Aus dem Prolog der ERBEN VON ATLANTIS

Einleitung

Im Jahr 2015 flog die NASA-Sonde NEW HORIZONS an dem ehemaligen 9. Planeten des Sonnensystems, dem Pluto vorbei, ehe sie den Kurs für ihre weitere Reise erhielt. Soweit der tatsächliche Verlauf dieser bahnbrechenden Mission.
Der Rest ist Fiktion.
Im Zuge ihres weiteren Vordringens in den Kuipergürtel, den zweiten Asteroidengürtel außerhalb der Bahn des 8. Planeten Neptun übermittelte die Sonde sensationelle Bilder zur Erde, die auf einem Asteroiden Spuren einer Technik zeigten, die der menschlichen weit überlegen war. Infrarotkameras enthüllten außerdem Spuren von Leben.
Den Menschen aller Nationen blieb gar keine andere Wahl, als sich sehr schnell zu verständigen. Um die Erde zu schützen, mussten sie nachschauen, was die Sonde im Kuiper-Gürtel gefunden hatte.
In internationaler Zusammenarbeit wurde ein gewaltiges Projekt begonnen. Im Zeitraum von nur zehn Jahren rüsteten die Nationen gemeinsam eine gewaltige Flotte von Raumschiffen aus und schickten sie auf den Weg. Sie hatten alles mit, um dort draußen am Rande der Unendlichkeit eine riesige Raumstation im Weltraum zu errichten.
Die besten Wissenschaftler und Techniker der Erde stiegen auf den Schiffen ein. Zusätzlich ein starkes militärisches Begleit- und Schutzkommando. Die Expedition stand unter der Leitung des US-Astronauten Oberst Thomas Browne. Er erhielt von allen Staaten der Erde weitreichende Vollmachten. Von seiner Entscheidung konnte das Schicksal der Erde abhängen.
Der Start verlief problemlos unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit. Das Projekt lenkte die Aufmerksamkeit aller von anderen dringenden Problemen ab, die permanent den Weltfrieden bedrohten. Niemand dachte mehr an eifersüchtige Streitigkeiten untereinander, solange nicht geklärt war, was dort draußen vielleicht die Existenz der gesamten Menschheit bedrohte.
Die schwerfälligen Transportraumschiffe erreichten nur einen Bruchteil der Geschwindigkeit der schnellen Sonde. So dauerte der Flug fast fünfzig Jahre.
Die Besatzungsmitglieder verbrachten den größten Teil der fast fünfzigjährigen Reisedauer im biologischen Kälte-Tiefschlaf. Obwohl die Ärzte Bedenken hatten, weil das Verfahren noch nicht vollständig ausgereift war, überstanden alle den Flug gesund.
Direkt neben dem Asteroiden, der seine natürliche, weite Kreisbahn um die Sonne zog, errichteten sie eine künstliche Stadt, die ihnen alles, was sie zum Leben und Arbeiten brauchten, bot.
Inzwischen schrieb man auf der Erde das Jahr 2073. Allen Missionsteilnehmern war ein wenig unheimlich zumute, als sie ihre Ankunftsmeldung an Menschen richteten, die sie nicht mehr persönlich kannten. Alle, die sie auf die Reise geschickt hatten, waren inzwischen entweder tot oder schon lange im Ruhestand.
Trotzdem sorgte die gemeinsame Expedition immer noch für den Weltfrieden.
In direkter Nachbarschaft des Asteroiden errichteten die Menschen ihre riesige Raumstation. Dann begannen sie mit ihren Forschungsarbeiten. Infrarotaufnahmen zeigten deutlich, dass es Leben dort geben musste.
Mit größter Vorsicht drangen Wissenschaftler und erfahrene Raumsoldaten in den Asteroiden ein, um ein Wunder zu entdecken.
Eine komplette unterirdische Stadt, vollkommen verlassen, keinerlei organisches Leben zeigte sich, obwohl die IR-Kameras es wiederholt anzeigten. Aber eine frische Sauerstoffatmosphäre und eine künstliche Schwerkraft, die identisch derjenigen der Erde war. Also mussten dort verborgene Maschinen laufen, die dafür sorgten. Diese waren so gut abgeschirmt, dass kein menschliches Ortungsgerät sie anpeilen konnte.
Vor den Menschen lag ein technisches Wunder. Anlagen, gegen die ihre eigenen wie Kinderspielzeuge wirkten. Und die – das wurde sehr schnell deutlich – von Intelligenzen erbaut worden waren, die zumindest menschenähnlich sein mussten, denn alles, angefangen von den Sitzgelegenheiten bis hin zu Kontrollbildschirmen, Tischen usw. schien für einen durchschnittlich großen Menschen angepasst. Und es wirkte so neu, als ob es gerade eben aufgestellt worden war.
Mehrere Altersbestimmungen des Materials ließen die Wissenschaftler an ihrem klaren Verstand zweifeln. Demnach war die unterirdische Hinterlassenschaft mehr als zehntausend Erdenjahre alt.
Allen, den Wissenschaftlern voran, war bewusst, dass auch die strengsten Schutzmaßnahmen ihnen auf Dauer nichts nützen. Zu überlegen war die fremde Technik. Sollte das Erbe der Vergangenheit zum Leben erwachen und sich gegen die Menschen richten, waren nicht nur sie hier draußen verloren, sondern das gesamte Sonnensystem.
Mühsam versuchten sie, die fremdartige und doch in den Grundzügen seltsam vertraute Technik zu enträtseln.
Ein Atomphysiker prägte den Begriff der „menschlichen Zauberlehrlinge“: Man steht vor einer weit überlegenen Technik, die der menschliche Verstand nicht versteht und versucht, sie in Betrieb zu nehmen – indem man auf irgendwelche Knöpfe oder Schalttafeln drückt – und hofft, sich dabei nicht in den Weltraum zu sprengen.
Alles lag wie eine Art riesiges Geschenk vor den Menschen – nur von ihren Erbauern fehlte nach wie vor jede Spur. Das zehrte an den Nerven der Frauen und Männer. Es kam zu den ersten Fällen von Weltraum-Koller, gegen den die Ärzte machtlos waren.
Inzwischen hoffte man, irgendetwas zu finden, egal was, nur um die Nerven zu beruhigen.
 Man ging davon aus, dass es Speicheraufzeichnungen über die fremden Intelligenzen gab – aber solange man die fremde Technik nicht beherrschte, brachte man nichts über sie in Erfahrung.
Zahlreiche Unfälle forderten immer wieder Verletzte und auch Tote und das belastete die Nerven zusätzlich.
Innerhalb einiger Jahre wurden die unterirdischen Anlagen komplett vermessen und katalogisiert. Nur in einen Bereich kam man nicht hinein. Sämtliche Messungen hatten zweifelsfrei ergeben, dass sich dort noch weitere Räume und sogar Säle befinden mussten, aber egal, was die Zauberlehrlinge anstellten, alle Versuche scheiterten.
Gerade dieser Bereich erregte die Neugier der Menschen. Denn man hatte bisher kein einziges raumtüchtiges Fluggerät gefunden, egal welcher Größe. Nach der Lage in dem Asteroiden gingen die Forscher davon aus, dass sich dort auch Hangars mit Startanlagen befinden mussten – wenn es überhaupt welche auf dem künstlichen Himmelskörper gab.
Je länger die Erforschung dauerte und man nichts über die Erbauer erfuhr, desto unruhiger wurden erfahrene Leute. Der Begriff des Trojanischen Pferdes tauchte auf und machte sehr schnell die Runde.
Kaum war er im Umlauf, drückte allein die Bezeichnung auf die bisher zuversichtliche Stimmung. Warum sonst sollte man der Menschheit dieses „Geschenk“ direkt vor ihre Haustür gelegt haben?
Damit war auch die Bezeichnung für den Asteroiden geprägt: Er hieß von nun an Troja.

*

Alarm

Der hochgewachsene, dunkelhaarige Offizier zuckte zusammen, als die Alarmsirenen zu schrillen begannen.
„Nicht schon wieder“, fluchte er laut.
Je weiter sie in die unterirdische Stadt vordrangen, desto häufiger wurden diese Alarme, teilweise mehrfach an einem Arbeitstag.
Die Frauen und Männer an den Kontrollgeräten grinsten. Sie kannten ihren Kommandeur schon lange genug, um sein Verhalten befremdlich zu finden. Im Gegenteil. Sie wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten.
„Alarmstufe rot, ausgelöst vom wissenschaftlichen Team, Professor Heinemann“, gab die seelenlose Robotstimme des großen Robot-Steuergehirns der Kosmischen Stadt durch. „Alle Wissenschaftler und Schutztruppen auf Ebene 1 zurückziehen.“
Ebene 1 – das war die oberste Ebene der unterirdischen Stadt, diejenige direkt unter der Oberfläche. Zehn davon hatte man inzwischen katalogisiert. Auf der zehnten, unteren, lag die Verbotene Zone, wie man den nicht zugänglichen Bereich in typisch menschlichem Erfindungsreichtum schnell getauft hatte.
Auf der obersten Ebene, wo es bisher noch nie zu gefährlichen Zwischenfällen gekommen war, hatten sie ihr Basislager mit allen notwendigen Ausrüstungsgegenständen angelegt. Sogar eine kleine Klinik war hier eingerichtet worden.
„Ausführungsmeldung Kommandanten der einzelnen Gruppen direkt an Kommandeur“, schloss die überwachende Positronik.
Das war er, Oberst Thomas Browne, 45 Jahre alt, seit seinem 20. Lebensjahr bei der US Air-Force und anschließend zum Astronauten ausgebildet – ein Mann, der den Weltraum liebte und in ihm sein zweites Zuhause sah.
Und der Kommandeur dieser internationalen Expedition, ausgestattet mit unbegrenzten Vollmachten von den UN.
Mechanisch bestätigte er die Meldungen der einzelnen Truppführer. Der Abzug lief reibungslos und routiniert ab. Zu oft hatten sie es nicht nur geübt, sondern auch immer wieder in der Praxis durchgeführt.
Das alles hieß nichts Anderes, als dass man wieder einmal an einer unbekannten Stelle angelangt war, auf verschiedene Knöpfe drücken wollte und nicht wusste, was diese auslösten. Also brachte man die Menschen vorher in Sicherheit. Es gehörte inzwischen zur Routine.
Oberst Browne fühlte, wie seine Nackenhaare sich aufstellten – wie immer bei einem solchen Alarm. Fast wären ihm angreifende Superraumschiffe von wem auch immer lieber gewesen. Dann hätte er jedenfalls gewusst, was er zu bekämpfen hatte. Zeit seines Lebens hatte er zu den Soldaten gehört, die lieber einem tödlich gefährlichen Feind direkt gegenüberstanden und ihm in die Augen sahen, anstatt nicht zu wissen, was auf ihn zukam.
Als Letzter meldete sich der Leitende Atomphysiker, jener, der das Wort von den Zauberlehrlingen geprägt hatte.
Professor Manuel Heinemann, der beste Atomwissenschaftler der Erde, stammte aus Deutschland. Sein Gesicht, das auf dem großen Zentralebildschirm auftauchte, war leichenblass, schon fast grünlich. Die Augen flackerten, das bereits schlohweiße Haar des alten Wissenschaftlers hing ihm wirr in die Stirn.
Browne meinte, nackte Angst in seinen Augen zu erkennen.
„Sir …“, stammelte der Wissenschaftler, der sonst nie um Worte verlegen war.
„Ganz ruhig, Professor“, versuchte Browne ihn zu beschwichtigen. So abgebrüht er selbst auch war, der Anblick des Professors, der sonst kaum aus der Ruhe zu bringen war, ließ seinen Instinkt ansprechen. Den Instinkt für eine Gefahr, die sich näherte. Diese Vorahnung hatte ihm schon sehr oft das Leben gerettet.
Professor Heinemann holte tief Luft. Browne sah, wie er sich gewaltsam zusammennahm.
„Sir, im Vorraum zur Verbotenen Zone sind plötzlich Maschinen angelaufen. Und nicht nur das. Wir wurden direkt angesprochen, in Englisch!“
In der Zentrale war es totenstill. Alle blickten sich in die plötzlich angespannten Gesichter.
Einmal musste ja was passieren, sagte Browne sich. Er hatte schon lange damit gerechnet nach den unzähligen Alarmen und Räumungen der unterirdischen Stadt, denen nichts weiter folgte.
„In Englisch?“, wiederholte er, eigentlich nur, um Zeit zu gewinnen, damit ihm niemand das Erstaunen ansah.
Blitzschnell traf er seine Entscheidung.
„Wo sind Sie selbst, Professor?“
„Zusammen mit meinen Assistenten wie befohlen auf Ebene 1. Wir haben Filmaufzeichnungen gemacht.“
„Gut. Ich komme selbst zu Ihnen. Sie Sie bereit, mich noch einmal in die Höhle des Löwen zu begleiten? Das dort unten will ich mir selbst ansehen.“
Heinemanns Gesicht entspannte sich. „Natürlich komme ich mit. Was dachten Sie denn?“
„Genau das“, gab Browne trocken zurück. „Stellen Sie bitte ein wissenschaftliches Team zusammen. Alle Fachgebiete.“
„Auch Mediziner?“, fragte Heinemann. Die Ärzte und Biologen hatten bisher nichts zu tun gehabt.
Browne überlegte kurz. Später vermochte er nicht zu sagen, warum er sich so entschied.
„Ja. Mit voller Ausrüstung. Ende.“
Damit unterbrach er die Verbindung und drehte sich um. „Major Akanura?“, wandte er sich an die diensthabende Wachführerin in der Zentrale, eine Russin.
Die Frau lächelte lediglich. „Das Bereitschaftskommando wartet schon im Hangar C-3, Sir.“ Sie sprach ein hartes Englisch mit deutlich hörbarem Akzent, aber sehr gut verständlich.
„Danke, Major. Sie übernahmen ab sofort hier.“
„Ja, Sir.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ durch das Schott, das vor ihm zurückglitt, die Zentrale.
Zufrieden stellte er wieder einmal fest, dass er sich auf seine Leute verlassen konnte. Während er noch mit Professor Heinemann gesprochen hatte, war seine Vertreterin bereits aktiv geworden und hatte das Bereitschaftsteam alarmiert.
Im Hangar brauchte Oberst Browne nur noch in seinen Kampfanzug zu schlüpfen, den ein junger Leutnant des Schleusenpersonals ihm hinhielt.
Voll ausgerüstet sprang er in den schnellen Raumgleiter, erwiderte die Grüße des Frauen und Männer, die zum Einsatzkommando gehörten und ging nach vorne in die Pilotenkanzel.
Der Pilot grüßte ebenfalls. Die Fernsteuerung brachte den Jäger aus dem Hangar, draußen nahm der Pilot sofort Fahrt auf und hielt auf Troja zu.
Jeder Handgriff saß, kein zusätzliches Wort war erforderlich. Jahrelange Übung und Routine zahlte sich aus. Die Frauen und Männer, die ihn begleiteten, waren die absolute Elite der Menschheit. Wenn sie keinen Erfolg hatten, dann würde niemand ihn haben.

*

Rauswurf …

Als Oberst Thomas Browne in Begleitung seiner Leute den Bereitschaftsraum in Ebene 1 betrat, warteten das wissenschaftliche Team bereits.
Sein prüfender Blick wanderte über die Frauen und Männer. Deutlich sah er, dass alle Angst hatten, denn das, was scheinbar auf Ebene 10 passiert war, konnte gar kein anderes Gefühl auslösen. Aber dazu kam bei allen eine finstere Entschlossenheit, das, was ihnen da vor die Füße gefallen war, zu enträtseln.
„Menschliche Neugier ist immer stärker, was?“
Rundherum wurde seine Frage mit einem mehr oder weniger gezwungenen Lächeln beantwortet. Das beruhigte ihn. Scheinbar hatte man hier seine Nerven unter Kontrolle. Psychische Zusammenbrüche konnte er nicht gebrauchen.
„Rechnen Sie mit Gefahren, Sir?“, fragte Dr. Ellen Masters, die Leitende Ärztin des Forschungsteams.
 „Weil ich um Ihre Begleitung gebeten habe, Doc?“
Sie nickte lediglich.
„Ich weiß es nicht“, gab er offen zu. „Es ist mehr ein Gefühl. – Professor Heinemann, ich will zuerst die Aufzeichnung sehen, von der Sie sprachen.“
„Schon vorbereitet, Sir.“ Der alte Wissenschaftler deutete auf einen Bildschirm. Inzwischen hatten die Menschen hier im Eingangsbereich der unterirdischen Stadt eine eigene Zentrale mit irdischen Gerätschaften installiert.
Der Bildschirm erhellte sich. Der letzte Raum, in den sie bisher vordringen konnten, war zu sehen.
Zuerst sah er so aus, wie sie alle ihn kannten. Nichts regte sich, alles wirkte wie eine Geisterstadt, die auf ihr Erwachen wartete.
… Und dann erwachte sie auch. Plötzlich tauchten Hologramme mit unverständlichen Datenkolonnen überall auf, der gesamte Raum war regelrecht damit tapeziert. Maschinen sprangen an Ecken an, in denen man vorher überhaupt keine energetischen Aggregate vermutet hatte.
Browne kniff die Augen zusammen. Das alles war noch kein Grund, Alarmstufe rot auszulösen. Im Gegenteil. Darauf hatte man immerhin lange genug gewartet.
Er sah auf dem Bildschirm die Wissenschaftler, die heftig durcheinander diskutierten. Niemand von ihnen wirkte so panisch wie Professor Heinemann vorhin bei seinem Anruf. Dessen verriet, dass er immer noch unter Schock stand.
„Professor?“, fragte Browne vorsichtig. Er wollte dem Wissenschaftler nicht auf die Füße treten, zumal er wusste, dass Heinemann nicht zu den überängstlichen Naturen gehörte. In dem Fall hätte er es hier nicht so lange ausgehalten, Forschung hin oder Forschung her.
„Gleich wird es interessant, Sir“, erklärte der Atomphysiker.
Wie aus heiterem Himmel taumelten und stolperten die Mitglieder des Forschungsteams in Richtung der Raummitte. Ohne den geringsten sichtbaren Anlass.
Browne hörte ihre Kommentare: „Was soll das, warum schubsen Sie mich?“ – „Ich verliere das Gleichgewicht!“ – „Nein, ich bin nicht betrunken.“ – „Ich kann nichts dafür, ich werde geschoben.“ So ging es weiter.
Je länger es anhielt, desto bleicher wurden die Gesichter, desto ängstlicher die Kommentare, bis Professor Heinemann, sichtlich um seine Fassung ringend, den Kollegen sagte: „Wehren Sie sich bitte nicht. Hier ist eine Kraft am Werk, gegen die wir machtlos sind. Halten Sie sich bitte vor Augen, dass wir bisher niemals direkt angegriffen wurden. Alle Unfälle waren direkte oder indirekte Folgen unserer Experimente mit einer fremden Technik.“
Browne nickte unwillkürlich zustimmend. Die Reaktion des Wissenschaftlers war richtig gewesen. Der Erfolg zeigte sich auch sofort, indem Ruhe in die aufgestörte Gruppe kam.
Immer mehr wurden die Menschen zusammengedrängt und dann von der unsichtbaren Kraft nacheinander in Richtung des Ausgangs gedrängt. Einer nach dem anderen wurde wie mit Geisterhand durch das offene Eingangsschott geschoben, als letzter Heinemann, obwohl der trotz seiner eigenen Anweisung im letzten Moment noch versuchte, sich gegen die rätselhafte Kraft zu stemmen.
Hinter ihm schloss sich das Schott und der Raum, der bisher der letzte war, den sie betreten  konnten vor der Verbotenen Zone, war regelrecht versiegelt.
Browne sah, wie sie noch versuchten, einzelne Schaltungen wieder in Betrieb zu nehmen, aber sogar Knöpfe und Kontakte, die vorher zumindest in Form von akustischen oder visuellen Signalen reagiert hatten, waren wieder tot, wie am Anfang.
Und dann der echte Schock: Eine Stimme klang auf, eine menschliche, männliche Stimme! Sie schien überall her zu kommen und sagte einfach:
„Hier spricht der Kommandant der Station, die Sie Troja nennen. Im Moment ist es Ihnen nicht erlaubt, sich weiterhin hier aufzuhalten. Bitte ziehen Sie sich vorerst zurück. Wir beabsichtigen nicht, Sie zu schädigen.“ Mehr nicht.
Der Bildschirm erlosch und Heinemann erklärte beherrscht: „Dann habe ich Alarmstufe rot ausgelöst, Sir.“
Er blickte dem hochgewachsenen Offizier fest in die Augen.
„Das war Ihre Pflicht, Professor“, bestätigte Browne. „Ich habe lieber zehn Fehlalarme als einen zu spät ausgelösten und wieder Verletzte oder Tote. Machen Sie sich keine Gedanken darum. – Sie sind alle fertig?“
Seine Frage galt den Wissenschaftlern, die von ihm mitgebrachten Soldaten warteten einsatzbereit auf seine Befehle.
Rundherum bestätigten die Fachwissenschaftler.
Browne sah sich kurz um. Der Trupp bestand nunmehr mit der Medizinerin, die immer noch nicht verstand, warum sie angefordert worden war, aber auch ihre Neugier auf das Kommende nicht verbarg, aus acht Wissenschaftlern und zusammen mit ihm, dem Kommandeur, aus zwanzig schwer bewaffneten Raumlandesoldaten, die es mit jedem irdischen Gegner aufnehmen konnten.
Ein Gedanke durchzuckte Browne: Und was ist, wenn das Erbe aus der Vergangenheit nun wirklich zum Leben erwacht oder seine Erbauer zurückkehren?
Es war sein geschulter Instinkt, der ihn daran denken ließ. Genau der, der ihm auch geraten hatte, die Ärztin mitzunehmen. Irgendetwas war hier faul, sogar oberfaul. Wie, das würden sie herausfinden. Dazu war er finster entschlossen.
„Okay“, sagte er mit fester, befehlsgewohnter Stimme. „Darüber zu diskutieren, warum wird dort unten rausgeworfen wurden, ist jetzt müßig. Deshalb gehen wir hin und sehen nach. Ich weise Sie darauf hin, dass Sie jetzt noch die Chance haben, auf Ihre Teilnahme zu verzichten. Das gilt sowohl für die Wissenschaftler als auch für die Soldaten. Wenn wir unterwegs sind, geht das nicht mehr. Ich kann niemanden zurücklassen.
Bitte prüfen Sie sich selbst noch einmal, ob Sie sich die nötige Nervenstärke für außergewöhnliche und Ihnen fantastisch anmutende Ereignisse zutrauen. Ich möchte niemanden dabeihaben, der dem Druck ^nicht standhält. Sie haben zehn Minuten für die endgültige Entscheidung. Danke.“
Er drehte sich um und wandte sich an die Ärztin. „Sie haben alles dabei, was Sie brauchen könnten, Doc?“
Ein wenig hilflos hob sie die Schultern. „Können Sie mir sagen, wofür, Sir? Um unsere eigenen Leute zu behandeln – ja. Um Aliens … ich weiß es nicht.“
„Außerirdische Intelligenzen“, verbesserte Browne ruhig. Er mochte den Begriff Aliens nicht. Da man bisher keinen Erstkonakt zu anderen Intelligenzen gehabt hatte, hatte der Begriff seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ein regelrechtes Eigenleben bekommen – und das, was viele Menschen damit meinten, war nicht gerade schmeichelhaft.
Jedenfalls war er entschlossen, jeder fremden Spezies, egal wie sie ihm entgegentreten würde, mit Anstand und Fairness zu begegnen.
Und er wurde das Gefühl nicht los, in kurzer Zeit einer außerirdischen Lebensform gegenüberzustehen.

*

Gespenster?

Niemand hatte auf die Teilnahme verzichtet.
Unter Beachtung schärfster Sicherheitsvorkehrungen drang der 28-köpfige Kommandotrupp in die Tiefen der unterirdischen Stadt vor, ohne jeglichen Zwischenfall.
Zweimal hatte Browne eine Rast eingelegt, weil die Wissenschaftler nicht das Training der handverlesenen Soldaten hatten und sie langsam an die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit gelangten.
Nun standen sie vor dem geschlossenen Raum, aus dem sie vor Stunden hinausgeworfen worden waren.
Auch hier war alles friedlich.
Browne bekam langsam gesträubte Nackenhaare. Irgendwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Er fühlte sich, als ob ihm und den Anderen gleich was auf den Fuß fallen würde. Alle seine Sinne waren aufs Höchste angespannt.
„Na, los, Professor“, wandte er sich an Heinemann. „Sie sind hier doch schon mal reingekommen.“
Zögernd betätigte der Physiker eine Reihe von Schaltern, die Browne überhaupt nichts sagten. Aber dafür waren – zumindest im Moment – die Spezialisten da.
Nichts geschah, nichts reagierte.
Ein helles Läuten ertönte aus dem Rucksack der Ärztin. Ellen Masters zuckte zusammen, jeder Blutstropfen wich aus ihrem Gesicht.
„Was ist das?“ Browne reagierte sofort.
„Der biologische Orter“, erklärte sie mit brüchiger Stimme. „Hier gibt es Leben.“
„Natürlich …“ Browne brach sofort wieder ab. Im Sekundenbruchteil wurde ihm klar, was die Aussage bedeutete.
Dr. Masters bestätigte auch schon seinen vagen Verdacht. „Nicht von uns, Sir. Alle Geräte sind so eingestellt, dass die Mitglieder unseres Trupps ignoriert werden. Das ist ganz anderes Leben.“
Sie hatte den Rucksack schon von den Schultern genommen und zog das kleine Gerät heraus. Es hatte die Form einer Scheibe mit einem Durchmesser von 10 cm und war nur 2 cm dick. Die Zeiten der riesigen Geräte war schon sehr lange vorbei.
Aufmerksam studierte sie die Anzeigen, dann nickte sie bestimmt.
„Ja, Sir. Leben, allerdings sehr wenig.“
„Wenig?“
„Ja“, antwortete sie unsicher. Das gab ihm zu denken. Die junge Ärztin war sonst sehr sicher in Dingen, die ihr Fachgebiet betrafen.
„So wenig, dass es kein normal großes Lebewesen in unserem Sinn sein kann.“
„Wie groß?“, fragte Browne genau nach.
„Vielleicht schädelgroß, mehr nicht.“
„Hmm, nicht sehr viel. Immerhin mehr, als wir bisher hatten. Also gibt es hier doch noch Leben.“
„Fragt sich nur, wie das überlebt hat und in welcher Form es lebt“, meinte die junge Frau sehr nachdenklich.
„Sind Sie sich ganz sicher?“, fragte Professor Heinemann. „Wissen Sie, was Sie damit andeuten?“
„Sehr genau, Professor. Irgendwer oder vielleicht sollten wir bei den schwachen Impulsen eher sagen, irgendwas, lebt hier – ob noch oder wieder – woher sollen wir das wissen.“
„Halten wir uns an die Tatsachen, die wir bisher haben“, unterbrach Browne. Sein Blick zu dem militärischen Einsatzkommando überzeugte ihn, dass seine Leute alles unter Beobachtung hatten. Hier würde niemand unbemerkt hineinkommen.
Heinemann probierte immer noch mit den Schaltern.
Nach einer guten halben Stunde, in der die Spannung stieg, die Nerven der Menschen bis zum Zerreißen gespannt waren, gab er resignierend auf.
„Die Zauberlehrlinge sind am Ende“, gab er mit matter Stimme zu. „Wir kommen da nicht wieder rein. Jemand hat uns sehr wirkungsvoll ausgesperrt. Fast kommt es mir vor, als ob hier unten Gespenster hausen.“
Als hätte er damit ein Stichwort gegeben, flimmerte die Luft mitten in dem Raum und es knisterte, wie es früher in Filmen war, wenn der oder die große Unbekannte endlich ihren Auftritt hatten.
Ein Auftritt – das war es auch!
Browne zog genau wie die anderen Soldaten blitzschnell den schweren Thermo-Karabiner aus dem Gürtelhalfter. Alle Waffen richteten sich auf die Leuchterscheinung.
„Zurück zum Eingang, klar zum sofortigen Abmarsch“, rief Browne den Wissenschaftlern, die alle unbewaffnet waren, zu.
Ohne ein Wort des Widerstandes befolgten alle eine Anweisung. Die Soldaten standen mit angeschlagenen Waffen im Raum verteilt und warteten, was aus dem Flimmern auftauchen würde.
Wer etwas Außergewöhnliches erwartet hatte, wurde enttäuscht. Ein Mensch erschien aus dem Leuchten, das sich sofort wieder verflüchtigte, nachdem die Gestalt sich stabilisiert hatte.
Ein großer, schlanker Mann, der sogar Oberst Browne noch um einen guten halben Kopf überragte.
Seine Haut war samtbraun, die dichten, schwarzen Haare trug er schulterlang. Sie wirkten sorgfältig gepflegt. Das Gesicht war bartlos, die Haltung aufrecht und zeugte von einem gewissen Stolz.
Der Mann trug eine blütenweiße Uniformkombination mit fremdartigen roten und grünen Symbolen auf dem Brusttteil und den Schultern.
Browne schätzte sein Alter auf ungefähr 30 Jahre.
Im Prinzip war er enttäuscht. Er hatte alles Mögliche erwartet, aber einen „ganz normalen Menschen“?
Seine Gedanken rasten. Das konnte kein „normaler Mensch“ sein. Wie sollte er hierhergekommen sein? Also gab es außerirdische Intelligenzen, die menschenähnlich waren, das stand für ihn schon einmal fest.
Dachte er! Der entsetzte Aufschrei von Ellen Masters ließ ihn herumfahren.
Sie hielt ihr Analysegerät in den zitternden Händen.
„Sir, das ist kein Mensch. Egal, was es ist, das … Ding … ist tot!“
Browne durchzuckte der Schreck. Damit hatte er nun überhaupt nicht gerechnet. Was war das, was dort vor ihnen stand? Das Wort des Professors vor dem Auftauchen dieses … Wesens brannte wie eine lodernde Flamme in seinen Gedanken: Gespenster!
Seine Routine half ihm, seinen Schrecken zu verbergen. Er war der Verantwortliche, auf ihn waren alle Mitglieder des Einsatzkommandos angewiesen, er trug die Verantwortung. Deshalb durfte gerade er die Nerven nicht verlieren, so geschockt er auch sein mochte.
„Professor“, sagte er ruhig. „Ich glaube so langsam wirklich, dass es hier Gespenster gibt.“
Der „tote“ Mann schüttelte lächelnd den Kopf und begann mit einer angenehmen, charismatischen Stimme zu sprechen.
„Nein, Oberst Browne. Ich bin kein Gespenst, auch wenn es Ihnen so vorkommen mag.“
Er sprach ein deutliches, akzentfreies Englisch, genau wie vorher die Stimme des Kommandanten.
Nur mit Mühe bewahrte Browne weiterhin seine Ruhe. Nun kam alles auf ihn an. Alle warteten auf seine Reaktion und seine Entscheidungen.
War das der Erstkontakt mit fremden Intelligenzen, auf den die Menschen schon seit einigen hundert Jahren warteten?
Es konnte nicht anders sein, auch wenn diese Intelligenzen es vorzogen, sich ihnen in dieser „toten“ Erscheinungsform zu präsentieren. Vielleicht war ihre normale Form so, dass sie sich verstellen mussten, um die Menschen nicht zu schockieren.
Der „Mann“ ließ ihnen Zeit, ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Er stand ruhig im Raum und wartete, dass man das Wort an ihn richtete.
Nur flüchtig dachte Browne daran, dass er der erste Mensch war, der Kontakt zu einer fremden Intelligenz hatte. Die Erfordernisse des Augenblicks ließen ihm keine Zeit für derartige Gedanken.
„Ich möchte mich vorstellen“, sagte er und blickte dem Mann direkt in die Augen. Wenn er nicht die Aussage der Ärztin gehabt hätte, wäre er nie auf die Idee gekommen, vor einer täuschend echten Nachbildung zu stehen.
„Obwohl Sie meinen Namen scheinbar bereits kennen. Ich bin Oberst Thomas Browne, oberster Befehlshaber der Terranischen Raumflotte, Sektion Kuiper-Gürtel. Darf ich Sie ebenfalls fragen, wer Sie sind?“
Der Mann lächelte freundlich. „Ja, wir kennen nicht nur Ihren Namen, sondern auch Ihren gesamten Planeten und Ihr Sonnensystem und noch viel mehr. Aber davon später. Ich bin ein Avatar des Kommandanten dieser Station. – Ehe Sie weiter fragen: der Kommandant ist kein lebendes Wesen in Ihrem Sinne, sondern das, was Sie als Künstliche Intelligenz bezeichnen. Sie dürfen mir einen Namen geben. Das erleichtert nach unseren Erfahrungen die Kommunikation mit Intelligenzen der unteren Entwicklungsstufen.“
Browne hörte von überall das unterdrückte Stöhnen seiner Leute. Er konnte es niemandem verübeln.
Intelligenzen der unteren Entwicklungsstufen … Im Moment kam er sich vor wie in einem Science Fiction-Film, der wieder einmal einen Erstkontakt zu total überlegenen fremden Intelligenzen thematisierte. Genauer: Er fühlte sich, als ob er im falschen Film war.
Da arbeiteten sie nun seit Jahren hier und versuchten, die Rätsel des ausgehöhlten Asteroiden zu ergründen – und dann stand irgendeine Erscheinung vor ihnen und gab ihnen zu verstehen, dass sie zu einer „unteren Entwicklungsstufe“ angehörten, was auch immer diese Wesen darunter verstehen mochten.
Und eine Künstliche Intelligenz? Also eine Weiterentwicklung der bei ihnen üblichen Positronengehirne. Zum Anfang des 21. Jahrhunderts hatte man versucht, die damals üblichen Computer weiterzuentwickeln, indem man ihnen in gewissem Maße Autarkie zugestand und ihnen erlaubte, sich selbst im Rahmen ihrer Grundprogrammierung weiterzuentwickeln.
Nach ersten vielversprechenden Anfangserfolgen hatte man sämtliche Arbeiten eingestellt. In einigen geheimen Forschungsprojekten hatte sich gezeigt, dass diese Künstlichen Intelligenzen zu mächtig wurden und zu eigenständig dachten und handelten. Kluge Wissenschaftler der Erde befürchteten eines Tages eine Revolte dieser KI’s und war die Beschäftigung damit unter Androhung der lebenslangen Zwangsarbeit verboten.
Also hatten diese Intelligenzen das realisiert, wovon die Menschen aus Vorsichtig Abstand genommen hatten.
„Ich gebe Ihnen den Namen Robinson“, erklärte er.
„Danke, Oberst“, sagte Robinson und nickte mit dem Kopf.
Er machte eine einladende Geste rundherum.
„Bitte haben Sie noch ein wenig Geduld. Meine Aufgabe ist es im Moment nur, Sie zu begrüßen. Sie waren ein wenig zu schnell.“
„Zu schnell, wofür?“
Robinson schüttelte in einer typisch menschlichen Geste den Kopf.
„Im Moment darf ich Ihre Fragen noch nicht beantworten. Aber ich versichere Ihnen, dass Sie alles erfahren werden. Es ist vorgesehen, Sie umfassend zu informieren.“
Das Schott, vor dem sie so verzweifelt gestanden und probiert hatten, schob sich wie durch Zauberhand zur Seite.
Zögernd, die Waffe immer noch in der Hand, schritt Browne als erster in den ihnen schon bekannten Raum hinein.
Bekannt?, durchzuckte es ihn.
Die Einrichtung des Raumes hatte sich komplett verändert. Die Wände waren noch die Gleichen, aber die Einrichtung war völlig anders. An den Seiten standen einige bequeme Sitzgruppen mit Sesseln und Tischen.
Gläser standen bereit, daneben schwebten bunte Würfel in der Luft.
Browne schluckte.
Robinson schien genau auf die Reaktion seiner menschlichen Gäste zu achten.
Kein Wunder, dachte Browne mit einem merkwürdigen Gefühl. Wenn das wirklich eine Künstliche Intelligenz ist, sind wir ihr hilflos ausgeliefert. Die bemerkt jede kleinste Handbewegung von uns.
„Die Würfel sind Serviceroboter. Sie servieren Ihnen Getränke nach Ihren Wünschen. Machen Sie bitte davon Gebrauch.“
Wieder lächelte Robinson typisch menschlich. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, die Getränke sind für Sie bekömmlich. Ihr Metabolismus unterscheidet sich nicht von unserem. Und wir wollen Sie auch nicht vergiften. Wenn wir Sie töten wollten, hätten wir das schon lange tun können.“
Browne nahm das Stichwort sofort auf und fragte: „Von unserem? Wer sind Sie oder wer sind Ihre Erbauer?“
Robinson lächelte wiederum. Wie es Browne schien, etwas „nachsichtig“. Wie ein Vater, der seinem ungeduldigen Sohn etwas erklärt, das der eigentlich schon längst alleine herausbekommen haben müsste.
„Meine Erbauer sind Menschen wie Sie. Genauer gesagt, Atlanter. Ich nehme an, dass Ihnen der Name Atlantis bekannt ist.“
„Nein! Unmöglich!“
Der Aufschrei kam von dem Historiker.
Browne hatte das Gefühl, als ob ihm das Blut in den Adern gefror. Mehr noch, als ob er selbst in diesem Augenblick mit seinem eigenen Schicksal konfrontiert wurde.

*

Atlantis – Geschichtsunterricht

Die Wissenschaftler und auch die Soldaten des Einsatzkommandos fassten sich schnell wieder. Da sie nach dem Verschwinden von Robinson ohnehin nichts Anderes tun konnten, als zu warten, nutzten sie die Zeit für fachliche Diskussionen.
Browne war froh darüber. Es lenkte die Leute von ihrer Angst ab. Nicht jedermann war so hart wie er und die Frauen und Männer seines Kommandos.
„Über Atlantis gab es besonders zum Anfang des 21. Jahrhunderts völlig absurde Spekulationen“, schloss der Historiker seinen kurzen Vortrag.
„Die verrückteste von allen war wohl die eines deutschen Pastors, der behauptete, Atlantis wäre identisch mit dem sagenhaften Rungholt, das einige hundert Jahre vor seiner Zeit bei einer Sturmflut in der deutschen Nordsee versunken war. Streng wissenschaftlich blieb es immer bei der vagen Definition von Platon. Der sprach von einem Land ‚jenseits der Säulen des Herakles‘, die identisch waren mit den Felsen von Gibraltar, der Meerenge zwischen Spanien und Nordafrika, die Einfahrt ins Mittelmeer vom Atlantik her. Dessen Bewohner sollten sehr mächtig gewesen sein.
Gefunden wurde Atlantis bis heute nie, auch nicht mit unseren modernsten Untersuchungsmethoden. Die am weitesten verbreitete These, dass die Azoren einst die höchsten Berggipfel des Kontinents waren, wurde weder bewiesen noch eindeutig widerlegt.“
Er hob hilflos die Schultern. „Als Historiker bin ich hier am Ende meiner Weisheit. Schließlich möchte ich mich nicht den wüsten Spekulationen früherer Jahrhunderte anschließen. Wenn ich nur an Serien wie z.B. ‚Stargate Atlantis‘ denke. Die Macher hatten natürlich ihre Erklärungen für den Mythos Atlantis. Aber wir Wissenschaftler müssen da wohl passen.“
„Danke, Doktor.“ Browne war froh über den ausführlichen Vortrag des Historikers. Er hatte mit seiner lebendigen Vortragsart alle gefesselt und von der aktuellen Situation ein wenig abgelenkt.
Inzwischen fragte er sich, ob die Erklärungen in diesen antiken Serien vielleicht doch nicht so ganz von der Hand zu weisen waren.
Wenn er sich das alles hier so ansah …
Inzwischen hatte er auch seine Stellvertreterin über die Situation vor Ort informiert. Sie wartete gemäß seiner Anweisungen ebenfalls ab.
Allerdings war Oberst Browne kein Mann, der ein unnötiges Risiko einging. Für die gesamte irdische Raumflotte im Kuiper-Gürtel galt bis auf Weiteres volle Gefechts- und Manöverbereitschaft.
Er kalkulierte jederzeit einen Angriff ein. Das derzeitige freundliche Auftreten der Künstlichen Intelligenz konnte reine Tarnung sein.
Wenn die Unbekannten, die sich Atlanter nannten, mit ihrer überlegenen Technik angriffen, sah es für die Menschen sehr schlecht aus.

*

Die Admiralin

In der hinteren Wand öffnete sich ein Schott, das sie bisher überhaupt noch nicht entdeckt hatten, so gut war es in der Wand verschwunden. Die wirkte völlig glatt und nicht der kleinste Haarriss oder ähnlich deuteten auf eine Öffnung hin.
Robinson trat wieder ein, in Begleitung einer wunderschönen Frau.
Oberst Thomas Browne schluckte. Er hatte das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Die Frau schlug ihn im ersten Sekundenbruchteil in ihren Bann.
Sie hatte genau wie Robinson die samtbraune Haut, ebenfalls schwarzes Haar, das sie in Zöpfe geflochten und um ihren Kopf herum als eine Art Nest zusammengesteckt hatte. Genauso verfuhren die Frauen der Erde mit ihren langen Haaren im Rahmen militärischer Einheiten. Es war einfach zweckmäßig.
Ihre Augen funkelten in einem irisierenden Grün mit leichten goldenen Einsprenkeln. Betont wurden sie durch ein geschicktes Make-Up, das sie riesengroß erscheinen ließ.
Fast so wie im alten Ägypten, durchfuhr es ihn.
Ihre weiße Uniform unterschied sich von Robinsons nur durch die anderen Symbole auf Brustteil und Schultern.
Mit geschmeidigen Bewegungen ging sie zu der Sitzgruppe.
Die Unbekannte strahlte ein so überwältigendes Charisma aus, wie er es noch nie bei einer Frau erlebt hatte. Sie zog ihn in ihren Bann, obwohl er versuchte, sich dagegen zu wehren.
Seine militärische Schulung half ihm über den ersten Schock hinweg.
Browne sprang auf und salutierte äußerst exakt – so, wie es bei der Begrüßung eines Staatsbesuchs üblich war und als ob er seine Paradeuniform trug und nicht den schweren Kampfanzug.
Ein kurzer Blick über die Schulter verriet ihm, dass alle genauso wie er fassungslos auf sie reagierten.
Was die Männer bei ihrem Anblick dachten, konnte er sich sehr gut vorstellen.
Und die einzige Frau des Kommandotrupps, Dr. Masters. Deutlich sah er, wie sie um ihre Fassung kämpfte.
Sofort sprach sein Instinkt an.
Sie ist schön, sogar wunderschön und hat eine Ausstrahlung, die ich gar nicht genau beschreiben könnte, dachte er, immer unruhiger werdenden. Niemand sah ihm das nach außen an. Sein Gesicht glich dem berühmten Pokerface. Aber wieso ist Doc Masters derart fassungslos?
Schlagartig erinnerte er sich an ihre Aussage: ein „kleines“ Leben, vielleicht faustgroß, schädelgroß im Umfang – aber vor ihnen stand eine ausgewachsene Frau!
Sein Verstand weigerte sich, den Faden weiterzudenken.
Er kam auch nicht mehr dazu. Die Unbekannte ergriff die Initiative. Sie hatte eine warme, volltönende Stimme und sprach genau wie Robinson ein völlig akzentfreies Englisch.
„Bitte bleiben Sie doch sitzen. Ich bin Admiralin Thetis und begrüße sie noch einmal in dieser Wachstation des Atlantischen Reiches.“
„Atlantisches Reich …?“ Browne fasste sich zuerst wieder. Der Vortrag des Historikers hallte noch in seinem Kopf nach.
„Aber …“ Er suchte nach der passenden Anredeform. Thetis half ihm aus der Verlegenheit.
„Ich schlage vor, Sie sagen einfach ‚Ma’am‘ zu mir, Oberst. So redet man im irdischen Militär doch die weiblichen Vorgesetzten an? Und da ich als Admiralin sozusagen Ihre militärische Vorgesetzte bin, erscheint mir das passend.“
Sie lächelte und setzte sich an den Tisch, von dem Browne gerade aufgesprungen war. Robinson blieb direkt hinter ihrem Stuhl stehen.
Sofort hatte Browne das Gefühl einer Art Leibwache für die Admiralin. Obwohl sie auf ihn wirkte, als ob sie keine nötig hätte.
„Natürlich nennt sich der Rang in meiner Sprache anders, aber bleiben wir bei den Ihnen gewohnten irdischen Bezeichnungen. Wir sprechen ja auch in Ihrer Sprache.“
Sie wirkte so total menschlich, dass ihm schwindelte. Schon fragte er sich, ob er das alles träumte und irgendwann in seinem Bett wieder aufwachen würde.
Er konnte keinen Blick von dieser ungewöhnlichen und faszinierenden Frau wenden, bis von Dr. Masters ein leicht erstickter Aufschrei kam. Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen auf ihre Diagnosescheibe.
Thetis ließ es geschehen. Fast kam es Browne vor, als ob sie einen Moment überlegte. Irgendwie störte es seinen Eindruck von ihr, weil es nicht zu ihr passte.
Thetis kam ihm unwahrscheinlich fremd und unnahbar vor und dann auch wieder völlig vertraut, als ob er sie schon sehr lange kannte und sie nach einer gefühlten Unendlichkeit wieder traf.
Blödsinn, rief er sich zur Ordnung.
Thetis durchbrach das Schweigen wieder.
„Oberst Browne, zuerst möchte ich mich entschuldigen für die vielen Verletzten und Toten, die Sie zu beklagen haben. Das lag niemals in meiner Absicht. Die Zeit war einfach zu lange, so dass es Versager auch bei unserer Technik gab. Normalerweise hätten alle Geräte sich automatisch abschalten müssen, sobald die Nutzer in Gefahr gerieten.“
Browne spürte die Blicke seiner Leute wie Messerstiche. Sie warteten auf seine Reaktion, seine Anweisungen, wie es weitergehen sollte.
„Nicht in Ihrer Absicht, Ma’am?“ Seine Stimme klang ruhig und klar. Er hatte seinen ersten Schock überwunden und die Tatsachen akzeptiert.
Die da lauteten:  Er und sein Kommando waren die ersten Menschen, die Kontakt zu einer außerirdischen Zivilisation bekamen, er war als höchster militärischer Befehlshaber der Repräsentant des Planeten Erde, da kein Regierungsvertreter anwesend war.
Auf ihn kam es an, wie dieser Kontakt ausging – gut oder schlecht.
Alles gut und schön – aber an dem Begriff „außerirdisch“ stolperte er.
„Haben Sie uns denn beobachtet, als wir in diese unterirdische Stadt vordrangen?“
„Natürlich“, lächelte sie. „Ich nicht persönlich, aber die Roboter und vor allen Dingen der Kommandant, dessen Avatar Sie den Namen Robinson gegeben habe. Nein, kleine Erklärungen bitte über den Namen. Ich kenne die irdische Geschichte besser als Sie und alle hier Anwesenden. Auch besser als Sie“, wandte sie sich direkt an den Historiker. „Lassen wir es vorerst dabei bewenden. Sie werden alles noch verstehen.“
Thetis winkte nun endlich mit einer Handbewegung zu Doc Masters hinüber, die in Thomas Browne gegen seinen Willen ein prickelndes Gefühl erweckte. Diese Frau zog ihn in den Bann, auch als Mann, er konnte sich einfach nicht dagegen wehren, in jeder Beziehung.
„Stellen Sie bitte Ihre Bemühungen ein, Dr. Masters.“
Thetis hatte sich entschieden. Sie gab sich überhaupt keine Mühe, den Menschen die ungeheuerliche Tatsache schonend beizubringen. Sie sagte einfach in klaren Worten, was Sache war.
„Ihre Auswertung ist von Anfang an richtig gewesen, Doktor. Sie sehen die Admiralin Thetis vor sich und doch wieder nicht. Mein Körper ist ein perfekter Roboter. So perfekt, wie Sie ihn ohne unsere Unterstützung frühestens in einigen hundert Jahren entwickeln könnten.
Organisch ist nur mein Gehirn, das den robotischen Körper steuert, indem seine Nervenbahnen direkt mit den mechanischen Steuerelementen verbunden sind. Von einer derartigen Operation träumen Ihre Wissenschaftler schon sehr lange. Glauben Sie mir, Ihre Medizin ist noch nicht soweit. Sogar für die atlantische Medizin gehört sie immer noch zu den sehr gefährlichen Eingriffen, die durchaus nicht immer zufriedenstellend verlaufen.“
Sie verzog unwillig und – wie es Browne schien – sogar ein wenig ängstlich das Gesicht.
Als ob sie sich an etwas erinnert, das ihr sehr viel abverlangt hat und vor dem sie auch hinterher immer noch Angst hat.
Immer mehr wunderte er sich über sich selbst. Diese Frau war für ihn eine Unbekannte und er konnte ihre Gefühlsregungen nicht nur wahrnehmen, sondern sogar analysieren.
Nun gut, seine Freunde bestätigten ihm bei aller äußerlichen Härte eine ausgeprägte Empathie – aber das hier ging ihm doch viel zu weit.
„Sicherlich werden Sie sich fragen, ob ich in dieser Form wirklich lebe“, fuhr Thetis fort. „Ich versichere Ihnen, dass ich sehr wohl lebe und die Gefühle einer Frau habe.“
Sie blickte Browne direkt an, suchte und fand seinen Blick und hielt ihn fest. Er hatte das Gefühl, als ob er ein einer Art tiefem Abgrund versank.
Ellen Masters wurde noch blasser, als sie ohnehin schon war.
Browne konnte sich vorstellen, woran sie dachte. Die Gefühle einer Frau in einem Robotkörper. Konnte das auf die Dauer überhaupt funktionieren?
Aber die Klärung dieser Frage hatte Zeit, zuerst musste er andere Informationen haben.
Der Befehlshaber vermied es, seine Leute anzusehen. Er wusste auch so, dass sie mit ihrer Fassung kämpften. Krampfhaftes Schlucken hörte er aus der Runde genauso wie leise Flüche und mühsam unterdrücktes Schluchzen.
Sie alle hatten schon viel in ihrem Leben gesehen und gerade die Wissenschaftler waren von ihrem Forschungsgeist beseelt, der sie teilweise unendliche Mühen auf sich nehmen ließ.
Aber das hier war schlichtweg unglaublich, zumal Thetis auf ihre Gefühle überhaupt keine Rücksicht nahm. Sie kam Browne trotz ihres freundlichen Lächelns eiskalt vor.
Gerade weil sie so menschlich aussah, hatte auch er daran zu knabbern.
Wieder mal zeigte sich, dass Menschen dazu neigen, ihre eigene Gefühlswelt und ihre eigenen Normen und Werte auf andere zu übertragen. Es konnte sein, dass die Zivilisation, aus der Thetis stammte, völlig anderes über Gefühle und Emotionen dachte.
„Ma’am, Sie wissen sehr gut über uns, d.h. die Menschen an sich und ihre Geschichte Bescheid. Und über uns hier im Speziellen. Woher nehmen Sie dieses Wissen und wer sind Sie?“
Die Frau, die nach außen wie ungefähr Mitte Dreißig wirkte, lächelte. Genau wie vorhin Robinson in dieser überheblich-duldsamen Art, als ob sie sagen wollte: „Und wie erkläre ich es meinem Kinde?“
„Können Sie überhaupt noch einen zweiten Schock ab?“, erkundigte sie sich und musterte die Menschen.
„Ich will sofort die Wahrheit wissen“, beharrte Browne auf seiner Frage.
„Wie Sie wollen, Oberst. Sie tragen die Verantwortung für Ihre Leute, nicht ich.“
Klare Worte. Darüber gab es nichts mehr zu diskutieren.
„Die Frage danach, wieso ich Sie und Ihre Leute so gut kenne, sollten Sie sich aufgrund meiner Äußerung eben schon selbst beantwortet haben, Oberst.“
Sie machte eine kleine Pause, um ihre Worte wirken zu lassen. Dann fuhr sie mit brutaler Offenheit fort:
„Wir stammen von einem Planeten im Zentrum dieser Galaxis, die Sie Milchstraße nennen. Ich kann Ihnen versichern, dass Ihre Vermutungen richtig sind. Es gibt intelligentes Leben im Weltraum – und teilweise sehr bösartiges intelligentes Leben. Aber das soll Sie jetzt noch nicht verunsichern. So weit sind wir noch lange nicht.“
Wieder dieses kalte, nachsichtig-überhebliche Lächeln. Browne hätte ihr dafür sehr gerne den Hals umgedreht oder sie in typisch männlich-verletzten Stolz übers Knie gelegt. Sie verletzte ihn, der immer so stolz auf sein Wissen und sein Können gewesen war, ungemein – und merkte er überhaupt nicht – oder wollte es nicht bemerken. Und genau das reizte ihn bis zur Weißglut.
„Denn, das ist der Vorteil der Menschen, wir Atlanter wachen seit einigen tausend Jahren über Ihren Planeten und Ihr Sonnensystem. Täten wir es nicht, wüssten Sie einerseits schon sehr lange, dass Sie nicht allein im Weltall sind, aber Sie wären auch schon genauso lange nur noch Sklaven.“
Browne schluckte. Thetis schien überhaupt keine Gefühle oder so etwas wie Taktgefühl zu besitzen.
„Wir nennen uns wirklich Atlanter, unsere Ursprungswelt heißt Atlantis und wir haben den Kontinent, den Sie in Ihren Sagen und Legenden so nennen, kolonisiert und nach unserer alten Heimat benannt. Der Name hielt sich über die Zeit. Wir sorgten auch dafür, dass die Erinnerung an diesen Kontinent, dessen Bewohner übermächtige Fähigkeiten hatten, immer lebendig blieb.“
„Sie leben also unerkannt unter den Menschen?“, warf Browne ein. Er musste einfach etwas sagen.
„Ja, Oberst. Nicht ständig und nicht immer alle von uns, aber es ist immer eine bestimmte Anzahl von Atlantern auf der Erde. Unerkannt unter den Menschen natürlich. Deshalb wirkt die Stadt auch auf Sie völlig ausgestorben, als ob die Erbauer spurlos verschwunden sind.“
Browne fing in seinem Kopf an, die Puzzleteilchen zu ordnen. Sie nahmen eine Form an, die ihm sofort wieder fantastisch vorkam, aber Thetis bestätigte sie, als ob sie seine Gedanken lesen könnte.
„Das alles lag in unserer Absicht und wir haben Sie gezielt hierher geleitet und probieren lassen. Über den Begriff der Zauberlehrlinge haben wir uns köstlich amüsiert, Professor Heinemann.“
Der alte Wissenschaftler kämpfte mühsam um seine Beherrschung. Browne kam es trotz ihrer Entschuldigung wie Hohn vor, gerade sie von Humor sprechen zu hören.
„Aber Sie haben alle Prüfungen bestanden und sind würdig, an unserer Seite weiterhin den Weg zu den Sternen zu beschreiten.“
In Brownes Gehirn schloss sich der letzte Kontakt. Er sagte aber nichts, sondern überließ es Thetis, die ganze, sowohl faszinierende wie auch bedrückende Wahrheit auszusprechen.
„Wir haben Ihnen Stück für Stück den Weg zu den Sternen gezeigt, nachdem Atlantis in den Fluten des Meeres versank. Ich kann Ihnen versichern, dass es keine Naturkatastrophe war. Wir konnten in allerletzter Minute den Angriff feindlicher und völlig artfremder Intelligenzen abwehren und die Menschen als Spezies überhaupt retten – auf Kosten sehr hoher eigener Verluste.“
Sie blickte wehmütig an den Menschen vorbei in eine Ferne, die nur sie sah.
„Der atlantische Kontinent war auch meine Heimat und die meiner Familie. Ich gehöre zu den Kolonisten, die auf Atlantis geboren wurden. Der Erdteil zerplatzte unter dem Strahlbeschuss eines Schlachtschiffes des Gegners. Ich war mit meinem Raumjäger in der Atmosphäre und sah ihn zerbrechen und anschließend in den Fluten versinken. Diesen Anblick werde ich niemals vergessen, egal wie alt ich noch werden sollte. Damals war ich gerade 28 Jahre alt. Danach war ich die erste von uns, die ihren Körper opferte und sich der lebensgefährlichen Operation unterzog.“
Die Eröffnung war nun doch für einige zu viel. Sie saßen mit zitternden Händen am Tisch, die Blicke gehetzt.
Aber Thetis war noch nicht fertig.
„Am Anfang des 21. Jahrhunderts waren wir kurz davor, uns aus dem System zurückzuziehen und in unsere alte Heimat zurückzukehren. Die Menschen verstanden einfach nichts mehr, waren von ihrem gegenseitigen Hass aufeinander erfüllt und standen kurz davor, in gegenseitigem Misstrauen ihre Erde zu zerstören. Unsere Wissenschaftler hatten einwandfrei errechnet, dass bei einem Kriegsausbruch genug Atomraketen starten würden, um den Planeten in Stücke zu reißen.
Es reichte uns endgültig. Wir hatten keine Lust mehr, auf die Menschen aufzupassen. Sie sollten ihr Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen. Deshalb schoben wir das Projekt NEW HORIZONS an und sorgten dafür, dass die Sonde entsprechende Bilder zur Erde funkte.
Die Menschen reagierten wunschgemäß und einigten sich, weil sie eine übermächtige Gefahr aus dem Weltraum befürchteten.“
Nun lächelte sie wieder. Wie es Browne schien, dieses Mal nicht überheblich, sondern wirklich warmherzig.
„Damit haben Sie Ihre Prüfung bestanden. Wenn nicht, würde die Erde jetzt wahrscheinlich schon nicht mehr existieren. Sie alle werden von uns eine entsprechende Unterrichtung erhalten. Danach müssen Sie entscheiden, was Sie tun.
Oberst Browne, Sie haben unbegrenzte Vollmachten. Nutzen Sie sie entsprechend, damit der Frieden auf Ihrer und meiner Heimatwelt bestehen bleibt. Sie sind die Erben von Atlantis! Vergessen Sie das niemals!“

*

To be continued …


Admiralin Thetis erzählt den Menschen eine fantastisch anmutende Geschichte – vom Untergang eines sagenhaften Kontinents bis hin zu den ersten Schritten der Menschheit in den Weltraum.
Und sie lüftet das große Geheimnis, das Oberst Thomas Browne mit sich herumträgt, ohne es zu wissen. Sein Schicksal ist noch fantastischer als ihr eigenes und beide sind in einer ganz besonderen Weise miteinander verbunden. 














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