können nur hoffen, dass die Akonen ihre Gefangenen nicht schädigen wollen. Das gilt zumindest für Atlan. Da man aber immer wieder versuchte, Roi zu töten, bin ich mir bei ihm leider nicht so sicher.“
Hims schluckte hart. „Roi kann eine Menge aushalten, Sir.“
Bea winkte ab. „Was Roi wirklich aushalten kann, weiß ich sicherlich besser als Sie alle. Unabhängig davon, dass mir übel wird, wenn ich daran denke, was ihm möglicherweise bevorsteht, weiß ich auch, dass es Foltermethoden gibt, die jeden Menschen brechen, früher oder später. Wir können nur hoffen, dass Roi es schafft, zu bluffen – und dass unsere Techniker endlich diesen verdammten Code knacken!“
„Die Spezialisten arbeiten mit Hochdruck, Sir.“
„Das weiß ich. Aber je mehr Zeit vergeht, desto unruhiger werde ich. Was werden die da drüben wirklich mit Roi machen – und wie lange kann er durchhalten?“
Bea wunderte sich über sich selbst, dass sie so eiskalt reden und agieren konnte, obwohl dort drüben eventuell gerade ihr bester Freund gequält wurde. Anscheinend war in ihrem Unterbewusstsein die „Sicherheitsschaltung“ aktiviert worden, die ihr den Ruf eingebracht hatte, überhaupt keine Nerven mehr zu haben, wenn es darauf ankam – auch etwas, das mit dazu beigetragen hatte, dass sie sich Männern gegenüber so gut behaupten konnte.
Über einen möglichen Verhandlungsversuch dachte sie gar nicht erst nach. Er war ohnehin zum Scheitern verurteilt, da sie für die Akonen keine akzeptablen Verhandlungspartner waren. Außerdem würden sie durch einen Funkspruch ihre Anwesenheit viel zu früh verraten. Solange ihr Ortungsschutz zuverlässig funktionierte, wussten die Akonen noch nicht einmal, dass sie überhaupt verfolgt wurden.
Bea gab sich einen Ruck. Obwohl sie wusste, dass ein Einsatzkommando innerhalb von ein paar Minuten bereit war, wollte sie es schon zusammenstellen. Sie gab vor sich selbst zu, dass es auch dazu diente, sich vor den nagenden Gedanken zu schützen.
„Edelmann Hims, stellen Sie bitte ein Enterkommando zusammen. Wir brauchen zwei Computerspezialisten und einen Arzt. Allerdings müssen alle mentalstabilisiert sein und entsprechende Nahkampferfahrung haben. Insgesamt dreißig Leute sollten reichen. Ist das machbar?“
Hims grinste nur. „Selbstverständlich, Fürstin. Was dachten Sie denn?“
„Hoffentlich das Richtige. Ein weiteres Kommando von noch einmal hundert Leuten als Einsatzreserve. Die brauchen nicht mentalstabilisiert zu sein. Sie kommen nach, sobald wir Browne ausgeschaltet haben. - Haben wir überhaupt einen mentalstabilsierten Arzt an Bord?“
„Klar, unseren Chefarzt. Der wird sich das auch nicht entgehen lassen. Er freut sich schon länger darauf, Roi bei einem Einsatz auf die Finger zu klopfen, damit er ihn hinterher nicht immer wieder zusammenflicken muss.“
„Hoffen wir, dass wir rechtzeitig drüben sind, ehe er Roi behandeln muss.“
Bea wurde ihre Befürchtungen einfach nicht mehr los.
„Wer hat das Kommando, Fürstin?“
„Ich leite das Einsatzkommando. Bitte versuchen Sie nicht, mich davon abzubringen.“
Hims hob nur die Schultern. „Mit aussichtslosen Dingen befasse ich mich gar nicht erst.“
Bea drehte sich um und sah Oro mit traurigem Gesicht neben sich. Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann Sie leider nicht mitnehmen, Oro. Sie sind nicht mentalstabilisiert. Aber sie sind bei den ersten, die nachkommen. Das verspreche ich Ihnen.“
Er nickte nur. „Bitte passen Sie auf sich auf, Fürstin. Wenn Ihnen etwas passiert, könnte ich Roi nie wieder unter die Augen treten.“

**********

Bea machte es kurz bei der Einsatzbesprechung. Die beiden Kommandos bestanden zu ungefähr gleichen Teilen aus Männern und Frauen.
„Sie sind alle über die Lage informiert. Deshalb spare ich mir eine Wiederholung und komme gleich zur Planung.
Wir gehen über den Transmitter rein, sobald unsere Spezialisten die Viren eingeschleust haben. Zuerst schalten wir die Transmittermannschaft aus. Das dürfte nicht sonderlich schwer sein, weil man nicht mit uns rechnet. Es wäre nur schön, wenn die keinen Alarm mehr geben können. Dann blasen wir sofort das Betäubungsgas ab. Jeder von uns hat einen Behälter davon im Rückentornister. Die Taster der Luftaufbereitungsanlage reagieren nicht auf das Kampfmittel, weil es auf biologischer Basis hergestellt ist. Wir allen erhalten direkt vor dem Einsatz das Gegenmittel injiziert. Das Gas soll nach den Aussagen der Wissenschaftler nach genau 60 Minuten wirken.
Sie … und Sie“, sie deutete auf zwei Männer und zwei Frauen, „sichern den Transmitterraum. Doc Hamory und ich suchen sofort Roi und Atlan. Je länger wir brauchen, desto größer ist die Gefahr, dass man versuchen wird, gerade Roi umzubringen. Wir wissen auch nicht, wie es ihm und Atlan im Moment geht. Wir müssen also auf alles vorbereitet sein.“
Hamory nickte mit unbewegtem Gesicht. „Ich habe alles mit, um beide zu stabilisieren, bis wir wieder an Bord sind, egal wie schwer sie verletzt sind.“
Bea nickte. „Sollte einer von ihnen oder beide entsprechend schwer verletzt sein, ziehen Sie sich mit ihnen sofort hierher zurück. Falls nicht – was ich hoffe – aber leider nicht erwarte – nehmen wir für sie zwei Kampfanzüge mit. Weder Roi noch Atlan werden sich dann aufhalten lassen, mit uns den Rest der Besatzung auszuschalten.
Der Rest des Kommandos“, sie nickte den anderen zu, „kämpft sich so schnell wie möglich zur Zentrale durch. Ihre Aufgaben ist es, die automatischen Schaltungen lahmzulegen und alle Besatzungsmitglieder auszuschalten. Verwenden Sie nach Möglichkeit Paralysatoren. Wir möchten die Herrschaften gerne lebend an das Imperium übergeben, aber gefährden Sie dadurch nicht Ihr Leben. Im entsprechenden Fall haben Sie die Erlaubnis zum Einsatz tödlicher Waffen. Ich bin nicht mehr bereit, das geringste Risiko einzugehen. Bin ich ganz klar verstanden worden?“
Bea blickte sich in der Runde um: „Haben Sie noch Fragen?“
Eine Einsatzspezialistin meldete sich: „Warum verwenden wir nicht das sofort wirkende Betäubungsgas? Das würde uns eventuelle Kämpfe ersparen?“
„Daran habe ich zuerst auch gedacht“, gab Bea zu. „Wir würden uns zumindest die Kämpfe mit der Besatzung ersparen. Aber dafür hätten wir Roboter als Gegner, die bei plötzlich anlaufenden Alarmroutinen aus allen möglichen Ecken auftauchen können, sobald die Positronik feststellt, dass die Besatzung ausgefallen ist. Einige Routinen werden trotzdem anlaufen, das können wir gar nicht verhindern. Diese Roboter auszuschalten, ist dann die Aufgabe des zweiten Kommandos, sobald wir Thomas Browne ausgeschaltet haben.“
Bea holte tief Luft, ehe sie fortfuhr: „Die Schießerlaubnis gilt nicht für Thomas Browne. Ich möchte ihn unter allen Umständen lebend! Falls jemand ihn erschießen muss, möchte ich dafür eine sehr gute Erklärung hören! - Ist das verstanden worden?“
Niemand sagte mehr etwas. Beas Gesicht entspannte sich. „Dann wünsche ich uns allen viel Glück. Ich möchte gerne, dass wir ohne eigene Verluste auf unser Schiff zurückkehren und Roi und Atlan unverletzt mitbringen.“
Sie erhob sich und stimmte ein altes Freihändlerlied an – von der unendlichen Weite und Faszination des Weltraums.
Danach verließen alle stumm den Besprechungsraum, um sich in das Ausrüstungslager zu begeben. Niemand machte sich über den Einsatz etwas vor: Er würde nicht mehr und nicht weniger werden als ein Himmelfahrtskommando. Für jeden war es selbstverständlich, ihren Kommandanten aus der Hölle zu holen. Das auch Lordadmiral Atlan dabei war, verlieh dem Einsatz eine ganz besondere Bedeutung.

**********

9

Während die FRANCIS DRAKE unter dem Schutz ihres völlig neuartigen Anti-Ortungsschirmes die akonische DRORAH XIII. Verfolgte, ohne von dieser entdeckt zu werden, verschlechterte sich die Lage für Roi Danton und Atlan zunehmend.
Das erste, was Roi empfand, als er endlich aufwachte, waren heftigste, migräneartige Kopfschmerzen und widerliche Übelkeit, die seinen Mageninhalt bis in den Hals hinaufsteigen ließ. Mühsam schluckte er immer wieder, während er versuchte, das benebelte Gefühl in seinem dröhnenden Kopf zu bezwingen. Er hatte das Gefühl, in einem riesigen Wattebausch zu liegen, der ihn von der übrigen Umwelt trennte. Alles hörte sich wie von weit entfernt an und vor seinen Augen schienen bunte Kreise zu wirbeln.
Je weniger diese Kreise wurden, desto mehr nahm er von seiner Umgebung wahr. Er merkte, dass er auf einer bequemen Liege lag und versuchte, sich daran zu erinnern, was vor seiner Bewusstlosigkeit geschehen war. Seine letzte Erinnerung war, wie er gehofft hatte, dass Atlan durch seinen Zellaktivator gegen das Betäubungsgas ankämpfen konnte.
Vorsichtig versuchte er sich aufzurichten. Sofort drehte sich wieder alles um ihn und auch der Magen hob sich schon wieder.
Nicht schon wieder, dachte er wütend. Das hatte ich doch gerade erst.
Als er das Gefühl hatte, wieder auf das Lager zurückzufallen, spürte er eine starke und auch vertraute Hand, die ihn stützte. Atlan! Er war also nicht alleine.
„Verdammt“, entfuhr es ihm trotzdem. Mühsam versuchte er das Bild seines alten Lehrmeisters festzuhalten. Es entglitt ihm in einem neuerlichen Schwindelanfall.
„Aber Monsieur“, hörte er die Stimme des Arkoniden. „Wo bleibt denn Ihre gute Erziehung?“
Roi brauchte einen Moment, um zu registrieren, dass Atlan kein Interkosmo sprach, sondern Englisch. Es gab auf der Erde kaum noch Menschen, die diese Sprache beherrschten. Roi gehörte zu ihnen. Er hatte sie auf Anregung seines Vaters und Atlans unter dem Hypnoschuler gelernt. Außer ihnen sprachen nur noch die Mitglieder der alten Führungsriege und die Mutanten diese Sprache, die einstmals die Weltsprache der Erde gewesen war.
Atlan verdrehte leicht die Augen, aber Roi hatte schon begriffen. Auch wenn es hier keine Abhöranlagen gab, wollte Atlan ihm klarmachen, dass es besser war, wenn sie untereinander Englisch sprachen, damit ihre Entführer sie nicht verstehen konnten.
Der Arkonide informierte ihn kurz und knapp über das, was er herausgefunden hatte. Obwohl es Roi vorübergehend ablenkte, gaben Magen und Kopf immer noch keine Ruhe.
Atlan schüttelte leicht verweisend den Kopf und reichte ihm einen Spucknapf, den er wohl im angrenzenden Hygieneraum gefunden hatte.
„Wir sind unter uns, junger Höhlenwilder. Ich habe das auch schon gemacht – und danach ging es mir sehr viel besser. Das Gas scheint im Sinne des Wortes auf den Magen zu schlagen.“
Roi wollte erst protestieren, aber dann erinnerte er sich an das, was er mit Atlan besprochen hatte. Falscher Stolz half ihm jetzt nicht weiter. Er musste so schnell wie möglich wieder handlungsfähig werden. Also gab er dem Drängen des Magens nach. Irgendwie war es dieses Mal gar nicht so schlimm. Je mehr er spuckte, desto besser wurden Kopfschmerzen und Schwindelgefühl. Atlan hielt die Schüssel und stützte ihn.
Roi genierte sich plötzlich überhaupt nicht mehr. Mit wieder klarer werdendem Kopf dachte er daran, wie oft ihn Atlan damals während seiner sehr harten Dagor-Ausbildung geführt und geleitet hatte, wenn er gegen den Widerstand seines Körpers nur noch durch seinen starken Willen gekämpft hatte.
Er holte tief Luft. Atlan nickte nur dazu. „So war es bei mir auch. Nachdem mein Magen leer war, ging es mir schlagartig wieder so weit gut. Wir brauchen wohl nicht fragen, wer das Teufelszeug entwickelt hat.“
„Nein.“ Roi erhob sich und wandte sich der Tür zum Hygieneraum zu. Dort machte er sich wieder etwas frisch.
Bei seiner Rückkehr in den Wohnraum kam Atlan sofort zur Sache.
„Wie schätzt du unsere Chancen ein, Hilfe zu bekommen?“
Roi machte keine Ausflüchte. Die Ereignisse der letzten Monate und zum Schluss Beas lebensgefährliche Verletzung hatten ihn endgültig von seinem falschen Stolz Atlan gegenüber kuriert.
„Wenn die FRANCIS DRAKE in der Nähe ist, sehr hoch.“
Atlans Blicke schienen ihn durchbohren zu wollen.
„Das Gerücht stimmt“, sagte Roi gedehnt. „Geoffry hat für uns einen Halbraumspürer entwickelt und wir haben den Prototyp an Bord zur Erprobung. Bisher arbeitet er zufriedenstellend.“
Er grinste offen. „Wenn dann noch Bea das Kommando an Bord führt, wovon ich ausgehe, dann sollte sich demnächst etwas zu unserer Befreiung tun. Ich hoffe nur, dass es ihr gelingt, Dad da herauszuhalten.“ Er verzog unwillig das Gesicht.
Atlan schüttelte traurig den Kopf. „Das wird ihr nicht gelingen. Dadurch, dass die Akonen auch mit entführt haben, wird die Sache endgültig zu einer Angelegenheit des Solaren Imperiums. Was mich an etwas anderes erinnert ...“
Roi unterbrach ihn, ehe er weiter reden konnte. „Lehrmeister, du brauchst nichts mehr zu sagen. Ich bin USO-Offizier und kenne meine Pflicht dem Imperium gegenüber. Und ich möchte nicht von dir geschont werden. In diesem Fall heißt das, dass niemand erfahren darf, wer ich bin, damit Vater nicht durch mich erpressbar wird. Im Extremfall kenne ich meine Pflicht. Also kein Wort mehr dazu.“
Er presste die Kiefer zusammen, bis es knirschte. Extremfall – das hieß, dass er sein Leben opfern musste, sich selbst umbringen, ehe er seine Geheimnisse verraten konnte. Es fiel ihm schwer, daran zu denken. Ich bin noch so jung, durchzuckte es ihn. Aber er unterdrückte den Gedanken sofort wieder. Bea wird rechtzeitig handeln. Wenn nicht sie, wer sonst. Sie holt uns hier raus!
Atlan schien seine Gedanken zu erraten. „Bea wird den Teufel aus der Hölle holen, das wissen wir doch, oder?“
„Bestimmt“, machte er sich selbst Mut. „Wir müssen nur so lange durchhalten.“
„Wie hoch ist eigentlich die Kampfkraft der FRANCIS DRAKE – nur für den Fall der Fälle?“, fragte Atlan.
Roi lächelte. „Oh, sie stellt die CREST IV und deine stolze IMPERATOR III leicht in den Schatten, obwohl sie viel kleiner ist. Weißt du, ich mag so riesige Schiffe nicht.“
„Dachte ich es mir doch. Und dein Schwager ist der Chefwissenschaftler der Freihändler?“
Roi nickte nur.

**********

Nach zwei weiteren Stunden sahen die Akonen endlich nach ihren Gefangenen. Ein schlanker, hochgewachsener Mann, dessen Gesichtsausdruck an Arroganz kaum zu übertreffen war, betrat die Kabine, flankiert von zwei Kampfrobotern. Die Abstrahlmündungen ihrer Waffenarme glühten rot.
Der Mann stellte sich gar nicht erst vor.
„Lordadmiral Atlan und König Danton, darf ich Sie bitten, mir zu folgen? Der Hochedle Kers von Hayn wünscht Sie zu sprechen. Bitte setzen Sie sich nicht zur Wehr, Sie sehen die Kampfroboter. Uns liegt nichts daran, Sie zu schädigen. Im Gegenteil möchten wir mit Ihnen zu einer ehrenvollen Einigung kommen.“
Roi hatte nichts Anderes erwartet. Die Akonen waren immer äußerst höflich. Was sie aber nicht daran hinderte, wenn sie es für nötig erachteten, Gefangenen auch mit Gewalt ihr Wissen zu entreißen. Er konnte ein leichtes Frösteln bei dem Gedanken nicht unterdrücken. Sein neuer Instinkt für Gefahren meldete sich mit einem deutlichen Prickeln auf seiner Kopfhaut.
Atlan bedeutete Roi, vorerst ihm die Verhandlungen allein zu überlassen.
„Dann lassen Sie uns sofort frei“, antwortete er. „Das ist die einzige ehrenvolle Einigung, die ich mir vorstellen kann.“
„Darüber kann ich nicht entscheiden, Lordadmiral Atlan. Wenn Sie mir nun bitte folgen.“
Mit einer deutlichen Geste wies er auf das Schott, das aufglitt. In Roi keimte ein Hoffnungsschimmer auf. Man schien unter Zeitdruck zu sein. Die FRANCIS DRAKE konnte man nicht geortet haben. Bea würde kaum so unvorsichtig sein, sich dem Schiff ohne Ortungsschutz zu nähern. Es musste einen anderen Grund dafür geben.
Widerstandslos ließen er und Atlan sich in einen kleinen Raum führen, der dem Anschein nach zur Bordklinik zu gehören schien. Dort wartete ein Akone, dem der Hochmut noch deutlicher im Gesicht geschrieben stand als ihrem Begleiter auf sie. Neben ihm stand abwartend ein Ara.
Wenn sie noch einen weiteren Beweis benötigt hätten, dass zumindest ein Ara in diese Intrige verwickelt war: hier stand er vor ihnen!
Ehe der Akone ein Wort sagen konnte, riss Atlan die Initiative an sich: „Ich nehme an, in Ihnen den Anführer unserer Entführer zu sehen?“
Der nickte, er ließ sich nicht aus der Fassung bringen: „Ich bin der Hochedle Kers von Hayn, Lordadmiral. Durch Ihre Anwesenheit waren wir gezwungen, unsere Pläne etwas zu ändern – allerdings zu unserem Vorteil.“
Atlan lachte geringschätzig. „An Ihrer Stelle wäre ich mir da nicht so sicher. Sie werden nicht mehr weit kommen. Es wird nicht lange dauern, bis die Solare Flotte Sie gefunden hat. Perry Rhodan wird den König der Freihändler und mich befreien und Sie samt Ihrer Gefolgsleute vor ein Gericht des Imperiums stellen.“
Von Hayn schüttelte den Kopf. „Dazu müssten Sie in der Lage sein, Raumschiffe durch den Linerarraum zu verfolgen. Und außerdem ist ein Solares Gericht nicht für uns zuständig. Wir haben unsere eigene Gerichtsbarkeit.“
Atlan ging nicht auf die Bemerkung ein. Sein Bluff hatte funktioniert. Zumindest schienen die Akonen nicht zu ahnen, dass es zumindest einen Halbraumspürer gab – und dieser in einem Schiff, das ihnen mit Sicherheit dicht auf folgte.
„Was haben Sie also vor?“
Der Akone lachte überheblich. „Sie, Lordadmiral, werden wir gegen gewisse Verträge mit dem Solaren Imperium wieder auf freien Fuß setzen. Uns liegt nichts daran, Sie zu schädigen und dadurch eventuell einen Krieg auszulösen. Ihre Anwesenheit hat uns in die Lage versetzt, beim Großadministrator Forderungen stellen zu können – und das werden wir nutzen.“
„Das werden Sie versuchen zu nutzen“, korrigierte Atlan gelassen.
Der Akone sah beide aus zusammen gekniffenen Augen an. Er schien zu überlegen. „Vorher möchten wir aber noch wissen, wer Sie sind“, wandte er sich an Roi.
Der hob nur gelangweilt die Schultern. „Das sollte allgemein bekannt sein. Ich bin Roi Danton, der König der Freihändler. Ich stamme – wie mein Name schon sagt, aus königlichem Geblüt. Das sollten Sie inzwischen doch begriffen haben – oder etwa nicht?“
Er legte alle Verachtung, zu der er fähig war, in seinen blasierten Gesichtsausdruck und seine näselnde Stimme. Nun war es an ihm, zu bluffen. Auf keinen Fall durfte jemand hinter sein Geheimnis kommen.
Der Akone antwortete nicht, sondern öffnete ein Schott. Roi wunderte sich nicht, dass er Thomas Browne erblickte. Atlan war keine Regung anzusehen.
Browne bot dem Arkoniden nach terranischer Sitte die Hand zum Gruß – Atlan übersah sie.
Browne schüttelte den Kopf. „Schade, Lordadmiral Atlan. Weder der Hochedle noch ich wollen Sie schädigen. Wir bedauern außerordentlich, dass sie in die interne Auseinandersetzung innerhalb der Freihändler involviert worden sind, aber wir nutzen immer jede Chance, die sich uns bietet.“
„Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden“, gab Atlan gelassen zurück. „Solange alles fair und menschlich zugeht.“
„Wir sollten mit offenen Karten spielen“, meinte Browne. „Sie und der König wissen sicherlich schon, wer ich bin.“
Lauernd sah er Roi an. Der spürte das typische Ziehen in seinem Hinterkopf, das einem Mentalstabilisierten signalisierte, dass ein Mutant versuchte, auf sein Gehirn zuzugreifen.
„Lassen Sie es sein“, meinte er nur gelassen. „Warum vergeuden Sie Ihre Zeit. Sie wissen, dass ich mentalstabilisiert bin.“
„Kommen Sie zur Sache“, stimmte Atlan Roi zu. „Was wollen Sie von uns?“
„Von Ihnen gar nichts, Atlan. Das wissen Sie bereits“, warf der Akone ein. „Wir möchten von Mr. Danton nur zwei Dinge wissen: wie sein richtiger Name lautet und wer seine Kontaktleute im Solaren Imperium sind.“
Roi schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht. „Monsieur, Sie bilden sich etwas ein. Wie kommen Sie darauf, dass ich Kontakte zum Solaren Imperium habe? Ich stehe lediglich loyal zum Imperium und unter meiner Führung werden es auch die Freihändler. Mehr nicht.“
Brownes Ton wurde schneidend. „Halten Sie uns nicht für dumm, Mr. Danton. Sie können sich sehr viel ersparen, wenn Sie unsere Fragen freiwillig beantworten.“
Roi zuckte zusammen. Das war die erste Drohung gewesen …
„Monsieur Browne“, er fiel mit Absicht kurz in seine Rolle zurück. „Wie kommen Sie auf Ihre Vermutungen? Der Herr Großadministrator hat einiges gegen die Freihändler, besonders gegen mich persönlich.“
Atlan grinste hämisch. „Das kann ich Ihnen aus erster Hand bestätigen. Wenn es Perry Rhodan gelungen wäre, den König zu fassen, säße er schon lange in einer Solaren Haftanstalt. - Aber diese Gelegenheit wird er wohl so schnell nicht bekommen, da König Danton keine Lust zu einem Gespräch mit ihm hat.“
„Bestimmt nicht.“ Wäre ihre Lage nicht so ernst gewesen, hätte er fast lachen können über das Gespräch, das sie führten.
Von Hayn wandte sich an den Ara. „Wie sehen Sie die Chancen, durch eine Operation die Mentalstabilisierung von Mr. Danton rückgängig zu machen?“
Der schüttelte bestimmt den Kopf. „Aussichtslos, Hochedler. Mr. Danton würde mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit danach dem Wahnsinn verfallen und uns deshalb keine Frage mehr beantworten können.“
Der Akone überlegte einen Moment. „Ich frage Sie ein letztes Mal, Mr. Danton: Werden Sie unsere Fragen freiwillig beantworten?“
Roi versteckte seine Furcht hinter seiner Maske: „Monsieur!“ Er streckte abwehrend die Hände vor. „Ich habe Ihre Fragen bereits beantwortet! Erinnern Sie sich nicht? Ich bin Roi Danton, der König der Freihändler, niemand anderes. Und ich habe keine Kontaktleute im Solaren Imperium! - Oder wagen Sie etwa, an der Aussage eines Königs zu zweifeln?“
Der Akone ging nicht auf sein Theater ein, sondern wandte sich an Atlan. „Vielleicht können Sie für den König sprechen. Ich vermute, dass Sie wissen, wer König Danton ist. Sonst hätten Sie sich wohl nicht allein mit ihm getroffen.“
„Warum nicht?“, wiegelte Atlan ab. „Ich wollte vermitteln zwischen meinem besten Freund, dem Großadministrator und dem König der Freihändler. Niemandem ist mit Missverständnissen gedient, die irgendwann in einen offenen Konflikt münden könnten.“
Roi musterte den Ara abschätzend. Die meisten Galaktischen Mediziner hatten sich im Gegensatz zu denjenigen, denen Perry Rhodan vor Jahrhunderten das Geschäft mit der Krankheit verdorben hatte, gewandelt. Sie legten zwar keinen Eid ab wie die Mediziner der Erde, aber immer mehr von ihnen stellten sich inzwischen auf die Seite der ärztlichen Ethik der Terraner. Sie fühlten sich als Ärzte über staatliche Streitigkeiten erhaben. Trotzdem gab es noch genug der alten Ausrichtung. Einen davon hatten sie hier wohl vor sich.
Als der Akone nicht antwortete, begann Atlan seine letzten Trümpfe auszuspielen. Er drohte nun auch ganz offen. „Sie sollten es sich sehr gut überlegen, ob Sie den König der Freihändler schädigen. Wenn ich wieder frei bin, könnte ich mir daran erinnern. Wie Sie wissen, haben adelige Arkoniden ein fotografisches Gedächtnis. Und wenn ich einmal anfange, Sie zu jagen, dann jage ich Sie bis zum Ende der Galaxis und bringe Sie persönlich zur Strecke. Dafür brauche ich kein Gericht.“
„Wer sagt Ihnen denn, dass wir Mr. Danton schädigen wollen? Wir sind nicht so rückständig wie die Bewohner des Planeten Terra noch vor einigen Jahrhunderten waren. Seinen Sie unbesorgt, Mr. Danton wird kein Leid zugefügt. Es wird ihm vielleicht einige Zeit nicht sehr gut gehen, aber es werden keine dauerhaften Schäden zurückbleiben.“
Roi erkannte schlagartig, was auf ihn zukam. Es gab genug „moderne“ Foltermethoden, bei denen das Opfer keinen körperlichen Schaden nahm, ihm keinerlei Wunden zugefügt wurden. Deshalb waren sie nicht weniger wirkungsvoll, psychisch sogar noch grausamer als die „herkömmlichen“ Methoden. Er kannte die entsprechenden Berichte der Solaren Abwehr gut genug.
Sein Blick suchte den von Atlan. Die rotgoldenen Arkonidenaugen schienen ihm Mut zusprechen zu wollen. Roi wusste, dass er nicht ausweichen konnte. Er und Atlan hatten keine Möglichkeit zur Flucht. Ein Kampf mit bloßen Händen gegen Kampfroboter war von vornherein aussichtslos.
In diesem Augenblick traf er endgültig seine Entscheidung. Wenn er nicht mehr standhalten konnte, würde er mit einer höchst gefährlichen Methode der Autosuggestion seinen Kreislauf zum Zusammenbruch bringen.
Wenn man mich lässt, durchzuckte ihn ein Gedanke. Wenn ich unter Medoüberwachung bin …
Er hoffte nur, dass man ihn nicht von Atlan trennen würde. Der Arkonide würde ihm Kraft geben, das wusste er sehr genau!
Auf jeden Fall würde er versuchen, ihre Gegner so lange wie möglich mit Falschinformationen zu täuschen.
Ein kaum wahrnehmbares Zucken in seinem linken Unterarm ließ ihn kurz erstarren. Der Sender sprach an. Morsezeichen!
Atlan bemerkte seine Erstarrung und versuchte noch einmal, den Akonen von seinem Vorhaben abzubringen, damit Roi sich voll auf die Nachricht konzentrieren konnte.
Der musste sich zusammennehmen, um seiner Freude keinen lautstarken Ausdruck zu verleihen. Ihre Befreiung war nur noch eine Frage der Zeit. Sie konnten sich eben auf Bea verlassen!
Sie wurden beide noch einmal in ihre Kabine zurück gebracht. Kers von Hayn hatte sich entschlossen, ihnen noch eine letzte Bedenkzeit von zwei Stunden zu geben. Anscheinend verabscheute er wirklich Foltermethoden. Browne war die Enttäuschung deutlich anzusehen. Er sah alles auch als persönlichen Machtkampf zwischen Roi und ihm.
Roi und Atlan setzten sich in die gemütliche Sitzecke. Der Freihändler flüsterte Atlan zu: „Die Nachricht war von Bea. Die DRAKE steht nur ein paar Kilometer neben uns. Der neuartige Anti-Ortungsschirm hält, was er versprochen hat. Die Computerspezialisten versuchen gerade, den Transmittercode zu hacken und Viren in das System einzuschleusen, damit ein Einsatzkommando überraschend an Bord gehen kann. Sie wollen versuchen, uns zu befreien und gleichzeitig alles lahm zu legen. Bea führt das Kommando selbst. Bisher hat sie die Solare Flotte noch raushalten können, aber das wird sie nicht auf Dauer schaffen. Ich vertraue ihr. Sie schafft das.“
Atlan nickte vorsichtig. „Nachdem ich weiß, wer die FRANCIS DRAKE kommandiert, habe ich daran keinen Zweifel. Aber Bea soll auf dem Schiff bleiben und einem anderen die Leitung überlassen.“
Roi schüttelte den Kopf. „Aussichtslos. Du kennst sie ja auch.“
„Es gibt Dinge, da kann ein alter Arkonidenadmiral reden und reden … und terranische Barbaren hören nicht.“ Er hob nur die Schultern. „Wie lange schätzt sie bis zum Start?“
Roi verzog unwillig das Gesicht. „Bisher nicht abzuschätzen. Zwischen ein paar Minuten und Stunden noch. Das System scheint sehr gut abgesichert zu sein. Hoffentlich schafft sie es in den zwei Stunden. Ich habe keine große Lust darauf, dass die Akonen und besonders Browne sich näher mit uns beschäftigen.“
„Ich auch nicht. Sie wird sicherlich einen Arzt mitbringen. Ist Dr. Hamory immer noch dein Chefarzt?“
Roi grinste anzüglich. „Natürlich. Glaubst du, ich lasse einen solchen Spezialisten laufen?“
„Natürlich nicht, kleiner Höhlenwilder. Wie könnte ich denn?“
Roi registrierte dankbar, dass Atlan mit seiner lockeren Art versuchte, ihn von den Ängsten, die in ihm brodelten, abzulenken.
„Beatrice muss sich sehr sicher sein, dass man die Funkwellen deines Senders nicht anpeilen kann. Sonst hätte sie es nicht gewagt, zu senden.“
Roi grinste vor sich hin. „Mein lieber Schwager“, meinte er dann sinnend. „Er schient inzwischen an Bord zu sein und hat dafür grünes Licht gegeben.“

**********

10

„Sir, der plophosische Städtekreuzer WASHINGTON hat sich gerade gemeldet und bittet um Justierung unseres Transmitters auf ihn. Ein von Ihnen erwarteter Wissenschaftler wünscht an Bord zu kommen.“
„Endlich.“ Bea atmete auf. „Erlaubnis erteilt, Edelmann Hims.“
Sie blickte sich im Kreis der Offiziere, die in der Zentrale Dienst taten, um.
„Meine Herren, Sie werden gleich die Ehre haben, den Chefwissenschaftler der Kosmischen Freihändler kennenzulernen. Selbstverständlich fällt diese Begegnung unter Ihre Schweigepflicht über alles, was hier an Bord vor sich geht.“
Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Rois Mannschaft wusste, dass es Dinge gab, die man nicht zu verstehen brauchte und dass man vor allen Dingen keine Fragen zu stellen hatte.
Hims und die anderen Zentraleoffiziere tauschten vielsagende Blicke. Kurz danach kam ein linkisch wirkender, schlaksiger Mann, der ungefähr dreißig Jahre alt sein mochte, in Begleitung von Edelmann Tusin Randta, dem 3. Kosmonautischen Offizier, in die Zentrale.
Bea lächelte freundlich und tauschte mit dem Ankömmling einen festen Händedruck.
„Darf ich Ihnen Dr. Geoffry Abel Waringer vorstellen?“
Jeder war sprachlos. Natürlich hatten sie alle von Dr. Waringer gehört. Sein Ruf war mehr berüchtigt. Man erzählte sich von ihm die tollsten Dinge. Eines davon war, dass er kürzlich auf einem Gastvortrag vor Studenten der Hyperphysikalischen Fakultät der Universität von Terrania-City von seinen Wissenschaftler-Kollegen nicht nur kritisiert, sondern sogar ausgelacht worden war. Er hatte versucht, diese davon zu überzeugen, dass die Entwicklung eines Ortungsgerätes, mit dem sich Schiffe durch den Linearraum verfolgen ließen, nicht mehr fern war.
Dazu gab es nicht viel zu sagen. Der Prototyp stand hier in der Zentrale der FRANCIS DRAKE und hatten es ermöglicht, das Akonenschiff zu verfolgen, mit dem Roi und Atlan entführt worden waren.
Aber dass der verkannte Wissenschaftler der mysteriöse Chefwissenschaftler der Freihändler war – das war die Sensation schlechthin!
Geoffry hielt sich nicht lange auf. Er ließ sich von Bea über die Lage informieren. „Ich glaube zwar nicht, dass es den Akonen gelingt, das terranische Morsealphabet zu entschlüsseln, aber sie dürfen den Sender auch nicht orten. Wir brauchen die Peilimpulse, um Roi und Atlan in dem Schiff so schnell wie möglich zu finden.“
Der Wissenschaftler nickte. „Ich brauche den besten Funkexperten, den ihr habt. Sein linkisches Gebaren war wie weggewischt. Wenn ein wissenschaftliches Problem ihn packte, war er wie ausgewechselt.

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„Geschafft!“
Geoffry richtete sich von dem Funkpult auf und klopfte dem Cheffunker auf die Schulter.
Zusammen hatten sie es geschafft, nicht nur den Mini-Sender von Roi abzuschirmen, sondern das gesamte Schiff. Von nun an würde jeder Funkspruch, der die Antennen der DRORAH XIII. verließ, umgeleitet, so dass nur die FRANCIS DRAKE ihn empfangen konnte. Mit Sendungen für das Schiff wurde ebenso verfahren. Sie konnten dort drüben nur Signale des Freihändlerschiffes empfangen.
Bea war sich bewusst, dass die Akonen nur vorübergehend an eine kosmische Störung glauben würden. Sie mussten auch aus diesem Grund so schnell wie möglich dort drüben rein!
Sie setzte ihren Text an Roi ab und seine Antwort erhöhte ihre Sorgen noch um ein Vielfaches. Ihr Gesicht wurde bleich wie ein Leichentuch.
„Geoffry“, rief sie durch die Zentrale. „Ich weiß, dass ihr euer Bestes gebt, aber die Zeit läuft uns weg. Roi und Atlan haben noch knapp zwei Stunden Zeit rausgeschunden. Danach werden sie Roi mit physischen Foltermethoden verhören.“
Niemand reagierte. Nur Geoffry fluchte lauthals, während er einen starken Kaffee anforderte. Bea wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augen. Dabei sah sie nicht den verzweifelten Blick des Stellvertretenden Kommandanten.

**********

Roi und Atlan verständigten sich mit einem kurzen Blick, als sechs Akonen ohne vorherige Anmeldung die Kabine betraten und ihnen wortlos winkten, mitzukommen. Sie gaben sich gar keine Mühe, ihre hochmütige Haltung zu verbergen.
Roi trat als Erster auf den Gang hinaus. Dort warteten weitere vier Männer und zwei Kampfroboter. Er wusste, was er sich zutrauen konnte und hätte zusammen mit Atlan den Kampf gegen die Akonen aufgenommen, aber mit zwei Kampfrobotern zusätzlich konnten sie nicht fertig werden.
Atlan schüttelte auch unmerklich den Kopf. Einen Kampf gegen eine aussichtslose Übermacht aufzunehmen, musste bei ihren Entführern nur Misstrauen wecken. Es würde nämlich genau das besagen, was sie bezweckten: Zeit zu gewinnen!
Also folgten sie ihren Bewachern, die sie in die Mitte nahmen, schweigend. Man brachte sie über mehrere Antigravschächte und Rollbänder wieder zur Bordklinik des Schiffes. Durch eine hermetisch schließende Panzerschleuse betraten sie einen Raum, der dem Anschein nach luft- und schalldicht abgeschlossen war.
Dort wurden sie Kers von Hayn, Thomas Browne und dem Ara bereits erwartet. Der Akone und der Terraner saßen auf bequemen Stühlen und blickten ihren Gefangenen entgegen.
Im Raum standen noch einmal vier Kampfroboter an den Wänden. Die insgesamt sechs höchst gefährlichen Maschinen verteilten sich an den Wänden des Raumes, während die akonischen Begleiter nach einem ehrfürchtigen Gruß ihrem Anführer gegenüber den Raum verließen.
Der Ara stand abwartend am Kopfende einer Untersuchungsliege, über die in einem Antigravfeld leicht durchsichtige Platten aus einem Stahl-Glas-Gemisch schwebten. Vereinzelt sah Roi die Anschlüsse verschiedener Sonden und die Konturen medizinischer Instrumente.
Er konnte sein innerliches Schaudern nicht unterdrücken. Aus den Berichten von Solarer Abwehr und USO, die sein Vater regelmäßig erhielt und die auf dem Weg über seine Mutter und seine Schwester auch ihn erreichten, wusste er sehr genau, worum es sich handelte.
Das war ein hochmodernes Folterbrett. Auf ihm wurde den Opfern nicht die geringste körperliche Verletzung zugefügt – aber dafür Nervenschmerzen verschiedenster Intensität, Kreislaufzusammenbrüche oder kaum aushaltbare Emotionen ausgelöst. Fast alle Agenten hatten bisher verraten, was man von ihnen wissen wollte. Viele von ihnen, sofern man sie überhaupt hatte befreien können, waren hinterher unrettbar dem Wahnsinn verfallen.
Roi wusste nun, was ihm bevorstand. Er biss die Zähne zusammen. Sein Gesicht verhärtete sich.
Bea, dachte er sehnsüchtig, bitte beeilt euch! Dabei wusste er genau, dass seine Freundin tat, was möglich war. Sein Schicksal und das von Atlan konnte in keinen besseren Händen liegen.
Ein kurzer Blick auf seinen alten Lehrmeister gab ihm Kraft. Allein seine Anwesenheit würde ihm helfen, das wusste er genau.
Ein schmerzhaftes Ziehen im Kopf lenkte ihn von seinen Gedanken ab. Browne versuchte noch einmal einen hypnotischen Angriff auf ihn. Gelangweilt schüttelte er den Kopf. „Wann lernen Sie endlich, dass ich nicht hypnotisch zu beeinflussen bin, Monsieur?“
Browne ließ sich nicht irritieren. „Es war ein letzter Versuch, Danton. Wir möchten Ihnen gerne die physische Befragung ersparen. Weder der Hochedle noch ich haben Freude daran, Sie zu quälen.“
Der Akone schaltete sich ein. „Ersparen Sie sich das Folgende, Mr. Danton. Wir wollen doch nur wissen, wer sie wirklich sind und wie Ihre Kontaktleute im Solaren Imperium heißen. Dass Sie sehr gute Kontakte haben, beweist schon die Tatsache, dass Sie sich mit Lordadmiral Atlan allein in einem Nobelrestaurant getroffen haben, in dem die Führungsspitze des Imperiums verkehrt.“
„Was soll daran ungewöhnlich sein?“, warf Atlan gelassen ein. „König Danton ist der Befehlshaber einer großen Handelsgesellschaft. Da liegt es nahe, dass ich mit ihm persönliche Gespräche führe.“
Der Akone wandte sich noch einmal direkt an Roi: „Ich frage Sie ein letztes Mal: Wer sind Sie wirklich, König Danton?“ Er blieb immer noch sehr höflich. Aber weder Roi noch Atlan täuschte sein Verhalten. Ihre Erfahrung sagte ihnen, dass es langsam eng wurde. Lange würden sie ihre Entführer nicht mehr von ihrem Vorhaben abhalten können – wenn das überhaupt möglich war.
Roi lächelte affektiert und tat so, als ob er ein imaginäres Spitzentüchlein aus dem Ärmel seiner Kombination ziehen würde. „Ich bin König Danton, der Befehlshaber der Kosmischen Freihändler. Wieso zweifeln Sie daran, Monsieur?“
Der Akone schüttelte den Kopf. „Wir möchten Ihren wirklichen Namen wissen – und woher Sie Ihre Ausbildung haben. Man wird nicht einfach so ein Kosmonaut Ihrer Klasse.“
Ein merkwürdiges Gefühl stieg in Roi hoch. Er unterdrückte es sofort. Das fehlte wohl noch, dass er sich über dieses – garantiert nicht als Schmeichelei gemeinte Lob des Gegners freute!
„Meine Ausbildung habe ich auf Terra bekommen und auf dem Heimatplaneten der Menschen bin ich auch geboren. Das kann ich Ihnen gerne sagen.“
Browne mischte sich ein. Respektvoll neigte er den Kopf vor dem Akonen. „Hochedler. Wir sollten beginnen. So kommen wir nicht weiter. Danton wird uns freiwillig nichts verraten.“
Roi hatte immer mehr den Eindruck, dass Browne beabsichtigte, eine persönliche Rechnung mit ihm auf diese Art zu begleichen.
Seine Muskeln im linken Unterarm begannen zu zucken. Dann kam ein klares Morsesignal durch: „Wir haben das System geknackt. Geoffry schätzt eine Stunde.“
Mehr war für Roi nicht erforderlich. Er wusste nun, dass seine Spezialisten zusammen mit seinem Schwager den Transmittercode der DRORAH XIII. Geknackt hatten. Sie würden ungefähr eine Stunde brauchen, um das System so zu programmieren, dass das Einsatzkommando über den Transmitter auch gegen den Willen der Akonen an Bord gehen konnte. Wie lange sie dann brauchen würden, um sie zu finden und zu befreien, hing auch von dem Widerstand ab, den sie vorfinden würden.
Vor seinem inneren Auge lief ein Film ab, wie Bea sich für den Einsatz fertig machte. Das lange schwarze Haar zu festen Zöpfen flechten, eng am Kopf feststecken, in den Kampfanzug steigen, sich mit den Waffen und anderen nötigen Dingen ausrüsten, dabei mit ihren Begleitern scherzen, um die unvermeidlich aufkommende Spannung zu lockern.
Ein fast unsichtbares Kopfnicken von ihm verständigte Atlan. Dessen Augen leuchteten kurz auf – er hatte verstanden! Mehr war als Verständigung zwischen ihnen nicht nötig.
Kers von Hayn gab nach kurzem Überlegen seine Zustimmung. „Ja, Mr. Browne, beginnen Sie. Aber bitte achten Sie auf die nötigen Sicherheitsmaßnahmen. Die beiden Gefangen sind äußerst gefährlich. Ich möchte nicht, dass es hier zu Zwischenfällen kommt. Das gilt besonders für Sie, Dr. Aaahl-Radul. Ich erwarte, dass König Danton Ihnen seine Geheimnisse verrät und nicht auf dem Folterbrett stirbt. Vielleicht brauchen wir ihn später noch.“
„Aber, Hochedler …?“, versuchte Browne zu widersprechen. „Wieso diese Planänderung bei Danton?“
Der Akone unterbrach ihn, ehe er zugeben konnte, hinter den Mordanschlägen zu stecken. „Die Situation hat sich geändert. Halten Sie sich bitte daran, sonst entziehe ich Ihnen meine Unterstützung. Sie sollten nie vergessen, dass sie nur mit meiner Unterstützung Befehlshaber der Freihändler werden können. Ich erwarte schnelle Ergebnisse. Das hier widerstrebt mir, also ziehen sie es nicht unnötig in die Länge.“
Damit drehte er sich um und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Hinter ihm schloss sich das Schott. Brownes Gesicht zeigte deutlich seine Enttäuschung. Wenn Roi in noch Zweifel gehabt hätte, in diesem Augenblick wären sie endgültig beseitigt: Thomas Browne freute sich darauf, ihn quälen zu können!
Er brauchte gar nicht zu Atlan zu blicken. Gut genug wusste er, wie gefährlich Menschen waren, die andere aus Freude quälten.
„Warum tun Sie das, Mr. Browne?“, machte Atlan noch einen Versuch, Zeit zu gewinnen. „Sie als Terraner? Warum arbeiten Sie mit den Akonen und der Condos Vasac zusammen? Das ist Hochverrat am Solaren Imperium. Sie wissen doch sicherlich, welche Strafe darauf steht?“
„Die Todesstrafe“, antwortete Browne gelassen. „Aber das ist nicht wichtig. Das Imperium wird mich nicht bekommen. Ich genieße den Schutz des Hochedlen. Sobald ich der Befehlshaber der Freihändler bin, wird sich einiges dort ändern. Das kann Danton dann auch nicht mehr verhindern.“
Atlan schüttelte leicht den Kopf. „Ich werde Sie jagen bis ans Ende der Galaxis. Da können Sie sicher sein. Und bisher habe ich jeden bekommen, den ich selbst gejagt habe. Da können Sie sicher sein.“
Der ehemalige Beirat schüttelte nur den Kopf. Was haben Sie mir zu bieten?“
„Wenn Sie uns jetzt helfen und die Befragung von König Danton verhindern, sorge ich dafür, dass Sie vor einem Solaren Gericht mildernde Umstände bekommen. Das erspart Ihnen die Todesstrafe.“
Browne lachte hämisch auf. „Machen Sie sich nicht lächerlich, Lordadmiral. Lebenslange Verbannung auf seinem Strafplaneten für eine ganze Handelsorganisation? Mehr haben Sie nicht zu bieten?“
„Mehr kann und darf ich Ihnen nicht bieten für die Verbrechen, die Sie begangen haben, Mr. Harald Schulze. Wir wissen, wer Sie sind.“
Obwohl Roi und Atlan bisher noch nicht über die Ergebnisse des Genabgleichs auf Olymp informiert waren, nahm Atlan ihre Vermutung als Tatsache. Die Reaktion von Browne bestätigte alles. Mit Befriedigung sah Roi, wie der Mann sich verfärbte und sein Gesicht rot wurde vor Wut.
„Ich biete Ihnen das Leben an sich“, fuhr Atlan mit emotionsloser Stimme fort. „Das ist in Anbetracht der Umstände sehr viel. Sie dürften wissen, dass sehr viele lebenslänglich Verbannte sich auf den Strafplaneten des Imperiums ein fast normales Leben eingerichtet haben. Sie haben Familien gegründet, haben Freundeskreise, Arbeit und Hobbys. Lediglich verlassen dürfen sie die Planeten nicht. Ich biete es Ihnen auch nur an, weil mir persönlich sehr viel daran liegt, dass die Umstrukturierung der Freihändler im Sinne des Imperiums, die König Danton begonnen hat, auch so fortgeführt wird. Sie sollten es sich überlegen.“!
Browne winkte ab. „Geben Sie sich keine Mühe mehr, Lordadmiral. Der Hochedle bietet mir viel mehr.“
Roi wappnete sich innerlich, als Browne auf die Liege deutete. Es war ihm schon vorher klar gewesen, dass Atlan es nicht schaffen würde, ihn umzustimmen – aber es waren wieder ein paar Minuten mehr, die sie gewonnen hatten.
Bea hat nicht viel Zeit. Ich weiß nicht, was er wirklich mit mir macht und wie lange ich es aushalten kann.
„Damit Sie nicht auf dumme Ideen kommen, Lordadmiral.“ Browne gab einem Kampfroboter einen Wink. Der legte ein Fesselfeld um Atlan, das ihn fest an die Wand presste, ohne dass er noch eine einzige Bewegung machen konnte. Nur Sprechen und Atmen konnte er noch - und natürlich genau zu Roi hinsehen. Das Fesselfeld verhinderte sogar, dass er den Kopf abwenden konnte. Lediglich die Augen könnte er schließen. Roi wusste, dass sein alter Lehrmeister genau das nicht tun würde.
„Denke an die Indianerkriege, die Sioux und ihren Marterpfahl“, meinte Atlan ganz ruhig auf Englisch.
Browne fuhr herum. „Wenn Sie nicht Interkosmo sprechen, dann werde ich auch Sie auf das Brett legen“, schrie er Atlan an. Der erwiderte seinen Blick völlig ruhig. „Tun Sie das. Ich bin gerne bereit, an die Stelle des Königs zu treten.“
Browne presste die Lippen fest aufeinander. Er wusste wohl genau, dass genau das der Akonenführer ihm nicht verzeihen würde. Atlan war als zweitmächtigster Mann des Solaren Imperiums nicht anstastbar – jedenfalls vorerst noch.
Roi hatte aber auch so verstanden. Die nordamerikanischen Indianer – berühmt für ihre Tapferkeit, ihre Todesverachtung und ihre schon sagenhafte Fähigkeit, Schmerzen ertragen zu können. Sie waren damals schon seit frühester Jugend darauf trainiert worden – auf bestimmte Bewältigungsstrategien, die sie die Schmerzen aushalten ließen. Atlan hatte damals auf Seiten der Indianer gekämpft, auch in der sagenhaften Schlacht am Little Big Horn – und Atlan hatte ihm, seinem Schüler, viele der indianischen Techniken beigebracht.
Der junge Freihändler wurde von zwei Medorobotern auf Antigravfeldern angehoben und auf die breite Liege gelegt, nachdem sie seinen Oberkörper entblößt hatten. Er spürte, wie ein Fesselfeld ihn an Armen und Beinen festhielt und zahlreiche Elektroden sich an seiner Haut festsetzten. Mikrofeine Sonden drangen in seinen Körper ein. Einige setzten sich auch am Kopf fest und drangen mit einem leichten Prickeln durch die Haut. Anscheinend suchten sie bestimmte Nervenknotenpunkte im Gehirn auf – die Rezeptoren, die sowohl die Körperfunktionen als auch die Emotionen steuerten. Roi nutzte die kurze Zeit, um sich innerlich zu wappnen. Er konzentrierte sich auf eine Autosuggestion, die er sowohl aus dem alten Wissen der Indianer als auch von seiner Dagor-Ausbildung kannte.
Browne beugte sich mit hämischem Grinsen über ihn.
„Damit Sie es sich vielleicht doch noch überlegen“, meinte er. Roi wich dem Blick nicht aus. Das ließ sein Stolz nicht zu.
Ein leichtes Kribbeln durchlief die besonders schmerzempfindlichen Punkte seines Körpers. Es war nur etwas unangenehm, mehr noch nicht. - Und er fühlte eine unangenehme Erwartungshaltung in sich hoch kriechen – schon fast ein Gefühl der Angst. So kannte er das nicht an sich. Ihm wurde sofort klar, dass die Elektroden die dafür zuständigen Punkte im Gehirn sondiert und sich dort angedockt hatten.
Dann tobte plötzlich ein grausamer Schmerz durch seinen Unterkiefer, durch seine Zähne. Er hatte das Gefühl, als würden die Zähne im Mund förmlich explodieren und gleichzeitig aus glühender Lava bestehen. Keuchend stieß er die Luft aus – und genauso plötzlich wie er begonnen hatte, war der Schmerz schon wieder vorbei.
Browne grinste schon wieder. „Wer sind Sie, Danton?“, fragte er ganz langsam.
Roi schwieg. Er spürte, wie der Schmerz in seinem Zahn sich wieder verstärkte, ganz langsam mit einem leichten Kribbeln begann und dann bis zu einer Intensität gesteigert wurde, die die eben empfundene sogar noch überstieg.
Er wandte die Methoden der Indianer an: ehe er schrie, verhöhnte er seinen Peiniger, beschimpfte ihn. So fanden die Schreie einen Kanal, der ihm seine Würde ließ.
Aber die Angst wurde gleichzeitig immer stärker. Da die Sonden seine Empfindungen direkt mechanisch im Gehirn stimulierten, schützte ihn auch seine Mentalstabilisierung nicht davor.
Die härtesten Männer haben schon wimmernd und schreiend auf diesem Brett gelegen, erinnerte er sich an die ihm bekannten Berichte der Abwehr. Aber ich will das nicht, nicht vor diesem Mann. Bea, bitte beeilt euch!
Der Gedanke an die Freundin gab ihm Kraft. Verbissen rief er die Erinnerung an das Bild zurück, das er vor einigen Minuten vor sich gesehen hatte: wie sie sich zusammen mit ihrem Einsatzkommando vorbereitete, wie sie ihr langes Haar flocht und hochsteckte. Dieses Bild versuchte er sich immer und immer wieder vorzustellen, er ließ es nicht aus seinen Gedanken. Es gab ihm Kraft, zusammen mit Atlans Blick, dessen Augen ihm ebenfalls Mut zusprachen.

**********

Beatrice blickte Dr. Waringer besorgt an. Der Wissenschaftler sog schon wieder an seiner inzwischen schon lange kalt gewordenen Pfeife und schüttelte stumm den Kopf. Roi antwortete immer noch nicht.
„Der Sender spricht aber an“, meinte Geoffry tonlos. „Wenn er nicht gerade bewusstlos ist, weiß er zumindest, dass es jede Minute losgeht.“
Sie nickte. Niemand spürte das in ihr brodelnde Chaos. Sie erinnerte sich an das, was sie während ihrer Ausbildung gelernt hatte. Du musst deine Leute motivieren. Egal wie schlecht es dir selbst geht, sie müssen immer den Eindruck haben, als ob du über den Dingen stehst. Wenn du das nicht schaffst, hast du den falschen Job.
Nein, den falschen Job hatte sie nicht, durfte sie gar nicht haben, denn jetzt verließen sich nicht nur Roi und Atlan auf sie, bei einem Fehlschlag konnte das erhebliche Probleme für das Solare Imperium bedeuten.
Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Ihr Vorausschauendes Ahnen sagte ihr, dass es richtig war. Sie konnte nicht genau sagen, warum – aber es war richtig.
Also informierte sie in einem kurzen Funkspruch Allan D. Mercant über ihre kosmische Position. Sofern kein Solares Schiff in der Nähe war – was in diesem Raumsektor mit wenig Schiffsverkehr nicht wahrscheinlich war – würde es einige Stunden dauern, bis Verstärkung von der Erde hier eintreffen konnte. In der Zeit war ihr Kommandounternehmen entweder längst erfolgreich beendet, oder sie Solare Flotte konnte das einsammeln, was von ihnen noch übrig war. Obwohl sie den Abwehrchef nicht über das Kommandounternehmen in Kenntnis setzte, hatte sie das Gefühl, dass dieser kluge Mann sie durchschaute. Sonst hätte er ihr sicherlich nicht „Viel Glück“ gewünscht …

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Geoffry Waringer nickte Bea zu. „Noch ein paar Minuten. Ich schlage vor, Sie gehen in den Transmitterraum. Es wird ernst, Beatrice.“
Sie schloss mit routinierten Bewegungen die Verschlüsse ihres Kampfanzuges und erteilte letzte Anordnungen.
Rasto Hims nickte nur. Er wirkte wie eine Holzpuppe. Jeder wusste, wie riskant der Einsatz war. - Und niemandem gefiel es, dass die Befehlshaberin der Freihändler in vorderster Front kämpfte. Aber niemand sagte mehr etwas, da jeder wusste, dass es aussichtslos war, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.
Bea war sich sicher, ihren Freund und Atlan zu befreien – aber genauso sicher war sie sich, dass er wieder einmal nicht ohne diverse Verletzungen zurückkommen würde. Sie hatte ihn schon so oft verletzt gesehen, trotzdem würde sie sich wohl nie daran gewöhnen. Jedes Mal hatte sie Angst um ihn – und jedes Mal fragte sie sich, warum es ihn immer wieder so schlimm erwischen musste – und fand keine Antwort.
Es ist sein Schicksal, Beatrice. Er kann ihm nicht ausweichen. Eine dröhnende Stimme klang in seinem Kopf auf. Vorsichtig sah sie sich in der Zentrale um. Niemand reagierte auffällig, nur sie hörte diese Stimme.
Du ahnst, wer ich bin?, fragte die Stimme.
ES? Die Stimme verunsicherte sie, zumal sie von Roi gehört hatte, dass die Superintelligenz ES seine Kontakte meistens mit dröhnendem Gelächter begleitete.
Dazu ist die Situation nicht angemessen. Ich lache gerne, aber nicht, wenn einer meiner Freunde leiden muss, ohne dass ich es verhindern darf. Dein Freund Michael ist genauso mein Freund wie sein Vater, mein alter Freund. Glaube mir, ich schätze Michael sehr – und wenn ich dürfte, würde ich ihm das ersparen, was ihm bevorsteht, nicht nur jetzt, sondern auch noch viel später.
Bea begehrte auf. Ein Wort störte sie. Wieso darfst du nicht? Wer kann dir etwas befehlen? Du bist doch die Superintelligenz, die immer über die Menschheit gewacht hat – so lehrt man es jedenfalls in den Schulen im Imperium.
Das stimmt. ES blieb ernst. Aber dieses Mal darf ich es tatsächlich nicht. Es gibt die Hohen Kosmischen Mächte, denen auch ich Gehorsam schulde. Ihr wisst noch nicht, wer das ist – aber eines Tages werdet ihr auch das erfahren – noch ist die Zeit nicht reif.
ES machte eine Pause. Bea sprang auf ein Laufband, das zum Transmitterraum führte.
Das, was im Moment mit euch geschieht, ist eine Prüfung, in die ich nicht eingreifen darf. Sie wird dir grausam erscheinen, aber die Hohen Mächte müssen wissen, ob Michael in der Lage ist, sein Schicksal anzunehmen. Ich werde ihm so weit helfen, sie zu bestehen, wie es mir erlaubt ist … und dann, wenn alles beendet ist, darf ich Michael sogar die Wahl lassen, ob er bereit ist, sein Schicksal anzunehmen …
Die Stimme wurde immer leiser. Die Worte von ES hatten bei Bea Unverständnis ausgelöst.
Ihr werdet es bald verstehen, meldete ES sich noch einmal. Denke jetzt nicht darüber nach. Du brauchst deine klaren Gedanken. Es ist nicht mehr viel Zeit.
Bea war verwundert. Eigentlich wäre der Inhalt des Gespräches dazu geeignet gewesen, sie zu demotivieren, aber es hatte ihr im stattdessen sogar Kraft gegeben.
Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Oro Masut ihr auf dem Laufband gefolgt war. Zusammen sprangen sie vor dem Transmitterraum ab.
Das Einsatzkommando war komplett versammelt und einsatzbereit. Die Falthelme hingen noch als Kapuzen über die Schultern. Sie würden sie erst schließen, sobald es losging. Deshalb erkannte man noch die Frauen unter ihnen. Diejenigen unter ihnen, die genau wie Bea lange Haare hatten, hatten diese in straffe Zöpfe geflochten oder zusammengedreht und eng am Kopf befestigt, damit sie sie im Kampf nicht behinderten. Sobald die Helme geschlossen waren, sah man in den schwer gepanzerten Anzügen keine unterschiedlichen weiblichen oder männlichen Körpermerkmale mehr.

**********

11

Roi hatte es zwei Mal geschafft, sich in eine Ohnmacht zu flüchten, ehe die wahnsinnigen Schmerzen, die nun in seinem gesamten Körper tobten, ihn doch noch dazu brachten, etwas zu verraten. Schlimmer als die Schmerzen empfand er das alles beherrschende Angstgefühl, das ihn in ein Häufchen Elend zu verwandeln drohte.
Atlan hatte alles mit ansehen müssen, ohne eingreifen zu können, ohne es ihm irgendwie erleichtern zu können. Er bewunderte Roi, konnte sich gut vorstellen, welche Schmerzen er empfinden musste. Er hatte auch sehr deutlich gesehen, dass Roi mit einer Angst kämpfte, die ihn völlig zu beherrschen drohte. Am meisten belastete den Arkoniden, der schon sehr viele Menschen unter der Folter gesehen hatte und auch selbst oft genug während seiner zehntausendjährigen Verbannung auf der Erde Folterungen erdulden musste, dass es ausgerechnet der junge Mann war, für den er wie für einen Sohn empfand.
Du kannst nichts für ihn tun, bestätigte sein Extrasinn. Du kannst nur hoffen, dass das Einsatzkommando der Freihändler langsam mal auftaucht. Michael wird nicht mehr lange durchhalten können. Dann wird er sich umbringen – oder reden. Auch wenn die Freihändler rechtzeitig auftauchen, kannst du jetzt schon mit schweren psychischen Schäden bei ihm rechnen. Die Schmerzen sind nicht das Problem, sondern das Angstgefühl. Hoffentlich entwickelt er kein Trauma fürs Leben.
Manchmal bist du unmöglich, beschwerte sich Atlan bei seinem zweiten Ich. So genau wollte ich es gar nicht wissen.
Dafür bin ich aber da, Herr Admiral.
Der Ara wandte sich an Atlan, nachdem Thomas Browne den Raum verlassen hatte, um sich weitere Anweisungen von Kers von Hayn zu holen. Anscheinend hatte er Angst vor dem Akonen-Befehlshaber und wollte sich absichern.
„Ich bin nicht Ihr Feind, Euer Erhabenheit. Was hier geschieht, verstößt gegen meine Ehre als Arzt.“
Atlan lachte zynisch. „Ehre als Arzt? Die haben Sie doch schon verloren, als Sie sich der Condos Vasac anschlossen.“
„Ich habe meine Gründe dafür, genau wie Sie Ihre Gründe haben, auf der Seite der Terraner zu kämpfen. Aber ich bin kein Folterknecht. Deshalb sage ich Ihnen: König Danton wird das nicht mehr lange aushalten können. Bis jetzt habe ich seinen Kreislauf immer noch wieder stabilisieren können, aber beim nächsten Mal bin ich mir nicht mehr so sicher.“
„Dann geben Sie ihm etwas, das ihm hilft.“
Der Ara senkte den Blick, vermied es, Atlan anzusehen. „Das darf ich nicht, Euer Erhabenheit.“
Er hat Angst, gab der Extrasinn durch.
Atlan nickte unwillkürlich. Der Ara meinte nur. „Die ARK SUMMIA. Der Extrasinn wird Ihnen hier nicht viel helfen können.“
Er nahm eine Schaltung an der Konsole vor. Atlan spürte plötzlich, wie er sich wieder bewegen konnte.
Der Ara machte eine deutliche Geste in Richtung auf die Kampfroboter. „Eine Flucht ist aussichtslos. Sobald Sie zur Tür gehen, werden die Roboter Sie paralysieren.“
Er wandte sich um, zögerte am Schott noch einen kleinen Moment: „Für mich und viele andere sind Sie immer noch der Imperator von Arkon.“
Ohne eine weitere Erklärung verließ er den Raum.
Atlan strich Roi, der immer noch bewusstlos war, leicht über die Stirn. Sie fühlte sich heiß an. Ein Blick auf den Überwachungsmonitor zeigte ihm, wie der junge Mann litt. Sein Körper kämpfte mit hohem Fieber: 40°C.
„Versuche, dich zu entspannen“, sagte Atlan leise zu ihm, als er begann, sich zu regen. Er hoffte, dass Roi noch klar denken konnte und das Fieber ihn nicht schon völlig umnebelte.
Vorsichtig wischte er ihm mit einem nassen Tuch über das Gesicht, das ein Medorobot ihm ohne Aufforderung reichte.
Roi erfasste seine Umgebung sofort. Tränen stiegen in seine Augen. „Ich habe Angst, Atlan, ganz gemeine, widerliche Angst. Und ich frage mich, ob das noch die künstlichen Emotionen sind oder ob ich wirklich Angst habe.“
„Egal“, antwortete der Arkonide und presste ihm das nasse Tuch auf die Augen. „Denke nicht daran. Wir wissen nicht, wie lange sie uns allein lassen.“
„Ich möchte hier nicht zum wimmernden Bündel werden, nicht vor diesen Leuten.“ Roi schien Atlan überhaupt nicht gehört zu haben. „Eher mache ich Schluss.“
„Soweit ist es noch lange nicht“, widersprach Atlan. „Vorher sind wir hier heraus. Du weißt doch: Beatrice lässt und nicht im Stich.“
„Ich weiß, Lehrmeister. Sonst würde ich verzweifeln. Wie lange kann ich das noch aushalten?“
„So lange wie es nötig ist“, machte Atlan ihm Mut. Erschreckt spürte er die glühende Haut auch an der nackten Schulter. Das Fieber schien zu einem sehr ernsten Problem zu werden.
„Gib ihm etwas zu trinken“, herrschte er den Medoroboter an. Der flößte Roi ganz langsam und vorsichtig klares Wasser ein.
„Danke“, brachte der hinterher nur hervor. Es schien ihn zu beleben.
Ehe er noch etwas sagen konnte, traten Browne und der Ara gemeinsam wieder in den Raum. Das hermetisch schließende Schott fiel hinter ihnen zu.
„Ich hoffe, Sie sind inzwischen zur Vernunft gekommen“, meinte Browne völlig emotionslos.
Weder Atlan noch Roi antworteten ihm.
„Wie Sie wollen“, meinte der ehemalige Beirat der Freihändler kalt.
Atlan spürte den harten Druck der Energiefesseln, die sich erneut um ihn legten, diesmal nicht an der Wand, sondern direkt neben Roi. So war er noch näher am Geschehen.
Von einer Sekunde zur anderen bäumte Roi sich unter den Energiefesseln auf. Seine Augen weiteten sich, Atlan sah das pure Entsetzen darin.
Die gehen mit den Angstempfindungen noch höher, warnte der Logiksektor. Hoffentlich bringt ihn das nicht um.

**********

„Fertig, Fürstin.“
Der Computerspezialist richtete sich mit grauem, eingefallenem Gesicht auf. „Sie können starten.“
Bea drehte sich zu ihren Leuten um. Ein letztes Nicken: „T-0 … jetzt!“
Rasto Hims meldete sich aus der Zentrale. „Bestätige. Anti-Ortungsschutz deaktiviert. Das dürfte die da drüben ein wenig ablenken, wenn sie uns plötzlich sehen. Viel Glück, Leute. Kommt mir nicht ohne Roi und Atlan zurück.“
„Das haben wir auch nicht vor.“
Die bereitstehenden Medoroboter injizierten ihnen das Gegenmittel gegen das Betäubungsgas. Sofort danach schlossen sie mit schnellen, routinierten Bewegungen ihre Helme. Obwohl sie in einer Sauerstoffatmosphäre ankommen würden, ging Bea auf Sicherheit.
Sie winkte und trat zusammen mit Doc Hamory und drei weiteren Einsatzspezialisten in das Abstrahlfeld. Sie würden den Anfang machen.
Bea fühlte kurz den Auflösungsschmerz, der sich bei der kurzen Entfernung mit dem Rematerialisierungsschmerz überlagerte. Als erstes sah sie einen Akonen, der erschreckt von seinem Bedienungspult aufsprang, als er sah, wie sich sein Transmitter ohne eigenes Zutun aktivierte und gleichzeitig fünf Fremde im roten Gefahrenkreis auftauchten.
Bea schoss ohne Nachdenken. Der Schuss aus ihrem schweren Paralysator lähmte den erstaunten Akonen. Doc Hamory schaltete den zweiten Mann genauso aus. Mehr Leute waren in der kleinen Zentrale nicht anwesend.
Direkt hinter ihnen kam die nächste Fünfer-Gruppe aus dem Transmitter. Sie fanden schon klare Verhältnisse vor. Eine Frau setzte sich hinter die Kontrollen und schaltete die Automatik aus.
„Das war Punkt eins“, verkündete sie gelassen. „Die Robotroutine ist ausgeschaltet, auch die Verbindung zur Hauptzentrale. Niemand außer uns kommt jetzt mehr durch diesen Transmitter.“
„Gut.“ Bea tippte in den Mini-Sender für Rois Mini-Funkgerät einen kurzen Morse-Code ein, der ihm signalisierte, dass sie im Schiff waren – wenn er ihn überhaupt wahrnehmen konnte. Ihr Gefühl drängte sie immer mehr zur Eile. Aber sie wusste, dass jetzt jeder überhastete Schritt ihnen eher schaden als nützen würde. Niemand durfte den klaren Überblick verlieren.
Ihr Gesicht verhärtete sich. „Roi antwortet nicht. Er scheint also im Moment nicht dazu in der Lage zu sein.“ Sie las einige Werte von ihrem Armbandchronometer ab. „Sein Peilsender ist zum Glück noch in Betrieb. Wenn wir direkt zu ihm vordringen können und keine Gegenwehr haben – womit ich allerdings nicht rechne – und nur die Laufbänder benutzen, brauchen wir von hier aus eine knappe Stunde, um zu ihm vorzudringen. - In dieser Stunde kann sehr viel passieren – Roi genauso wie uns“, schloss sie tonlos.
„Antigravschächte?“, fragte Hamory kurz.
„Nein, Doc. Ich gehe nicht das Risiko ein, dass man die noch von der Zentrale abschaltet. Ein Sturz aus einigen Metern Höhe bekommt niemandem gut, auch einem Arzt nicht.“ Sie lachte zynisch.
Doc Hamory sagte nichts mehr dazu, überprüfte nur noch einmal seinen Kombistrahler.
Inzwischen war das komplette Einsatzkommando eingetroffen.
Alle bliesen gleichzeitig die Ampullen mit dem Kampfgas ab. So hatten sie die Gewähr, dass es bei den 60 Minuten bis zum Wirkungseintritt keine Abweichungen gab.
Bea nickte ihren Leuten zu. Sie teilten sich nach ihrem Einsatzplan auf.
Die erste Feindberührung hatten Bea und Doc Hamory in Begleitung von zwei Kampfrobotern und dem Medoroboter, auf dem der Chefarzt bestanden hatte, schon nach zehn Minuten. Dank der Roboter konnten sie die Akonen schnell paralysieren, aber nicht mehr verhindern, dass Alarm ausgelöst und an die Zentrale gemeldet wurde.

**********

Kers von Hayn geriet völlig aus der Fassung, als sein Ortungschef ihm meldete, dass aus dem Nichts in kurzer Entfernung ein 850 Meter durchmessender Kugelraumer übergangslos aus der Schwäre des Raumes aufgetaucht war und sich in einen grünen HÜ-Schirm hüllte.
„Schiff identifizieren“, brüllte er.
Der fremde Raumer verhielt sich ruhig, kein Funkanruf, keine Kampfhandlung. Das beunruhigte den Akonen. Wieso hatten sie das Schiff bisher nicht bemerkt? War es Zufall oder war es ihnen schon seit Terra gefolgt? Aber wie das? Noch nicht einmal sie besaßen die erforderliche Technologie, um ein Schiff durch den Linearraum zu verfolgen.
Oder sollte es doch wahr sein? Kürzlich hatte er den Bericht eines Agenten vom Akonischen Energiekommando gelesen, in dem dieser davon berichtete, dass es einem Wissenschaftler gelungen sein sollte, einen sogenannten Halbraumspürer zu entwickeln, mit dem genau das möglich war – und dieser Wissenschaftler sollte nicht für das Solare Imperium arbeiten!
„Es ist die FRANCIS DRAKE, das Flaggschiff der Freihändler“, brüllte der Ortungschef durch den Interkom. „Eindeutig, Hochedler, kein Irrtum möglich.“
Von Hayn, der sonst für seine sprichwörtliche Ruhe bekannt war, verlor endgültig die Beherrschung. Ein Freihändler-Schiff mit einem HÜ-Schirm! Ein Ding der Unmöglichkeit. Die Projektoren für diesen Schirm waren streng geheim und nur die Solaren Flotteneinheiten und die USO verfügten darüber.
Er überlegte. Wie hieß doch gleich dieser Wissenschaftler? Sein Name stand auch in dem Bericht, aber er hatte ihm keine Bedeutung beigemessen. Jetzt fiel es ihm wieder ein: Dr. Geoffry Abel Waringer.
„Datenbankabfrage“, schrie er durch die Zentrale. „Alles, was wir über einen gewissen Dr. Geoffry Abel Waringer haben, so schnell es geht!“
Die Offiziere warfen sich erstaunte Blicke zu. So kannten sie ihren Kommandanten nicht! Er schien einer Information von ungeheurer Tragweite auf der Spur zu sein.
Der Informationsoffizier meldete sich: „Dr. Waringer ist Hyperphysiker, gilt im Solaren Imperium als eine Art Verrückter. Seine Theorien gelten als nicht umsetzbar in die Praxis.“
„Anscheinend hat er zumindest eine umsetzen können“, fuhr Von Hayn erregt dazwischen. „Weiter!“
Der Mann räusperte sich. „Dr. Waringer ist der Schwiegersohn des Großadministrators. Er soll gegen den Willen von Perry Rhodan dessen Tochter geheiratet haben.“
Der akonische Kommandant musste sich an seinem Kontursitz, hinter dem er stand, festhalten. Sein messerscharfer Verstand zeichnete ihm bereits eine Möglichkeit auf, mit der er niemals gerechnet hatte.
Wie kurze Schlaglichter durchzuckten ihn Gedankenfetzen: Dr. Waringer – Halbraumspürer – Schwiegersohn des Großadministrators – das Flaggschiff der Freihändler MIT einem HÜ-Schirm direkt neben ihnen – niemand wusste bisher in der gesamten Galaxis, wer Roi Danton war – und Michael Rhodan, der Sohn von Perry Rhodan, immer noch spurlos verschwunden, obwohl sein Vater ihn in der ganzen Galaxis hatte suchen lassen – die geheimnisvollen Kontakte von Roi Danton zum Solaren Imperium – sowie seine unerschöpflichen Geldmittel!
Er verzichtete darauf, Browne im Verhörraum zur Eile zu drängen. Der Terraner, den er im Prinzip verachtete und der für ihn nur Mittel zum Zweck war, wusste, dass er so schnell wie möglich Ergebnisse wollte und dass Roi Danton auf keinen Fall auf dem Folterbrett sterben durfte. Wenn er ihn jetzt drängte, würde er sich fragen, warum. Und der Akone war nicht bereit, seine Vermutung anderen offenzulegen. Erst musste sie eindeutig bestätigt sein – das konnte nur von Roi Danton selbst oder von Atlan kommen. Er ging jetzt davon aus, dass Atlan die Identität des Freihändlerkönigs kannte. Das war auch der Grund für sein Treffen mit ihm allein gewesen.
Auf die Idee, die Zentrale des Akonischen Energiekommandos auf Drorah anzurufen, kam er nicht. Diesen Triumph wollte er für sich allein haben. Sonst hätte er sicherlich bemerkt, dass seine Situation schon viel aussichtsloser war als er bisher dachte.
Ein nicht vorhersehbarer Zufall machte den Vorteil zunichte, den Beatrice den Akonen unbeabsichtigt in die Hand gegeben hatte. Weder die Solare Abwehr noch die USO hatte ermitteln können, dass der Geheimdienst der Akonen bereits von den Gerüchten über den Halbraumspürer und dessen Konstrukteur wussten. Hätte Bea das auch nur geahnt, hätte sie sich nicht zu dem Ablenkungsmanöver mit der FRANCIS DRAKE entschieden, weil sie damit eine deutliche Spur in Richtung Michael Rhodan legte – das, was sie unter allen Umständen verhindern wollte. Ihr Fehler war, dass sie sich völlig auf die Abwehrberichte verlassen hatte.
Die Alarmsirenen gellten nochmals durch die DRORAH XIII.

**********

Mit einem derben Fluch versuchte Edelmann Rasto Hims sein aus den Fugen geratenes seelisches Gleichgewicht wieder ins Lot zu bringen. Der Ortungsalarm schrillte durch die FRANCIS DRAKE und auf seinem großen Hauptbildschirm tauchte ein Ultraschlachtschiff im Schutz seines grün leuchtenden HÜ-Schirms auf.
„Flottenflaggschiff CREST IV“, meldete der Cheffunker. „Der Großadministrator möchte mit Fürstin Wood sprechen.“
Hims wurde blass. Er sah sich unter seine Offizieren um. Alle schienen die Luft anzuhalten.
Der Epsaler straffte sich und nahm unwillkürlich Haltung an, als er das ernste Gesicht Perry Rhodans sah.
„Ich möchte mit Fürstin Wood sprechen“, wiederholte dieser. „Sie befindet sich nach meinen Informationen an Bord Ihres Schiffes.“
„Sir, Fürstin Wood ist im Moment leider nicht abkömmlich. Ich bin Edelmann Rasto Hims, der Stellvertretende Kommandant des Freihändlerflaggschiffes FRANCIS DRAKE unter König Roi Danton.“
„Das dachte ich mir schon, Edelmann. Bei dieser Gelegenheit könnten Sie vielleicht so freundlich sein, mir zu verraten, wieso Sie HÜ-Projektoren an Bord haben. Sie und Ihr Kommandant müssen mit einer entsprechenden Anzeige und Verurteilung durch das Solare Imperium rechnen.“
Hims holte tief Luft, wollte schon aufbrausen und Perry Rhodan fragen, ob er denn jetzt keine anderen Sorgen hatte und eher an seinen besten Freund Atlan und seinen Sohn denken sollte. Gerade rechtzeitig fiel ihm ein, dass der Großadministrator nicht wusste, wer König Danton war.
Deshalb entschloss er sich dazu, keine Ausflüchte zu machen, sondern Perry Rhodan von dem Kommandounternehmen unter Führung der Sicherheitschefin zu berichten. Niemand hatte so schnell mit dem Auftauchen der CREST IV hier gerechnet. Dadurch war ihr schöner Plan, dem Solaren Imperium die befreiten Gefangenen und das eroberte Akonenschiff zu präsentieren, gescheitert.
„Im Moment können nur mentalstabilisierte Einsatzkräfte oder Mutanten an Bord gehen, Sir. Wir warten jede Minute auf die Meldung, dass Mr. Browne ausgeschaltet ist.“
Perry nickte überlegend. „Gibt es für uns eine Möglichkeit der Kommunikation mit der DRORAH XIII.?“
Hims schüttelte den Kopf. „Alle Funksprüche in beiden Richtungen werden über die DRAKE umgeleitet. Wir könnten Ihnen aber einen direkten Kanal über unsere Funkzentrale schalten. Ein Einsatzkommando von der CREST IV könnte zu uns an Bord kommen und über unseren Transmitter rüber gehen, es sei denn, Sie haben Teleporter an Bord.“
Perry lächelte leicht. „Sie scheinen an alles zu denken, Hims. Das wundert mich. Schließlich sind Sie Freihändler und kein Flottenoffizier.“
Hims verzog unwillig das Gesicht. „Auch wir Freihändler haben entsprechende Leute, Sir.“
Perry ging nicht auf die Bemerkung ein. „Ich melde mich, falls wir Ihre Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Bis dahin unternehmen Sie nichts, Hims.“
Der Epsaler knirschte mit den Zähnen. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, sich bevormunden zu lassen. Im Moment sah er aber keine andere Möglichkeit.
„Wir unterstellen uns Ihrem Befehl, bis König Danton oder Fürstin Wood andere Anordnungen erteilen, Sir“, brummte er widerwillig.
„Danke, Hims.“ Perry Rhodan beendete die Verbindung.
Hims sah sich um. Überall entdeckte er besorgte Gesichter. Er straffte sich. „Kommt, Leute, Roi und die Fürstin werden das schon wieder gerade rücken.“
„Hoffentlich“, unkte Oro Masut. Er lief in voller Kampfmontur wie ein gefangener Tiger in der Zentrale auf und ab.
„Garantiert“, beruhigte Hims ihn. „Wir kennen doch den Kommandanten, oder?“

**********

Perry Rhodan hatte in dem Augenblick seine sonst sprichwörtliche Beherrschung verloren, als er die FRANCIS DRAKE bei ihrem Austritt auf dem Linearraum im Schutz eines HÜ-Schirmes auf dem Bildschirm entdeckte.
Reginald Bull, Perrys ältester Freund aus den ersten Tagen der bemannten Raumfahrt, hatte ihn nur mühsam davon abbringen können, an einen Verrat der Freihändler zu denken. Deshalb war das Gespräch zwischen Perry und dem Freihändler relativ friedlich abgelaufen.
Bully überzeugte ihn davon, dass der Freihändlerkönig ihnen erklären würde, wieso die DRAKE HÜ-Projektoren an Bord hatte, sobald er und Atlan wieder frei waren. Im Moment diktierte die Lage, dass sie mit den Freihändlern zusammenarbeiteten. Nur sie hatten die Entführten finden können. Er war sich sicher, dass Beatrice Wood sehr gute Gründe dafür gehabt hatte, auf eigene Faust zu handeln.
„Der Dicke hat recht“, mischte sich dann auch noch der Mausbiber Gucky in die Unterhaltung ein. Er konnte sich wieder einmal nicht zurückhalten.
Vorsichtig streckte er seine telepathischen Fühler nach dem Akonenschiff aus. „Alles tot“, meldete er traurig. „Sie scheinen einen Anti-Esper-Schirm zu haben. Damit kommt auch ein Teleporter nicht an Bord.“
„Und wie sieht es damit drin aus?“, erkundigte sich Perry Rhodan bei ihm und John Marschall, dem Chef des Solaren Mutantenkorps.
„Kann ich im Moment noch nicht sagen, Sir. Es kann sein, dass der Schirm auch nach innen wirkt, so dass unsere Paragaben an Bord des Schiffes wirkungslos sind. Es kommt darauf an, wie er geschaltet ist.“
„Also müssen wir wohl oder übel doch auf die Hilfe der Freihändler zurückgreifen“, stellte Perry mit verzogenem Gesicht fest.
„Stellen Sie ein Kommando aus zehn Sonderoffizieren Ihres Korps zusammen“, ordnete er an. „Ergänzende Fähigkeiten. Sie und Gucky eingeschlossen. In zehn Minuten einsatzbereit im Transmitterraum. Sie gehen von hier aus an Bord der FRANCIS DRAKE. Falls Sie dort – so nebenbei – Transformkanonen sehen sollten, wünsche ich eine entsprechende Meldung? Ist das ganz klar?“
Gucky beäugte ihn mit seinen großen Augen kritisch. „Warum das, Boss? Die Händler helfen uns doch. Sie dafür kontrollieren? Finde ich nicht gut. Warum siehst du nicht einfach darüber hinweg, wenn sie uns helfen, den Arkonidenhäuptling zu befreien?“
„Weil ich das nicht darf, Kleiner. Auch ich muss mich an die Gesetze halten, dafür haben wir sie ja schließlich.“ Er streichelte sanft über das seidige Nackenfell des Pelzwesens.
Vorsichtig tastete Gucky nach dem Gedankeninhalt des Kommandanten der FRANCIS DRAKE – und was er dort gerade las, hätte ihn fast von den Füßen geworfen. Schnell richtete er sich telekinetisch wieder auf.
„Was ist denn los, Gartenzwerg?“, fragte Bully harmlos.
„Schon gut, Dicker“, antwortete Gucky. Er hatte sich schon wieder gefangen. Das erklärte vieles, wenn nicht sogar alles. Sein Freund Michael, den er hatte aufwachsen sehen, für den er Vertrauter und Freund gewesen war, dieser verrückte Ausreißer, er war der legendäre König der Freihändler. Nun verstand er alles, besonders warum seine Freundin Beatrice nicht gewartet hatte, bis die Verstärkung kam. Was mochten diese verdammten Akonen gerade im Moment mit seinem Mike anstellen? Klar, dass Beatrice ihn so schnell wie möglich dort drüben rausholen wollte. Die Wut staute sich in ihm auf. Wenn er wirklich böse wurde, wenn irgend jemand seinem Freund etwas antat …
„Ich nehme schon mal den kurzen Weg“, erklärte er. „John, wir treffen uns im Transmitterraum der FRANCIS DRAKE.“
Damit verschwand er in einer hellen Leuchterscheinung, ehe noch jemand etwas sagen konnte.
Perry schüttelte nur den Kopf, Bully hob hilflos die Schultern und John Marschall stellte über Interkom sein Kommando zusammen.
„Vielleicht sollten wir doch noch einmal über eine Mentalstabilisierung nachdenken“, meinte Perry zögernd. „Dann könnten wir jetzt mit an Bord des Akonenschiffes gehen.“
Bully schüttelte heftig den Kopf. „Vergiss es, Alter. Du kennst doch die Meinung der Ärzte. Solange der Eingriff noch so gefährlich ist, solltest zumindest du dich dem Risiko nicht unterziehen. Das Imperium braucht einen geistig gesunden Großadministrator.“
Perry verzog unwillig das Gesicht. „Mike hat es auch überstanden.“
Bully wurde sehr blass. „Aber er hat nie jemandem etwas darüber erzählt, was er bei und nach dem Eingriff erlebt und durchlitten hat. Aber eines weiß ich genau: Dein Sohn, der sonst nichts aus dem Weg geht, vor nichts Angst hat, bekommt das kalte Grausen, wenn er sich nur daran erinnert. Hast du ihn damals mal genau beobachtet, wenn die Rede auf den Eingriff kam? Also vergiss diesen Gedanken ganz schnell wieder.“
„Ich weiß nicht … Warum sollte ich es nicht schaffen, genau wie er ...“
Traurig dachte Perry an seinen verschwundenen Sohn. Wann würde er ihn wiedersehen? Wann würde Michael die Zeit für reif halten, wieder nach Hause zurückzukehren? Wann würde er der Meinung sein, das erreicht zu haben, was er sich vorgenommen hatte?

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